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Full text of "Das Verhalten der Eigenwärme in Krankheiten"

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in 2011 with funding from 

Open Knowledge Commons and Harvard Medical School 



http://www.archive.org/details/dasverhaltendereOOwund 



Das Verhalten 



der 



Eigenwänne in Krankheiten 



Dr. C. A. Wunderlich, 

Professor der Klinik an der Universität Leipzig, K. Sachs. Geheimen Medicinalrath, 
Comthur und Bitter etc. 



Zweite vermehrte Auflage. 



IVIit 38 Holzsclinitter». und. 7 Tafeln. 



=^^^^ 



Leipzig 

Verlag von Otto Wigand. 
1870. 



• KM ^^ «w^C-'C^'^ 




üebersetzungsrecht vorbehalten. 



Vorwort. 



Einige Worte mögen mir gestattet werden, Torliegende 
Schrift einzuführen. 

Seit 16 Jahren habe ich dem Verhalten der Eigenwärme 
in Krankheiten meine ununterbrochene Aufmerksamkeit zu- 
gewendet. Bei allen Kranken meiner Klinik wird regel- 
mässig mindestens täglich 2mal, bei fieberhaften Affectionen 
täglich 4 — 8mal, nach Umständen noch häufiger, die Wärme 
gemessen. Ebenso habe ich bei zahlreichen Privatkranken 
die Anwendbarkeit dieser Untersuchungsweise erprobt. So 
habe ich allmälig ein Material von vielen Tausenden ther- 
mometrisch verfolgter Krankheitsfälle und von Millionen von 
Einzelmessungen gesammelt. Je mehr sich meine Beob- 
achtungen vervielfältigten , um so fester wurzelte sich meine 
Ueberzeugung von dem unvergleichlichen Werthe dieser 
Untersuchungsmethode für die genauere und sicherere Beur- 
theilung der Kranken. 

Nicht wenige Resultate aus diesen Beobachtungen sind 
theils von mir selbst, theils von meinen Assistenten und von 
Schülern meiner Klinik bereits veröffentlicht worden. 

Zu einer Zusammenfassung und ausführlicheren Dar- 
legung meiner Erfahrungen bin ich wiederholt und von vie- 
len Seiten aufgefordert worden. Ich habe mich endlich zu 
derselben entschlossen , obwohl ich im vollsten Maasse die 



IV 



Vorwort. 



Schwierigkeit der Aufgabe erkenne, aus der Masse der 
Einzelfälle, deren specielle Vorlegung bei ihrer ungemein 
grossen Zahl eine Unmöglichkeit war, wohlbegründete all- 
gemein gültige Sätze zu abstrahiren und das mannigfaltige 
Geschehen in einer übersichtlichen Weise zur Anschauung 
zu bringen. 

Wennschon die an die menschliche Eigenwärme sich 
anknüpfenden theoretischen Fragen nicht unerwähnt und 
unerörtert bleiben durften , so war es doch zunächst meine 
Absicht, ein Buch für die Praxis zu schreiben und die 
eminente Nützlichkeit der thermometrischen Beobachtung 
den Fachgenossen so eindringlich, als ich es vermochte, dar- 
zulegen. Die Kenntniss des Verhaltens der Eigenwärme des 
Kranken ist für den Arzt wichtig und unerlässlich : 

weil jede Erscheinung an einem kranken Körper wis- 
senswerth ist; 

weil die Eigenwärme mit einer Schärfe, wie wenige 
andere Phänomene, festgestellt werden kann ; 

weil sie weder simulirt noch dissimulirt werden kann ; 
weil aus einer Abweichung der Eigenwärme ohne Wei- 
teres auf das Vorhandensein einer Störung zu schliessen ist; 
weil eine gewisse Höhe der Eigenwärme das Vorhan- 
densein von Fieber anzeigt; 

weil die Höhe der Eigenwärme vielfach über den Grad 
und die Gefährlichkeit der Erkrankung entscheidet ; 

weil die thermometrische Beobachtung dazu dienen 
kann, die Gesetze des Verlaufs gewisser Krankheitsformen 
aufzudecken und kennen zu lernen ; 

weil nach Feststellung des gesetzmässigen Verlaufs ge- 
wisser Krankheitsformen die Thermometrie die Diagnose 
zu erleichtern, zu unterstützen und zu sichern vermag ; 

weil die thermometrische Untersuchung die Abweichun- 
gen vom regelmässigen Gang der Krankheiten am schnell- 
sten und sichersten anzeigt; 



Vorwort. y 

weil das Verhalten der Eigenwärme im Laufe der Krank- 
heiten Besserungen und Verschlimmerungen erkenntlich 
macht; 

weil die Thermometrie hierdurch den Erfqlg therapeu- 
tischer Vornahmen controliren kann ; 

weil sie auf schädliche Einflüsse, die im Verlauf der 
Krankheit den Kranken getroffen haben, aufmerksam zu 
machen vermag; 

weil sie den Uebergang von einem Stadium der Krank- 
heit in ein anderes und namentlich in den Abheilungs- 
prozess anzeigt; 

weil sie den Uebergang in die Genesung und deren 
Vollendung erkennen lässt; 

weil sie Störungen undUnvoUkommenheiten derRecon- 
valescenz aufdeckt; 

weil sie die Wendung zum tödtlichen Ausgang häufig 
offenbart ; 

weil sie die Unmöglichkeit der Fortsetzung des Lebens, 
also die absolut letale Prognose, oft mit grosser Bestimmt- 
heit ankündigt; 

weil sie einen sicheren Beweis des eingetretenen Todes 
abgiebt. 

Wenn es mir^gelingen wird , die Ueberzeugung von der 
Richtigkeit dieser Sätze weiter zu verbreiten und wenn ich 
den Fachgenossen einen brauchbaren Leitfaden für die 
Verwerthung der thermometrischen Befunde zu liefern im 
Stande gewesen bin, so ist der Zweck meiner Arbeit 
erreicht. 

Leipzig, März 1868. 

Dr. Wunderlich. 



Zur zweiten Auflage. 

Nach Kräften habe ich für die nothwendig gewordene 
zweite Auflage den Text revidirt, die aufgestellten Sätze mit 
den Einzelbeobachtungen nochmals sorgfältig verglichen, 
sodann aber eine nicht geringe Anzahl neuer, theils eigener 
theils fremder Wahrnehmungen hinzugefügt. Ich hoffe, 
dass hierdurch mein Buch nicht nur vermehrt, sondern auch 
verbessert worden ist und dass es auch in der neuen Auflage 
die freundliche Aufnahme finden werde, welche bis jetzt ihm 
zu Theil wurde. 

Leipzig, Februar 1870. 

W. 



Inhalt 



Seite 

Fondamentalsätze .......... 1 

Ausführung der Thatsachen nebst historischen und theoretischen 

Erörterungen 31 

I. Geschichte und Literatur der thermometrischen Kranken- 
beobachtung ........ 33 

n. Der praktische Werth und die Aufgaben der Kranken- 

thermometrie . . . . . . . . 58 

III. Die Technik der Therm ometrie zu ärztlichen Zwecken . 69 

IV. Die Temperatur des gesunden Menschen ... 89 
V. Die Ursachen der krankhaften Abweichungen der Eigen- 
wärme . . . . . . . . .122 

VI. Die topischen Abweichungen der Temperatur und die Ab- 
weichungen der Gesammttemperatur in Krankheiten . 155 

VII. Die' generellen Formen der mit Wärmeabweichung ver- 
bundenen Constitutionen en Vorgänge . . . .164 

VIII. Die Einzelmessung , ihre Bedeutung und Beurthdiung . 195 
IX. Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken . . 217 

X. Der Gang der Temperatur in fiebehraften Krankheiten . 231 
XI. Das Verhalten der Eigenwärme in den einzelnen Krank- 
heitsformen . . . . . . . . 274 

I. Abdominaltyphus ...... 278 

II. Exanthematischer Typhus . . , . 312 

III. Typhus recurrens . . . . . .318 

IV. Pocken 322 

V. Masern . . . . . . . . 326 

VI. Scarlatina 330 

VII. Rubeolae und Varicellen .... . 334 

Vm. Erysipelas . . " 335 

IX. Remittirende Fieber mit Phlyctenideneruption . 338 



VIII 



Inhalt. 



Seite 
X. Febricula ....... 339 

XI. Pyämie 344 

XII. Die catarrhalischen Affectionen der Schleimhäute 348 
XTII. Die croupösen und diphtheritischen Entzündun- 
gen der Schleimhäute ..... 350 

XIV. Pneumonie 351 

XV. Amygdalitis 368 

XVI. Parotitis 370 

XVII. Meningitis 371 

XVIII. Pleuritis, Endocarditis , Pericarditis u. Peritonitis 374 

XIX. Rheumatismus acutus ..... 376 

XX. Osteomyelitis 384 

XXI. Parenchymatöse Entzündungen der Nieren . 385 

XXII. Hepatitis 385 

XXIII. Lues 386 

XXIV. Rotzerkrankung 388 

XXV. Acute Miliartuberculose ■ 388 

XXVI. Acute Phthisis "389 

XXVII. Trichinose . . ... 391 

XXVIII. Malariakrankheiten .... 392 

XXIX. Cholera . 395 

XXX. Verletzungen des Cervicalmarks . . . 398 

XXXI. Neurosen .399 

XXXII. Chronische Störungen des Blutes, der Gewebe 

und der Secretionen . . . • . . 401 

XII. Der Einfluss der Abweichungen der Eigenwärme auf den 

Organismus . . . . . . . . 408 

Nachtrag . . . . . . . . . .416 

Reductionstabelle . . . . . . . . .418 

Erklärung der Tafeln . . . . . . . .421 



Pundamentalsätze. 




§•1. 

Zwei unumstössliche Fundamentalthatsachen 
sind es, welche die Feststellung der Eigen- 
wärme bei Kranken rechtfertigen, fordern, zur 
Pflicht machen und den Werth der thermometrischen Explo- 
ration begründen : ' 

Es ist die Thatsache, dass im gesunden Zustand der 
Mensch unter allen Umständen, in jedem Alter, unter allen 
Verhältnissen und Lagen , bei allen Einflüssen , so lange sie 
ihn nur nicht krank machen, eine nahezu gleich hohe 
Eigenwärme zeigt: die Thatsache der Beständig- 
keit der Eigenwärme des Gesunden; und zwei- 
tens die Thatsache, dass die Wärme beim kranken Men- 
schen häufig von der constanten Tem23eratur des Gesunden 
abweicht: die Thatsache der Veränderlichkeit 
der Eigenwärme bei Kranken. 



Die Eigenwärme des menschlichen Körpers in seinen 
Innern Theilen oder an völlig geschützten Stellen seiner Ober- 
fläche beträgt im Nor malz u standedurchschnittlich 
(je nach der verschiedenen Stelle der Messung) 37^ — 37,5^ 
(== 29,6 — 300 K^^^ ij2 ^QY wohlgeschlossenen Achselhöhle 
durchschnittlich 37^ (= 29,6^11.), im Rectum und in der 
Vagina wenig Zehntel mehr. 

1* 



Fundamentalsätze. 



§.3. 

Die Eigenwärme gesunder Individuen ist, 
wenn auch nicht absolut, doch nahezu unbeweglich. 
Zwar finden im Laufe jeden Tages spontane Schwankungen 
statt : sie tiberschreiten aber bei einem und demselben Indi- 
viduum selten die Breite eines halben Grades. Ungewöhn- 
liche Zustände , so lange sie noch keine Gesundheitsstörung 
darstellen, äussere Einflüsse, so lange sie die Gesundheit 
nicht alteriren , bedingen Ausschreitungen der Eigenwärme 
von etwas grösserem , aber immer noch unerheblichem Um- 
fang. Ein Steigen der Achselhöhlentemperatur über 37,5<^ 
(=300R.) und ein Sinken derselben unter 36,25o (=29oRO 
ist stets sehr verdächtig, mag es scheinbar spontan sich zei- 
gen oder durch Einwirkungen herbeigeführt sein; nur unter 
gewissen ganz besonderen Umständen kann eine wenig 
weiter gehende Abweichung noch für normal erachtet wer- 
den. Die Erhaltung der Normalwärme unter ver- 
schiedenen Einflüssen, d.h. die Unbeweglich- 
keit der Eigenwärme bei einem Individuum ist 
ein Beweis für seine gesunde Constitution. 

§•4. 

Nicht jeder ist gesund, welcher normale Temperatur 
zeigt ; aber jeder ist krank, dessen Temperatur 
nach auf- oder abwärts die G ranzen der Norm 
überschreitet. 

§.5. 

Auch die Eigenwärme der Kranken hat ihre 
bestimmte, unüber schreitbare G ranze. Die 
höchste überhaupt beim lebenden Menschen bis jetzt glaub- 
würdig beobachtete Temperatur betrug 44,75<^ (= 35, 8^ R.), 
während die Gränze nach unten weniger sicher festgestellt 



Fundamentalsätze. 5 

ist. Aber abgesehen von Fällen , welche durchaus exceptio- 
nell sind, bewegt sich auch in den schwersten 
Erkrankungen die Temperatur des lebenden 
Menschen nur zwischen 35« und 42,5^ (=28— 340R.); 
und ungemein selten ist es, dass sie 43^ (= 34,4^ R.) über- 
steigt und unter 33^ (= 26,4 R.) herabgeht. 

§.6. 

Die Abweichungen vom Normalver halten 
derEigenwärme sind sicherniemals ursachlos 
oder ohneBedeutung, weder in Betreff ihres Eintritts, 
noch nach ihrer Grösse, noch nach ihrem Verlauf, noch nach 
ihrem Aufhören. Für viele Abweichungen lassen sich bis 
jetzt schon strenge Gesetze nachweisen (patholo- 
gische Thermonomie); allein diese werden zuweilen 
unkenntlich, weil auch in Krankheiten und zwar noch weit 
mehr als im gesunden Zustand die Eigenwärme das Resul- 
tat mehrfältiger, verschiedener und zum Theil einander ent- 
gegenwirkender Factoren ist. Ausser den mehr oder weni- 
ger wesentlichen krankhaften Vorgängen im Körper an sich 
können auch zufällige Einwirkungen auf den Kranken 
und a^ebenumstände dessen Temperatur alteriren. 

§.7. 

Einflüsse, welche die Eigenwärme eines gesunden Men- 
schen in keiner Weise verändern , haben bei einem vorhan- 
denen krankhaften Körperzustande , mag bei demselben an 
sich die Eigenwärme beeinträchtigt sein oder nicht, eine oft 
sehr auffällige Ablenkungswirkung. Beweglichkeit 
der Eigenwärme nach äusseren Einflüssen ist 
daherZeichen von Störungim Körper. Die Wahr- 
nehmung von Temperaturschwankungen, welche die von den 
Gesunden eingehaltene Breite überschreiten , ist ein Mittel, 
bei durchschnittlich und gewöhnlich normalwarmen Men- 



Q Fundamentalsätze. 

sehen das Vorhandensein im Uebrigen noch latenter Stö- 
rungen zu erkennen oder zu bestätigen. 

§. 8. 

Die Temperaturabweichungen können sich auf ein- 
zelne Stellen des Körpers beschränken, wäh- 
rend die Gesammtwärme mehr oder weniger normal bleibt. 
Solche örtliche Abweichungen sind von geringer praktischer 
Bedeutung. Sie bestehen theils in sehr massiger, selten 
einen Grad überschreitender Erhöhung, theils in einer 
Erniedrigung der Temperatur einer mehr oder weniger 
beschränkten Stelle. Fast ohne Ausnahme sind mit diesen 
topischen Wärmeabweichungen weitere Erscheinungen ver- 
bunden, welche für die praktischen Zwecke ein sichereres 
und rascheres Urtheil begründen, als die local abnorme 
Temperatur. 

§.9. 

Die Temperatur des Gesammtkörpers (Blut- 
temperatur), wie sie an inneren oder an vollkommen geschUtz- 
ten oberflächlichen, aber nicht localafficirten Stellen durch 
das Thermometer angezeigt wird , ist der Ausdruck des 
Kesultats einer Summe von Vorgängen, welche 
einerseits eine Produktion von Wärme bewir- 
ken (chemische Processe, sogenannter Stoffwechsel), ande- 
rerseits die Abgabe von Wärme vermitteln (Ab- 
kühlung durch verschiedene Vorrichtungen, Umwandlung 
der Wärme in Bewegung). So vielfältig sich diese Vorgänge 
combiniren, in jedem Augenblick in ihren einzelnen Werthen 
wechseln und von den zahlreichsten Zufälligkeiten abhängig 
erscheinen, so erweist doch die Erfahrung, nicht nur dass 
das Endresultat (die Höhe der Eigenwärme) im gesunden 
Zustand sich gleichbleibt, sondern auch dass die Ab wei- 
chungen der Eigenwärmehöhe in Krankheiten, 



Fundaraentalsätze. 7 

wenn auch nicht der absolut sichere , doch ohne Zweifel der 
relativ sicherste Maassstab für das Verhalten 
des Gesammtor ganismus sind. Die Abweichungen 
der Eigenwärme fallen zusammen mit anderen functionellen 
und geweblichen Störungen des kranken Körpers ; aber keine 
von diesen lässt sich mit der Bestimmtheit feststellen 
und messen, wie die Temperatur; keine erweist sich so 
adäquat den Entwicklungen, Gefahren und Besserungen 
der Krankheit, als die Aenderungen der Temperatur; keine 
erhält sich in dem Grade unabhängig von unwesentlichen 
und untergeordneten Nebeneinflüssen, wie die Höhe der 
Eigenwärme; auch machen sich sehr häufig die Abwei- 
•chungen der letztern früher bemerklich, ehe die func- 
tionellen und geweblichen Störungen der Beobachtung zu- 
gänglich werden. 

§.10. 

Die Eigenwärme des Gesammtkörpers kann in Krank- 
heiten normal sein oder eine Erhöhung oder 
eine Verminderung zeigen, ü b e r d e m in u n g 1 e i - 
eher Weise über die verschiedenen Theile des 
Körpers verbreitet sein. 

Die Normaltemperatur ist nur als relatives 
deichen in Krankheiten anzusehen , kann gewisse Krauk- 
heitsformen ausschliessen , berechtigt aber niemals zu einer 
positiven diagnostischen Folgerung. 

Das Sinken der Temperatur unter die Norm 
findet sich dauernd nur bei wenigen Krankheitsformen, 
kommt aber vorübergehend unter manchen günstigen, wie 
ungünstigen Verhältnissen vor. 

Fast ebenso verhält es sich mit der ungleichen 
Vertheilung der Eigenwärme über den Körper; doch 
hat diese eine überwiegend ungünstige Bedeutung. 

Das wichtigste Material für diagnostische und progno- 



3 Fundamentalsätze. ' 

stische Schlüsse bietet die abnorme Erhöhtiiigder|| 
Eigenwärme dar. ' 

§. 11. 

Die abnormen Verhältnisse der Temperatur^ 
sofern sie nicht ganz momentan sind, pflegen mit gewissen 
allgemeinen Modalitäten des Befindens zusam- 
menzuhängen. 

Eine rasche Zunahme der Rumpftemperatur bei Kälte 
oder normaler Wärme der Hände , Ftisse , Nase , Stirne ist 
gemeiniglich verbunden mit starker Frostempfindung : F i e - 
berfrost. 

Eine mehr oder weniger anhaltende und nicht ganz un- 
beträchtliche, 38,5^ (==-- 30,8^ R.) erreichende oder überstei- 
gende Erhöhung der Eigenwärme pflegt mit den subjectiven 
Empfindungen der Hitze, der Mattigkeit, häufig des Durstes 
und Kopfschmerzes , sodann mit Vermehrung der Frequenz 
und Celerität des Pulses verbunden und bei etwas längerer 
Dauer von Abnahme des Körpergewichts gefolgt zu seini 
Fieberhitze. 

Eine beträchtliche Abnahme der Wärme der Extremi- 
täten und des Antlitzes oder der einzelnen freien Theile bei 
hoher oder bei zugleich sinkender Rumpftemperatur ist häu- 
fig verbunden mit Kleinheit des Pulses, Verfall der Gesichts- 
züge, Gefühl der Schwäche und Unlust, starken, namentlich 
Örtlichen, vorzugsweise auf die kühlen Hautstellen beschränk- 
ten Schweissen : Collaps. 

§. 12. 

Die Grösse der Temperaturabweichungen , ihre An- 
einanderreihung und ihr Wechsel imVerlaufdes. 
Krankseins ist — wenn auch häufig modificirt durch 
accidentelle Einflüsse — vielfach bestimmt durch die 
Art der Krankheit und zwar mit um so grösserer Sicher- 
heit, je typischer und entwickelter die Krankheitsprozesse 



Fundamentalsätze. 9 

sind. Vielen einzelnen Formen der Erkrankung ent- 
sprechen scharf fixirte Typen des Temperaturverhal- 
tens : es sind diess die auch aus andern Gründen als typisch 
erkannten Krankheitsformen. Im Gegensatze hiezu sind 
andere Krankheitsformen atypisch: das Temperaturver- 
halten entbehrt bei ihnen der Regelmässigkeit. Der Gegen- 
satz des typischen Verhaltens und der Typuslosigkeit ist 
jedoch nicht scharf und unvermittelt, so dass manche Affec- 
tionen so zu sagen auf der Gränze stehen, mehr oder 
weniger annähernd typisch sind. 

Sicher typische Krankheits formen, d. h. 
solche, bei welchen im Verlauf fast jedes Einzelfalls der 
characteristische Typus mehr oder weniger deutlich sich er- 
kennen lässt und ein gänzliches Abweichen von demselben 
mindestens ganz ungewöhnliche Umstände anzeigt, sind: 
der Abdominaltyphus, der exanthematische Typhus, die 
Febris recurrens, die Pocken, Masern und der Scharlach, 
die primäre croupöse und lobäre Pneumonie, die frischen 
Malariakrankheiten. 

Die Gruppe der nur annähernd oder nicht immer 
typischen Krankheitsformen, bei welchen zwar 
characteristische Typen noch mit Bestimmtheit sich nach- 
weisen lassen, aber freilich bereits eine gewisse Breite und 
Schlaffheit, auch wohl nur in einzelnen Theilen des Verlaufs 
eine grössere Regelmässigkeit zeigen, und bei welchen über- 
diess in häufigen Einzelfällen die grössten Abweichungen 
von dem Typus zu bemerken sind , lässt sich weniger 
genau begränzen ; doch können hieher gezählt werden : die 
Varicellen und die Röthein, die Febricula, die Pyämie und 
Septicohämie, das Gesichtserysipel , die acuten catarrhali- 
schen Entzündungen , die Tonsillarangine , die acuten poly- 
articulären Rheumatismen , die Osteomyelitis , die Convexi- 
tätsmeningitis, die Basilarmeningitis, die Cerebrospinal- 
meningitis, die epidemische Parotitis, die Pleuritis, die 



\0 Fundamentalsätze. 

acute Tuberculose, die tödtlich endenden Neurosen in ihren 
letzten Stadien, die Trichinose. 

Eine weitere G-ruppe bilden die Krankheitsformen, 
welche zwar nach anderen Beziehungen einen 
bestimmten Typus zeigen, aber gewöhnlich ohne 
Fieber verlaufen, bei welchen aber , wenn Fieber 
eintritt, dieses nicht selten eine gewisse Regel 
beobachtet; hierher gehört vornehmlich die Cholera, die 
acute Phosphorintoxication und acute allgemeine Verfettung, 
die syphilitische Lues. 

Auch bei den in der Regel atypisch verlaufenden 
Krankheitsformen kann sich zeitweise oder in einzelnen 
ausgezeichneten Fällen eine Annäherung an das Ver- 
halten typischer Krankheitsformen zeigen, so bei 
der Diphtherie , der Dysenterie , Pericarditis und Peritonitis, 
bei acuten und chronischen Vereiterungen, Phthisen. 

§. 13. 

Manche specielle Krankheitsformen zeigen nur einen 
einzelnen Typus des Temperaturverhaltens als Regel : mo- 
notypische Krankheitsformen; andere lassen, je nach der 
Intensität und besonderen sonstigen Verhältnissen , mehrere 
verschiedene Typen erkennen: pleo typische Krank- 
heitsformen. Die Thermometrie ist im Stande, besser 
und schärfer als irgend ein anderes Beobachtungsmittel den 
Typus der Krankheitsformen , falls sie einen solchen zeigen, 
aufzudecken und anschaulich zu machen , so wie den Pleo- 
typismus zu erkennen, zu bestätigen und genauer zu 
fixiren. 

Krankheiten mit ausgezeichnetem Pleotypismus und 
scharfer Ausprägung der einzelnen Typusformen sind : die 
Variolen , der abdominale Typhus , der Scharlach, die Pneu- 
monie, das Malariafieber. 

Ein noch weiter gespaltener Pleotypismus mit mehr 



Fundamentalsätze. H 

verwaschenen Formen zeigt sich bei den Erkrankungen , die 
überhaupt nur einen annähernd typischen Verlauf haben. 

§.14. 

Jede Krankheitsform, mögen ihre Typen auch noch so 
fixirt sein, kann in den einzelnen Fällen Abweichungen, 
Irregularitäten zeigen. Sie sind bedingt durch indivi- 
duelle dauernde oder temporäre Verhältnisse des Erkrank- 
ten, durch äussere zufällige oder therapeutische, bald günstig, 
bald schädlich wirkende Einflüsse , durch Hinzutreten neuer 
und complicirender Störungen. Diese Irregularitäten sind 
nicht unbeg ranzt, auch sie halten sich innerhalb mehr 
oder weniger bestimmter Breiten und Formen. Die Ther- 
mometrie ist im Stande , besser uiid schärfer als irgend ein 
anderes Beobachtungsmittel, diese Irregularitäten kenntlich 
zu machen, ihre Beurtheilung zu vermitteln und die Zurück- 
führung derselben auf bestimmte Ursachen zu leiten. Die 
Thermometrie vermag den Zeitpunkt anzugeben , besser und 
schärfer als irgend ein anderes Beobachtungsmittel , wo 
ein irregulär gewordener Krankheitsverlauf in den regel- 
mässigen, der Krankheitsform entsprechenden Gang wieder 
einlenkt. 

§.15. 

Die einmalige Beobachtung einer abnormen 
Temperatur höhe, wie gross oder gering die Abwei- 
chung von der Eigenwärme des Gesunden auch gefunden 
werden mag, giebt in einem Krankheitsfall für sich allein 
keinen Aufschi uss über die Art der Krankheit. 
Sie zeigt nur an: dass das Individuum überhaupt krank ist; 

bei einer entsprechenden Steigerung der Temperatur: 
dass es sich im Zustand des Fiebers befindet; 

bei sehr extremen Temperaturen : dass sein Leben in 
hohem Grade gefährdet ist. 



12 Fundamentalsätze. 

Man kann, was freilich nur als conventionell angesehen 
werden darf, den Einzeltemperaturen (in der Achselhöhle 
gemessen) folgende Bedeutung zuschreiben : 

A. Temperaturen welche tief unter der Norm sind, 
Collapstemperaturen (unter 36» = 28,8oR.): 

a) tiefer letaler algider Collaps unter33,50(=26,80R.); 

b) algider Collaps: 33,5 — 35« (= 26,8 — 28» R.). bei 
welchem noch die Möglichkeit der Erhaltung des Lebens, 
aber die grösste Gefahr besteht; 

c) massiger Collaps: 35— 36« (=28— 28,8oR.), an sich 
ohne Gefahr. 

B. Normale und annähernd normale Tem- 
peratur: 

a) subnormale Temperatur: 36 — 36,5^ (= 28,8 bis 
29,20 R.); 

b) gesichert normale Temperatur: 36,6— 37,4^ (=29,3 
bis 29,90 R.); 

c) subfebrile Temperatur : 37,5 — 38« (=30 — 30,4« R.). 

C. Febrile Temperaturen: 

a) leichte Fieberbewegung: 38 — 38,4« (= 30,4 bis 
30,70 R.); 

b) massiges Fieber: 38,5— 39o (=30,8— 31,2oR.) Mor- 
gens und bis 39,5o (= 31,6o R.) Abends; 

c) beträchtliches Fieber bis 39,5o (= 31,6oR.) Morgens 
und bis 40,5o (= 32,4o R.) Abends; 

d) hochfebrile Temperatur über 39,5o (=31,6oR.) Mor- 
gens und über 40,5o (= 32,4o R.) Abends. 

D. Temperaturen, welche in allen bis jetzt bekannten 
Krankheiten mit Ausnahme des Typhus recurrens mit höch- 
ster Wahrscheinlichkeit ein tödtliches Ende anzeigen: 42o 
(== 33,60 R.) und darüber: hyperpyretische Temperaturen. 



Fundamentalsätze. 2.3 

§.16. 

Bei Mitinbetrachtnahme anderer Verhält- 
nisse des Kranken kann jedoch schon durch die 
einmalige Beobachtung der Temperatur zuwei- 
len eine Erkrankung nach ihrer Art bestimmt 
oder auf Nichtvorhandensein sonst vermutheter 
Krankheits formen geschlossen werden. 

Bei Mitinbetrachtnahme der auf anderem 
Wege gewonnenen Diagnose der Krankheits- 
art kann zuweilen schon eine einmalige Feststel- 
lung der Temperatur über die Leichtigkeit oder, 
selbst wenn die Temperaturhöhe noch nicht an sich gefahr- 
bringend ist, über die Gefährlichkeit einer Erkrankung 
entscheiden. 

§. 17. 

Die Eigenwärme, wie sie schon im Normalzustande 
Schwankungen im Laufe von 24 Stunden zeigt, lässt 
solche auch in Krankheiten bemerken. Die Tage sf lue - 
tuationen der Eigenwärme der Kranken sind 
gewöhnlich beträchtlich grösser als die der Ge- 
sund en. Sie i3fl^gen Eegeln zu folgen, welche theils für 
die fieberhaften Krankheiten allgemein gültige sind, theils 
von Art, Stadium und Grad der Krankheit bestimmt werden 
und von deren Zunahme , Besserung oder Entscheidung 
abhängen. Oder aber der tägliche Temperaturgang zeigt 
Abweichungen von diesen Regeln und zwar können solche 
Abweichungen bedingt sein: von individuellen Verhältnissen 
des Kranken , von der Irregularität des Krankheitsverlaufes 
überhaupt, von eintretenden Complicationen und plötzlichen 
Verschlimmerungen, aber auch von Stuhlretention oder reich- 
licher Stuhlentleerung, von Entleerung einer überfüllten 
Elase, von spontanen oder künstlichen Blutverlusten , star- 



14 Fundameritalsätze. 

ken Schweissen, von Transporten und Körperanstrengung, 
von psychischen Erregungen oder von Schlaf, von Diätfeh- 
lern und thermischen Einflüssen, von Einwirkung von Medi- 
camenten oder anderen therapeutischen Vornahmen. 

§. 18. 

Die Tagesfluctuation ist entweder einfach ab- oder an- 
steigend; 

oder sie stellt, wie fast immer, eine Curve dar mit 
einer oder mehreren Erhebungen (Tagesex acer- 
bationen) und zwischenfallenden Niedergängen der 
Temperatur (Tagesremissionen). Die Weite des Ex- 
curses zwischen dem Tagesmaximum und Tagesminimum ist 
die Tagesdifferenz und Verläufe mit geringen Tages- 
differenzen sind continuirlich, solche mit grossen d i s - 
continuirlich, remittirend. Das Mittel zwischen 
Maximum und Minimum ist die Tagesdur chschnitts - 
temper atur: von ihrer Höhe hängt vorzugsweise die In- 
tensität des Fiebers ab. Typische Krankheitsformen haben 
meistens während der vollen Krankheitsausbildung eine 
bestimmte Breite der Durchschnittstemperatur, und ebenso 
Gränzen der Minima, unter welche die Temperatur während 
der vollen Krankheitsausbildung nicht oder nur ganz vor- 
übergehend sinkt, und der Maxima, über welche sie sich 
wenigstens vor der Agonie nicht erhebt. 

^ §. 19. 

Die fortlaufende, täglich mehrmals wiederholte 
Beobachtung des Ganges der Temperatur durch 
den Gesamratverlauf oder durch einen längeren Abschnitt 
emer Erkrankung liefert die wichtigstenMomente 
für die Beurtheilung eines Krankheitsfalles, 
sobald derselbe mit erheblichen Abweichungen von der Nor- 
maltemperatur des Gesunden verbunden ist. 



Fundamentalsätze. \^ 

Sie lehrt das Gesetzmässige im Verlauf fie- 
berhafter Krankheiten und liefert dadurch die wich- 
tigste Basis für die Beurtheilung der Einzelfälle. 

Sie kann oft für sich allein eine völlig sichere Dia- 
gnose der Art der Krankheit verbürgen. 

Sie ergänzt zum wenigsten das Material für die Dia- 
gnose in höchst werthvoUer Weise und liefert häufig das 
wichtigste oder selbst einzige Mittel zur Entscheidung 
zweifelhafter Diagnosen. 

Sie kann Perioden und Stadien in dem Krankheits- 
verlauf erkenntlich machen und den Uebergangspunkt 
von einem Stadium in das andere zeigen. 

Sie zeigt auf eine meist sichere Weise den Grad der 
Erkrankung und dessen Veränderungen, die Besse- 
rungen und Verschlimmerungen an. 

Sie weist die Irregularitäten des Verlaufs nach, 
welche theils von zufälligen Umständen abhängen, theils 
von Complicationen bedingt sind*, theils durch die therapeu- 
tischen Eingriffe bewirkt werden : sie ist dadurch das Crite- 
rium für die Degenerationen der Krankheit und die Controle 
für die Therapie. 

Sie zeigt den Zeitpunkt an, in welchem der 
Krankheitsprozesssich abschliesst und lässt oft 
aus der Art, wie diess geschieht, rückwärts auf die Art der 
Krankheit und auf die Reinheit oder Complicirtheit dersel- 
ben, vorwärts aber auf die Sicherheit oder Unvollkommen- 
heit der Herstellung schliessen. 

Sie kann für sich allein oder in Verbindung mit andern 
Symptomen das Herannahen des t ö d 1 1 i c h e n Ausgangs an- 
zeigen. 

Sie lässt die Ungetrübtheit der Reconvales- 
cenzperiode überwachen und giebt die ersten Indicien 
einer Störung in derselben. 



IQ Fundamentalsätze. 

§.20. 

In dem Verlaufe fieberhafter Krankheiten lassen sich 
an dem Temperaturgange unterscheiden 

A. Perioden vor der Entscheidung des Aus- 
gangs: 

1) Die Periode der Entwicklung : pyrogenetisches 
Stadium, Initialperiode, welche bald kürzer, bald län- 
ger dauert und mit der Ausbildung der Localisationen oder 
mit Erreichung der niedrigsten für die Krankheitsform noch 
characteristischen Tagesdurchschnittstemperatur abschliesst; 

2) die Periode der vollen Ausbildung der Krankheit 
(dieAcme, das Fastigium), in welcher das Fieber die 
charakteristische Tagesdurchschnittshöhe festhält; 

3) die in schweren Krankheiten gewöhnlich darauf fol- 
gende, in leichten Erkrankungen meist fehlende Periode des 
Schwankens (amphiboles Stadiu m), in welchem mehr- 
fache mehr oder weniger beträchtliche Unregelmässigkeiten 
des Verlaufes sich zeigen. 

B. Perioden im Falle der Abheilung: 

1) Die Perturbatio critica oder aber die Periode 
der entschiedenen aber noch ungenügenden Abnahme (Sta- 
dium decrementi); 

2) die Periode der Eückkehr zur Normaltemperatur 
(Stadium der Entfieberung, Defervescenz); 

3) Die epi kritische Periode und die Reconvales- 
c e n z , in welcher die Temperatur normal oder unteruormal, 
zuweilen auch etwas übernormal ist. 

C. Die Perioden bei tödtlicher Wendung: 

1) Die p r a g n i s c h e Periode, welche durch mehr 
oder weniger eigenthümliche Gestaltung der Temperatur 
oder anderer Verhältnisse die Wendung zum tödtlichen Aus- 
gang anzeigt; 

2) die A g n i e oder der Todeskampf ; 



Fundamentalsätze. ]^7 

3) der Eintritt des Todes und die postmor- 
talen Veränderungen der Temperatur. 

Häufig sind einzelne dieser Perioden sehr kurz, ent- 
ziehen sich der Beobachtung, oder fallen ganz aus. 

§.21. 

Die Gestaltung der Initialperiode ist bei manchen 
Krankheitsformen (fieberhafte Infectionskrankheiten) bereits 
sehr characteristisch , nur entzieht sie sich ihrer gewöhnlich 
kurzen Dauer wegen häufig der Beobachtung. Es ist charac- 
teristisch, dass bei bestimmten Krankheitsformen das An- 
steigen der Temperatur in einem höchst rapiden Zuge bis 
zu beträchtlichen, selbst sehr hohen Graden erfolgt, bei 
anderen Krankheitsformen dagegen mehrere Tage in An- 
spruch nimmt. 

Der Typus kann verwischt und undeutlich werden, 
wenn die Erkrankung ein zuvor schon krankes und nament- 
lich fieberndes Individuum befällt. 

Die Intensität der Erscheinungen in der Initial- 
periode entscheidet nur in Fällen von ganz ex- 
tremer Heftigkeit über die Intensität des wei- 
teren Verlaufs und die Gefährlichkeit der Erkrankung. 

§.22. 

Das Fastigium giebt durch die Höhe der Temperatu- 
ren, durch den Wechsel derselben und durch seine Dauer die 
characteristischsten Momente für die Bestim- 
mung der Krankheitsform. Ausserdem zeigt es theils 
durch die absolute Höhe der Temperaturen und durch 
das längere Verweilen auf ungewöhnlichen Höhen, 
theils durch Abweichungen vom Normaltypus (Irregula- 
ritäten des Verlaufs) die Intensität und Gefährlich- 
keit der Krankheit an; andererseits weist es durch die 

Massigkeit der absoluten Höhe, durch das kurze Ver- 
wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 2 



28 Fundamentalsätze. 

weilen in der Nähe des Maximums, durch frühzeitige 
Remissionen auf die Milde der Krankheit hin. Irre- 
gularitäten, selbst wenn sie in einer Ermässigung be- 
stehen, sind im Allgemeinen ungünstig und können nur 
bei ganz bestimmten Verhältnissen als Zeichen eines beson- 
ders milden Verlaufs angesehen werden. Der Eintritt von 
Complicationen kann häufig im Fastigium an verspäte- 
ten Erhebungen der Temperatur erkannt werden. 

§.23. 

Das amphibole Stadium, welches selten in Fällen 
fehlt, welche, ohne rapid tödtlich zu enden, einen schweren 
Verlauf nehmen , tritt um so deutlicher in die Anschauung,, 
je regulärer der Verlauf im Fastigium war. Es ist die Pe- 
riode der wechselnden oft scheinbar unmoti- 
virten Steigerungen und Besserungen. Compli- 
cationen treten während desselben vorzugsweise ein und 
pflegen sich durch anhaltendere Erhebungen der Temperatur 
deutlich zu machen. Es ist das amphibole Stadium 
stets Zeichen einer schweren Gestaltung der 
Krankheit und lässt während seiner ganzen Dauer, welche 
bald nur wenige Tage , bald mehrere Wochen beträgt, keine 
sicher günstige Prognose zu , trügt aber oft auch durch den 
Schein höchster Gefahr. Einzelne Temperatursteigerungen 
selbst bis zu sehr beträchtlicher Höhe, wie andererseits eben- 
solche Niedergänge haben in dieser Periode weniger 
entscheidende Bedeutung, und nur erst durch ihre 
Wiederholung oder durch das Verweilen der Temperatur auf 
überaus hohen Graden oder im Gegentheil auf massigen Stu- 
fen wird Verschlimmerung oder Besserung wahrscheinlich. 

§. 24. 

Am Schlüsse des Fastigiums oder der amphibolen Periode 
zeigt sich häufig vor der günstigen Wendung eine 



Fundamentalsätze. 2-9 

letzte, die frühere Temperatur mehr oder weniger über- 
ragende Steigerung der Wärme, welche zuweilen nur 
einen Nachmittag anhält, oder zugleich mit einer geringeren 
Morgenremission verbunden ist, aber in manchen Fällen 
auch zwei und drei Tage überdauert« Diese Steigerung, 
welche mit entsprechenden sonstigen Symptomen verbunden 
ist, macht in jeder Beziehung den täuschenden Eindruck 
einer Verschlimmerung, selbst eines gefahrdrohenden Zu- 
standes : Perturbatio c r i t i c a. Es ist zuweilen aus der 
Zeit und den Verhältnissen ihres Eintritts ihr günstiger Cha- 
racter zu erkennen ; aus dem weiteren Gange, aus dem An- 
schluss einer raschen und unzweifelhaften Besserung enthüllt 
sich mit Sicherheit ihre Bedeutung. 

§.25. 

Das Stadium decrementi, die Periode der präpa- 
ratorischen Ermässigung, fehlt in vielen heilenden Fällen, 
indem an das Fastigium oder an die amphibole Periode 
unmittelbar oder nach einer critischen Perturbation die 
Entfieberung sich anschliesst* Das Stadium decrementi 
characterisirt sich durch die ersten vonkei- 
ner Wiedererhebung gefolgten, aberauchnicht 
raschsich vergrössernden Ermässigungen der 
Temperatur, sei es der Abendexacerbationen allein , sei 
es der Morgentemperaturen allein, sei es beider zumal* 
^icht selten finden in dem Stadium decrementi vereinzelte 
tiefe Niedergänge der Temperatur selbst bis unter 36,5<* 
(= 29,20) und nicht selten verbunden mit allen Erschei- 
nungen des Collapses statt. Sie ereignen sich entweder nur 
einmal , und der Temperaturgang kehrt zu seiner früheren, 
wenn auch ermässigten Höhe zurück, oder sie wiederholen 
sich täglich, während die zwischenfallenden Exacerbatio- 
nen noch keine Neigung zur entschiedenen Verminderung 
zeigen. 



1 



2Q Fundamentalsatze. 



§.26. 

Die Defervescenz oder die Entfieberung, 
welche sich bald dem Fastigium oder dem amphibolen Sta- 
dium unmittelbar anschliesst, bald auf eine Perturbatio 
critica folgt, bald von einer Periode präparatorischer Ermäs- 
sigung eingeleitet wird, und in welcher die Temperatur 
zur Norm zurückkehrt, hat zwei scharf di ff e- 
r e n t e , wenn auch Uebergänge zulassende Haupttypen: 

Die Entfieberung im raschen Zuge, sich oft in einer 
Nacht oder doch in 36 Stunden vollendend : rapide De- 
fervescenz, Krisis; 

die Entfieberung in langsamem Zuge, über Tage sich 
hinschleppend: lentescirende Defervescenz, Lysis. 

Der Temperaturabfall erfolgt entweder in einem conti- 
nuirlichen Niedergange, der jedoch, wenn er über 12 Stun- 
den dauert, in der Nachmittagszeit langsamer fortzuschreiten 
pflegt; 

oder in remittirender Weise, d. h. unterbrochen von 
ein- oder mehrmaligen abendlichen Wiedererhebungen. 

Häufig treten während der Defervescenz C o 1 1 ap s e ein, 
bei welchen zuweilen die beträchtlich gesunkene Tempera- 
tur mit schweren, die höchste Gefahr nachtäuschenden Er- 
scheinungen verbunden ist, welche aber, wiewohl oft meh- 
rere Tage anhaltend, zuverlässig in die Reconvalescenz 
übergehen. 

§.27. 

Die epikritische Periode trennt sich um so schärfer 
von dem Stadium der Defervescenz, je rapider und vollkom- 
mener die letztere sich vollendete. Die Temperaturverhält- 
nisse sind zuweilen vollständig normal geworden und zeigen 
die Tagesschwankungen des Gesunden ; meist erhält sich aber 
noch eine vermehrte Beweglichkeit und einige Unsicherheit in 



Fundamentalsätze. 21 

der Erhaltung der Normaltemperatur. Hin und wieder bleibt 
die Eigenwärme etwas unter dem normalen Durchschnitts- 
niveau. In einzelnen Fällen und regelmässig bei manchen 
Krankheiten (vornehmlich dem polyarticularen Rheumatis- 
mus) erhält sie sich etwas über dem normalen Durchschnitts- 
niveau. Ausserdem treten vereinzelte, ephemere oft sehr 
bedeutende Steigerungen (um 2 , 3 und mehr Grade) nicht 
selten in dem epikritischen Stadium auf, bald ohne bekannte, 
bald auf geringfügige Ursachen. Wirkliche Recidive und 
Secundärerkrankungen , welche in dieser Periode vorzugs- 
weise häufig sich entwickeln, lassen sich rasch an dem An- 
halten der erneuerten Temperatursteigerung erkennen» 

Die Dauer und das Ende des epikritischen Stadiums 
lässt sich an dem Verhalten der Eigenwärme nicht bestim- 
men, da sich ohne wesentliche Aenderung in diesem die 
wirkliche Reconvalescenz anschliesst. 

§.28. 

In der Reconvalescenz, wenn sie vollkommen ein- 
getreten und durch keine zurückbleibende Störung oder 
Complication getrübt ist, verhält sich die Temperatur wie bei 
einem Gesunden. Jede Erhebung der Eigenwärme über die 
Breite der Gesundheit oder jedes Sinken unter sie ist ein 
sicheres Zeichen, dass die Reconvalescenz eine unvollkom- 
mene oder trügerische ist. Vornehmlich weisen rasch sich 
entwickelnde Erhebungen der Eigenwärme auf eine neue 
Erkrankung, sehr allmälig sich erhebende Wiedersteigerun- 
gen auf ungeheilte Residuen, auf Nachkrankheiten hin. 

§. 29. 

Im Fall der tödtlichen Wendung zeichnet sich häufig 
ein proagonisches Stadium ab, das dem Fastigium 
oder der amphibolen Periode sich anschliesst, auch wohl un- 
.erwartet nach bereits begonnener Abheilung sich entwickelt, 



22 Fundamentalsätze. 

andererseits von der eigentlichen Agonie sich unterscheidet. 
Die Temperatur ist in dem proagonischen Stadium bald an- 
steigend, bald abfallend, bald setzt sie ihr früheres Verhalten 
fort, bald wird sie unregelmässig. Andere Erscheinungen, 
namentlich die Beschaffenheit des Pulses, können die Bedeu- 
tung dieses Stadiums kenntlich machen. 

§.30. 

Während der Agonie ändert sich die Temperatur 
nicht oder nur ganz unwesentlich und bleibt auf der Höhe, 
wie sie zuvor gewesen war ; 

oder sie sinkt beträchtlich bis zur Norm oder selbst 
unter sie (vorzüglich bei dem Tod durch Inanition) ; 

oder sie steigt in kürzester Zeit zu mehr oder weniger 
bedeutenden Höhen, nicht selten zu ganz enormen, welche 
sie während der Krankheit selbst niemals auch nur an- 
nähernd erreicht. 

§. 31. 

Gegen den Todesmoment sinkt die Temperatur zu- 
weilen; häufig aber, zumal in den Fällen, in welchen wäh- 
rend der Agonie rapide Steigerungen stattgefunden haben, 
steigt sie bis zum Tode, ja setzt selbst mehrere Minuten bis 
über eine Stunde nach dem Tode das Steigen fort. In 
ersteren Fällen fällt sie rasch nach dem Tode, in letzteren 
tritt die Abkühlung oft sehr langsam ein, so dass selbst 
12 Stunden nach dem Tode die Wärme der Leiche noch er- 
heblich höher, als die eines gesunden Menschen sein kann. 

§. 32. 

Der Verlauf fieberhafter Krankheiten gestaltet sich 
hinsichtlich der Dauer und der Succession der Fiebererschei- 
nungen nach 5Hauptgruppen: 



Fundamentalsätze. 23 

1) Die kurzen Fieberanfälle (Febricula, Ephe- 
mera und Terminalfieber). 

2) Die wesentlich continuir liehen Fieber- 
verläufe, welche auf ihrem Fastigium nur geringe Tages- 
differenzen zeigen und rapid zu defervesciren pflegen. 

3) Die wesentlich remittirenden acuten Fie- 
berver laufe, welche wenigstens so lange ihre Intensität 
nicht zu beträchtlich ist, auch während des Fastigiums, min- 
destens aber bei eintretender Ermässigung ergiebige Tages- 
differenzen (meist Abend-Exacerbationen und Morgen-Remis- 
sionen) zeigen und nur bei eintretenden Complicationen oder 
bei tödtlicher Wendung diese zuweilen verlieren, auch meist 
in remittirendem Typus und lentescirend defervesciren. 

4) Die inte rmittir enden und relabir enden 
Fieberformen. 

5) Die chronischen Fieber formen, welche über 
viele Wochen und Monate bald ununterbrochen, meist in 
remittirendem und intermittirendem Typus , bald aber auch 
mit zeitweisen längeren Unterbrechungen sich hinziehen. 

§.33. 

Die Febri-cula und Ephemera sind massige 
und kurz dauernde Fieber an fälle, welche rasch 
mit Genesung enden. 

Die Temperatur kann dabei mit oder ohne Frostparoxys- 
mus bis 400, 40,5« (= 32—32,4« R.), sogar darüber steigen, 
erhält sich nur kurz auf dieser Höhe und sinkt dann in rapi- 
der Defervescenz , allenfalls mit einem kurz unterbrochenen 
Niedergange. Der Anfall dauert weniger als einen Tag, bis 
zwei Tage, selten drei. Diese Form kommt als Wundfieber, 
als kurzdauernder Fieberanfall im Wochenbett, in derRecon- 
valescenz, bei leichten Catarrhen und massigen Gewebs- 
störungen und unter vielen sonstigen, bald mehr, bald 



24. Fundamentalsätze. 

weniger durchsiclitigen Umständen vor. Auch der einzelne 
Wechselfieberparoxysmus hat denselben Typus. 

Oder die Temperatur steigt zunächst nur massig, geht 
entweder nach einem, einigen Tagen wieder zurück oder 
erhebt sich allmälig nach 2— 5tägiger Dauer auf ihren Cul~ 
minationspunkt, der selten 40ö(=320E.) übersteigt und sich 
nach kürzestem Verweilen zur raschen Defervescenz wendet.. 
Dieser Verlauf zeigt sich unter denselben Verhältnissen, wie 
der vorige, nur niemals beim Wechselfieber, dagegen bei 
manchen andern, zumal unvollständig erfolgten Infectionen. 

§.34. 

Grosse Aehnlichkeit, wenigstens hinsichtlich des Be- 
ginns, zeigen damit die Termin alfi eher, die freilich eine 
ganz andere Bedeutung haben. 

In der proagonischen Periode bis dahin fieberloser Krank- 
heiten, oder erst in der Agonie selbst tritt ein rapides Stei- 
gen der Temperatur ein ; auf dessen Culminationspunkt oder 
nach einer in den letzten Minuten stattfindenden geringen 
Ermässigung erfolgt der Tod. Diese Form zeigt sich am 
Schluss tödtlicher Neurosen, nach Verletzungen des Hals- 
markes, bei manchen Vergiftungen und intoxicationsähn- 
lichen Erkrankungen ; die Temperatur kann dabei die höch- 
sten Grade erreichen, welche überhaupt beim Lebenden vor- 
kommen. 

§. 35. 

Die Fieber mit continuir lieber Temperatursteige- 
rung beginnen gewöhnlich mit einer rapiden Initialperiode,, 
häufig mit einem Schüttelfrost. Während des Fastigiums^ 
beträgt die Durchschnittstemperatur je nach der Intensität 
der Fälle gemeiniglich zwischen 39 und 40« (31,2 — 32« E.),. 
selten darüber und selten darunter, die Differenzen zwischen 
Tagesmaximum und Minimum erreichen nur ausnahmsweise 
1<>(0,8*^R.), häufig nur \l^. Die Dauer des Fastigiums ist ge- 



Fundamentalsätze. 25 

wohnlich unter einer Woche ; die Defervescenz pflegt rapid 
oder doch annähernd rapid zu geschehen. 

Der vollkommenste Repräsentant dieser Gruppe ist die 
primäre, uncomplicirte croupöse Lobärpneumonie (obwohl 
bei ihr zuweilen auch andere Typen vorkommen). Aehnlich 
verhält sich der Gang meist bei dem Eruptionsfieber der 
Pocken, beim Scharlach (jedoch mit langsamerer Deferves- 
cenz), bei der parenchymatösen Tonsillarangine , bei der 
Convexitätsmeningitis, beim exanthematischeu Typhus (je- 
doch mit längerer Dauer des Fiebers) , im Anfang des Ge- 
sichtserysipels , endlich aber häufig bei sehr intensiven fie- 
berhaften Erkrankungen jeder Art, bei welchen wenigstens 
mit der wachsenden Heftigkeit ein zuvor discontinuirlicher 
Gang der Temperatur continuirlich werden kann. 

§. 36. 

Bei den Fiebern mit remittirendem Gang der Tem- 
peratur kann die Initialperiode kurz oder gedehnt sein. Die 
Tagesdurchschnittstemperatur ist sehr verschieden, weil 
leichte und schwere Fälle von remittirendem Typus vorkom- 
men. Sie kann auf 38,5^ (= 30,8^ R.) und darunter herab- 
gehen und sich bis auf 40,5<^ (= 32,# R.) und weiter er- 
heben, in welch letztem Fall jedoch sozusagen nur Exacer- 
bationen stattfinden , aber keine wahren Remissionen ; denn 
es bleiben die Minimaltemperaturen immer noch hochfebril. 
Die Dauer des remittirenden Ganges der Fiebertemperatur 
ist weniger beschränkt als die des continuirlichen und be- 
trägt zuweilen mehrere Wochen. Die Defervescenz ist ge- 
wöhnlich eine lytische und remittirende. 

Der vorzüglichste Repräsentant dieser Gruppe ist der 
Abdominaltyphus. Ein remittirender Typus zeigt sich feiner 
bei den fieberhaften catarrhalischen Afifectionen , der Grippe, 
der catarrhalischen Pneumonie, bei den fieberhaften rheu- 
matischen Affectionen, auch bei den Masern, im Anfange 



26 Fundanientalsätze. 

der Basilarmeningitis, bei der acuten Tuberculosis und acu- 
ten Phtbisis (wenigstens bäufig), bei der fieberbaften Tricbi- 
nose u. s. w. 

§.37. 

Die inte rmittir enden und relabirenden Typen 
baben die Eigentbümlicbkeit, dass zwiscben den einzelnen 
meist kurzen oder docb wenigstens nicbt sebr protrabirten 
Fieberanfällen Intervalle von völliger Normaltemperatur ein- .. 
gescboben sind. 

Bei den inte rmittir enden Formen ist der jedes- 
malige Fieberparoxysmus stets kurz, erreicbt selten die 
Länge eines Tages und die Temperatur steigt höber, als bei 
andern Krankbeiten von gleicher Ungefährlicbkeit : d. b. 
gemeiniglich bis auf 41 oder 41,5o(=32,8— 33,2oR,), selbst 
zuweilen noch ein oder zwei Zehntel darüber. Die Apyrexie 
ist ebenfalls kurz, docb kann sie eine verschiedene Dauer 
zwiscben wenigen Stunden und mehreren Tagen haben. 
Ueberdem wechseln mit mehr oder w^eniger Regelmässigkeit 
Paroxysmen und Apyrexien wiederholt mit einander ab. 

Bei den relabirenden Formen ist der Fieberanfall 
von weniger beschränkter Dauer und die Temperatur wäh- 
rend desselben von verschiedener Höhe, die Apyrexie dauert 
länger und die Wiederholung der Fieberanfälle geschieht 
meist nur einmal, schon ziemlich seltener zweimal, noch 
viel seltener in grösserer Zahl. 

Der ausgezeichnetste Repräsentant des intermittirenden 
Typus ist das Malariaiieber, der des relabirenden Typus die 
Febris recurrens. Aber ziemlich viele Krankheiten nähern 
sich mit mehr oder weniger Beständigkeit bald mehr dem 
einen, bald mehr dem andern Typus: so namentlich die 
Pyämie, das Erysipel, die Variola vera, manche Fälle von 
Lobärpneumonie , nicht ganz selten die acute Tuberculose, 
die Basilarmeningitis und die acute Phtbisis. 



I 



Fundamentalsätze. 27 

§. 38. 

Die chronischen, auch wohl als hectische be- 
zeichneten Fieberformen zeichnen sich zunächst durch ihre 
lange Dauer aus, und es giebt Fälle, bei welchen in 
ziemlich gleichmässiger Weise das Fieber Jahre lang anhält. 
Sie verlaufen dabei zuweilen in grosser Unregelmässigkeit ; 
doch halten sie meist einen gewissen Typus , der, wenn er 
auch im Verlaufe wechselt, doch einen nicht ganz kurzen 
Zeitraum sich in ziemlicher, sogar zuweilen vollkommener 
Regelmässigkeit hält. Meist ist dieser Typus ein remittiren- 
der, mit täglich einmaligen, zuweilen aber auch zweimaligen 
Exacerbationen, die bald massig, bald aber auch ziemlich 
beträchtlich, ja selbst hochfebril sind und jeden Tag nahezu 
die gleichen Maxima erreichen, während die Remissionen 
der Normaltemperatur sich ziemlich zu nähern pflegen , oder 
sie völlig erreichen und selbst überschreiten. Seltener ist 
ein zweitägiger oder noch breiterer Rhythmus nach Art der 
intermittirenden Formen mit apyretischem Intervall. In der 
Nähe des Todes oder bei Eintritt von Complicationen ver- 
wandelt sich der remittirende Typus häufig in den continuir- 
lichen. Dieses Verhalten zeigt sich am ausgezeichnetsten 
in jenen chronischen Entzündungen der Lunge und Bron- 
chien, welche man mit dem Namen Phthisis zusammen- 
fasst; aber auch bei chronischen Darmverschwärungen, 
langdauernden Eiterungen , in lentescirenden Entzündungen 
seröser Häute, ferner bei fortwährender Zumischung embo- 
lischer oder inficirender Substanzen zum Blute. 

§. 39. 

Die Erhöhung der Eigenwärme an und für sich, 
d. h. mag sie bedingt sein , wodurch sie will, hat ohne allen 
Zweifel einen Einfluss auf die Functionen, auf die 
Ernährung der Gewebe, auf die Secretionen. 



28 Fundamentalsätze. 

Bei massigen Erhöhungen der Eigenwärme ist es bis 
jetzt nicht gelungen, mit einiger Wahrscheinlichkeit diesen 
Einfluss im Einzelnen nachzuweisen. 

Bei höheren Graden der Temperatursteigerung ist das 
sicherste Resultat eine Verminderung des Körpergewichts. 
Ausserdem wird die Respirationsfrequenz und Pulsfrequenz 
gesteigert, das Gehirn zu abnormen Functionirungen be- 
stimmt, dieSecretion auf der Haut und die HarnstofPausschei- 
dung vermehrt, Veranlassung zu Blutstockungen und ihren 
Folgen , vielleicht auch zu rapider Verfettung und zum Zer- 
fall der Gewebe gegeben. Doch sind diese Folgen keines- 
wegs proportional mit der Wärmesteigerung, ihrer Dauer 
oder Rapidität; und das Ausbleiben der consecutiven Stö- 
rungen ist keine seltene Ausnahme. 

Bei den beträchtlichsten Temperatursteigerungen 
wird die Fortsetzung des Lebens unmöglich. Es ist unbe- 
kannt, worauf diess beruht. 

§. 40. 

Auch rasche Veränderungen der Temperatur 
können von Einfluss auf die Functionen des Körpers 
sein. 

Bei sehr rapiden Steigerungen, zumal wenn die 
Wärme des Rumpfes der der Extremitäten beträchtlich vor- 
auseilt, ist die Erscheinung des Fieberfrostes mit oder ohne 
convulsivische Bewegungen gewöhnlich. 

Bei rapidem Fallen einer zuvor sehr hohen Tempe- 
ratur werden häufig schwere Störungen des Befindens, Dys- 
pnoe, Delirien, sowie Collapserscheinungen bemerkt. 

§.41. 

Die Krankheitsfälle, welche nicht durch eine 
Erhöhung der Temperatur , sondern im Gegentheil durch 
eine abnorme Niedrigkeit derselben sich charac- 



Fundamentalsätze. 29 

terisiren, zeigen niemals etwas Gesetzmässi- 
ges oder Constantes in dem Gange der Eigenwärme. 

Es gehören hierher manche Fälle von Inanition, von 
Sclerem, chronischer Intoxication , Krebs, von schwerer 
Geistesstörung. 

In anderen und weit häufigeren Fällen findet sich nur 
eine vorübergehende Erniedrigung der Temperatur : 

zuweilen in den Remissionen remittirender Fieber ; 

in Folge von Blutungen, starken Ausleerungen; 

als Excess des Temperatur-Abfalls bei Entfieberung ; 

zuweilen in der Agonie. 

Eine abnorme Erniedrigung der Temperatur kann von 
Einfluss auf die Functionen sein und bei beträchtlichem Sin- 
ken die Fortsetzung des Lebens unmöglich machen. 



Ausführung der Thatsachen 



nebst 



historischen und theoretischen 
Erörterungen. 



Geschichte und Literatur der thermometrischen 
Krankenbeohachtung. 

1. Die Einsicht in die Wichtigkeit der Körperwärme als 
KrankheitssympÄ)m reicht in die frühesten Zeiten der Medicin 
hinauf. 

Für Hippokrates und für das ganze Alterthum und Mittel« 
alter und selbst bis in den Anfang der neueren Zeit herein galt die 
Eigenwärme als das oberste und wichtigste Zeichen in acuten Krank- 
heiten. Die Meisten sahen die Hitze als pathognomonisches Symptom 
des Fiebers an , dessen griechische wie lateinische Benennung schon 
auf die Wärmevermehrung als wesentlichstes Moment hinweist. 

Bei solcher zwei Jahrtausende hindurch unbestrittenen Aner- 
kennung der vermehrten Körperwärme als characteristisches und 
wesentliches Symptom des Fiebers ist es um so auffallender, dass 
diese Bedeutung des Phänomens gerade in der Zeit in den Hinter- 
grund gerückt wurde , in welcher seine genaue Feststellung mittelst 
des Instruments möglich geworden war , und dass die Steigerung der 
Körperwärme gerade in einer Schule weniger beachtet wurde , von 
welcher die physicalischen Auffassungen in der Pathologie ausgegan- 
gen sind und innerhalb welcher auch das Thermometer selbst für 
die Krankeubeobachtung empfohlen und angewandt worden ist. 

Aber es ist diess nicht unerklärlich. Gerade durch die iatro- 
mechanische Richtung wurde das Hauptaugenmerk beim Fieber auf 
die zunächst auffälligsten Bewegungserscheinungen, auf die Circu- 
lationsverhältnisse gelenkt; man hatte in ihnen ein Phänomen, das 
vorzugsweise gut zu den geläufig werdenden theoretischen Anschau- 
ungen passte. Ausserdem lag es im Gange der Entwickelung der 
Medicin, dass mit dem Bedürfnisse schärferer Beobachtung die For- 
schung von den schwieriger zu präcisirenden allgemeinen Störungen 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 3 



34 Geschichte und Literatur 

ab und auf die früher vernachlässigten topischen Veränderungen 
hingewiesen wurde. Eine Anzahl mehr und mehr sich ausbildender 
und sich vervollkommnender technischer Hülfsmittel zur Erkennung die- 
ser topischen Veränderungen schien dem Urtheil eine solche Sicher- 
heit zu geben , dass man leicht über diesem positiven Erwerb die 
Lücken übersah , welche durch die Hintansetzung der Beachtung der 
Gesammtstörung verblieben. So kam es , dass, als die Beobachtung 
der Wärme durch die Erfindung der Messinstrumente eine exact& 
hätte werden können, hiervon nur vereinzelt und spärlich Nutzen 
gezogen wurde, vielmehr die Wärmemessung fast in Vergessenheit 
gerieth und erst der neuesten Zeit es vorbehalten war, sie wieder 
aus derselben hervorzuziehen. 

2. Der Erste, welcher ein thermometrisches Instrument, das 
er überdem selbst erfunden und construirt hatte, zur Bestimmung 
der menschlichen Eigenwärme verwendete, war dftr Vorläufer der 
iatromechanischen Richtung, Sanctorius (f 1638), und es ist 
nicht ohne Interesse, dass Sanctorius die zwei Hauptkriterien für die 
Aenderungen im Gesammtzustande des Organismus , Wärmemessung 
und Wägung, in ihrer Wichtigkeit erfasst hat. 

Aber erst hundert Jahre nach ihm wurde die Wärmemessung 
wieder aufgegriffen, nachdem die Instrumente für dieselbe sich wesent- 
lich vervollkommnet hatten. 

Es w^ar der grosse Boerhaave, welchem dieses Verdienst 
zukommt. Obwohl derselbe das wesentlichste Moment des Fiebers 
in den Circulationsverhältnissen sucht und unter Andern in seinem 
581. Aphorismus sagt: „Velocior cordis contractio, cum aucta 
resistentia ad capillaria, febris omnis acutae ideam absolvit", so 
bemerkt er doch in dem 673. Aphorismus: „Calor febrilis thermo- 
scopio externus sensu aegri et rubore urinae internus cognoscitur". 

Noch deutlicher hat sich sein Schüler, van Swieten aus- 
gesprochen. Obwohl auch er in den Commentarien zu Boerhaave's 
Aphorismen, Liigd, 1745, tom. IL p. 26, sagt: „Signum patho- 
gnomonicum omnis febris est pulsus aucta velocitas", so hat er 
doch zu dem erwähnten Aphorismus Boerhaave's hinzugefügt : Die 
Schätzung der Wärme mit der Hand sei unsicher. „Omnium ergo 
certissima mensura habetur per thermoscopia, qualia hodie pulcher- 
rima habentur et portatilia quidem, fahrenheitiana dicta a primo 
inventore: accuratissima imprimis illa sunt, quae argentum vivum 
loco alterius ciijuscunque liquidi continent. Tali thermometro prius 
mensuratur calor hominis sani et plerumque in indice affixo ille 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 35 

gradus notatus est; deinde hoc cognito, si idem thermometrum a 
febricitante aegro manu teneatur, vel buibus ejus od immittatur, vel 
nudo pectori aut sub axillis applicetur per aliquot minuta horae, 
apparebit pro varia altitudine ascendentis argenti vivi, quantum calor 
febrilis excedat naturalem et sanum calorem." Und in dem Commen- 
tar zu § 476 : „Datur in corpore hominis sani caloris gradus, thermo- 
metris mensurandus, a quo nee liquidis nee solidis aliquid noxae 
accidit. Raro etiam in fortissimis hominibus calor ille nonagesimum 
sextum gradum thermometri Fahrenheitiani excedit. übi vero ultra 
centesimum gradum in morbis ascendit, incipit sanguis ejusque serum 
ad coagulationem disponi ; si autem centesimum et vigesimum gra- 
dum aequat calor, serum sanguinis coagulatur." 

Gegenüber diesen nur gelegentlichen Aeusserungen war die 
practische Verwendung der Wärmemessung bei Kranken eine sehr 
ausgedehnte bei dem andern berühmten Schüler Boerhaave's, bei dem 
Collagen van Swieten's, dem ersten khnischen Lehrer Wiens und 
Deutschlands, de Haen. Zwar hat auch er das Fieber eine Krank- 
heit genannt , welche durch einen mehr als gewöhnlich geschwinden 
Puls erkannt werde ; aber er hat dabei die Wärmemessung in sehr 
umfänglicher Weise zur Beobachtung der Fieberkranken benutzt. 
Allerdings ist die Technik seiner Thermometrie eine sehr bedenkliche, 
indem er das Instrument 7V2 Minuten hegen zu lassen pflegte und 
dann zu der gefundenen Höhe noch 1 bis 2^ F. addirte, weil er 
gefunden habe, dass um so viel das Quecksilber später noch steige; 
dennoch hat ihm trotz dieser unvollkommenen Procedur das Thermo- 
meter bereits sehr werthvolle Resultate geliefert, welche grossentheils 
die neuere Zeit bestätigte oder vielmehr erst wieder entdecken musste. 

Seine Mittheilungen finden sich zerstreut durch die 15 Bände 
seiner Ratio medendi. Besonders sind zu beachten tom. II. cap. lö 
de supputando calore corporis humani, tom. III. cap". 3 de sanguine 
humano ejusdemque calore, tom. IV. cap. 6 de sanguine et calore 
humano , tom. VII. cap. 5 varia , § 3 , tom. X. cap. 1 de febribus 
intermittentibus , cap. 2 de morbis acutis, tom. XII. cap. 2 historia 
pulsus etc. 

De Haen hat eine Anzahl Gesunder in verschiedenen Lebens- 
altern auf ihre Eigenwärme geprüft und zahlreiche Untersuchungen 
an Kranken vorgenommen , wobei er das Gesetzmässige in dem Ver- 
halten wohl erkannte. „Non autem semel deciesve, sed pluries ip- 
sissima experimenta iterata sunt et semper idem docuerunt." Erfand 
bereits die merkwürdige Thatsache -der höhern Eigenwärme der 
Greise. An den verschiedensten Stellen seines Werkes lässt sich 

3* 



36 Geschichte und Literatur 

erkennen, ein welch' wichtiges Element für das ürtheil de Haen in 
der Temperaturmessung findet. Er kannte die Morgenremissionen 
und Abendexacerbationen der Temperatur bei Fiebernden , die Tem- 
peraturerhöhung während des Fieberfrostes („tempore frigoris homini 
intolerabilis cum pulsu contractiore minore thermometrum signat octo 
gradus ultra calorem naturalem" tom. II. p. 142); er kannte die 
Temperaturparoxysmen nach scheinbar geheiltem Wechselfieber ohne 
irgend welche sonstige Symptome (tom. III. p. 326); er kannte die 
Nichtcongruenz von Puls und Temperatur bei vielen Kranken, den 
häufigen Contrast zwischen subjectivem Wärmegefühl und objectiver 
Temperaturhöhe; er benutzte die Veränderungen der Eigenwärme 
als Controle für therapeutische Vornahmen und sah die Rückkehr zur 
Normaltemperatur als Beweis der Herstellung an. Die Theorie der 
Eigenwärme beschäftigte ihn vielfach , und er polemisirt gegen ihre 
mechanische Entstehung (tom. II. p. 163). 

Die übrigen Aerzte jener Zeit scheinen trotz des Einflusses des 
berühmten Wiener Lehrers Messungen der Eigenwärme bei Kranken 
verschmäht zu haben. 

3. Dagegen wurden schon 1740 in England die ersten genauen 
thermometrischen Beobachtungen über die Eigenwärme gesunder 
Menschen und Thiere veröffentlicht von Ch. Martin: de anima- 
Hum calore. Auch die Haller'sche Schule wendete dem Phänomen 
der Eigenwärme ihre Aufmerksamkeit zu. (Haller-Marcard, 
dissert. de generatione caloris et usu in corpore humano, Gott. 1741. 
Röderer, diss. de animalium calore observ. Gott. 1758.) Auch 
wird eine Dissertation von Pickel citirt: Experimenta med. physica 
de electricitate et calore animali, Würzb. 1778, in welcher Versuche 
über den Einfluss von Flussbädern auf die Eigenwärme mitgetheilt 
sein sollen. 

Eine der wichtigsten und bemerkenswerthesten Thatsachen 
der Thermophysiologie wurde indessen schon 1774 festgestellt. 
Blagden (Philosoph, trausactions 1775, p. 111) bewies die Erhal- 
tung der Eigenwärme des gesunden Menschen in Räumen, die bis zur 
Siedhitze des Wassers erhitzt waren, und Dobson (ibid. p. 466) 
bemerkte dasselbe bei einer noch weit höheren äussern Temperatur. 

Diese Mittheilungen veranlassten John Hunter, den grossen 
Physiologen und Arzt, seine schon 1766 begonnenen thermome- 
trischen Experimente zu veröffentlichen (Philosoph, trausactions 
1775 — 78). Er zeigte, dass Thiere darum äussere Kälte zu 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 37 

ertragen vermögen , weil sie sich selbst genug Wärme produciren, 
um jener das Gleichgewicht zu halten. 

John Hunter, welcher auch der erste war, welcher topische Tem- 
peratursteigerungen bei Entzündungen bemerkte (zuerst nach einer 
Operation der Hydrocele , Works edit. 1837, Vol. III. p. 338), be- 
kämpft die Ansicht , dass die Eigenwärme durch die Bewegung des 
Bluts entstehe. Er sagt: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die 
Wärme abhängt von einem andern Princip , das innig verbunden mit 
dem Leben und unabhängig von Circulation, Sensation und Willen 
ist, einer Kraft, welche die Maschine unterhält und regelt." Indessen 
gelingt es ihm nicht, den Sitz dieser Kraft zu bestimmen, und er ist 
geneigt, sie in den Magen zu versetzen. 

Kurze Zeit darauf erschien in Frankreich von dem Entdecker 
des Sauerstoffs und dem Reformator der Chemie, Lavoisier, die 
berühmte Arbeit sur la chaleur, mem. de l'academie, 1780. Der- 
selbe untersuchte mit Laplace die Ursachen der Eigenwärme der 
Thiere und findet sie in der chemischen Verbindung des Sauerstoffs 
mit dem Wasserstoff und Kohlenstoff beim Athmen. Er sagt : „die 
thierische Maschine ist durch drei Regulatoren beherrscht : die Re- 
spiration , welche Wasserstoff und Kohlenstoff verzehrt und Wärme 
hervorbringt, die Transspiration , welche nach Bedürfniss die Wärme 
wegnimmt und abkühlt, und die Digestion, welche dem Blute ersetzt, 
was es durch Respiration und Transspiration verloren hat." Wenn 
er jedoch die Verbrennung des Wasserstoffs und Kohlenstoffs als 
Ursache der Eigenwärme anspricht, so schliesst er darum andere 
chemische Processe als Wärmequellen keineswegs unbedingt aus. 
Den Sitz der Wärmebildung (der Verbrennung) legt er in die Lunge. 

Auch der Engländer Crawford (de calore animali, 1779. 
Experiments and observations on animal heat, 1786, und 2. edition 
1788) sucht die Wärmequelle in dem chemischen Process in der 
Lunge, indem er annimmt, dass Wärme frei werde, weil die Capaci- 
tät der atmosphärischefa Luft für Wärme grösser sei , als die Capaci- 
tät der Kohlensäure für dieselbe. Auch wendete er einigen patho- 
logischen Abweichungen der Körperwärme , so wie der Temperatur 
einzelner entzündeter Theile seine Aufmerksamkeit zu und suchte 
diese Erfahrungen nach seiner Theorie zu deuten. 

4. Am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts, 1797, erschien ein 
Werk, das von theoretischen Erörterungen sich fern hielt, welches 
dagegen eine hervorragende practische Bedeutung hat, und zum 
ersten Mal wiederum seit de Haen Temperaturbeobachtungen für die 



38 Geschichte und Literatur ♦ 

Medicin selbst, namentlich für die therapeutischen Indicationen und 
für dieControle therapeutischer Erfolge verwerthete: James Currie, 
Medical reports on the effect of water cold and warm as a remedy in 
fever and other diseases. Temperaturmessungen sind fast überall iti 
diesem Werke den Krankengeschichten beigefügt , und die Thermo- 
metrie durchdringt Currie's ganze Praxis. An den Veränderungen 
der Eigenwärme prüft er die Wirkungen des kalten und warmen 
Wassers, der Digitalis, des Opiums, Alkohols, der entziehenden Diät. 
Als Regulationsapparat für die Temperatur sieht er die Perspiration 
an (p. 620). Welchen Werth Currie der Eigenwärme in der Beur- 
theilung der Fieber beimisst, geht aus folgendem Passus (den der 
deutsche üebersetzer Hegewisch , wie er sagt , unterdrückt haben 
würde , wenn er ihn nicht als ein merkwürdiges Actenstück über den 
traurigen Zustand der Arzneiwissenschaft in England doch noch der 
Mittheilung werth gehalten hätte!) hervor: „Though I am far from 
thinking that fever , properly so called , consists merely of a series 
of phaenomena originating in a morbid accumulation of heat in the 
System, yet this Symptom evidently occurs more er less early in that 
disease" (p. 624), und ferner: „that some advantages are to be ob- 
tained from a strict attention to the state of the heat in fever and to 
the proper function of the Perspiration , this volume affords , if I do 
not deceive myself, .important proofs. A careful attention to the 
changes of the animal heat and to the State ofthose functions, on 
which it depends and by which it is regulated, though more requisite 
in febrile diseases perhaps than in others is however of importance 
throughout the whole circle of diseases" (p. 621). 

Wenngleich Currie's Werk in England in mehreren Auflagen 
erschien und in Recensionen sehr günstig beurtheilt wurde, so blieb 
es doch ohne merklichen Einfluss auf seine Zeitgenossen und Lands- 
leute. Noch geringer war die Würdigung desselben in Deutschland. 
Die Uebersetzung des ersten Theiles von Michaelis wurde kaum 
beachtet, und der Unternehmer der Verdeutschung des zweiten, 
Hegewisch, klagt, dass jener erste Theil den deutschen Aerzten fast 
gar nicht bekannt geworden zu sein scheine. Auch sein Antheil an 
der Uebersetzung ist wohl demselben Schicksal verfallen, und erst 
anderthalb Jahrzehnte später wurde durch Hufeland das Currie'sche 
Werk für eine kurze Zeit aus der Vergessenheit herausgezogen. 

5. Während sich die Practiker aller Länder, mit einziger Aus- 
nahme des eben Genannten, um die Eigenwärme bei Krauken auch 
nicht im geringsten bekümmerten , blieb bei den Physiologen trotz 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 39 

;-emzelner , dagegen sich erhebender Stimmen (Vacca Berling- 
hieri, esame della teoria di Crawford , Buntzen u. A.) der 
<5hemische durch die Respiration vermittelte Process als Quelle der 
Wärme angesehen und die chemische Erklärung Lavoisier's befrie- 
>digte allenthalben. Doch brachten die Untersuchungen von C 1 e - 
man (diss. on suspended respiration, 1791) und Saissy (recherches 
sur la physique des animaux hybernans, 1808) einige damit in 
Widerspruch scheinende interessante Thatsachen. 

Da trat gegen die Ableitung der Eigenwärme vom Respirations- 
process in England 1811 B. C. Brodie auf: Some physiological 
researches respecting the influence of the brain on the action of the 
lieart and on generation of animal heat (Philosoph, transactions, 
1811, p. 36) und: Further experiments and observations on the 
influence of the brain in the generationof animalheat(1812,p.378). 
^eine Versuche hatten ihm gezeigt, dass bei nach unterbundenen 
Halsgefässen geköpften Thieren, deren Respiration und Circulation 
bis zu mehreren Stunden künstlich unterhalten wurde , trotz der fort- 
dauernden Umwandlung des venösen Blutes in arterielles die Körper- 
wärme rascher sank, als bei Thieren, bei welchen nach der Enthaup- 
tung die Respiration nicht künstlich unterhalten wurde. Er schliesst 
-daraus, dass durch die Umwandlung des venösen Blutes in arterielles 
bei der Respiration keine Wärme erzeugt werde, und sucht die 
Wärmequelle im Nervensystem» 

Diese Aufstellung hat zu einer lebhaften Polemik geführt , aber 
auch zugleich zu weiteren Untersuchungen über die Verhältnisse der 
Eigenwärme angeregt. Brodie entgegen trat Dalton, besonders 
aber John Davy (Philosoph, transactions, 1814, p. 590), welcher 
Untersuchungen über Wärmecapacität des Arterien - und Venenblutes 
und vergleichende Untersuchungen über die Temperatur beider Blut- 
arten , sowie verschiedener Körperstellen vorgenommen hatte ; ferner 
Haie (mitgetheilt in Meckel's Archiv, III. 429); Legallois 
gebend. 436). 

Andererseits stellte sich der Uebersetzer von Brodie's Abhand- 
lung, Nasse (Reil's und Autenrieth's Archiv, 1815, Bd. XII. 
404 — 446) entschieden auf Brodie's Seite. Auch glaubte Earle 
{Medico - Chirurg, transactions, tom. VII. p. 173) die Brodie'sche 
Theorie durch pathologische Beobachtungen unterstützen zu können. 
€ h s s a t (Mem. sur l'influence du Systeme nerveux sur la chaleur 
animale. These de Paris, 1820) hielt durch zahlreiche Experimente 
die Meinung für gerechtfertigt , dass im Sympathicus der Grund der 
Eigenwärme liege. 



4Ö Geschichte und Literatur 

In Folge dieser Discussionen wurde von der Pariser Akademie 
eine Preisaufgabe über die Quelle der tbierischen Wärme gestellt. Es 
wurden die Abhandlungen von Dulong (gelesen December 1822) 
und Despretz (gelesen Januar 1823) veröffentlicht. Beide ent- 
schieden sich für die Lavoisier'sche Annahme. Sie bestimmten bei 
Thieren den absorbirten Sauerstoff und die ausgeathmete Kohlen- 
säure, setzten den Ueberschuss des absorbirten Sauerstoffs auf Rech- 
nung von Wasserbildung, berechneten die Wärmemenge, welche sich 
bei der Verbindung des absorbirten Sauerstoffs mit dem Kohlenstoff 
der gefundenen Kohlensäure und bei der angenommenen Verbindung 
des üeberschusses von Sauerstoff mit einer entsprechenden Menge 
Wasserstoffs zu Wasser hätte erzeugen müssen und verghchen damit 
die auf calorimetrischem Wege (den sie zuerst für physiologische 
Fragen eingeschlagen haben) gefundenen Wärmemengen, welche von 
den Thieren producirt wurden. Da dabei jedoch ein Plus von 
Wärmeproduction sich ergab , so führte diess zu der Annahme, dass 
es ausser dem Verbrennungsvorgange noch andere Wärmequellen im 
thierischen Organismus geben müsse. 

6. In die Zeit dieser theoretischen Discussionen fielen nur 
wenige directe Beobachtungen über die Eigenwärme beim Menschen: 
Gentil veröffentlichte solche über Temperaturverschiedenheiten 
nach Alter, Temperament, Geschlecht und Tageszeiten (1815 sur la 
chaleur animale, Diss., ausgezogen von Deyeux in Annales de chimie 
XCVI. 45). Thomson berichtete über die in einem entzündeten 
Theile producirte Wärme (mitgetheilt in Meckel's Archiv V. 405). 

In Deutschland erschienen kurze Zeit darauf zwei practische 
Arbeiten von nicht ganz geringem Werthe, welche an Currie an- 
knüpften. Hufeland hatte im Jahre 1821 eine Preisaufgabe zur 
Prüfung der Currie'schen Erfahrungen über die Wirkungen des Was- 
sers in fieberhaften Krankheiten gestellt. Der zweite Punkt der Auf- 
gabe enthielt die Forderung: „Eine Reihe von eigenen Versuchen, 
die Fieberhitze durch äussere Application des Wassers nach Currie 
zu massigen. Der Gebrauch des Thermometers vor und 
nach der Anwendung des Wassers , wie auch die Angabe der Zahl 
der Pulsschläge scheint hierzu nothwendig gefordert 
werden zu müssen." 

Von den drei im Supplementband des Hufeland'schen Journals 
zum Jahre 1822 abgedruckten Preisschriften ist die dritte (von Pit- 
schaft) ohne Werth. Dagegen enthält vorzugsweise die Abhandlung 
von Anton Fröhlich in Wien, doch auch die von Reuss in 



der thennometrischen Krankenbeobachtung, 41 

Aschaffenburg manche bemerkenswerthe Beiträge zur pathologischen 
Thermometrie. 

Einige Temperaturmessungen sind enthalten in der Bonner Dis- 
sertation von L u c a s : Experimenta circa famem, 1824. 

Bailly schrieb ein Memoire sur l'alteration de la chaleur ani- 
male dans les fievres algides (Revue med. 1825, V. 384). 

Everard Home (on the influence of nerves and ganglions in 
producing animal heat in Philosoph, transactions 1825, p. 257) 
brachte unter Anderem Angaben über unglaubliche Temperaturhöhen 
(bis 1 1 8 ö F.) , welche Grainville am gebärenden Uterus gefunden 
haben wollte. 

Edwards, de l'influence des agents physiques sur la vie, 
1824, gab eine Zusammenstellung der damals bekannten Thatsachen 
über die Eigenwärme. 

7. In den dreissiger Jahren erschienen gleichfalls nur 
wenige ausgedehnte und mit Methode ausgeführte Beobachtungs- 
reihen über die Verhältnisse der Eigenwärme im gesunden und kran- 
ken Zustand. 

Hierher gehören vornehmlich die auf pathologische Zustände 
freilich wenig Rücksicht nehmenden vortrefflichen Untersuchungen 
von Breschet und Becquerel (1835, in den Annales des seien- 
des naturelles, 2. serie, Zoologie tom. III., IV. und IX). Sie prüf- 
ten mit Hülfe eines ausserordentlich empfindlichen thermoelektrischen 
Apparates die Verschiedenheiten der Eigenwärme der einzelnen 
Theile des thierischen Körpers. Dieselben haben auch gefunden, 
dass die Temperatur entzündeter Theile höher sei, als die des 
Körpers. 

Eine die Pathologie noch weniger berührende, fast nur zoophy- 
siologische Arbeit von Berger (faits relatifs ä la cönstruction d'une 
echelle de degres de. la chaleur animale, in den Mem. de la societe 
de physique et histoire naturelle deGeneve, tom. VI. part. 2. p. 257, 
und 1836, tom. VII. p. 1) verbreitete sich über die Temperatur der 
verschiedenen Thierspecies. 

Edwards lieferte einen zusammenfassenden Dictionnaire- 
Artikel in Todd's Cyclopaedia, vol. II. p. 648, 1836—39. 

Von weit geringerer Bedeutung waren die eigentlich ärztlichen 
Publicationen dieser Epoche. Collard de Martigny schrieb 
1832 de influence de la circulation generale et pulmonaire sur la 
chaleur du sang et de celle de ce fluide sur la chaleur animale im 
Journal complementaire, tom. XLIII. p. 268. 



42 Geschichte und Literatur 

Der Artikel über die Wärme im Dictionnaire en trente volumes, 
1834, tom. VII. p. 175, ist, was die physiologischen Beziehungen 
betrifft, von P. H. Berard geschrieben, während der pathologische 
Theil p. 212 Chomel, den ersten damaligen Practiker Frank- 
reichs, zum Verfasser hat. Chomel legt zwar auf die Temperatur 
grossen Werth, glaubt aber, dass das einzige richtige Instrument, 
um sie zu bestimmen, die Hand sei, und dass das Thermometer nur 
eine unvollkommene Idee über die Höhe der menschhchen Tempera- 
tur , über ihre sonstigen Modificationen aber gar keine verschaffen 
könne. 

Dagegen versichert B o u i 1 1 a u d (Clinique med. I. 294 und III.^ 
428), mehr als 300 Temperaturbeobachtungen gemacht zu haben. 

Donne (Arch. gener. 2. serie, IX. 129) untersuchte die Tem- 
peratur bei vielen verschiedenen Kranken und verglich sie mit der 
Puls- und Respirationsfrequenz. 

Piorry (1838, Traite de la diagnostic III. p. 28) sieht die 
Nothwendigkeit einer Messung der Hauttemperatur „dans plusieurs 
cas" ein, führt Biot's Satz an: „Lorsqu'on voit tant de resultats 
obtenus par le seul secours d'un peu de mercure enferme dansun 
tube de verre , et qu'on songe qu'un morceau de fer suspenda sur un 
pivot a fait decouvrir le nouveau monde, on con^oit que rien de ce 
qui peut agrandir et perfectionner les sens de l'homme, ne doit etre 
pris en legere consideration." Piorry Hess an seinem Stethoskop 
ein Thermometer anbringen und spricht sich sehr beredt über den 
Werth der Thermometrie aus ; allein er giebt so viele und beschwer- 
liche Cautelen der Messung an, dass er eher von ihr abschreckt. 
Trotz der von ihm geforderten Vorsicht sind seine eigenen Beobach- 
tungen gänzlich unzuverlässig und fabulös. Er fand bei Gesunden 
Höhen der Achseltemperatur von 32 ^ R. und darüber, bei einer An- 
zahl Kranker Höhen von 34 — 36, selbst 38^ (letzteres bei einem 
Falle von Typhus), bei einem „fieberlosen" Prurigo in der Achsel- 
höhle 340, im Epigastrium 35 <^. Er maass 91 Individuen, jedoch 
jedes nur einmal , aber an verschiedenen Körperstellen. Irgend eine 
Verwerthung seiner ungenauen Resultate war begreiflich eine Un- 
möglichkeit. 

B. Brodie machte 1837 (path. and surgical observations rela- 
ting to injuries of the spinal cord in Medicochirurg. transactions XX. 
118) seine Experimente über Temperaturerhöhung nach Rücken- 
marksdurchschneidung und seinen Fall von traumatischer Hämor- 
rhagie im oberen Marktheil mit enormer Steigerung der Eigenwärme 
bekannt. 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 43 

Eine nicht ganz werthlose Dissertation erschien 1837 in Dor- 
pat von Wistinghausen: de calore animali quaedam; sie be- 
schäftigt sich mit den Ursachen der Eigenwärme und den Ursachen 
ihrer Con stanz. 

Fricke in Hamburg (Zeitschr. für d. gesammte Med., 1838, 
Heft 3) machte Untersuchungen über die Temperatur der Achsel- 
höhle und der Scheide vor und während der Menstruation und fand 
eine geringe Erhöhung während des Monatsflusses. 

Friedrich Nasse publicirte 1889 (in: Untersuchungen zur 
Physiologie und Pathologie von Friedrich und Hermann Nasse, Bd. 2, 
Heft 1, p. 115) neue Versuche über die Abhängigkeit der thierischen 
Wärme vom Nervensystem und Hermann Nasse (ibid. p. 190) 
ausgedehnte Experimente „über die Abhängigkeit der thierischen 
Wärme vom Gehirn und Rückenmark". 

Gavarret (Journal l'experience 1839) bestätigte die schon 
von de Haen gefundene, damals aber nicht mehr bekannte Thatsache, 
dass die Rumpftemperatur im Fieberfroste sehr beträchtliche Höhen 
hat, nicht geringere, als in der Fieberhitze. 

Die bedeutendste Bereicherung der thermometrischen That- 
sachen, wenigstens an Gesunden, in dieser Periode verdanken wir 
John Davy. Derselbe hat in Physiological and anatomical resear- 
ches, 1839, seine früher pubhcirten Abhandlungen wiedergegeben. 

Aber im Ganzen waren die Arbeiten über die thierische Wärme 
in den dreissiger Jahren spärlich und H. Nasse hat (1. c.) sehr rich- 
tig die Lage ausgedrückt, wenn er sagt: In den letzten Jahren ist 
die Lehre von der Wärme mehr als früher vernachlässigt worden , ja 
sie ist fast ganz dieselbe geblieben. 

8. Mit dem fünften Jahrzehnt beginnt eine nicht wieder 
unterbrochene Reihenfolge der ernstlichsten und immer sorgfältiger 
werdenden Forschungen über die Körperwärme, sowohl im gesunden 
als im kranken Zustande. 

Erst von dieser Zeit an sind die Thatsachen über die Wärme 
gesunder wie kranker Individuen in grösserem Maassstab und in 
methodischerer Weise gesammelt worden. 

Was zuerst die practische Verwendung der Thermometrie für 
die klinische Beobachtung, welche sich fern von allen Theorien hielt, 
anbelangt , so hatten zwar bis dahin immerhin Einzelne die Wichtig- 
keit der Temperaturmessung für das Urtheil über Schwere der Krank- 
Keit, über Besserung oder Verschlimmerung anerkannt; es hatten 
Andere die Erhebung der Eigenwärme in Krankheiten an sich oder 



44 Geschichte und Literatur 

in ihrem Verhältniss zu andern Einzelsymptomen (Puls u. s. w.) der 
Beachtung werth gebalten; aber nirgends (seit Currie) war auch 
nur der Versuch gemacht oder seine Möglichkeit geahnt worden , in 
dem Verhalten der Eigenwärme der Kranken eine factische Gesetz- 
mässigkeit zu erblicken und sie zur Anschauung zu bringen. 

A n d r a 1 , den wir allenthalben an der Spitze des wahren Fort- 
schritts seiner Zeit erblicken , hat auch zuerst diese Bedeutung 
der Thermometrie für die Krankheitskunde erkannt und im Jahre 
1841 in seinen Vorlesungen über allgemeine Pathologie eine Anzahl 
bestimmter Gesetze über die Temperaturhöhe in Krankheiten for- 
mulirt. 

Von grosser Bedeutung war die im Jahre 1842 erschienene 
ausgezeichnete Dissertation von Gierse. Die Hallenser Facultät 
hatte die Preisaufgabe gestellt: quaenam sit ratio caloris organici 
partium inflammatione laborantium, investigetur experimentis accura- 
tius faciendis. Gierse hat seiner Arbeit eine weitere Ausdehnung 
gegeben und durch sorgfältige Messungen nicht nur die Temperatur 
an künstlich und spontan entzündeten Hautstellen und Schleimhäuten 
untersucht, sondern auch verschiedene Fieberkranke (an Wechsel- 
fieber, Scharlach, Morbillen und andern Affectionen Erkrankte), zum 
Theil zu wiederholten Malen , gemessen , ebenso die Temperatur der 
Vagina während der Menses und der Schwangerschaft untersucht, 
die Eigenwärme zu verschiedenen Tageszeiten an sich selbst geprüft 
und endlich auch noch Untersuchungen an Pflanzen hinzugefügt. 
Gierse's Resultate sind lange Zeit hindurch als die maassgebendsten 
angesehen und citirt worden und haben zum Theil auch jetzt noch 
bedeutenden Werth. 

Nicht minder wichtig, wenn auch längere Zeit weniger beachtet, 
waren die Messungen von Hall mann, efngeflochten in dessen 
Schrift über eine zweckmässige Behandlung des Typhus, 1844. 
Durchdrungen von der Wichtigkeit der Thermometrie für Beurthei- 
lung von Kranken und von der Nothwendigkeit ihrer Einführung in 
die klinische Untersuchung, hat er nicht nur bei der Empfehlung der 
Wasserbehandlung im Typhus vorzugsweise sich auf die Resultate 
der Temperatm-beobachtung gestützt , sondern auch eine Anzahl von 
Experimenten über die Schwankungen der Eigenwärme bei Gesun- 
den unter verschiedenen Einflüssen angestellt (p. 54). 

In Frankreich w^irden 1843 Chossat's Recherches experi- 
mentales sur l'inanition (Mem. de l'academie royale des sciences, 
tom. VIII. p. 438), welche übrigens schon 1838 übergeben worden 
waren, veröffentlicht. In dem zweiten Theile (von p. 532 an) wer- 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 45 

den die WirkuDgen der Inanition auf die thierische Wärme unter- 
sucht und dabei auch die Tagesschwankungen der Temperatur im 
Normalzustande sorgfältig erörtert. Chossat sieht die Verschieden- 
heit der Tages- und Nachttemperatur als einen Beweis an , „ que les 
combinaisons d'oü resultent les degagements de la chaleur animale, 
se fönt essentiellement sous l'influence nerveuse" (p. 554). Er unter- 
sucht die Temperaturabnahme bei completer Abstinenz wie bei un- 
genügender Nahrung und giebt die Minima an , bis zu welchen die 
Eigenwärme beim Inanitionstode fällt. 

Von grosser Bedeutung, wenn auch ausgeführt nach einem 
beschränkten Plane und nicht mit denjenigen Cautelen , welche zu- 
verlässige Resultate verbürgen, sind die Forschungen von H.Roger, 
de la temperature chez les enfants ä l'etat physiologique et patholo- 
gique, veröffentlicht von 1844 an in den Arch. gener., serie 4, 
tom. IV — IX. Nach Erörterungen über die thermometrische Tech- 
nik bringt Roger Untersuchungen über die normale Kindertemperatur 
(bei der Geburt, in den ersten 7 Tagen und später), sodann bei der 
Ephemera, dem Wechsel- und Typhoidfieber, den Pocken, dem Schar- 
lach, den Masern, dem Rothlauf, dem Rheumatismus, der Pericarditis 
und Herzhypertrophie, der Stomatitis, Enteritis, Dysenterie, der Menin- 
gitis, Encephahtis, der Laryngitis, Bronchitis, Pleuritis, Pneumonie, 
ferner der Tuberculose, dem Keuchhusten, der Chorea, den Hy- 
dropsieu , der Rhachitis und der Paralyse ; weiter bei dem Mund- 
brand und dem Oedem der Neugebornen. Zuletzt resumirt er 
tom. IX. p. 261 — 297 die gewonnenen Resultate, namentlich auch 
in practischer Beziehung, in ihrer Anwendung auf Diagnose und 
Prognose. Ein solcher Reichthum thermometrischer Thatsachen war 
noch nicht da gewesen , und Roger selbst hat die practische Bedeu- 
tung solcher Forschungen sehr wohl zu würdigen gewusst. Wenn 
man jedoch zugeben muss, dass seine grosse Arbeit, den vollen Werth 
der pathologischen Thermometrie nicht ausdrückte, so liegt der 
Grund vornehmlich darin, dass die Beobachtungen bei dem einzel- 
nen Falle zu selten vviederholt wurden , oft nur einmalige Messung 
gemacht wurde , dass überhaupt Roger's Bestreben mehr war , die 
Höhegrade bei verschiedenen Krankheiten zu vergleichen, oder auch 
die Tiefe des Sinkens festzustellen , als — worauf doch das Meiste 
ankommt — den Gang der Temperatur im Verlaufe einer Krank- 
heit nachzuweisen. Nichtsdestoweniger sind auch heute noch die 
Schlussfolgerungen Roger's vom grössten Interesse und enthalten viele 
feine Bemerkungen. 

Demarquay veröffentlichte einen experimentalpathologischen 



46- Geschichte und Literatur 

Beitrag , in welchem er den Einfluss des Schmerzes , der Hämorrha- 
gien , der Unterbindung der Gefässe , der traumatischen Entzündun- 
gen, der Diumabschnürungen , verschiedener toxischer Einwirkungen 
auf die Eigenwärme an Thieren untersuchte : Recherches experimen- 
tales sur la temperature Dissert. 1847, und mit Dumeril gemein- 
schafthch : Experimente über den erniedrigenden Einfluss von Aether 
und Chloroform auf die Eigenwärme (1848, Arch. gener. 4. serie, 
tom. XVI. p. 189). 

Um diese Zeit hat auch G. Zimmermann, Militärarzt in 
Hamm, angefangen, zahlreiche Temperaturbeobachtungen zu machen. 
Seine ersten VeröffentHchungen finden sich in der Med. Zeitung d. 
Vereins f. Heilkunde in Preussen, 1846, Nr. 30 und 40, denen 
unmittelbar darauf sehr zahlreiche weitere in demselben Journal 1847 
Nr. 19—21 und 35—36, in Prager med. Viertelj. 1847, Bd. 4. 
p. 1, im Archiv für Chemie und Mikroskopie 1847 und in seiner 
Schrift über die Analyse des Blutes 1847 folgten. Mit dem Jahre 
1850 beginnt eine neue Reihe von Publicationen dieses Arztes; zu- 
erst im Archiv für physiologische Heilkunde 1850, p. 283, ferner 
im 1. Heft des von ihm selbst herausgegebenen Archivs für Patho- 
logie und Therapie 1850, in der Deutschen Klinik 1851, Nr. 36, 
und 1852, Nr. 9, in der Prager medicin. Vierteljahrschrift 1852, 
Bd. 4. p. 97, in der Med. Zeitung des Vereins f. Heilkunde in 
Preussen 1852, besonders aber in einer eigenen Broschüre : Klini- 
sche Untersuchungen zur Fieber-, Entzündungs- und Krisen-Lehre 
1854. — Zimmermann hat ein unzweifelhaftes und grosses Ver- 
dienst, mit unermüdlicher Energie die Temperaturbeobachtung am 
Krankenbette verlangt zu haben , zu einer Zeit , wo ihre Bedeutung 
von fast allen Aerzten völlig unverstanden war. Seine herben und 
keine Rücksichten kennenden Aeusserungen über Collegen wegen 
Vernachlässigung eines so wichtigen Beobachtungsmittels kann man 
nicht als unbegründet bezeichnen. Dabei hat er selbst eine Anzahl 
sehr werthvoller positiver Beiträge gegeben. Freilich haben seine 
Abhandlungen in ihrer breiten Abundanz wenig ermuntert, seine 
Wege zu betreten. Abgesehen von den thatsächhchen Bereicherungen, 
welche man ihm verdankt, sind seine Arbeiten noch deshalb von 
Wichtigkeit, weil er zuerst und in exclusivster Weise die Behauptung 
von der Abhängigkeit der abnormen Wärmeerhöhung von localen 
Entzündungsprocessen und der in ihnen entwickelten Wärmesteige- 
rung vertrat. 

Ohne Zweifel unter N a s s e ' s Einfluss , der damals der einzige 
deutsche Kliniker gewesen zu sein scheint, welcher sich für die 



der thermometrischen Krankenbeobachtung, 47 

Verhältnisse der Eigenwärme lebhafter interessirte , erschien die 
Bonner Dissertation von J. Peter Schmitz 1849: De calore 
in morbo, mit etwa 300 eigenen Messungen bei verschiedenen 
Kranken. 

An diese Leistungen der medicinischen Practiker schliessen sich 
die ein schlichtes ßeobachtungsmaterial bietenden und ohne alle 
theoretische Voraussetzungen und Beigaben zu allgemeinen Sätzen 
benutzten Untersuchungen über die Eigenwärme der Gesunden von 
dem früher schon erwähnten John Davy an. Derselbe hat in den 
Jahren 1844 — 50 eine Anzahl Abhandlungen von mehr oder 
weniger grosser Bedeutung veröffenthcht , die er 1863 gesammelt in 
den Physiological researches herausgab. Sie handeln von der Tem- 
peratur im Greisenalter, von dem Einfluss verschiedener Lufttem- 
peraturen auf die thierische Wärme, von den Tagesschwankungen, 
dem Einfluss der Jahreszeit, der activen Bewegung, der Bewegung im 
Wagen , der concentrirten Aufmerksamkeit , der Nahrungsaufnahme, 
der Seekrankheit auf die Eigenwärme und zwar alles diess sowohl in 
nördlichen wie in tropischen Klimaten, und von manchen anderen 
weniger wichtigen Punkten. Sie sind , wenn gleich sie nicht allent- 
halben die vollste Exactheit beanspruchen können, Sammlungen eines 
Materials von grossem Werthe. 

Auch andere Physiologen beschäftigten sich mit einzelnen 
Punkten der thierischen Wärme. Fourcault, Flourens und 
besonders Magen die haben experimentelle Beiträge zur Wärme- 
physiologie geliefert. 

Bergmann gab 1845 (Müller's Archiv, p. 300) einen nicht 
chemischen Beitrag* zur Kritik der Lehre vom calor animalis und 
1847 (Göttinger Studien p. 595) eine Abhandlung über die Verhält- 
nisse der Wärmeökonomie der Thiere zu ihrer Grösse. 

1846 veröffentlichte Helmholtz einen sehr werthvollen zu- 
sammenfassenden Artikel über die Wärme in dem Berliner encyklo- 
pädischen Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften, Bd. 25, 
p. 323, und 1848 lieferte derselbe Forscher den Nachweis der 
Wärmeentwickelung bei der Muskelaction. 

Von Donders erschien 1847 aus dem Holländischen über- 
setzt eine Abhandlung : der Stoffwechsel als Quelle der Eigenwärme 
bei Pflanzen und Thieren. 

An die physiologischen Arbeiten schliesst sich auch Friedrich 
Nasse's Abhandlung an: Verbrennen und Athmen, 1846. 



48 Geschichte und Literatur 

9. Bei weitem die grösste Förderung im fünften Jahrzehent 
hat aber die Theorie von der Wärme überhaupt und von der 
thierischen Wärme insbesondere gewonnen. Neue Principien traten 
zu Tage , welche Anfangs von geringem Einfluss schienen, nunmehr 
aber auf den Weg gelangt sind , die unbestreitbare Herrschaft über 
alle Anschauungen hinsichtlich der Wärme zu behaupten. 

Es sind hier zuerst zu erwähnen die weniger auf directen 
bestimmten Experimenten , als vielmehr auf geistvollen und scharf- 
sinnigen Conceptionen beruhenden Aeusserungen L i e b i g ' s über die 
Quelle der thierischen Wärme, als welche er die Wechselwirkung 
zwischen den Bestandtheilen der Alimente und dem durch die Blut- 
circulation im Körper verbreiteten Sauerstoff erkennt (die organische 
Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie 1842). 
Sind auch nicht alle Ausführungen Liebig's in dieser Schrift haltbar, 
ist namentlich seine von Vielen acceptirte Unterscheidung zwischen 
plastischen Nahrungsmitteln und wärmeerzeugenden Respirations- 
mitteln schwerlich in ihrer ganzen Strenge aufrecht zu erhalten , sind 
ferner besonders die Streifzüge auf das Gebiet der Pathologie nicht 
überall gelungen , so behält doch die bestimmte Zurückführung des 
Ursprungs der thierischen Wärme auf chemische Processe und spe- 
ciell auf eine stille Verbrennung ihre vollste Bedeutung. Die Grund- 
lage, welche Lavoisier gelegt hatte, erhielt durch Liebig einen 
umfangreichen und wohlgegliederten Aufbau und die Wahrheit der 
Lavoisier'schen Entdeckung wurde von Liebig gegen jeden Wider- 
spruch festgestellt. 

Eine völlig neue Conception aber war die Erkennung der 
einheitlichen Natur der sogenannten Imponderabilien, der chemischen 
Kräfte und der Bewegung, die Zurückführung aller physicahschen 
und chemischen Vorgänge auf eine einzige Kraft , die als Licht von 
der Sonne, ihrer unerschöpflichen Quelle, zugeführt bald als chemische 
Diflferenz, bald zu Wärme umgewandelt, bald als mechanischer Effect 
(Bewegung), bald in Elektricität umgesetzt in die Erscheinung tritt 
und bei allen diesen Umwandlungen in der unorganischen wie in der 
organischen Natur als constante Grösse sich erhält. 

Es ist der Dr. J. R. Mayer, practischer Art in Heilbronn, 
welcher diese epochemachende Idee zuerst in einer kurzen Abhand- 
lung : Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur , in Wöh- 
1er und Liebig's Annalen, Mai 1842, alsdann in seiner kleinen 
Schrift : Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhang mit dem 
Stoffwechsel, 1845, entwickelte. Seine anfangs völlig unbeachtete, 
allmälig aber in ihrer Grossartigkeit und Correctheit immer mehr 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 49 

anerkannte Lehre von der Bewegung als mechanischem Aequivalent 
der Wärme ist die Grundlage der jetzigen Anschauungen über die 
Natur der Wärme, über die natürlichen Kräfte überhaupt, ihre Erhal- 
tung und Umsetzung in einander; und wenn auch erst, nachdem 
H e 1 m h 1 1 z ein Jahrzehent später im Wesentlichen dieselben Ideen 
vorgetragen hat , ihr Einfluss auf die Neugestaltung der Wärmelehre 
entscheidend geworden ist, so wird doch heutzutage allenthalben an- 
■erkannt, dass Mayer der wahre Entdecker der mechanischen Theorie 
der Naturkräfte ist. 

Ex nihilo nil fit : nil fit ad nihilum (sagt Mayer : die organische 
Bewegung p. 5) : die Wirkung ist gleich der Ursache , die Wirkung 
der Kraft ist wiederum Kraft. Es giebt in Wahrheit nur eine ein- 
zige Kraft. In ewigem Wechsel kreist dieselbe in der todten wie 
in der lebenden Natur. Dort und hier kein Vorgang ohne Form- 
veränderung der Kraft (p. 6). Die Wärme ist eine Kraft: sie lässt 
sich in mechanischen Effect verwandeln (p. 10). Die chemische 
Differenz ist eine Kraft (p. 28); die Verwandlung von chemischer 
Dififerenz in Wärme erfolgt bei der Verbrennung (p. 35). Bei allen 
physicalischen und chemischen Vorgängen bleibt die gegebene Kraft 
eine constante Grösse (p. 32). Die einzige Ursache der thierischen 
Wärme ist ein chemischer Process , in specie ein Oxydationsprocess 
(p. 46). Die chemische Kraft, welche in den eingeführten Nah- 
rungsmitteln und in dem eingeathmeten Sauerstoff enthalten ist, ist 
die Quelle zweier Kraftäusserungen , der Bewegung und der Wärme 
und die Summe der von einem Thiere producirten physischen Kräfte 
ist gleich der Grösse des gleichzeitig erfolgenden chemischen Pro- 
cesses (p. 45). 

Diese Anschauungen haben seither nicht nur in der Physik, 
sondern auch in der Physiologie die vollständige Geltung erlangt und 
es kann nicht fehlen , dass sie auch für die Pathologie entscheidend 
werden müssen , wenn gleich ihrer Anwendung auf die unendlich 
complicirteren krankhaften Verhältnisse die grössten sachlichen 
Schwierigkeiten entgegenstehen. In der angegebenen Schrift hat 
Mayer selbst nicht nur viele physiologische, sondern auch einige 
pathologische Verhältnisse in der scharfsinnigsten Weise durch seine 
Theorie erleuchtet. Eine ausführlichere Verwendung für die Patho- 
logie hat er in seiner Abhandlung über das Fieber (Archiv der Heil- 
kunde 1862, p. 385) versucht. 

Kurze Zeit nach Mayer hat Joule aus Manchester die unver- 
änderliche Beziehung zwischen Wärme und mechanischer Kraft 
experimentell nachgewiesen und gezeigt , dass eine gegebene Quan- 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 4 



50 Geschichte und Literatur 

tität von Kraft eine bestimmte Quantität von Wärme hervorbringt^ 
wie andererseits dass die Quantität Wärme, welche die Temperatur 
eines bestimmten Quantums Wasser um einen Grad erhöht, genau 
eine mechanische Wirkung von bestimmter Grösse hervorzubringen 
vermag. Aus dieser Thatsache ist der Ausdruck und Begriff des Kilo- 
grammmeter entstanden , um die mechanische Kraft zu bezeichnen, 
welche nöthig und genügend ist, um 1000 Gramm auf 1 Meter Höhe 
(oder 1 Gramm auf 1000 Meter Höhe) zu heben, und man hat gefun- 
den, dass die Wärme , welche ein Kilogramm Wasser um 1 Grad zu 
erhöhen vermag, 424 Kilogramm um 1 Meter hebt, und umgekehrt 
dass dieselbe mechanische Kraft, welche die letztere Wirkung her- 
vorbringt, die Temperatur eines Kilogramm Wasser um 1 Grad 
erhöht , mit andern Worten , dass das mechanische Aequivalent der 
Wärme (die zur Erwärmung eines Kilogramm Wasser um 1 Grad 
nöthige Wärmemenge als Einheit gesetzt) = 424 Kilogramm- 
meter ist. 

Hirn in Colmar zeigte durch directe Versuche , dass bei der 
Arbeit die Wärmeproduction dem mehrverzehrten Sauerstoff nicht 
entspricht , vielmehr zur Arbeit verwendeT:;>^rd. Während bei voll- 
kommener Ruhe in der Stunde 30 Gramm Sauerstoff verzehrt und 
155 Wärmeeinheiten producirt wurden, stieg bei einer Arbeit von 
27450 Kilogrammmetern in, der Stunde die Sauerstoffaufnahme auf 
132, die producirte Wärmte aber nur auf 251 Einheiten; jene war 
somit fast auf das 4i/^fache, letztere blos auf das 1 2/3 fache ver- 
mehrt. Statt der nh^ pg)(iuew-t|^ ^pfüe war demnach Arbeit 
geleistet worden. ^'"- ^ ■ . „, , — ""^^^ 

Es würde zu weit führen , in weiteres Detail hier einzugehen. 
Es mag vielmehr genügen, darauf hingewiesen zu haben, welche 
Richtung die Wärmelehre durch Mayer's Initiative genommen hat. 

10. In eine neue Phase der Entwickelung trat die 
Thermometrie zu ärztlichen Zwecken im Anfang der 
fünfziger Jahre. 

Es waren zwei deutsche Aerzte, welche um das Jahr 1850 und 

51 höchst bedeutungsvolle und für die medicinische Thermometrie 
bahnbrechende Beobachtungen veröffentlichten : Bären sprung 
und Traube. 

Die Priorität zwischen Beiden kann fraglich erscheinen. 

Traube hat vor Bärensprung seine ersten Temperaturmessun- 
gen publicirt in dem Aufsatz über die Wirkungen der Digitalis , ins- 
besondere über den Einfluss derselben auf die Körpertemperatur in 



der thermometri sehen Krankenbeobachtung, 5][ 

fieberhaften Krankheiten (Annalen der Charite 1850, p. 622); aber 
aus andern Abhandlungen desselben Jahrganges geht hervor, dass er 
im März und Juni Pneumoniekranke noch nicht gemessen hat. Sein 
erster Fall , bei welchem Temperaturmessungen angegeben sind , ist 
ein Abdominaltyphus vom 18. Juni 1850. 

Bärensprungs Arbeit: Untersuchungen über die Temperatur- 
verhältnisse des Fötus und des erwachsenen Menschen im gesunden 
und kranken Zustande, erschien 1851 in Müller's Archiv, also jeden- 
falls nach der ersten Veröffentlichung Traube's. Erwägt man jedoch 
das umfängliche Beobachtuugsmaterial , welches er bringt , so muss 
man annehmen , dass seine Untersuchungen früher begonnen haben, 
als die Traube's. 

Indessen ist die Entscheidung der Prioritätsfrage in diesem 
Falle von höchst untergeordnetem Momente. Beide Forscher haben 
ohne Zweifel unbeeinflusst von einander beobachtet , und beiden For- 
schern bleibt ihr eminentes Verdienst ungeschmälert, wer auch der 
Erste in der Arbeit gewesen sein mag. 

Bärensprung's Abhandlung ist eine wahrhaft klassische. 
Er hat alle Hauptpunkte der thermometrischen Erfahrung bereits 
festgestellt, nach den mannigfachsten Seiten die Verhältnisse verfolgt 
und überall Resultate gewonnen , deren Richtigkeit die spätere Beob- 
achtung nur zu bestätigen hatte. Was bis dahin nur in einzelnen 
dürftigen und zum Theil wenig zuverlässigen Fragmenten bekannt 
war, ist durch die Bärensprung'sche Abhandlung auf einmal zu einer 
allseitig durchgebildeten , auf zahlreichen Punkten durchforschten 
Doctrin herangewachsen. Wenn dessenungeachtet sein Werk nicht 
den Einfluss auf die Aerzte ausgeübt hat, den es seinem Werthe 
nach hätte haben kennen und sollen , so liegt der Grund vielleicht in 
einer gewissen Umständlichkeit, durch welche er die Untersuchungs- 
methode mit zu vielen Cautelen , wie sie freilich von einer strengen 
Forschung gefordert werden müssen, umgab. Die zwei Decimal- 
stellen , die er vielfacli den gefundenen Temperaturwerthen beifügte, 
die Beachtung, welche er Abweichungen von ^/jo^ und darunter zu 
schenken schien, die Forderung, auf jede Messung eine halbe Stunde 
zu verwenden , empfahlen die Thermometrie für die Praxis wenig, 
mussten das ganze Verfahren als lästig und für die gewöhnliche ärzt- 
liche Beschäftigung gradezu unmöglich , ja selbst für die Hospital- 
praxis nur ausnahmsweise ausführbar erscheinen lassen. 

Traube's thermometrische Untersuchungen dagegen, welche 
allenthalben den Stempel der strengsten Naturforschung trugen, 
haben sich mehr die Entscheidung einzelner theils theoretischer, 



52 Geschichte und Literatur 

theils praktischer Fragen zum Vorwurf genommen (Digitaliswirkung, 
Krisen, kritische Tage) und haben gezeigt, ein welch unermesslich 
werthvolles und vielfach durch nichts Anderes zu ersetzendes Mittel 
zur Aufklärung angefochtener und streitiger Punkte in der Heilkunde 
das Thermometer ist. 

11. Ich selbst habe, veranlasst durch Traube's mündliche 
Aufforderung, die Temperaturmessung seit October 1851 in meiner 
Klinik eingeführt. Anfangs nur in einzelnen ausgezeichneten Fäl- 
len benutzt , geschah die Verwendung des Instruments bei wachsen- 
der Einsicht in den Werth dieses üntersuchungsmittels allmälig in 
immer ausgedehnterer und consequenterer Weise. Seit 17 Jahren 
befindet sich kein Kranker auf meiner Station des Hospitals, bei dem 
nicht regelmässige Messungen vorgenommen werden ; und während 
diese anfangs nur zweimal täglich stattfanden, so werden sie seit 
etwa 12 Jahren bei Fiebernden 4 und 6 mal täglich, nach Umstän- 
den noch häufiger gemacht. Die Zahl der Krankheitsfälle , über 
welche thermometrische Beobachtungen aus meiner Klinik vorliegen, 
beläuft sich auf mehr als 25000 und die Zahl der einzelnen Messun- 
gen auf mehrere Millionen. 

Ich stellte mir zunächst die Aufgabe, das wirkliche Geschehen 
hinsichtlich der Eigenwärme bei Kranken, so allseitig wie möglich, 
unbeirrt von theoretischen Vorstellungen und anfänglich ohne Ablen- 
kung durch Verfolgung einzelner Fragen und Zwecke festzustellen 
und dabei durch die Masse der Beobachtungen die Wirkungen von 
Zufälligkeiten unschädhch zu machen. 

Erst als die Beobachtungen in die Hunderttausende gingen, 
schienen sie mir eine Unterlage zu geben für Beantwortung der nach 
meiner Ansicht wichtigsten , obersten und alle anderen einschUessen- 
den Fragen: giebt es eine Regel, eine Gesetzmässig- 
keit des Verlaufs gewisser Krankheitsformen und 
las st sich eine solche an dem Gange der Tempera- 
tur und durch ihn nachweisen? 

Die Bejahung dieser Frage konnte zuerst bei unserer häufig- 
sten schweren acuten Krankheitsform , dem Abdominaltyphus und bei 
einer zwar kleinen und kurzdauernden, aber fast vollständig in meine 
eigene Beobachtung fallenden Epidemie eines nach Leipzig ein- 
geschleppten exanthematischen Typhus ausgesprochen werden. 

Nachdem aber auch für andere Krankheitsformen auf Grund 
der sorgsamsten Beobachtungen und der unbefangensten Ueberlegung 
die Gesetzmässigkeit des Verlaufs von mir erkannt war , setzte sich 



der thermometrischen Krankenbeobachtung, 53 

mir die üeberzeugung von dem unermesslichen , früher von Nieman- 
dem geahnten pral^tischen Werthe der Thermometrie unerschütterlich 
fest und es muaste mein Bestreben werden, diese üeberzeugung auch 
bei Andern zu wecken und zu befestigen. 

Doch hielt ich dafür , dass Erfahrungen von solchem Anspruch 
erst reifen und durch die umfassendste Bestätigung gesichert sein 
müssen. Ich habe daher — abgesehen von den Mittheilungen mei- 
nes damaligen Assistenten (Herrn Thierfelder) über den abdominalen 
Typhus und meinen eigenen über den exanthematischen und den 
Hinweisungen auf das thermometrische Verhalten bei einzelnen 
Krankheitsformen in meinem Handbuch der Pathologie und Therapie 
(2. Aufl.) — erst 6 und 7 Jahre nach dem Beginn der thermometri- 
schen Messungen auf meiner Klinik die wichtigsten Gesichtspunkte 
und Ergebnisse zur allgemeinen Kenntniss gebracht, seither aber an 
immer neuen Beispielen die Leistungsfähigkeit dieser üntersuchungs- 
methode auf den verschiedensten Gebieten der Pathologie und für 
zahlreiche Aufgaben des ärztlichen Urtheils zu erweisen gesucht. 
Siehe meine Abhandlungen im Archiv für physiolog. Heilkunde 1857 
und 58 und im Archiv der Heilkunde 1860 — 69. 

Allein niemals würde mir die Sammlung des immensen Beob- 
achtungsmaterials , das mir jetzt zur Verfügung steht, und das mir 
die Feststellung der allgemeinen Thatsachen und die Auffindung der 
Normen und Regeln der Krankheitsverläufe ermöglicht hat, gelungen 
sein , wenn ich nicht getreulich unterstützt worden wäre durch eine 
Reihe ausgezeichneter und gewissenhafter Gehülfen , welche bei Tag 
und bei Nacht mit grösster Aufopferung Beobachtungen anstellten 
und controlirten und von welchen mehrere in eigenen Veröffent- 
lichungen theils durch selbständige directe Forschung, theils durch 
Bearbeitung des im Archive meiner Klinik seit 16 Jahren aufgesam- 
melten Materials viele einzelne Fragen erörtert haben. Es ist mir 
ein Bedürfniss, hier den Dank dafür sowohl meinen früheren Assisten- 
ten: den Herren DDr. Thierfelder (jetzt Prof. der Klinik zu Rostock), 
üble (später Prof. der Klinik in Dorpat , t als Prof. der Klinik in 
Jena), Friedemann (f als praktischer Arzt), Rotter, Nakonz, Geissler 
(t als Docent und klinischer Assistent), Wolff, Blass, Thomas (jetzt 
Professor und Director der Poliklinik) , Siegel (jetzt Bezirksarzt in 
Leipzig) , Schenkel , Treibmann , Friedländer , Heinze, als auch mei- 
nen jetzigen Hülfsärzten, den DDr. Heubner, Stecher und Hankel, 
sodann endlich mehreren früheren Studirenden , welche gleichfalls 
werthvolle Beiträge über das thermometrische Verhalten veröffentlicht 



gvf Geschichte und Literatur 

haben , besonders den Herren DDr. Seume, Michael und Hübler etc. 
auszusprechen. 

Ich darf wohl sagen , dass unser Bemühen nicht erfolglos ge- 
wesen ist. Die Messungen, welche man nach den ersten Veröffent- 
lichungen aus meiner Klinik belächeln zu dürfen vermeinte und die ein 
französischer Kritiker für eine unfruchtbare Düftelei erklärte, zu der 
man nur in den angeblich kleinen deutschen Hospitälern , in welchen 
die Zahl der angestellten Aerzte der der Kranken fast gleichkomme, 
sich verirren könne, diese Messungen sind jetzt wohl in allen klini- 
schen Anstalten Deutschlands, in der Mehrzahl der Hospitäler und 
bei einer grossen Menge der beschäftigtsten Praktiker zur Gewohn- 
heit geworden und werden als unerlässlicherTheil jeder Beobachtung 
eines Fiebernden angesehen. 

Man vergleiche den Umfang und Inhalt dieses Wissensgebiets, 
wie er vor einem Jahrzehnt gewesen und wie er sich jetzt gestaltet 
hat, und man wird eine Entwicklung einräumen , wie sie wenig Doc- 
trinen in so kurzer Zeit erlangt haben dürften, üeberall hat sich 
den Verhältnissen der Eigenwärme die grösste Aufmerksamkeit der 
Forscher zugewendet. 

Das Verhalten der Eigenwärme bei Gesunden in ihren 
Schwankungen und Beeinflussungen wurde durch die schönen Unter- 
suchungen von R.Lichtenfels und R. F r ö h 1 i c h (Beobachtungen 
über die Gesetze der Pulsfrequenz und Körperwärme in den nor- 
malen Zuständen, sowie unter dem Einfluss bestimmter Ursachen ; in 
Denkschr. der Wiener Academie 1852, mathem. naturwissensch. 
Classe, Bd. HI, Abth. 2, p. 113) nach vielen Beziehungen fest- 
gestellt. Weitere Beiträge dazu lieferten : Damrosch (über die 
täglichen Schwankungen der menschlichen Eigenwärme im gesunden 
Zustand: Deutsche Klinik 1853, p. 313); Kn^iuthe (halbstünd- 
liche und viertelstündliche Temperaturcurven von Gesunden: Zeitschr. 
für Medicin 1865, Heft 8); W. Ogle (on the diurnal variations in 
the temp. of the human body: St. George's hosp. reports 1866. I. 
221); Jürgensen (über den typischen Gang der Tageswärme 
des gesunden Menschen: deutsches Arch. für klinische Medicin 1867. 
III. 166). 

Die Modificationen der Eigenwärme, welche sich bei Schwan- 
gerschaft, während der Entbindung und im Wochenbett, 
sowie bei Neugeborenen ergeben, wurden sehr eingehend erforscht, 
wie später noch angegeben werden wird. Nicht weniger sorgfältig 
wurden namentlich durch Billroth, sodann durch 0. Weber die 



der thermometrischen Krankenbeobachtung, 55 

Wärmeverhäitnisse bei Verletzten geprüft. Die Thermometrie ist in 
die chirurgische Praxis für alle Zeiten eingeführt. 

Hinsichtlich der Innern Krankheiten wurden sehr zahlreiche 
Temperaturbeobachtungen veröffentlicht. Sind dadurch auch nicht 
gerade grosse neue Thatsachen den von Bärensprung, Traube und 
in meiner Klinik gewonnenen hinzugefügt worden , so war doch die 
vielseitige Bestätigung der aufgestellten Sätze durch weitere Beob- 
achtungen und an den verschiedensten Orten von Werth und sind 
immerhin auch einzelne specielle Punkte weiter aufgeklärt worden. 
Das Nähere wird bei den einzelnen Krankheiten erwähnt werden. 
Zusammenfassende Darstellungen wurden versucht von J e n n i (Beob- 
achtungen über die Körperwärme in Krankheiten 1860), Wolf 
{Rückblick auf die bisherigen Temperaturbeobachtungen : Archiv des 
Vereins für wissensch. Heilk. 1864. Neue Folge I. 361) und in 
dem Handbuch der allgem. Pathologie von Uhle und Wagner 
<3. Aufl. p. 537—560). 

Von unzweifelhaftem Einfluss ist die Anwendung des Thermo- 
meters bei Kranken auf einen rationelleren Gebrauch der kalten 
Bäder im Abdominaltyphus und in einigen andern Krankheiten ge- 
wesen und es haben , nachdem in dieser Hinsicht Brand in Stettin 
die Bahn gebrochen hatte, vornehmlich Bartels und Jürgen sen, 
Liebermeister, Ziemssen, Obernier,Wahl, Barth, 
Mosler, Immermaun die wärmeentziehende Behandlung fieber- 
hafter Krankheiten mehr oder weniger gefördert. 

Auch in ausserdeutschen Ländern: in Holland, Russ- 
land, Frankreich, Italien und England, sowie in Nordamerika hat die 
Krankenthermometrie angefangen , sich Bahn zu brechen und wäh- 
rend ich in nicht* wenigen Publicationen jaus diesen Ländern meine 
Mittheilungen und die meiner Schüler und Hülfsärzte (theils mit, theils 
ohne Nennung unserer Namen) reproducirt finde , sind auch bereits 
selbstständige Forschungen dort angestellt worden. In Russland 
sind es vornehmlich Aerzte deutscher Abstammung, welche wichtige 
noch später näher zu erwähnende Aufschlüsse über die Wärme- 
verhältnisse gegeben haben. — Aus Holland liegt eine Zusam- 
menstellung der thermometrischen Erfahrungen von Fokker vor: 
over de temperatuur van den mensch in gezonden en zieken 
toestand. 1863. — In Frankreich sind nicht nur ziemlich zahl- 
reiche Dissertationen (von Maurice, Spielmann, Fouque, 
Aronssohn, Hardy, Duclos etc.) erschienen, sondern meh- 
rere ausgezeichnete und mit der deutschen Literatur vertraute Prak- 
tiker haben die thermometrische Beobachtung am Krankenbett in 



( 

5^6 Geschichte und Literatur 

ihrem vollen Werthe erkannt, vorzüglich Charcot (in mehreren 
Arbeiten) und Jaccoud (Legons de Clinique medicale 1867 und 
traite de pathol. interne 1869 p. 72 — 92). In Genf hat Laä6 
eine tüchtige Arbeit; de la temp. du corps dans les maladies 1866 
und in Neuchätel L a d a m e : le thermometre au lit du malade, 
recherches physiologiques et pathologiques sur la temp. de l'homme 
im Bull, de la societe des sc. naturelles de Neuchätel 1866 veröffent- 
licht. — In America hat nach Lewick (Pennsylv. hosp. reports 
1868 I. 382) schon 1851 Bennet Dowler in New-Orleans eine 
Anzahl Experimental researches into animal heat in the living and 
dead body gemacht und in den New -York Medical Gazette (Juli), 
ferner später (1856) in den New Orleans Med. and Surgical Journal 
veröffentlicht. Unsere Erfahrungen hat besonders S e g u i n (Medical 
record 1866 I. 516) in America bekannt gemacht und die Thermo- 
metrie hat seither daselbst weite Verbreitung und Anerkennung 
gefunden. — In England hat zuerst John Simon, dann beson- 
ders Sidney Ringer (vorzugsweise in seinem Werke : on the 
temperature of the body as a means of diagnosis in phthisis and 
tuberculosis 1865) und Aitkin (welch letzterer in seinem Werke: 
Science and practice of medicine fast bei jeder fieberhaften Krank- 
heit meine Beobachtungen und viele meiner Curven mittheilt) den 
Werth der Thermometrie in kräftigster Weise hervorgehoben und 
deren bedeutungsvolle Resultate bei ihren Landsleuten eingebürgert. 
Gerade in England hat die Krankenthermometrie bei zahlreichen 
einsichtsvollen Aerzten in neuester Zeit grosse Theilnahme gefunden, 
wozu ohne Zweifel die Arbeiten der dortigen Deutschen , namentlich 
W^eber's und Bäumler's nicht wenig beigetragen haben. Vergl. die 
Artikel von Compton (im Dublin Journal August 1866), von 
Grimshaw (ebendaselbst Mai 1867), von Warter (St. Barthom, Hosp. 
reports 1866), M'Corraak (Med. Times and Gaz. 1866), Gibson 
(British med. Journal 1866), Smith (Edinb. med. Journal 1866) 
u. A. mehr. 

12. Neben der Vervielfältigung der directen Wärmebeobachtung 
am Kranken und dem Ausbau der pathologischen Thermometrie 
gingen in den letzten Jahren wichtige theoretische Untersuchun- 
gen und Erörterungen einher. 

Es sind hier zunächst zu erwähnen die zusammenfassenden 
Werke, Abschnitte und Abhandlungen über die Wärme über- 
haupt und die thierische Wärme insbesondere: 



der thermometrischen Krankenbeobachtung. 57 

H. Nasse: thierische Wärme in Rud. Wagner's Handwörter- 
buch der Physiologie 1853. Bd. IV. p. 1. 

Gavarret: de la chaleur produite par les etres vivantsl855. 

A. Fick: medicinische Physik 1856, p. 162. 

G. A. Hirn: recherches sur l'equivalent mecanique de la cha- 
leur. Colmar 1858; 2. edit. 1865. 

G. Z e u n e r : Grundziige der mechanischen Wärmetheorie, mit 
besonderer Rücksicht auf das Verhalten des Wasserdampfes 1860 ; 
zweite vollständig umgearbeitete Auflage 1866. 

C. Ludwig: Lehrbuch der Physiologie des Menschen ; zweite 
Auflage 1861. Bd. IL p. 719—758. 

R. Clausius: Abb. über die mechan. Wärmetheorie 1864. 

John Tyndall: la chaleur consideree comme un mode de 
mouvement; traduit de l'anglais par l'abbe Moigno 1864. 

Berthelot: sur la chaleur animale 1865 in Robin's Journal 
de l'anatomie et de la physiol. norm, et pathologique II. 652 und 
Gaz. med. de Paris C. XX. 474. 

Onimus: de la theorie dynamique de la chaleur 1866 in C. 
rendus de la soc. des sciences biologiques. 

R. Mayer: Mechanik der Wärme 1867. (Zusammenstellung 
seiner früheren Abhandlungen.) 

Vergl. ausserdem die betreffenden Abschnitte in den neueren 
Handbüchern der Physik und Physiologie. — 

Sodann aber sind von der grössten Wichtigkeit für die Deu- 
tung der pathologischen Thatsachen und für die Aufklärung 
der Ursachen der febrilen Wärme die zahlreichen experimen- 
tellen Forschungen und die damit zusammenhängenden theoretischen 
Erörterungen. Den Anstoss zu denselben haben zunächst 1852 
Claude Bernard's Versuche über den Einfluss der Gefäss- 
nerven auf die Wärme der Theile gegeben. Eine Reihe von Ex- 
perimentatoren beschäftigte sich mit den hierdurch aufgeworfenen 
Fragen. Einen neuen Vorwurf für das Experiment brachten 1859 
die Arbeiten von Lieber meiste r über die Regulation der Wärme 
im thierischen Körper. Traube' s Fiebertheorie (1863) brachte 
die Frage, ob die Fieberhitze durch verminderte Abgabe oder ver- 
mehrte Production bedingt sei , zur schärferen Discussion. Um die- 
selbe Zeit begannen Billroth und 0. Weber die Aetiologie des 
Fiebers auf experimentellem Wege zu erforschen und haben seither 
eine Anzahl weiterer Beobachter zu Nachfolgern gehabt. 

Die einzelnen hierher gehörigen Arbeiten werden später nam- 
haft gemacht werden. 



IL 

Der praktische Werth und die Aufgaben der 
Krankenthermometrie. 

1. Mit unbez weifelbarem Rechte legt die heutige Medicin unter 
allen zur Beurtheilung krankhafter Zustände verwendbaren Zeichen 
die tiberwiegendste Wichtigkeit den objectiven und unter ihnen 
den physikalischen Erscheinungen bei. 

Auch die Eigenwärme eines kranken Menschen gehört zu den 
objectiven und physikalischen Zeichen. 

Den physikalisch -diagnostischen Methoden, der Percussion, 
Auscultation u. s. w., schliesst sich somit die Thermometrie an , und 
was von der Bedeutung und dem Werthe jener gerühmt w^erden 
kann, muss auch für letztere gültig sein. 

Die Thermometrie hat aber einen Vorzug vor jenen akustischen 
üntersuchungsmethoden voraus , einen Vorzug, der unschätzbar ist : 
sie liefert messbare Zeichen, Zeichen, die sich in Zahlen aus- 
drücken lassen ; sie liefert also ein Material für die Diagnose , über 
das man nicht streiten noch zweifeln kann , welches von dem Dafür- 
halten und der üebung und Schärfe der Sinne des Beobachters unab- 
hängig ist, ein Material, welches mit einem Wort physikalische 
Exactheit besitzt. Unter dem , was der kranke Körper zu seiner 
Beurtheilung bietet, trifft sich nicht Vieles, von welchem sich gleiche 
Schärfe und Zuverlässigkeit rühmen Hesse. 

Die Ergebnisse welche die Thermometrie liefert, haben noch 
einen zweiten Vorzug vor den Resultaten der übrigen physikalischen 
üntersuchungsmethoden. Während die letzteren diagnostischen Hülfs- 
mittel auf körperliche Verhältnisse hinweisen , welche stabil sind, 
oder doch nur in träger Weise Veränderungen eingehen , so gewährt 
die Messung der Eigenwärme einen Einblick in ein unaufhörlich 



Der praktische Werth und die Aufgaben der Krankenthermometrie. 59 

wechselndes Verhalten, dessen normale Oscillationen zwar 
gering sind , das aber in Krankheiten oft genug durch rasche und 
relativ gewaltige Schwankungen und Sprünge auf ähnliche grosse 
Umwälzungen in dem Haushalt des Organismus hindeutet. 

Die Eigenwärme ist also nicht nur ein scharfer, sondern sie 
ist auch ein empfindlicher Maassstab für Vorgänge im Organis- 
mus , die sich oft gar nicht oder doch nur langsam und spät durch 
andere Merkmale kundgeben. 

Es hängt damit ein drittes Verhältniss zusammen , welches der 
Thermometrie eine eigenthümliche Stellung unter den physikalischen 
üntersuchungsmethoden vindicirt. Während die übrigen Methoden 
dieser Art fast ohne Ausnahme die localen Veränderungen an dem 
Körper zum Object haben, werden ihre Leistungen wesentlich 
ergänzt durch die Thermometrie, welche ein von den Vorgän- 
gen des Gesammtkörpers abhängiges Phänomen der 
Beurtheilung zufährt, und indem sie dabei ein durch die messende 
Beobachtung gewonnenes exactes Material zur Verfügung stellt, ein 
Gebiet des kranken Lebens für die Forschung eröffnet , welches den 
übrigen physikalischen Untersuchungsmethoden verschlossen blieb. 
Die Wechslungen in dem Gesammtverhalten des Organismus können 
durch die Thermometrie zum Vorwurf der Beurtheilung gemacht wer- 
den , und die Wichtigkeit dieser Aufgabe steigt in dem Maasse , als 
dem Gesammtzustande in einer Erkrankung eine wesentliche und 
entscheidende Bedeutung zukommt. 

So ist also die Krankenthermometrie eine obj ective 
physikalische üntersuchungsmethode, welche Zei- 
ehen von physikalischer Exactheit, messbare, in Zah- 
len ausdrückbare Zeichen liefert; welche empfindlich genug 
ist, den Veränderungen im Organismus auf jedem Schritte zu folgen, 
und welche ein von den Gesammtvorgängen im Organismus 
abhängiges Phänomen für die ärztlichen Schlüsse zur Ver- 
fügung zu stellen vermag. 

2. Es kann die Feststellung der Eigenwärme eines Kranken 
aus drei Gesichtspunkten als werthvoller Beitrag zur Kenntniss des 
pathologischen Verhaltens aufgefasst werden. 

a) Sie erscheint an sich nothwendig, weil jede Ab- 
weichung vom gesunden Verhalten ein wissenswerthes Element des 
Krankseins ist , wenn aber irgend eine, so gewiss eine Abweichung, 
welche mit objectiver physikalischer Schärfe sich bestimmen lässt. 



60 Der praktische Werth und die Aufgaben 

b) Sofern die Eigenwärme ein allgemeines über den ganzen 
Körper ziemlich gleichmässig verbreitetes und offenbar von Vor- 
gängen , an welchen der ganze Körper participirt , abhängiges Phä- 
nomen ist, ihre Abweichungen somit Zeichen der Gesammt- 
Störung des Körpers sind , so erscheint ihre Feststellung um so 
wichtiger, als sie bis jetzt die einzige rasch und mit Schärfe zu 
bestimmende und in den kleinsten Aenderungen zu verfolgende 
Aeusserung der Gesammtstörungen des Körpers ist. 

c) Da die Eigenwärme messbare Zeichen einer Gesammtstörung 
liefert , da ihre Veränderungen rasch und zu jeder Zeit festzustellen 
sind, so lässt sich aus ihrer Verfolgung durch den Verlauf zahlreicher 
Fälle der gleichen Krankheitsform die Frage zur Entscheidung brin- 
gen, ob es Krankheits formen gebe, bei welchen eine 
Gesetzmässigkeit den Gang der Gesammtstörung beherr- 
sche, woran sich weiter die Untersuchung reihen kann , welche 
Abweichungen von solchem gesetzmässigen Gange vorkommen , und 
wodurch sie bedingt werden. 

Diese drei Gesichtspunkte möge man nicht aus dem Auge ver- 
lieren, wenn man über den praktischen Werth und die Aufgaben 
der Krankenthermometrie urtheilen will. 

Der menschliche Körper besitzt eine von dem Medium , in dem 
er sich befindet , nahezu unabhängige Wärme. Eine einfache und 
sichere Procedur erweist, dass diese Eigenwärme des menschlichen 
Körpers unter gewissen gesunden und krankhaften Verhältnissen ver- 
schiedene Grade bemerken lässt, und zwar dass im gesunden Zustand 
die Eigenwärme fast unter allen Umständen gleich bleibt , während 
sie in Krankheiten innerhalb gewisser Grenzen Ausschreitungen zei- 
gen kann. 

Diese Thatsache an sich allein muss schon das äusserste Inter- 
esse beanspruchen. Oder wäre es nicht ein dringender Anlass zum 
Nachdenken, wenn wir sehen, wie die Eigenwärme des menschlichen 
Körpers ohne vorausgehende oder gleichzeitige Beeinträchtigung sei- 
ner Gesundheit weder erheblich vermehrt noch beträchtlich verringert 
werden kann ? wie sie bei allen Graden und Arten der Einfuhr, der 
Muskelfunctionirung , der Gehirnthätigkeit , bei jeder Weise des 
Respirirens , bei jeder Art des Verbrauchs und Verlustes , so lange 
nur die Gesundheit nicht nothleidet, bei jeder Körpergrösse und 
Körpergestaltung, in jedem Alter, bei jedem Temperamente, und 
ebenso unter allen äusseren Einflüssen , wenn sie nur die Gesundheit 
nicht zu stören vermochten , nur innerhalb der Grenzen von wenigen 
Zehnteln eines Grades sich bewegt? 



( 



der Krankenthermometrie. Q\ 

Ist es nicht ebenso wunderbar, wie dagegen bei den mannig- 
faltigsten Formen der Erkrankung bald rasch , bald allmälig sich 
beträchtliche Abweichungen von der Temperatur des gesunden Kör- 
pers herstellen können? wie das Vorhandensein einer Gesundheits- 
störung bald an sich schon eine Abweichung der Eigenwärme zur 
Folge hat, bald wenigstens eine Geneigtheit des Körpers zu Schwan- 
kungen der Temperatur bei verschiedenen, selbst geringen Einflüssen 
-bedingt ? 

Wenn irgend ein factisches Verhalten am Organismus Beach- 
tung verdient , so ist dieser Gegensatz der Eigenwärme am gesunden 
und kranken Körper der Aufmerksamkeit werth , und dürfte man 
selbst bei vorläufig völliger ünverwerthbarkeit für die praktischen 
Aufgaben der Medicin gegen ein so merkwürdiges Verhalten gleich- 
gültig bleiben ? 

Aber die praktische Wichtigkeit des Phänomens ist geradezu 
unermesslich. 

Sie erhellt sofort, wenn man die Beziehung des Phänomens zu 
den über den ganzen Körper verbreiteten Vorgängen in Betracht 
zieht. 

Ist die Voraussetzung richtig, dass dem allgemeinen Verhalten 
des Organismus, dem Stoffwechsel, eine maassgebende Bedeutung in 
Krankheiten zukommt, so muss es für die praktische Beurtheilung 
eines Krankheitsfalles von dem unschätzbarsten Werthe sein , an 
einem einfachen physikalischen Phänomen, dessen geringste Aende- 
rungen sich messen und scharf in Zahlen ausdrücken lassen , einen 
Maassstab für diese sonst ziemlich verborgenen Vorgänge zu ge- 
winnen. 

Freilich könnte der Werth des Zeichens für die Beurtheilung 
des Stoffwechsels als völlig illusorisch erscheinen , wenn man erwägt, 
dass die Höhe der Eigenwärme keineswegs die Production 
von Wärme im Körper, also den Effect der chemischen Vor- 
gänge anzeigt , vielmehr ein genauer Schluss auf diese unmögHch ist, 
so lange man nicht zugleich die W ä r m e a b g a b e in Berechnung 
zu ziehen vermag. Die Höhe der Eigenwärme ist eine Leistung der 
verschiedensten und unberechenbaren und zum Theil einander ent- 
gegenwirkenden Factoren. Darum ist die unmittelbare theoretische 
Verwendung der Temperaturverhältnisse in Krankheiten fast gleich 
Null und alle Arbeiten in dieser Richtung sind von vornherein ver- 
gebliche und hoffnungslose. So mag die Meinung entstehen, dass 
wenn auch eine Abweichung der Eigenwärme im Allgemeinen eine 



62 Der praktische Werth und die Aufgaben 

Störung der Ordnung im Organismus anzeigt, alle weitergehenden 
Schlüsse aus ihr und speciell aus einer bestimmten Höhe der jewei- 
ligen Körpertemperatur fictiv seien. 

Aber die Erfahrung lehrt es anders. 

Daher wird der wichtigste Gewinn der thermometrischen Beob- 
achtungen erst erreicht , wenn es auf empirischem Wege gelingt , die 
Gesetzmässigkeit der Aenderungen der Eigenwärme in Krank- 
heiten aufzudecken. Der Werth derpathologischenTher- 
mometrie wird erst dann ein eminenter, wenn die 
zahlreichsten Erfahrungen unabweislich zeigen, 
dass diese kleinen und geringfügigen quantitativen 
Veränderungen des einzelnen Phänomens unter 
strengen Regeln stehen. In der That, ob ein menschlicher 
Körper wärmer oder kälter ist , als im gesunden Zustande, und ob er 
so oder so viel wärmer oder kälter ist , hat nicht etwa eine ähnliche 
Bedeutung , wie die Wahrnehmung , dass ein Individuum so oder so 
viel wiegt, kräftig oder schwach sich fühlt, häufig oder selten hustet, 
lang oder kurz schläft, so oder so viel über Schmerz klagt, und der- 
gleichen mehr, sondern die Abweichung der Eigenwärme 
steht nach vielen Beziehungen in einem empirisch 
festen Zusammenhange mit verbreiteten Vorgängen 
im Organismus. 

Sobald es gelingt, die Gesetze für diesen Zusammenhang auf- 
zudecken , so eröffnet die Thermometrie ein Gebiet der Pathologie, 
dessen Aufschliessung bis dahin oft vergeblich auf andern Wegen 
versucht, von Vielen als ein unerreichbares Ziel angesehen wurde, 
und das von Andern Angesichts so vieler abenteuerlicher und erfolg- 
los gebliebener Bestrebungen geradezu für fabulös erklärt worden, 
ist : das Gebiet der Krankheitsnormen. 

Eine Schwierigkeit für die Abstrahiruug der Sätze der patholo- 
gischen Thermonomie und für die Beurtheilung des Befundes im ein- 
zelnen Falle liegt darin, dass bei krankhaften Zuständen die Ab- 
weichung der Eigenwärme bald von dem krankhaften Processe an 
sich allein bedingt wird , bald aber von zufälligen und augenblick- 
lichen Einwirkungen auf den kranken Organismus mit abhängt. 
Diese Schwierigkeit kann zuweilen sehr gross werden. Sie ist aber 
durch Vervielfältigung der Beobachtungen, durch eine genügende 
Uebung des Urtheiles und umsichtige üeberlegung meist zu tiber- 
winden. 

Sind diese Schwierigkeiten tiberwunden , so kann die Thermo- 
metrie für viele Krankheiten völlig neue Anschauungen gewinnen 



der Krankenthermometrie. ß3 

lassen und muss einen nicht kleinen Theil der Pathologie einer ziem- 
lich radicalen Reconstruction zuführen. 

3. Hieraus erhellen denn auch die Aufgaben der Thermo- 
metrie. 

Sie ist ein Theil der Krankenbeobachtung für die 
einzelnen Fälle, unersetzlich in allen den Fällen, in welchen die 
Wärme abweicht, unentbehrlich in vielen zweifelhaften Fällen , unter- 
stützend fast in jedem einzelnen. Der Arzt, welcher Fieberkranke 
beurtheilen will, ohne von den Thatsachen der Thermometrie Kennt- 
niss zu haben , und ohne die Wärme zu messen , ist gleich einem 
Blinden, welcher sich in einer Localität orientiren soll. Bei grosser 
üebung und Intelligenz wird auch dieser sich oft zurecht finden, aber 
er wird sich noch weit häufiger täuschen , und jederzeit wird er nur 
durch grosse Abmühung und unvollständig zu dem gelangen , was 
dem Sehenden sich wie von selbst offenbart. 

Aber die Thermometrie muss mehr leisten : sie muss die Gesetze 
des Krankheitsverlaufes aufdecken , und nur erst nach Vollbringung 
dieser Aufgabe, nur durch die Erhebung zur Thermonomie wird 
sie auch der ersten zunächst praktischen Aufgabe in möglichstem 
Maasse gerecht werden können. 

4. Wenn in dem Bisherigen die aus dem Wesen der Sache her- 
vorgehende Bedeutung der Thermometrie zu schildern versucht 
wurde , so ist es vielleicht nicht überflüssig , an einige unmittel- 
bar praktische nützliche Verwendungen dieser ünter- 
suchungsmethode zu erinnern. 

a) Die normale Temperatur des menschlichen Körpers ist zwar 
an sich noch kein Zeichen für Gesundheit , wohl aber kann die 
Erhaltung der Nor mal wärme unter verschiedenen 
Einflüssen, d. h.' die unbewegliche Normalwärme als einBe- 
v/eis einer gesunden Constitution angesehen wer- 
den. Ein gesunder Mensch kann dürftige oder reichliche Nahrung 
haben , hungern oder verdauen , Wasser oder reizende Getränke zu 
sich nehmen, einen gefüllten oder leeren Darm haben, ruhen oder 
sich bewegen und anstrengen, geistig sich beschäftigen oder laugwei- 
len und dergleichen mehr, immer bleibt seine Temperatur nahezu die 
gleiche, so lange nur die Gesundheit durch jene Verhältnisse nicht 
eine Störung erleidet. Selbst die Einführung von Medicamenten, der 
Verlust von Blut, so lange die Gesundheit erhalten bleibt, ist ohne 



()4 Der praktische Werth und die Aufgaben 

irgend erheblichen Einfluss auf die Eigenwärme. Nur ganz geringe 
Schwankungen von wenigen Zehntelgraden zeigen sich unter solchen 
Verhältnissen. Je mehr also bei einem Menschen die Normaltem- 
peratur unter den verschiedensten Lagen des Lebens und bei den 
mannigfachsten Einwirkungen sich gleich erhält , um so unbesorgter 
kann man über seine Gesundheit sein. 

b) Es kommen zahlreiche Verhältnisse im praktischen Leben 
vor, bei welchen es nothwendig oder wünschenswerth ist , bei einem 
Individuum sich zu versichern, dass dasselbe wirklich 
krank oder doch unwohl sei. Die thermometrische Unter- 
suchung, wenn sie eine Abweichung der Eigenwärme ergiebt, beweist 
schneller, als sonst irgend eine andere Exploration, die Anwesenheit 
einer Störung. Durch sie ist ein objectives. Jedem zugängliches 
und leicht überzeugendes Zeichen gegeben , das unter manchen Um- 
ständen von geradezu unersetzbarem Werthe ist. Finden wir bei 
vagen , unbestimmten oder verschiedenen Klagen die Temperatur 
abnorm , so wissen wir, dass es sich nicht um Heuchelei oder Ueber- 
ängstlichkeit handelt, und dass der Klagende einer ferneren Beob- 
achtung werth ist. Finden wir bei Menschen , die durchaus nicht 
krank sein wollen oder nach einer überstandenen Erkrankung für 
völlig hergestellt angesehen zu werden verlangen , eine Abweichung 
der Temperatur , so können wir mit Zuverlässigkeit versichern , dass 
bei ihnen eine Gesundheitsstörung besteht oder die Herstellung noch 
nicht eingetreten ist. Nicht nur der Arzt kann sich hierdurch in 
seinem weiteren Verhalten leiten lassen , sondern es wird auch meist 
gelingen , den Kranken selbst durch dieses Zeichen über die Noth- 
wendigkeit einer entsprechenden Haltung zu verständigen. 

c) Es handelt sich in zahlreichen Fällen nicht blos darum , zu 
wissen , ob eine Störung überhaupt oder welche vorhanden sei , son- 
dern zugleich , welche Bedeutung, welchen Grad sie habe. 
Sehr häufig bietet die Temperaturbeobachtung hierzu ein Mittel , das 
durch nichts an Sicherheit erreicht wird. Findet sich eine normale 
oder nur wenig erhöhte Temperatur, so kann man, ganz localeAffec- 
tionen, die sich leicht erkennen lassen, natürlich abgerechnet, über 
den Zustand Beruhigung fassen. Findet sich dagegen eine beträcht- 
liche Abweichung der Eigenwärme, so ist der Fall als unentschieden 
ernstlicher zu betrachten. So wird das Thermometer ein unschätz- 
bares Mittel, über die Dringlichkeit oder Geringfügigkeit der Erkran- 
kung mit grosser Sicherheit zu entscheiden. Um nur ein Beispiel zu 
wählen, so wird bei den oft so vieldeutigen Zufällen kleinerer Kinder 
bald der Arzt zu überflüssigen Eingrifl'en aufgefordert und gedrängt, 



der Krankenthermometrie. ß^ 

bald aber die beste Zeit zur Hülfe verpasst, oder doch wefiigstens das 
beim Beginn schwerer Erkrankungen nothwendige streng abhaltende 
Verfahren versäumt. Das Thermometer kann ebensowohl anzeigen, 
dass es sich hier um keinen dringlichen Fall handle , wie es anderer- 
seits auf die Entwicklung einer schweren Erkrankung hinzudeuten 
vermag ; ja selbst in der Hand intelligenter Angehöriger kann es ein 
sehr nützliches Kriterium werden , ob die rasche Herbeirufung eines 
Arztes nothwendig sei oder noch verschoben werden könne. — Oft 
verräth die Temperatur allein wichtige oder sonst noch latente 
Störungen. Eine Unpässlichkeit , bei der eine erhebliche Tem- 
peraturhöhe sich ausweist, ist nieinals eine gering zu achtende 
Störung, sondern maskirt gewöhnlich den Beginn einer schweren 
Erkrankung. 

d) Bei entwickelten Krankheitsformen, ja selbst zuweilen schon 
in den ersten Tagen der Erkrankung kann aus der thermometrischen 
Beobachtung für sich allein in vielen Fällen eine sichere Dia- 
gnose der Krankheitsart gemacht werden. Noch häufiger 
können Krankheitsformen, auf welche die übrigen Symptome hin- 
zuweisen scheinen, mit absoluter Bestimmtheit ausgeschlossen werden 
oder kann in sonst zweifelhaften Fällen die Thermometrie entschei- 
denden Aufschluss geben. Es giebt kein diagnostisches Hülfsmittel, 
von welchem so vielfache sichere Anhaltspunkte geliefert werden, 
keines, welches so häufig eine Correctur voreiliger Annahmen ermög- 
licht. Liegt die ganze Verlaufscurve vor, so kann, was oft von 
grossem Interesse ist, bei den meisten fieberhaften Krankheiten noch 
nachträglich mit der grössten Schärfe die Art der Krankheit aus dem 
Gange der Temperatur bestimmt werden. Wieviel die Thermometrie 
zur Entscheidung der diagnostischen Fragen beitragen kann, wie 
selbst ein einziger Blick auf eine Temperaturcurve nicht selten ge- 
nügt, die Diagnose zu stellen, davon werden im Fol-genden zahlreiche 
Beispiele angeführt werden. 

e) Aber die Nominaldiagnose ist es ja nicht allein, auf welche 
das praktische ürtheil sich zu beziehen hat, sondern die verschie- 
denen individuellen Modificationen bei der Form der 
Erkrankung, der Eintritt von einem Stadium in das an- 
dere, die Zeit der Exacerbationen und Remissionen, 
die Entwicklung von Complicationen, die Schwere 
der Erkrankung, die Grösse der Gefahr sind mindestens 
ebenso wichtige Gegenstände für die Beurtheilung. Die Thermo- 
metrie kann hier früher und genauer, als irgend ein anderes ünter- 
suchungsmittel, zum Leitfaden des Arztes werden. 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 5 



Qß- Der praktische Werth und die Aufgaben 

f) So lange in dem Verlaufe einer Krankheit , welche an sieb 
einer Heilung- fähig ist, der Tempera turg an g dem Typus 
der Krankheit entspricht, kann der Arzt fast ohne Aus- 
nahme sich darauf verlassen, dass nichts Ungünstiges eingetreten ist; 
er kann sich zahlreiche andere Untersuchungen ersparen ; sobald im 
Gegentheil irgend eine ungewöhnliche Abweichung in dem Ver- 
halten der Temperatur sich einstellt, so ist diess ein wichtiges 
und häufig das erste Warnungszeichen und fordert zu einer sorgfäl- 
tigen Nachforschung nach den Ursachen der Irregularität auf und 
lässt häufig ungeahnte Störungen entdecken. 

g) Nicht weniger zeigt sich in der Zeit der Abheilung 
der Gang der Temperatur als das sicherste Mittel , die wirkliche 
Besserung von einer blos scheinbaren zu unterscheiden oder eine 
scheinbare Verschlimmerung als Uebergang zur Genesung zu erken- 
nen. Wenn auch alle Symptome sich bessern, aber die Temperatur 
in ihrer Höhe verbleibt, so ist die Genesung noch weit entfernt. 
Anderereits ist zuweilen die günstige Wendung mit so alarmirenden 
Symptomen verbunden , dass nur allein die Sicherheit , mit welcher 
die Temperatur die beginnende Genesung anzeigt , gegenüber dem 
schweren Gesammteindruck , den der Kranke macht , an dem wirk- 
lichen Eintritt der Besserung festhalten lässt. 

h) Von dem grössten Werthe sind die Temperaturbeobachtun- 
gen als Controle der therapeutischen Eingriffe. Es 
ist unendlich schwer, in* acuten Affectionen, welche in sich selbst die 
Bedingungen zur Ausgleichung enthalten und so häufig spontan hei- 
len , den Nutzen einer Medication anschaulich zu machen. Kein 
anderes Mittel vermag in so sicherer Weise den Beweis einer gün- 
stigen Wirksamkeit angewandter therapeutischer Eingriffe oder im 
Gegentheil die Einflusslosigkeit derselben nachzuweisen, als die Tem- 
peratur. Sie ist im Stande, selbst da, wo der Ausgang schliesslich 
ein letaler wird , noch erkennen zu lassen , dass eine angewandte 
Medication wenigstens einen Anfang von heilsamer Wirkung hervor- 
gebracht hat. Alle energischen Vornahmen in fieberhaften Krank- 
heiten lassen sich nur abschätzen und beurtheilen, wenn das Thermo- 
meter die Probe controlirt. 

Es mögen diese Beispiele genügen ; sie könnten noch sehr ver- 
vielfältigt werden, allein bei dem späteren Eingehen auf die einzelnen 
Verhältnisse wird sich auf allen Punkten die praktische Nützlichkeit 
dieser üntersuchungsmethode in der einleuchtendsten Weise heraus- 
stellen. 



der Krankenthermometrie, 67 

5. Aber freilich meinen Viele, welche den Nutzen der Verwen- 
dung des Thermometers in Kliniken und Hospitälern gerne einräu- 
men, dass dieselbe für die Privatpraxis sich wenig eigne oder 
gar nicht ausführbar sei. 

Die Zahl dieser Zweifler hat sich in der letzten Zeit beträcht- 
lich vermindert, denn an den verschiedensten Orten hat sich die Aus- 
führbarkeit der Thermometrie auch in der gewöhnlichen Privatpra^xis 
durch das Vorgehen angesehener Praktiker erprobt. Dass die Mes- 
sung keine Schwierigkeit darbietet, dass der Aufwand für die Instru- 
mente ganz unerheblich sei , wird gegenwärtig wohl von Jedermann 
eingesehen. In welcher Weise der Zeitaufwand für diese ünter- 
suchungsmethode so verringert werden kann, dass auch dem viel- 
beschäftigtsten Praktiker die Anwendung ganz wohl möglich ist, wird 
bei der Technik des Verfahrens auseinandergesetzt werden , und Nie- 
mand wird dem praktischen Arzte zumuthen, bei sämmtlichen Privat- 
besuchen, die er macht , die Wärme zu messen. In gewissem Sinne 
wird die Thermometrie ihm eher Zeit ersparen , denn sie giebt durch 
ein einziges Phänomen Aufschlüsse, die man kaum durch die aus- 
gedehntesten Befragungen und Untersuchungen erlangen würde ; ja 
man kann sagen, dass in derselben Weise , wie die gründliche Pflege 
der Percussion und Auscultation dazu führen kann , in vielen einzel- 
nen Fällen auf diese Untersuchungsmethoden verzichten zu dürfen, 
auch der Arzt, welcher in der thermometrischen Untersuchung sich 
eine grosse Erfahrung erworben hat, in zahlreichen Fällen ohne 
Gebrauch des Thermometers aus andern Kennzeichen mit der gröss- 
ten Sicherheit Schlüsse ziehen kann , deren Möglichkeit der thermo- 
metrisch nicht Gebildete noch gar nicht begreift. 

Die Schwierigkeiten, die Manche von Seiten des Kranken erwar- 
ten, sind völlig unbegründet. Denselben Einwurf -hat man ja früher 
der Percussion und Auscultation gemacht. Heutzutage sind die 
Kranken zum grossen Theile unzufrieden , wenn man diese Unter- 
suchungen nicht vornimmt , so sehr ist die Erkenntniss ihrer Noth- 
wendigkeit bereits ins grosse Publikum gedrungen. Ebenso interes- 
siren sich die Laien für die Wärmemessung, die ohne alle Belästigung 
des Kranken , ohne irgend eine Verletzung der Decenz auszuführen 
ist, sehr bald in hohem Grade. Sie fassen Beruhigung nicht nur aus 
der Genauigkeit , die man auf sie verwendet , sondern auch aus den 
günstigen Folgerungen, die sie selbst aus einer Abnahme der Fieber- 
temperatur entnehmen. Ueberall , wo das Thermometer in die ärzt- 
liche Praxis eingeführt wurde , ist es rasch populär geworden , und 

5* 



ß8 Der praktische Werth und die Aufgaben der Krankenthermometrie.. 

nirgends wird man von Seiten des Publikums einen Widerstand 
gegen seine Anwendung bemerken. 

Um jedoch die Thermometrie nutzbar zu machen, sind zunächst 
die Methoden zu untersuchen , deren man sich zu bedienen hat , um 
bei Kranken möglichst verlässliche Resultate zu gewinnen , und ist 
weiter die Kenntniss nöthig von dem , was die Beobachtungen über 
das Verhalten der Eigenwärme bei Gesunden gelehrt haben. 



III. 

Die Technik der Thermometrie zu ärztlichen 
Zwecken. 

1 . Die Hiilfsmittel Und Methoden , die Eigenwärme eines Men- 
schen festzustellen, können mannigfach sein. Um möglichst zuver- 
lässige Ergebnisse zu erlangen , oder wenigstens den Grad ihrer 
Sicherheit beurtheilen zu können, müssen die Fehlerquellen der 
Beobachtung und die Maassregeln, sie zu vermeiden, all- 
seitig gekannt und überlegt werden. 

Es giebt keine absolute Genauigkeit und Sicher- 
heit der Beobachtung; auch wenn man sie erreichen könnte, 
so wäre sie für d i e A u f g a b e d e r K r a n k e n t h e r m o m e t r i e 
nicht nöthig und sogar ungeeignet , weil sie einen Apparat und 
eine Umständlichkeit beanspruchen würde, welche jede praktische 
Verwendbarkeit der Methode vereiteln müsste. Es ist unzweifelhaft, 
dass ohne Zuverlässigkeit der Beobachtung keine brauchbaren und 
maassgebenden fiesultate zu erlangen sind ; aber es wäre verkehrt, 
für alle Fälle eine Methode von gleich peinlicher Exactheit zu for- 
dern und anzuwenden. 

Bei den Anforderungen , welche mau an die Genauigkeit der 
Untersuchung zu stellen hat, ist stets im Auge zubehalten, 
welche Zwecke man in dem einzelnen Falle verfolgt. 
Denn nicht jede Methode ist unter allen Umständen 
die beste und die geeignetste. Man muss deshalb über 
den dem jeweiligen Bedürfniss entsprechenden Grad der Exactheit 
klar werden. 

Zahlreiche Beobachtungen von auch nur ungefährer Richtigkeit 
können für manche Fragen werthvoller sein , als vereinzelte oder 
spärliche, deren Correctheit untadelhaft ist. Für viele praktische 
Zwecke ist eine schnell gemachte, wenn auch unvollkommene Wahr- 



70 Die Technik der Thermometrie 

nehmiing erwünschter, als eine zeitraubende, alle Fehler ängstlich 
vermeidende Beobachtang. Zu weit gehende Forderungen an die 
Untersuchungstechnili hindern die Anwendung der Methode, und in- 
dem man sucht , den Resultaten die grösste Schärfe zu geben , erhält 
man ihrer Spärlichkeit wegen eine zu dürftige Grundlage für die 
Erfahrung, und wird die Abstrahirung allgemeiner Thatsachen un- 
möglich. 

Handelt es sich nur darum, bei einem Menschen rasch zu 
ermitteln, ob er kein Fieber, oder ein massiges, oder 
ein heftiges habe, wäll man nur aus einem solchen Resultate 
Beruhigung schöpfen, oder zur verschärften Vorsicht sich bestimmen 
lassen, so genügt eine ziemlich oberflächliche Wahrnehmung. 

Für die gewöhnlichen p r a k t i s c h e n Z w e c k e , d.h. 
für die Beurtheilung des Standes und Verlaufes einer Krankheit, für 
die Aufgabe der gewöhnlichen Diagnose' und der Prognose bedarf 
es bereits einer grösseren Sorgfalt, doch kann auch hiebei die ther- 
mometrische Untersuchung liinsichtlich Häufigkeit und Genauigkeit 
der Messung sich nach den besonderen Verhältnissen des Falles rich- 
ten. So lange das Verhalten des Kranken mit dem durch sonstige 
Erfahrungen bei gleichen Krankheitsformen Festgestellten in Üeber- 
einstimmung steht, so lange nichts Besonderes und Verdächtiges vor- 
liegt , so lange über die Diagnose kein Zweifel besteht , so lange der 
Verlauf den geregelten Gang nimmt, kann eine nur annähernd genaue 
und wenig häufige Messung der Wärme genügen. Fehler , die einen 
Viertelgrad nicht überschreiten , sind hier meist kaum von Belang, 
und wenn man nur die richtigen Stunden zur Messung wählt, so reicht 
eine zweimalige, unter Umständen sogar eine einmalige Beobachtung 
am Tage aus. 

Aber schon in den Fällen der gewöhnlichen Praxis muss, sobald 
die Thermometrie eine schwierigere Frage der Diagnose 
oder Prognose entscheiden oder eine C o n t r o 1 e f ti r d i e W i r - 
ku n g einer therapeutischen V o r u a h m e abgeben soll , eine 
grössere Exactheit und namentlich eine grössere Häufigkeit der Mes- 
sung verlangt werden ; doch kommt auch hiebei meistens auf Fehler 
von ein oder zwei Zehntel eines Grades bei der Messung nicht viel 
an. Nur bei Temperaturen von ungewöhnlicher Höhe (über 41 ö) 
kann selbst ein Zehntel von praktischer Bedeutung w-erdeu und 
namentlich über die Prognose entscheiden. 

Strenger sind die Forderungen der Exactheit und der Häufig- 
keit der Messung dann zu stellen, wenn allgemeine That- 
sachen und Gesetze aus den Beobachtunsren a b s t r a h i r t oder 



zu ärztlichen Zwecken. JJ"^ 

abstrahirte k r i t i s i r t werden sollen. Bei Fragen dieser Art haben 
diejenigen einfach zu schweigen, deren Messungen weder zuverlässig 
noch häufig genug sind ; doch ist der Hauptaccent noch mehr auf 
-die Häufigkeit der täglichen Wiederholung der Messungen als auf die 
äusserste Genauigkeit der einzelnen Messung zu legen. Fehler, wenn 
sie ein oder zwei Zehntel, selbst zuweilen mehr betragen, können an 
Gewicht verlieren, sobald man grosse Zahlen von Messungen, die man 
bei ähnlichen Krankheitszuständen oder sonst ziemlich gleichen Ver- 
hältnissen gemacht hat , verwerthen kann , und vorausgesetzt , dass 
nicht die absolute Höhe , sondern der Verlauf der Eigenwärme Ziel 
4er Beobachtung ist. Zu seltene Messungen geben dagegen meist 
nur schiefe und unrichtige Anschauungen über den Gang der Tem- 
peratur eines Krankheitsfalles. 

Es giebt endlich noch Fragen von rein wissenschaft- 
lichem Interesse, für deren Beantwortung man die möglichste 
Vermeidung jedes Beobachtungsfehlers, die äusserst mögliche Ge- 
nauigkeit verlangen muss, und bei denen selbst ganz geringe Ab- 
w^eichungen eine Bedeutung haben können. 

Aber , wie gesagt , eine absolute Fehlerlosigkeit giebt es nicht, 
lind am wenigsten darf man dieselbe für praktische Untersuchungen 
beanspruchen. Man darf Unmögliches nicht fordern , sondern muss 
sich, wie allenthalben im menschlichen Leben, mit dem Ausführbaren 
begnügen. 

2 . Die Hülfsmittel zur Wärmebestimmung sind von 
äusserst verschiedenem Werthe : aber jedes dieser Mittel kann nach 
Umständen seine Stelle und Anwendung finden. 

Die Schätzung der Wärme mit der Hand ist eine 
höchst unzuverlässige Methode. Wer keine oder wenige 
thermometrische Beobachtungen gemacht hat, setzt sich bei solcher 
Abschätzung den grössten Illusionen aus ; selbst bei vieljähriger und 
durch das Instrument fortwährend controlirter üebung täuscht man 
sich immer noch häufig genug und vermag Viertelgrade kaum mit 
einiger Sicherheit zu unterscheiden. Ist die Hand kalt, so kann man 
sich auf ihre Wärmeempfindungen gar nicht verlassen, und die 
Schätzungsfehler des Geübtesten können dann halbe und ganze Grade 
übersteigen. 

Immerhin mag aber die Befühlung der Haut eines Kranken dazu 
dienen, eine oberflächliche Kenntniss von seiner Eigenwärme zu 
erlangen und dadurch ein Anzeichen zu erhalten , ob eine Messung 
vorzunehmen sei. Niemals aber soll man sich darauf beschränken, 



72 Die Technik der Thermometrie 

Hände und Antlitz des Kranken zu befühlen, sondern man muss 
bedeckte Stellen untersuchen, weil man erst an ihnen von der Erhöhung 
der Wärme eine einigermaassen richtige Vorstellung erhält. 

3. Die Messung mit Instrumenten kann allein zuver- 
lässige Thatsachen liefern. 

a) Für die gewöhnlichen ärztlichen Zwecke bedient man sich 
am besten eines guten Quecksilberthermometers, eines 
zwar etwas trägen Instruments , das aber , wenn man es nur richtig 
anwendet und wenn es nicht auf rasche Aenderungen der Eigen- 
wärme ankommt, allen Anforderungen für die praktischen Zwecke 
genügen kann. Dasselbe ist jedenfalls dem Weingeistthermometer 
vorzuziehen , weil letzteres in den in Betracht kommenden Höhen 
nicht mehr ganz zuverlässig ist. 

Die Erfordernisse eines für die Krankenbeobachtung brauch- 
baren Quecksilberthermometers sind : 

Das Reservoir des Metalls darf nicht zu gross und nicht zu klein 
sein : denn wenn es zu gross ist , so leidet die Empfindlichkeit ; ist 
es zu klein, so schliesst es sich nicht genau an die Körpertheile an.. 
Ein Durchmesser von ungefähr 1/3 — V4 Centimeter erscheint am 
geeignetsten. Die Kugelform ist bei Achselhöhlenmessungen dem 
Cylinder vorzuziehen, wenigstens darf ein cylindrisches Reservoir nur 
einen geringen Längendurchmesser haben , muss sich der Kugelform 
nähern. Bei der Anwendung im After und in der Vagina ist da- 
gegen ein conisches Reservoir mit nach unten sich verjüngender 
Gestalt vorzuziehen. Die Form einer Halbkugel mit plattem Boden 
ist für die Untersuchung von Hautflächen empfohlen, und allerdings 
bequem , giebt aber ungenaue und kaum brauchbare Resultate. Da& 
Glas das Reservoirs darf nicht zu dünn sein, damit es nicht zu leicht 
zerbreche, oder zusammengedrückt werde ; aber auch nicht zu dick, 
damit nicht die Empfindlichkeit Noth leide. 

Die Röhre des Instrumentes muss ein mögUchst gleiches 
Kaliber und eine solche Enge haben , dass die Distanzen zwischen 
2/10 Graden noch ohne Schwierigkeit von dem Auge in Hälften und 
Viertel getheilt werden können. Die Länge der Röhre muss so gross 
sein, dass diejenigen Grade, auf die es ankommt, mindestens 12 Cen- 
timeter von dem Reservoir entfernt sind , damit an ihnen bei dem 
applicirten Instrumente mit Bequemlichkeit der Stand des Quecksil- 
bers abgelesen werden kann. Im Interesse der Transportabilität de& 
Instruments darf die Röhre aber auch nicht zu lang sein ; es genügt 
eine Röhrenlänge, welche um ein Geringes die Ausdehnung des Queck- 



zu ärztlichen Zwecken. 73 

Silbers tiberragt, welche den beim lebenden Menschen in Betracht kom- 
menden Wärmegraden entspricht. So kann also der Nullpunkt ganz wohl 
noch in das Reservoir fallen , und andererseits braucht die Röhre bei 
weitem nicht die Länge zu haben, um das Quecksilber in seiner Aus- 
dehnung beim Wassersiedepunkte zu fassen; es genügt vielmehr, 
wenn die Grade 32,5 — 45« (= 26 — 36 o R.), zum Gebrauch bei 
Bädern etwa noch der 24. Grad, in die Röhre fallen, und wenn 
der 35. Grad (= 28 ^ R.) 12 Centimeter von dem Reservoir ent- 
fernt ist. 

Auch nur die eben angegebenen Grade brauchen an der Scala 
markirt zu sein. Ob man die Reaumur'sche oder die Celsius'sche 
Eintheilung wählt, ist natürlich ganz gleichgültig. Die Fahrenheit'- 
sche, früher gebräuchlichste, wird auf dem Continent jetzt nicht mehr 
verwendet. 

Die Eintheilung der Scala in Ftinftelgrade genügt für die ge- 
wöhnlichen Zwecke vollständig. Die Marken der Grade und Fünftel- 
grade müssen scharf und deutlich sein , und die der Grade müssen 
sich vor denen der Fünftelgrade hervorheben. 

Sehr zweckmässig für manche Verhältnisse, wenn auch etwas 
kostpieliger sind die in England (H. Weber) und Frankreich (Nie- 
derkorn) benützten Maximumthermometer, bei welchen die Queck- 
silbersäule durch eine kleine Luftschichte in zwei sehr ungleich 
grosse Abtheilungen getrennt ist, eine untere grössere, welche zu- 
gleich das Reservoir füllt, und eine obere kleinere , d. h. nur einige 
Linien lange, welche mit ihrer obersten Gränze die Höhe der Wärme 
anzeigt. Bei der Erwärmung steigt das Quecksilber wie bei dem 
gewöhnlichen Thermometer. Bei der Abkühlung dagegen zieht sich 
nur die untere Quecksilberabtheilung zurück, die obere bleibt, da sie 
durch die Luftschicht von dieser getrennt ist , an ihrer Stelle. So 
zeigt die obere Gränze des Quecksilbers dauernd die frühere Aus- 
dehnung an und es lässt sich beliebig lange nach der Messung die 
erreichte Temperaturhöhe ablesen. Beim Wiedergebrauch des In- 
strumentes muss durch einen kurzen Stoss die obere Quecksilber- 
abtheilung der unteren wieder genähert werden. 

Begreiflich ist Bedingung jeder zuverlässigen Listrumentalunter- 
suchung, dass das Instrument genau sei. Die Genauigkeit 
des Thermometers, auf die es ankommt , betriflft aber mehr die 
vollkommen gleichmässige Eintheilung der Röhre, 
als die Markirung. Es ist freilich vortrefflich, wenn auch die letztere 
richtig ist ; aber Fehler in dieser sind leicht unschädlich zu machen, 
man hat nur das Instrument bei jedem Wärmegrade im Wasserbade 



74 Die Technik der Thermometrie 

mit einem vollkommen richtig markirten sogenannten Normaltliermo- 
meter zu vergleichen und die etwaigen Unterschiede von den Graden 
des letztern sich zu merken , um beim Gebrauche die Reduction vor- 
zunehm.en. Ist nun die Differenz zwischen dem Normalthermometer 
und dem gebrauchten Instrument bei allen Graden gleich gross, weiss 
man also ein für allemal , wie viel man den Graden des Instruments 
hinzuzufügen oder von ihnen abzuziehen hat , so lassen sich mit dem- 
selben so sichere Resultate erhalten, als w^enn man sich des Normal- 
thermometers selbst bediente. Hierdurch wird es möglich , auch 
wohlfeilere Instrumente anzuwenden, wodurch die Messung für Jeder- 
mann ermöglicht wird. Es ist diess um so wichtiger, da es für die 
praktischen Zwecke viel vortheilhafter ist , über eine grosse Anzahl 
von Instrumenten verfügen zu können , als einige wenige ganz un- 
tadelhafte zu besitzen. Es ist nur darauf zu achten, dass die Reduc- 
tion, welche jedes einzelne Instrument verlangt, auf eine jeden Irrthum 
^usschliessende Weise dem Beobachter bekannt ist. 

Wenn dagegen die Röhre so schlecht eingetheilt ist , oder die 
Grade so ungleichmässig markirt sind, dass die Fehler bei jedem 
Grade verschieden gross ausfallen , so wird der Gebrauch eines 
solchen Instrumentes unbequem und ist besser zu vermeiden , da zu 
leicht Verstösse bei einer für jeden Grad verschiedenen Reduction 
eintreten können. 

Uebrigens muss auch das beste Instrument mit der correctesten 
Markirung in den ersten Jahren nach der Fabrikation w i e d e r h o 1 1 
geprüft werden, oder vielmehr sind zeitweilige Prüfungen über- 
haupt, so lange man das Instrument für medicinisehe Zwecke benutzt, 
vorzunehmen. In dem Glase nämlich treten noch eine geraume Zeit 
lang kleine Aenderungen seines Aggregatzustandes ein , bis es zur 
Ruhe kommt, wenn diess überhaupt jemals geschieht. So ändert sich 
das Kaliber namentlich des Reservoirs, und es kann geschehen, dass 
ein Thermometer mit ursprünglich vollkommen genauer Scala nach 
einem halben Jahre um mehrere Zehntelgrade differirt. Vielleicht 
tragen auch die Manipulationen zum ärztlichen Zwecke, der Druck 
auf eine dünne Kugel und dergleichen dazu bei, den Raum des 
Reservoirs im Laufe der Zeit zu verkleinern. Deshalb bedürfen kli- 
nisch verwendete Thermometer um so mehr , je vielfacher sie im Ge- 
brauch sind , einer fortwährend erneuerten Regulation. Zumal wenn 
man bei einer Messung einen auffälligen und nicht recht glaubwür- 
digen Temperaturwerth erhält, so hat man das Instrument sofort aufs 
neue zu prüfen , um sicher zu sein , ob nicht eine unbemerkt geblie- 
bene Beschädigung desselben eine Täuschung herbeigeführt hat. 



zu ärztlichen Zwecken, 75 

Dass man auf grobe Beschädigungen des Instrumentes , auf Ausein- 
anderweichen der Quecksilbersäule und dergleichen aufmerksam sein 
muss, ist selbstverständlich. 

Man thut überdem gut , bei einem und demselben 
Kranken womöglich stets das gleiche Instrument anzu- 
wenden und bei den Notizen über die Beobachtung, bei der Kran- 
kengeschichte die Nummer des gebrauchten Instrumentes zu bemer- 
ken. Hierdurch wird, wenn später an diesem ein Fehler sich ergiebt, 
leicht einsichtlich, welche Beobachtungen nicht zuverlässig waren. 

Immer ist es nöthig, eine grössere An zahl guter Instru- 
mente zu besitzen , welche durch Nummern unterschieden sind. In 
der Privatpraxis wird bei jedem Kranken, bei dem eine fortlaufende 
Wärmebeobachtung räthlich erscheint, ein solches deponirt. In 
Hospitälern erleichtert es die Beobachtung wesentlich , wenn so viele 
Instrumente vorhanden sind , dass man bei allen Kranken eines Saa- 
les auf einmal die Thermometer legen kann. 

Dagegen genügt für die Controle ein einziges Normalthermo- 
meter , dessen zeitweise Vergleichung mit andern , ganz sichern 
Normalthermometern (eines physikalischen Kabinets , eines meteoro- 
logischen Instituts) nicht versäumt werden soll. 

Für manche Zwecke kann es nützlich oder selbst nothwendig 
sein, ein oder einige Instrumente zu besitzen, au welchen Hun- 
de r t s t e 1 g r a d e bequem abzulesen sind. Für die Privatpraxis ist 
diess überflüssig, und auch überhaupt für die eigentlich praktischen 
Fragen ist bis jetzt ein derartiges Bedürfniss noch nicht bemerklich. 

b) Eine beträchtliche , für die Privatpraxis jedoch nie erforder- 
liche Feinheit del' Beobachtung lässt sich mit dem sogenannten 
metastatischen Thermometer von W a l f e r d i n erreichen. 
Das Quecksilberreservoir desselben ist sehr klein , die äusserst enge 
Röhre ist willkürlich in Abschnitte von gleicher Distanz getheilt , an 
dem dem Reservoir entgegengesetzten , also oberen Ende der Röhre 
befindet sich eine Kugel , vor welcher die Capillarröhre eine Ver- 
engerung zeigt. Das Kaliber des Instrumentes ist so enge, dass das 
Quecksilber bei einer Wärmeschwankung von 3 bis 4 ^ die ganze 
Länge der Röhre durchläuft ; die Menge des Quecksilbers in dem 
Instrumente muss so bemessen werden, dass bei der niedrigsten Tem- 
peratur, die man untersuchen will, das Reservoir, die ganze Röhre 
und noch ein Theil der oberen Kugel von dem Metall ausgefüllt wird, 
bei 1 oder 2 ^ über der höchsten zu. erwartenden Temperatur das 
ganze Instrument, also auch die ganze obere Kugel erfüllt ist. Han- 



76 Die Technik der Tbermometrie 

delt es sich nun darum, Temperaturen unter 42^ zu messen, so erhitzt 
man das Instrument bis über 42 ^, das Quecksilber erfüllt die ganze 
Röhre und einen grossen Theil der obern Kugel ; nun versetzt mau 
es in ein Bad von 42 ^ und lässt es darin, bis dem Quecksilber genau 
die diesem Grade entsprechende Ausdehnung gegeben ist. Hierauf 
nimmt man das Instrument aus dem Bade und giebt ihm einen schar- 
fen Stoss , dadurch trennt sich die Quecksilbersäule an der engen 
Stelle, indem sich das in der Röhre befindliche mit der Erkaltung 
zurückzieht, während das in der oberen Kugel befindliche nicht folgt. 
Erst bei einer Wiedererreichung einer Temperatur von 42 ^ würde 
sich das Quecksilber der Röhre mit dem in der oberen Kugel ver- 
bliebenen Metall wieder vereinigen. Das Instrument ist nun vorberei- 
tet zu allen Beobachtungen unter 42 ö, und es bedarf nichts weiter, 
als die Wärmegrade unter Vergleichung mit dem Normalthermometer 
im Wasserbade an dem Instrumente zu markiren. Der Vortheil die- 
ses Thermometers ist die Länge der einzelnen Grade bei verhältniss- 
mässig wohlfeiler Herstellung. Walferdiu fertigte metastatische 
Thermometer, bei welchen 1 o C. einer Länge von 10 Centimetern 
entsprach. Da man nun mit blossem Auge die Entfernung eines 
halben Millimeters noch bequem unterscheiden kann , so lässt sich 
mit blossem Auge ^/aoo^ ^'^^ e^'^^r guten Loupe Viooo^ leicht ab- 
lesen. Solche minimale Wärmeverschiedeuheiten kommen jedoch 
bei Kranken praktisch niemals in Betracht, und es ist überhaupt 
fraglich, ob selbst für theoretische Fragen derartige Feinheiten eine 
Entscheidung zu gewähren vermögen. 

c) Für manche Untersuchungen bietet der thermo-elek- 
trische Apparat besondere Vortheile dar. Die thermo-elektri- 
schen Apparate beruhen darauf, dass in einem Metallringe, der aus 
zwei verschiedenen Metallen zusamraengelöthet ist, ein elektrischer 
Strom entsteht, sobald die Löthstellen verschiedene Temperaturen 
haben, mag auch diese Differenz eine sehr unbeträchtliche sein , und 
dass jener Strom durch Magnetnadeln sichtbar und messbar gemacht 
werden kann. Becquerel hat zuerst einen solchen Apparat für phy- 
siologische Untersuchungen , namentlich zur Entscheidung über Tem- 
peraturunterschiede zweier verschiedener Körperstellen verwendet, 
und Dutrochet hat ihn vervollkommnet. Sie bedienten sich nur eines 
Elementes (Eisen und Kupfer) , während Helmholtz (Müller's Archiv, 
1848, p. 147) drei Elemente hinter einander (Eisen und Neusilber) 
nahm. Die Empfindhchkeitdesthermoelektrischen Apparates ist liöchst 
beträchtlich. Lombard (Arch. de la physiologie normale et patho- 



zu ärztlichen Zwecken. 77 

logique 1868. I. 498) beschreibt (in einer allerdings nicht ganz 
klaren Weise) einen Apparat, mit welchem er Temperaturdifferenzen 
bis 0,00025 ^ sicher nachgewiesen haben will. Wenn die Löthstellen 
als Spitzen gearbeitet sind , so lässt sich mit dem thermo-elektrischen 
Apparat der Temperaturunterschied zweier Punkte der äusseren Haut 
mit einer Schärfe bestimmen , welche mit dem Quecksilberthermo- 
meter niemals zu erreichen ist, schon darum nicht, weil bei der 
Application des letztern die Haut bedeckt und vor Abkühlung ge- 
schützt werden muss, was die Verhältnisse immer modificirt und 
irrige Resultate veranlasst. Zur Untersuchung der Temperatur- 
differenz von Flächen hat Gavarret statt der spitzenartigen Löthungs- 
stellen dünne Metallplättchen empfohlen, an welchen Kupfer und 
Wismuth an einander gelöthet sind. 

Die thermo - elektrischen Apparate sind für praktische Zwecke 
überflüssig ; aber sie dienen dazu , kleine und rasche Veränderungen 
der Temperatur anzuzeigen ; sodann eignen sie sich für die Messung 
der Eigenwärme einzelner Hautstellen, ferner für die Bestimmung 
der Temperatur von Organen , welche dem gewöhnlichen Thermo- 
meter unzugänglich sind, dagegen durch Einsenkung der in Spitzen 
gearbeiteten Löthstellen des elektrischen Apparats erreicht werden 
können. 

d) Um fortlaufende Temperaturbeobachtungen 
zu erhalten und gewissermaassen selbständig das Instrument die 
wechselnde Wärme eines Theiles anzeigen zu lassen, hat Marey einen 
Thermographen erfunden (le thermographe , appareil enregis- 
treur des temperatures 1865 in Robin's Journal de l'anat. et de la 
Physiologie normale et pathologique IL 182). Es ist ein Luftther- 
mometer, dessen Kupferkammer durch eine sehr eng kalibrirte 
(1/3 Millimeter im Durchmesser haltende kupferne Rohre) mit einer 
in einem Halbkreis gebogenen , auf der andern Seite offenen und auf 
einem metalhschen Rade befestigten und durch dasselbe leicht um die 
Axe beweghchen Glasröhre verbunden ist, in welcher ein das Kaliber 
ausfüllendes Quecksilberkügelchen sich befindet. Sobald durch Er- 
wärmung die Luft sich ausdehnt, wird das Quecksilber bewegt, und 
indem es die tiefste Stelle zu behalten strebt, bewegt es das Rad 
mit der Röhre und damit einen Zeiger , welcher die Veränderungen 
auf einem durch ein Uhrwerk gleichmässig bewegten Papierstreifen 
aufschreibt. Der Gebrauch dieses Instrumentes ist bis jetzt bei 
Krauken noch nicht erprobt , und es ist zweifelhaft, ob seine Ver- 
wendbarkeit für praktische Zwecke zu erwarten ist, da befürchtet 



73 Die Technik der Theimometrie 

werden muss, dass bei einer unbeaufsichtigten Fixirung des Thermo- 
meters an irgend einer Körperstelie Lockerungen des Instrumentes 
eintreten, welche den ganzen Werth der Beobachtung aufheben. 
Auch die von Andern , z. B. Zecchi und dem General Morin, erfun- 
denen elektrischen Thermometer-Enregistreurs zur Verzeichnung der 
Temperaturschwankungen dürften kaum eine Einführung in die 
Praxis erfahren. 

4. Von der Messung der Temperaturgrade verschieden ist die 
Bestimmung der C a 1 o r i e n oder Wärmeeinheiten, d. i. 
der Menge der Wärme, welche nöthig ist, eine gewisse Menge destil- 
lirten Wassers (z. B. 1 Gramm oder 1 Kilogramm, je nachdem man 
festsetzen will) um 1 Grad zu erwärmen. Indem man die Wärme- 
zunahme des Badewassers , in welches ein lebender Körper ein- 
gesenkt ist, in einem bestimmten Zeitabschnitt nachweist, erfährt 
man die Wärmeabgabe jenes Körpers (oder eigentlich nur einen 
Theil der Wärmeabgabe) in der gegebenen Zeit und versucht durch 
die Vergleichung der Höhe der Eigenwärme beim Beginn und beim 
Schlüsse des Experiments die Wärmeproduction in dem Körper wäh- 
rend dieser Zeit zu berechnen. Solche calorimetrische Unter- 
suchungen wau^den besonders von L i e b e r m e i s t e r , Kernig, 
V. Wahl, Leyden undRembold in grösserer Zahl vorgenom- 
men. So wichtig sie aber auch zur Lösung gewisser theoretischer 
Fragen erscheinen, so lassen sie doch noch viel an Zuverlässigkeit 
zu w^ünschen übrig und dürften für die praktischen Aufgaben bis 
jetzt noch uuverwerthbar sein. 

5. Die z w e c k m ä s s 1 g s t e A p p 1 i c a t i o n s s t e 1 1 e für das 
Instrument ist keineswegs unter allen Umständen die gleiche; je 
nach der Aufgabe der Untersuchung kann die eine der andern Appli- 
cationsstelle vorgezogen werden. 

Wo man die Absicht hat, die Eigenwärme einer beschränkten 
Körperstelle zu bestimmen , muss natürlich an dieser Stelle gemessen 
werden. Ist diese auf der Körperoberfiäche, so wird die Messung mit 
dem Quecksilberthermometer stets unsicher, da ein ohne Einhüllung 
aufgelegtes Instrument durch die äussere Luft fortwährend abgekühlt 
wird, bei Bedeckung des Instruments und der Stelle aber die Wärme- 
verhältnisse der letzteren modificirt werden. Der thermo-elektrische 
Apparat ist daher für diese Zwecke vorzuziehen. 

Will man, wie gewöhnhch, die Wärme desGesammtkörpers, die 
Blutwärme, erfahren, so ist das Quecksilberthermometer praktischer. 



zu ärztlichen Zwecken. 7^ 

Es mnss aber so gelegt sein, dasses allenthalben von Körpertheilen 
umgeben ist. Man kann verschiedene Applicationsorte für das In- 
strument benutzen, von denen jeder Vortheile und Nachtheile haben 
mag, und unter welchen je nach Umständen zu wählen ist. 

Die Einführung des Instruments in die wohlgeschlossene 
Achselhöhle erscheint für die grosse Mehrzahl der Fälle das 
geeignetste Verfahren. Diese Applicationsstelle bietet meist keinfr 
Schwierigkeit, die Untersuchung ist dort für den Kranken nicht 
lästig und hat nichts Indecentes ; aber allerdings ist bei sehr magern 
Kranken, so wie bei unruhigen die Messung daselbst unsicher ; es ist 
ferner die Achselhöhlentemperatur um ein Kleines niedriger, als die 
mehrerer anderer zugänglicher Stellen ; endlich sind die Temperatur- 
schwankungen daselbst weniger empfindlich, als in Schleimhaiithöh- 
len. \Yenn diese Un Vollkommenheiten , welche bei der Beobachtung 
der Achselhöhlentemperatur unter Umständen sehr fühlbar werden 
können , in solchen Fällen eine andere Applicationsstelle des Instru- 
ments vorzüglicher erscheinen lassen, so ist damit gegen die Anwen- 
dung der Achselhöhlenbeobachtung im Grossen und Ganzen nichts 
präjudicirt. 

Die Application des Instruments in der Mundhöhle giebt 
ziemlich unsichere Resultate, indem durch die Einathmungsluft leicht 
störende Abkühlungen bewirkt werden ; sie giebt namentlich in der 
Cholera niedrigere Werthe , als die Beobachtungen an manchen 
andern Stellen. Jedoch ist die Mundhöhle namentlich dann zu 
benutzen , wenn keine andere Stelle gewählt werden kann (im Bade,. 
bei Eingewickelten u. s. w.). 

Die Messung im After giebt raschere und im Allgemeinen zu- 
verlässigere Resultate als die Messung in der Achsel- oder Mund- 
höhle. Zumal bei neugebornen kleinen Kindern, Hochmarastischen, 
bei sehr unruhigen Kranken, bei Collapsen, bei andauernder Anwen- 
dung äusserer Kälte darf man der Aftermessung allein vertrauen^ 
Sie ist überhaupt vorzuziehen , sobald Seitens des Kranken kein 
Widerstand ihr entgegengesetzt wird, w^as wenigstens in der besseren 
Privatpraxis meistens geschehen dürfte. Denn die Aftermessung ist 
unstreitig widerwärtig, Jässt sich weniger gut so häufig wiederholen, als 
diess in manchen Fällen nöthig ist, und kann möglicherweise Stuhl- 
entleerungen provociren. Ferner ist auch bei der Aftermessung, wenn 
das Thermometer zufällig in grössere Kothmassen gelangt , ein fal- 
sches Resultat der Messung möglich ; auch sollen nach Billroth starke 
Contractionen des Rectum , die durch die Einbringung des Instru- 



gQ Die Technik der Therraometrie 

meiits selbst erregt werden können , die Temperatur alteriren. Es 
ist ganz zweckmässig , in Zeiten des Verlaufs, in welchen sehr viel 
auf Genauigkeit der Messung ankommt , die Aftermessung vorzuneh- 
men , und wenn die Verhältnisse sich minder wichtig gestalten , zur 
Achselhöhle zurückzukehren. Nur muss in der Beobachtung der 
jedesmalige Ort der Application des Instruments bemerkt sein. 

Die Application des Instruments in der Vagina, obwohl 
ohne allen Zweifel sicherer, als die Aftermessung, lässt sich doch nur 
bei den wenigsten Individuen in der nothwendigen Wiederholung aus- 
führen. Am ehesten empfiehlt sie sich bei der Cholera. Nothwen- 
dig wird begreiflich die Vaginalmessung, wenn es sich um Feststel- 
lung der localen Wärme der Innern Geschlechtstheile handelt. 

L e V i e r maass zu einem besondern Zwecke in der Schenkel- 
beuge, was so wenig als Mantegazza's Messung des frisch 
gelassenen Urins zum allgemeinen Gebrauch empfehlbar ist. 

Die Application des Instruments in der geschlossenen 
Faust ist für die Bestimmung der Gesammtwärme ganz unzu- 
verlässig, kann aber einen Werth haben, wenn man die Tem- 
peratur der äussersten Extremität mit der Rumpftemperatur, oder 
wenn man die Temperatur beider Körperhälften mit einander ver- 
gleichen will. 

6. Die Art der Application des Instruments kann viel 
dazu beitragen, die Resultate zu sichern oder un- 
brauchbar zu machen. 

Bei der Messung in der Achselhöhle ist Folgendes zu beob- 
achten. 

Die Stelle muss zuerst von reichlicherem Seh weisse gereinigt 
und getrocknet werden. 

Sodann ist es gut, vor der Einlegung des Thermometers sie 
längere Zeit geschlossen zu halten, worauf Liebermeister sehr richtig 
hingewiesen hat. Er hat nachgewiesen , dass dadurch die Zeit , bis 
zu welcher das Quecksilber das Maximum erreicht, sich auf 4 bis 
6 Minuten reducirt (Prager Vtlj. LXXXV. p. 13). Freilich kann das 
vorgängige Geschlossenhalten der Achselhöhle ebenfalls zeitrau- 
bend sein. 

Das Thermometer wird zuerst in der Hand etwas erwärmt, 
darauf tief in die Achselhöhle eingelegt und diese durch festes An- 
legen des Armes an die Thoraxwand, wobei der Arm die Richtung 
gegen die Brust erhält, geschlossen. 



zu ärztlichen Zwecken, g| 

Sitzt das Thermometer nicht hierdurch allein schon fest, ist der 
Kranke unruhig, widerspenstig, somnolent, oder vergisst er sich, 
oder ist er abgemagert, so muss Arm und Thermometer von dem 
Beobachter gehalten werden ; jedenfalls ist mehrmals nachzusehen, 
ob das Instrument gut und unverrückt liege. 

Man kann schon an dem raschern oder langsamem Steigen der 
Quecksilbersäule einigermaassen abschätzen, ob sie eine beträchtliche 
Höhe erreichen werde oder nicht. Man kann also schon fast in den 
ersten Secunden über das Vorhandensein und den Grad des Fiebers 
eine annähernde Vorstellung gewinnen. 

Der Punkt, auf welchem das Quecksilber zur Ruhe kommt, 
wird in der Achselhöhle , wenn sie zuvor nicht längere Zeit geschlos- 
sen war, selten unter 10 Minuten, meist erst in 15, zuweilen nach 
20 Minuten oder noch später erreicht. Dabei ist zu beachten , dass 
das Quecksilber anfangs viel rascher steigt , als später, und dass bei 
den letzten Zehnteln zuweilen das Ansteigen von Zehntel zu Zehntel 
mehrere Minuten sich verzögert. Das Thermometer muss daher, 
wenn die Beobachtung genau sein soll , noch einige Minuten länger 
liegen, als ein Steigen des Quecksilbers bemerkt worden war; doch 
darf diess auch nicht zu lange dauern, denn es scheint, dass bei 
manchen empfindlichen Kranken durch die zu anhaltende unbequeme 
Lagerung des Armes und vielleicht durch die anhaltende Contraction 
der Muskeln nach bereits eingetretener Ruhe des Quecksilbers noch 
einmal eine kleine Steigerung erfolgen kann , die nicht durch die 
Krankheit an sich bedingt ist. 

Ueberdem darf man bei subtileren Untersuchungen nicht über- 
sehen , dass das Quecksilber der zumal in pathologischen Fällen oft 
nicht unbeträchtlichen Tagesfluctuation wegen überhaupt gar nicht 
zur Ruhe kommt. Bei solchen sind daher die wechselnden Werthe 
nach den Minuten zu notiren. Für die meisten Zwecke kann man 
die Beobachtung schliessen, wenn 5 Minuten lang keine Aenderung 
in dem Stande des Quecksilbers eintritt, für die Zwecke der gewöhn- 
lichen Praxis genügt schon ein Stillstand von 2 — 3 Minuten. Es 
kann überflüssig scheinen, zu bemerken , dass die erreichte Höhe an 
dem noch liegenden Instrumente (falls nicht ein Maximum- 
thermometer verwendet wurde) abzulesen ist. 

Man kann , freilich auf Kosten der Zuverlässigkeit , die Unter- 
suchung wesentlich abkürzen, wenn man das Instrument vor dem 
Anlegen einige Grade über die erwartete Temperatur erhitzt. Viel 
wird damit allerdings nicht gewonnen,' da, wie Liebermeister gezeigt 
hat, das Quecksilber (wenn die Achselhöhle vorher nicht geschlossen 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 6 



32 ^^Je Technik der Thermometrie 

war) wegen der noch nicht genügend durchwärmten Achselhöhle zu- 
nächst unter den Grad der Körperwärme sinkt und dann erst wieder 
zu steigen anfängt. Bei sehr hohen Temperaturen ist jedoch dieser, 
Nachtheil nicht so beträchtlich und kann jene Maassregel für Messun- 
gen, deren äusserste Genauigkeit nicht erforderlich, immerhin 
empfohlen werden, während sie bei geringen Körpertemperaturen 
weniger räthlich ist, es sei denn, dass man die Schliessung der 
Achselhöhle noch hat vorangehen lassen. 

Wird die Messung in der Mundhöhle vorgenommen, so hat man 
das Instrument unter die Zunge zu bringen, den Mund schliessen und 
das Einathmen durch die Nase geschehen zu lassen. 

Bei Messungen im After und in der Vagina ist das gut eingeölte 
Quecksilberreservoir tief genug, etwa 6 Centimeter, einzubringen» 
Thomas (Jahrb. für Kinderheilk. N. F. II. 239) gibt die zweck- 
massige Vorschrift , das Thermometer 1 — 2 Grade über den zu 
erwartenden Grad erwärmt und rasch einzuführen, wodurch für die 
Praxis vollkommen brauchbare Resultate schon in ^!^ — 1/2 Minute 
erlangt werden können. Es ist selbstverständlich , dass man der 
Festigkeit des Instruments sicher sein muss , damit nicht durch ein 
Zerbrechen desselben dem Kranken ein Nachtheil zugefügt werde. 

7. Noch sind einige Cautelen bei der Messung zu be- 
sprechen. Haben unmittelbar oder doch kurze Zeit vor der Messung 
den Patienten ungewöhnliche Einwirkungen getroffen, hat er eine 
Stuhlentleerung , eine Blutung gehabt , sich erbrochen , eine Mahlzeit 
oder ein erhitzendes oder kühlendes Getränk in etwas beträchtlicherer 
Quantität zu sich genommen , liegt er im Schweisse , so muss alles 
diess wohl berücksichtigt und erwogen werden, da durch diese Um- 
stände die Temperatur leicht alterirt werden kann. 

Die Bemerkung der äusseren Lufttemperatur zur Zeit der Mes- 
sung ist gewöhnlich von geringem Werthe, da die meisten Beob- 
achtungen in wenig verschiedener Lufttemperatur, d. h. in der eines 
Krankenzimmers (15 bis 20 ^ C.) gemacht werden; nur wenn, wie in 
heissen Sommern , die Temperatur der Luft auch in dem Zimmer be- 
trächtlich hoch ist, mag es gut sein, dieselbe nicht ausser Acht zu lassen. 

Dessgleichen scheint die Berücksichtigung des Barometerstandes 
für die gewöhnlichen Beobachtungen der Krankentemperatur belang- 
los zu sein. 

Dagegen hat man ausser den Monatstagen die Tagesstun- 
den der Beobachtung zu notiren ; ohne diese ist die ganze Beob- 
achtung fast völlig werthlos. 



zu ärztlichen Zwecken. gg 

8. Hinsichtlich der Zeit und Häufigkeit der Wieder- 
holung der Messung haben wiederum die Umstände des Falles 
und die Zwecke der Untersuchung zu entscheiden. 

Unter den gewöhnlichen Verhältnissen ist es zweckmässig , im 
Laufe einer Krankheit möglichst genau zur selben Tagesstunde zu 
messen , und zwar mag es oft genügen für die Zwecke ärztlicher 
Praxis, zweimal des Tages , am besten in den Frühstunden zwischen 
7 und 9 Uhr als zur Zeit der muthmaasslich niedrigsten Temperatur, 
und in den Nachmittagsstunden zwischen 4 und 6 Uhr als der Zeit 
der muthmaasslich höchsten Temperatur zu messen. Hat man gefun- 
den , dass der Fall zu andern Zeiten als den angegebenen seine täg- 
lichen Remissionstiefen und Exacerbationshöhen hat , so ist auf diese 
die Messung zu verlegen. 

Wo irgend eine grössere Wichtigkeit eines Falles oder einer 
speciellen Frage vorliegt, müssen die Messungen alle 2 bis 4 Stunden 
wiederholt werden , so namentlich in schweren acuten Fällen, zumal 
im Anfange , um die Zeit der täglichen Remissionstiefe und Exacer- 
bationshöhe zu finden , in Fällen mit zweifelhafter Diagnose , in Fäl- 
len , bei welchen Abweichungen von dem gewöhnlichen Gange der 
Temperatur vorkommen. Ferner ist überhaupt jedesmal die Mes- 
sung zu wiederholen, wenn etwas Auffälliges an dem Kranken 
bemerkt wird. 

Selbst schon um den Gang der Temperatur in einer Krankheit 
wirklich und genau kennen zu lernen, genügen zwei Beobachtungen 
des Tages nicht ; es müssen wenigstens vier , oder sollten sechs oder 
auch mehr gemacht werden. Am besten eignen sich dazu die Stun- 
den 7 bis 8, 9 bis 10 des Morgens, 12 bis 1 Uhr des Mittags, 3 bis 
4, 6 bis 7 des Nachmittags, 10 und 11 der Nacht, denen dann noch 
eine Beobachtung am frühen Morgen hinzuzufügen ist, wenn die Fieber- 
verhältnisse schwer sind oder ihr Gang grosse Schwankungen zeigt. 

Wenn rasche Aenderungen der Temperatur in einem Krankheits- 
falle eintreten, z. B. bei einer rapiden Krise, bei einem Wechselfieber- 
anfall , sind stündliche , halbstündliche oder noch besser permanente 
Beobachtungen allein im Stande, den Vorgang anschaulich zumachen. 

Diese weitgehenden Forderungen betrefi"en übrigens selten die 
Privatpraxis , wohl aber müssen sie gestellt werden , wenn über die 
Gesetze des Krankheitsverlaufs mit gesprochen oder entschieden wer- 
den will. 

9. Die Frage : W e r s o 1 1 d i e M e s s u n g v o r n e h m e n ? ist 
keine unwichtige. 



34 Die Technik der Tiiermometrie 

Obwohl die Vornahme der Messung durch den behandelnden 
Arzt selbst oder durch einen zuverlässigen ärztlichen Assistenten die 
Richtigkeit des Resultats allein zu verbürgen scheint , so lässt sich 
doch gegen die Forderung einer ausschliesslichen Selbstthätigkeit des 
Arztes hierbei Manches erinnern. 

Zunächst beruht auf der Voraussetzung, dass der Arzt die Mes- 
sungen selbst vornehmen soll, der Haupteinwurf gegen die praktische 
Verwendbarkeit und selbst Möglichkeit der Krankenthermometriev 
jener Einwurf nämlich, dass dieselbe zu zeitraubend sei. 

So lange in schweren Fällen nur eine einmalige oder zweimalige 
Beobachtung gemacht werden soll , ist dieser Einwurf von ziemlich 
geringem Belange, da wohl jeder Arzt über so viel Zeit verfügen 
kann , dass er schweren acuten Fällen , die in der Privatpraxis sich 
doch selten so sehr häufen , täglich ein paar Viertelstunden zu wid- 
men vermag. Reicht dazu seine Zeit nicht aus , so muss er solche 
Kranke eben nicht in Behandlung nehmen. Die Ausrede des Zeit- 
mangels in solchen Fällen ist nicht besser, als wenn der Geburts- 
helfer wegen Zeitmangels nicht das Ende einer schweren Entbindung 
abwarten wollte , die er übernommen hat. Dagegen aber ist sicher, 
dass kein beschäftigter Arzt im Stande ist, täglich 6 bis 8 Messun- 
gen bei demselben Kranken anders als etwa ganz ausnahmsweise 
vorzunehmen , oder bei geringfügigen Fällen des Tages auch nur 
zweimal selbst das Thermometer anzulegen. 

Aber es ist auch nicht nöthig. 

Es ist nur nöthig, dass er wisse, von wem und wie die Messung 
vorgenommen wird , und dass er Kenntnisse genug von der patholo- 
gischen Thermonomie habe , die erhaltenen Resultate zu controliren. 

Jeder zuverlässige , aufrichtige und intelligente Mensch mit ge- 
gesunden , scharfen oder mit einer guten Brille bewaffneten Augen 
kann in kürzester Zeit instruirt werden, die Messungen mit genügen- 
der Sicherheit vorzunehmen. Die ärztliche Aufgabe ist nicht die 
Manipulation, sondern die Ueberwachung derselben, die Controlirung, 
die Verwerthung. So wenig das Eingeben der Arzneien die Thera- 
pie ausmacht, so wenig das Ablesen der Thermometergrade die 
Diagnose. 

Auch auf den astronomischen und meteorologischen Stationen 
werden die thermometrischen und manche andere Beobachtungen 
vielfach von Solchen ausgeführt, welche kein directes Interesse an 
deren Verwerthung haben. Ein zuverlässiger, aufmerksamer Mensch 
mit gutem Willen, mit Gewissenhaftigkeit und ohne eigentliche ärzt- 
liche Kenntnisse wird sogar weniger Irrthümer in der Messung 



zu ärztlichen Zwecken. g5 

begehen, als mancher Arzt; er wird von keinen vorgefassten Meinun- 
gen beherrscht , die manchen ärztlichen Beobachter Dinge wahrneh- 
men lassen , wie sie eben passen. 

Somit können zuverlässige und wohl instruirte Krankenwärter, 
in der Privatpraxis verständige Angehörige ganz gute und nützliche 
Werkzeuge für die ärztliche Thermometrie sein. Ich habe meist 
gefunden , dass die Angehörigen sehr bald die Wichtigkeit dieser 
Beobachtung einsehen, mit peinlicher Sorgfalt dabei zu Werke gehen 
und oft nur geneigt sind , ihre Kranken mit zu häufiger Application 
des Instruments zu quälen. Aber freilich müssen Alle, denen man 
die Messung überlässt, wohl instruirt und aufs Sorgfältigste über- 
wacht werden. Jede Nachlässigkeit ist als Zeichen ihrer Ünbrauch- 
barkeit anzusehen , und der Arzt muss so vertraut sein mit dem , was 
er hinsichtlich thermometrischer Resultate erwarten darf, dass jede 
Abweichung ihm alsbald Veranlassung zu Verdacht und zur eigenen 
Wiederholung der Messung giebt. Es ist selbstverständlich , dass 
solchen für die Privatpraxis genügenden Wahrnehmungen keineswegs 
die Zuverlässigkeit beigelegt werden darf, um sie für allgemein gül- 
tige Abstractionen zu yerwerthen. Wo sie im Widerspruch zu stehen 
scheinen mit dem auf besseren Wegen Gefundenen, ist wenigstens 
abzuwarten, bis man sich überzeugt, dass eine solche Abweichung 
von sonst gewonnenen Regeln häufiger vorkommt , oder mit andern 
Eigenthümlichkeiten des Falles in Uebereinstimmung steht. 

10. Die Methode zur möglichst vereinfachten 
Gewinnung brauchbarer Resultate ist wiederum je nach 
den Umständen und den Zwecken verschieden. 

In der Privatpraxis wird wohl fast immer die Achselhöhle 
zur Messung benützt werden. Der Arzt legt sofort bei seinem Besuch 
in die, wenn nöthig , abgetrocknete Achselhöhle mit sorgfältiger Ent- 
fernung etwa sich zwischendrängender Wäsche das in der Hand zu- 
vor erwärmte Instrument, oder hat es auch schon eine Viertelstünde 
vor seiner den Angehörigen bekannten Ankunft legen lassen. Der 
Augenblick des Einlegens wird nach der Uhr bemerkt. Während 
das Thermometer liegt, kann der Arzt seine Fragen stellen, kann 
Puls, Zunge, Ausleerungen untersuchen. Hat er selbst das Instru- 
ment eingebracht , so mag er nach etwa 2 Minuten zusehen , ob das 
Quecksilber rasch gestiegen ist, und ob das Instrument noch vollkom- 
men liegt. Es ist allenthalben gut, alle paar Minuten nachzusehen, 
und wenn das Quecksilber 3 bis 5 Minuten lang nicht mehr gestiegen 
ist, so kann man das Instrument entfernen und die Beobachtung 



§|g Die Technik der Thermometrie 

schliessen. In der Privatpraxis kommt es überhaupt selten darauf 
an, die volle Höhe der Temperatur zu wissen ; daher kann man ohne 
grossen Schaden die Beobachtung früher schliessen , ehe diese mit 
völliger Sicherheit erreicht ist. Wenn auch noch ein oder zwei Zehntel 
Weitersteigen zu erwarten wäre , so ändert dies wenig in dem Urtheil 
über den Kranken. Wie bei der Pulsfrequenz es meist praktisch 
völlig gleichgültig ist, ob ein Kranker 80 oder 84 Pulsschläge, ob 
er 100 oder 104, ob er 140 oder 150 in der Minute hat, ganz eben- 
so kommt es bei den Fragen in der Privatpraxis — abgesehen von 
extremen Temperaturhöhen — meist auf einige Zehntel in der Tem- 
peratur nicht an. Der Arzt muss wissen , wo und wann es darauf 
ankommt, und wo und wann nicht. Unter Umständen kann daher die 
Messung noch weiter verkürzt werden. Man kann in der Privat- 
praxis ganz wohl eine vorherige Erwärmung des Thermometers , die 
durch ein Zündhölzchen rasch zu erreichen ist , vornehmen und das 
Quecksilber auf den Stand der Eigenwärme des Körpers sinken 
lassen. Man kürzt dadurch die Messung bis auf ein paar Minuten 
ab, erhält zwar keine exacten , aber für die Fragen der Privatpraxis 
häufig vollkommen genügende Resultate. 

Wo es wünschenswerth erscheint, wie z. B. in allen schweren 
fieberhaften Krankheiten, bei intermittirenden Fiebern, auch wohl bei 
chronischen Fiebern, häufiger wiederholte Messungen auch in der 
Privatpraxis vorzunehmen , als der Arzt selbst auszuführen vermag, 
da ist ein verständiger Angehöriger damit zu beauftragen. Demselben 
Ist zunächst die Wichtigkeit der Vornahme zur Beurtheilung des Zu- 
standes des Kranken einleuchtend zu macheu. Man lässt ihn, nach- 
dem er mit der Manipulation vertraut gemacht ist, unter eigner Con- 
trole einige Male die Beobachtung vornehmen, alsdann mag man ihm 
selbständige Messungen anvertrauen , die man von Zeit zu Zeit , vor- 
nehmlich aber wenn sich etwas Ungewöhnliches dabei ergiebt , durch 
Nachmessung prüft. Jedesmal hat er ausser dem Resultat der Mes- 
sung die Stunde derselben und die Zeit, die er auf die Messung ver- 
wendet hat, aufzuzeichnen. Solche Beobachtungen können ein treff- 
liches Hülfsmittel für die Praxis werden, und wenn man nichts daraus 
erfahren würde , als die Zeitpunkte , auf welche Remission und Exa- 
cerbation fällt , so wären sie ein durch nichts zu ersetzender Finger- 
zeig und gewähren die Möglichkeit , hiernach die weiteren Besuche 
und Messungen einzurichten. Aber auch viel weiter gehende 
Schlüsse kann man ohne grosse Gefahr, sich zu täuschen , auf solche 
Beobachtungen stützen ; man kann durch sie oft genug zuerst auf 
Wendungen aufmerksam gemacht werden, deren frühe Erkennung 



J 



zu ärztlichen Zwecken. 87 

Von der grössten Wichtigkeit ist und deren Beginn man vergeblich 
iioffen dürfte, auf anderem Wege ebenso sicher zu erfahren. 

Es braucht kaum erwähnt zu werden , dass bei einem solchen 
Verfahren es nothwendig ist, dass ein brauchbares Instrument, des- 
sen Markirung geprüft ist, bei dem Kranken deponirt bleibe. 

In grösseren Hospitalabtheilungen ist ein methodisches 
Verfahren zum Zwecke der Zeitersparniss fast noch werthvoUer , als 
in der Privatpraxis. Für die regelmässigen Messungen muss genau 
und täglich die gleiche Stunde bestimmt sein. Ehe der Arzt den 
Saal betritt, müssen bei sämmtlichen Kranken des Saales die Instru- 
mente gelegt sein. Der Arzt überzeugt sich durch einen raschen 
•Gang, ob sie richtig liegen, corrigirt, wo es nöthig ist. Während er 
weiter seine sonstigen Beobachtungen vornimmt , mag er von Zeit zu 
Zeit die Lage der Instrumente, der Arme der Kranken u. s. w. con- 
troliren. Wo sich bei einem Kranken die Neigung, das Instrument 
locker zu halten oder sich zu bewegen , zeigt (was jedoch bei Kran- 
ken mit vollem Bewusstsein um so seltener geschieht, als sie selbst 
bald das grösste Interesse an einer richtigen Messung nehmen), muss 
von einem Wärter das Instrument gehalten werden. Nach etwa 
20 Minuten wird von einem Gehülfen oder einem verständigen Wär- 
ter bei allen Kranken rasch nach einander der Quecksilberstand ab- 
gelesen und notirt. Indessen bleiben die Instrumente in ihrer Lage, 
bis 5 Minuten darauf der Arzt die Befunde controlirt hat. Zeigen 
sich dabei die Resultate anders , als die vorläufige Notirung ergeben 
batte , so muss das Instrument noch länger liegen bleiben , bis kein 
Steigen sich mehr zeigt. In dieser Weise kann in einem Saale von 
mehr als 20 Betten mit völliger Sicherheit die Messung bei sämmt- 
lichen Kranken in einer halben Stunde vollendet sein, eine Zeit, 
welche zur übrigen Beobachtung dieser Kranken zugleich verwendet 
werden kann, also nicht verloren geht. Bei einer guten Organisation 
der Krankenpflege werden sich allmälig einzelne Individuen des Wär- 
terpersonals als völlig zuverlässige Ableser der Temperatur brauch- 
bar zeigen, und solche mögen dann wenigstens für die Fälle benutzt 
werden, in denen nichts Abweichendes von dem gewöhnlichen Ver- 
halten zu bemerken ist, besonders für die Zeiten , auf welche keine 
.ärztliche Visite fällt. Stets muss man dessen eingedenk sein, dass 
ein mit thermometrischen Erfahrungen vertrauter Arzt durch falsche 
Angaben und schlechte Messungen nicht leicht lange getäuscht wer- 
den wird , und dass nur für die Anfänger in der Thermometrie die 
Vertretung durch Andere bedenklich ist. 



§^ Die Technik der Thermometrie zu ärztlichen Zwecken. 

Es bleiben natürlich immer einzelne Kranke übrig, welche einen 
grössern Zeitaufwand verlangen, weil das gefundene Resultat aus 
irgend einem Grunde verdächtig ist, oder weil die Art des Zustandes 
eine über die gewöhnliche hinausgehende Genauigkeit wünschens- 
werth macht. Man wird sich länger und eingehender mit ihnen 
beschäftigen müssen , gerade so wie man auch wegen anderer Ver- 
hältnisse einzelnen Kranken eine umständlichere Untersuchung zu- 
wenden und längere Zeit widmen muss. Wer den Werth der Ther- 
mometrie erkannt hat, wird diese Zeit und diese Mühe nicht füi' ver- 
loren erachten. 

11. Für jede Art der Nutzbarmachung der Temperaturbeob- 
achtung, betreffe sie praktische oder theoretische Ziele, ist es uner- 
lässlich, dass die erhaltenen Werthe fortlaufend notirt wer- 
den ; übersichtlich werden sie aber erst und anschaulich wird der 
Verlauf, wenn sie durch Einzeichnung in eine Tabelle als Curve 
dargestellt werden. Auf derselben Curve können zur raschern Ver- 
ständigung die Reaumur'schen und die Celsius'schen Grade angemerkt 
sein. Es wird ferner zweckmässig zugleich der Gang der Puls- 
frequenz und der Respirationsfrequenz mit verschiedenartiger Tinte 
notirt und gleichfalls als Curve ausgezogen. Auch andere Vorgänge, 
einzelne wichtigere Ereignisse, therapeutische Vornahmen können 
beigefügt werden (S. Tafel 1). Hierdurch lässt sich der ganze 
Krankheitsverlauf mit allen seinen Schwankungen, Wendungen und 
sonstigen Veränderungen mit einem einzigen Blicke übersehen. Kein 
noch so treues Gedächtniss, keine noch so lebendige und naturwahre 
Erzählung gewährt ein so sprechendes Bild von dem Gange der 
Krankheit , als eine solche Curve. Die Vergleichung vieler solcher 
Curven miteinander lässt die Uebereinstimmung der Verläufe , lässt 
die Gesetze derselben wie von selbst hervortreten und zeigt die Ab- 
weichungen , die Irregularitäten und zeigt die Wirkungen der Thera- 
pie in einer so schlagenden Weise, dass kein Unbefangener einem 
solchen Beweismittel zu widerstehen vermag. 



IV. 

Die Temperatur des gesunden Menschen. 

1 . Die Kenntniss von dem Verhalten der Eigen- 
wärme gesunder Menschen ist selbstverständlich die Basis 
für jede Beurtheilung der Resultate der Kranken- 
thermometrie. Obwohl jedoch Temperaturbeobachtungen an 
gesunden Menschen sehr vielfach vorgenommen worden sind, so sind 
sie lange nicht zahlreich genug und auch lange nicht verlässlich 
genug, um alle Punkte, deren Aufklärung wünschenswerth ist, ausser 
Zweifel zu setzen. 

Es handelt sich bei diesen Beobachtungen häufig um Unter- 
schiede von nur wenigen Zehntelgraden. Auch bei der sorgfältigsten 
Vermeidung von Beobachtungsfehlern ist bei so geringen Unterschie- 
den der Einfluss von ZufäUigkeiten nicht ganz auszuschliessen. 

Oft genug können selbst Zweifel entstehen , ob die zur Unter- 
suchung benutzten Individuen auch wirklich mit Recht für 
gesund gehalten worden sind , und namentlich in den Fällen , in 
welchen die Temperatur der Gesunden unter dem Einflüsse verschie- 
dener Einwirkungen unter ungewohnten Verhältnissen geprüft werden 
sollte, ist es sehr schwer zu entscheiden , ob derartige Einflüsse und 
Verhältnisse nicht bereits krankmachend auf die Prüfungspersonen 
gewirkt haben , sei es , dass die Einwirkungen an sich zu überwäl- 
tigend waren , sei es , dass die Individuen , die zu den Versuchen 
benutzt wurden, nicht die feste Gesundheit hatten, um den Einflüssen 
einer ungewohnten Diät, verlängerter Bäder und dergleichen genü- 
gend zu widerstehen. In der That sind ganze Reihen von Selbst- 
beobachtungen durch später hervortretende Krankheit des Beobach- 
ters in ihrem Werthe sehr zweifelhaft geworden (z. B. die von Gierse) ; 
und in manchen Fällen lässt schon die ungewöhnliche Abweichung 
der Resultate von dem sonst Wahrgenommenen vermuthen, dass die 



90 I^ie Temperatur des gesunden Menschen, 

verwendeten Individuen keine völlig gesunden waren. Schon hier- 
durch leidet das factische Material über die Temperaturverhältnisse 
des gesunden Menschen an einer bedenklichen Unzuverlässigkeit, 
welche selbst eine noch so scrupulöse Genauigkeit der einzelnen 
Beobachtung nicht gut zu machen vermag. 

Manche dieser Beobachtungen sind aber auch noch tiberdem 
mit ziemlicher Nachlässigkeit ausgeführt und die Forderungen, 
die man mit Recht an wissenschaftlich verwerthbare Resultate der 
Krankenmessung macht, sind keineswegs tiberall bei den Prüfungen 
der Eigenwärme der Gesunden befolgt. 

Besonders schlimm aber ist es, dass die Sätze der physio- 
logischen Thermometrie aus einem viel zu spärlichen Mate- 
rial abstrahirt zu werden pflegen. Würden Beobachtungen über 
jedes einzelne Verhältniss in sehr grossen Massen zur Verfügung 
stehen, so könnten sich manche Einzelfehler ausgleichen. Statt 
dessen aber hat man viele Fragen aus sehr wenigen , selbst verein- 
zelten Beobachtungen , aus Beobachtungen an einzelnen wenigen 
Individuen , aus deren Verhalten man nicht ohne weiteres allgemeine 
Gesetze folgern darf, zu beantworten versucht. Allerdings ist .es 
begreiflich, dass bei so wenig ausgiebigen Resultaten , wie diejenigen 
sind, welche die Temperaturdifferenzen des gesunden Menschen lie- 
fern, die nothwendige Ausdauer selten getroffen werden dürfte, viele 
Jahre hindurch dieselben Fragen durch immer erneuerte Beobach- 
tungen zu prüfen , wie solches bei der Krankenthermometrie als un- 
erlässlich gelten muss, v/enn brauchbare und wahrhafte Resultate 
erzielt werden sollen. Meist sollten die physiologischen Fragen bin- 
nen eines kurzen Zeitraums entschieden werden und diese Entschei- 
dungen stützten sich daher nur zu häufig auf so spärliche Zahlen, 
dass man in der pathologischen Thermometrie nicht wagen würde, 
daraus irgend einen Schluss zu ziehen. Nicht zu tibersehen ist dabei, 
dass eine genügend grosse Anzahl von Menschen mit gesicherter Ge- 
sundheit wohl selten zur Verfügung steht , und wenn man sie auch 
aufzutreiben vermag, so sind gerade diese viel weniger vor stören- 
den Nebeneinflüssen zu schützen , als die an's Bett gefesselten Kran- 
ken eines Hospitals. 

Wenn man, um dem Mangel an genügend zahlreichen gesunden 
Prtifungspersonen abzuhelfen , T h i e r e zu den Prüfungen benutzte, 
so ist auch diess ein Ausweg von nicht ganz unbedenklichem Werthe. 
Die Thiere, namentlich die gewöhnlich zum Experimente genom- 
menen (Kaninchen , Hunde etc.) , zeigen nicht in dem Grade die Be- 
ständigkeit der Eigenwärme oder vielmehr die enge Breite der Nor- 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 91 

maltemperatur, wie gesunde Menschen, und Versuche mit ihnen geben 
daher Resultate, welche nicht ohne Weiteres auf die menschliche 
Species übertragen werden dürfen. 

Die Angaben der physiologischen Thermometrie 
stehen daher an Zuverlässigkeit und umfänglicher 
Begründung weit zurück hinter den Thatsachen, 
welche im Laufe der letzten 20 Jahre die Messung bei Kran- 
ken festgestellt hat. 

2. Aber selbst wenn allen Cautelen der Beobachtung Genüge 
geschehen wäre, so Hesse sich eine strenge Gränze zwischen dem 
Temperatur verhalten innerhalb der Breite der Ge- 
sundheit und demjenigen, weiches diese überschreitet, 
doch nicht vollständig und endgiltig bestimmen. Es erscheint, so 
lange nicht andere Krankheitszeichen vorhanden sind, als willkürlich, 
welche Temperaturgrade man noch als normal bezeichnet und welche 
bereits als abnorm gelten sollen. Die Berechtigung, eine Gränze zu 
ziehen, liegt vornehmlich darin, dass bei Temperaturen, welche eine 
gewisse Breite übersteigen , selbst wenn im Augenblick noch keine 
sonstigen Krankheitssymptome vorliegen , solche bald sich zu zeigen 
pflegen. Aber freilich ist auch darüber nicht absolut zu entscheiden, 
welche Befindensstörungen als Krankheitssymptome gelten dürfen. 
Diese Schwierigkeit der Abgränzung macht sich jedoch nur auf 
wenigen Punkten bemerklich. Sie tritt fast nur hervor in den Fäl- 
len, in welchen man Menschen oder Versuchsthiere unter ungewöhn- 
liche Verhältnisse gebracht hat oder starke Einflüsse auf sie 
wirken lässt. Hier kann ein noch physiologischer Effect den bereits 
pathologischen utimittelbar berühren und es ist in der That oft nicht 
zu sagen, ob die Wärmecompensation auch im gesunden Körper 
unter beträchtlichen äusseren Einwirkungen grosse ünvollkommen- 
heiten erleidet oder ob das Ungenügendwerden der Wärmecompen- 
sation bereits ein Zeichen von einer krankhaften , wenn auch künst- 
lich hervorgebrachten Störung im Körper sei. Man wird das Ver- 
hältniss um so eher als ein in die Breite der Gesundheit fallendes 
ansehen dürfen, wenn sofort nach der Entfernung der störenden Ein- 
wirkung die normale Körperwärme 'sich wiederherstellt und kein 
sonstiges Zeichen von functioneller oder geweblicher Anomalie sich 
anschliesst. Aber sehr oft bleiben solche experimentelle Fälle auf 
der Kante zwischen Gesundheit und künstlicher Krankheit. Aehn- 
liches kommt auch spontan bei gewissen noch nicht zur Krankh 
gerechneten Körperzuständen, z.B. der Ermüdung, der Menstruation, 



92 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

der Schwangerschaft , dem Wochenbett vor, immer aber um so eher, 
je zweifelhafter im Uebrigen die Gesundheitsfestigkeit des Indivi- 
duums ist. 

3. Bei der ünzuverlässigkeit der Beobachtungen über die Eigen- 
wärme gesunder Menschen, namentlich bei der Schwierigkeit, vor- 
handene leichte oder verborgene ernste Gesundheitsstörungen der 
zum Beobachtungsobject Dienenden auszuschliessen , bei der Unmög- 
lichkeit, pathologische Effecte von physiologischen scharf zu trennen^ 
können die Gränzen der Breite der menschlichen Eigen- 
wärme bei ungestörter" Gesundheit nicht ganz sicher fest- 
gestellt werden ; doch dürfte es der Wahrheit ziemlich entsprechen, 
namentlich nach den unendlich zahlreichern Beobachtungen , die man 
an Reconvalescenten zu machen Gelegenheit hat, wenn man als 
Gränzen der normalen Achselhöh len temp erat ur 86,23. 
bis 37,50 (= 29 bis 30 » R.) und als Mittelnorm altem pera- 
tur an derselben Stelle 37 ^ (= 29,6) annimmt. Mindestens sind 
alle über jene Gränzen hinausgehenden oder tieferen Temperaturen 
verdächtig oder dürfen nur bei besondern Umständen und Einwir- 
kungen noch für normal erachtet werden. 

Wenn die Eigenwärme des Menschen nur gedacht werden kann 
als Resultat fortwährender Productionen und Verluste von wechseln- 
der Grösse, so muss es als ein höchst eigenthüraliches Verhalten er- 
scheinen, dass bei mannigfaltigen und ohne Zweifel jeden Augenblick 
sich ändernden Vorgängen und Wirkungen ein im gesunden Lebe» 
stets so gleichmässiges Facit resuitirt , wie die Erhaltung der Innen- 
wärme des Körpers in den Gränzen eines einzigen Wärmegrades. 

Was Lavoisier von dem Körpergewicht sagt : Quelle quantite 
d'aliments que Ton prenne, le meme individu revient tous les joiir& 
apres la revolution des 24 heures au meme poids ä peu pres qu'il 
avoit la veille, pourvu qu'il soit d'une forte sante, que sa digestlon se 
fasse bien, qu'il ne s'engraisse pas, qu'il ne soit pas dans un etat de 
croissance et qu'il evite les exces — lässt sich mit noch viel höherem 
Rechte von der Temperatur des Körpers sagen. So lange der Kör- 
per gesund bleibt, erhält sich trotz kleiner Schwankungen die Eigen- 
wärme auf derselben Höhe , oder kehrt immer wieder zu derselben 
zurück ; auch wo sie eine stärkere Abweichung durch gewisse Ein- 
flüsse erlitten hat, stellt sich, wenn nur die Gesundheit nicht 
gestört wurde, sehr bald die Norm wieder her, und selbst nach 
durchgemachten Krankheiten und nach allen dabei vorgekomme- 
nen Abweichungen der Temperatur wird , sobald die Genesung 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 93 

erlangt ist, auch die Eigenwärme wieder die gleiche , wie vorder 
Krankheit. 

Der Mensch schliesst sich in dieser Hinsicht \delen anderen und 
speciell den ihm zunächst stehenden organischen Wesen an. 

Eigenwärme überhaupt ist eine Eigenthümlichkeit der ganzen 
I belebten Welt. Alle lebenden Wesen , obwohl unterworfen den Ge- 
setzen des Wärmeaustausches, haben die EigenthümUchkeit, dass sie, 
so lange sie leben , nicht nothwendig sich ins Gleichgewicht setzen 
mit der Wärme der Körper, in deren Nachbarschaft sie kommen, mit 
der Wärme des flüssigen und gasförmigen Mediums , in dem sie sich 
befinden ; alle haben unter normalen Verhältnissen eine höhere Tem- 
peratur, als dieses Medium , und steigt ausnahmsweise die Tempera- 
tur des letztern über 40 oder 42 ^, so folgen sie ihr nicht. 

Dabei zeigen die Säugethiere und Vögel die weitere noch merk- 
würdigere Eigenthümlichkeit einer mehr oder weniger constanten 
Temperatur, d. h. ihre Eigenwärme ist unabhängig oder doch 
fast unabhängig von der Wärme des Mediums , in dem sie sich befin- 
den, während die übrigen Thiere sehr beträchtlich von demselben 
influenzirbar sind. Der Ausdruck warm- und kaltblütige Thiere soll 
diese Verschiedenheit bezeichnen ; richtiger ist jedoch die Unter- 
scheidung zwischen Thieren mit constanter und solchen mit variabler 
Wärme. Doch ist auch die Constanz jener keine absolute ; ja 
selbst zeigen manche Thiere mit gewöhnlich constanter Temperatur 
unter Umständen eine beträchtliche Variabilität der Eigenwärme, wie 
unter den Säugethieren die Winterschläfer, bei welchen während des 
Winterschlafes die Eigenwärme sich der Temperatur des Mediums 
beträchtlich nähert. 

Der Mensch .gehört zu denjenigen Geschöpfen, bei welchen die 
Temperaturbeständigkeit besonders vollständig sich zeigt, wiewohl 
sie auch bei ihm keineswegs absolut ist , bei jedem Menschen und 
unter allen Verhältnissen kleine , unter manchen Umständen , bei ein- 
zelnen Individualitäten und nach starken Einwirkungen grössere 
Schwankungen zulässt und namentlich in Krankheiten zu einer erheb- 
lichen Breite sich ausdehnen kann. 

4. Dieses Phänomen der Eigenwärme und ihre Beständigkeit 

ist das Resultat einerseits der während des Lebens 

fast auf allen Punkten des Körpers fortwährenden Wärme- 

production, andererseits der ebenfalls niemals 

^ unterbrochenen Wärmeverluste. 



^4' I^iß Temperatur des gesunden Menschen. 

Körper und überhaupt in belebten Körpern hat für das Begreifen 
keine Schwierigkeit. Ohne Zweifel giebt es keine andere Quelle für 
die selbständige Wärme in dem Organismus als die chemischen Pro- 
cesse. Eine Erschaffung von Wärme findet im Körper sicher 
so wenig statt , als eine Erschaffung eines Stoffes : es ist nur Um- 
wandlung von Kräften , was im Organismus geschieht. Die Kräfte, 
welche im Körper in Wärme verwandelt werden, sind die chemischen 
Affinitäten seiner Substanz und der in ihn eingeführten Stoffe. Bei 
jedem Vorgange , bei welchem stärkere Affinitäten gesättigt werden, 
als vorher gesättigt waren, wird Kraft (Wärme, Bewegung) frei. 

Indem die Substanzen des Körpers und der in ihn eingeführten 
Stoffe in neue chemische Verbindungen eintreten, welche weniger 
oder keine chemische Spannkraft mehr besitzen, indem für die Ein- 
fuhr oxydirbarer Ingesta und des eingeathmeten Sauerstoffs Kohlen- 
säure und oxydirte Excrete gebildet und ausgeführt werden, gehen 
die jenen eigen gewesenen Affinitäten in Wärme und Bewegung über. 
Die zahlreichen chemischen Processe im Organismus und 
speciell die Verbindung der in Blut umgewandelten 
Alimente, sowie in weit wenigerem Maasse auch der Körper- 
theile mit dem eingeathmeten Sauerstoff, die Oxy- 
dation jener Stoffe , sozusagen die fortwährende stille Verbrennung 
des Bluts und aller in den Körper eingeführten und in seine Masse 
eingehenden oxydirbaren Substanzen : diess sind die Quellen 
für eine ununterbrochene und überaus reichliche Entwickelung von 
Wärme. 

Das Blut, durch seine Fähigkeit Sauerstoff aufzunehmen , ist 
jedenfalls der Vermittler der Wärmeproduction. Es ist ferner mit- 
telst seiner Bewegung durch den ganzen Körper das Mittel, eine 
ungleiche Temperatur der einzelnen Theile auszugleichen und damit 
eine gleichmässige Temperatur im Körper herzustellen. Ob es auch 
die vornehmlichste Stelle ist, wo die chemischen Affinitäten sich in 
Wärme umwandeln oder ob und zu welchem Antheile diese Umwand- 
lung, die Wärmeproduction in der Gewebssubstanz des Körpers vor 
sich geht , hat vorläufig nur untergeordnete Bedeutung. „ Nicht der 
hundertste Theil des Verbrennungsprocesses findet ausserhalb der 
Blutgefässwandungen statt, " sagt Mayer und die Physiologie hat an- 
gefangen , ihm theilweise Recht zu geben. Doch ist es allgemeine 
Annahme, dass sich, mit Ausnahme derHorngebilde, alle Körpertheile 
am Processe der Wärmebildung durch Umsetzung ihrer Substanz 
betheiligen: als vorzugsweise Heerde derselben gelten die Drüsen, 
die Baucheingeweide und die Muskeln , ohne dass es möglich wäre, 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 95 

den relativen Antheil dieser Organe an der Gesammtproduction zu 
berechnen. Auch die Summe der in einem bestimmten Zeitraum 
von einem Menschen im normalen Zustand producirten Wärme (d. h. 
die Menge der Wärmeeinheiten, Calorien , welche in einem mensch- 
lichen Organismus im Lauf einer gegebenen Zeit gebildet werden) ist 
nicht mit Sicherheit in Zahlen auszudrücken , weil der gleichzeitige 
Verlust von Wärme weder zu verhindern, noch zu berechnen ist, und 
weil ferner dem Versuch, entweder aus den Zersetzungsproducten 
oder aus der Verbrennungswärme der eingeführten Nahrungsstoffe 
(d. h. der Wärmemenge, welche sie bei ihrer Verbrennung hefern) 
die producirte Wärme festzustellen, ebenfalls unübersteigliche Schwie- 
rigkeiten entgegenstehen , und endhch , weil der verbrauchte Sauer- 
stoff keinen Maassstab für die erzeugte Wärme giebt , indem die zu 
oxydirenden Stoffe nicht die gleiche Verbrennungswärme haben, auch 
nicht die ganze bei der Oxydation freiwerdende Kraft als Wärme 
erscheint, vielmehr zum Theil in Bewegung (Arbeitsleistung) über- 
geht. Was von der Grösse der Wärmeproduction beim Menschen 
in einer gegebenen Zeit da und dort sich gesagt findet, beruht daher 
auf Schätzungen, die sich auf meist ziemlich willküdichem Boden 
bewegen. Beispielsweise mag angeführt werden , dass nach der Be- 
rechnung von Helmholtz (Berl. encycl. Wörterb. XXXV. p. 555) 
die tägliche Wärmeproduction eines 82 Kilogramm schweren Men- 
schen 2,732,472 Calorien (d. h. Grammcalorien oder Calorien im 
Sinne von Wärmemenge , welche 1 Gramm destillirten Wassers um 
1 ö C. erhöht) betragen soll oder dass jeder Gramm seines Körper- 
gewichts täglich so viel Wärme hervorbringt, als nöthig, um 88^/2 
Gramm destillirten Wassers um 1 Grad , in einer Stunde soviel, um 
ein Gramm destiUirtes Wasser, um 1,6^ zu erwärmen. 

5. Wie im Körper fortwährend Wärme producirt wird, so wird 
auch fortwährend Wärme abgegeben. Diese Abgabe von 
Wärme geschieht 

durch Strahlung (an der Oberfläche), 

durch Ableitung, 

durch Verdunstung von Secretionsstoffen zu gasförmiger 

Ausscheidung, 

endlich durch mechanische Arbeitsleistung (Umwandlung 

der Wärme in Bewegung). 

Die Hauptstelle der Wärmeabgabe , also der Abkühlung ist 

die K ö r p e r b e r f 1 ä c h e. Nicht nur findet hier die Abgabe durch 

Strahlung, sondern die vornehmlichste Ableitung an die umgebenden 



9g Die Temperatur des gesunden Menschen. 

kälteren Medien und endlich der Wärmeverlust durch Wasserverdun- 
stung statt. Der Grad dieser Abgaben hängt zunächst von der 
Beschaffenheit der Umgebung (Kälte derselben, Wärmeleitungs- 
vermögen etc.), sodann von der Gestalt der Organe ab (Nase, Finger, 
Ohren erkälten rascher). Weiter aber hängt der Grad der Wärme- 
abgabe ab von der Dicke und Beschaffenheit der Epidermis , von der 
grösseren oder geringeren Füllung der Blutgefässe vorzüglich aber 
auch von der Feuchtigkeit der Haut und dem Grade der Wasser- 
verdunstung auf ihr. Aber auch in den Luftwegen geht Wärme 
durch Abgabe an die eingeathmete Luft und durch Wasserverdun- 
stung verloren ; da jedoch in ihnen zugleich eine Hauptstelle der 
Wärmebildung liegt , so treten sich dort Verlust und Production un- 
mittelbar gegenüber. In geringerem Maasse findet auch im Magen 
(in der Zeit und in dem Maasse , in welchem kältere Substanzen in 
ihn gelangen) und im Dickdarm (an Kothmassen) Wärmeabgabe 
statt. Endlich wird in den thätigen Muskeln ein Theil der Wärme 
in Bewegung (mechanischen Effect) umgewandelt: aber wiederum 
steht dabei dem Verluste eine Mehrproduction durch die Muskelcon- 
traction entgegen. — Man wollte durch Berechnung bestimmen, dass 
60 bis 75<^/o des Wärme Verlustes auf Rechnung der Leitung und 
Strahlung an der Körperoberfläche zu setzen, 20 — 30 ^/^^ durch 
Wasserverdunstung bedingt seien , und dass 4 — 8 ^/o auf Abgabe an 
die Luft bei der Athmung , 1 — 2 *^/o auf Excretion von Harn und 
Koth, 2 ö/o auf Abgabe an kalte Nahrungsmittel fallen. Die Ge- 
sammtsumme des Verlustes in einer bestimmten Zeit ist aber ebenso- 
wenig zu berechnen, als die Gesammtsumme der Production: nur so 
viel ist gewiss, dass sie dieser im gesunden Zustande gleich ist. 

6. Sind nun aber auch über die Bedingungen der Wärme- 
bildung und über die Vorgänge der Wärmeabgabe im Allgemeinen 
kaum mehr erhebliche Zweifel vorhanden , so sind die Ursachen der 
Erhaltung der Eigenwärme auf einer bestimmten Höhe oder mit an- 
deren Worten der Wärmeregulation keineswegs bekannt. 

Immerhin ist es begreiflich, dass die Wärmeproduction nach 
der zufälligen Steigerung oder Minderung der Wärmeverluste sich 
regle, dass der Mensch selbst schon durch Instinct trachte, bei star- 
ken Verlusten diese zu beschränken (sich besser zu verhüllen) und 
die verlorene Wärme durch eine reichlichere Production (Nahrungs- 
zufuhr) zu ersetzen ; oder dass er suche , bei reichlicher Production 
sich durch Wärmeentziehung (kaltes Trinken, Waschungen, Bäder etc.) 
zu helfen. Es ist ferner begreiflich, dass eine Anzahl Vorrichtungen 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 97 

im Organismus vorhanden seien, welche, dem Individuum unbewusst, 
seinem Instinkt zu Hülfe kommen , dass also z. B. bei vermehrter 
Production die Blutbewegung stärker , die Haut bluttiberfüllter und 
die Wärmeabgabe auf ihr grösser werde und noch weiter durch 
Schweisssecretion sich steigere, dass auch das Athmen sich beschleu- 
nige und dadurch die Abkühlung mittelst der eingeführten kalten Luft 
beträchtlicher werde, dass im Gegentheil bei geringer Wärmeproduc- 
tion die Hautgefässe sich verengern , blutarmer und dadurch die 
Wärmeverluste auf der Haut vermindert werden. 

Eine einseitige Aenderung in der Wärmeproduction oder eine 
einseitige Aenderung in der Wärmeabgabe bedingt freilich sofort 
eine Aenderung in der Höhe der Eigenwärme. Aber wenn bei einer 
Aenderung der Wärmeproduction die Apparate zur Wärmeabgabe in 
integralem Zustand sich befinden oder wenn bei Aenderung der 
Wärmeabgabe das Material für die Wärmeproduction zur Verfügung 
steht und die Vorgänge der Production unbehindert smd , wenn mit 
einem Worte der Organismus in normalen Verhältnissen sich befin- 
det, so gleichen sich die Folgen jener Aenderungen so rasch aus, 
dass das Gleichgewicht alsbald sich wieder herstellt. Häufig folgt 
sogar auf die einseitige Wärmezunahme eine das nothwendige Maass 
überschreitende Abgabe und ein ungewöhnlich starker Verlust wird 
durch üeberproduction häufig mehr als gedeckt, so dass nach der 
Steigerung oder Abnahme der Temperaturhöhe zunächst eine kleine 
Fluctuation in entgegengesetzter Richtung eintritt, bis die Aequilibri- 
rung sich vollzieht. 

Aber durch alles dieses wird nicht durchsichtiger, weshalb die 
Eigenwärme so constant im gesunden Zustand auf einer bestimmten 
Höhe sich erhält; weshalb diese Höhe beim Menschen gerade 37^ 
beträgt, weshalb andere ebenfalls mit den gleichen wärmeproduciren- 
den Organen versehene, ebenso gut wärmeabgebende Geschöpfe jene 
Erhaltung der Eigenwärme auf einer bestimmten Höhe weniger oder 
selbst gar nicht vollbringen, worauf ein so empfindhches Ineinander- 
greifen zahlreicher Vorrichtungen beruht, von deren augenblicklichem 
und correctem Zusammenwirken die Erhaltung der Temperaturhöhe 
d. h. die Regulation abhängt. 

Auch Ludwig (Physiologie II. 754), welcher die „Mittel zur 
Erhaltung des normalen Wärmegrades" ausführlich bespricht, 
gesteht , dass , wenn auch die organischen Bedingungen , welche die 
Beziehungen zwischen Gewinn und Verlust von Wärme herstellen, 
zum Theil wenigstens bekannt seien, der Mechanismus dieses Zusam- 
menhangs noch keineswegs aufgedeckt sei. 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 7 



98 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

Das merkwürdige Räthsel bleibt, dass die so verschiedenen und 
wechselnden Factoren im gesunden Leben ein stets so gleichmässiges 
Resultat der Wärmehöhe geben, dass also, mag die Production noch 
so verschieden sein , mag die Abgabe noch so sehr differiren , stets 
an gesunden Körpern eine Regulation der Wärme stattfindet , die in 
jedem Augenblick in Wirkung tritt und die Wärme weder über 
sehr beschränkte Gränzen hinaufgehen , noch unter dieselben herab- 
sinken lässt. 

Das Räthsel wird nicht kleiner, wenn man beachtet, dass die 
Regulation ihre volle Wirksamkeit nur beim Gesunden offenbart, mit 
dem Eintritt einer Körperstörung dagegen sofort auch in der Regula- 
tion sich kleinere oder grössere Abweichungen kund geben. 

Allerdings ist das Verhalten nicht räthsel voller, als dasjenige, 
auf welchem die Gleichmässigkeit der Zusammensetzung des Blutes 
im gesunden Zustand trotz aller verschiedenen Einnahmen und Aus- 
gaben beruht ,* auf welchem ferner alle Endresultate des organische» 
Lebens, alle Verwendung des Stoffmaterials zur Bildung bestimmter 
organischer Formen , alles Gleichgewicht in der belebten Natur im 
Grossen wie im Kleinen , alle Erhaltung des Individuums , der Zahl- 
verhältnisse der Geschlechter , der Species trotz Kämpfen, Verlusten^ 
Zufälligkeiten jeder Art beruhen. 

Es ist eben einmal die Ordnung im Organismus, dass nach jeder 
Beziehung jedes einseitige Plus sich ausgleicht, so lange der Organis- 
mus gesund ist. Im gesunden Zustand deckt die Wärmeerzeugung^ 
genau den durch die äusseren Umstände bedingten Wärmeverlust. 
und ebenso gleicht sich , wenn die Wärmeerzeugung zufällig gestei- 
gert wird oder vermindert ist, im normalen Körper das Missverhält- 
niss rasch durch mehrfache dazu vorhandene Einrichtungen der Ab- 
gabe wieder aus. Wie zur ungestörten Fortsetzung des Lebens 
ebensoviel Materie ausgeführt werden mnss, wie aufgenommen wird^ 
und ebensoviel aufgenommen werden muss, wie abgegeben wird, sa 
verhält es sich bei der Kraft : die ungestörte Fortsetzung des Lebens 
setzt ein Gleichgewicht der Production der Wärme mit der Abgabe 
und Verwendung derselben voraus, und auf diesem Gleichgewicht 
beruht die Gesundheit. 

Zur Einhaltung dieser Ordnung bedarf es keineswegs eines 
besonderen Regulationsapparates oder Organ es und 
einer mystischen Einwirkung desselben auf die chemischen Processe, 
so wenig als die Ordnung im Organismus überhaupt unter der Herr- 
schaft eines einzelnen Theiles steht. Vielmehr setzt die Erhaltung 
der Ordnung die Integrität der Leistungen aller auf den Stoffwechsel 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 99 

Beziehung habenden Theile voraus , oder doch wenigstens eine an- 
nähernde Integrität : denn der Organismus ist mit solcher Kunstvoll- 
kommenheit gestaltet, dass selbst eine geringere Leistung eines Theils 
noch nicht immer die Ordnung des Ganzen stört. Aber wie zur 
Erhaltung der übrigen Ordnung im Organismus die einzelnen Organe 
ohne Zweifel nicht gleichwerthig sind , so ist auch für die Erhaltung 
des Gleichgewichts der Wärme die Intregrität einzelner Organe wich- 
tiger als die mancher andern. 

Wenn freilich die Compensationen durch abnorme Zustände 
zufällig oder absichtlich (künstlich) zu beträchtlich gehemmt sind, 
wenn die Leistungen einzelner einflussreicher Organe von dem noth- 
wendigen Maasse zu weit abweichen, alsdann können Störungen 
beträchtlichen Grades in der Bilance von Production und Verlust und 
damit Abweichungen in der Höhe der normalen Eigenwärme eintre- 
ten. Es mag dann von der Ausdehnung und von der Dauer dieser 
Abweichungen abhängen , ob man das Verhalten noch zur Breite der 
Gesundheit rechnen will und darf oder nicht. Es ist diess, wie schon 
angeführt , bis zu einem gewissen Punkte willkürlich ; doch ist that- 
sächlich , dass bei erheblichen oder andauernden Abweichungen der 
Eigenwärme auch andere Zeichen von Gesundheitsstörung nicht lange 
auszubleiben pflegen. 

Es ist fast selbstverständlich , dass solche Störungen der Ord- 
nung von den verschiedensten Punkten und Vorgängen ausgehen 
können. Dass aber Anomalien der Thätigkeit der Nerven dabei sehr 
häufig betheiligt sind , ist leicht begreiflich , wenn man den ausser- 
ordentlich vielfachen und empfindlichen Einfluss dieser Apparate auf 
fast alle Theile des Körpers in Erwägung zieht. Diess giebt aber 
noch kein Recht und keinen Grund, dem Nervensystem oder bestimm- 
ten Stellen desselben ausschliesslich die Aufgabe der Regulation der 
thierischen Eigenwärme beizulegen. Das Nervensystem ist betheiligt 
bei der Regulation , weil es überhaupt ein Theil des Körpers ist ; es 
ist in ganz besonders hohem Grad dabei betheiligt, weil eben seine 
Beziehungen zu allen übrigen Theilen des Körpers so ganz beson- 
ders innige, zahlreiche , vielfältige und einflussreiche sind, und es ist 
namentlich sehr häufig betheiligt bei den Störungen des Gleich- 
gewichts , weil seine Anomalien , selbst wenn sie massigen Grades 
sind , im Allgemeinen weiter reichen , als die Anomalien der meisten 
übrigen Bestandtheile des Körpers und weil von einem Theile des 
Nervensystems der Wechsel in dem Caliber der kleinen Gefässe , so- 
mit die Blutfülle aller Organe abhängt. 

7* 



100 l^iö Temperatur des gesunden Menschen. 

7. So beständig im Groben und Ganzen die Höhe der 
Wärme beim gesunden Menschen ist, so hat sie doch eine 
gewisse Breite der Bewegung. Es lassen sich mannigfache 
Thatsachen auffinden, welche zeigen, wodurch innerhalb dieser Breite 
die minimalen Verschiedenheiten bedingt werden , welche die nor- 
male Eigenwärme einzugehen vermag. 

Nicht alle Stellen eines und desselben Körpers zeigen zu 
gleicher Zeit genau dieselbe Temperaturhöhe. 

Die Temperatur einer Stelle des Körpers ist abhängig : 

1) von der zugeführten Wärmemenge, 

2) von der an Ort und Stelle erzeugten Wärme, 

3) von den örtlichen Wärmeverlusten. 

Da diese Verhältnisse an den verschiedenen Stellen des Kör- 
pers nicht gleichmässig sind, die Zufuhr des w^armen Blutes reich- 
licher oder spärlicher , die locale Wärmepro duction intensivier oder 
schwächer, die Abkühlung und Wärmeabgabe geringer oder beträcht- 
licher sein kann , so zeigt auch an den verschiedenen Stellen gleich- 
zeitig die Eigenwärme verschiedene Höhe. 

Das Blut selbst in den verschiedenen Gefässabtheilungen zeigt 
nicht überall die gleiche Temperatur. 

Das Blut der Hautvenen ist gewöhnlich kühler , als das Arte- 
rienblut der Extremitäten , dagegen ist das Venenblut der Nieren 
und der Leber wärmer, als das Blut, welches in diese Organe ein- 
tritt. Das Blut, welches in die Darmwandungen eindringt, wurde 
■bald wärmer, bald kühler gefunden, als das Blut der Pfortader, ebenso 
das Blut der Speichel- und Muskelvenen im Verhältniss zu dem ent- 
sprechenden Arterienblut. Das Jugularvenenblut zeigte sich wärmer 
^(Sj 4^]<ier Carotis. 

I§fli3il^as Blut der Cava inferior ist wärmer, als das der superior und 
als !(te,S gemischte Blut der rechten Herzabtheilung. Das letztere ist 
ab.^ Wiärmei' als das Blut der Extremitätenvenen. Das Blut des 
rieoyöuv\/ej3trikels ist wärmer als das des linken. 
m 86 Bg; Ist felär, dass in Organen, in welchen viel Wärme producirt 
wirä, das abfliessende Venenblut wärmer ist, als das zufliessende 
Arterienblut; in Theileu, in welchen Wärmeabgabe stattfindet, ist 
das Verhalten das entgegengesetzte. Es kühlt sich das Arterienblut 
in den Extremitäten ab, während dagegen das Blut, welches die Or- 
gane deS'lirtiterlesibes passirt, aus diesen wärmer zurückkehrt und das 
Blut der unteren Cava wärmer macht als das der oberen und wärmer 
als das Arterienblut überhaupt ist. 



Die Temperatur des gesunden Menschen. \0\ 

Haben diese Thatsachen auch keinen unmittelbaren prak- 
tischen Werth, so weisen sie doch auf die Heerde der Wärraeproduc- 
tion, wie auf die Stellen der Abkühlung hin ; auch können sie da und 
dort zur Vergleichung bei einem pathologischen Verhalten benützt 
werden. 

Die wichtigsten unter den sehr zahlreichen Untersuchungen über 
die Temperatur des Bluts in verschiedenen Gefässen sind die von 
Becquerel (Gavarret , de la chaleur p. 107); G. L i e b i g (über 
die Temperaturunterschiede des venösen und arteriellen Blutes, 
Giessener Dissertation 1853); C 1. B e r n a r d (Comptes rendus XL. 
p. 331 und 561 und Legons sur les proprietes physiologiques et les 
alterations pathologiques des liquides de l'organisme 1859, L p. 54); 
Savory (Lancet, Av. 1857); Wurlitzer (Greifswalder Dissert. 
1858). Etwas abweichende Resultate hat übrigens hinsichtlich des 
Blutes des Herzens Colin mittelst sehr dünner Walferdin'scher 
Maximumthermometer erlangt. In 93 vergleichenden Messungen des 
Blutes beider Herzhälften bei Pferden , Wiederkäuern und Hunden 
zeigte sich 21 Mal Gleichheit der Temperatur, 45 Mal das Blut der 
rechten Herzhälfte, 27 Mal das der linken wärmer. Letzteres erklärt 
Colin durch Wärmebildung in der Lunge, üebrigens nimmt er an, 
dass die Temperatur des Herzens nicht nur von dem einströmenden 
Blute , sondern auch von dem variablen Wärmezustand des Magens 
und der Därme abhänge. (Annal. des sciences ,* Zoologie VH. 83 
bis 103.) 

Was die inneren Organe anbelangt, so fehlen beim gesun- 
den Menschen begreiflich alle Erfahrungen darüber. Man setzt vor- 
aus , dass sie .ungefähr dieselbe Wärme haben , welche sich an 
zugänghchen aber geschützten Theilen findet. Jacobson und 
Bernhardt (Centralblatt 1868 p.643) fanden das linke Herz in 
15 Fällen um 0,^2 — 0,^2^ C wärmer als das rechte, nur in 2 Fällen 
gleich. Normale Pleurasäcke fanden sie um 0,, — 0,2 kälter als die 
Bauchhöhle und um 0,2 — 0,gO kälter als das linke Herz. 

Die Unterschiede der Wärme an den vorzugsweise zur 
praktischen Untersuchung dienenden Theilen sind, 
wenn sorgfältig gemessen wird , ziemlich unbeträchtlich. Die Tem- 
peratur ist unter diesen Stellen in der Vagina und dem kothfreien 
Rectum am höchsten, 1 bis 4 Zehntel höher, als in der Achselhöhle. 
Die Temperatur der Mundhöhle steht , wenn keine störenden Einwir- 
kungen stattfinden , in der Mitte. . Man kann ungefähr annehmen, 
dass , wenn die mittlere Temperatur in der Achselhöhle eines Gesun- 



102 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

den 370 beträgt, die in der Mundhöhle 37,i bis 37,2 ^^^ ^ie im koth- 
freien Rectum und in der Vagina 37,3 bis 37,5 beträgt. Doch sind die 
Angaben der verschiedenen Beobachter etwas abweichend. Vgl. L. 
Fick (Temperaturtopographie des Organismus in Müller's Archiv, 
1853, p. 408), Winckel (in Monatsschrift für Geburtskunde und 
Frauenkrankheiten 1862, XX. 473), Ziemssen (Pleuritis und 
Pneumonie im Kindesalter 1862, p. 10), S ehr Öder (Virchow's 
Archiv XXXV. 253). 

Viel bedeutender sind die Differenzen an den unvollkommen 
geschützten Theilen der äusseren Haut. Da die Abkühlung hier 
beträchtlich und schwankend ist, so sind die mittelst gewöhnlicher 
Messungen nachgewiesenen Differenzen fast ohne allen Werth. Da- 
gegen zeigen thermoelektrische Bestimmungen der Wärme einzelner 
Punkte, dass entsprechend den fortwährenden Fluctuationen der Blut- 
fülle der verschiedenen Hautstellen ein fast beständiger Wechsel in 
der Temperatur derselben, wenn auch in sehr geringen Breiten, 
besteht und durch die mannigfachsten Einflüsse bedingt wird. Dass 
solche Schwankungen z. B. an der Haut des Hinterkopfes schon 
durch die Wirkung massiger geistiger Thätigkeit hervorgebracht 
werden , hat Lombard (Experiments on the relation of heat to 
mental works anal, von Brown - Sequard in Arch. de physiol. nor- 
male et path. 1868. I. 670) gefunden. 

8. Die Differenzen der Eigenwärme Gesunder u n t e r v e r - 
schieden en Verhältnissen sind allenthalben gering und 
bewegen sich in wenigen Zehnteln und Bruchtheilen von Zehnteln. 
Mit seltenen Ausnahmen bewegt sich unter den verschiedensten 
Verhältnissen und Einwirkungen die Achselwärme eines Gesunden 
zwischen 36,2 ^^^ ^^^ ^^^^' überschreitet doch nur diese Gränzen 
ganz vorübergehend. So hat W. Ogle (On the diurnal variations 
in the temperature of the human body , St. George's hospital reports 
1866, II. 221) allerdings eine etwas geringere Minimal- und eine 
etwas höhere Maximaltemperatur angegeben ; aber er fand das 
Minimum mit 36,^ an einem Wintermorgen und das Maximum mit 
38,1 in einem türkischen Bade. Bei einzelnen im Uebrigen gesun- 
den Individuen von grosser Reizbarkeit, namentlich Kindern und 
Frauen ist die Beweglichkeit der Eigenwärme etwas grösser und 
werden auf entsprechende Einwirkungen jene Gränzen tiberschritten. 

Stets ist jedoch , wenn die Abweichung grösser gefunden wird, 
nicht zu übersehen , dass keineswegs bei allen für gesund Erachteten 
wirklich völlige Gesundheit verbürgt werden kann. 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 103 

Es liegen über den Einfluss verschiedener Verhältnisse und Ein- 
wirkungen auf die Temperatur Gesunder ziemlich mannigfaltige 
Beobachtungen vor. Eine erschöpfende Wiedergabe derselben ist 
schon ihres verschiedenen Werthes wegen misslich. Es sollen daher 
nur die wichtigeren Erfahrungen im Folgenden hervorgehoben 
werden. 

9. Einfluss des Alters. Das ungeborne Kind ist 
um ein sehr Geringes wärmer , als die Vagina und der Uterus der 
Mutter (B ä r e n s p r u n g). Die minimale Differenz hat theoretische 
Bedeutung: sie zeigt nicht nur, dass das ungeborene Kind seine 
eigenen Wärmequellen hat, sondern auch, dass bei den ganz anders- 
artigen Abktihlungsmitteln des Fötus doch das Endresultat ein nahezu 
gleiches ist, wie bei dem mütterlichen Organismus. 

Bei der Geburt zeigen die Kinder nach Bärensprung (im 
After) eine Temperatur von 37,75 (= 30,2 R.) im Mittel. Unter 
37 Neugeborenen waren 26 über 37,5 und nur lunter 36,75. Schä- 
fer (Greifsw. Dissert. 1863) fand die Mastdarmtemperatur Neu- 
geborner vor der Durchschneidung der Nabelschnur unter 23 Fällen 
1 6 Mal höher und nur 2 Mal niedriger , als die Vaginaltemperatur 
der Mutter, und zwar durchschnittlich 37,8 bei einer Durchschnitts- 
wärme der Vagina von 37,5. Vergl. auch Wurster (Berliner kli- 
nische Wochenschr. 1869 Nr. 37). 

Unmittelbar nach der Geburt und besonders nach dem ersten 
Baden verlieren die Kinder durchschnittlich 0,7 bis 0,^; sie zeigen 
im Mittel 37 0. Unter 22 Kindern blieben nur 3 über 37,g und fie- 
len 8 unter 3 6 ,7g (B ä r e n s p r u n g). 

In den folgendenzehn Tagen steigt die Aftertemperatur 
wieder etwas höher und bleibt bereits sehr gleichmässig zwischen 
37,25 und 37,6, also um eine Kleinigkeit höher, als bei Erwach- 
senen. Am 6. bis 8. Tage nach der Geburt bemerkt man häufig 
noch eine geringe weitere Erhöhung. Vergl. auch Förster (Jour- 
nal für Kinder-Kr. 1862). 

üebrigens sind die D i f f e r e n z e n der einzelnen Beobachtungen 
bei Neugeborenen weit grösser, als im späteren Alter. 
Schon das Schreien macht eine Steigerung. Abends zeigen Neu- 
geborene sehr häufig eine Zunahme bis 1/2 ^ , Mittags eine noch 
höhere. Bei scheinbar ganz gesunden Neugeborenen kommen, wenn 
auch ausnahmsweise, Ausschreitungen der Temperatur vor bis um 
2^, wie sie bei gesunden Erwachsenen nicht gefunden werden. Diese 
Thatsache ist entweder so zu erklären , dass die Neugeborenen über- 



1Q4 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

haupt eine geringere Wärmebeständigkeit haben, oder aber, dass bei 
ihnen Gesundheitsstörungen vorkommen , welche noch leichter über- 
sehen werden , als bei Erwachsenen. Es erhält sich diese Eigen- 
thümlichkeit auch noch in den folgenden Jahren des Kindesalters. 

Auch F i n 1 a y s n (the normal temperature in children 1869) 
findet die Tagesschwankung bei Kindern grösser als bei Erwach- 
senen. 

Beim F o r t s c h r e i t e n d e s A 1 1 e r s ist kein nennenswerther 
Unterschied der Eigenwärme bei Gesunden zu bemerken ; höchstens- 
kann man sagen , dass die durchschnittliche Wärme vom früheren 
Kindesalter bis zur Pubertät um 1 bis 2 Zehntel fällt, von da bis zum 
50. und 60. Jahre nochmals um dieselbe Differenz, um das 60. Jahr 
aber wiederum etwas zu steigen anfängt, und namentlich im 8 O.Jahre 
wieder der mittlem Temperatur des Kindesalters sich nähert. Diese- 
relativ hohe Greisentemperatur ist ein höchst merkwür- 
diges Verhalten, wenn man die beträchtliche Verschiedenheit der 
Respiration, des Stoffumsatzes, der Kohlensäureausathmung und die 
traditionellen Vorstellungen über die Lebensactivität in diesem Alter 
in Erwägung zieht. Vielleicht hängt dieselbe mit verminderter 
Wärmeabgabe auf der Haut wegen der mehr anämischen Beschaffen- 
heit dieser zusammen. Vgl. über die Eigenwärme sehr alter Männer 
John Davy (Philosophical transactions 1844, p. 59). 

10. Einfluss des Geschlechts. Hinsichtlich des Ge- 
schlechts ist keine nennenswerthe Differenz der Eigenwärme zu 
bemerken. Vielleicht sind erwachsene Frauen um eine Kleinigkeit 
wärmer , als gleich alte Männer ; indessen sind die Beobachtungen 
nicht vielfältig genug, um eine feste allgemeine Regel aufstellen zu 
können. Auch ist Davy bei allerdings spärlichen Versuchen auf 
ein entgegengesetztes Resultat gekommen. (Medical times v. 24. 
Sept. 1864.) 

11, Einfluss der Rasse, Lebensstellung, Beschäf- 
tigung. Livingstone (Travels in South Africa, p. 509) will 
beobachtet haben, dass die Eigenwärme der Africaner 2 ^ F. weniger 
betragen habe , als seine eigene. Andererseits soll nach T h o m - 
sen (über Krankheiten und Krankheitsverhältnisse auf Island und den 
Faröerinseln p. 24) die Eigenwärme der Isländer etwas höher (im 
Mittel = 37,27 unter der Zunge) sein. 

Es liegen bis jetzt keinerlei Thatsachen vor, welche berechtigen,, 
eine auch noch so kleine Differenz der Höhe der Eigenwärme nach 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 105* 

der Lebensstellung , also zwischen Armen und Wohlhabenden trotz 
der Verschiedenheit der Nahrung anzunehmen. 

Eben so scheint die Art der Beschäftigung, so lange sie nur die 
Gesundheit verschont, ganz einflusslos zu sein. 

Hiernach muss mit Nothwendigkeit angenommen werden , dass 
die je nach den äusseren Lebensverhältnissen doch ohne Zweifel sehr 
verschiedene Production der Wärme im gesunden Zustande ihre volle 
Ausgleichung durch eine entsprechende Höhe der Abgaben findet. 

12. Individuelle Verschiedenheiten. Abgesehen von 
Alter, Geschlecht, Rasse, abgesehen ferner von allen zufälligen Lagen 
des Lebens, zufälligen Einflüssen, scheint auch im gesunden Zustande 
die mittlere Temperatur der einzelnen Individuen 
nicht ganz gleich zu sein. Allerdings fehlen Erfahrungen 
über eine grössere Menge von Menschen mit ungestört gebliebener 
Gesundheit nach dieser Hinsicht. Wenn es aber erlaubt ist, aus dem 
Verhalten krank gewesener und völlig wiederhergestellter Menschen 
zu schliessen, die unter gleichen Verhältnissen leben, also z. B. in 
einem und demselben Saale eines Krankenhauses sich befinden , die 
gleiche Diät haben u. s. f., so muss ich annehmen , dass die Mittel- 
temperatur verschiedener Individuen nicht ganz die gleiche ist, viel- 
mehr zwischen 86,5 und 37,25^ variiren kann. Ich habe nicht 
bemerken können , dass diese doch nicht ganz geringen Difi'erenzen 
der individuellen Durchschnittstemperatur mit irgend welcher son- 
stigen körperlichen Beschaffenheit zusammenhängen. Aber es ist 
nicht unwichtig, auf dieses Verhalten zu achten, damit man nicht 
Temperaturen , welche einem Individuum eigenthümlich sind , als 
Zeichen eines noch fortbestehenden oder sonst latenten pathologi- 
schen Zustandes ansieht. — In noch viel weiterem umfang als beim 
Menschen hat man die individuellen Differenzen bei den zu Experi- 
menten benutzten Thieren beobachtet. 

13. Tages flu et uation der Eigenwärme bei Ge- 
sunden. 

Die Eigenwärme zeigt auch bei Gesunden eine kleine Ver- 
schiedenheit je nach der Tageszeit. Mehrere Beob- 
achter haben diesen Schwankungen der Temperatur der Gesunden 
im Laufe des Tages ihre Aufmerksamkeit zugewendet. 

Nach Lichten fels und Fröhlich (1. c.) betragen die 
Tagesschwankungen der Eigenwärme. Gesunder im Mittel kaum ^2 ^• 
Die niedrigste Temperatur fällt nach ihnen in die Nacht zwischen 



3.06 ^iö Temperatur des gesunden Menschen. 

i und 1 Uhr und in die Morgenstunden zwischen 6 bis 8 ; die 
höchste zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags. 

Nach Damrosch (Deutsche Klinik, 1853, p. 317) steigt die 
Temperatur von Morgens 7 bis 10 Uhr um circa ^/2^, sinkt bis 
1 Uhr um i/jo bis Vio? steigt bis 5 Uhr Nachmittags um ^/^q bis ^/jo? 
sinkt dann wieder bis 7 Uhr Abends um ^i\o bis ^/^o- Zuweilen fällt 
die Mittagsremission weg. Am constantesten ist die Steigerung von 
Morgens 7 bis 10 Uhr, und das Fallen von Abends 5 bis 7 Uhr; 
die Abendtemperatur um 7 Uhr ist bald in derselben Höhe, bald 
niedriger, wie die Morgentemperatur um 7 Uhr. 

Nach Ogle (St. George's Hospital reports 1866, I. 221) ist 
die Temperatur Morgens 6 Uhr am niedrigsten , dann beginnt ein 
Steigen, das bis spät am Nachmittag fortdauert. Dieses Steigen und 
Fallen ist unabhängig vom Schlafe. 

Nach Jürgensen (D. Archiv für klin. Med. 1867, HI. 165) 
fiel das Tagesmaximum zwischen 4 und 9 Uhr Nachmittags, das 
Minimum zwischen 2 und 8 Uhr Vormittags. 

14. Einfluss der Menstruation, der Schwange r- 
:schaft und des Wochenbettes. 

Die normale Menstruation gesunder Frauen ist nach den 
Versicherungen aller zuverlässigen Beobachter, sowie nach dem , was 
ich selbst wahrgenommen habe , in der Regel ohne irgend einen Ein- 
fluss auf die Körpertemperatur. Dagegen finden zuweilen während 
der Menses Temperatursteigerungen statt, welche man als entschie- 
den febrile ansehen muss, und welche bald von andern functionellen 
Störungen begleitet sind , bald nicht , ohne dass irgend ein sonstiger 
pathologischer Process dabei nachgewiesen werden könnte oder sich 
anschlösse. 

Die Schwangerschaft hat so gut wie keinen Einfluss 
auf die Körpertemperatur. Nur in den letzten zwei Monaten scheint 
die Scheidentemperatur etwas erhöht zu sein: Morgens im Mittel. 
38,13, im Minimum 37,9, i^ Maximum 38,35 und Abends im Mittel 
58,22, im Minimum 38,^, im Maximum 38,6g. 

Schröder (Virchow's Archiv XXXV. 253) giebt an, dass der 
schwangere Uterus eine um circa 0,3 höhere Temperatur zeige, 
als die Achselhöhle , und durchschnittlich 0,ig wärmer sei , als die 
Vagina, was ohne Zweifel abhängig von der Eigenwärme des 
Fötus ist. 

Unmittelbar vor dem Anfang der Wehen bemerkt man keine 
Erhöhung. Während der Wehen tritt eine Zunahme um einige Zehn- 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 107 

tel, 0,2 bis 0,23 ein , und zwar so , dass während der Wehe und 
unmittelbar nachher die Temperatur etwas ansteigt, in der Wehen- 
pause dagegen wieder sinkt. Die Tagesfluctuationen der Gesunden 
sind dabei nicht wesentlich alterirt. Die Temperatur inter partum 
soll in den Morgenstunden Ojjg , in den Abendstunden 0,23 im Mittel 
mehr betragen, als vor der Geburtsthätigkeit , und in der zweiten 
Oeburtsperiode 0,07 mehr, als in der ersten. Nach Heck er soll 
die Temperatur um so höher steigen , je intensiver die Wehen sind 
und je schneller sie auf einander folgen ; doch ist sein Beobachtungs- 
material nicht genügend zahlreich gewesen. Schröder fand bei 
Kreissenden den Unterschied , d. h. das Plus der Uterustemperatur 
gegenüber der Wärme der Achselhöhle und Vagina noch etwas 
grösser, als in der Schwangerschaft : 0,^3 ^ mehr, als in der Achsel- 
höhle, und 0,173 ö mehr, als in der Vagina. In seinem neueren Werke 
bezeichnet er die Temperatur der Kreissenden als sehr wechselnd 
und spricht die Vermuthung aus, dass gerade bei ihnen die mehr oder 
weniger grosse Wärmeabgabe von entscheidender Bedeutung sei. 

Unmittelbar nach der Entbindung hat Bärensprung 
<eiu Sinken der Temperatur beobachtet, selbst bis 36,2, durchschnitt- 
lich bis 37,1, "ii<^ zwar vorzugsweise, wenn die Geburt zwischen 
Mitternacht und Mittag erfolgt, während Win ekel ein solches Sin- 
ken nur in den Fällen wahrnahm , bei welchen die Geburt in die 
Tagesremission fällt. Schröder fand die niedrigsten Temperatu- 
ren bei solchen, die Morgens 1 1 Uhr geboren hatten. 

In den ersten 12 Stunden nach der Geburt fand Winckel 
eine massige Erhebung, in den zweiten 1 2 Stunden eine entsprechende 
Abnahme. 

Die durchschnittliche Miniraalhöhe der Achselhöhlentemperatur 
während des normalen Wochenbettes berechnete Grünewaldt auf 
37 ; die niedrigste Temperatur betrug unter 57 Wöohnerinnen 3 mal 
36,6, 9mal 36,8, 45mal 37 und darüber. Die Maximaltemperaturen 
übersteigen mehrfach 38 <^, vornehmlich in Fällen, wo Stuhlver- 
stopfung, Ueberfüllung der Milchgefässe vorhanden war ; doch nimmt 
der genannte Beobachter an , dass jede Temperatur einer Wöchnerin 
über 37, g (30,2 R.) verdächtig sei. 

Schröder wies nach, dass Wöchnerinnen, auch wenn sie 
später im Wochenbett erkranken , in der ersten Zeit ein vollständig 
normales Verhalten darbieten können. Er bemerkt ferner , dass das 
Temperaturverhalten nach der Geburt sich aus zwei Factoren zusam- 
mensetze : einerseits aus den regelmässigen Tagesschwankungen 
(Steigen bis Abends 5 Uhr , Abnahme bis Morgens 1 Uhr) , anderer- 



3^03 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

seits aus der durch den Vorgang selbst bedingten Steigerung in den 
ersten 12 und dem Abfall in den zweiten 12 Stunden nach der Ge- 
burt. Hiernach ist also das Verhalten etwas verschieden je nach 
der Stunde der Geburt und die Temperatur vermag den höchsten 
Stand ungefähr Abends 5 — 8 Uhr zu erreichen , wenn die Geburt 
Vormittags stattgefunden hat, den niedrigsten (um Mitternacht), wen» 
sie in den ersten Morgenstunden stattgefunden hat, weil in jene» 
Fällen Tagessteigerung und erste Wochenbettsteigerung, in den letz- 
tern Tagesabnahme und erste Wochenbettabnahme zusammenfallen. 

W i n c k e 1 giebt weiter an , dass nach dem Eintritt der Tem- 
peraturerniedrigung am Ende der ersten 4 Stunden die Eigenwärme 
wieder allmälig zu steigen pflege, die Abendtemperatur dabei ge- 
wöhnlich höher, als die tägliche Morgentemperatur, die tägliche 
Excursion aber nur gering sei , so dass die Steigerung in der Regel 
gleichen Schritt mit der Milchsecretion halte und sich daher meist 
auf 3 bis 5 Tage erstrecke , und dass mit dem Ingangkommen der 
Milchsecretion , oder aber bei Nichtstillenden mit dem Versiegen der- 
selben eine allmälige Wiederabnahme der Temperatur zu bemerken 
sei; ferner dass Säugende und Nichtsäugende, Erst- und Mehr- 
gebärende sich in Betreff des Temperaturverhaltens nicht von einan- 
der unterscheiden, auch normale Nachwehen ohne allen Einfluss 
seien , endlich dass die mittlere Temperatur der Wöchnerinnen um 
etwas höher sei, als die durchschnittliche Normaltemperatur Gesunder. 

Inwieweit jedoch eine grössere Beweglichkeit der Temperatur 
im Wochenbett angenommen werden muss, ist beim pathologischen 
Verhalten zu besprechen. 

üebrigens verhalten sich nach Win ekel die Unterschiede 
zwischen Achselhöhlen- und Scheidentemperatur bei Wöchnerinnen 
fast ganz parallel selbst in Fällen von Erkrankung der Scheide oder 
des Uterus. Schröder fand, dass bei Wöchnerinnen die Differenz; 
zwischen Uterustemperatur gegen Achselhöhle- und Vaginawärme 
wieder abnehme, dass jene nur 0,28 wärmer als die Achselhöhle, und 
0,11 wärmer, als die Vagina sei. 

Vgl. über die Temperaturverhältnisse bei Schwangern, Gebären- 
den und im normalen Wochenbett nächst Bärensprung: Heck er in 
Annalen des Charite - Krankenhauses 1854, p. 333; Win ekel: 
Temperaturstudien bei der Geburt und im Wochenbett in Monats- 
schrift für Geburtskunde 1862, Bd. 20, p. 409, und 1863, Bd. 22, 
p. 321 ; Grünewaldt: über die Eigenwärme gesunder und kran- 
ker Wöchnerinnen in Petersburger med. Zeitung, 1863, Bd. 5, p. 1 ; 
Oscar Wolf: Beitr. zur Kenntniss der Eisrenwärme im Wochenbett: 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 109 

Marb. Diss. 1866; Baumfelder: Beitr. zu den Beobachtungen 
der Körperwärme, der Puls- und Respirationsfrequenz im Wochen- 
bette: Leipz. Diss. 1867; Schröder (I.e. und vorzugsweise in 
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett 1867, p. 177); Squire 
(Lancet 1867. B. Nr. 10). 

15. Einfiuss der Ruhe, derMuskelthätigkeitund 
der Arbeit. 

Der Gegensatz zwischen Ruhe und Bewegung ist hinsichtlich des 
Einflusses auf die Eigenwärme jedenfalls ein complicirter und kann 
durch die rohen Thatsachen allein nicht ins Klare kommen. 

Von H e 1 m h 1 1 z ist gezeigt worden , dass die Contractionen 
des Muskels von einer Temperaturerhöhung begleitet sind. Beson- 
ders haben in neuerer Zeit Solger, Heide nhain, Meier stein 
und Thiry dieses Verhältniss verfolgt und unter Anderem gefunden, 
dass der Muskel im ersten Moment seiner Erregung sich etwas ab- 
kühle (negative Wärmeschw^ankung, später von Heidenhain in Abrede 
gestellt), sodann aber sich erwärme, dass aber die Erwärmung nicht 
durchaus der mechanischen Arbeit proportional sei ; dass ferner der 
Muskel bei einer Erregung mehr Wärme entwickle, wenn man ihn 
an der Contraction verhindere , als wenn diess nicht geschehe ; dass 
bei gleicher Belastung mit fortschreitender Ermüdung die durch Mus- 
kelzuckung entwickelte Wärme abnehme, und zwar schneller, als die 
mechanische Leistung ; dass bei wachsender Belastung die Wärme 
bis zu einer gewissen Gränze zunehme, dann wieder abnehme. 

Entsprechend der durch J. R. Mayer begründeten Lehre ist 
anzunehmen , dass in der Ruhe die chemischen Spannkräfte , welche 
durch die Verbindung der oxydirbaren Substanz mit dem Sauerstoff 
zur Auslösung kommen , vollständig in Wärme umgewandelt werden, 
während bei der Arbeit ein Theil dieser Kraftsumme mittelst der 
Einrichtung der Muskeln in mechanische Leistung umgesetzt wird. 
Hiernach müsste in der Ruhe die Wärmeproduction höher sein, wozu 
noch kommt, dass auch die Abkühlung durch Respiration und Trans- 
spiration in der Ruhe geringer ist. Nach einem Citat von Mayer 
(die organische Bewegung, p. 95) fand in der That Douville bei 
einem Neger, der faul und uuthätig in der Sonne lag, 40,2, bei dem- 
selben, w^enn er thätig in der Sonne war, 39,7g. 

Während jedoch bei dem arbeitenden Körper ein Theil der 
durch den chemischen Process freigewordenen Kraft für die Wärme- 
production dadurch verloren geht, dass, er zu mechanischer Leistung 
verbraucht wird und Bewegung bewirkt, so wird dagegen zugleich 



210 ^^^ Temperatur des gesunden Menschen, 

bei dem arbeitenden Körper der Stoffamsatz beschleunigter, durch di& 
Vermehrung der Respiration die Aufnahme des Sauerstoffs grösser^ 
die Blutbewegung rascher und damit die Zahl der in einer gegebenen 
Zeit der Einwirkung des Sauerstoffs dargebotenen Blutkörperchen 
beträchtlicher, somit die chemische Action , von welcher die Wärme- 
production abhängt , umfänglicher und rapider und zwar wird durch 
die Verwendung eines Theils der Kraftsumme für die mechanische 
Leistung die Steigerung der Production nicht compensirt, sondern 
die bei der Muskelthätigkeit durch die sie begleitende gesteigerte 
chemische Action hervorgebrachte Kraft ist ohne Zweifel gewöhnlich 
grösser als zur Umsetzung in Arbeit verbraucht wird. Neben der 
mechanischen Leistung findet daher auch noch eine üeberproduction 
von Wärme statt. Hirn producirte in der Ruhe stündlich 155 Ca- 
lorien , neben der Arbeit in der Tretmühle 251. Dieses Plus von 
Wärme wird aber durch eine Reihe von Vorrichtungen, welche durch 
die Arbeit selbst angeregt werden, beim gesunden Menschen aus dem 
Körper weggeschafft : durch rascheres Athmen , raschere Circulation 
des Blutes durch die Haut und daher schnellere Abkühlung auf der- 
selben, Schwitzen etc. So kommt es, dass die entgegengesetzt. wir- 
kenden Verhältnisse : der Verlust an der Kraftsumme für die mecha- 
nische Leistung und durch vermehrte Abkühlung , andererseits die 
Mehrproduction durch gesteigerte chemische Vorgänge sich beim 
gesunden Menschen decken, so dass die seh li essliche Diffe- 
renz der Eigenwärme in der Ruhe und bei der Arbeit 
e i n e ä u s s e r s t g e r i n g e i s t. 

John D a V y hat über den Einfluss der Körperbewegung auf die 
Eigenwärme mehrfache directe Beobachtungen gemacht. Er fand 
nach activer Bewegung unter übrigens verschiedenen Verhältnissen 
die Temperatur unter der Zunge zwischen 98,^ und 99,4^ F, (=37 
bis 37,5 ö), während beim Fahren im Wagen die Temperatur 
zwischen 97 und 97,7 (= 36 und 36,5^) betrug. In tropischen 
Gegenden stieg die Temperatur bei activer Bewegung zuweilen noch 
höher , während sie beim Fahren im Wagen im Minimum fast ebenso 
tief sank, dagegen im Maximum einmal sogar 99,^ (= 37,6^) betrug, 

Breschet und Becquerel (1. c.) fanden mittelst der 
thermo-electrischen Messung eine Wärmesteigerung in dem 
angestrengten Muskel schon nach 5 Minuten langer Arbeit um 1^. 

In Speck 's Versuchen (1863 Archiv des Vereins für wissen- 
schaftl. Heilk.) zeigte sich, dass während heftiger Anstrengungen die 
Körpertemperatur etwas steigt. Nach der beträchthchen Steigerung 
der Kohlensäureausfuhr hätte man erwarten können , dass der Kör- 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 111 

per erheblich mehr Wärme producire. Ein rasches Fallen der Tem- 
peratm- mit dem Aufhören der Anstrengung bewies weiter , dass die 
Momente zur Ausgleichung der Körpertemperatur rasch und intensiv 
wirkten. Der Körper war gewissermaassen nur einen Moment bei 
der erhöhten Wärmeproduction ertappt worden, kurze Zeit darauf 
hatte die Abkühlung schon wieder so mächtig gewirkt, dass die nor- 
male Temperatur sich wieder hergestellt zeigte, oder selbst die Wärme 
unter der Norm stand. In den wenigen Versuchen übrigens, bei 
denen es während der Anstrengung nicht zur Schweissentwickelung 
kam , zeigt sich keine erhöhte Temperatur und die höchste Körper- 
temperatur fand sich bei demjenigen Versuche, bei welchem der 
stärkste Schweiss eintrat. 

Nach Kernig (Experim. Beiträge p.41) setzt das ruhige Lie- 
gen gegenüber einer vorher oder nachher eingenommenen aufrechten 
oder sitzenden Stellung die Temperatur der Achselhöhle um einige 
Zehntel grade herab. 

Neuerdings hat auch Obernier 1867 (der Hitzschlag p. 80) 
Versuche über den Einfluss der Körperbewegungen auf die Eigen- 
wärme angestellt. Märsche von 30 — 35 Minuten steigerten die Tem- 
peratur um 1/2 Grad oder weniger (den Puls dagegen, mit Ausnahme 
eines Falles, wo er unverändert blieb, viel bedeutender: um 20 — 
44 Schläge). Ein Geschwindmarsch von l^/g Stunde steigerte die 
Temperatur um 1 — 1,2^ (den Puls um 30 — 48 Schläge). Die eben- 
falls angeführte Beobachtung bei einem Schnellläufer, bei welchem 
nach einer Schnelllaufproduction von 1 Stunde 39,6 ^ Temperatur 
gefunden wurde , dürfte nicht wohl zu den Wirkungen der Muskel- 
anstrengung auf Gesunde gerechnet werden, da dieser Jongleur mehr- 
fache Merkmale ^iner unvollkommenen Gesundheit bemerken Hess. 

Nach der Mayer'schen Theorie erhält die Wärmebildung beim 
Stoffwechsel nur dann eine Abzugsquelle durch die Muskelcontraction, 
wenn diese eine wirkliche mechanische Leistung zuwege bringt. 
B e c 1 a r d hat diesen ingeniösen Satz durch die directe Beobachtung 
bestätigt. Er fand (de la contraction musculaire dans ses rapports 
avec la temperature normale in: Arch. gen. 1861, XVIL p. 21 — 40, 
157 — 180 und '257 — 279), dass die producirte Wärmequantität 
bei der Muskelcontraction grösser ist, wenn der Muskel eine statische, 
d. h. nicht mit mechanischer Leistung verbundene , Contraction aus- 
übt, als wenn die Contraction eine mechanische Leistung (travail 
mecanique utile) hervorbringt, ferner, dass die Wärmequantität, 
welche aus einem Muskel bei einer mechanischen Leistung verschwin- 
det , dem mechanischen Effecte entspricht ; und auch er kommt auf 



112 Die Temperatur des gesunden Menschen. 

das Resultat, dass die Producte der musculäreu Contraction, die 
Wärme und die mechanische Leistung , zusammen der Ausdruck der 
chemischen Action seien, welche in dem Muskel vor sich geht. 

Ob willkürlich geänderte Frequenz und Tiefe der 
Athemzüge auf die Eigenwärme Einfluss habe, hat Lieber- 
meister (Reichert's Archiv 1862, p. 661) verneint. 

16. Der Einfluss geistiger Anstrengung scheint noch 
geringer zu sein, als der der körperlichen. Nach John Davy zeigte 
bei geistiger Anstrengung im nordischen Klima die Eigenwärme nur 
eine Höhe von 98,o bis 98,7<^ (=36,6 und 37 C), während dagegen 
in Tropengegenden die geistige Anstrengung die Eigenwärme weit 
beträchtlicher steigern zu können schien , so dass sie die Höhe von 
^8,1 bis 104 (= 36,7 bis 38 C.) erreichte. Nach Lombard 
(Experiments on the relation of heat to mental works ; anal, in Arch. 
de la physiol. I. 670) zeigen sich im Zustand der geistigen Ruhe am 
Kopf vielfache, jedoch äusserst geringe Temperaturschwankungen 
(Öjoi)? jeder die Aufmerksamkeit ansprechende Eindruck ruft eine 
Steigerung hervor ; starke geistige Thätigkeit bewirkt Temperatur- 
erhöhungen bis zu V4 — ^/2 Grad. 

Der Schlaf als solcher hat bei Gesunden, soviel bekannt ist, 
keinen Einfluss auf die Eigenw^ärme, d. h. auch im Schlafe bleibt 
Production und Verlust von Wärme im Gleichgewicht. 

17. Die thermischen Einflüsse und die Einwirkung 
Ton Luft, Wasser und Feuchtigkeit. 

Der Einfluss der äusseren Kälte und Wärme auf die Eigen- 
wärme Gesunder , so einfach er scheint , bietet doch meistens sehr 
verwickelte Verhältnisse dar , welche man wohl auseinander halten 
muss, wenn man die gemachten Erfahrungen richtig würdigen will. 

Zunächst ist es die Kälte und Wärme fast immer nicht allein, 
was auf einen Organismus einwirkt , sondern sie sind an irgend ein 
Medium gebunden , dessen gleichzeitiger Einfluss nicht zu übersehen 
ist. Bei kalten und warmen Bädern sind zugleich die Wirkungen 
des Wassers , bei kalter oder warmer Atmosphäre ihre Trockenheit 
oder Feuchtigkeit, ihre Bewegung und ihr Druckgrad, bei kalten 
und warmen Getränken das Wasser und die übrigen Bestandtheile 
dieser Flüssigkeiten zu berücksichtigen, und es ist nicht immer mög- 
lich, genau zu berechnen, wie viel von der Wirkung den thermischen 
Einflüssen selbst, und wie viel diesen Nebeneinflüssen angehört. 

Aber auch alles üebrige gleichgesetzt, ist bei der Wirkung kal- 
ter und warmer Applicationen noch Manches zu unterscheiden. 



Die Temperatur des gesunden Menschen, W^ 

;. Diese Wirkung ist nämlich keineswegs eine einfache, sondern 
^ine vielfach complicirte. Die Wirkungen thermischer Einflüsse 
stellen einen Complex und eine Succession von Vorgängen dar. 

Die physicalische Erstwirkung, die directe, unmittel- 
bare Wirkung der Kälte ist eine Wärme entziehende , abkühlende, 
die Wirkung höherer Wärmegrade eine die Abkühlung verhindernde, 
selbst Wärme mittheilende. Hiernach kann durch Kälte eine Tem- 
peraturerniedrigung des Körpers , durch Wärme eine Steigerung der 
Eigenwärme bewirkt werden. 

Aber schon neben der physikalischen Erstwirkung findet eine 
physiologische Mitwirkung statt , die jener mehr oder weniger 
entgegengesetzte Folgen hervorbringt. Der Eindruck der Kälte 
bewirkt eine Constriction der kleinen Gefässe der Haut, durch welche 
sie blutleerer werden. Hierdurch wird die Abkühlung des Blutes, 
weil es in geringerer Menge durch die Oberfläche circulirt, beschränkt 
und dadurch die abkühlende Wirkung der Kälte auf den Gesammt- 
körper wesentlich vermindert. Die Einwirkung der äusseren Wärme 
dagegen hat eine Dilatation der Blutgefässe zur Folge, wodurch, so 
lange die äussere Wärme unter der Blutwärme sich hält, die Abküh- 
lung des Bluts und damit des ganzen Körpers gesteigert wird. 
Ausserdem wird durch den Einfluss der Wärme die Secretion auf der 
Oberfläche und die Wasserverdunstung vermehrt, wiederum ein Grund 
zu verstärkter Abkühlung. 

Aber selbst das noch übrigbleibende Plus der Abkühlung bei 
einwirkender Kälte wird , so lange der Organismus in normaler oder 
annähernd normaler Constitution sich befindet, bald gedeckt durch 
eine vermehrte Wärmeproduction , während bei aufgehobener oder 
verminderter Abkühlung die Wärmeproduction reducirt wird. 

Jene Erniedrigungen oder Steigerungen der Temperatur, welche 
im Momente thermischer Applicatiouen eintreten, erhalten sich daher 
nur äusserst kurze Zeit ; durch die geänderte Wärmeproduc- 
tion werden sie alsbald wieder ausgeglichen. Dabei stellt sich 
jedoch das Gleichgewicht gewöhnlich nicht sofort her, vielmehr wird 
nach der künstlichen Abkühlung häufig die vermehrte Wärmeproduc- 
tion grösser, als nöthig; es folgt daher auf die Temperaturernie- 
drigung oft verstärkte Erwärmung. Nach der künstlichen Beschrän- 
kung der Abkühlung wird die Wärmeproduction häufig schwächer, 
als zur Herstellung des Gleichgewichts nothwendig wäre, und es kann 
daher sehr wohl auf die Temperaturerhöhung durch Einwirkung 
höherer Wärmegrade eine Temperaturerniedrigung folgen. So ist 
z. B. nach dem kalten Bade eine erhöhte Körperwärme die Regel, 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 8 



114: ^^^ Temperatur des gesunden Menschen. 

nach dem warmen Bade ist eher eine vermehrte Abkühlung zu 
bemerken, und in tropischen Gegenden und heissen Jahreszeiten kühlt 
nichts so nachhaltig ab, als ein Bad oder eine üebergiessung von sehr 
warmem Wasser. Diese Rückschlagswirkung wird zwar theil- 
weise dadurch ausgeglichen , dass mit der Reaction nach der Kälte 
die Hautgefässe weiter werden und dadurch die Abgabe des ent- 
stehenden Wärmeüberschusses begünstigen; allein es genügen un- 
bedeutende Umstände , um den einen oder andern Effect zu steigern 
und dadurch Störungen herbeizuführen. 

Weiterhin kann noch eine mehr oder weniger dauernde Wir- 
kung eintreten, die bei ganz gesunden, widerstandskräftigen Individuen 
sich darum nicht bemerklich macht , weil sich einfach die normale 
Höhe der Eigenwärme herstellt , während sie aber unter entgegen- 
gesetzten Verhältnissen ganz wohl durch weitere Abweichungen der 
Eigenwärme sich kundgeben kann. 

Weitere Differenzen entspringen dadurch, dass der Einfluss- 
der thermischen Einwirkungen zwar zunächst auf den Applica- 
tion s o r t wirkt und demselben sich kund giebt , weiter aber auch 
die unter diesem gelegenen und ihm benachbarten Stellen 
trifft, sodann auf den ganzen Organismus und die von dem 
Applicationsort entferntesten Theile sich ausdehnt. Da nun häufig 
diese Wirkungen auf die verschiedenen Punkte nicht allenthalben die 
gleichen sind, so können dadurch abermals die mannigfaltigsten Com- 
binationen eintreten. 

Endlich ist zu beachten, dass die Dispositionen des Individuums 
nicht gering in der Rechnung wägen , wo es sich um die Resultate 
gewisser äusserer Einflüsse , also auch thermischer Einflüsse handelt. 
Die differenten individuellen Dispositionen gehen zwar noch viel 
beträchtlicher bei Kranken auseinander, aber sie machen sich doch 
genugsam innerhalb der Breite der Gesundheit geltend, und zwar 
dies schon in Beziehung auf die primäre und directe Wirkung der 
thermischen Einflüsse , noch viel mehr aber in Bezug auf die Rück- 
schlagswirkung. 

Ist der Träger der thermischen Einflüsse feuchte Luft oder 
eine Flüssigkeit, so compliciren sich die Verhältnisse noch weiter. 
Niedrigtemperirte Flüssigkeit oder feuchte Luft in Berührung mit der 
Körperoberfläche entzieht dieser in noch erheblicherem Grade Wärme, 
als dies trockene Kälte thut, und die Wirkungen der Abkühlung 
sind daher noch bedeutender, als bei dieser ; aber auch die entgegen- 
gesetzte Rückschlagswirkung kann um so beträchtlicher sein. 

Ferner kommt viel auf die Dauer der Einwirkung an, auf 



Die Temperatur des gesiinden Menschen. 1X5 

ihre Gleichmässigkeit oder ihren Wechsel, auf die Ruhe 
oder die B e w e g u n g des abkühlenden Mediums , und die Resultate 
für die Körperwärme können sich hiernach sehr mannigfach modi- 
ficiren. 

Aus allem diesem geht hervor , dass die Wirkungen der ther- 
mischen Einflüsse keineswegs so einfach sind , wie es den Anschein 
haben möchte. Diese Betrachtung vermag den Schlüssel zu manchen 
Widersprüchen unter den einzelnen Beobachtungen zu geben ; sie 
muss aber auch darauf hinweisen , dass man nicht ohne weiteres das 
bei Versuchsthieren oder einzelnen gesunden Menschen in einzelnen 
Fällen Wahrgenommene als Gesetz aufstellen darf. 

Einige von den wichtigern Einzelerfahrungen bei Versuchen mit 
der Einwirkung von Kälte und Wärme mögen im Folgenden mehr 
als Beispiele , denn um den Gegenstand zu erschöpfen , aufgeführt 
werden. 

Was die äussere Anwendung von kaltem Wasser anbelangt , so 
fand unter anderm Fleury im kalten Bade eine Abnahme der Tem- 
peratur bis 34 ^ , selbst bis 29; Speck (Archiv für gemeinschaft- 
liehe Arbeiten, 1860, p. 422) fand im Beginn der Anwendung eines 
kalten Sturzbades eine geringe Steigerung, bei einem 10 Minuten 
lang fortgesetzten Bade von 22 ^ eine Abnahme der Mundhöhlen- 
temperatur um 1,23^. 

Die sorgfältigsten Beobachtungen über den Einfluss des Bades 
hat Liebermeister gemacht. Er fand bei Einwirkung des kalten 
Wassers auf die Körperoberfläche eines gesunden und unter sonst 
normalen Verhältnissen befindlichen Menschen während massiger 
Dauer dieser Em Wirkung niemals ein Sinken der Temperatur der 
geschlossenen Achselhöhle. Dies wird bewirkt durch die Steigerung 
der Wärmeproduction ; in einem Bade von 20 bis '23 (== 16 bis 
18 R.) beträgt die \yärmeproduction das Drei- bis Vierfache, in 
einem Bade von 30 (= 24 R.) das Doppelte der unter gewöhn- 
lichen Verhältnissen stattfindenden mittlem Production ; in einem 
Bade von Blutwärme übersteigt die Production nur um ein Geringes 
die unter gewöhnlichen Verhältnissen stattfindende. 

Sehr ausführliche Experimente hat Kernig über die Wärme- 
production in Bädern von 25,7 bis 36 ^ gemacht und ist zu dem 
Schlüsse gekommen, dass dem grösseren Wärmeverlust, d. h. also 
dem kälteren Bade eine grössere Wärmeproduction entspricht, dem 
geringern eine geringere. (Experimentelle Beiträge zur Kenntniss 
der Wärmeregulirung beim Menschen, 1864, p. 169.) 



WQ Die Temperatur des gesunden Menschen. 

Schuster in Aachen (Deutsche Klinik 1864, No. 22) fand 
bei einigen Versuchen mit Bädern von 37,6 — 41^, die er an sich 
selbst und an einem Gehülfen machte , dass während des Bades die 
Temperatur des Mastdarmes beträchtlich stieg. Weitere Beobach- 
tungen veröffentlichte derselbe in Virchow's Archiv 1868, XLIIL 60. 

Andrerseits ist auf stark exponirte Theile des Körpers (Nase, 
Stirn, Hände, Füsse) der abkühlende Einfluss des kalten Bades ein 
ziemlich bedeutender und kann 6 bis 7 <^ betragen ; ja sogar fanden 
Tholozan und Brown-Sequard (Journal de Physiologie I. 
p. 497), dass eine Hand, in Wasser von niedriger Temperatur ge- 
taucht, in wenigen (3 — 17) Minuten 10 — 18 o Wärme verlieren 
kann und dass sie bis zur Wiedererwärmung eine weit längere Zeit 
bedarf (bei drei Minuten dauernder Immersion 38 Minuten, bei zehn 
Minuten Eintauchung in eiskaltes Wasser über eine Stunde) . dass 
dagegen der Einfluss jener Temperaturerniedrigung auf die Gesammt- 
temperatur ganz unmerklich ist , diese zuweilen sogar etwas zu 
erhöhen scheint , dass aber die andere in freier Luft befindliche Hand 
in dem Maasse eine Abkühlung zeigt , als der Eindruck des kalten 
Wassers auf die eingetauchte Hand schmerzhaft wird. 

B ä r e n s p r u n g wies nach, dass fliessendes Wasser dem Kör- 
per mehr Wärme entzieht als ruhendes und dass nasse Kleider , vom 
Winde bewegt, die stärkste Abkühlung hervorbringen. 

Hoppe (Virchow's Archiv XL 462) beobachtete, dass Nässe 
des Körpers bei verhinderter Verdunstung die Wärmeproduction ver- 
ringere, dass dagegen ein Wärmeverlust die Wärmeproduction an- 
rege. Er fand ferner, dass bei einem Hund, der einer durchströmen- 
den Luft von 60 — 700 ausgesetzt wird, die Rectumtemperatur schon 
nach 35 Minuten sich um 1*^, nach 41 Minuten um 2,^^ erhöhte. 
Nach der Rückkehr in die gewöhnliche Luft fiel die Temperatur bin- 
nen 1/4 Stunde auf ihre ursprüngliche Höhe und nach einigen wei- 
teren Minuten unter dieselbe. Dasselbe Fallen unter die Normal- 
temperatur zeigte sich nach einem warmen Wasserbad und zwar fiel 
die Temperatur um so schneller und tiefer, je höher die voraus- 
gegangene Steigerung gewesen war. Endlich bemerkte er, dass an- 
haltender bedeutender Wärmeverlust die Bluttemperatur auf ihrem 
Maximum erhielt, anhaltend geringer Wärmeverlust sie dagegen sin- 
ken Hess. 

Den Einfluss localer (Sitz-) Bäder haben Lehmann, Böcker 
und Ki reJeff studirt. Der Letztere fand (Virchow's Archiv XXII. 
496) im warmen Sitzbad eine geringe Steigerung der Gesammt- 
temperatur, welche nach der Beendigung des Sitzbades sofort sich 



Die Temperatuf des gesunden Menschen. 117 

wieder ausgleicht. Im kalten Sitzbad fiel die Gesammttemperatur 
bis um 2 ; aber sie stieg nach dem Verlassen des Bades , überstieg 
selbst die Norm und erreichte nach 2 — 3 Stunden ihren höchsten 
Punkt , welcher 1 ^ höher als die Normaltemperatur und 1/2 ^ höher 
als die überhaupt bei den Versuchspersonen an Nichtbadetagen vor- 
gekommene Maximaltemperatur war. 

Dass Eisumschläge auf den Leib gelegt die Temperatur der 
innern Baucheingeweide und des Mastdarms herunter drücken kön- 
nen, hat Hagspiel gezeigt (Leipziger Dissertation 1857). Die 
Temperatur des Mastdarms fiel nach einstündiger Application des 
Eises von 37,25 auf 36,5, ^^^ Temperatur der Bauchhöhle von 37 
auf 36,25. 

Nach Binz (Beob. zur innern Klinik 1865, p. 159) bewirkte« 
Eisumschläge, auf dem Bauch applicirt, ein starkes Fallen des Queck- 
silbers eines unter die Bauchwand geschobenen Thermometers , aber 
gar keine Veränderung der Temperatur im Rectum. 

Den Einfluss des Trinkens von kaltem Wasser auf die Eigen- 
wärme haben L i c h t e n f e I s und Fröhlich untersucht und eine 
massige Temperaturabnahme (bei einem Seidel von 18 im Mittel 
um Vjo*^ nach 6 Minuten, bei einem Seidel von 16,3^ um 0,4 ^ nach 
6 Minuten) beobachtet. Auch einige Andere haben ähnliche Ver- 
suche gemacht , so namentlich Winternitz (Oesterr. Zeitschr. für 
prakt. Heilkunde 1865, p. 130). Die Eigenwärme wurde in einem 
Versuch nach dem Genuss von 6 Seidel 4,6^ kalten Wassers, in Pau- 
sen von 10 zu 10 Minuten genommen, im Laufe von 70 Minuten um 
1,4^ herabgedrückt, allein es entstanden dabei pathologische Erschei- 
nungen (Brechneigung, Aufstossen). Bei einem andern Versuch 
(p. 168) sank nach 4 Seideln von 6,7 ^^ ^[q in Zwischenräumen 
von 15 und 20 Minuten genommen wurden, innerhalb ^/^ Stunden 
die Eigenwärme um 0,^ ^ ^ nachdem wiederum Aufstossen eingetre- 
ten war. 

Im Sommer ist die Eigenwärme des Menschen etwas (um 1 
bis 2 Zehntel) höher, als im Winter. In heissen Sommern kann 
diese Erhöhung aoch etwas beträchtlicher werden. 

John Davy fand bei dem Uebergange von einem heissen Klima 
in ein gemässigtes bei einer mittlem Difi'erenz der Atmosphärentem— 
peratur von ll,ii^ eine Temperaturabnahme von 0,88- Brown- 
Sequard (Journ. de physiol. IL 551) fand bei einer Reise aus^ 
Frankreich nach Isle de France, dass 8 gesunde Personen zwischen 
17 und 55 Jahren, unter der Zunge gemessen, im Momente der Ab- 
reise bei einer atmosphärischen Temperatur von 8,0^ eine mittlere 



113 Die Temperatur des gesujiden Menschen. 

Eigenwärme von 36,625, 8 Tage später bei atmosphärischer Tem- 
peratur von 25,0^ 37,428 ^^^ abermals 9 Tage nachher unter dem 
Aequator bei einer atmosphärischen Temperatur von 29,5 <> eine 
mittlere Eigenwärme von 37,9 zeigten; darauf 6 Wochen später 
in 37,4^ S. Br. bei einer Atmosphärentemperatur von 16 o war die 
mittlere Eigenwärme auf 37,23 gesunken. Etwas geringer sind die 
Differenzen, welche Eydoux und Souleyet beobachteten (Comptes 
rendus de l'acad. des sciences 1838, VI. 456). 

John D a V y (on the effect of air of different temperature on 
animal heat, in Philos. transact. 1845, p. 61) hat einige Beobach- 
tungen gemacht über die Wärme beim Aufenthalt in überheizten 
Räumen und glaubte eine ziemlich beträchtliche Erhöhung der ersten 
zu bemerken. Seine Wahrnehmungen sind jedoch weder zahlreich 
noch genau genug, um sichere allgemeine Resultate zu geben. Der- 
selbe Beobachter hat ferner Messungen in Constantinopel angestellt 
in einem Zeiträume, in welchem die Lufttemperatur zwischen 3 1 und 
94 <^ F. sich bewegte, und bemerkte dabei Differenzen der Eigen- 
wärme unter der Zunge von 97 bis 99 ^ (== 36 — 37,2 ^O- I^ 
seiner Abhandlung (on the temperature of man within the tropics, 
Philos. transactions 1850) gelangte er unter andern zu den Schlüs- 
sen, dass die Durchschnittstemperatur in tropischen Gegenden 1 <^ F. 
höher ist, als im gemässigten Klima, und dass die Tagesfluctuationen 
von denen in dem letztern differiren. 

Vergl. weiter über den Einfluss der äusseren Temperatur den 
Abschnitt: die Ursachen der krankhaften Abweichungen der Eigen- 
wärme. 

18. Der verschiedene atmosphärische Druck 
scheint auf die Eigenwärme des Menschen keinen wesentlichen Ein- 
fluss zu üben. Sie veränderte sich nicht bei verschiedenem Baro- 
meterstande. Doch fand Vivenot (Jahrbuch der Gesellschaft der 
Aerzte zu Wien, XI. 113 — 146) in einer Kammer mit comprimirter 
Luft , dass die Temperatur während des Ansteigens des Luftdrucks 
etwa um 0,4 steigt, noch während des Druckmaximums in der Kam- 
mer wieder fällt und schliesslich selbst unter den Anfangswerth sin- 
ken kann. 

19. Die Art und Menge der in den Körper eingeführten Nah- 
rungsmittel hat, obwohl dieselben das Hauptmaterial für die 
Wärmebildung sind , nur einen sehr geringen Einfluss auf die Höhe 
der Eigenwärme , so lange der Körper dabei im gesunden Zustande 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 11'9 

sich erhält. Zwar miiss ohne allen Zweifel durch die so sehr diffe- 
rente Art, den Gehalt und die Menge der Ingesta die Grösse der 
Wärmeproduction sehr wesentlich bestimmt werden; aber offenbar 
wird das Verhältniss durch entsprechende Wärmeabgabe compen- 
«irt und das Gleichgewicht somit nicht oder nur sehr vorübergehend 
igestört. 

Die Mahlzeit im Allgemeinen ist bei Gesunden von nur 
massigem Einfluss auf die Eigenwärme. Nach Bärensprung steigt 
die Temperatur zwischen 2 und 6 Uhr nach eingenommenem Mittags- 
mahl durchschnittlich um 0,6 ^. Allein sie steigt auch ohne Mittags- 
mahl in dieser Zeit. Das Abendessen (um 8 ühr) ist vielleicht im 
Stande , die in diese Stunden fallende Abnahme der Temperatur um 
Weniges zu verzögern. 

g l e bemerkte, dass das normale Ansteigen der Tagesschwan- 
kung am stärksten nach dem sehr reichlichen ersten Frühstück, 
"weniger nach dem zweiten Frühstück sich zeigte, und dass die Abends 
genommene Hauptmahlzeit nur eine Verzögerung des sonst zu dieser 
Zeit stattfindenden Abfalls bewirkte. 

Die Tagesschwankungen werden nur sehr wenig alterirt, wenn 
•eine der gewohnten Mahlzeiten übergangen wird. 

Wo die Mahlzeit anders wirkt, da kann angenommen werden, 
dass das Individuum bereits in nicht ganz normalen und gesunden 
Verhältnissen sich befinde, oder dass die Mahlzeit selbst krank- 
machend eingewirkt habe. 

Jürgensen fand , dass eine nach längerem Hungern ein- 
genommene reichliche Nahrung eine nicht unbeträchtliche Steigerung 
der Temperatur (um mehr als 1/2 Grad) zu bewirken im Stande ist 
(Deutsches Archiv f. kl. Med. III. 177). 

Die Nahrungsentziehung wird erst dann von erheb- 
lichem Einfluss auf die Temperatur , wenn die Gesundheit unter ihr 
zu leiden anfängt. Nach Lichten fels und Fröhlich fiel die 
Temperatur vom 10. bis 15. Hungertage ziemlich continuirlich und 
unter starker subjectiver Kälteempfindung um ^/^q bis ^J^q. stieg 
^ber von da an spontan unter Auf hören der Kälteempfindung bis zum 
20. Hungertage um ^/^q. Die weitgehenden Einflüsse der Inanition 
: durch Nahrungsentziehung, wie sie zuerst Chossat kennen lehrte, 
fallen durchaus in das pathologische Gebiet. 

20. Wirkung geistiger Getränke und anderer Genuss- 
mittel auf die Eigenwärme. 



,1'2() I^ie Temperatur des gesunden Menschen. 

Bei Versuchen mit solchen Substanzen ist die gleichzeitige Wir- 
kung niederer oder höherer Temperaturgrade dieser Mittel nicht 
ausser Acht zu lassen. 

Durch Genuss von Bier in Quantitäten von Y2 bis 1 Maass und 
mit einem Alkoholgehalt von 3 bis 4 ^/q wurde nach Lichtenfels und 
Fröhlich die Eigenwärme um etwa 0,5 ermässigt, und zwar schon 
nach 15 Minuten; es verblieb der tiefere Stand über 1^2 Stunde. 

Ebenso haben Wein und Branntwein eine temperaturerniedri- 
gende Wirkung. Zahlreiche Beobachter, noch neuerlichst Cuny 
Bouvier (Pfltigers Archiv 1869, p. 370) haben diese Thatsache 
bestätigt und entgegenstehende Meinungen widerlegt. B. hat gefun- 
den, dass geringe Dosen von Alkohol jedesmal die Körpertemperatur 
(unter Vermehrung der Pulsfrequenz) erniedrigen , welche Wirkung 
aber nicht lange anhalte , und dass grössere Dosen sogar die Tem- 
peratur um mehrere Grade herabsetze (gleichfalls bei Voller- und 
Frequenterwerden des Pulses). S. auch dessen jüngste Schrift: 
über die Wirkung des Alkohols auf die Temperatur 1869, ferner 
Godfrin: de l'alcool, son action physiologique , ses applications 
therapeutiques 1869. — Der Grund dieser Wirkung des Alkohols 
ist nicht sicher bekannt. Sie scheint theils von einer Verlang- 
samung des Stoffumsatzes , theils von einer Vermehrung des Wärme- 
verlustes auf der Oberfläche abzuhängen : doch sind hier die physio- 
logischen und pathologischen (toxischen) Einflüsse kaum zu trennen» 
S. daher den nächsten Abschnitt. 

Warme alkoholische Getränke dagegen können die Temperatur 
erhöhen: Punsch von ca. 50 ^ erhöht die Temperatur um 0,^ — 0,3 
für eine halbe bis ganze Stunde. 

Kohlensäure (Brausepulver u. dergl.) bedingt eine Temperatur- 
erniedrigung um ein oder wenige Zehntel, welche sich schon nach 
einer halben Stunde ausgleicht. 

Starker Kaffee bringt eine Steigerung der Eigenwärme hervor, 
welche in einer Stunde ungefähr das Maximum (2 — 4 Zehntel) 
erreicht. Chinesischer Thee (in der Wärme des Blutes genommen) 
wirkt ähnlich, aber etwas schwächer und kürzer. 

2 1 . Die Wirkung eines Blutverlustes auf die Eigenwärme 
ist bei Gesunden nicht sehr beträchtlich ; doch steigt die Temperatur 
nach einem ergiebigen Aderlass um einige Zehntel und geht in den 
nächsten Tagen allmälig auf die Norm zurück , kann aber später für 
einige Zeit unter die Norm sinken. (Bärensprung.) Nach sehr star- 
ken Blutentziehungen , welche an Thieren gemacht wurden , sank die 



Die Temperatur des gesunden Menschen. 121 

Temperatur zuweilen beträchtlich (Marshall Hall). Nach Frese 
(Virchow's Archiv XL. p. 303) erfolgte unmittelbar nach einem 
ergiebigen Aderlass ein Temperaturabfall um einige Grade : wenige 
Stunden darauftrat aber eine Steigerung ein, welche meist die Tem- 
peratur vor dem Aderlass überstieg. Bei der Misslichkeit, diese Ein- 
wirkungen bei gesunden Menschen zu prüfen, ist es unmöglich, 
sichere Sätze aufzustellen. 

22. Alle Schwankungen der Höhe der Eigenwärme im gesun- 
den Zustande sind nach dem Angeführten fast durchaus minimal. 
Mögen sie spontan oder durch äussere Einflüsse herbeigeführt sein, so 
sind die Abweichungen von der Mitteltemperatur nur vorübergehend. 
Sobald eine Abweichung nach auf- oder abwärts zuwege gebracht 
wird , so ist die Geneigtheit zu bemerken , dass die Temperatur bald 
darauf nach der entgegengesetzten Richtung sich wendet. Wo immer 
die Production von Wärme im gesunden Körper gesteigert wird , da 
werden nicht nur alsbald die Abgaben entsprechend, sondern es 
bleibt eine Neigung zu verringerter Production für eine Zeit lang zu- 
rück. Wo die Production ungewöhnlich gering wird , beschränken 
sich die Ausgaben und wo diese gering sind , mindert sich die Pro- 
duction , wo sie excessiv sind , werden sie durch eine angestrengtere 
Production gedeckt. 

Es ist das Mysterium des Organismus, dass, so lange er gesund 
ist , Alles in ihm in wunderbarer Ordnung vor sich geht und jede zu- 
fällige Störung dieser Ordnung sofort sich spontan ausgleicht. 



Die Ursacüen der krankhaften Abweichungen der 
Eigenwärme. 

1. Auch die thermometrische Beobachtung zeigt, wie nahe 
Gesundheit und Krankheit aneinander g ranzen, wie 
sie untrennbar in einander übergehen. 

Von den in die Breite der Gesundheit fallenden Teraperatur- 
höhen bis zu den entschieden krankhaften ist der Schritt ein durch- 
aus unmerklicher; weder im Princip noch im einzelnen Falle lässt 
sich der Punkt angeben , wo die Gesundheit aufhört und das Krank- 
sein beginnt. Eine Art intermediäres Gebiet von geringer Ümfäng- 
lichkeit schiebt sich gleichsam zwischen das normale Verhalten und 
dasjenige, über dessen kranke Natur kein Zweifel mehr besteht. 

Entsprechend verhält es sich mit den Ursachen, welche die Ab- 
weichungen der Eigenwärme hervorbringen können. 

Es giebt Einwirkungen , welche mit der grössten Sicherheit bei 
jedem Betroffenen eine krankhafte Abweichung der Temperatur her- 
vorbringen. 

Aber bei einer grossen Anzahl anderer Einwirkungen hängt der 
Effect von der Disposition des Betroffenen und häufig von zufälligen 
Umständen ab. Dieselben Einflüsse, welche bei dem einen gesunden 
Individuum gar keine oder eine noch in die Normalbreite fallende 
Temperaturveränderung hervorrufen , können bei einem andern Ge- 
sunden mit minder festem Widerstandsvermögen oder bei einem Kran- 
ken, dessen Eigenwärme zuvor nicht alterirt war, mehr oder weniger 
erhebliche und mehr oder weniger entschieden krankhafte Tempera- 
turabweichuugen bewirken. 

Die Influenzen auf die Eigenwärme kommen aber nicht nur in 
der Hinsicht in Betracht , dass sie die normale Temperatur zu einer 



Die Ursachen der krankhaften Abweichungen der Eigenwärme, 123 

krankhaften Abweichung bringen , sondern weiter auch, insofern sie 
«ine bereits krankhafte modificiren. 

Dieselben Einflüsse und Verhältnisse, welche das normale Gleich- 
gewicht der Eigenwärme alteriren und dadurch als Ursachen abnor- 
mer Temperaturabweichung wirken, sind auch im Stande, bei schon 
gestörtem Gleichgewicht der Temperatur weitere Abweichungen her- 
beizuführen. Ursachen der Temperaturabweichung und Ursachen fer- 
nerer Modificationen der Temperatur sind nicht zu trennen : es kön- 
nen lediglich dieselben Einflüsse sein. Aber ihre Wirkung auf den- 
jenigen, den sie erst krank machen, und auf denjenigen, der es schon 
ist, der bereits eine Temperaturabweichung zeigt, ist keineswegs 
immer die gleiche und der Efi"eQt , der auf den Kranken hervor- 
gebracht wird , ist durchaus nicht aus der Art des Einflusses allein 
oder aus seiner Wirkung auf den Gesunden vorauszusehen. Es kommt 
bei jenem Efi'ect viel und das Meiste darauf an , in welchem Zustand 
der kranke Körper sich befindet , welcher Art die bestehende Krank- 
heitsform ist, welche Intensität, welche Regelmässigkeit oder Irregu- 
larität die Erkrankung zeigt, in welcher Periode der Entwicklung sie 
steht , mit einem Worte auf die Summe aller Verhältnisse des kran- 
Jten Individuums. 

Wenn also schon der Effect einer krankmachenden und Tem- 
.peratur alterirenden Einwirkung auf zuvor Gesunde keineswegs 
allein von der Natur dieser Einwirkung und ihrem Grade, sondern 
vielfach von der Individualität, dem zufälligen Zustande des Betrof- 
fenen und manchen accidentellen Umständen mitbestimmt wird , so 
hat bei den Resultaten einer temperaturverändernden Einwirkung auf 
bereits abnorm warme Kranke noch der ganze vielfach verwickelte 
Complex der krankhaften Verhältnisse dieser selbst in Rechnung zu 
kommen. 

Hiernach kann eine und dieselbe Einwirkung möglicherweise 
sehr verschiedene und selbst entgegengesetzte Effecte zu Stande 
bringen. 

2. Das Gemeinschaftliche der Wirkung alterirender Einflüsse 
auf die Eigenwärme liegt nicht darin , dass sie die Production oder 
die Abgabe von Wärme steigern oder vermindern , sondern darin, 
dass die Regulation unvollkommener wird, als im gesun- 
den Zustand. 

Auch im gesunden Zustande kann mehr oder weniger Wärme 
producirt werden, aber die Abgabe regelt sich alsbald nach dem Plus 
oder Minus der Erzeugung. 



124 ^iß Ursachen der krankhaften Abweichungen 

Auch im gesunden Zustande kann die Wärmeabgabe übermässig 
vermehrt oder vermindert sein , aber die Wärmeproduction richtet 
sich genau nach der Menge der Verhiste. 

Daher bleibt im gesunden Zustande das Facit , die Höhe der 
Eigenwärme auf einem bestimmten Maasse, ganz ebenso, wie das 
Gewicht des Körpers , wie die durchschnittliche tägliche Menge der 
Harnsecretion , wie die Zahl der Athemzüge , wie die Mischung des 
Blutes, wie allenthalben der Organismus im Ganzen und in seinen 
einzelnen wichtigern Functionsgruppen. 

Wenn bei einem Kranken , dessen Eigenwärme für gewöhnlich 
normal ist, auf Einwirkungen , welche die Temperatur des Gesunden 
noch nicht alteriren, eine die Normalbreite überschreitende Tempera- 
turabweichung eintritt , so ist diess so zu verstehen, dass bei ihm die 
Regulation seiner Eigenwärme zwar für die gewöhnlichen Verhält- 
nisse noch genügt , aber unter etwas stärkeren Einflüssen insufficient 
wird. Eine solche grössere Beweglichkeit der Eigenwärme bei kran- 
ken, aber für gewöhnlich noch normaltemperirten Individuen kann 
sich den Fluctuationen des gesunden Zustandes mehr oder weniger 
anschliessen ; aber die Excurse der Temperatur werden in dem 
Maasse auffälliger und excessiver als das Widerstands - oder Regula- 
tionsvermögen geringer oder die Einflüsse überwältigender werden. 

Einflüsse , welche bei einem gesunden Individuum eine krank- 
hafte Temperaturhöhe zu Wege bringen , bewirken entweder eine so 
bedeutende einseitige Aenderung der Production oder der Wärme- 
abgabe, dass die Compensation bei dem Individuum unmöglich wird, 
oder sie rufen eine Krankheit hervor, zu deren Elementen eine unvoll- 
ständige Regulation zwischen Wärmeproduction und Wärmeausgabe 
gehört. Denn jede Abweichung der Temperaturhöhe ist ein Beweis,, 
dass die Compensation zwischen Production und Ausgabe unvollkom- 
men ist. Die Regulation ist nicht aufgehoben ; aber sie vermag die 
normale Beständigkeit der Eigenwärme nicht mehr zu erhalten. Zu- 
weilen decken sich Production und Ausgabe immer noch so , dass 
ein gewisses Gleichgewicht fortdauert, aber ein Gleichgewicht auf 
einem andern Niveau als dem beim Gesunden, und ein Gleich- 
gewicht, das jedenfalls unendlich leichter zu stören ist, als das beim 
Gesunden. 

3. Es ist begreiflich, dass die mangelhafte Aequilibrirung meh- 
rerer sich im Normalzustande compensirender Functionen verschie- 
dene Ausgangspunkte und verschiedene Gründe haben 
kann. 



der Eigenwärme. 125 

Die Wärmeverluste können so beträchtlich werden, dass auch 
die angespannteste üeberproduction oder doch wenigstens die dem 
Individuum mögliche Steigerung der Production sie nicht zu ersetzen 
vermag. 

Die Wärmeabgabe kann in demMaasse verhindert werden, dass 
bei auch noch so sehr beschränkter Wärmeproduction^ oder doch bei 
der in dem einzelnen Falle möglichen Beschränkung derselben eine 
Stauung der Wärme unausbleiblich ist. 

Die W^ärmeproduction kann so sehr gesteigert sein, dass alle 
Vorrichtungen, sie abzuführen, oder wenigstens die in dem betreffen- 
den Organismus disponiblen Vorrichtungen nicht genügen, das Gleich- 
gewicht herzustellen. 

Die Wärmeproduction kann so vermindert sein , dass sie bei 
aller Einschränkung der Abgabe keinen ausreichenden Ersatz liefert. 

Steigerung der Production und Verminderung der Wärme- 
abgabe, Vermehrung der Abgabe und Verminderung der Wärmepro- 
duction können tiberdem noch in dem verchiedenen Maasse combinirt 
sein und ihre störenden Einflüsse cumuliren. Sie können auch in 
einem und demselben Organismus an verschiedenen Stellen verschie- 
den sich zeigen. 

Auch können die Beziehungen der gegenseitigen Compensations- 
vorgänge, statt mit der nöthigen Raschheit und Promptheit vor sich 
zu gehen, sich verzögern, schleppend und unterbrochen werden. 

Bei alledem ist es auch sehr wahrscheinlich , dass es sich im 
kranken Zustande nicht immer blos um ein Plus oder Minus der wäh- 
rend der Gesundheit realisirten Production und Abgabe handelt, son- 
dern dass auch neue Quellen der Wärmeproduction, die 
dem gesunden 'Zustand fremd sind, sicheröffnen, und andererseits 
Abzugswege der Wärme sich darbieten , welche dem gesun- 
den Körper fehlen. 

Zu jenen neuen Quellen der Wärmeproduction mögen gehören 
die mehr oder weniger rapiden geweblichen Destructionen , die ohne 
chemische Vorgänge nicht denkbar sind, die Bildung abnormer 
chemischer Endproducte des Stoffwechsels; endlich ist es nicht un- 
möglich, dass ohne Betheiligung des Sauerstoffs im Körper gährungs- 
artige Processe angeregt werden können , welche zu neuen Wärme- 
quellen werden , wie solches ausserhalb des Organismus vorkommt 
(so vielleicht bei zymotischen Krankheiten). 

Zu den neuen Abzugswegen gehören die reichlichen Verluste 
von Flüssigkeiten des Körpers , die Herstellung grosser , nicht mehr 
belebter Deposita (Exsudat - und Extravasatmassen) im Körper , in 



126 l^^ß Ursachen der krankhaften Abweichungen 

welchen keine Wärme producirt , sondern an welche sie nur abge- 
geben wird u. s. w. 

Aber wenn auch das Gleichgewicht in Krankheiten gestört ist, 
so schützen die Einrichtungen des Körpers vor einem Maasslos- 
werden des Missverhältnisses und vermögen nach kürzerer oder 
längerer Störung eine Wiederherstellung der Aequilibrirung zu ver- 
mitteln , bald dadurch , dass die einseitige üebersteigerung der Pro- 
duction oder Abgabe wieder zur Norm oder selbst unter die Norm 
zurückgeht, bald dadurch , dass die erst ungenügenden compensiren- 
den Thätigkeiten allmälig sich verstärken , oder dadurch , dass neue 
Productionsquellen oder neue Abzugswege sich eröffnen. Der Orga- 
nismus bietet hierzu die mannigfaltigsten und sinnreichsten Vorrich- 
tungen und Combinationen. Die vermehrte Wärme z. B. steigert die 
Herzbewegung, diese jagt das heisse Blut rascher durch die Gefässe 
an die Oberfläche , wo deshalb in gleicher Zeit eine um so grössere 
Quantität desselben mit der kälteren Umgebung in Berührung kommt 
und daher um so ergiebiger abgekühlt werden kann. Die Hitze ver- 
mehrt ferner das Athembedürfniss, die Bewegungen der Athmungs- 
organe werden beschleunigt , und die abkühlende Luft wird • in 
grösserem Maasse zugeführt. Der Blutarme mit seinen verminderten 
Blutkörperchen producirt weniger Wärme , aber seine oberflächlichen 
Gefässe ziehen sich zusammen, und die Abkühlung seines Blutes wird 
dadurch beschränkt und dergl. mehr. 

So bleibt also auch in Krankheiten eine gewisse Regulation, 
aber nur mit umfänglicheren Fluctuationsdimensio- 
n e n , und so wird , wenn indessen die ursprünglichen Gründe für die 
Störung des Gleichgewichts (d. h. für die Erkrankung) beseitigt sind 
und keine neuen im Verlauf der Krankheit sich hinzugesellt haben, 
die Rückkehr zur Aequilibrirung vorbereitet und eingeleitet. 

Wo diese Selbsthülfen ausbleiben und künstliche Hülfen sie nicht 
zu ersetzen vermögen, wo deshalb die Störungen des Gleichgewichts 
zwischen Production und Abgabe unüberwindlich sich zeigen, da tritt 
auch keine Herstellung ein und kann und muss bei zu grossem Miss- 
verhältniss und zu grossen Abweichungen nach der einen oder andern 
Seite das Verhalten der Wärme allein schon den Tod vermitteln. 

Diese im Princip kaum zu bezweifelnden Sätze lassen sich 
jedoch im Einzelfalle selten verfolgen. 

Ist es schon unmöglich , bei einem Gesunden die Summe der in 
einer gegebenen Zeit producirten oder weggeschafften Wärme zu be- 
stimmen, so ist es noch viel weniger möglich, für irgend eine specielle 
Krankheitsform oder in einem individuellen Krankheitsfalle und in 



der Eigenwärme. 127 

einem bestimmten Abschnitt seines Verlaufs die Quellen und Maasse 
der Production oder die Mengen der Wärmeverluste und den Antheil 
der einzelnen Theile , an welchen die Wärmeerzeugung und ihre Ab- 
gabe stattfindet, auch nur approximativ zu bezeichnen. Die Combi- 
nationeu sind so zahlreich und so sehr dem Wechsel fast in jedem 
Augenblick unterworfen und häufig zu gleicher Zeit von so entgegen- 
gesetzt wirkenden Momenten gebildet, sie betrefi'en zum Theil so 
unzugängliche Stellen des Körpers, die kleinen und grossen Modifica- 
tionen in den Leistungen der einzelnen Organe sind so mannigfaltig 
und verwickelt, dass auch die oberflächlichste und schlaffste Berech- 
nung zur Unmöglichkeit oder Fiction wird. 

Wir sind nur im Stande, das Resultat, die Aenderung der Höhe 
der Eigenwärme zu bestimmen ; die Factoren , aus welchen dieses 
Resultat hervorgeht, entziehen sich der directen Beobachtung und 
sind höchstens auf conjecturalem Wege annähernd zu schätzen. 

Wenn es demnach nicht gelingt und ohne Zweifel niemals ge- 
lingen wird , die Temperaturveränderungen des kranken Körpers in 
berechenbarer Weise auf ihre wahren Bedingungen zurückzuführen, 
so muss man um so mehr trachten, einen empirisch möghchst ge- 
sicherten Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Eigenwärme 
des kranken Körpers und bestimmten Einflüssen, Zuständen und Vor- 
gängen festzustellen. 

4. Die Ursachen, welche eine krankhafte Temperatur- 
abweichung herbeizuführen oder eine bestehende zu modificiren ver- 
mögen, können sein: 

äussere Einflüsse, 

die Verhältnisse und Anlagen des Individuums, 
die Vorgänge in dem Organismus selbst. 
In dem einzelnen Falle können diese Ursachen aufs mannig- 
fachste combinirt sein und es kann scheinen, dass es bei ihrer Unent- 
wirrbarkeit unmöglich sei , aus dem Zusammenwirken der vielfältig- 
sten Einflüsse und Zustände den Antheil jedes einzelnen Momentes 
herauszuwickeln , die Wirkungen auf ihre Elemente zurückzuführen 
und in ihrer einfachen Noth wendigkeit anschaulich zu machen. 

Wenn daher auch der klinischen Beobachtung hinsichtlich der 
Wirkung der Ursachen von Temperaturstörungen die letzte Entschei- 
. düng zufällt, so ist es doch vollkommen gerechtfertigt, dass mau, fast 
von der ersten Zeit der Beachtung der thermischen Erscheinungen 
am Organismus an, das Experiment, die künstliche Erzeugung 
einfacher krankhafter Vorgänge, zu Hülfe genommen hat. 



X2S ^^® Ursachen der krankhaften Abweichungen 

Die Resultate experimenteller Prüfung verschiedener Einflüsse 
auf die Eigenwärme der Thiere oder gesunder Menschen , an sich 
von grösstem und unzweifelhaftestem Interesse, dürfen jedoch nur mit 
Vorsicht und Besonnenheit zu Schlüssen über das Verhalten des 
menschlichen Organismus gegen äussere Schädlichkeiten und in 
Krankheiten verwerthet werden. Manche der beim Experiment heran- 
gezogenen Einwirkungen fallen allerdings zusammen oder finden 
wenigstens eine nahe Analogie mit Einflüssen, welche , zufällig einen 
Gesunden trefi'end, denselben krank machen oder welche bei einem 
bereits "Erkrankten Modificationen im Verhalten seiner Wärme her- 
vorzubringen im Stande sind. 

Allein es darf nicht übersehen werden , dass jene Resultate, so- 
fern sie an gesunden Thieren gewonnen sind, nicht ohne Weiteres 
auf den Menschen übertragen werden dürfen ; denn dieser zeigt eine 
geringere Normalbreite der Temperatur , als die meisten Versuchs- 
thiere, von denen z. B. die Kaninchen wegen ihrer beträchtlichen 
Wärmevariationen (wie solche schon allein durch das Festbinden 
hervorgerufen werden) sehr trügerische Resultate geben können. 

Nicht viel anders verhält es sich bei dem Experimentiren .mit 
gesunden Menschen. Allerdings sind die Efi*ecte gewisser zur The- 
rapie verwendeten Einwirkungen mit grossem Nutzen an Gesunden 
zu Studiren. Aber man muss sich hüten, die Resultate solcher Prü- 
fungen ohne Weiteres auf kranke Organismen zu übertragen. Bei 
diesen können sie möglicherweise ganz anders ausfallen und zwar je 
nach dem besonderen pathologischen Zustand verschieden. Bei vie- 
len Krankheiten walten Verhältnisse ob , wie sie durch kein Experi- 
ment herbeizuführen sind. 

Die experimentellen Resultate können vortrefflich dazu dienen, 
auf gewisse Wirkungen aufmerksam zu machen , die Analyse von 
Complexeffecten zu leiten, aus pathologischen Thatsachen entnom- 
mene Vermuthungen zu prüfen : aber mit Ausnahme der traumati- 
schen und toxischen 'Einwirkungen, für w^elche sie ohne Weiteres 
ziemlich reine Analogien zu geben vermögen, bedürfen sie allent- 
halben der Controle der klinischen Beobachtung. 

Das klinische Material für die Aufstellung allgemeiner That- 
sachen über die Wirkungen gewisser Einflüsse , welche krankhafte 
Temperaturabweichungen herbeiführen, und über zufällige und der 
Krankheit selbst mehr oder w^eniger fremde Verhältnisse, welche im 
Lauf einer Krankheit auf den Gang der Eigenwärme influiren , ist 
zwar ausserordentlich gross , allein es bleibt doch noch sehr lücken- 
haft und dabei vielfach unzuverlässig ; es gehört viel Aufmerksamkeit 



der Eigenwärme. J29 

und thermometrische Erfahrung dazu , um aus dem Conflicte mannig- 
fach combinirter Umstände die reinen Thatsachen abzulösen. Unter 
Anderm ist nicht zu tibersehen , dass die Wirkungen zufälliger Ein- 
flüsse auf die Temperatur von Kranken unterschieden werden müssen 
von solchen Wirkungen derselben Einflüsse , wenn sie zugleich eine 
wahre Besserung oder Verschlimmerung in der Krankheit selbst oder 
in ihren vorzüglichsten Symptomen hervorrufen. Es ist offenbar nicht 
gleichgültig, ob nach einer zufälligen Einwirkung die gesammte 
Krankheit verschlimmert oder gebessert ist , oder ob , ohne dass in 
dem Gange dieser etwas Wesentliches sich geändert hätte , nur das 
Temperaturverhalten aus seinem Gange gekommen ist. Ebenso ist 
zu unterscheiden , ob die nach einer Einwirkung auf zuvor Gesunde 
eintretende Temperaturabweichung die reine Folge jener Einwirkung 
ist oder ob sie nicht abhängt von der Entwicklung einer bestimmten 
Krankheitsform , zu deren Elementen eine abnorme Temperaturhöhe 
gehört. 

5. Die Einflüsse, welche temperaturdeprimirend wir- 
ken, thun diess 

entweder dadurch , dass sie dem Körper Wärme entziehen und 
überhaupt seine Wärmeverluste steigern, 

oder dadurch, dass sie das Zuströmen des (normal, unternormal 
oder erhöht) warmen Blutes zu dem untersuchten Theile verhindern 
oder verringern, 

oder dadurch , dass sie die Wärmeproduction im Körper über- 
haupt vermindern. 

Es lässt sich keineswegs immer mit Bestimmtheit angeben, 
welches die Aft der Wirkung eines temperaturdeprimirenden Ein- 
flusses sei und ohne Zweifel wirkt eine und dieselbe Ursache oft auf 
verschiedenem Wege. 

Dieselbe Ursache kann aber auch zugleich oder successiv in 
entgegengesetzter Richtung, d. h. temperatursteigernd, wirken ; hier- 
durch kann eine solche Compensation des Effectes bewerkstelligt 
werden , dass die Höhe der Eigenwärme nicht gestört erscheint ; da- 
gegen muss die Compensation unvollkommen geblieben sein , sobald 
durch den Einfluss der Ursache die Höhe der Eigenwärme herab- 
gedrückt wird. 

Weit zahlreicher sind die experimentellen und klinischen Erfah- 
rungen über Steigerung der Temperatur, sowohl der all- 
gemeinen wie der Temperatur an einzelnen Stellen. 

Eine Steigerung der allgemeinen Temperatur über die Norm 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 9 



130 ^^^ Ursachen der krankhaften Abweichungen 

muss ihren Grund haben entweder in üeberproduction von Wärme 
oder in verminderter Abgabe oder in beidem zumal ; auch bei der 
Erhöhung der Eigenwärme ist der Antheil beider Bedingungen nicht 
zu berechnen. 

Da überdem eine und dieselbe temperatursteigernde Ursache 
zugleich auf die eine oder andere Weise temperaturdeprimirend wir- 
ken und dadurch den Effect der Üeberproduction der Wärme oder 
der verminderten Abgabe mehr oder weniger ausgleichen kann , so 
kann die Höhe der Eigenwärme ein Resultat aus sehr complicirten 
und verschiedenen Factoren sein. 

Bei der topischen Wärmeerhöhung, aber auch bei der an der 
Körperoberfläche wahrgenommenen überhaupt ist es nicht immer 
sicher, ob die beobachtete Erhöhung wirkliche Steigerung der Wärme 
oder nur eine relative Zunahme der Wärme und dadurch bewirkt sei, 
dass der Theil , resp. die gesammte Körperoberfläche eine grössere 
Menge des erwärmenden , wenn auch an sich normaltemperirten Blu- 
tes erhält , auch wohl dass an der gemessenen Stelle die Wärme- 
abgaben vermindert sind. 

6. Hohe Grade äusserer Kälte sind das sicherste Mittel^ 
dem Körperwärme zu entziehen, und können, wenn ihre Einwirkung 
intensiv ist und lange fortgesetzt wird, die Eigenwärme so weit ernie- 
drigen, dass der Tod unabwendbar ist. 

A. Walther in Kiew hat (Virchow's Archiv XXV. 414 und 
Reichert's Archiv 1865 p. 25) die Folgen künstlicher Erkältung 
untersucht. Das Minimum , bis zu welchem er die Temperatur bei 
Kaninchen herabzusetzen vermochte , ehe sie starben , war 9 o, 
Thiere, welche bis zu 18 oder 20 ^ erkältet und dann in ein Medium 
gebracht wurden, welches nicht wärmer, als ihre eigene Temperatur 
war, verloren die Fähigkeit sich bis zu ihrer Normaltemperatur wie- 
der zu erwärmen. Dagegen konnten erkaltete Thiere zur Normal- 
wärme durch künstliche Respiration zurückgeführt werden. Einige 
von den erkälteten und nachher wieder künstlich erwärmten Thieren 
zeigten einige Tage lang eine fieberhafte Temperaturhöhe (bis 42 o),. 
von der sie aber wieder genasen. 

Ueber den directen krankmachenden Einfluss der Kälte auf ge- 
sunde Menschen fehlen genaue Beobachtungen. Es ist wahrschein- 
lich, dass der Erfrierungstod in ähnlicher Weise , wie bei Walther's- 
Kaninchen eintritt, wenn auch bei einer schon viel massigeren Er- 
kältung. 



der Eigenwärme. 231 

Bei den Krankheiten, welche die Folge des Einflusses von Kälte 
sind, bestehen stets complexe Verhältnisse; die Temperaturen bei 
solchen können nicht mehr als die unmittelbare Folge der Kältewir- 
kung angesehen werden. 

Dagegen sind die Erfahrungen über die Wirkungen der 
Kälte auf Menschen mit fieberhafter Temperatur bereits sehr 
ansehnlich und sie sind von dem grössten Belang, da die Kälte als 
eines der vorzüglichsten antipyretischen und antiphlogistischen Hilfs- 
mittel gilt und gerade in neuerer Zeit bei fieberhaften, besonders 
typhösen und exanthematischen Krankheiten in ausgedehntester Weise 
angewandt wurde. 

Die Einwirkung kalten Getränkes und kalter Injectionen auf 
eine krankhaft gesteigerte Wärme ist flüchtig und vorübergehend. 

Etwas wirksamer sind bereits oft wiederholte Waschungen 
mit sehr kaltem Wasser, anhaltende Umschläge von solchem oder von 
Eis, kalte Sitzbäder. Doch scheint ihr Einfluss nicht weit über die 
Applicationsstelle hinaus zu gehen und die Gesammttemperatur wenig 
oder meist gar nicht zu berühren. 

Ungleich beträchtlicher, intensiver und nachhaltiger ist die An- 
wendung mehr oder weniger kalten Wassers in Form von Einwick- 
lungen in nasse Tücher, von Vollbädern und von Uebergiessungen. 
Der Nutzen einer energischen und mehr oder weniger methodischen 
Behandlung hoher Fiebergrade mit diesen Proceduren hat sich seit 
Brand 's eifrigen Empfehlungen aufs Vielfachste erprobt, und wenn 
auch ohne Zweifel dieses Verfahren seine Kehrseiten hat , die noch 
zu wenig aufgedeckt sind , so ist doch soviel sicher , dass die Wir- 
kung eine ausnehmend mächtige ist und dass es keine therapeutische 
Methode gibt,- welche mit gleicher Zuverlässigkeit und Gewalt in 
einem schweren Fieber verlaufe günstige Modificationen herbeizuführen 
vermag. (Siehe Abdominaltyphus.) 

Freilich sind die Bedingungen oder gar die Gründe der Wirkung 
der Kälte auf Erniedrigung der Fieberhitze und auf die Gestaltung 
des Krankheitsverlaufs keineswegs allenthalben festgestellt und sind 
über die unmittelbaren und entfernten Folgen dieser Methoden noch kei- 
neswegs die Akten geschlossen. Gewiss hängt die Wirkung mannigfach 
von der Art der Anwendung, von dem Grad der Temperatur des an- 
gewandten Wassers , von der Dauer der Einwirkung , andererseits 
aber von den krankhaften Verhältnissen selbst , der Intensität und 
Form der Erkrankung, ihrem Stadium etc. ab. Auch ist die Wir- 
kung durchaus keine einfache» Im Momente der Application oder 
bei ungenügender Anwendung der Kälte steigt sogar oft die Körper- 



132 ^^^ Ursachen der krankhaften Abweichungen 

wärme und erst bei fortgesetzter Einwirkung fängt sie zu sinken an. 
Rückschlagswirkungen treten bei zu spärlicher Wiederholung der 
Applicationen um so sicherer ein , je intensiver und frischer die Er- 
krankung ist und der definitive Erfolg wird häufig erst durch eine höchst 
energische und consequente Fortsetzung der Applicationen erreicht. 

Der eigentliche Grund der Wirkungen der kalten Behandlung 
ist noch keineswegs aufgeklärt. Ohne Zweifel ist es ein Irrthum, 
2U glauben, dass ihr Nutzen bei fiebernden Kranken nur auf die ein- 
fache Entziehung eines nachtheiligen Plus von Körperwärme sich 
zurückführen lasse. Schröder (deutsches klinisches Archiv VI. 
585) hat gefunden, dass die kalten Bäder (beim Typhus) die Koh- 
lensäure- und Harnstoflfausscheidung vermindern und den ganzen 
Stoffwechsel verlangsamen. Wahl (Petersb. med. Zeit. 1867. XII. 
341) leitet die Hauptwirkung des kalten Bades von dem Einfluss 
auf die Nerven und deren Centrum ab, nimmt an , dass sie ausbleibe, 
wenn die Temperatur im Aufsteigen sich befinde , und verlangt, dass 
die Kälte vorzüglich in den Remissionen , ausserdem nur bei sehr 
hoher Temperatur angewendet werde , weil hier die Portschaffung 
der möglicherweise angehäuften Wärme wohlthätig wirke. 

Die Rückschlagswirkung nach der äusseren Application von 
Kälte ist so kräftig, dass man kurze aber energische Applicationen 
mit grosser Sicherheit benutzen kann, um eine abnorm niedrige Tem- 
peratur, eine Collapstemperatur zu erhöhen. 

7. Eine die Blutwärme übersteigende, selbst ihr nur nahe- 
kommende Temperatur hat bei längerer Eigenwärme einen entschie- 
den krankmachenden und die Eigenwärme steigernden Einfluss. 

Cl. Bernard (1859 Gaz. med. XIV. p. 462) hat gefunden, 
dass Thiere , welche einer erhöhten äusseren Temperatur ausgesetzt 
werden, unter Steigerung der Eigenwärme, sobald diese 4 — 5 o über 
ihre Normalwärme sich erhebt, zu Grunde gehen. 

Obernier (der Hitzschlag 1867) hat die Steigerung der 
Eigenwärme der Thiere , welche eine Zeitlang dem Einfluss erhöhter 
äusserer Temperatur ausgesetzt wurden , constatirt : die Eigenwärme 
der Thiere pflegte , wenn die umgebende Temperatur langsam stieg, 
anfangs um ein geringes (0,4 ^ c. und weniger) zu fallen. Erreichte 
die Temperatur der Umgebung 80 — 35 o C, so fing die Eigenwärme 
an zu steigen und zwar gewöhnlich einige Grade höher, als die Tem- 
peratur der Umgebung betrug. Der Tod des Thieres erfolgte meist 
bei einer Höhe der Eigenwärme zwischen 44 und 45 o, wenn auch 
die Luft, in welcher sich das Thier befand, 40 — 41 o nicht über- 



i 



der Eigenwärme. 133 

stiegen hatte. Meist zeigte sich noch eine postmortale Steigerung 
von wenigen Zehnteln. Thiere, deren Temperatur bis auf 41,6, 
selbst 43,8 gestiegen war, vermochten sich wieder zu erholen. 

A. W a 1 1 h e r setzte festgebundene Kaninchen einer directen 
Sonnenwärme von 30 — 34 o aus. Die Eigenwärme stieg bis etwa 
46 ö, wobei das Thier starb. Nach dem Tode dauerte die Tem- 
peraturzunahme fort bis zu 50 <^. Die Section zeigte Anämie der 
Innern Organe, nur die Lungen waren hyperämisch, die Muskeln 
starr , wie gekocht. Walther ist der Meinung , dass bei diesen Ver- 
suchen die Wärmesteigerung nur Folge verminderter Wärmeausgabe 
sei ; die postmortale Temperatursteigerung schreibt er einer mit dem 
Erstarren der Muskeln verbundenen Wärmeentwicklung zu (aus Bul^ 
letins der Petersb. Acad. im Berliner Centralblatt 1867, p. 391). 

Beim Menschen ist in Folge von ungewöhnhcher Höhe der 
atmosphärischen Temperatur eine krankhafte Steigerung der Eigen- 
wärme nicht selten zu beobachten. In dem heissen Sommer 1865 
zeigten meine Fieberkranken grösstentheils ungewöhnlich hohe Tem- 
peraturen, deren Grund , wie ich nicht zweifle, in der Unmöglichkeit 
lag, die Krankenzimmer genügend kühl zu erhalten, also in der Un- 
zulänglichkeit der den Kranken nothwendigen Wärmeabgabe. In der 
Zeit vom 5. Juli bis 1. August, in welcher Zeit die Durchschnitts- 
temperatur der Atmosphäre Nachmittags 2 Uhr 26,6^ C. betrug, 
nur 6 Mal nicht über 25 o kam und 6 Mal 30 ^ überstieg (Maximum 
= 34^), starben auf meiner Klinik 25 Personen. Bei 23 wurde 
die Temperatur im Momente des Todes gemessen : 'davon hatten 6 
normale oder Collapstemperaturen (3 Phthisiker, 1 Herzkranker^ 
1 Marastischer und 1 Pockenkranker), 3 subfebrile und massig 
febrile Temperaturen (2 Phthisiker und 1 Krebskranker) und 14 
(also mehr wie die Hälfte I) Temperaturen von 40 ^ und darüber. 
Und zwar zeigten 

40 — ein Fall von pseudorrheumatischer Osteomyelitis; 

40,5 — 2 Fälle von Peritonitis ; 

4 1,375 '^ — 2 Fälle von Abdominaltyphus; 

41,75 — 1 Fall von Potatorendelirium ; 

42 ö — 1 Fall von Pneumonie und 1 Fall von einem 23jäh- 
rigen Mädchen , welches nach wenigtägigem schweren Fieber ohne 
alle Localisation starb, auch in der Leiche keinerlei anatomische 
Störungen aufwies ; 

42,25 — 1 Fall von Abdominaltyphus und 1 Fall von Pota- 
torendelirium ; 

42,875^ — 1 Fall von Brechruhr; 



134 Diö Ursachen der krankhaften Abweichungen 

43,25 ^ — 1 Fall von Insolation ; 

43,75 — 1 Fall von Puerperalsepticämie und 1 Fall von 
Hirnerweichung. 

Niemals, weder zuvor noch nachher, habe ich in auch nur an- 
nähernder Weise die hohen Temperaturen im Moment des Todes 
während einer kurzen Zeitperiode so cumulirt gesehen. 

Mehrere Beobachter haben rasche und beträchtliche Temperatur- 
steigerungen in Fällen bestätigt, bei welchen der Symptomencomplex 
der Insolation eingetreten war : Schneider (zur Lehre vom Son- 
nenstich Jenenser Dissertat. 1867) fand in einem tödtlichen Falle 
21/2 Stunde nach Ankunft im Krankenhaus „über 40<>", Heibig 
(über 3 Fälle von Insolation. Leipz. Diss. 1868) dessgleichen, 
F erb er (Archiv d. Heilk. IX. 487) in einem Genesungsfall 40^, 
Bäumler (Med. times and gazette vom 1. August 1868) in einem 
tödtlichen Fall eine Stunde nach der Aufnahme 42,9. Nach Levick 
(Heat fever in Pennsylvanian hosp. reports 1868. I. 369) zeigte ein 
Fall, der einen Ftiufundfünfziger betraf und mit Genesung endete, 
42,8, ein ähnlicher Fall bei einem Vierzigjährigen ebensoviel; ausser- 
dem theilt er eine Anzahl weiterer Beobachtungen mit, unter denen 
einer von Dowler sogar 45 erreicht haben soll. 

Andererseits ist es eine alltägliche Erfahrung, dass bei einer 
unter die Norm gesunkenen Eigenwärme eine erhöhte Wärme des 
Mediums oder die Umhüllung mit Erwärmungsmitteln die Tempera- 
tur des Körpers zu erhöhen vermag. 

8. Die Application äusserer Reizmittel scheint eher eine 
Erniedrigung, als Erhöhung der Gesammttemperatur hervorzurufen. 

Mantegazza (ref. in Schmidt's Jahrb. 1867, I. 153) fand 
eine temperaturdeprimirende Wirkung der Schmerzen bei Thieren 
und Menschen. An Stellen, welche durch Senfmehl hyperämisirt 
wurden, bemerkten die meisten Beobachter keine Temperaturerhöhung 
und Naumann (Prager Viertelj. 1867, XCIII. 133) will sogar eine 
Erniedrigung der Gesammttemperatur auf Senfapplication wahrgenom- 
men haben. Heidenhain theilte auf der Insprucker Naturforscher- 
versammlung mit, dass nach seinen Versuchen Reizung sensibler 
Nerven die Temperatur constant und rasch herabsetze, ausser nach 
Trennung der Oblongata vom Rückenmark oder bei Vorhandensein 
von Fieber. 

9. Eine mechanisch hervorgerufene stärkere Hy- 
perämie eines Theils kann die Wärme desselben erhöhen, ein 
mechanisch verminderter Blutzutritt sie verringern. 



der Eigenwärme. 1S5 

Kussmaul und Tenner (I.e.) haben gezeigt, dass durch 
Unterbindung von Arterienstämmen, welche sich von der einem Theile 
das Blut zuführenden Arterie abzweigen , wodurch also dem Theile 
selbst eine grössere Menge Blutes zugeführt wird (z. B. dem Kopfe 
ifiach Unterbindung der Subclavia) , in diesem Theile nicht nur Con- 
gestion, sondern auch Wärmesteigerung entsteht. 

Brown-Sequard (Comptes rend. 1854, XXXVIU. p. 117) 
fand, dass, wenn man Thiere an den Hinterbeinen aufhängt und den 
Kopf nach unten hängen lässt, die Temperatur sich im Kopf erhöht. 

Andererseits hat eine Verengerung der Gefässe aus jeglichem 
Grunde die Folge , in dem versorgten Theile die Temperatur zu er- 
toässigen. 

Die Therapie hat längst die Verhältnisse zu benutzen gewusst, 
welche auf dem Einflüsse der mechanisch gesteigerten oder vermin- 
derten Blutfülle auf die Temperatur beruhen. 

10. Starke Blutverluste pflegen bei zuvor Gesunden, 
wie bei Kranken ein rapides Sinken der Temperatur zur Folge zu 
haben, welches aber, wenn der Tod nicht eintritt oder wenn bei 
bestehender Krankheit diese nicht in eine Wendung eintritt, meist 
nach Stunden oder Tagen sich wieder ausgleicht. 
^ Marshall Hall sah bei einem 17 Pfund schweren Dachshund, 
<lem er 32 Unzen Blut entzog, die Temperatur von 37,5 <* bis auf 
29,45 sinken, wobei der Tod eintrat; bei einem andern 19 Pfund 
schweren Hund sank die Eigenwärme nach Entziehung von 30 Un- 
zen bis auf 31,650. Vergl. dagegen Frese's p. 120 citirte Ver- 
suche mit ergiebigen Aderlässen. 

Nach starken Blutungen aus Lungen, Magen, Darm oder Uterus 
tritt bei Kranken gewöhnlich zunächst ein beträchtliches Sinken 
iselbst bis zu Collapstemperaturen ein , auch wenn zuvor eine hoch- 
febrile Temperatur bestand. Es kommt auf die Umstände des Falls an, 
ob, wie bald und in welchem Grade die Wärme nachher wieder steigt. 

Auch schon ein massiger spontaner Blutverlust bringt meistens 
bei fiebernden Kranken ein vorübergehendes Sinken der Temperatur 
hervor. 

Die gleiche Folge haben bei Kranken richtig indicirte Aderlässe 
und in etwas geringerem Grade locale Blutentziehungen ; nicht selten 
geschieht es , dass nach solchen die zuvor beträchtlich febrile Tem- 
peratur der Normalwärme nahekommt oder sie selbst erreicht. Aber 
-der Rückschlag ist gewöhnlich nicht unbedeutend. Meist steigt die 
•Temperatur bald wieder zur frühern Höhe oder selbst über diese» 



2.36 ^i® Ursachen der krankhaften Abweichungen 

Nur insofern sich mit und nach dem Blutverlust eine wesentliche 
Besserung in dem Krankheitsprocess einstellt, kann auch die Eigen- 
wärme bleibend reducirt werden. Es scheint für den Erfolg von ziem- 
lich untergeordnetem Belange zu sein, ob die Blutung aus einem 
Capillarbezirk oder aus einem grössern Gefäss erfolgt , dagegen von 
weit grösserem , ob der Verlauf der Krankheit vorgeschritten genug 
ist , um eine dauerhafte Einwirkung der Blutentziehung zuzulassen. 
Dem Eintritt der Menstruation in Krankheiten geht ungleich 
häufiger, als in gesunden Fällen, eine Steigerung der Eigenwärme 
voran. Die Blutung selbst hat zuweilen eine Ermässigung der durch 
eine bestehende Krankheit zuvor erhöhten Temperatur zur Folge. 
Ueberdem versetzt die Menstruation oft die Frauen vorübergehend in 
das Verhalten nervöser Temperamente oder steigert dasselbe , wenn 
ßs zuvor schon bestand, und bedingt dadurch eine grössere Veränder- 
lichkeit der Eigenwärme , oder sie ist bei einzelnen reizbaren Indivi- 
duen überhaupt mit einem Anfall von Febricula verbunden. 

1 1 . üeber den Einfluss der Nahrungsentziehung auf die 
Temperaturerniedrigung hat zuerst Chossat seine resultatreichen 
Untersuchungen gemacht (1843 recherches exper. sur l'inanition» 
Mem. presentes ä l'acad. des sciences. Sc. mathem. et physiques. 
VIII. p. 438, über die Wärmeverhältnisse p. 532 tf.). Ausserdem 
haben Schmidt, Lichten fels und Fröhlich über den Einfluss 
des Hungerns auf die Eigenwärme experimentirt und es ist dadurch 
festgestellt, dass durch anhaltende Nahrungsentziehung ziemlich weit- 
gehende Abnahmen der Temperatur bewirkt werden können, obn& 
dass dabei jedoch zwischenlaufende relative Steigerungen ausgeschlos 
sen sind. 

In Krankheiten ist die Wirkung der Nahrungsentziehung nie- 
mals rein und sind daher die Beobachtungen an Kranken nicht zu 
verwerthen. 

12. Die Einführung von Nahrungsmitteln ist im 
Gegensatz zu dem Verhalten während der Gesundheit bei Kranken von 
sehr auffälliger Wirkung. Nicht nur bei solchen , welche eine mehr 
oder weniger erhöhte Temperatur haben , sondern auch bei solchen 
Kranken, deren Temperatur ganz noimal ist oder wieder geworden 
ist, kann die Einführung von Nahrungsmitteln die bedeutendsten 
Steigerungen der Eigenwärme herbeiführen, und es bedarf hierzu 
nicht etwa eines wirklichen Diätfehlers oder einer Aufnahme von 
Nahrung vor Wiederkehr des Appetits, sondern selbst bei ganz 



der Eigenwärme. 137 

massigen Einführungen, zumal bei dem Erstgenuss von Fleisch in der 
Reconvalescenz in einer Zeit, in welcher der Appetit in hohem Grade 
lebhaft geworden ist, bemerkt man nicht selten, dass die Eigenwärme 
sofort um 2 und mehr Grade sich erhebt und einen bis mehrere Tage 
in dieser Höhe verharren kann. Selbstredend ist die Einführung von 
zu reichlichen oder unpassenden Nahrungsmitteln von ähnlichem oder 
noch schlimmerem Effect. 

13. Eine mehrtägige Verstopfung, ja zuweilen schon ein 
.24stündiges Ausbleiben des Stuhls, zumal nach früheren häufigeren 
Ausleerungen , giebt nicht selten bei Kranken die Veranlassung zu 
Temperaturerhöhung. Ebenso wirkt eine Harnretention, das 
Wegbleiben der Menstruation. Auch wenn eine patholo- 
gische Blutung bevorsteht, steigt die Temperatur häufig schon meh- 
rere Stunden zuvor. 

Laxirstühle, und zwar noch mehr künstlich herbeigeführte 
als spontan eingetretene , pflegen eine erhöhte Temperatur zu ernie- 
drigen. Auch schon eine einzige reichliche Kothentleerung vermag 
diess, wenn zuvor längere Verstopfung bestand und die Temperatur 
erhöht war. Der Rückschlag ist jedoch nach dem Laxiren gewöhn- 
lich nicht unbeträchtlich , und die Steigerung kann sehr wohl die 
jfrühere Temperaturhöhe tibersteigen. 

Die Art des Laxans scheint übrigens auf den Grad und die 
Sicherheit der Temperaturdepression ohne grossen Einfluss zu sein. 

In noch höherem Grade, als die Stuhlentleerung, wirkt E r- 
Jb r e c h e n temperaturerniedrigend. Dasselbe ist sogar nicht selten 
von wahren Collapstemperaturen begleitet und gefolgt. Auch hier 
pflegt meistens eine Rückschlagserhöhung der Temperatur einzu- 
treten. 

14. Die Temperaturerniedrigung nach toxischer 
Einwirkung des Alkohols stimmt mit dem überein , was auch 
bei der Einwirkung desselben , soweit sie die Gesundheit nicht alte- 
rirt, in freilich weit geringerem Maasse beobachtet wird (s. p. 120). 
Die Temperaturemiedrigung kann bei toxischen Dosen des Alkohols 
sehr beträchtlich werden , wie zuerst D u m ^ r i 1 und Demarquay 
nachgewiesen und viele Andere bestätigt haben. Es ist wahrschein- 
lich , dass durch die Incorporation des Alkohols der StofFumsatz ver- 
mindert oder verlangsamt wird. Doch ist zu bemerken, dass nach 
der Anwendung von Branntwein auf die temperaturerniedrigende Erst- 
wirkung häufig eine um so stärkere Rückschlagswirkung folgt. 



138 ^^® Ursachen der krankhaften Abweichungen 

Indessen ist auch bei Fieberzuständen die Wirkung des Alkohols 
temperaturvermindernd, wie mehrere englische Beobachter nach klini- 
schen Erfahrungen ausgesprochen haben, C. Bouvier neuerdings 
(Pflüger's Archiv 1869, p. 381) auf experimentellem Wege erwie- 
sen hat. 

Bei habituellen Säufern ist bei gleichen sonstigen Verhältnissen 
die Eigenwärme in der Regel niedriger, als bei andern Menschen und 
Collapstemperaturen kommen bei ihnen in den verschiedensten fieber- 
haften und nicht fieberhaften Krankheiten häufig und in besonderer 
Intensität vor. Diess schliesst nicht aus , dass bei tödtlichem Aus- 
gang des Säuferdeliriums oft sehr hohe Terminaltemperaturen sich 
zeigen. 

Auch eine Anzahl anderer, mehr oder weniger giftiger Sub- 
stanzen hat eine temperaturdeprimirende Wirkung. Demarquay 
hat diess für Aether und Chloroform nachgewiesen. 

Brown-Sequard (1849 comptes rendus des seances de la 
Societe de Biologie Nr. 7, p. 102) zählt zu den temperaturernie- 
drigenden Substanzen Opium , Blausäure , Hyoscyamus , Digitalis, 
Belladonna, Tabak, Euphorbium, Camphor, Essigsäure, Kleesäure, 
Schwefelsäure, Salpetersäure, Salzsäure. 

Unter den medicamentösen Einführungen haben verschiedene 
Substanzen bei fiebernden Kranken einen temperaturerniedrigenden 
Einfluss, wenn die Eigenwärme zuvor schon erhöht war. Am sicher- 
sten steht diess fest bei der Digitalis nach Anwendung von 3 bis 
6 Gramm über mehrere Tage vertheilt, beim Veratrin, Chinin, Brech- 
weinstein, Calomel. Weniger entschieden ist diese Wirkung bei den 
Säuren, dem Salpeter und andern Salzen. Doch zeigen Kinder und 
reizbare Frauen in dieser Hinsicht ebenfalls eine grössere Empfindlich- 
keit und lassen deutlicher die temperaturerniedrigende Wirkung die- 
ser Mittel erkennen. 

1 5 . Manche Substanzen wirken dagegen direct temper a- 
tursteigernd, was man theils nach der toxischen Incorporation 
bei Gesunden , theils in Krankheiten mit erhöhter oder abnorm nie- 
driger Temperatur beobachten kann. Es gehören hierher der Kafl'ee, 
der Moschus, der Camphor. Am genauesten verfolgt ist die tempera- 
tursteigernde Wirkung des Curare. Nachdem schon Cl. Bernard 
gefunden hatte, dass dasselbe zuerst auf die vasomotorischen Nerven 
wirke und dann eine Temperaturerhöhung eintrete, haben V o i s i n 
und Liouville (Gaz. des hopitaux 1866, Nr. 109 und 111 und 
Journal de Tanatomie et de physiologie 1867, p. 114) durch sub- 



der Eigenwärme. X39 

cutane Injectionen dieses Mittels bei Menschen vollständige Fieber- 
anfälle mit Schüttelfrost, Hitze und Schweiss , mit Temperatursteige- 
rungen bis zu 40,4 ^ ^^^ D^it ä^l^^i Zeichen der febrilen Circulations-, 
Secretions- und Nervenstörung hervorgebracht. Tscheschichin 
fand dagegen, dass bei Thieren einige Minuten nach der Einspritzung 
von Curare eine geringe Temperaturerniedrigung eintritt, welche 
bis zum Beginn von Krämpfen fortschreite, mit welchen die Tem- 
peratur wieder unbedeutend zu steigen anfange. Fleischer jedoch 
(Pflüger's Archiv 1869. 441) bestätigte die temperatursteigernde 
Wirkung des Curare. 

16. B i 1 1 r 1 h und H u f s c h m i d t , 0. Weber und F r e s e 
haben die temperatursteigernde (pyrogone) Wirkung gewisser in die 
Circulation gebrachter thierischer Substanzen nach- 
gewiesen. 

Billroth und Hufschmidt (1864 Archiv für klin. Chir. 
VI. 392) fanden, dass in allen Fällen, in welchen jauchige Flüssig- 
keit oder frischer Eiter ins Unterhautzellgewebe oder ins Blut ein- 
gespritzt wurden, eine Temperatursteigerung im Rectum eintrat, dass 
diese schon 2 Stunden nach der Injection bemerklich war und nach 
2 — 28 Stunden ihr Maximum erreichte, dass das Minimum der Dif- 
ferenz von der Normaltemperatur 1,6, das Maximum 2,2^ betrug, 
dass bei einmaliger Injection nach der Acme gewöhnlich rapide 
Defervescenz eintrat, dagegen nach wiederholten Injectionen stets 
•der Tod und zwar meist unter hoher Temperatur erfolgte. 

0. Weber hat bald darauf (1864, deutsche Klinik p. 495, 
und 1865 p. 13, 21, 33, 53) durch ähnliche Versuche die pyro- 
gone (und phlo^ogone) Wirkung des subcutan , in seröse Höhlen und 
ins Blut eingeführten Eiters, der Flüssigkeit aus entzündeten Ge- 
weben , ferner der Injection des Bluts pyämischer und septicohämi- 
■scher, aber auch des Bluts an blos einfach entzündlichem Fieber 
leidender Thiere festgestellt. Doch waren im letztern Falle die her- 
Torgebrachten Temperatursteigerungen nicht beträchtlich, sie betrugen 
nur 0,65 bis 1,15«. 

Frese (1866 experim. Beitr. zur Aetiologie des Fiebers Diss.) 
hat die Experimente noch mehr vermannigfaltigt. Er zeigte , dass 
das Blut fiebernder Thiere , von welcher Art auch das Fieber sein 
möge , in die Blutcirculation eines gesunden Thieres derselben Spe- 
cies gebracht, Temperatursteigerung hervorrufe. Diese folgte der 
Transfusion ziemlich rasch : in 1 Fall, war schon nach 2 1/2 Stunden 
die Wärme um 1 <> gestiegen. Doch waren auch bei Frese die Stei- 



140 Die Ursachen der krankhaften Abweichungen 

gerungen keineswegs beträchtlich : in den 3 Fällen, in welchen nicht 
durch ein Missgeschick das schädliche Blut theilweise in das Zell- 
gewebe eingespritzt wurde und dadurch locale Entzündung entstand^ 
stieg die Temperatur nur um 0,7 — 1,3 über das Maximum der Tem- 
peratur des gesunden Thiers. Die Steigerung erhielt sich nicht lange 
(11/2, 41/2 und 6 1/2 Tage) und erreichte nur die kürzeste Zeit hin-- 
durch die Temperatursteigerungen, wie sie beim Menschen als Fieber- 
anerkannt werden können. 

Im üebrigen fand oder bestätigte Frese, 

dass die Producte des fauligen, sowie des entzündlichen Gewebs- 
zerfalls, mögen sie von einem fremden oder dem eigenen Organismus 
stammen, in die Circulation gebracht, Temperatursteigerung hervor- 
bringen ; 

dass diese Wirkung nicht an die Eiterkörperchen , sondern an 
das Eiterserum gebunden ist ; 

dass das Eiterserum durch Kochen und nachfolgende Filtration 
diese Wirkung nicht verliert ; 

dass das Eiterserum im ganz frischen Zustand diese Wirkung in 
hohem Grade hat ; 

dass während die Injection von gesundem Blute kein Fieber 
erregt, das Blut eines Fiebernden injicirt pyrogon wirkt ; 

dass Fieberblut diese Wirksamkeit durch Quirlen und nachfol- 
gende Filtration nicht verliert, dieselbe demnach nicht an den Faser- 
stoff gebunden sein kann. 

In neuester Zeit hatE. Bergmann (1868 Petersburger med» 
Zeitschr. XV. 16) eine grosse Anzahl Experimente über die Wir- 
kung der Fäulniss- und Entzündungsproducte gemacht und gefunden^ 
dass nach Injection verhältnissmässig kleiner Quantitäten der deletä- 
ren Materie ein ganz bestimmtes, ausnahmlos in derselben Weise 
wiederkehrendes, also typisches Verhalten der Körpertemperatur 
(sofortiges Steigen nach der Injection , Erreichung des Maximums in 
der 2. bis 5. Stunde und Rückkehr zur Norm in 3 — 6 Stunden) sich 
zeige. Entstehende Localstörungen können die Abheilung verhin- 
dern und Modificationen des Temperaturganges bereiten. Jenes Ver- 
halten ist das gleiche , mögen Fäulniss- oder Entzündungsproducte, 
oder auch nur die Producte des gewöhnlichen Stoffwechsels injicirt 
worden sein. Es scheint dem Beobachter sogar (p. 84) dass nach 
Injectionen grosser Quantitäten von Wasser oder kleiner Quantitäten 
reizender Substanzen eine ganz analoge Temperaturalteration folgen 
könne, wie sie nach der Injection aus Fäulniss- und Entzündungs- 
producten stammender Flüssigkeiten jedesmal eintritt. 



I 



der Eigenwärme, 14]^ 

An diese experimentellen Erfahrungen über pyrogonwirkeude 
Einführung thierischer Substanzen schliessen sich jene unbekannten 
Influenzen an, welche specifische Krankheitsprocesse in dem 
Betroffenen hervorzurufen vermögen. Indessen ist (abgesehen von der 
Pyämie und Septicämie) die Aehnlichkeit doch nur eine beschränkte. 
Wir sind nach dem Stande des Wissens noch weit davon entfernt, das 
gerade nach jenen unbekannten, aber ohne Zweifel specifischen Einwir- 
kungen höchst eigenthtimliche Verhalten der Körpertemperatur be- 
greifen oder in erklärlichen Zusammenhang mit der specifischen 
Ursache bringen zu können. 

17. Auf das beträchtliche Sinken der Eigenwärme bei Thie- 
ren, deren Körperoberfläche mit einer undurchdring- 
lichen Decke überzogen wird, ist zuerst von Breschet und 
Becquerel (Sitzung der Academie des Sciences vom 18. October 
1841) aufmerksam gemacht worden. Sie theilten mit, dass Kanin- 
chen, deren rasirte Haut sie mit einem Ueberzug von Leim, Talg und 
Harz bedeckten, in 1 oder 1^/2 Stunden 14 — 18<^C. von ihrer Eigen- 
wärme verloren und bald darauf starben. Diese Beobachter machen 
bereits darauf aufmerksam , dass das von ihnen Wahrgenommene in 
einem Widerspruch mit den Vorstellungen über die Functionen der 
Haut zu stehen scheine. Die Beobachtung selbst aber wurde von 
mehreren Experimentatoren, neuerdings von : Gerlach (in Müller's 
Archiv 1851, p. 467), Valentin (im Archiv für physiologische 
Heilk. 1858, p. 433), Edenhuizen (in Zeitschr. für rationelle 
Med. 1863, p. 25) vollkommen bestätigt. 

Valentin hat überdem gezeigt, dass bei den solchermaassen 
behandelten Thieren die Respirationsbewegungen auf ein Drittel, 
selbst ein Viertel herabgesetzt , die Aufnahme von Sauerstoff und die 
Abgabe von Kohlensäure in noch höherem Grade (bis auf i/^o) ver- 
mindert werden , dass aber andererseits durch Erhöhung der Luft- 
wärme, in welcher sich die Thiere befinden, die Abkühlung beseitigt, 
das Athmen verstärkt, die Munterkeit wieder hergestellt und der 
tödtliche Ausgang hinausgeschoben , freilich nicht abgehalten werden 
konnte. Edenhuizen fand, dass die Thiere (Kaninchen) zu 
Grunde gingen auch bei nur partiellem Ueberzug der Haut , sobald 
mehr als i/g oder 1/3 ihrer Körperoberfläche überzogen wurde. Je 
ausgedehnter der Ueberzug, um so rascher und umfänglicher war das 
Sinken der Temperatur und um so früher trat das tödtliche Ende 
ein. Wird ein beträchtlicher Theil der Körperoberfläche frei gelas- 
sen , so sinken zwar Eigenwärme , Pillsfrequenz und Athemfrequenz 



242 D^^ Ursachen der krankhaften Abweichungen 

im Anfange auch, die beiden erstem heben sich aber bald wieder und 
können selbst die Norm tiberschreiten , während die Athemfrequenz 
noch niedrig bleibt. Wird eine noch grössere Fläche (^/^ — ^^^3) 
freigelassen , so steigt nach anfänglicher Abnahme auch die Athem- 
frequenz , erhält sich aber nicht so lange als Eigenwärme und Puls 
über der Norm. Wird nur i/g — ^/g <3er Oberfläche bedeckt, so tritt 
die Steigerung der Respirationsfrequenz in den Vordergrund, wäh- 
rend Temperatur und Pulsfrequenz nur eine geringe Erhöhung erfah- 
ren. Laschkewitsch (Reicherts Archiv 1868. 65) erklärt dies 
Verhalten durch den vermehrten Wärmeverlust in Folge der paraly- 
tischen Erweiterung der Hautgefässe. 

18. Die zahlreichsten Forschungen sind zur Aufklärung des 
Einflusses des Nervensystems auf die Wärmeverhältnisse 
unternommen worden. Viele höchst merkwürdige Thatsachen wur- 
den theils auf experimentellem Wege, theils durch klinische Beob- 
achtung gewonnen ; ein erschöpfendes Endurtheil über den Modus 
der Einwirkung der Nerven auf die Wärme dürfte auch jetzt noch 
verfrüht sein. 

Schon aus früherer Zeit lag eine Anzahl Beobachtungen vor, 
nach welchen theils die experimentelle Durchschueidung des Rücken- 
marks, theils schwere Verletzungen desselben von Temperatur- 
erhöhung in der Peripherie gefolgt waren : vornehmlich von C h s - 
sat (1820 Mem. sur influence du syst, nerveux sur la chaleur ani- 
male), von B. Brodie (1837 Medicochir. transact. XX. 146), von 
Macartny (1838 treatise on inflammation p. 13), von Fr. Nasse 
(1839 Untersuchungen zur Physiologie und Pathologie II. 115) und 
besonders von H. Nasse (ibid. IL 190). 

Im Gegensatz dazu hatten F 1 u r e n s und M a g e n d i e nach 
Nervenverletzungen ein Sinken der Temperatur beobachtet und zwar 
local , wenn Nervenstämme , allgemein , wenn die Centraltheile ver- 
letzt waren. 

An letzteren Satz , den er irrthümUch als eine constante Erfah- 
rung bezeichnet, lehnte sich Claude Bernard an, als er (1852 
Comptes rendus de l'acad. des sciences XXXIV. 472) seine über- 
raschende Entdeckung über die Wirkung der Durchschneidung des 
Halstheils des Sympathicus veröffentlichte. Er hatte gefunden , dass 
nach der Durchschneidung des Verbindungszweigs zwischen dem 
untern und obern Cervicalganglion sofort eine Zunahme der Wärme 
in der ganzen correspondirenden Seite des Kopfes beginne, welche 
besonders stark am Kaninchenohr sich beobachten lasse. Er fand 



J 



der Eigenwärme. 145 

weiter, dass schon die Entblössung, die Berührung und der Druck 
auf die Ganglien der Fäden des Sympathicus eine Blutüberfüllung 
und grössere Wärmeentwicklung zur Folge habe. Später (1862 C. 
r. LV. 232) schlössen sich daran weitere Mittheilungen, nach denen 
die Durchschneidung des Lumbosacralplexus oder des Ischiadicus 
eine Temperatursteigerung in dem betreffenden Hinterbeine und 
ebenso die Durchschneidung des Brachialplexus in der Gegend der 
ersten Rippe eine Temperatursteigerung des entsprechenden Vorder- 
beines zur Folge habe. B. stützt auf diese Resultate die Annahme 
eines besondern Einflusses des Sympathicus auf die Gefässe und die 
Calorification und unterscheidet von den sensiblen und motorischen 
Nerven das sympathische System als nerfs moteurs vasculaires et 
calorifiques. 

Bernard formulirt (1858 LeQons sur la physiologie et la 
pathol. du Systeme nerveux II. 490) seine Sätze folgendermaassen : 

1 . La section des nerfs du sentiment , outre l'abolition du sen- 
timent, produit la d i m i n u t i o n de la temperature des parties ; 

2. Celle des nerfs du mouvement outre l'abolition du mouve- 
ment donne lieu egalement ä un refroidissement des parties 
paralysees ; 

3. la destruction du nerf sympathique qui ne produit ni l'im- 
mobilite des muscles, ni la perte de sensibilite amene une augmen- 
tation de temperature constante et tres considerable. 

Die wichtigsten Fragen , welche sich an diese experimentellen 
Resultate knüpfen, sind: 

1) Steht die Wärme Vermehrung im Verhältniss zu der nach der 
Durchschneidung des Sympathicus eintretenden Bluttiberfüllung ? 

2) Bleibt die Wärme , wenn sie auch im Vergleich zum andern 
Ohre und zu der Höhe der Wärme vor der Durchschneidung beträcht- 
lich erhöht ist , innerhalb der Gränzen der Temperatur , welche die 
innern Organe des Thieres zeigen ? 

Werden diese Fragen bejaht, so hat das Phänomen zurWärme- 
production nur noch eine untergeordnete , mittelbare und fast bedeu- 
tungslose Beziehung. In diesem Falle wirkt die Durchschneidung 
nur dadurch , dass sie Blutüberfüllung hervorbringt , und die Folge 
dieser Blutüberfüllung ist , dass die normale Blutwärme an dem nach 
der Durchschneidung reicher mit Blut versehenen Theile vollstän- 
diger erreicht und nachgewiesen werden kann. 

3) Endlich knüpfte sich die Frage an : Sind es wirklich die 
eigenen Fasern des Sympathicus oder nur solche ihm vom Rücken- 
mark beigemischte, von welchen der Einfluss auf das Phänomen ab- 



144 Die Ursachen der krankhaften Abweichungen 

hängt? Ist also der Sympathicus der speeifisch vasomotorische Nerv 
(wie Bernard annimmt), oder sind auch die Bewegungen der Gefässe 
von dem cerebrospinalen Centrum abhängig? 

Die grosse Mehrzahl der Beobachter hat sich in allen diesen 
Fragen gegen Bernard entschieden. 

Zuerst ist Brown-Sequard gegen Bernard's Folgerungen 
aufgetreten. Er hatte schon vor dessen Veröffentlichung in den 
Comptes rendus die experimentelle Erfahrung mitgetheilt (1852 im 
Med. Examiner of Philadelphia p. 486), dass die Galvanisation eines 
durchschnittenen Halstheils des Sympathicus Contraction der Gefässe 
der entsprechenden Kopfhälfte, in Folge davon Anämie und Vermin- 
derung der Temperatur und Sensibilität bedinge. Sodann aber hat 
er (1853 in Experimental researches p. 9) sich dahin ausgesprochen, 
dass die Folgen der Durchschneiduug des Halstheils des Sympathicus 
allein auf eine paralytische Erweiterung der Kopfblutgefässe und die 
erhöhte Wärme auf die stärkere Steigerung durch das reichlicher ein- 
geströmte Blut zurückzuführen seien, und gezeigt, wie das Aufhän- 
gen der Thiere an den Hinterbeinen genau dieselben Folgen habe, 
welche man bei Sympathicusdurchschneidung bemerke. Er schliesst 
den Abschnitt: on the increase of animal heat after injuries of the 
nervous System mit folgenden Conclusionen (p. 77) : 

Eine Verletzung des Nervensystems kann in den dadurch para- 
lysirten Theilen Vermehrung oder Verminderung der Temperatur 
bewirken ; 

der Sympathicus und das Cerebrospinalnervensystem scheinen 
hinsichtlich dieser Wirkung sich nicht von einander zu unterscheiden; 

der Grad der Temperatur paralysirter Theile hängt von der 
Quantität des Bluts ab , das sie erhalten , und diese Quantität variirt 
nach dem Zustand der Arterien und Capillarien des Theils ; 

es ist factisch , aber bis jetzt unerklärt, dass die Arterien und 
Capillarien in paralysirten Theilen bald erweitert, bald normal , bald 
contrahirt sein können. 

Budge (1853 Comptes rendus XXXVI. 377 und Med. Ztg. 
von dem Verein für Heilk. in Preussen XXII. 149) hat gezeigt, dass 
es nicht die Durchschneidung des Sympathicus allein ist, von welchem 
die Temperaturerhöhung abhängt, sondern dass eine Exstirpation 
desjenigen Rückenmarkstheils, welcher zwischen dem siebenten Hals- 
wirbel und dem dritten Brustwirbel liegt, also den achten Hals- und 
den ersten und zweiten Brustnerven einschliesst , dieselbe Wirkung 
auf die Temperatur des Kopfes hat. 

Auch Waller (Comptes rendus XXXVI. 378) bezieht die 



der Eigenwärme. 145 

Wärmeerhöhung nur auf die in Folge der Durchschneidung ein- 
getretene Lähmung der Ringfasern der kleinen Arterien und die da- 
durch bedingte Bhitüberftillung. 

deRuyter (de actione Atropae belladonnae Diss. 1853) 
4)emerkt ebenfalls, dass er keinen Temperaturunterschied bemerkt 
habe, der nicht durch vermehrte Blutzufuhr erklärbar wäre und 
Don der s (Aanteekingen van het ütr. Gen. 1853) bemerkt, dass 
bei den Experimenten die Temperatur an den Ohren die im After 
■nur selten tibertreffe, und um so höher steige, je stärker der Blut- 
andrang zu den Ohren sei , mit der Congestion aber abnehme , dass 
ferner nach der Unterbindung der Carotis die Temperatur des Ohrs 
an der Durchschneidungsseite nicht höher als an der andern Seite, 
und dass nach starker Reibung der Ohren die Temperatur an beiden 
Ohren gleich sei. 

Schiff hat in eingehendster Weise die Frage erörtert und viele 
»neue Versuche vorgenommen (1855 Untersuchungen zur Physiologie 
-des Nervensystems I. 124). Er hat beobachtet, dass der Unterschied 
der Temperatur beider Kopfhälften (Ohren) ein viel bedeutenderer 
■sei, bis auf 12^, ja 16^ steigen könne, dass die Differenz der Wärme 
in gleichem Verhältniss mit der Differenz in der Blutfülle stehe und 
•dass, wenn (wie ausnahmsweise geschieht) die Durchschneidung des 
Halssympathicus nicht auf die Gefässe des Ohrs wirke , auch keine 
Erhöhung der Wärme in demselben eintrete. Er versucht zu bewei- 
sen, dass die vermehrte Gefässfülle von der Lähmung der Blutgefässe 
abhänge und dass die grössere Menge des circulirenden Blutes die 
locale Erhöhung der Temperatur bedinge. Er führt weiter aus, dass 
der Sympathicus nicht der einzige und ausschliessliche Gefässnerv des 
Kopfes sei, sondern dass diesem auch auf dem Wege des Auricularis 
-cervicalis , des FaciaUs und des Trigeminus solche zukommen , und 
dass auch der Theil der Gefässnerven des Kopfes,- der wirklich im 
Sympathicus enthalten ist, blos aus den diesen durchsetzenden Rücken- 
marksnerven bestehe , dass überhaupt die Gefässnerven durch das 
üückenmark verlaufen und dass im verlängerten Marke eine Stelle 
als Centralpunkt der Gefässnerven anzusehen sei , weil sich dort die 
des Rumpfes und des Kopfes begegnen. Er vermuthet, dass bei voll- 
ständiger spinaler Lähmung eines Theils dessen Temperatur relativ 
erhöht sein müsse, während sie bei unvollständiger, nur die Be- 
wegung hemmender Lähmung vermindert sein werde (p. 226), ein 
Äatz, der sich in der That durch die pathologischen Thatsachen seit- 
.Jaer wenigstens theilweise bestätigt hat.- 

Eine weitere, für die Pathologie des Fiebers höchst bedeutungs- 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 10 



146 ^^® Ursachen der krankhaften Abweichungen 

volle Annahme Schiffs , die er durch Experimente erhärtet zu haben 
glaubt , ist es , dass die Gefässnerven des Gesichts und des vordem 
Theils der Extremitäten einerseits und die des Rumpfes, der Ober- 
arme und Oberschenkel andererseits zwei geschiedene Gruppen bil- 
den , die selbst in ihrem Verlauf durch das Rückenmark sich ganz 
verschieden verhalten, so dass die letztere Gefässnervengruppe mit 
den entsprechenden Nerven der andern Körperhälfte eine seitliche 
Kreuzung eingehe , welche der erstem Gruppe fehle , und dass also, 
wenn man z. B. die linke Hälfte des Rückenmarks in der Nähe der 
Obiongata quer durchschneide, die Gefässnerven der Gesichtshaut,, 
der Hände, Füsse, des untern Theils der Vorderarme und Unter- 
schenkel links , die des Rumpfes , der Oberarme und Oberschenkel 
dagegen rechts gelähmt werden. 

Von hohem Interesse sind weitere Experimente von Schiff, welche 
er später (1859 in der allgem. Wiener med. Ztg. p. 318) mitgetheilt 
hat. Er erregte bei Thieren , denen er den linken Halssympathicus 
durchschnitten oder die Nerven einer Extremität resecirt hatte , mit- 
telst Einspritzung von Eiter in die Pleura oder ins Gefässsystem Fie- 
ber. Sobald der Fieberanfall begann , erwärmten sich die nicht von 
der Nervendurchschneidung beeinflussten Theile sehr bedeutend, wäh- 
rend in den vasomotorisch gelähmten Organen , die vorher wärmer 
waren , die Temperatur entweder gar nicht oder nur langsam stieg, 
und als die Fieberhitze endlich vollständig ausgebildet erschien , war 
das vorher wärmere Organ, dessen Nerv durchschnitten war, kälter, 
als der entsprechende Theil der andern unverletzten Seite. Er 
schliesst daraus, dass die durch Nervendurchschneidung hervor- 
gebrachte (paralytische) Blutüberftillung und die beim Fieber (und 
der Congestion) hervorgerufene nicht auf demselben Vorgang beruhen, 
dass die letztere vielmehr activer Natur sei und dass es daher (wie 
übrigens auch Gl. Bernard selbst für die Submaxillardrüse an- 
genommen hat: 1858 Comptes rendus) in den Gefässnerven auch 
solche Elemente geben müsse, welche durch ihre Erregung eine 
Erweiterung bedingen , die aber nach der Durchschneidung des Ner- 
ven nicht mehr zur Wirkung kommen können. 

Von grossem Gewicht für die Zurückführung des Wärme- 
phänomens auf die Blutfülle war ferner die Arbeit von Kussmaul 
und Tenner (in Moleschott's Untersuchungen zur Naturlehre des 
Menschen und der Thiere 1856, 1. 90 — 132). Dieselben gelang- 
ten dazu, die erhöhte Wärme des Ohrs derjenigen Seite , auf welcher 
der Sympathicus durchschnitten worden war, stets unter die des 
andern Ohrs und selbst unter die Wärme vor der Durchschneidung 



der Eigenwärme. 147 

ZU ei'Diedrigen, sobald sie ausser der Unterbindung oder Compression 
der gleichseitigen Carotis zuvörderst auch die beiden Subclaviae an 
ihrem Ursprung unterbunden und dadurch die Herstellung eines Col- 
lateralkreislaufs verhindert hatten. Andererseits brachten sie eine 
erhöhte Erwärmung hervor, wenn sie nur die Subclaviae unterbanden 
und dadurch den Seitendruck des Blutes in der Carotis steigerten. 
Die Wirkungen der einseitigen Carotiscorapression nach voran- 
gegangener Unterbindung der Subclaviae traten in der gleichen Weise 
ein, mochte der Sympathicus zuvor durchschnitten sein oder nicht; 
und die Durchschneidung des Sympathicus erzeugte keine höhere 
Wärmezunahme, als der vermehrte Blutandrang für sich. 

Die beiden L u s s a n a und A m b r o s o 1 i (Gazz. lombarda 
1867 Nr. 25 — 33) fanden jedoch beim Aufhängen derThiere an den 
Hinterbeinen keine so beträchtliche Temperaturzunahme an den 
Ohren , als nach der Sympathicusdurchschneidung und meinen , dass 
bei der Letzteren nicht Blutüberfüllung und Functionssteigerung, son- 
dern ein durch die Sympathicusdurchschneidung herbeigeführter 
pathologischer localer Dissolutionsprocess im Blute die Temperatur- 
erhöhung bedinge. 

Brown-Sequard (Exp. res. applied to physiology and path. 
p. 73) fand weiter, dass die Durchschneidung einer lateralen Hälfte 
des Rückenmarks in der Dorsalgegend von einer Temperatursteige- 
rung an der hinteren Extremität der correspondirenden Seite und 
einer Temperaturerniedrigung an der Extremität der entgegengesetz- 
ten Seite gefolgt sei. Schiff (Untersuchungen p. 196) bestätigte 
diess, bezieht aber die Temperatur der entgegengesetzten Extremität 
auf eine zufällige Reizung der einen Rtickenmarkshälfte beim Durch- 
schneiden der andern Hälfte. 

Tscheschichin, welcher jedesmal nach Durchschneidungen 
des Rückenmarks an den verschiedensten Stellen ausser der Unter- 
brechung der willkürlichen Bewegungen eine Aufhebung der activen 
Thätigkeit der Gefässe und ein Sinken der allgemeinen Temperatur 
beobachtet hatte (1866 Reichert's Archiv p. 152), sucht die Ursache 
dieser Wärme abnähme in der paralytischen Erweiterung der Blut- 
gefässe, der Ueberfüllung (namentlich der Venen) mit Blut, der Ver- 
zögerung des Blutumlaufes und daher in der Steigerung der Wärme- 
ausstrahlung. Er fand , dass man nach durchschnittenem Rücken- 
mark das beschleunigte Sinken der Innern Temperatur verzögern oder 
ihm vorbeugen kann,' wenn man den Körper in schlechte Wärmeleiter 
einhüllt und somit den Wärmeverlust durch die äussere Körperober- 
fläche verringert. Wenn T. dagegen bei einem Kaninchen das ver- 

10* 



2^48 ^^^ Ursachen der krankhaften Abweichungen 

längerte Mark an der Grenze seines Uebergangs zum Pons durch- 
schnitt, so fing gleich nach der Operation die allgemeine Temperatur 
zu steigen an , das Athmen und der Herzschlag beschleunigten sich. 
Nach 1/2 Stunde war die Temperatur von 39,4 ^ auf 40,1^, nach 
einer Stunde auf 41,2^ gestiegen, die Athemfrequenz von 78 auf 
90, der Puls war unzählbar geworden. Zugleich hatten nach der 
Operation die Reflexerscheinungen sich zu verstärken begonnen und 
erreichten einen so hohen Grad , dass die geringste Berührung des 
Thieres Zittern am ganzen Körper hervorrief. Nach l^/g Stunden 
erreichte die Temperatur 42,1*), nach 2 Stunden 42,6 <^; kurzer 
Athem und Convulsionen stellten sich ein , unter welchen nach einer 
halben Stunde das Thier starb. Tscheschichin bringt diese That- 
sachen mit der Annahme von Moderationscentren in Zusammenhang, 
welche für die Thätigkeit des Rückenmarks im Gehirn sich vorfinden 
und welche durch ihre fortwährende Thätigkeit die Intensität der 
Thätigkeit des Rückenmarks verringern , mit deren Zerstörung oder 
Abtrennung die Thätigkeit der Rückenmarkscentren krankhaft gestei- 
gert werde und eine Zeitlang in übermässiger Functionirung (Steige- 
rung der Reflexe, Schnellerwerden des Athmens, Beschleunigung 
des Herzschlags, Steigen der thierischen Wärme) sich manifestire. 

Naunyn und Quincke (Reichert's Arch. 1869. 174) bestä- 
tigten, dass nach Zerquetschungen des oberen Marks die beträchtlichen 
Temperatursteigerungen nur dann eintraten, wenn die Abkühlung der 
Thiere vollständig verhindert war; andernfalls trat constant ein 
schnelles und bis zum Tode dauerndes Sinken der Temperatur ein. 
Sie vermuthen eine zweifache Wirkung der Markzerstörung; eine 
Steigerung der Wärmeproduction und eine Vermehrung der Wärme- 
abgabe, und erklären aus diesen einander conträren Momenten die 
Differenzen der Resultate verschiedener Beobachter. Sie fanden fer- 
ner, dass die Temperatursteigerung nach der Rückenmarkstrennung 
weit schneller eintrat und weit höhere Grade erreichte, wenn letz- 
tere im Halstheil, als wenn sie im Brusttheil der Medulla statt hatte., J 
Weitere interessante Versuche haben N. und Q. neuerlichst (ibidem 
Heft 5) veröffentlicht und gezeigt, dass nach der Markzerstörung 
mittelst Chinin (durch Beschränkung der Wärmeproduction) die Tem- 
peratur auf niederen Graden erhalten werden kann. 

Fischer (Einfluss der Rückenmarksverletzungen auf die Kör- 
perwärme, Orig. Mitth. im Centralblatt 1869, p. 259) glaubt durch 
einige Fälle zu der Annahme berechtigt zu sdn , dass im Halstheil 
des Rückenmarks ein Temperaturhemmungscentrum sich befinde, 
dessen Reizung einen Temperaturabfall , dessen Lähmung eine Tem- 



der Eigenwärme. 149 

peratnrsteigerung bewirke und dass dieses Centrum in den vorderen 
Strängen des Halstheils des Rückenmarks gesucht werden müsse. 

Als eine allen diesen Untersuchungen fernliegende , überdem so 
zu sagen negative experimentelle Erfahrung ist hier noch anzu- 
knüpfen, dass Breuer und Chrobak (1867 Wiener medic. Jahr- 
bücher XIV. p. 3) die Frage, ob die Anregung zu fieberhafter Tem- 
peratursteigerung durch die Nerven eines entzündeten Theils vermit- 
telt werden könne , nach Versuchen an Thieren , denen sie an einem 
Körpertheile alle Nerven möglichst resecirten und nach Verheilung 
der dadurch gesetzten Verletzungen locale Entzündungen an dem 
Theile verursachten , entschieden haben und sich zu dem Schluss 
berechtigt glauben , dass das Fieber bei traumatischen Entzündungen 
von der nervösen Verbindung des entzündeten Theils mit den Nerven- 
centren unabhängig sei. 

Die klinische Beobachtung kann nur wenig gesicherte 
Analogien zu den experimentellen Befunden über die Beziehung des 
Nervensystems zur Körperwärme bieten. 

Am ehesten können als analoge spontane Verhältnisse angesehen 
werden : 

die localen Temperaturveränderungen bei Neuralgien während 
des Schmerzanfalls ; 

die Wärmebeobachtungen an gelähmten Gliedern ; 

die Beobachtungen über Wärmeveränderung, welche man bei 
jenen Krankheitsformen gemacht hat, die als vasomotorische Neu- 
rosen gedeutet wurden ; 

die temperatursteigernde Wirkung von Kopfanstrengungen bei 
Kranken und " von Delirien und die Ermässigung der fieberhaften 
Eigenwärme, die zuweilen nach einem ruhigen Schlafe beobachtet 
wird; 

die starken Temperatursteigerungen bei rapid verlaufenden Ent- 
zündungen des Gehirns ; 

die noch enormeren Erhöhungen der Temperatur bei Verletzung 
des Halsmarks ; 

die überaus beträchtlichen Temperaturhöhen am Schlüsse des 
Tetanus und anderer tödtlicher Neurosen. 

Diese Thatsachen sind jedoch völlig genügend zu der Annahme, 
dass auch in verwickeiteren Fällen dem Nervensystem ein grosser Antheil 
an dem Verhalten der Eigenwärme zukomme. Ein Einfluss gewisser 
Nervenprovinzen auf die Thätigkeit des Herzens einerseits und auf die 
Circulation andererseits ist ja unzweifelhaft ; ebenso sicher darf an- 



^50 ^^6 Ursachen der krankhaften Abweichungen 

genommen werden , dass Aenderungen in der Blutfülle der peripheri- 
schen Gefässe in mehr als einer Beziehung die Wärme der betreffen- 
den Stellen und weiterhin auch die gesammte Eigenwärme beeinflussen. 
Ein sehr grosser Theil der ganzen pathologischen Wärmephänomeno- 
logie mag der Ausdruck des Verhaltens der vasomotorischen Nerven 
in beliebigen Krankheiten sein. Auch bei wesentlichen Störungen 
des Nervensystems mögen Temperaturabweichungen (namentlich 
geringfügige) oft auf Rechnung der veränderten Circulation gesetzt 
werden müssen. Aber aus einer anderen Reihe von Beobachtungen, 
namentlich jenen mit enormer Steigerung der Eigenwärme dürfte 
unab weislich hervorgehen, dass auch noch ein anderes bis jetzt frei- 
lich dunkles Verhältniss obwalten kann , indem mit einer tiefen Stö- 
rung der Nervenapparate ohne entsprechende Circulationsanomalien 
die excessivsten Abweichungen der Temperatur zusammenfallen und es 
dürfte nicht zu gewagt sein, anzunehmen, dass die Integrität gewis- 
ser Theile des Centralnervenapparates nothwendiger für die Reguli- 
rung der Wärme sei, als die irgend eines andern Theiles des Körpers. 

19. Muskelanstrengungen haben schon bei sonst wenig 
auffälligem Kranksein häufig eine stark erhöhende Einwirkung auf 
die Temperatur. Man hat deshalb alles Recht, über den gesunden 
Zustand eines im üebrigen sich wohl und munter befindenden Men- 
schen besorgt zu sein, wenn derselbe nach einer massigen Muskel- 
änstrengung eine die Gesundheitsbreite überschreitende Temperatur 
zeigt. Bei Reconvalescenten steigt die Temperatur sehr gewöhnlich 
um einen oder mehrere Grade, wenn zum ersten Mal das Bett ver- 
lassen wird, auch wenn diess in keiner Weise zu früh geschieht. Bei 
jedem den Verhältnissen nicht angemessenen Aufenthalt des Recon- 
valescenten ausserhalb des Bettes bemerkt man die Temperatur wie- 
der ansteigen , und sie kann daher ein Kriterium sein , wie viel sich 
derselbe erlauben darf. 

Im Anschluss an meine Mittheilungen über die enorme Steige- 
rung der Eigenwärme am tödtlichen Schlüsse des Tetanus stellten 
Leyden (1863 Beiträge zur Pathologie des Tetanus in Virchow's 
Archiv XXVI. 538) und Bill roth und Fi ck (1863 Versuche über 
die Temperaturen bei Tetanus in Schweizerische Vierteljahrschrift 
VIII. 427) Experimente an Thieren an, welche sie künstlich teta- 
nisirten und fanden bei demselben eine Zunahme der Temperatur 
um 5—6 0. 

Der Transport eines Kranken und die Summe der Einflüsse, 
welche in solchem enthalten sind, hat fast immer einen störenden 



der Eigenwärme. 151 

Eiüfluss auf die Temperatur, und zwar wird ungefähr eben so häufig 
die Temperaturhöhe gesteigert, wie eine zuvor hohe Temperatur 
•etwas erniedrigt. Es geht daraus die Regel hervor , dass eine Tem- 
peraturbeobachtung, welche kurz nach dem Transport eines Kranken 
igemacht wird, nichts Entscheidendes hat. 

Eine sehr beträchtliche Temperatursteigerung in Folge über- 
mässiger Muskelanstrengung zeigte ein Schnellläufer , welcher wäh- 
rend des Schnelllaufes ohnmächtig und bewusstlos geworden in meine 
Khnik geschafft wurde. Die Temperatur war 40,5 ^ bei 128 Puls- 
schlägen in der Minute. Der Harn enthielt ^/^o Volumen Eiweiss. 
Schon 2 Stunden später war die Temperatur auf 39,| ^ gefallen. Am. 
andern Morgen war sie normal und blieb es , während der Eiweiss- 
gehalt rasch sich verminderte und nach wenigen Tagen völlig ver- 
schwand. 

üeber den Antheil der postmortalen Erstarrung der Muskeln 
an dem Wärmeverhalten der Leiche s. später. 

20. Es ist selbstredend, dass mit dieser Aufzählung der tem- 
peraturbeeinflussenden Einwirkungen die Aetiologie der Wärme- 
Abweichungen nicht erschöpft ist. 

Nicht nur musste davon abgesehen werden, das experimentelle 
und klinische Erfahrungsmaterial in seinem ganzen Detail und in 
seinen unendlichen Nüancirungen vorzuführen , sondern es sind ohne 
Zweifel auch zahlreiche Ursachen der Wärmealterationen gar nicht 
bekannt, theilweise nur geahnt. 

Diess gilt vornehmlich von den Ursachen der Wärmeverände- 
rung bei den sogenannten spontanen Erkrankungen, wie auch bei 
manchen Infectionskrankheiten. Es ist sehr wahrscheinlich, aber 
■der höchst complexen Verhältnisse wegen nicht zu verfolgen, dass 
mehr oder weniger verbreitete Gewebsveränderungen , dass nament- 
lich die erst neuerdings der bewaffneten Untersuchung zugänglich 
gewordenen ausgedehnten parenchymatösen Destructionen , welche 
sich bei den verschiedensten schweren Krankheiten finden, ihren sehr 
•wesentlichen Antheil an der Wärmesteigerung haben. 

Es ist ferner sehr wahrscheinlich, dass im Blute selbst Um- 
setzungen, gährungsartige Vorgänge stattfinden können, welche 
gleichfalls die Wärmeproduction in mächtiger Weise vermehren kön- 
nen , wie andererseits Verhältnisse im Blute dazu beitragen mögen, 
die chemischen Processe, von welchen die Wärmeproduction abhängt, 
2u beschränken und zu verzögern oder andererseits die Verluste von 
Wärme zu steigern. 



152 ^^6 Ursachen der krankhaften Abweichungen 

Allein über eine solche allgemeine Fassung der Möglichkeit und 
Wahrscheinlichkeit eines Einflusses von krankhaften Vorgängen in 
Geweben und Blut auf die Temperaturverhältnisse ist vorläufig nicht 
hinaus zu kommen. Es sind die speciellen chemischen Processe nicht 
namhaft zu machen , welche auf die Wärmebildung influiren ; es ist 
nicht zu sagen , wesshalb bei einer Krankheitsform die Temperatur 
sich in bestimmter Weise und anders , als bei einer andern gestaltet. 
Man fragt vergeblich nach Gründen, wesshalb bei manchen schweren 
Störungen im Organismus , bei sehr reichlicher Gewebsveränderung 
die Eigenwärme in der Regel sich normal verhält. Zuweilen scheint 
eine Nichtbeeinflussung der Temperatur abzuhängen von der Lang- 
samkeit , mit welcher sich Störungen entwickeln , und in derartigen- 
Fällen ist der Eintritt von Temperaturabweichungen entweder das 
Zeichen hinzugetretener Complicationen , oder weist er auf einer 
rapider gewordene Entwickelung der wesentlichen Störungen hin. 
Andererseits können aber auch bei Afi^ectionen von beträchtlicher 
Chronicität Monate und Jahre lang fortwährende Temperatur- 
abweichungen stattfinden , selbst solche von sehr beträchtlichem Um- 
fange (Formen des chronischen Fiebers). 

Endlich ist nicht zu übersehen , dass wir überhaupt nur das- 
Resultat zweier Factoren, der Wärmeproduction und der Wärme- 
abgabe, nicht aber diese Factoren selbst zu beobachten pflegen , das^ 
also mancher Fall von beträchtlicher üeberproduction sich der Erken- 
nung entziehen mag, weil gleichzeitig die Abgabe entsprechend 
gesteigert ist und dass von einem untergeordneten Einfluss auf d'ier 
wärmeabgebenden Theile das plötzliche Hervortreten einer schon zu- 
vor bestehenden , aber wegen genügender Aequilibrirung bis dahia 
latent gebliebenen üeberproduction abhängen kann. 

21. Aber ausser den äusseren Einwirkungen und ausser de» 
Vorgängen im Organismus selbst sind es auch noch die indivi- 
duellen Verhältnisse und Anlagen, welche ihren Antheil 
an den Abweichungen der Temperatur und namentlich an der Leich- 
tigkeit , mit der sie eintreten , und an der Ausdehnung , die sie er- 
reichen, haben. 

Mag eine bestehende Krankheit an sich schon Temperatur- 
abweichungen bedingen oder nicht, so ist fast bei jedem Kranken 
eine grössere Empfindlichkeit für zufällige Einflüsse zu bemerken. 

Die Temperatur, auch wenn sie durch die Krankheit an sich 
nicht verändert ist, wird bei Krankheiten durch die verschiedensten 
Einwirkungen leicht aus ihrem Gleichgewicht gebracht und kana 



der Eigenwärme. 153 

SteigeruDgen und Abnahmen von zuweilen sehr beträchtlichem Um- 
fange zeigen , und zwar bald nur partielle , bald solche, welche über 
den ganzen Körper verbreitet sind. 

Eine ganz ähnliche Empfindlichkeit und Beweglichkeit der 
Eigenwärme auf accessorische Einflüsse zeigt sich auch in solchen 
Krankheitsfällen , in welchen bereits Abweichungen der Temperatur 
bestehen ; doch ist bei diesen ein grosser Unterschied in dem Grade 
der Empfindlichkeit der Eigenwärme für zufällige Einwirkungen. 
Je entschiedener typisch, regelmässiger und uncomplicirter ein 
Krankheitsverlauf ist , um so geringer ist der Einfluss , den zufällige 
Einwirkungen auf ihn ausüben. Bei nicht typischen Krankheits- 
formen dagegen , bei leichten Erkrankungen und bei solchen , in 
welchen durch andere Umstände bereits Abweichungen herbeigeführt 
sind, kommen accidentelle Einflüsse am stärksten zur Wirkung. 
Auch je nach der Art und Periode des Krankheitsverlaufs verhält 
sich die Stabilität der Temperatur oder ihre Abhängigkeit von 
accidentellen Einflüssen verschieden : beim sehr entschiedenen An- 
fang einer acuten typischen Krankheit sind äussere Einflüsse von der 
geringsten Wirkung; je weniger entschieden der Anfang, um so 
grösser kann die Wirkung sein. In der Zeit der Steigerung der 
Krankheit bis zu dem Punkte , wo sie auf ihrer Acme angekommen 
ist, sind vorzugsweise die milderen Fälle empfindlich für acciden- 
telle Einflüsse. Auch im weiteren Verlauf der Krankheit zeigt 
sich eine Verschiedenheit hinsichtlich der Beweglichkeit der Tem- 
peratur auf zufällige Einwirkung. Je mehr die Krankheit an sich 
schon Schwankungen zeigt, je mehr sie in der Abheilung zögert, 
um so grösser kann dieser Einfluss werden , während bei einer 
rapiden Abheihmg selbst starke äussere Einwirkungen oft ganz un- 
mächtig sind , die Temperatur zu alteriren. In der Reconvalescenz 
tritt wiederum die äusseie Beeinflussung in sehr hohem Maasse ein, 
vornehmlich aber dann, wenn die Reconvalescenz keine ganz voll- 
kommene ist, wenn die Heerde der Erkrankung nicht vöHig aus- 
geheilt sind. 

Von Wichtigkeit ist auch die Richtung, in welcher ein acciden- 
teller Einfluss wirkt. Geschieht diess in derjenigen Richtung, in 
welcher der natürliche Zug der Krankheit zu der betrefl*enden Zeit 
geht, so ist der Effect um so sicherer ; wirkt er in entgegengesetzter 
Richtung, so ist der Effect unsicherer. Selbst schon die Tages- 
fluctuation hat in dieser Beziehung einen Einfluss. Temperaturstei- 
gernde Verhältnisse wirken Mittags und Nachmittags am sichersten, 
temperaturdeprimirende Nachts und Morgens früh. 



X54 Diß Ursachen der krankhaften Abweichungen der Eigenwärme. 

22. Auch abgesehen von bestehenden besondern Krankheits- 
verhältnissen ist die EmpfindHchiveit für zufällige Beeinflussungen der 
Eigenwärme eine ungemein verschiedene. 

Bei Kindern zeigt in Krankheiten die Temperatur eine grosse 
Beweglichkeit. Geringfügige Affectionen bringen nicht nur stärkere 
Erhebungen hervor und die Tagesfluctuationen sind beträchtlicher, 
als bei älteren Subjecten , sondern auch alle weitern Einflüsse sind 
eftectvoller. 

Beim weiblichen Geschlecht wird auch im erwachsenen 
Alter ein ähnliches Verhalten wie bei den Kindern bemerkt. Die 
grosse Beweglichkeit der Temperatur erhält sich bei Frauen im 
Allgemeinen viel vollständiger; scheinbar ganz unmotivirte Erhe- 
bungen, starke sprungweise Steigerungen kommen bei ihnen vor, und 
äussere Zufälligkeiten üben eine ganz ungemeine Influenz. Diess 
besonders bei solchen Individuen , welche die nervöse Constitution 
zeigen , hysterisch sind und dergl. mehr. Auch unter den Männern 
giebt es immer einzelne Individuen , deren Temperatur für äussere 
Einflüsse empfindlicher ist , als bei Andern ; im Allgemeinen sind es 
wiederum nervöse Constitutionen, welche dieses Verhalten zeigen. 

Menschen von vorgerücktem Alter verhalten sich ver- 
schieden von jüngeren Erwachsenen. Ein träger Temperaturgang 
kommt bei ihnen wenigstens häufiger vor, als eine grössere Influenzir- 
barkeit. Ausserdem ist bei Greisen gewöhnlich in Krankheiten die 
Temperatur um ^/g Grad und mehr niedriger, als unter den gleichen 
Verhältnissen bei jüngeren Individuen. 

Die individuelle Empfindlichkeit ist ferner zuweilen für be- 
stimmte Eindrücke stark, während sie für andere gering sein kann. 
Es mag diess von vielen persönlichen Idiosynkrasien abhängen ; und 
es kommt ofi"enbar einerseits vor , dass durch Wiederholung gewisser 
Einwirkungen die Empfindlichkeit der Temperatur sich steigert , wie 
andererseits, dass durch Wiederholung die Empfindlichkeit abge- 
schwächt und abgestumpft wird. 



VI. 

Die topischen Abweichungen der Temperatur und 

die Abweichungen der Gesamnittemperatur in 

Krankheiten. 

1. Die Abweichungen von der normalen Temperatur, welche 
man bei kranken Menschen findet , sind theils örtliche , auf einzelne 
Stellen des Körpers beschränkte, theils allgemeine, mehr oder weniger 
über den ganzen Körper verbreitete. 

Dieser Gegensatz ist kein vollkommen strenger. Es dürfte 
höchst selten sein, vielleicht niemals vorkommen, dass bei einer ört- 
lichen entschiedenen Temperaturabweichung der Gesammtkörper 
vollkommen normale Verhältnisse darböte , nicht allein hinsichtlich 
der Höhe seiner Eigenwärme, sondern auch hinsichtlich ihrer Festig- 
keit und ünveränderlichkeit , ihres Widerstandes gegen ablenkende 
Influenzen. 

Andererseits ist bei einer Störung der Gesammttemperatur die 
Abweichung von der Norm niemals ganz gleichmässig über alle 
Theile des Körpers verbreitet; namentlich ist gewöhnlich im Anfang 
der sich einstellenden Störung der Gesammtwärme und in den Zeiten 
ihrer weiteren Aenderungen ein nicht geringer Contrast in den 
Wärmeverhältnissen verschiedener einzelner Theile des Körpers zu 
bemerken. 

Aber der Gegensatz zwischen topischen und allgemeinen Ab- 
weichungen der Temperatur ist insofern festzuhalten , als in den 
einen Fällen jene, in den andern diese die wesentlichen sind. 

2. Wenn schon im gesunden Zustande die einzelnen Stellen 
des Körpers eine mehr oder weniger verschiedene Eigenwärme 



156 Die topischen Abweichungen der Temperatur 

zeigen, so kann in Krankheiten die Differenz noch viel beträchtlicher 
werden. 

Die Temperatur kann stellenweise im Gegensatz zu andern 
Stellen des Körpers oder selbst im Gegensatz zur Gesammtwärme 
erhöht, oder aber sie kann stellenweise niedriger sein als der übrige 
Körper. 

Ist es auch durch einzelne Beobachtungen unzweifelhaft ge- 
macht , dass wirkliche Erhöhungen topisch aflficirter Stellen über die 
Bluttemperatur , wenn auch in sehr geringem Maasse , vorkommen,, 
so ist es in andern Fällen sicher und in sehr vielen wenigstens mög- 
lich , dass die locale Temperatursteigerung nur eine scheinbare ist, 
dass in der höhertemperirten Stelle nur vollständiger als an den 
übrigen zugänglichen Theilen des Körpers die Bluttemperatur ange- 
zeigt wird. Es ist dabei nicht zu übersehen , dass wir die Letztere^ 
nicht genau kennen , dass sie möglicherweise höher ist , als die Mes- 
sungen auch der geschütztesten Stellen ergeben und wenn sich 
Brown- Sequard's obenerwähnte Vermuthung über die wahre Höhe^ 
der menschlichen Eingeweide bestätigte, so dürfte dieselbe selten 
oder niemals von einer nur localen Steigerung tiberschritten worden 
sein. Die örtliche Erhöhung , sofern sie nur der vollständigere Aus- 
druck der Bluttemperatur ist, kann abhängen entweder von einem, 
reichlicheren Blutzutritte zu der Stelle oder von einer unvollkomme- 
neren Abkühlung an derselben oder von Beidem. 

3. Man hat eine topisch e r h ö h t e Temperatur beifolgen- 
den Zuständen gefunden: 

a) Bei Entzündungen. 

Theoretische Voraussetzungen , aber auch das subjective Gefühl 
des Kranken, ja selbst die objective Schätzung der Wärme durch die 
aufgelegte Hand des Beobachters gaben zu der Vermuthung Veran- 
lassung, dass an entzündeten Theilen ein beträchtlicher Temperatur- 
excess stattfinde. Directe Messungen haben jedoch gezeigt, dass 
dem theils nicht so sei , theils dass die locale Temperatursteigerung 
an entzündeten Stellen nur zuweilen und auch dann in sehr massigem 
Grade vorkomme. 

Die erste Beobachtung einer durch Entzündung bewirkten lo- 
calen Temperatursteigerung stammt, wie schon oben bemerkt, von 
John Hunter. Nach der Operation einer Hydrocele fand er die 
Temperatur der tunica vaginalis 92 o F. (== 88,33 <^ C.). Die Höhle 
wurde mit Leinwand , die mit Salbe bestrichen war, ausgefüllt. Am 



und die Abweichungen der Gesammttemperatur in Krankheiten. 157 

folgenden Tage zeigte die Temperatur 983/^ o (= 37,i ^ c.), also 
zwar eine sehr bedeutende Steigerung , aber doch immer noch nicht 
eine die Blutwärme tiberragende. John Hunter will Aehnliches mehr- 
mals beobachtet haben , doch bemerkte er bei Versuchen , welche er 
an Thieren machte, nach künstlich hervorgerufenen Entzündungen 
keine Veränderungen der örtlichen Temperatur. 

Mehrere Beispiele von local erhöhter Temperatur werden von 
Breschet und Becquerel (1835 1. c.) mitgetheilt. Sie wurden 
mittelst eines thermo-elektrischen Apparates gefunden. Bei einem 
scrophulösen Mädchen, welches eine Mundtemperatur von 37,5 <^ 
zeigte, wurde in einer entzündeten Drüsengeschwulst im Nacken eine 
Wärme von 40 ^ bemerkt. In andern Fällen war ebenfalls eine 
Differenz zwischen den entzündeten Stellen und der Gesammttempe- 
ratur , doch war sie stets weit unbeträchtlicher. Indessen hat man 
gegen die Zuverlässigkeit dieser Experimente manche Zweifel 
gehegt. 

Einige weitere Erfahrungen hat G i e r s e beigebracht , welcher 
Erhebungen von ^/^ bis 1 ^ , selbst darüber an den entzündeten 
Stellen bemerkte. Bärensprung erhielt an einem künstlichen 
Erythem keine Temperatursteigerung; dagegen fand er bei einer 
Phlebitis cruralis an dem kranken Unterschenkel 1 ^ R. mehr , als 
am gesunden. 

Sehr wichtige Beobachtungen hat John Simon (Holmes 
System of surgery, 1860, 1. Artikel: Inflammation, p. 43) mitge- 
theilt. Sie sind mittelst eines thermo-elektrischen Apparates gemacht. 
Er fand, 

dass das Arterienblut, welches zu einem entzündeten Gliede 
geht, weniger warm ist, als der Entzündungsheerd selbst, 

dass das venöse Blut, welches von einem entzündeten Ghede 
kommt, zwar weniger warm ist, als der Entzündungsheerd, aber 
wärmer, als das Arterienblut, welches zu dem Gliede geht, und 

dass das venöse Blut, welches von einem entzündeten Gliede 
kommt, wärmer ist, als das Venenblut auf der correspondirenden 
andern, gesunden Seite des Körpers. 

Billroth und Hufschmidt haben nur negative Resultate 
erhalten (1864, Archiv für klinische Chirurgie 6, 373). Die Ad- 
dirungen im Original sind incorrect. Aus den einzelnen Beobach- 
tungen geht hervor, dass bei 37 Vergleichmessungen der Wärme in 
einer Wunde und im Rectum 28 mal die Temperatur der Wunde 
niedriger war, als die des Rectum, 8 mal waren beide Temperaturen 
gleich , 1 mal nur v/ar die Temperatur in der Wunde um 0,3 ^ 



158 ^^^ topischen Abweichungen der Temperatur 

höher , als im Rectum (nachdem die Wunde durch Terpentin gereizt 
worden war). 

Bei 9 Vergleichsmessungen zwischen der Temperatur einer ent- 
zündeten Vagina und der des Rectum war 5 mal die Temperatur der 
Vagina niedriger , als die des Rectum , 3 mal waren beide Tempera- 
turen gleich , 1 mal war die Temperatur der Vagina um 0,2 ^ höher, 
als die des Rectum. 

Billroth macht auch darauf aufmerksam, dass hyperämische 
Theile schon deshalb wärmer erscheinen können , weil die Füllung 
der Gefässe eine dichtere ist , als an gesunden Stellen , dass es dem- 
nach keiner grössern Wärmeproduction in dem entzündeten Theile 
bedürfe. 

Bei 4 Messungen an einem Menschen , welcher an einer sehr 
ausgedehnten eiterigen ünterhautzellgewebsentzündung litt , war die 
Temperatur der Wunde niedriger, als die der Achselhöhle und des 
Rectum. 

0. Weber hat 1864 eine Anzahl Beobachtungen veröffentlicht 
(deutsche Klinik, Nr. 43 und 44), welche gleichfalls nur ein zweifel- 
haftes Resultat geben. Unter 12 thermometrischen Messungen, 
welche an Wunden operirter Menschen angestellt wurden , fand sich 
6 mal die Temperatur der Wunde höher, 3 mal niedriger und 3 mal 
gleich der Temperatur der Mundhöhle und der Achsel. Dabei war 
der Unterschied in den erstem Fällen nicht mehr als 0,6 ^ zu Gunsten 
der Wunde. Auch war zu bemerken , dass die Temperatur des ent- 
zündeten Theiles am merklichsten höher erschien, wo die Wundfläche 
selbst schon geschützt im Innern lag, und dagegen viel weniger, wo 
die äussere Lage die Abkühlung und Verdunstung begünstigte. Auch 
bemerkte er , dass mit stärkerer und längerer Eiterung die Tempe- 
ratur der Wunde abnahm. 

In einer Reihe von 31 Versuchen an Hunden und Kaninchen 
ergab die thermometrische Messung 9 mal die Wärme der Wunden, 
resp. des entzündeten Theiles höher, 15 mal geringer und 6 mal 
gleich der des Afters. Das Maximum der Differenz zu Gunsten der 
Wunde betrug bei Kaninchen 1 o, bei Hunden 0,33 o. 

Ausserdem hat 0. Weber die Simon 'sehen Versuche wiederholt 
und bestätigt gefunden und schliesst sich den Resultaten Simon's an. 

Mindestens kann man aus diesen Erfahrungen schliessen , dass 
die Wärme in entzündeten Stellen höchstens eine massige Steigerung ; 
zeigt , und es bleibt immer noch fraglich , wie viel dabei der Blut- 
überfüllung und wie viel der wahren localen Wärmeproduction zu- 
komme. In einer grossen Anzahl von Fällen war eine Erhöhung in 



und die Abweichungen der Gesammttemperatur in Krankheiten. 159 

der Wunde überhaupt nicht zu bemerken , vielmehr sehr häufig eine 
niedrigere Temperatur, als in dem After. 

Dass überdem die Temperatur in entzündeten serösen Höhlen 
(Pleura und Peritoneum) , niedriger sein könne als die Wärme 
derselben gesunden Stellen , oder als die Temperatur des Herzeus, 
haben Jacobson und Bernhardt (1868 CentralbL Orig. Mitth, 
p. 643) nachgewiesen. 

Ebenso fand Laudien (1869 Centralblatt Orig. Mitth. p. 291) 
die Temperatur der noch so hochgradig entzündeten Haut oder der 
Muskeln bis zu ihren tiefsten Schichten niemals so hoch, als die innere 
Körpertemperatur und die Temperatur des arteriellen Blutes höher 
als die des Entzündungsheerdes, zu dem es hinströmt. 

b) Dass auch durch blosse Hyperämie eine erhöhte, wenigstens 
eine relativ und im Verhältniss zu andern Stellen der Körperoberfläche 
erhöhte Temperatur bedingt werden kann, geht aus den oben viel- 
fach erwähnten Versuchen mit Durchschneidung des Sympathicus, 
mit Unterbindung der Subclavia, sowie mit Aufhängen der Thiere an 
den Hinterbeinen hervor. Beim Menschen ist jedoch eine Örtliche 
Temperaturerhöhung durch blosse Hyperämie nicht mit Sicherheit 
beobachtet worden ; namentlich konnte sie bei Application von Senf- 
teigen nicht nachgewiesen werden. 

c) Auch an exan thematisch entzündeten Körpertheilen 
erscheint zuweilen die Temperatur etwas höher , als an den von dem 
Exanthem freien Stellen, wie namentlich die Erfahrungen von 
G i e r s e und Bärensprung gezeigt haben. 

d) Bei Neuralgien und localen Krämpfen erscheint die 
Temperatur zuteilen an der Haut des schmerzhaften oder krampfhaft 
befallenen Theiles etwas höher, was gewöhnlich mit stärkerer 
Röthung zusammenfällt und wahrscheinHch auf Rechnung des ver- 
mehrten Blutzutritts, vielleicht aber auch einer local verminderten 
Abkühlung, bei Krämpfen wohl auch einer verstärkten localen Wärme- 
production kommen kann. 

e) In paralysirten Theilen hat Schmitz zwar eine geringe 
Verminderung der Temperatur beobachtet; auch Bärensprung 
fand unter 4 Fällen 3 mal die Temperatur der gelähmten Theile 
niedriger, aber in 1 Falle um ein Geringes höher, als in den gesunden 
Theilen. Nothnagel (Berliner klinische Wochenschrift 1867. 
537) fand in der Hohlhand eines paretischen Armes 2^0. niedrigere 
Temperatur, als auf der gesunden Seite. 

Dagegen hatFolet (1867 Gaz. hebd. Nr. 12 und 14) ein- 



1(30 t)ie topischen Abweichungen der Temperatur 

gehende Beobachtungen bei Hemiplegischen gemacht und ist auf 
folgende Resultate gekommen : 

in der immensen Mehrzahl der Fälle ist eine Hemiplegie von 
Anfang an mit einer Erhöhung der Temperatur der gelähmten Seite 
begleitet, sehr selten sind beide Seiten im Gleichgewicht der Wärme, 
und fast niemals bemerkt man eine Erniedrigung der kranken Seite ; 

die Erhebung kann zwischen 0,3 und 0,9 variiren , tibersteigt 
aber gewöhnlich 1 ^ nicht ; 

die Gegenwart oder die Abwesenheit von Contracturen hat auf 
die thermometrischen Resultate keinen Einfluss; 

verschiedene Ursachen können vorübergehend den thermome- 
trischen Unterschied aufheben; 

die Ursache der Hemiplegie ist ohne Einfluss auf das Resultat ; 

die Heilung der Paralyse führt auch das thermometrische Gleich- 
gewicht zurück: wenn die Paralyse fortbesteht, so ist die Tempera- 
turerhöhung sehr verschieden und hört bei den Einen schon nach 
wenigen Monaten auf, während sie bei Andern jahrelang dauert ; 

eine deutliche paralytische Atrophie bedingt eine Erniedrigung 
der Temperatur ; 

wenn bei einer alten Hemiplegie, welche mit Temperaturer- 
höhung der kranken Seite besteht, später auch die andere Seite ge- 
lähmt wird . so stellt sich das thermometrische Gleichgewicht her, 
oder es tritt auf der zuletzt gelähmten Seite eine überwiegend hohe 
Temperatur ein ; 

die Gesammttemperatur der Hemiplegischen ist gewöhnlich 
nicht vermehrt und zeigt die Durchschnittswärme von 37 <^, mit Aus- 
nahme der letzten Lebensstunden, in welchen sie häufig steigt. 

Lepine (Gaz. med. 1868 p. 501) hat gefunden, 

dass bei einer frischen Hemiplegie das paralysirte Glied zu- 
nächst wärmer ist , als das gesunde , bei einem gewissen Grad der 
Abkühlung aber kälter wird als dieses, bei einer noch stärkeren Ab- 
kühlung weniger sich abkühlt als das gesunde, 

dass dagegen bei einer sehr alten Hemiplegie das paralysirte 
Glied kälter erscheint, bei Abkühlung aber relativ wärmer bleibt, als 
das gesunde , und bei künstlicher Erwärmung weniger warm wird, 
als dieses, somit unter äusseren Wärmeeinflüssen eine geringere Aus- 
schreitung nach oben, wie nach unten zeigt. 

4. Eine über eine ganze Körper hälfte ausgedehnte 
Erhöhung der Eigenwärme, ohne dass auf einer oder der andern 
Seite ein topischer Krankheitsprocess sich zeigte, habe ich mehrmals, 



und die Abweichungen der Gesammttemperatur in Krankheiten. Ißl 



•sehr anhaltend aber bei einer an hyste- 
rischen Erscheinungen leidenden spinal- 
Jsranken Person beobachtet. 

Dieses 18jährige Mädchen ist häufig 
von partiellen , namentlich rechtseitigeu 
Hyperämien, Urticariaeruptionen, localeu 
Schweissen neben verschiedenen wech- 
selnden nervösen Erscheinungen in meh- 
reren Innern Organen befallen. Auch 
ausser der Zeit jener Hyperämien der 
Haut zeigte sie, 

auf der ganzen Körperoberfläche 
«ine ^/5 — ^/a Grad höhere Temperatur, 
als in der Vagina, 

in der rechten Axilla (und auch in 
x3er rechten Scheukelbuge) fortwährend 
höhere Temperaturen als in der linken, 
und zwar so, dass die Differenz bald nur 
-einige Zehntel, bald bis 1 1/2 Grad beträgt, 

zeitweise unmotivirte kurzdauernde 
Temperatursteigerungen (bis 39,3), wo- 
bei die diflferenten Temperaturen beider 
Seitensich bald nähern, bald weiter ent- 
"fernen. 

Dieses höchst merkwürdige, fast 
«in Jahr hindurch fortdauernde Ver- 
halten , von welchem die beigefügte 
Curve (Fig. 1) ein kurzes Stück dar- 
stellt, dürfte kaum anders zu deuten sein, 
als durch eine Störung des vasomotori- 
schen Nervensystems ,• die zwar beider- 
seitig vorhanden , aber auf der rechten 
Körperhälfte stärker ist als auf der 
linken. 



5. Mehr oder weniger ausgezeich- 
nete partielle Erniedrigungen 
der Eigenwärme kommen häufig ge- 
nug vor, vor Allem an mortificirten 
-Theilen , ferner au ödematösen , indurirten , häufig auch an ausser 
Activität gesetzten Körperstellen , sodann überall da , wo der Zufluss 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. [ 1 




Iß2 ^'6 topischen Abweichungen der Temperatur 

des Blutes zu einem Theile gering, oder die Abkühlung ge- 
steigert ist. 

Weiter zeigt die Körperoberfläche im Gegensatz zu den Innern, 
oft gerade sehr stark tiberwarmen Theilen häufig in mehr oder 
weniger grosser Ausdehnung eine erniedrigte Temperatur, namentlich 
nach kalten Applicationen , im Fieberfrost und in allen Collapszu- 
ständen. Es wäre jedoch falsch, in diesen Fällen die partielle 
Temperaturerniedrigung isolirt aufzufassen, vielmehr stellt sie nur 
einen Theil eines complicirten Verhaltens dar. 

6. Es bedarf keines besondern Nachweises, dass die Aenderungen 
der Gesammttemperatur in Krankheiten die praktisch und theore- 
tisch wichtigsten Verhältnisse der pathologischen Thermometrie sind» 

Die in einer nicht von localen Krankheitsprocessen befallenen 
Achselhöhle, Vagina oder Mastdarmhöhle gemessene Temperatur 
zeigt den Grad der Wärme des Blutes, somit der Gesammteigen- 
wärme des Individuums , so genau an , als diess überhaupt beim 
lebenden Menschen möglich ist. 

Diese Temperatur des Gesammtkörpers in ihren mannigfaltigen 
und in den kürzesten Zeiträumen stattfindenden Wechseln ist nicht 
der einzige, aber sie ist mindestens ein sehr empfindlicher Maassstab 
für den Stand des Allgemeinverhaltens in Krankheiten. 

Es fragt sich zuerst, welcher Werth dem Allgemeinverhalten m 
Krankheiten zukomme, und sodann, auf welche Vorgänge die Eigen- 
wärme Beziehung habe. 

Das Gesammtverhalten in Krankheiten , abgesehen von der 
Entwickelung von Neubildungen , von Verlust oder schwerer Beein- 
trächtigung zum Leben nothwendiger und nicht ersetzbarer Theile,. 
von VerSchliessung von Canälen , deren Durchgängigkeit nicht lange 
entbehrt werden kann, und wenigen andern Verhältnissen von ganz, 
tiberwiegend localem Einflüsse — ist für das Schicksal des Kranken^ 
ftir den Verlauf und die Dauer seiner Krankheit, ftir die Aussicht 
auf Genesung oder Untergang , somit für die ganze Beurtheilung des- 
individuellen Falles vor allem Andern maassgebend. Ebenso sind 
die Angriffspunkte der Therapie (wiederum abgesehen von causalen,. 
dringlichen symptomatischen oder besonders wichtigen topischen In- 
dicationen) nicht die örtlichen Störungen , welche häufig der Erkran- 
kung den Namen geben , sondern es ist das Verhalten des Gesammt- 
organismus, auf welches die therapeutischen Hülfen zu richten 
sind. (Vgl. meine Abhandlung: üeber die Nothwendigkeit einer 
exacteren Beachtung der Gesammtcoustitution bei Beurtheilung 



und die Abweichungen der Gesammtteinperatur in Krankheiten. 163 

und Behandlung der Kranken, im Archiv der Heilkunde, 1860, 
Bd. 1, 97.) 

Dürfte auch dieses Alles mehr oder weniger zugegeben werden, 
so bleibt doch die Schwierigkeit, den Zusammenhang der Abwei- 
chungen der Gesammtwärme mit bestimmten Vorgängen des Ge- 
sammtverhaltens aufzudecken. Auf welchen maassgebenden Be- 
dingungen beruht er? Woher kommt es, dass unzweifelhafte Stö- 
rungen des Gesammtorganismus die Eigenwärme nicht alteriren, 
andere dagegen mit der grössten Sicherheit eine Abweichung be- 
wirken ? Welches sind die wesentlichen Punkte , auf welchen diese 
Differenz beruht? Wo liegen die Motive für die Wärmeverände- 
rung? Wo die Regulatoren , welche dieselbe selbst in Krankheiten 
in einer bestimmten Bahn erhalten ? Nach meiner Meinung sind alle 
diese Fragen nicht spruchreif und wir haben uns vorderhand zu be- 
gnügen, aus einem reichen Erfahrungsmaterial die empirischen Regeln 
zu abstrahiren. Aber nur ein sorgfältiges und umsichtiges Studium 
des speciellsten Details setzt uns in den Stand , aus demselben die 
allgemeinen Thatsachen, welche die Normen des krankhaften Ge- 
schehens darstellen, herauszuheben. 



11* 



YII. 

Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 
verbundenen constitntionellen Vorgänge. 

1. Die Anomalie der Eigenwärme besteht bei vielen krankhaften 
Zuständen in nichts als in einer grösseren Beweglichkeit der 
Temperatur. Geringe Einflüsse bringen leichter und in beträcht- 
licherem Maasse Abweichungen von der Normalwärme hervor,, die 
Tagesfluctuationen haben grössere Excurse, zufällig hinzutretende 
kleine Störungen des Befindens verbinden sich mit ungewöhnlichen, 
wenn auch kurzdauernden Steigerungen , auch wohl mit ebensolchen 
Niedergängen der Temperatur und scheinbar ganz spontane, in ihren 
Motiven nicht erkennbare Erhöhungen und Erniedrigungen der 
Eigenwärme als vereinzelte oder völlig regellos sich wiederholende 
Ereignisse treten auf, verschwinden aber wieder ebenso unmotivirt, 
wie sie entstanden waren. 

Die Krankheitszustände , in welchen sich dieses Verhalten der 
Eigenwärme zeigt, sind sehr zahlreich. Es sind nicht nur entschie- 
dene, nachweisbare und benennbare Erkrankungen, sondern eine 
grosse Anzahl von Verhältnissen , bei welchen sich keine genaue 
Diagnose- machen lässt oder Gesundheitsstörungen nur vermuthet 
werden können : Fälle von Kränklichkeit , allgemeiner Reizbarkeit, 
anhaltender üebermtidung, leichten Störungen in allen Functionen, 
unvollkommener Verdauung , ungenügender Respiration , Reconvales- 
cenzen etc. Die wirklichen und ausgebildeten Erkrankungen sind 
vornehmlich chronischer Art , von gleichmässigem Verlaufe oder von 
solch massiger Entwicklung , dass es zu stärkeren Wärmeanomalien 
noch nicht gekommen ist ; oder es sind die nicht ganz reinen Pausen 
zwischen intensiven Krankheitserscheinungen oder die nicht völlig ge- 
heilten Residuen verschiedener AfFectioneu ; oder es sind auch kurz 



Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung etc. 165 

dauernde Erkrankungen von sehr massigem Belang oder endlich 
frische Störungen nicht typischer Art, welche gar nicht oder erst bei 
Steigerung dauerndere und stärkere Temperaturabweichungen be- 
dingen. 

. 2. Sehr häufig findet sich kürzere oder längere Zeit hindurch 
eine Temperaturabweichung in der Weise , dass die Eigenwärme bei 
einem Menschen anhaltend oder nur bei den abendlichen Steige- 
rungen um ein geringes die Normalwärme übersteigt. 
Die eben besprochene vermehrte Beweglichkeit und die vereinzelten 
unmotivirten Steigerungen können noch daneben sich zeigen. Auch 
dieses Verhalten kommt bei unausgesprochenen Gesundheitsstörungen, 
bei Reconvalescenten (namentlich nach Gelenkrheumatismus), bei 
lentescirenden Affectionen der verschiedensten Art vor, z. B. bei 
Phthisischen ausser der Zeit der Exacerbationen , sowie bei vielen 
massigen acuten und vornehmlich atypischen Erkrankungsformen. 

Viel seltener ist es , dass eine ähnliche Abweichung nach ab- 
wärts stattfindet, die Temperatur fortwährend oder doch wenigstens 
in den Morgenstunden subnormal ist. Diess schliesst nicht aus, 
dass mit oder ohne bekannte Gründe zuweilen Steigerungen zwischen 
laufen. Auch dieses Verhalten findet sich bei chronischen , lentes- 
cirenden Affectionen , aber vorzugsweise mit dem Character der Ina^ 
nition , bei Marastischen , Krebskranken , Diabetikern , bei hochgra- 
diger Anämie , nur ausnahmsweise bei Phthisischen , nach Williams 
(Med. times 1867, Nr. 896) bei Geisteskranken, sowohl im Depres- 
sionsstadium , als bei chronischen , uncomplicirten , aber unheilbaren 
Formen, nach Wolf f (Zeitschrift für Psychiatrie XXIV. Heft 4) vor- 
nehmlich bei der Melancholia attonita. 

3. In unmerklichem Anschlüsse an diese wenig hervortretenden 
Temperaturabweichungen, d. h. angränzendan sie durch Mittelglieder, 
welche man auf die eine oder auf die andere Seite ziehen kann, 
können sich die constitutionellen Vorgänge , die mit Abweichung der 
Eigenwärme verbunden sind, zucharacteristischen ausge- 
bildeten Formen gestalten , die meist auch zeitlich strenger als 
jene , sogar gewöhnlich mit der grössten Schärfe von dem Gange des 
gesunden Lebens geschieden sind. 

Solche fixirtere generelle Formen , in welchen sich Constitu- 
tionsanomalien , bei denen die Temperaturabweichung wesentlich be- 
theiligt ist, darstellen, sind : 

der Fieberfrost, 



1(J6 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

die Fieberhitze, 

der Collaps. 

Es wäre sehr irrig, zu meinen, dass die Temperaturab- 
weichungen das Einzige seien, was diese pathologischen Vorgänge 
charakterisire. Jeder derselben bildet einen Complex von zahl- 
reichen , mehr oder weniger essentiellen Erscheinungen : jeder der- 
selben ist ein Verhalten des Gesammtkörpers , an welchem jedes 
Organ und jeder Punkt des Körpers seinen Antheil hat , und dieser 
Antheil bietet unendlich viele Seiten dar. Die Physiologie des 
Fieberfrostes, der Fieberhitze und des Collapses ist so umfangreich 
und kann so wenig erschöpft werden , wie die Physiologie des ge- 
sunden Menschen , ja sie kann es noch ungleich weniger, weil ihr die 
Unterstützung durch das Experiment fast ganz abgeht. 

Es ist hier vornehmlich die Aufgabe, den Antheil der Tempera- 
turverhältnisse an diesen Complexen zu betrachten. Von dem übrigen 
Verhalten ist nur das zum Verständniss Nothwendigste anzuführen. 

4. Bei dem Fi eher froste ist bei seiner vollkommenen Aus- 
bildung und in den gewöhnlichen Fällen die Gesammtwärme des 
Körpers sehr beträchtlich gesteigert (beträgt in der Regel nahezu 
oder über 40 O) ; dagegen zeigt die Haut der vom Rumpfe entfern- 
testen Theile der Extremitäten (Hände und Vorderarme , Füsse und 
Unterschenkel) , ebenso ein Theil des Antlitzes (Nase , Kinn, Ohren, 
oft auch Stirne) gemeiniglich eine mehr oder weniger erhebliche Er- 
niedrigung der Temperatur. Neben diesem Contrast der hohen Rumpf- 
und Gesammtwärme mit der Kälte der bezeichneten Theile wird ein 
subjectives Kältegefühl meist von äusserst hohem Maasse empfunden. 
Hiermit verbunden sind mehr oder weniger zahlreiche weitere Er- 
scheinungen , am constantesten Bleichheit der Haut mit cyanotischer 
Färbung der Nägel und einiger anderer Theile , automatische und 
konvulsivische Bewegungen (Gähnen, Zähneklappern, Zittern etc.), 
Durst, Kopfschmerz und schweres üebelbefinden , blasse wässrige 
Beschaffenheit des Harns. 

Die Erscheinungen des Fieberfrostes treten in der Regel im 
Anfang einer fieberhaften Krankheit oder eines Fieberanfalls ein ; 
aber keineswegs genau mit dem Beginne des Steigens der Rumpf- 
temperatur , vielmehr geht ihnen die Zunahme der Rumpftemperatur 
eine kurze Zeit voran. (Siehe Fig. 2.) Wenn diese bald nur massig, 
bald nahezu 2 ^ über ihre frühere Höhe (mag diese normal , subnor- 
mal oder subfebril gewesen sein) sicherhoben hat, während die Wärme 
-an den Enden der Extremitäten und an einzelnen Antlitzstellen dieser 



verbundenen eonstitutionellen Vorgänge. 



167 



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Steigerung nicht folgte, selbst ins Fig. 2. 

Sinken gelangt ist, beginnen die 
Frosterscheinungen und nehmen mit 
der weiteren Steigerung der Rumpf- 
temperatur an Intensität so lange zu, 
bis die Erwärmung sich allmälig 
auch über Finger, Zehen und Nase 
ausgedehnt hat. Damit verlieren 
sich allmälig die Frosterscheinungen 
wieder. In der ersten Zeit nach 
Aufhören derselben können sie je- 
doch rasch zurückgerufen werden, 
sobald durch Entblössung der Hände, 
Arme oder Füsse an diesen Theilen 
eine rasche Abkühlung hervorge- 
bracht wird. 

Wenn früher oder später die Temperatur, welche bald im Froste 
selbst, bald in der nachfolgenden Hitzperiode ihr Maximum erreicht, 
wieder fällt , so tritt , mag diess Sinken langsamer oder rapid ge- 
schehen , mag die Normalwärme erreicht werden oder nicht , oder 
selbst überschritten werden und das Fallen bis zu Collapsgraden vor- 
schreiten , in der Regel keine Spur von Frostempfindungen und son- 
stigen dem Fieberfrost angehörigen Phänomenen ein. 

Diess ist das gewöhnliche Verhalten des Fieberfrostes, vornehm- 
lich in den Fällen , in welchen er zu seiner vollen und ausgezeich- 
netsten Entwicklung kommt und einen abgegränzten Verlauf von 
*/2 — 2 Stunden Zeitdauer zeigt. Dieses Verhalten ist es auch vor- 
zugsweise , welches bei den verschiedenen theoretischen Erklärungs- 
versuchen in's Auge gefasst worden ist. 

Man darf aber bei Beurtheilung des Fieberfrostes nicht seine 
wenn auch selteneren Modificationen , seine geringen Anfänge und 
Andeutungen und seine unvollkommenen Formen übersehen,- bei 
solchen werden häufig gerade diejenigen Momente ganz vermisst, von 
welchen aus man die Deutung des Vorgangs versucht hat. 

So muss man jener fieberfrostartigen Erscheinungen sich er- 
innern , welche zuweilen ohne alle Temperaturveränderung bei sehr 
nervösen Individuen eintreten (nervöser Frost). Freilich sind Letz- 
tere in ihrem Verhalten unberechenbar: die Erfahrungen an ihnen 
können daher wenig Beitrag zur positiven Deutung der Phänomene 
liefern ; aber sie zeigen wenigstens , dass auch ohne objective 



Iß8 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

Temperaturabweichung alle übrigen zum Fieberfrost gehörigen 
Symptome sich herstellen können. 

An sie schliessen sich die Fälle an , bei welchen nach irgend 
einem plötzlichen Eindruck auf sensible Stellen , am häufigsten beim 
Catheterismus , ein heftiger Schüttelfrost ausbricht: auch hiebet 
fehlen objective Temperaturabweichungen oder sind sie wenigstens 
geringfügig , und es können daher auch diese Fälle zum nervösen 
Frost gerechnet werden. 

Ebenso zeigen sich zuweilen Frosterscheinungen unmittelbar 
nach der Einführung toxisch wirkender Substanzen in die Circulation 
ohne wesentliche objective Temperaturabweichung. 

Auch diese Fälle zeigen , dass die Frostempfindung und andere 
den Fieberfrost begleitende Erscheinungen keineswegs mit Nothwen- 
digkeit an eine bestimmte Art der objectiven Temperaturabweichung- 
gebunden sind. 

Auch bei den Andeutungen und bei rudimentärer Entwicklung 
eines wirklichen Fieberfrostes (Frösteln, Schaudern, Rieseln und dgl.) 
fehlt oft genug, während die Temperatursteigerung am Rumpf rasche- 
Fortschritte macht, die objective Kälte der Extremitäten, oder ist sie- 
wenigstens sehr beschränkt. Es fehlt oft die Blässe der Haut ; es 
ist überhaupt zuweilen an dem Individuum objectiv nichts zu be- 
merken, als seine noch nicht lange bestehende Erhöhung der Rumpf- 
temperatur , während er entschiedene Frostempfindungen hat und^ 
diese bei reizbaren Persönlichkeiten durch massige ungünstige Ein- 
flüsse leicht bis zum heftigeren Froste excediren können. 

Sodann kommen aber auch zuweilen Fröste vor bei fallender 
Temperatur: Collapsfröste , welche jedoch meistens nur unvoll- 
kommen ausgebildet sind oder noch andere Gründe als das Fallen 
der Eigenwärme haben , vermuthlich gleichfalls der Hauptsache nach 
nervöse Fröste sind. 

Es kommen ferner Frostanfälle vor, welche mitten in einer 
hochgesteigerten Temperatur eintreten, zuweilen ohne alle weitere 
Veranlassung und ohne dass an den Extremitäten ein Kaltwerden sieb 
zu zeigen braucht, z. B. bei Pyämischen. Ueberhaupt aber kann man 
bemerken , dass bei hoher Temperatur , namentlich in Perioden der 
Krankheit, in welchen noch eine Zunahme des Processes besteht^ 
Frostempfindungen eher eintreten, als in den Zeiten, wo sich die Ab- 
heilung vorbereitet oder im Gange ist. Je näher eine Erkrankung 
ihrem Beginne ist , um so mehr werden Entblössungen des Körpers^ 
Zugluft und dergl. lästig empfunden und bei empfindhchen Individuen 



verbundenen constitutiouellen Vorgänge. Ig9 

kann in solcher Periode der Krankheit sehr leicht trotz der hochge- 
steigerten Temperatur plötzlich ein Frostanfall sich einstellen. 

Sehr vollständige Frostanfälle können ferner sich zeigen , wenn 
die Temperatur zwar rapid steigt , aber dabei von abnorm niederen 
Graden ausgeht und noch keineswegs das Niveau der Normaltem- 
peratur überschreitet. Ich habe Fälle von chronischer Inanition ge- 
sehen , bei welchen sozusagen habituell CoUapstemperaturen von ca. 
Bb^ bestanden, aber jeden Abend eine Erhebung um 2 — 3 <* er- 
folgte^ wobei die Temperatur nur eben bis zur Normalhöhe der Ge- 
sunden gelangte. Diese Erhebungen waren sehr gewöhnlich von 
starker Frostempfindung, Schütteln und Zähneklappern und allen 
Erscheinungen des Fieberfrostes begleitet, trotzdem, dass die Wärme- 
erhebung nur eine relative war. 

Andererseits ist nicht ausser Acht zu lassen, dass das Ansteigen 
der Rumpftemperatur ebenso rapid und beträchtlich erfolgen kann, 
wie im Schüttelfrost , ohne dass eine subjective Frostempfindung da- 
bei eintritt oder auch ohne dass überhaupt ein weiteres Phänomen das 
Steigen der Temperatur verräth. Solche blosse Temperaturanfälle 
kann man sehr häufig noch 1 oder 2 mal bemerken, nachdem durch 
Chinin ein Wechselfieber scheinbar coupirt ist; man bemerkt sie 
ferner bei den ephemeren Fieberanfällen der Reconvalescenten und 
unter manchen andern Umständen. Die Temperatursteigerung kann 
ganz wohl bis auf 41^ gehen, rasch und genau wie beim Schüttelfrost 
diese Höhe erreichen und beim Wechselfieber ebenso wie in den frühe- 
ren durch Schüttelfrost angezeigten Anfallen rapid wieder sinken. 

Dessgleichen wird objective Kälte an den Vorderarmen und 
Händen , an den Unterschenkeln und Füssen oft genug bei mehr oder 
weniger hochteoperirtem Rumpf beobachtet , ohne dass die geringste 
Frostempfindung sich zeigt. 

Also nicht die Kälte der entfernten Extremitätentheile ist es an 
sich, was das Frostgefühl und die übrigen Erscheinungen des Fieber- 
frostes bedingt. Die Kälte der Extremitäten kann sehr beträchtlich 
sein, ohne dass Fieberfrost eintritt; sie fehlt (was freilich mit den 
einseitigen Behauptungen Mancher im Widerspruch ist) ganz ent- 
schieden nicht selten, trotzdem dass Fieberfrost besteht. 

Auch nicht die Höhe der Rumpftemperatur bedingt den Fieber- 
frost. Die Rumpftemperatur kann sehr beträchtliche Höhen, die- 
selben Höhen wie beim Fieberfrost zeigen ohne dieses Phänomen. 
Und andererseits kann Frost eintreten in Fällen, in welchen die 
Rumpftemperatur nur bis zur Normalhöhe oder wenig darüber gelangt. 

Auch von dem Contrast zwischen niederer Temperatur der 



170 I^iö generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

Extremitäten und hoher des Rumpfes hängt allein der Frost nicht ab. 
Dieser Contrast kann sich bei Collapsen im selben Maasse zeigen ohne 
jegliche Frostempfindung. Er fehlt beim nervösen Frost. 

Viel wichtiger und wirksamer für die Entstehung der Frost- 
phänomene scheint es allerdings zu sein, wenn die Differenz zwischen 
Kälte der Hände und Füsse und Rumpftemperatur zunehmend und 
rasch sich herstellt. Nicht wenn Hände und Füsse kalt werden, 
während der Rumpf längst fieberheiss ist , sondern wenn im Rumpfe 
die Temperatur rapid steigt, während an den Händen und Füssen 
dieses Steigen noch nicht eintritt, ja sogar die Temperatur noch sinkt, 
stellt sich der Frost ein ; vornehmlich aber wenn neben dem rapiden 
Steigen der inneren Temperatur rasch der Körperoberfläche und 
namentlich den Extremitäten Wärme in grösserer Menge entzogen 
wird , erfolgt augenblicklich der Frost. Personen mit beginnendem 
intensiven Fieber werden sehr gewöhnlich von dem heftigsten Fieber- 
froste befallen, wenn sie sich zu Bett legen und das kalte Bett durch 
Wärmeentziehung sehr rasch ihre Körperoberfläche beträchtlich ab- 
kühlt, somit der Contrast zwischen innerer Wärme und umfänglicher 
Kälte an der Peripherie sehr rapid gesteigert wird. 

Doch auch die Rapidität der Zunahme der Differenz von äus- 
serer und innerer Temperatur ist nicht vollkommen durchschlagend 
und es giebt Frostanfälle bei normaler oder abnormer Temperatur, 
bei welchen sich während des Frostanfalls nichts in der Eigenwärme 
ändert (nervöser Frost). 

Alles diess weist unwiderleglich daraufhin, dass der Fieber- 
frost ein Complex von Erscheinungen ist, dessen einzelne Theile: 
Temperaturabweichung, Empfindungen und übrige functionelle Phä- 
nomene keineswegs parallel gehen , also auch nicht mit Nothwendig- 
keit von einander abhängig sein können. Je vollkommener, so zu 
sagen normaler der Vorgang ausgebildet ist, um so vollständiger sind 
auch alle Elemente des Complexes vorhanden und entwickelt, aber 
jedes derselben kann fehlen , während die übrigen sehr stark in die 
Erscheinung treten. 

In den Fällen von Fieberfrost , bei welchen er unter rapider 
Steigerung der Rumpftemperatur bis zu beträchtlich febrilen oder 
höheren Graden stattfindet , ist er gewöhnlich von kürzer oder länger 
dauernder Fieberhitze gefolgt. Bei den übrigen Formen des Fieber- 
frostes kann diese eintreten oder ausbleiben. 

5. Die Fieberhitze kann an den Frost oder an geringes 
Frösteln sich anschliessen ; sie kann aber auch ohne jede Andeutung 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. 171 

«Ines solchen aus der Norraaltemperatur sich entwickeln. Letzteres 
Verhalten ist um so wichtiger , da man aus demselben ersehen kann, 
■dass der Fieberfrost nicht einen Schlüssel zur Deutung des Fiebers 
tiberhaupt zu liefern vermag. 

Bei der Fieberhitze ist zuweilen gar nichts Anderes für unsere 
Beobachtungsmittel nachzuweisen , als eine erhöhte Temperatur , und 
zwar nicht ganz selten eine um 2 bis 3 <^ und mehr sich erhebende 
Steigerung (z. B. bei den ephemeren Fieberanfällen der Reconvales- 
<5enten , bei Temperaturparoxysmen , nach der scheinbaren Heilung 
4es Wechselfiebers etc.). Es kann in diesen Fällen jedes subjective 
Uebelbefinden, Durst, Ermüdung (wenigstens wenn der Mensch im 
Bette liegt), jede Beschleunigung oder Veränderung des Pulses, jede 
Abweichung der peripherischen Circulation , der Respiration , jede 
Aenderung in den Secretionen, in den Functionen des Nervensystems 
gänzlich und absolut fehlen : Thatsachen, welche jeder mit der Ther- 
mometrie der Kranken umfänglich sich Beschäftigende constätirt 
haben muss, Thatsachen, welche von äusserstem Werth für die theo- 
retische Auffassung sind. 

In andern Fällen sind neben Temperatursteigerung verschieden- 
sten Grades zwar Andeutungen sonstiger Störungen vorhanden , die 
-aber ihrer Geringfügigkeit wegen leicht übersehen werden können ; 
mindestens steht das Phänomen der abnormen Wärmeerhebung in 
gar keinem Verhältniss zu den sonstigen Erscheinungen. 

In beiden Reihen von Fällen zeigt sich, dass, wenn die Tempe- 
ratur bei völliger Ruhe und bei Abwesenheit von äusseren Einwir- 
kungen nur eine mittlere Steigerung erreicht, sie häufig sofort zu 
bedeutender Höhe wächst, sobald functionelle Anstrengungen oder 
stärkere äusserfe Einflüsse zur Wirkung kommen, und dass dann meist 
-auch ein Complex von weiteren Erscheinungen sich anschliesst. 

Im Gegensatz zu diesen Fällen mehr oder weniger isolirter 
Temperatursteigerung ist jedoch in der grossen Mehrzahl der Erkran- 
kungen neben der erhöhten Temperatur ein Complex von weitern 
Befindensstörungen, functionellen Anomalien, Ernährungsabweichun- 
gen zu beujerkeu. Am auffälligsten sind die Veränderungen des Pul- 
ses, der Harnsecretion. welche spärlich und dabei concentrirt wird, 
auch der Respiration, ferner das Gefühl der subjectiven Hitze, des 
Durstes und der Appetitlosigkeit, der Kraftlosigkeit und des Unbe- 
hagens , die Störung des Schlafes und der freien Verfügbarkeit der 
Gedanken , wie der Muskelthätigkeit , die Unfähigkeit zu verdauen, 
die Abnahme der Blutkörperchen und des Körpergewichts : diess sind 
die Erscheinungen , welche auch ohne specielle Erkrankung der bei 



172 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

ihnen interessirten Organe die krankhaft erhöhte Temperatur ge- 
wöhnlich begleiten und welche man mit dem Namen des Fiebers 
zusammenfasst. 

Aber es ist gegenüber von manchen anders lautenden Behaup- 
tungen mit der grössten Bestimmtheit hervorzuheben , dass zwischen 
der Höhe der Temperatur einerseits und der Art und dem Grade der 
übrigen Erscheinungen andererseits weder im Ganzen, noch hinsicht- 
lich einzelner Phänomene irgend ein Parallelismus zu bestehen braucht,, 
dass also weder das Gefühl der Niederlage , noch das des Durstes,. 
noch die Beschaffenheit und Frequenz des Pulses , noch die Blässe 
und Injection der Haut , noch deren Secretionen , noch die Respira- 
tionsfrequenz, noch die Beschaffenheit und Menge des Harns und sei- 
ner einzelnen Bestandtheile, noch die Functionen des Nervensystems^ 
noch endlich die Abnahme des Körpergewichts in irgend einem all- 
gemeinen graduellen Verhältniss mit der Temperatursteigerung zu 
stehen brauchen. Nur für einzelne Krankheitsformen lässt sich zu- 
weilen eine Beziehung zwischen der Höhe der Eigenwärme und die- 
sen oder jenen sonstigen Erscheinungen , so lange der Verlauf ein 
normaler ist, feststellen ; aber die bei einer speciellen Krankheitsfqrm 
gewonnenen Erfahrungen und Regeln lassen sich durchaus nicht auf 
eine andere Krankheitsform ausdehnen. 

Diese Nichtcongruenz der Temperaturhöhe mit den sonstigen 
Manifestationen einer fieberhaften Krankheit könnte zu der Ansicht 
führen , dass jene überhaupt kein oder nur ein irreleitender Maass- 
stab für die Vorgänge im Gesammtorganismus sei ; aber die Erfah- 
rung zeigt, dass und in welchen Krankheitsverhältnissen eine sorg- 
fältige Beachtung der Temperatur und ihres Ganges ungleich sicherere 
Anhaltspunkte für den Gang der Gesammtkrankheit liefert, als irgend 
ein anderes Phänomen , ja selbst als der ganze Complex der übrigen 
das Fieber constituirenden Phänomene. Jedes theoretische Bedenken 
muss vor dieser einfachen empirischen Thatsache schweigen , selbst 
wenn man sie in keiner Weise zu erklären vermag. 

In der Fieberhitze zeigt sich zwar gewöhnlich eine allgemein 
erhöhte Temperatur, aber diese schliesst nicht aus, dass einzelne 
Theile des Körpers wärmer erscheinen und sein können , als andere. 
Nicht nur der Rumpf im Gegensatz zu den Extremitäten , an denen 
eine stärkere Abkühlung stattfindet, zeigt eine relativ höhere Tem- 
peratur, sondern man bemerkt auch umgekehrt eine solche häufig am 
Kopfe, an den Ohren, Wangen, Händen, besonders an deren Innen- 
fläche. Nicht nur wird die erhöhte Wärme dieser Theile oft früher 
fühlbar , als an andern Stellen , contrastirt gegen die noch gering- 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. 173 

fügige Steigerung der Rumpftemperatur, so in den Fällen nament- 
lich , in welchen die Fieberhitze ohne vorhergehenden Frost sich ent- 
wickelt, sondern es beschränkt sich bei massigen Fieberbewegungen 
die erhöhte Wärme häufig oder fast ganz auf jene Theile , welche 
genau dieselben sind , die im Fieberfroste kalt zu erscheinen pflegen. 

Der Grad der Temperaturhöhe kann bei der Fieberhitze ein 
sehr verschiedener sein : diess hängt , wie noch später auseinander- 
zusetzen ist, nicht allein von der Intensität der Erkrankung ab, son- 
dern ganz wesentlich von der Krankheitsform , in der Weise dass bei 
gewissen Krankheitsformen, wenn sie auch noch so mild und gutartig 
sind , die Eigenwärme Höhen erreicht , die bei andern niemals oder 
nur bei ungewöhnlicher Intensität des Falls vorkommen. Es müssen 
demnach wenigstens zum Theil in der Specifität des Processes der 
wesentlichen Erkrankung die Bedingungen für das Niveau der Tem- 
peraturhöhe liegen. 

Eine starke Schweisssecretion mindert gewöhnlich die Fieber- 
hitze beträchtlich; ja es kann an stark schwitzenden Stellen die 
Temperatur der Haut unter die Normal wärme fallen. Aber es ist 
diess ein localer Effect und es hängt ganz von den Umständen ab, 
ob damit die erhöhte Blutwärme selbst sich verringert oder in glei- 
chem Maasse fortdauert, oder wenigstens mit dem Aufhören des 
Schweisses zur alten Höhe zurückkehrt. 

Es giebt Fälle mit vorzugsweise enorm gesteigerter Tempera- 
tur, welche nach vielen Beziehungen von dem Verhalten, welches die 
Fieberhitze zeigt, abweichen. Es sind, wenigstens zum Theil, 
Erkrankungen , bei welchen gewöhnlich gar keine oder nur geringe 
Fieberhitze besteht und es tritt die enorme Steigerung nur beim 
Herannahen des tödtlichen Endes ein; die subjectiven Erscheinungen, 
welche sonst die Fieberhitze begleiten , fehlen ; die Functions- 
äusseruugeu des Herzens zeigen den Anfang der Lähmung an ; in 
dem Harn mangeln die Producte reichlicher Umsetzung. Es bleibt 
fraglich , ob man solche Fälle nur als die höchst gesteigerten Grade 
der Fieberhitze ansehen soll , wogegen ihre nicht seltene rapide Ent- 
wickelung aus fieberlosen Zuständen zu sprechen scheint, oder ob sie 
vielleicht der Categorie des Fiebers überhaupt fremd sind. 

6. Der Collaps tritt bald isolirt, bald inmitten der Fieber- 
"hitze des verschiedensten Grades , besonders häufig bei ihrem Nach- 
lasse , selten während des Fieberfrostes ein, obwohl er mit dem letz- 
■tern mannigfache Erscheinungen gemein hat. 

Der Collaps ist keine Krankheit, so wenig als der Fieberfrost 



174 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

oder die Fieberhitze; er ist ein mehr oder weniger isolirter Vorgang» 
eingeschoben in einen Krankheitsverlauf; er kann aber, wenn er bei 
einem Kranken eine gewisse Höhe erreicht , temporär für sich alle 
Aufmerksamkeit absorbiren, alle Hülfleistungen allein in Anspruch 
nehmen und die ganze wesentliche Krankheit für den Augenblick mit 
Recht ausser Beachtung setzen. 

Er ist ohne Zweifel ein sehr materiell begründeter Vorgang, 
aber kein solcher, über den die directe anatomische Untersuchung 
vorläufig Aufschluss zu geben vermag. 

Er ist wie Frost und Fieberhitze eine Gesammtstörung , eine 
Störung des Gesammtorganismus. Trotz seines Charakters als wesent- 
licher Constitutionsanomalie tritt die Temperaturabweichung bei ihm, 
wie oft bei Fieberfrost und Fieberhitze, zuerst örtlich ein , giebt sich 
nur an einzelnen Theilen kund, und erst bei vollständiger Ausbildung 
scheinen seine Aeusseruugen über den ganzen Körper verbreitet. 

Der Collaps ist flüchtiger, ereignissartiger , als Fieberhitze und 
selbst als Frost, und selbst wenn er verhältnissmässig sehr protrahirt 
ist, bildet er nur eine Episode oder einen Schlussact von verhältniss- 
mässig kurzer Dauer. 

Er ist der Fieberhitze in vielen Erscheinungen entgegengesetzt, 
aber er ist seinem Wesen nach keineswegs deren Gegensatz, denn er 
kann mitten in der Fieberhitze eintreten, und das Fieber, wenn 
auch durch ihn modificirt, kann seinen weitern Verlauf neben ihm 
nehmen. 

In den leichtesten Graden des Collapses hat der Kranke keine 
besondern Klagen , sein Aussehen hat sich gegen die vorhergehende 
Zeit nicht wesentlich verändert, das Fieber kann fortbestehen oder 
aufgehört haben , man findet nichts im Pulse, nichts in der Respira- 
tion, nichts an dem ganzen Verhalten abweichend von früher ; aber 
die Nase, die Wange ist kalt, oft nur stellenweise, einseitig ; auch an 
der Stirn , an den Ohren , an den Händen und Füssen ist die Kälte 
häufig zu bemerken. Obwohl die Circulation an diesen Theilen nicht 
nothwendig augenfällig verändert zu sein braucht, obwohl nicht 
immer eine grössere äussere Kälte auf sie eingewirkt hat , als auf 
den übrigen Körper, ist ihre Eigenwärme oft ohne Kenntniss des 
Kranken erheblich vermindert. 

Von diesen ersten und leichtesten Graden geht es in unmerk- 
lichen Abstufungen und Steigerungen und unter Hinzutreten von mehr 
und mehr zahlreichen und schweren andern Erscheinungen weiter 
bis zu den äussersten Graden des Collapses , in welchen der Kranke 
bleich , eingefallen , regungslos und fast ohne Lebensäusserungen, 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. X75 

einer Leiche ähnlich und demnächst in Wirklichkeit eine Leiche , da 
liegt, sozusagen eiskalt an Kopf und Gliedern, zuweilen auch am 
Rumpfe, mit kaum fühlbarem Puls, ungenügenden Herzcontractionen, 
kaum merklichem Athmen , ohne allen Turgor der Haut , die trotz- 
dem oft noch überzogen und gebadet ist von einem reichlichen , in 
grossen Tropfen und Lachen stehenden Schweisse. 

Bald schon in den leichteren Graden , bald erst in den höheren 
sind beim Collapse unangenehme subjective Empfindungen zu bemer- 
ken, zwar kein Schmerz, kein Frost, aber häufig viel peinlichere 
Empfindungen : das Gefühl tiefster Schwäche und ünmacht mit Angst 
und Beklemmung, mit Zerschlagenheit der Glieder, dabei oft Durst, 
Schwindel, Verschwimmen der Gesichts- und Gehörseindrücke, der 
Gedanken. 

Collapse zeigen sich nicht selten im unmittelbaren Anschluss an 
einzelne Ereignisse, z. B. beim Erbrechen, bei starken diarrhoischen 
Entleerungen , nach Blutverlusten , nach Perforationen seröser Häute. 
Der Collaps hat in diesen Fällen nur insofern eine grössere Bedeu- 
tung, als und insoweit die Veranlassung zu seinem Eintritt eine Ge- 
fahr involvirt ; wo diess nicht der Fall ist , geht er fast immer ohne 
Nachtheil ziemlich rasch vorüber. 

Ebenso hängt die Bedeutung des Collapses, der die Unmacht 
zu begleiten pflegt, von der Art der Ursachen und von den sonstigen 
im Körper vorhandenen Störungen ab. 

Ganz ungemein heftig und protrahirt pflegt der Collaps in Fäl- 
len von Cholera zu sein , und zwar kommt er auch schon in den spo- 
radischen Erkrankungen bei Kindern wie bei Erwachsenen vor, noch 
mehr aber bei der epidemischen und infectiösen Cholera. 

Auch in" chronischen Krankheiten wird häufig ein vorüber- 
gehender oder protrahirter , nicht selten ein wiederholter Collaps 
beobachtet. 

Mehrfach eigenthümlich sind die Verhältnisse des Collapses, 
wenn er in acuten fieberhaften Erkrankungen eintritt. 

Sein Beginn ist dem Kranken bei solchen selbst meist nicht 
bemerklich ; nur zuweilen empfindet er ein leises Frösteln oder eine 
allgemeine ünbebaglichkeit ; erst wenn er höhere Grade erreicht, 
werden gewöhnlich widrige Gefühle des Uebelbefindens geklagt. 

In den leisesten Anfängen bemerkt man den Collaps nur an dem 
Kaltwerden der Nase , des Kinns , der Stirn und der Extremitäten. 
Sobald dagegen der Collaps höhere Grade erreicht, so wird das Ant- 
litz bleicher, zuweilen gelblich oder livid, und die oberflächlichen 
Gewebe haben die normale Spannung verloren. Das Antlitz erscheint 



]^76 ^^® generellen Formen der mit Wärmeabweichung - 

schlaff und eingefallen , die Augen liegen tief und die Züge sind ent- 
stellt; die Lage und die Bewegungen des Kranken sind kraftlos, 
seine Stimme ist schwach und ohne Klang, die Haut ist bald trocken, 
bald mit partiellen , zuweilen auch mit allgemeinen Schweissen be- 
deckt, die namentlich auf der Stirn oft in zahlreichen grossen Tropfen 
stehen. 

Während dabei die Extremitäten und das Antlitz mehr oder 
weniger kalt erscheinen , ist die Rumpftemperatur bald erhöht , bald 
normal oder vermindert. Dieser Unterschied ist der wesentlichste, 
doch darf die Beurtheilung nicht daran allein geknüpft werden, denn 
Collapse mit Temperaturverminderung, wie solche mit Erhöhung der 
Temperatur , können gefährlich werden , wenn gleich die einen in 
etwas anderer Weise, als die zweiten; jene wie diese können sich 
ausgleichen, und wiederum geschieht diess in verschiedener Weise. 

Die Collapse mit fallender Rumpftemperatur sind in fieberhaften 
Krankheiten die häufigsten und verlangen eine besonders sorgsame 
Beobachtung. Die zuvor mehr oder weniger hohe Temperatur sinkt 
nahe zu oder bis zu der Norm , sehr häufig selbst mehr oder weniger 
beträchtlich unter sie (meist zwischen 35 und 37 ö) und zwar. ge- 
wöhnlich rasch, binnen wenigen Stunden, oft sogar in noch kürzerer 
Frist. Die Temperaturabnahme kann im Laufe eines halben Tages 
6 — 8^ und selbst mehr betragen. Das Falleii unter die Norm kann 
nur wenige Stunden dauern , oder es kann sich mehrere Tage hin- 
ziehen und es kann darauf die Temperatur normal werden , oder zu 
mehr oder weniger beträchtlicher Fieberhitze steigen oder kann der 
Kranke im Collapse sterben. 

Solche Collapse mit fallender Rumpftemperatur kommen vor : 

in der Defervescenz , am häufigsten bei der Pneumonie , doch 
auch bei acuten Exanthemen und anderen Krankheiten , wobei sich 
häufig ein mehr oder weniger beängstigender , aber gänzlich gefahr- 
loser Zustand des Kranken herstellt; 

in den Remissionen, am häufigsten des abdominalen Typhus; 

beim Uebergang intermittirender Fieberaufälle in die Apyrexie, 
vornehmlich bei perniciösen Formen des Malariafiebers und bei Pyä- 
mischen ; 

im Frostanfalle, vornehmlich bei perniciösen Formen des Mala- 
riafiebers, auch anderen sehr schweren Krankheiten oder bei sehr 
reizbaren und schwächlichen Individuen ; 

als accidentelle spontane oder künstliche Epistrophe , besonders 
nach Blutungen , Erbrechen , sehr starken Darmausleerungeu , auch 
bei Magenüberfüllungen und Brechneigung , bei sehr starken Schmer- 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. 177 

zen, sehr rapiden und reichlichen Exsudationen und Schweissen, Per- 
forationen der Pleura oder des Peritonäums, Gerinnungen im Herzen ; 
l bei manchen Intoxicationen und in der algiden Periode der 
Cholera ; 

in der proagonischen Periode und in der Agonie selbst. 

Collapse mit hoher Rumpftemperatur kommen fast nur in 
schweren Fiebern vor und es scheint , dass gerade eine ungewöhn- 
liche Steigerung der Eigenwärme zu solchen Collapsen Geneigtheit 
«nd Veranlassung geben könne. 

S. über Collaps auch die folgenden Abschnitte , besonders aber 
meine Abhandlung: der Collaps in fieberhaften Krankheiten (1861 
Archiv der Heilk. II. 289). 

7. Fasst man das Verhältniss der Eigenwärme bei diesen drei 
generellen Formen der Gesammtstörung vergleichend zusammen, so 
-ergiebt sich Folgendes : 

Erhöht kann die Gesammttemperatur in allen Fällen sein : sie 
ist immer erhöht bei der Fieberhitze , meist erhöht bei dem Fieber- 
frost und häufig erhöht beim Collaps. 

Der Grad der Erhöhung giebt keinen Unterschied. 

Normale und subnormale Gesammttemperatur findet sich häufig 
beim Collaps, nur ausnahmsweise bei unvollkommenen Fällen von 
Fieberfrost. 

Kälte der entfernten' Extremitätentheile und des Antlitzes ist 
beim Collaps stets, beim Fieberfrost in der Regel vorhanden. 

Das rapide Zunehmen der Rumpftemperatur neben Kälte der 
Extremitäten ist in der Regel mit Frost verbunden. 

Das rapiide und sehr beträchtliche Fallen der Rumpftemperatur 
ist häufig mit Collaps verbunden. 

Das Zurückgehen der Wärme an einzelnen Stellen bei Erhal- 
tung hoher Rumpftemperatur gehört dem Collaps an. 

8. Die Deutung und theoretische Erklärung aller dieser Ver- 
schiedenheiten des Verhaltens stösst auf ganz unüberwindliche Schwie- 
rigkeiten. 

Die Erklärungsversuche haben sich bis jetzt allenthalben mit 
der Theorie des „Fiebers" beschäftigt und das interessante und 
praktisch so wichtige Verhalten des Collapses dabei ignorirt. 

Aber auch bei den Deutungs versuchen des Fiebers ist man viel- 
fach ziemlich einseitig verfahren. Manche, von der Annahme aus- 
gehend , Fieber sei identisch mit Temperatursteigerung , haben nur 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 12 



178 ^^^ generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

die Letztere bei ihren Theorien berücksichtigt. Jene Annahme ist. 
aber sowohl logisch, als factisch zurückzuweisen. Andere haben 
bald den Fieberfrost, bald die Fieberhitze einseitig zum Gegenstand 
ihrer Explicationen gemacht und dadurch nur einseitige Vorstellungen 
gewinnen können. Noch Andere haben sich durch das Verhalten; 
sehr vollständig entwickelter Fieber zu gewissen Annahmen bestim^ 
men lassen, welche mindestens für die unvollkommeneren Formen 
nicht zutreffen. 

So unendlich die praktische Beurtheilung fiebernder Kranker 
durch die Beachtung der Temperaturverhältnisse gewonnen hat, so 
könnte man doch zweifeln , ob die Theorie des Fiebers durch die 
thermometrischen Bemühungen eine wesentliche Förderung erlitten 
habe ; man könnte daran zweifeln , wenn man bemerkt , wie ausein- 
andergehend und entgegengesetzt gerade seither wieder die Vorstel- 
lungen geworden sind , wie einseitig manche Theorien in offenbarem 
Widerspruch mit den alltäglichen Thatsachen stehen und wie sehr 
die Neigung noch vorhanden ist, den so oft in der Medicin betre- 
tenen Irrweg wieder einzuschlagen und das vielfältige Geschehen 
im Organismus mit einer einfachen und kurzen Formel decken zu 
wollen. 

Ehe man den Hauptaccent bei den fieberhaften Erscheinungen 
auf die erhöhte Wärme legte , drängte eine unbefangene Betrachtung 
der zum Fieber gerechneten Erscheinungen dahin , dass das Nerven- 
system der Vermittler der meisten derselben sein müsse. (Siehe 
meine Abhandlung: das Fieber, 1842, Archiv für physiolog. Heil- 
kunde IL p. 6.) 

Nachdem die Temperaturbeobachtungen die grosse Bedeutung^ 
der Eigenwärme in den fieberhaften Zuständen unwiderleglich gezeigt 
hatten, entsprach die Darstellung, welche Vir chow (1854 in sei- 
nem Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie I. p. 33 ff.) 
von dem Zusammenhang der Verhältnisse gab, wohl am vollkom- 
mensten den allgemeinen Ansichten , indem er die Temperatursteige- 
rung als die constanteste Erscheinung des Fiebers bezeichnete, sie 
auf eine vermehrte Verbrennung der Blutbestandtheile zurückführte,, 
zugleich aber hervorhob , dass die Temperatursteigerung im Fieber 
nicht blos Temperatursteigerung, sondern Temperatursteigerung aus 
einem besondern Grunde sei , und dass dieser Grund nirgends anders- 
liegen könne, als im Nervensystem. 

Diese Auffassungsweise hat wohl ziemlich allgemein befriedigt,, 
und die Zimmermann' sehe Zurückführung der Fieberhitze auf 
locale Entzündungsheerde wurde so gut wie nicht beachtet. Das Fie- 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. 179 

ber galt als ein Vorgang, bei welchem durch allgemein vermehrten 
Stoffverbrauch eine erhöhte Wärmemenge producirt wird, und der 
Einfluss des Nervensystems auf diese Vorgänge konnte zwar nicht 
präcis nachgewiesen werden, blieb aber doch unbestritten. 

Cl. Bernard hat in einem Artikel über das Fieber (1859 mit- 
getheilt in der allgem. Wiener med. Zeitung No. 23 und 24) seine 
Erfahrungen über die Folgen der Sympathicusdurchschneidung auf 
die Wärme der Theile für die Erklärung des Fiebers nutzbar zu 
machen gesucht. Er ist der Ansicht , dass das Fieber, welches auch 
sein Ursprung sein möge , als eine rein nervöse Erscheinung betrach- 
tet werden müsse und zwar als eine vorübergehende und unvollstän- 
dige Lähmung des Sympathicus (nach ihm dem einzigen vasomotori- 
schen Nervenapparat). Irgendwelche vorhergehende Einwirkung 
erzeuge Kältegefühl, d. h. eine Störung des Gemeingefühls; eine 
Reflexthätigkeit des Sympathicus erzeuge den Frost, worauf sich als- 
bald eine Erschlaffung des Nerven einstelle , die eine Steigerung der 
Circulationserscheinungen, der Temperatur, der Schweissbildung etc. 
nach sich ziehe. Er ist hiernach geneigt , in dem Fieberfrost eine 
allgemeine Reizung und in der Fieberhitze eine allgemeine Schwächung 
der Gefässnerven der ganzen Körperoberfläche zu erblicken. Der 
Frost soll demnach als das Primäre, als der eigentlich thätige Zu- 
stand betrachtet werden , die Hitze nur als ein Nachlass der Thätig- 
keit und als eine Art Erschöpfung in Folge der Letzteren gelten. 

Diesen Anschauungen ist Schiff in einem Artikel (1859 in d. 
allgera. Wiener medic. Zeitung No. 41 und 42) entgegen getreten. 
Er hebt sehr richtig hervor , dass Frost und Hitze zwei von einander 
anabhängige Erscheinungen seien, dass Letztere nicht aus der 
Ersteren erklärt werden könne und dass jede Theorie, welche das 
eine Symptom zur nothwendigen Bedingung des andern mache und 
das eine nicht ohne das andere erklären könne, als unrichtig und 
unvollständig verworfen werden müsse. Er kommt zu der Annahme, 
dass in den Gefässnerven (die von ihm keineswegs als eigenthümliche 
Fasern des Sympathicus angesehen werden) neben den die Gefässe 
verengernden auch solche Elemente enthalten seien, welche die Ge- 
fässe activ erweitern können, dass die Fieberhitze ein activer Zustand, 
eine Bethätigung dieser erweiternden Nerven sei, während beim Fie- 
berfrost ein Theil der verengernden (d. h. die nicht im Rückenmark 
sich kreuzenden , im Antlitze , den Händen und Füssen sich verthei- 
lenden Gefässnerven) in Thätigkeit seien. Er nimmt weiter an, dass 
die erweiternden wie die verengernden Gefässnerven zur Medulla 
oblongata laufen, wo demnach alle vasomotorischen Nerven ihren 

12 * 



IgQ Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

Vereinigungspunkt finden , dass stärkere directe Einwirkungen die 
Thätigkeit der verengernden Nerven mehr hervortreten lassen, als die 
der erweiternden (also mehr Frost bewirken) , dass aber die erwei- 
ternden reflectorisch leichter und durch geringere Einwirkungen zu 
bethätigen seien, als die verengernden, dass auch die erweiternden 
anhaltender thätig sein können , als die verengernden, die nur auf 
starke Reize antworten. — Indem somit Schitf sowohl bei Fieberfrost 
als bei Fieberhitze einen activen, einen irritirten Zustand annimmt, 
erklärt er ausdrücklich keineswegs läugnen zu wollen, dass es patho- 
logische Arten der Wärmeerhöhung geben könne, welche nur in einer 
Lähmung der Gefässnerven ihren Grund haben. 

Während man allgemein stillschweigend oder ausdrücklich die 
erhöhte Wärme im Fieber im Wesentlichen als Folge einer vermehr- 
ten Production angesehen hatte, so erklärte allen bisherigen Vorstel- 
lungen entgegengesetzt Traube, welcher (Deutsche Klinik 1855, 
No. 46) ebenfalls noch die Wärmeproduction beim Fieber als eine 
vermehrte angesehen hatte, in einem Vortrage (1863 veröffentlicht 
in der Allgemeinen medic. Centralzeitung XXXII. No. 52 , 54 und 
102), dass er nicht mehr eine vermehrte Wärmeproduction, sondern 
eine verminderte Wärmeabgabe beim Fieber für das Wesent- 
liche halte. Er sagte : „Die Temperaturerhöhung nebst den andern 
Fiebererscheinungen wird dadurch hervorgerufen, dass unter dem 
Einfluss, welchen die fiebererregende Ursache auf das vasomotorische 
Nervensystem ausübt, und welchen ich als einen erregenden betrachte, 
die Gefässmuskeln , die bekanntlich in den kleinen und kleinsten 
Arterien am meisten entwickelt sind, in stärkere Contraction ge- 
rathen. Diese entsprechende Verengerung der kleinen und kleinsten 
Arterien muss zweierlei Folgen haben : es sinkt die Blutmenge, 
welche die Capillaren in der Zeiteinheit aus dem Aortensystem erhal- 
ten, mit ihr zugleich aber auch der Druck , der auf der Innenfläche 
fieser feinsten Gefässe lastet. Aus dem erstem Moment resultirt 
(neben geringerer Zufuhr von Sauerstoff zu den Geweben) eine 
geringere Abkühlung des Blutes durch Leitung und Strahlung an der 
Körperperipherie: aus dem zweiten Moment eine verminderte Aus- 
scheidung von liquor sanguinis, d. h. derjenigen Flüssigkeit, welche 
unter dem in den Capillaren obwaltenden Druck durch die Wände 
dieser Gefässe hindurchgepresst wird und welche jedem Gewebe die 
ausser dem Sauerstoff nothwendigen Lebensbedingungen , den Secre- 
tionsapparaten insbesondere das zur Ab- und Ausscheidung geeignete 
Material zuführt. Die verminderte Zufuhr von Wasser zu den ober- 
flächlichen Schichten der Haut und Lungenschleimhaut hat nothwen- 



verbundenen eonstitutionellen Vorgänge. -^'^ ISl. 

dig eine Verminderung der Verdunstung auf diesen beiden Flächeö 
^ur Folge , womit ein zweites Moment für die geringere Abkühlung 
■des Körpers gegeben ist." Im Weitern versuchte er die verschiede^ 
■nen Verhältnisse und Erscheinungen bei dem Fieber mit dieser Theo- 
«tie in Einklang zu bringen. fji'''/ M'gii')^io mÜoLhinivul io/hnl 

t' Tr. hat also den Fieberfrost liait sbinem Tötarius der kleinea 
"Oefässe zum Ausgangspunkt seiner Vorstellung über das Fieber 
genommen. — Die dem Fieberfrost vorangehende Temperatursteige- 
rung und den Fieberbeginn ohne Frost erklärt er so , dass die fieber- 
ierregenden Agentien mit verschiedener Intensität auf das vasomoto- 
rische Nervensystem wirken, dass im ersteren Falle das Quantum 
der fiebererregenden Ursache im Anfang noch gering sei , daher nur 
eine leichte Contraction der Gefässe zu erregen vermöge, mit ihrer 
stärkeren Anhäufung dagegen die mächtigere Contraction und damit 
der Frost eintrete und dass im Falle des ohne Frost beginnen- 
den Fiebers überhaupt weniger intensive Fiebergifte zur Wirkung 
(kommen. 

Zum Theil damit übereinstimmend ist das Resultat, auf welches 
'Behse gelangt (Beiträge zur Lehre vom Fieber, 1864). Er fasst 
•seine Anschauung in den Worten zusammen : „Unter Fieber ist eine 
Steigerung des Stofi"wechsels zu verstehen, hervorgebracht durch Ver- 
'änderungen im Nervensystem und verbunden mit einer Störung in 
den die Eigenwärme regulirenden Einrichtungen des Körpers, welche 
auch auf der Affection des Nervensystems beruhend zur Wirkung 
hat, dass die Wärmeverluste im Verhältniss zur Bildung derselben 
gering ausfallen." 

Dagegen wendete sich Auerbach (Erwägungen über die Ur- 
sachen der Eigenwärme 1864 in deutscher Klinik No. 22 und 23) 
gegen die Traube'sche Theorie und kritisirte dieselbe ausführlich, 
scharf und treffend. Er zeigt, dass die Möglichkeiten der Ursache 
der Wärmeerhöhung im Fieber nicht einfach auf die Alternative ver^ 
mehrter Production oder verminderten Verlustes zurückzuführen seien, 
dass die Contraction der kleinen Arterien im Fieber nicht bewiesen 
feei , dass namentlich die Blässe der Haut auch von Contraction der 
flautmuskeln herkommen könne, dass namentlich im Hitzestadium 
jene Arteriencontraction nicht annehmbar sei, dass überhaupt von 
■Traube die vermehrte Wärme des Hitzestadiums so gut wie gar nicht 
tolärt werde , dass die häufig so lange Dauer dieses Stadiums es 
unmöglich mache, seine vermehrte Wärme aus dem vorausgegangenen 
kurzen Froststadien abzuleiten , dass Aber auch in letzterem die Er- 
sparung von Wärme durch die Contraction der kleinen Arterien von 



182 I^iß generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

manchen ümstänäen beeinträchtigt werde und keineswegs so gross 
sein könne, um die Höhe der gesteigerten Eigenwärme zu bewir- 
ken. — A. stellt schliesslich die Annahme auf, dass die im thieri- 
schen Körper während des Fiebers , besonders in chronischen fieber 
haften Krankheiten erzeugte Wärme zu einem grössern , vielleicht zu 
einem viel grössern Bruchtheile, als die normale Wärme, durch 
Wasserstoffverbrennung bewirkt werde, und dass die durch Wasser- 
stoffverbrennung erzeugte absolute Wärmemenge im Fieber grösser 
sei als im Normalzustande. 

Der Behauptung , dass das Fieber nur auf einer verminderten 
Abkühlung beruhe, traten auch entgegen Liebe rmeister (Prager 
Vierteljahrschrift 1865) und Immermann (1865 Deutsche Klinik 
No. 1 und 4) durch den Versuch , mittelst Rechnung zu zeigen , dass 
während des Froststadiums die Temperatur mehr steige, als durch 
-einen verminderten Verlust geschehen könnte , dass daher mit Noth- 
wendigkeit eine vermehrte Production der Wärme stattfinden müsse. 

Wachsmuth dagegen (1865, Archiv der Heilkunde VI. 211) 
erklärte, weder die vermehrte Production , noch die verminderte Ab- 
kühlung mache Fieber, wenigstens nicht wenn sie allein stattfinde, 
sondern das Fieber beruhe auf einer Störung der Wärmeregulation, 
diese sei die essentia febrium. Fieber ist nach ihm die Resultante 
wenigstens zweier Wirkungen , einer die Wärmebiidung erhöhenden 
und einer das Nervensystem lähmenden. 

Im Gegensatz zu allen diesen nur von einem Gesichtspunkte aus 
das Fieber deutenden Theorien hat Biilroth (1864, Archiv für 
klinische Chirurgie VI. p. 429) versucht, die verschiedenen Momente 
zu erörtern , durch welche eine Erhöhung der Körpertemperatur und 
damit Fieber entstehe. Es sind nach ihm folgende Verhältnisse 
möglich. 

I. Die Wärmezufuhr wird vermehrt bei gleichbleibenden Be- 
dingungen der Wärmeabnahme ; dabei können die Heerde , an 
welchen die Vermehrung der Wärmeproduction stattfindet, 

A) local sein, 

B) oder es können alle Oxydationsprocesse gesteigert sein, und 
zwar a) die Sauerstoffmenge der inspirirten Luft und der aufgenom- 
menen Nahrungsmittel, b) die Menge der oxydirbaren Stoffe im Kör- 
per , c) die Absorptionscapacität aller Stoffe des Körpers , welche 
überhaupt Sauerstoff aufnehmen , d) die Bewegungsgeschwindigkeit 
der oxydirbaren Körper. 

C) Untergeordnete Momente für die Erhaltung der constanten 
Körpertemperatur sind die Reibungen des Blutes an den Gefäss- 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. X83 

wänden , die Reibung in den Gelenken , der Muskeln an einander 
«. s. w. Wichtiger ist die Wärmeentwickelung, welche mit der Mus- 
kelzusammenziehung stattfindet. 

IL Die Bedingungen für die Wärmeabgabe werden ungünstiger, 
«nd dadurch entsteht eine Anhäufung von Wärme im Körper , somit 
•eine Erhöhung der Bluttemperatur. 

Weiter untersucht Billroth , welche Umstände im Stande sind, 
Fieber zu erregen. Es lassen sich nach ihm drei Arten der Fieber- 
•erregung denken : 

a) Es bilden sich im Blute ohne weiteres Zuthun der Nerven 
Umsetzungen , die zu gesteigerter Verbrennung Anlass geben , oder 
■€S werden Körper ins Blut aufgenommen, welche solche Umsetzungen 
■einleiten und unterhalten ; b) das intoxicirte Blut erregt die Nerven- 
<}entren , und von hier aus entsteht das Fieber ; aa) das intoxicirte 
Blut erregt die trophischen Nerven , letztere wirken direct auf die 
Steigerung der Oxydationsprocesse ; bb) das intoxicirte Blut erregt 
•die gesammten vasomotorischen Centren ; hierdurch a) werden in 
^llen Theilen des Organismus der Stoffumsatz und damit auch die 
•Oxydationsprocesse gesteigert ; ß) entsteht eine Contraction der klei- 
nen und kleinsten Arterien , der Stoffumsatz wird vermindert und die 
^Körpertemperatur steigt in Folge ungünstiger Bedingungen der 
Wärmeabgabe; c) das Blut hat mit dem Entstehen des Fiebers 
nichts zu thun ; dieses entsteht durch einen direct auf peripherische 
Nerven einwirkenden specifischen Reiz , durch welchen reflectorisch 
die vasomotorischen Nerven erregt werden. 

Diese etwas schematische Analyse hat mindestens das Ver- 
•dienst, auf die grosse Mannigfaltigkeit der möglichen Verhältnisse 
hingewiesen au haben. 

0. Web er (1865, Pitha und Billroth's Handbuch der allg. und 
«pec. Chirurgie I. 599) erklärt das Fieber als eine allgemeine, mit 
Wärmeerhöhung verbundene Steigerung des Stoffwechsels, welche 
•durch eine Vergiftung des Blutes mit den Producten des Zerfalls der 
Oewebe, die fermentartig wirken, erzeugt werde und zu einer raschen 
Abnahme des Körpergewichts führe. Die Einseitigkeit dieser Auf- 
fassung liegt auf der Hand. So gut sie auf manche Fälle von Fie- 
iber passt, so wenig auf viele andere. 

Tscheschichin dagegen (zur Fieberlehre 1867 im deut- 
schen Archiv für klinische Medicinll. 588) hat die höchst beachtens- 
werthe Idee aufgestellt, dass das Fieber eine krankhafte Steigerung 
der Thätigkeit der Spinalcentra in Folge einer Affection (Schwächung, 
Paralyse) der moderirenden Theile des Gehirns sei, wobei eine Reihe 



134 ^i® generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

chemischer Processe sich bis zu einer Höhe steigere , die bei iior^ 
maler Gebirnfunction nie erreicht werde. Auch diese Hypothese wirft 
auf einzelne Vorgänge viel Licht , ohne aber für das Fieber im Gan- 
zen zulässig zu sein : sie möchte für jene Fälle von hyperpyretischer 
Temperatur am Schlüsse schwerer Krankheiten des Nervensystems- 
oder perniciöser Infectionen immerhin sehr beachtenswerth sein. 

Aus der neuesten Zeit sind vornehmlich zwei Arbeiten über die- 
Verhältnisse von Wärmeabgabe und Production im Fieber zu er-^ 
wähnen : 

Senator (Virchow's Archiv XL V. 351) stellt sich auf dieSeite- 
der Traubeschen Theorie, während L e y d e n (Deutsch. Arch. V. 273) 
durch calorimetrische Untersuchungen auf folgende Resultate gelangt: 
Die Wärmeabgabe ist im Fieber gesteigert und zwar ebensowohl bei 
constanter, als bei ansteigender und bei abfallender Temperatur.. 
Demnach ist eine gesteigerte Wärmeproduction unzweifelhaft vorhan- 
den. Im höchsten Fieber erreicht die Wärmeabgabe das Anderthalb-^ 
bis nahezu Zweifache der Norm. Bei weitem am stärksten ist sie im 
kritischen Stadium bei schnell absinkender Temperatur : sie erreicht 
das 2 — 21/2, selbst 3fache der Norm. Diese Entfieberung geschieht 
immer unter ausgeprägter Schweissbildung und Wasserverdunstung,, 
während bei ansteigendem Fieber überhaupt keine Wasserverdunstung^ 
selbst unter einer imperspirablen Decke nachzuweisen ist. 

9. Durch diese verschiedenen Versuche, das Fieber, seine ür-^ 
Sachen und die Vorgänge bei demselben zu erklären , sind sicher, so^ 
verschieden die Ansichten sich gestalteten , viele Punkte aufgehellt 
worden. 

Allein der Fehler der Meisten ist ihre Einseitigkeit : sie leiden? 
fast alle daran , dass sie überall nur irgend ein bestimmtes Verhalten 
beim Fieber herausgreifen und indem sie dieses specielle Verhalte» 
zu deuten suchen, eine Erklärung des Gesammtvorgangs gefunden zui 
haben glauben , und noch weiter daran, dass das Eingeständniss der 
Unmöglichkeit, alles zu erklären, zu sehr vermieden wird. 

Zuvörderst ist die Frage : worauf beruht die abnorme Tempera- 
turhöhe? keineswegs identisch mit der Frage: worauf beruht das^. 
Fieber ? 

Das Fieber ist ein Complex der verbreitetsten Erscheinungen,, 
unter welchen die Temperatursteigerung eine der wichtigsten, viel- 
leicht die wichtigste unter allen ist ; aber es ist unmöglich , die- 
übrigen Erscheinungen von der Temperatursteigerung allein abzu- 
leiten. 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. X§5 

Es muss der Werth und die Bedeutung der einzelnen Erschei- 
nungen erst festgestellt sein , ehe man versuchen kann, den Complex 
im Ganzen zu begreifen. 

Was im Speciellen das Verhalten der Temperatur anbelangt, so 
ist es sehr mannigfach und kann deshalb gewiss auch verschiedene 
Ursachen haben. Selbst wo sich die Temperatur übereinstimmend 
verhält, liegt nirgends die Nothwendigkeit vor, dass das Resultat auf 
dem gleichem Wege zu Stande gekommen sei. Es ist im Gegentheil 
höchst wahrscheinlich, dass das gegenseitige Verhältniss von Produc- 
tion und Abgabe in den verschiedenen Einzelfällen und zu den ver- 
schiedenen Zeiten desselben Falls auch bei gleicher Höhe der Eigen- 
wärme ein sehr verschiedenes sein kann. 

Man sollte nicht fragen : was ist der Grund der Temperatur- 
veränderung beim Fieber ? sondern was ist die Ursache oder vielmehr 
was sind die Ursachen der bestimmten Temperaturhöhe bei einem 
bestimmten Individuum zu einer bestimmten Zeit ? oder allenfalls : 
was sind die Ursachen des Temperaturverhaltens bei einer bestimm- 
ten Krankheitsform und in einer bestimmten Periode und bei einer 
bestimmten Artung derselben ? 

Diese Fragen werden sich allerdings für den speciellen Fall und 
^ie specielle Krankheitsform nur beantworten lassen , wenn man die 
Möglichkeiten überlegt hat , durch welche überhaupt Temperatur- 
abweichungen während des Lebens zu Stande kommen können (ein 
Weg, den allein bis jetzt Billroth eingeschlagen hat) und wenn man 
weiter tiberlegt , welcher Antheil unter den verschiedenen pathologi- 
schen Verhältnissen den verschiedenen Ursachen der Temperatur- 
abweichung zukommen kann. 

Unter den Temperaturabweichungen , welche als Zeichen einer 
constitutionellen Erkrankung angesehen werden, kommen folgende 
in Betracht : 

Temperaturerhöhung des gesammten Körpers : 

Temperaturerhöhung des grössten Theils des Körpers neben 
niedriger Temperatur einzelner Theile; 

Temperaturerniedrigung des gesammten Körpers. 

-f 1 0. Es kann eine ErhöhungderWärme desGesammt- 
körpers, welche das gewöhnlichste Phänomen einer über ihren 
-Anfang hinausgeschrittenen und noch nicht abgelaufenen fieberhaften 

I Krankheit ist, soviel wir bis jetzt wissen, bedingt werden : 

a) durch Stauung der Wärme wegen Mangels an Abzug. Eine 

! Tcrminderte Abgabe der Wärme kann selbst verschiedene Gründe 



lg(3 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

haben. Allein es ist kaum anzunehmen, dass während längerdauernder 
Fieberhitze jemals solche Verhältnisse anhaltend reahsirt seien, durch 
welche eine irgend erhebliche Stauung einer normalproducirten Wärme 
erhalten bleiben könnte ; es ist anzunehmen , dass wenn je Stauung 
auf den gewöhnlichen Abzugswegen einträte, bald die Production 
nachlassen , oder neue Abzugswege sich eröffnen würden ; es ist all- 
täglich wahrzunehmen , dass in Fieberhitze Liegende alle ihre Um- 
hüllungen , Unterlagen etc. heiss machen , so oft diese auch erneuert 
werden. Dagegen ist ganz wohl denkbar, dass ein kurz dauernder 
Fieberanfall durch Wärmestauung entstehen könnte und dass während 
des Fieberfrostes die mangelhafte Abkühlung des Blutes in der anä- 
mischen Haut die Steigerung der innern Hitze grossentheils bedinge. 
Es ist ferner sehr wahrscheinlich , dass in manchen Fällen neben an- 
deren Gründen der Wärmeerhöhung vermehrte Wärmestauung aus 
Mangel an Abzug die Temperatur noch weiter steigere. 

b) Es lässt sich denken , dass , wenn irgendwo im Körper ein 
localer Heerd von Ueberproduction von Wärme besteht , von diesem 
aus der Ueberschuss von Wärme durch die Circulation dem ge- 
sammten Körper mitgetheilt und letzterer dadurch höher temperirt 
werde. Jene Heerde, in welchen möglicher Weise eine Ueberproduc- 
tion von Wärme stattfinden kann : Heerde von Entzündung , Hype- 
rämie, sind aber im Verhältniss zur Grösse des Gesammtkörpers doch 
stets beschränkt und es lässt sich desshalb höchstens annehmen, dass 
die locale Ueberproduction eine sehr massige Erhöhung der Gesammt- 
wärme zuwegebringe , welche überdem , wenn nicht sonstige Stö- 
rungen dazu kommen, leicht und rasch durch die Abzugswege wieder 
ausgeglichen werden dürfte, so gut als durch diese Abzugswege sehr 
beträchtHche physiologische Ueberproductionen compensirt zu werden 
pflegen. Ausserdem widerspricht der Zurtickführung jeglicher Fieber- 
hitze auf Mittheilung durch örtliche Processe die Thatsache, dass ge- 
rade bei den intensivsten Fiebern , bei den Krankheiten mit hoch- 
febrilen Temperaturen das Fieber dem Auftreten der Localstörungen 
voranzugehen pflegt, während in den Fällen, wo es sich den Letztern 
anschliesst , durchschnittlich nur massig febrile Temperaturen beob- 
achtet werden. Es soll nicht gesagt werden , dass locale Ueberpro- 
duction von Wärme gar nichts beitragen könne zur allgemeinen Tem- 
peraturhöhe ; aber der Beitrag kann nicht gross sein , und wo er 
irgend bemerkenswerth ist, müssen noch andere Störungen im Körper 
ein, welche die Ausgleichung des von der Localaffection stammenden 
Zuschusses verhindern. 

c) Eine allgemeine Wärmeerhöhung kann entstehen durch Stei- 



verbundenen coustitutionellen Vorgänge. 137 

^erung der normalen Wärmeproductionsvorgänge ; es ist jedoch sehr 
wahrscheinlich, dass auch hierbei die Abzugswege das Missverhäitniss 
nicht lange dauern und nicht gross werden lassen, wenn nicht ausser- 
dem Störungen in dem Organismus bestehen, welche die Wirksamkeit 
der Abzugseinrichtungen hemmen. Auch ist zu bemerken, dass keine 
einzige Thatsache vorliegt , aus welcher sich entnehmen Hesse , dass 
in irgend einem Falle von Fieber ein einfaches Verhältniss der Steige- 
rung und Beschleunigung der normalen chemischen Vorgänge be- 
stände , dass vielmehr die Angaben über Vermehrung der normalen 
Zersetzungsproducte (ausgeathmete Kohlensäure, Harnstoff) nach 
directen Bestimmungen bei Fieberkranken theils sehr verschieden 
sind , theils wenigstens der Vermehrung der Eigenwärme keineswegs 
vollständig entsprechen, und dass ebensowenig die Grösse des 
Gewichtsverlusts des Körpers im Fieber übereinstimmt mit der nach 
der gesteigerten Wärmeproduction vorauszusetzenden Zerstörung von 
Körperbestandtheilen. 

d) Eine allgemeine Erhöhung der Wärme kann ferner eintreten 
■durch eine verbreitete üeberproduction in Folge von chemischen Vor- 
gängen , die dem gesunden Leben mehr oder weniger fremd sind und 
durch welche so viel Wärme erzeugt wird , dass die Abzugswege 
ausser Stande sind, sie auszugleichen, zumal da auch in ihnen durch 
die verbreitete Störung Unordnungen und Anomalien entstehen mögen. 
Es hat ausserordentlich viel für sich , dass derartiges in sehr zahl- 
reichen Fällen von Fieber geschehe ; aber wir sind noch weit davon 
«ntfernt, das was wirklich geschieht, präcisiren und in seinen Wir- 
kungen für die Wärmeproduction berechnen zu können. Es scheint, 
dass namentlich folgende Vorgänge stattfinden können : 

eine Vermehrung der Wasserstoffverbrennung im Fieber, welche 
bei der viel grösseren Verbrennungswärme des Wasserstoffs (mehr 
als viermal grösser als die des Kohlenstoffs) ein viel- beträchtlicheres 
Wärmeproductionsresultat zu geben vermag (Auerbach); 

ein umfangreichier rascher organischer Zerfall, wodurch mög- 
licherweise Wärme frei werden kann, ein Verhältniss, das jedoch so 
rasch todbringend ist , dass es wohl nur am Schluss einer tödtlichen 
Krankheit, bei den Agoniesteigerungen oder bei Terminalfiebern rea- 
iisirt sein dürfte; 

eine üeberproduction von Wärme durch heftige, anhaltende und 
keine mechanische Leistung hervorbringende Muskelcontraction (teta- 
iiische Krämpfe) , welche aber nur bei einzelnen besonderen Fällen 
in Wirkung kommen kann und , wie die Erfahrung zeigt , auch nur 
beim tödtlichen Schluss der Krankheit, also ohne Zweifel unter dem 



]^g3 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

Hinzutreten weiterer Verhältnisse , nicht mehr ausgeglichen wird un# 
damit eine rapide Erhöhung der Eigenwärme zu Wege bringt ; 

die Entwicklung von neuen , mit Wärmeentwicklung verbun- 
denen , nicht nothwendig von dem Sauerstoffzutritt abhängigen Um- 
setzungen der Körperbestandtheile (Gährungen) , welche zwar nicht 
direct nachgewiesen sind, aber deren Vorkommen doch ziemlich wahr- 
scheinlich ist , wenn auch nicht genau gesagt werden kann , welche 
Erkrankungen zu ihnen zu rechnen sind , ob z. B. die Erregung von 
Fieber durch Transfusion von Fieberblut, durch Einführung von Pro- 
ducten der Entzündung und des Gewebszerfalls auf solche Gährungs- 
Vorgänge zu beziehen und wie weit überhaupt in den nicht tödtlicheft 
Fällen die Annahme gährungsartiger Processe im Körper zulässig sei. 

e) Veränderungen in der Thätigkeitsweise der vasomotorischen 
Nerven müssen, wenn sie ausgebreitet und anhaltend genug sind, 
fast mit Nothwendigkeit und in mehrfacher Weise auf den Stand der 
Wärme influiren, und zwar sowohl dadurch, dass sie die Bedingungen 
derProduction, als dadurch, dass sie die der Wärmeabgaben alteriren 
können. Viele Erscheinungen weisen in der That darauf hin , dass. 
die Gefässe nicht allein im Frost , sondern auch in der Fieberhitze 
nicht in einem normalen Zustande sich befinden und es dürfte kaum 
möglich sein, diess allein von den veränderten Herzcontractionen oder 
auf anderem Wege von der Wärme selbst abzuleiten. Es scheint 
vielmehr , dass der Zustand der Gefässe in vielen Fällen nicht die 
Folge, sondern die Ursache der vermehrten Wärme sei. So lange 
jedoch als einziger , directer Effect der Erregung der Gefässnerven 
die Contraction der kleinen Arterien feststeht, hat die Zurückführung 
der Wärme auf die Thätigkeit der vasomotorischen Nerven grosse 
und unüberwindliche Schwierigkeiten. Denn die Zusammenziehung 
der kleinen Arterien besteht sicher nur in einer kurzen Zeit de& 
Fieberverlaufes und wenn die Dilatation derselben, welche Blutüber- 
füllung und vermehrte Calorification zur Folge hat, nur auf Lähmung 
oder doch Schwäche und Erschöpfung beruhen soll , so mag eine 
solche ungezwungen zwar bei einzelnen, namentlich intensiven Fiebern 
angenommen werden , aber für andere Fälle, für die grosse Mehrzahl 
dürfte sie kaum zulässig sein. Der grösste Theil der Schwierigkeit 
würde gehoben, wenn sich die Annahme Schiffs bestätigte, dass 
ausser den verengernden Elementen in den Gefässnerven es auch 
solche gebe, deren Erregung eine Erweiterung der Gefässe hervor- 
bringe. Durch diese Annahme würde es erklärlich, dass beim ersten 
und gewaltigen Zurwirkungkommen der krankmachenden Ursache 
zwar zunächst eine solche Erregung des vasomotorischen Central- 



I 



j 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. X89 

Organs entstünde, bei welchem die constringirend wirkenden Elemente 
das üebergewicht erhalten , in der späteren Zeit oder bei geringeren, 
allmälig und milder wirkenden Ursachen der Einfluss ein derartiger 
wäre , dass er sich nur oder vorzugsweise in den erweiternden vaso- 
motorischen Elementen kund gebe, ähnlich wie bei starker Erregung 
der locoraotorischen Nerven die Extensoren in's üebergewicht zu 
kommen pflegen, bei schwächereu Erregungen oder bei Fortdauer der 
Erregung die Contractionen sich vorzugsweise in den Flexoreu zeigen 
und deren Antagonisten eher unthätig sind. Die weitere Schiff'sche 
Annahme von den beiden differenten Gebieten vasomotorischer Nerven 
ist nicht minder bestechend ; sie lässt begreifen, dass der Zustand der 
Gefässcontraction nicht zu gleicher Zeit im ganzen Körper zu be- 
stehen brauche, sondern auf Antlitz und Extremitätenenden beschränkt 
sein könne ; und sie stimmt auch sonst mit manchen pathologischen 
Verhältnissen sehr gut überein, z. B. mit der Vertheilung der Wärme 
und Kälte an der Körperoberfläche auch ohne Frost, mit der Ver- 
breitung mancher Exantheme etc. 

f) Die Temperatursteigerung kann eintreten dadurch, dass die 
Spinalcentra in Folge der Schwäche der moderirenden Theile des 
Gehirns in krankhaft gesteigerter Action sind, ein Verhalten, dessen 
Annahme jedoch nur da zulässig erscheinen dürfte , wo auch weitere 
Anzeichen einer Suspension des normalen Gehirneinflusses bei der Er- 
krankung vorliegen. Vorzugsweise also bei sehr schweren AfFec- 
tionen, bei Läsionen des oberen Markes, oder bei manchen Terminal- 
fiebern möchte diese Erklärung nicht abzuweisen sein , dagegen aber 
passt sie nicht für massige Fieber , bei denen nichts auf eine Störung 
irgend eines Gehirntheils hinweist. 

g) Die Temperatursteigerung kann aber ohne Zweifel bedingt 
sein durch mehrere dieser Verhältnisse zumal und in verschiedener 
Succession ; ja es ist wahrscheinhch , dass solche Gombinationen in 
der Mehrzahl der Fälle bestehen , wobei die exacte Bestimmung des 
Antheils jeder einzelnen Ursache eine reine Unmöglichkeit, ja selbst 
ijur die Bezeichnung der einzelwirkenden Ursachen grösstentheils 
hypothetisch sein dürfte. 

Erwägt man diese Möglichkeit, ja für viele Fälle die Gewissheit 
des Zusammenwirkens mehrerer Ursachen, so wird es begreiflich, dass 
in zwei Fällen oder zu verschiedenen Zeiten desselben Falles eine 
und dieselbe Höhe der krankhaft gesteigerten Temperatur eine sehr 
verschiedene Bedeutung haben kann. Bei derselben Höhe der krank- 
haft gesteigerten Temperatur kann die Ueberproduction von Wärme 
sehr verschieden gross sein, je nachdem die Wärmeverluste vermin- 



190 ^^6 generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

dert, normal oder gesteigert sind, und es ist sehr wahrscheinlich, dass 
die Folgen , z. B. die Functionsstörungen und die Consumtion , sich 
sehr verschieden gestalten , je nachdem eine hohe Temperatur sich 
desshalb erhält, weil trotz reichlicher Abfuhr eine beträchtliche üeber- 
production von Wärme besteht oder je nachdem die Temperatur bei 
massiger Ueberprodiiction wegen gleichzeitiger Wärmestauung auf 
jener Höhe verharrt. Diese Verschiedenheiten mögen die Thatsache 
erklären, dass bei gleich hoch und gleich lange gesteigerter Eigen- 
wärme bald die Endproducte des Stoffwechsels beträchtlich vermehrt 
sind und die Körperconsumtion in erheblichem Grade stattfindet, 
bald aber hier von nur wenig bemerkt wird. 

Bei beträchtlichen Fieberhöhen der Eigenwärme erhält die auf- 
gelegte Hand des Beobachters nicht immer die gleiche, dem Tem- 
peraturgrad adäquate Empfindung. Sie ist zuweilen , ohne dass die 
Temperatur des Untersuchten desshalb höher gesteigert zu sein 
braucht , als in andern Fällen , ganz eigenthümlich und nachhaltig 
brennend (Calor mordax). Es ist denkbar, dass die Erscheinung des 
Calor mordax solchen Fällen angehört, deren hohe Eigenwärme vor- 
zugsweise von hochgesteigerter Production der Wärme abhängt, bei 
welchen also die aufgelegte Hand sich weniger in's Gleichgewicht mit 
der untersuchten Haut zu setzen vermag , weil dieser durch die über- 
reiche Mehrproduction fortwährender Ersatz für die abgeleitete Wärme 
zugeführt wird. Es stimmt damit überein, dass die Erscheinung des 
Calor mordax sich vorzugsweise bei zymotischen Krankheitsformen 
findet. 

1 1 . Die Temperaturerhöhung des grössten Theils 
des Körpers neben niedriger Temperatur einzelner 
T h e i 1 e kann ihren Grund haben 

in ungleicher Vertheilung der Wärmeproduction im Körper; 

in ungleichen Abkühlungen durch Verschiedenheit der Wärme- 
verluste an den verschiedenen Stellen , namentlich an der Oberfläche 
im Gegensatz zur fortgesetzten vermehrten Wärmeproduction in 
innern Theilen ; 

vornehmlich aber in einer Ungleichheit der Gefässfülle. 

Der zwar keineswegs constante , aber doch sehr häufig sich 
zeigende Unterschied zwischen der Temperatur des Rumpfes , der 
Oberarme und Schenkel einerseits und der Vorderarme und Unter- 
schenkel andererseits würde durch die Schiffs che Annahme eines 
verschiedenen Centrums und Verlaufs der entsprechenden vasomoto- 
rischen Nerven eine vortreffliche Erklärung finden , und es könnte 



verbundenen constitutionellen Vorgänge. 191 

dadurch begreiflich werden, dass im ersten Anfang einer Erkrankung 
und wiederum bei einem raschen Rückgang derselben (bei Deferves- 
cenzcollapsen) beide Gruppen von vasomotorischen Nerven nicht in 
gleicher Weise und in gleichem Maasse afficirt sind , ja dass selbst 
ein Contra st in den von ihnen beeinflussten Gefässen und damit in 
der Wärme der Theile , in welchen sich diese verbreiten, sich zeigen 
kann. Es erklärt die SchiflP'sche Annahme nicht etwa den Frost, 
denn dieser kann ohne jene Differenz sich zeigen ; aber sie erklärt 
eine einzelne und zwar sehr häufige Erscheinung beim Fieberfrost: 
den Contrast der Kälte der Vorderarme und Unterschenkel mit der 
hohen Rumpftemperatur. 

Wiederum ist es sehr wahrscheinlich , dass die Verschiedenheit 
der Ursachen der ungleichen Wärmevertheilung für den Organismus, 
für sein functionelles und sonstiges Verhalten von sehr bestimmter 
Bedeutung sei. Kranke im Frostanfall und Kranke im Collaps be- 
finden sich sehr different , trotzdem , dass in beiden Fällen der Con- 
trast zwischen Höhe der Rumpftemperatur und Extremitätenwärme 
ganz gleich erscheinen kann. Es lässt sich denken , dass es mehr 
von jenen verschiedenen Ursachen als von dem Grad ihrer Wirkung 
abhängt, welche weitere Erscheinungen sich mit dem Phänomen der 
Wärmedifferenz verbinden, und man darf vermuthen, dass selbst, 
wenn die Wärmedifferenz nicht in die Erscheinung tritt , weil jene 
Ursachen zu schwach wirken , doch entsprechende sonstige Folgen 
sich an Letztere knüpfen. 

12. Die Erniedrigung der Eigenwärme im Gesammt- 
körper kann nur dadurch bedingt sein : 

dass die Wärmeproduction herabgesetzt ist : 

oder dass die Wärmeverluste excediren ; 

oder dass beide Verhältnisse zugleich bestehen. ' 

Eine solche Erniedrigung unter die Normalwärme kann ein- 
treten, nachdem der Körper zuvor normal warm oder nachdem seine 
Temperatur vorher gesteigert war und in letzterem Falle kann nach 
gewissen Hinsichten selbst ein Sinken der Höhe der Wärme , welche 
nicht bis zum Niveau der Normaltemperatur geht, dieselbe Bedeutung 
und ähnliche Folgen haben , wie unter anderen Umständen der 
Niedergang zu subnormalen Temperaturen. 

In den meisten , wenn nicht in allen Fällen ist es ganz unmög- 
lich , den Antheil der verminderten Production und den Antheil des 
vermehrten Verlustes auch nur annähernd genau zu bestimmen. Man 
wird aber zuweilen aus den Umständen des Falles, aus der Raschheit, 



192 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung 

mit welcher die Temperatur sinkt, besonders aber auch aus der Wirk- 
samkeit angewandter Hülfsraittel einen nicht zu sehr fehlgehenden 
Schluss auf die vorzugsweise Ursache der Temperaturabnahme machen 
können. 

13. Die übrigen Erscheinungen des Fieberfrostes, der Fieber- 
hitze und des Collapses stellen sehr mannigfaltig constituirte Com- 
plexe von Functionsstörungen und zum Theil auch von chemischen 
und geweblichen Veränderungen dar. Mögen nun auch manche 
jener Erscheinungen auf die Eigenwärme selbst zu beziehen sein, 
immer bleibt noch eine grosse Zahl von anderen übrig, welche darauf 
hinweisen, dass bei den genannten Vorgängen die verschiedensten 
Organe des Körpers ohne weitere Vermittlung durch die krank- 
machende Ursache in abnorme Verhältnisse versetzt sind ; und die 
Wechselwirkung der hierbei vorkommenden Störungen ist so innig, 
dass vielfältige gegenseitige Abhängigkeiten bestehen mögen und 
dass, was die Beziehungen der Eigenwärme zu den übrigen Störungen 
im Speciellen anbelangt, ohne allen Zweifel auch das Temperaturver- 
halten von den sonstigen Anomalien beeinflusst sein kann. Bringt 
z. B. die erhöhte Eigenwärme ganz sicher gewisse Modificationen in 
der Herzbewegung und in der Respiration hervor, so ist eben so 
sicher die Veränderung der Herzcontractionen und der Athembewe- 
gungen von Einfluss auf die Temperatur. Ein unentwirrbares Durch- 
einander von Einflüssen und Wirkungen und eine Unberechenbarkeit 
aller Folgen und Resultate möchte hiernach zu erwarten sein , wenn 
nicht auch in Krankheiten das Geschehen von einer Gesetzmässigkeit 
beherrscht würde, welche wir durch sorgsame und vervielfältigte 
Beobachtungen aufdecken , aber wahrscheinlich niemals ergründen 
können. 

14. So gestaltet sich der Fieberfrost als Initialcomplex — 
selten als der sich abschliessende Gesammtverlauf — bei bestimmten 
Krankheitsformen und Anfalls Wiederholungen. Bei den Einen tritt 
er fast regelmässig ein, bei den Andern bedarf es zu seinem Zustande- 
kommen einer gewissen Intensität der Krankheit (beziehungsweise 
ihrer Ursache) oder einer gewissen Disposition des Individuums. Ist 
letztere in hohem Grade vorhanden, so können Krankheitsformen, die 
sonst keine Frostperiode zeigen, mit einer solchen beginnen und kann 
mitten in einem Verlauf ein Frost eintreten , wie er sonst nur bei 
frischen Erkrankungen oder neuen Anfällen sich zeigt. 

Ohne Zweifel entsteht der Frost am sichersten da, wo die 



verbundenen constitutioneilen Vorgänge, 193 

Rumpftemperatur so rapid steigt, dass in kurzer Zeit ein bedeutender 
Contrast mit der in der Zunahme zurückbleibenden oder gar sinken- 
den Wärme der Extremitäten sich herstellt. Aber er ist nicht an 
diese Bedingung gebunden und er tritt nicht immer ein , wo dieses 
Verhalten besteht. Bei Menschen von geringer Impressionabilität 
oder solchen , deren Impressionabilität durch Medicamente (Chinin) 
oder Krankheitszustände vermindert ist, kann er ausbleiben trotz 
rascher Steigerung der Rumpftemperatur. Bei Empfindlichen im 
Gegentheil bedarf es keineswegs eines so beträchtlichen Contrastes, 
um ihn hervorzubringen ; ja dieselbe Stimmung der Centraltheile, 
welche sonst durch den Contrast der Temperaturen bedingt wird, 
kann ohne Zweifel auch auf anderem Wege und durch andere Ur- 
sachen herbeigeführt werden. Wird ja doch schon im gesunden 
Zustande wenigstens die Empfindung des Frostes durch geringe aber 
plötzliche Aenderungen der objectiven Wärme der Medien, in denen 
wir uns befinden , hervorgerufen (Zugluft , Eintreten im Sommer aus 
einer Atmosphärenwärme von 30^ in einen Raum von 22 ^ C.) , und 
auch hierbei zeigt die individuelle Disposition zum Frieren bei ver- 
schiedenen Personen ihre höchst bedeutenden Difl*erenzen. 

15. Wenn der Fieberfrost der Ausdruck für die rapide Aus- 
bildung neuer Verhältnisse und speciell solcher mit steigender Eigen- 
wärme ist, so haben sich in der Fieberhitze die Verhältnisse 
mehr oder weniger in ein gewisses relatives Gleichgewicht gesetzt, 
zwar nicht ein Gleichgewicht auf dem Niveau des gesunden Zustandes, 
aber ein Gleichgewicht, wie es durch die eingetretenen patholo- 
gischen Vorgänge bedingt wird , ein Gleichgewicht, bei welchem ent- 
weder andauernd die Eigenwärme auf übernormalen Höhen sich er- 
hält oder wenigstens Tagesfluctuationen zeigt mit mehr oder weniger 
erheblichen , die Tageserhöhungen des Normalzustandes weit über- 
ragenden Steigerungen. Es ist begreiflich , dass in den Fällen , in 
welchen dieses relative Gleichgewicht mehr allmälig sich herstellt 
oder in welchen auch bei der Zunahme der Temperatur immer noch 
ein gewisses Maass und eine gewisse Stetigkeit sich erhält, der üeber- 
gang vom gesunden in den febrilen Zustand ohne Frostperiode er- 
folgen , die Fieberhitze primär sich einstellen kann , oder wenigstens 
nur Andeutungen von Frost (Frösteln und dergl.) ihr vorangehen. 

Die Erhaltung eines gewissen Gleichgewichts der Temperatur 
im Verlaufe der Krankheit schliesst nicht aus , dass Aenderungen des 
Niveau's häufig sich einstellen. Erfolgen sie nur nicht zu rapid , so 
brauchen sie kein& andern Folgen , als Zunahme oder Abnahme der 

Wunderlich. Eigenwärme in Krankheiten. |3 



194 Die generellen Formen der mit Wärmeabweichung etc. 

Übrigen Erscheinungen zu haben. Tritt eine neue rapide Steigerung- 
ein und folgt dabei die Temperatur an verschiedenen Steilen nur un-^ 
gleich, so kann auch ein erneuerter Frost auftreten. 

16. Die Collapse stellen sich als relativ primäre Erschei- 
nungen (nach gewissen Ursachen und Einwirkungen), oder episoden- 
artig als kurzdauernde Aenderungen im Verlauf der Fieberhitze,, 
ferner am tödtlichen Schluss der Krankheit , oder endlich bei ihrem, 
üebergang in Genesung ein. 

Der relativ primäre Collaps, zu dem auch der Frostcollaps (d.h.- 
das zuweilen in höchst intensiven Frostanfällen eintretende Colla- 
biren) gehört, hängt ohne Zweifel im Wesentlichen von einer Ein- 
wirkung auf das Nervensystem ab, neben welcher rapide Wärme- 
verluste (gewöhnlich unter sehr reichlichen Schweissen) und ohne 
Compensation durch verstärkte Wärmeproduction stattfinden. 

Der episodenartig auftretende Collaps während der Fieberhitze 
ist zuweilen nur die Folge besonderer Einwirkungen, Ereignisse oder 
Dispositionen des Individuums oder er wird bedingt durch Verhält- 
nisse in dem Krankheitsverlauf, durch welche reichliche Wärmever- 
luste herbeigeführt werden , die bei der unvollkommenen Circulation 
trotz fortwährender üeberproduction nicht sofort auf allen Stellen des 
Körpers, namentlich an seiner Peripherie sich ausgleichen. Er tritt 
daher vornehmlich auf, wenn reichlichere Schweisse bei verschwächten 
Herzcontractionen stattgefunden haben. 

Der Collaps der Agonie kann ähnliche Gründe haben , oder es 
kann zugleich die Wärmeproduction selbst durch den Gang der 
Krankheit unter die Norm gefallen sein. 

Der Collaps beim Üebergang in Genesung tritt nur ein , wenn 
ein rapides Fallen der zuvor hochgesteigerten Eigenwärme sich ein- 
stellt, mag dieses Fallen definitiv oder von Wiedersteigerungen ge- 
folgt sein. Es muss hier die üeberproduction der Wärme nachge- 
lassen haben ; ohne Zweifel sind zugleich aber auch die Abgaben der 
Wärme gesteigert (Schweisse). Die günstige Natur des Vorgangs 
ist aber dadurch gewährleistet , dass bei dem Abschluss des Krank- 
heitsprocesses die Compensation für die Wärmeverluste durch nor- 
male Production bald sich herstellen kann, da die gesteigerten 
Wärmeverluste selbst durch keinen fortdauernden krankhaften Zu- 
stand unterhalten werden. 



VIII. 

Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und 
Beurtheilung. 

1 . Eine einmalige Messung ist stets eine ungenügende 
Maassregel; die Einzelmessung für sich lässt fast immer nur un- 
sichere Schlüsse zu. Sie kann zufällig einen Zeitpunkt treffen , der 
entscheidende Temperaturverhältnisse darbietet; aber sie kann ebenso 
gut auf einen Moment fallen , in welchem die Wärme nicht maass- 
gebend ist. Indessen muss gerade sie vor allem Andern in ihrer 
Bedeutung gekannt sein ; denn 

a) sie kann entscheiden , ob ein Individuum wahrscheinlich ge- 
sund, oder ob es sicher krank ist, ob Klagen vielleicht simulirt oder 
unzweifelhaft gerechtfertigt sind, ob Störungen verkannt werden oder 
mit Wahrscheinlichkeit nicht anzunehmen sind ; 

b) sie kann bei einer plötzlich eingetretenen, nicht ohne 
weiteres von "einer unzweifelhaft wesentlichen Localerkrankung ab- 
hängigen Störung über Dringlichkeit und Grad entscheiden ; 

c) ist sie die erste Messung in einem Krankheitsfalle, so ist eine 
möglichst entsprechende Würdigung derselben wichtig genug: sie 
giebt sogar unter gewissen Cautelen sofort Aufschluss über die Art 
der vorhandenen Krankheit, noch sicherer über die Abwesenheit 
gewisser Formen ; 

d) zumal wenn man die sonstigen Verhältnisse mit in Betracht 
zieht , so kann selbst eine Einzelmessung oft Aufschlüsse über Dia- 
gnose und Prognose geben ; 

e) das Heraustreten einer Einzeltemperatur aus dem Gange 
des Gesammtverlaufs ist ein wichtiges Moment und kann , nach be- 
stimmten Regeln der Erfahrung gedeutet , werthvolle Anhaltspunkte 
geben ; 

13* 



196 ^^^ Einzelraessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

f) endlich ist die Würdigung der Einzeltemperatur schon darum 
nothwendig , weil sich der Gesammtverlauf aus einer Reihenfolge von 
Einzeltemperaturen zusammensetzt , und weil daher für die Schlüsse 
aus dem Gesammtverlauf die Bedeutung jeder einzelnen Temperatur 
das letzte Fundament aller erfahrungsmässigen Regeln ist. 

Je maassgebender die Folgerungen sind , die auf eine Einzel- 
messung gegründet werden sollen , um so zuverlässiger muss diese 
natürlich sein, um so mehr müssen alle Cautelen gegen eine Täuschung 
benutzt werden. Kommt bei einer fortlaufenden Verfolgung des 
Ganges der Temperatur in einem an sich wenig Zweifel zulassenden 
Falle für die rein praktischen Zwecke nicht so gar viel auf äusserste 
Genauigkeit an, so hängt begreiflich, wo eine Einzelmessung die 
Basis der Schlüsse bilden soll , die Richtigkeit solcher Schlüsse vor 
Allem von der Exactheit dieser Messung ab. Alle Vorsichtsmaass- 
regeln gegen eine Täuschung , sei es durch das Instrument , sei es 
durch die Messungsprocedur u. s. w., müssen ergriffen werden, wenn 
man dem Resultat einer Einzelmessung ein entscheidendes Gewicht 
für die Beurtheilung einräumen will. Doch lässt sich auch für solche 
Fälle die beruhigende Versicherung geben, dass es dabei keineswegs 
auf Hundertstelgrade ankommt , ja selbst dass in den meisten Fällen 
ein Beobachtungsfehler von einem, zuweilen von ein paar Zehntelgra- 
den nicht von zu grossem Belange ist, und dass entscheidende Folge- 
rungen durch einen solchen meistens nicht wesenthch alterirt werden. 

2. Es ist im § 5 angeführt, dass die Temperaturen, die beim 
lebenden Menschen beobachtet worden sind, mit seltenen Ausnahmen 
eine Breite von 8 <> C. nicht überschreiten. 

Das mögliche Minimum der Gesammt- oder Bluttemperatur 
ist übrigens auch nicht annähernd sicher zu bestimmen. Gerade bei 
niederen Graden kommen Beobachtungsfehler am leichtesten vor und 
die der Messung zugänglichen, wenn auch noch so geschützten Theile 
dürften, wenn sie ungewöhnliche geringe Wärme zeigen, noch keines- 
wegs auf eine ähnliche Temperaturabnahme der Innern Organe und 
des Blutes schliessen lassen. In der grossen Mehrzahl der Fälle 
bleibt die Temperatur in der wohlgeschlossenen Achselhöhle über 
35 ö und es ist schon ungemein selten, eine Temperaturerniedrigung 
in derselben bis auf 33 oder gar 32 ^ C. zu beobachten und wo man 
in einzelnen Fällen von Cholera Temperaturen von 2 6 ^ und darunter 
an der Körperoberfläche gefunden hat, lässt sich nach andern 
Beobachtungen bei derselben Krankheit vermuthen , dass die Wärme 
im After und in der Scheide wesentlich höher gewesen sein dürfte. 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. X97 

In neuester Zeit hat Löwenhardt (1868 in d. Allg. Zeitschr. für 
Psychiatrie XXV. 685) über vier Fälle von Maniacalischen berichtet, 
bei welchen Temperaturen von niemals bis jetzt beobachteter Nie- 
drigkeit vorgekommen seien. Sie zeigten vor dem Tode, selbst 
mehrere Tage vor demselben, 25, 29,g, 23,75 und 28<^C. ! Es 
waren Individuen vorgerückten Alters , welche vielfach in der kalten 
Jahreszeit die Betten verliessen , nackt herumliefen , auch wegen Un- 
reinlichkeit häufige Bäder erhalten hatten und bei welchen die Inani- 
tion allenthalben gross, die Pulsfrequenz in einem Fall auf 45, in 
einem andern sogar auf 23 Schläge in der Minute herabgesetzt ge- 
gewesen sei. Magnan (Gaz. des hop. 1869. No. 82) will bei 
einer Betrunkenen, welche eine Nacht hindurch in eisigem Regen 
gelegen war, in der Vagina 26^ C. gemessen haben: nach zwei 
Tagen war sie hergestellt. 

Das Maximum der Temperatur wurde bis jetzt noch niemals 
bei einem lebenden Menschen zuverlässig höher als 44,7g ^ gefunden 
(bei einem Tetanus meiner Beobachtung). Auch annähernde Höhen 
sind nur selten (abgesehen von fabulösen Angaben) beobachtet worden. 
So hat Currie bei einem Scharlachkranken 44,4g <^ beobachtet. 
Simon (1865 Charite-Annalen XIII. B. 8) fand in einem Fall von 
Variola haemorrhagica (freilich nach dem Tode gemessen) 44, g 0, 
Lehmann (Schmidts Jahrb. CXXXIX. 236) bei einem Tetanusfall 
vor dem Tode 44, 4^, Quincke (Berl. klin. Wochenschr. 1869 
No. 29) bei einem Rheumatismus acutus 44,3^, Brodie in seinem 
Fall von Zerreissung des untern Cervicalmarks 43,9- Ich selbst habe 
mehrere Fälle gesehen , bei welchen die Temperatur 44 ^ nahekam 
oder erreichte. — Nach erfolgtem Tode kann zuweilen eine noch 
etwas höhere Temperatur gefunden werden. Sie betrug in dem er- 
wähnten Falle von Tetanus 57 Minuten nach dem Tode 45,375^. 

Auch Temperaturen zwischen 42, g und 43,g gehören zu den 
Seltenheiten und kommen nur unter besonderen Verhältnissen vor. 
In der grossen Mehrzahl der Erkrankungen selbst tödtlichen Verlaufs 
überschreitet die Temperatur sogar nicht die Höhe von 41,gö. 

Innerhalb so enger Gränzen bewegen sich die Quantitätsdiffe- 
renzen, aus denen sich die entscheidendsten Schlüsse ziehen lassen. 

3. Die möglichst sichere Constatirung einer nicht febrilen 
Temperatur, d. h. einer Achselhöhlentemperatur unter 38^ (= 30,4 R.) 
ist vor Allem wichtig ; sie beweist , dass mindestens in dem Augen- 
blick der Beobachtung kein Fieber besteht ; doch ist dabei zu be- 
achten, dass, je näher die Temperatur jener Gränze sich zeigt, um 



198 ^^® Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

SO eher vermuthet werden kann , dass sie zu andern Zeiten dieselbe 
tiberschreiten könnte. Vervielfältigte Messungen dürfen daher nicht 
unterbleiben , sobald eine vorgefundene Temperatur sich der Fieber- 
gränze nähert. 

Dabei giebt es natürlich keinen Punkt, der den fieberlosen und 
den fieberhaften Zustand scharf trennt. Es kann auf den Gränzen 
von Nebenumständen abhängen , ob man Fieber annehmen soll oder 
nicht. Man wird eher Fieber annehmen, wenn der fragliche Wärme- 
grad Morgens , im nüchternen Zustande , nach fortgesetzter Bettlage 
beobachtet wird, als Abends, oder Mittags nach dem Essen, oder nach 
dem Genuss von Spirituosen Getränken, nach Bewegungen und dergl. 
mehr. Es wird auch der Ausdruck der übrigen Erscheinungen mit 
herangezogen werden müssen, um über die Gegenwart von Fieber zu 
entscheiden. 

Als fieberverdächtige Temperaturen können alle ange- 
sehen werden, welche 38^ übersteigen. Man kann eine Temperatur 
bis zu 38,40 noch als Zeichen von leichten Fieberbewegungen gelten 
lassen ; aber was darüber ist, zeigt entschieden Fieber an. 

Bei der Bestimmung, ob massiges Fieber, beträchtliches oder 
heftiges Fieber vorhanden ist , hat man vorzugsweise auf die Tages- 
stunden zu achten , in welchen die Beobachtung gemacht wird. Die 
Temperaturen sind bei gleicher Höhe um so wichtiger, wenn sie 
Morgens und in der Zeit der gewöhnlichen Remission gefunden werden. 

Es kommen Temperaturen vor, welche selbst die hochfebrilen 
überragen , sogar bedeutend überragen , und welche keineswegs bloss 
als Ausdruck eines überaus gesteigerten Fiebers anzusehen sind, 
sondern welche vielfach gerade unter Verhältnissen beobachtet wer- 
den, die denen der Fieberentwickelung nicht entsprechen. Entweder 
fehlen dabei jene Erscheinungen , welche man zu dem Complex des 
Fiebers rechnet , oder sie sind wenigstens nicht im Verhältniss zur 
Temperaturhöhe entwickelt. Man kann solche Temperaturen des- 
halb hyperpyretische nennen. 

Schon bei einer Höhe von mehr als 41 <^ (= 32,8 R.) kann der 
Verdacht entstehen , dass es sich nicht mehr um blossen Ausdruck 
des Fiebers handle ; dieser Verdacht wächst mit Zunahme der Tem- 
peratur und wird namentlich bei Höhen über 41,5^ (= 33^2 R-) zur 
ziemlichen Gewissheit. 

Die Verhältnisse, unter welchen so hohe Grade von Temperatur 
vorkommen, sind übrigens vei-schieden. 

a) Sie kommen in einigen Krankheiten von bestimmter 
♦Specifität vor , welche ohne Zweifel auf Infectionen beruhen , dabei 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 199 

:aber trotz der hohen Temperatur theils ganz gefahrlos sind , theils 
wenigstens bei weitem nicht die Gefahr haben , welche die enorme 
.Steigerung der Eigenwärme erwarten lassen könnte. Es sind diess 
die Malaria- Wechselfieber und die Recurrens. Bei jenen steigt die 
Temperatur während einer kurzen Zeit , aber meist in sich wieder- 
iholenden Anfällen ganz gewöhnlich auf 41 ^ und selbst darüber, ohne 
•dass irgend eine Gefahr dabei vorhanden ist. Bei der Recurrens 
kommen auch in heilenden Fällen Erhebungen bis auf 42 •^ und selbst 
einige Zehntel darüber vor. Bei dieser Krankheit kann die Steige- 
rung über 41 zwar etwas länger dauern, als bei dem Malariafieber- 
.anfall, jedoch nicht leicht über mehrere Tage. 

b) Nur sehr ausnahmsweise und ganz vorübergehend kommen 
-auch in andern an sich gutartigen und mit Genesung endenden Er- 
krankungen Erhebungen auf 41 ^ und darüber vor. Meist lässt sich 
kein genügender Grund für diese Steigerung angeben ; zuweilen geht 
«ie der critischen Entscheidung unmittelbar voran. (Perturbatio critica.) 

c) Es giebt Krankheiten , bei welchen man als gemeinschaft- 
lichen Hauptcharakter nur die Bösartigkeit bezeichnen kann , theils 
■entschiedene Infectionen, theils solche, bei welchen man keine Infec- 
"tion nachzuweisen vermag ; bei solchen Krankheiten sieht man häufig 
die Temperatur ungewöhnlich hoch steigen und es bleibt zweifelhaft, 
ob solches der Grund oder der Ausdruck der Bösartigkeit sei. Am 
häufigsten kommen solche Fälle vor bei Typhus, acuten Exanthemen, 
Pyämie, parenchymatöser Hepatitis, bösartiger Pneumonie, Puerperal- 
£eber, bei Meningitis der Convexität, bei tödtlichen rheumatischen 
Aiff'ectionen. Das Steigen der Temperatur geschieht bei diesen 
Krankheiten zuweilen ziemlich schrofi", nur selten erhält sich die 
'Temperatur einige Tage lang in derselben Höhe. Der Temperatur- 
:grad entscheidet bei diesen Fällen häufig über die Prognose. Steigt 
die Temperatur bis 41,g0 (= 33^2 R.^ , so ist bereits die Aussicht 
■auf Genesung gering, und steigt sie auf 41,73 ^ (= 88,4 R.), so ist 
der Tod fast sicher. 

d) In manchen Krankheitsfällen , und zwar gerade in solchen, 
-die nicht wesentlich fieberhaft sind, steigt in den letzten Stunden des 
Lebens die Eigenwärme ganz enorm, meist in rascher Erhebung über 
410 hinaus auf 42,5 ^^^ darüber, selbst über 44 <^. Es sind diess 
Krankheiten, bei welchen vornehmlich das Centralnervensystem sich 
%etheiligt zeigt , und zwar häufig schon vor der Erhebung der Tem- 
peratur von einer schweren Affection befallen war; vor allem zeigt 
der Tetanus dieses Verhalten , sodann die Epilepsie und die Hysterie 
he\ tödtlichem Ende , aber auch entzündliche Affectionen des Gehirns 



200 ^^^ Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

und Rückenmarkes , sowie Traumen des obersten Marks , doch bin 
und wieder auch Erkrankungen, bei welchen zuvor nichts von Störung- 
des Nervensystems bemerkt wurde. 

Hinsichtlich der C o 1 1 a p s t e m p e r a t u r e n ist nicht zu über- 
sehen , dass der Begriff des Collapses nicht identisch ist mit Collaps- 
temperatnr. Es kann Collapstemperatur vorkommen ohne sonstige 
Collapserscheinungen, und Collapserscheinungen können bestehen bei 
erhöhter Rumpftemperatur. 

4. Die speciell diagnostische und prognostische Verwerthung 
der absoluten Höhe einer gefundenen Temperatur ist übrigens- 
für sich allein allenthalben misslich. Nur Wärmegrade von ganz 
extremer Höhe oder Niedrigkeit sind schon an sich sichere Anzeigen 
der Gefahr , ja selbst des unaufhaltsam nahenden Todes ; doch auch 
mit der Einschränkung, dass bei gewissen speciellen Krankheits- 
formen Temperaturhöhen , die sonst als sichere Agoniezeichen gelten 
können, eine günstigere Beurtheilung zulassen. So werden beim 
abdominalen und exanthematischen Typhus höhere Temperaturen er- 
tragen , als bei der Pneumonie , im Scharlach höhere , als bei den 
Masern. Während aber bei allen diesen Krankheitsformen eine 
Temperaturhöhe von 42^ fast keine Hoffnung gibt, ist eine solche- 
beim Typhus recurrens noch an sich ohne Gefahr. Die höchste 
Temperatur in einem Genesungsfall hat in neuerer Zeit Mader 
(Sitzung d. k. k. Gesellschaft der Aerzte vom 5. Juni 1868) ange- 
geben: bei einem zuvor an unregelmässiger Intermittens leidenden 
ausMejico zurückkehrenden Soldaten soll nach mehrfachen Blutungen, 
enormem Kräfteverfall, Schwerhörigkeit die Temperatur auf 43,3 <^ 
gestiegen sein (?) ; die Transfusion von Blut habe ihn gerettet und 
am andern Tag schon sei die Temperatur fast normal gewesen. 
(Wiener Wochenblatt XXIV. 233.) Fälle von Insolation mit 42,8 <>' 
Temperatur und Ausgang in Genesung, hat Lewick mitgetheilt,, 
wie schon p. 134 erwähnt wurde. Unter meinen Beobachtungen ist 
mir ausser zwei Fällen von Recurrenz mit 42,2^ keine erinnerlich, 
welche mit Genesung endete und die Temperaturhöhe von 4 2, 125 ^ 
(= 33,7^ R.) überschritten hatte (Schüttelfrost im Verlauf eines Ab- 
dominaltyphus). — Die untere Gränze der noch zu ertragenden 
Eigenwärme lässt sich noch weniger bestimmt angeben. Die nie- 
drigste Temperatur, welche ich bei Genesungsfällen unter meinen 
Beobachtungen verzeichnet finde, ist 33,5 ^ (== 26,gO R.) bei 62 
Pulsschlägen in der Minute (im Defervescenzcollapse eines Abdomi- 
naltyphösen). 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 201 

5. Bei allen weniger extremen Graden hat man zunächst auf 
die sonstigen Verhältnisse des Falles Rücksicht zu nehmen. 

Vor Allem ist die Individualität des Kranken in Beach- 
tung zu ziehen. 

Bei Kindern hat die Eigenwärme in Krankheiten zwar im 
Allgemeinen dieselbe Bedeutung, wie bei Erwachsenen ; aber Kinder 
zeigen vielfach einen grösseren und schrofferen Wechsel der Tempe- 
ratur, als Personen vorgerückteren Alters, siezeigen raschere Sprünge 
und in fieberhaften Krankheiten ein frühzeitigeres Ansteigen und eine 
durchschnittlich etwas höhere Wärme , als Erwachsene. Auch folgt 
die Temperatur accidentellen Einflüssen rascher und beträchtlicher. 
Wird daher bei einem Kinde eine hochfebrile Temperatur gefunden, 
so hat sie im Allgemeinen noch nicht in demselben Maasse eine ernste 
Bedeutung , wie bei den meisten Erwachsenen , sondern sie kann, 
auch abgesehen von der Malaria intermittens, einer sehr kurz dauern- 
den , paroxysmusartig auftretenden Atfection angehören , oder sie 
kommt auch ohne dringliche Gefahr bei Krankheiten vor, bei welchen 
sie im erwachsenen Alter eine fast letale Prognose begründen würde. 
Eine bedeutende Temperaturerhöhung giebt zwar auch bei einem 
Kinde stets die Aufforderung zur sorglichsten Ueberwachung , aber 
man sieht oft genug , dass sehr erhebliche Steigerungen , welche man 
nach wenigstündiger Erkrankung findet , schon nach einem halben 
oder ganzen Tage wieder der Norm oder doch einer massigen Tem- 
peraturhöhe gewichen sind ; diesem Alter sind namentlich ephemere 
Fieberanfälle ohne bedeutungsvolle Begründung ganz vorzugsweise 
eigen. Daher darf man aus der ersten Beobachtung, selbst wenn sie 
eine sehr erhebliche Temperatursteigerung aufweist, bei Kindern nie- 
mals zu rasch Schlüsse ziehen. Auch können in diesem Alter mehr 
oder weniger hohe Temperaturen auf Punkten eines Krankheitsver- 
laufs sich zeigen , auf welchen bei Erwachsenen normale oder wenig 
erhöhte Eigenwärme sich zu finden pflegt. Selbst in der Reconva- 
lescenz zeigen sich besonders nach Muskelanstrengungen zuweilen 
beträchtliche Höhen der Eigenwärme. 

Im Gegensatz dazu zeigen Greise und gealterte Menschen ge- 
wöhnlich in Krankheiten Temperaturen, welche sich einen halben bis 
ganzen Grad unter der Durchschnittshöhe, selbst unter der Minimal- 
höhe halten , die derselben Krankheitsform bei jüngeren Individuen 
zukommt, und zwar fängt das betagte Alter in fieberhaften Krank- 
heiten schon ziemlich früh an, zu einer Zeit, welche der Gesunde noch 
zu seinen besten Jahren zu rechnen pflegt, bei dem Einen früher, bei 
dem Andern etwas später. In der Mitte der vierziger Jahre zeigen 



202 ü^ß Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

bei den meisten Menschen die Temperaturhöhen in fieberhaften Krank- 
heiten bereits den senilen Character, und bei nicht Wenigen lässt 
sich die Altersmodification schon am Ende der dreissiger bemerken. 
Dieser senile Charakter ist so eigentliümlich , dass man bei sonst 
festgestellter Diagnose aus der Temperaturhöhe gewissermaassen das 
Alter diagnosticiren kann. Dagegen kann, wenn man das vorgerückte 
Alter nicht berücksichtigt, die massige Temperaturhöhe leicht über 
Form und Gefährlichkeit der Krankheit irre leiten , zumal bei der 
ersten Messung, oder ehe die Diagnose auf anderem Wege festgestellt 
ist. — Andererseits incliniren betagte Menschen sehr zu Collaps- 
temperaturen und diese erreichen häufig bei ihnen eine beträchtliche 
Tiefe. — Einige Mittheilungen über Temperaturverhältnisse bei fie- 
bernden Greisen s. bei Charcot (de l'etat febrile chez les vieillards 
in Gazette des höpitaux 1866. Nr. 69 und 74) und bei Bergeron 
(recherches sur la pneumonie des vieillards 1866). 

Viele Frauen und auch zuweilen männliche Individuen von 
reizbarer, etwas weibischer Körper- und GeistesbeschafFenheit, zeigen 
hin und wieder ein ganz ähnliches Verhalten wie die Kinder. Es 
sind vorzugsweise zarte, empfindliche , nervöse Naturen , solche von 
hysterischer Constitution , bei welchen plötzliche , hochgradige Tem- 
peratursteigerungen auf geringe Veranlassung, ja scheinbar ohne alle 
Motive vorkommen oder auch sich ungewöhnlich lang erhalten. Wenn 
aber bei derartigen Individuen die hohe Temperatur nicht von andern 
entscheidenden Symptomen begleitet ist, so hat man das Ürtheil zu 
suspendiren. Immer aber wird eine ungewöhnliche Höhe der Tem- 
peratur zu einer fortgesetzten sorgsamen Weiterbeobachtung Anlass 
geben müssen. 

6. Bei jeder Verwerthung eines Messungsresultates ist die 
Tageszeit, in welcher die Beobachtung gemacht wird , wohl in 
Betracht zu ziehen. Siehe darüber die Tagesfluctuationen. 

Ebenso hat man die Zeit der Digestion , welche bei Kranken 
gewöhnlich eine bedeutendere Steigerung der Temperatur veranlasst, 
als bei Gesunden, und hat man die sonstigen accidentellen Einflüsse, 
zumal bei einer einmaligen Messung , niemals ausser Acht zu setzen. 
Besonders ist daran zu erinnern , dass die Messungen nach einem 
Transport stets unzuverlässig sind , indem der Transport eines Kran- 
ken seine Eigenwärme sowohl erhöhen als erniedrigen kann. 

7. Von besonderer Wichtigkeit ist es bei der Einzelmessung, 
zumal wenn sie nicht ganz entschiedene Resultate giebt, den übrigen 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 203 

Erscheinungen des Kranken aufmerksame Beachtung zu wid- 
men und namentlich die üebereinstimmung derselben mit der gefun- 
denen Temperatur oder ihren Contrast damit sorgfältig zu überlegen. 
Um jedoch das Verhältniss der Eigenwärme zu den übrigen 
Erscheinungen , welche der Kranke kundgiebt , richtig zu würdigen, 
muss man sich vergegenwärtigen , dass die wechselseitigen Bezielmn- 
gen sehr verschiedenartig sein können: 

a) die Veränderung der Eigenwärme kann bedingt sein durch 
die Erkrankung eines Organes , welches für sich mehr oder weniger 
auffällige Erscheinungen liefert: das Temperaturverhalten ist in 
solchem Falle die Folge einer topischen Erkrankung. 

b) Die Veränderungen der Eigenwärme und eine mehr oder 
weniger grosse Anzahl von sonstigen Erscheinungen sind die ge- 
meinschaftlichen Folgen einer bestimmten Ursache, z. B. einer Infec- 
tion , einer Intoxication , oder sonstigen äusseren krankmachenden 
Einwirkung. 

c) Veränderungen der Eigenwärme , besonders solche , welche 
eine beträchtliche Abweichung von der Norm darstellen oder längere 
Zeit andauern, bringen für sich schon in den Functionen zahlreicher, 
selbst der meisten Körpertheile mehr oder weniger beträchtliche 
Störungen, weiterhin und bei längerem Anhalten auch geweblicher 
Alterationen zu Wege, so dass sowohl bei hochgradigem Fieber, als 
bei Collaps ein reiches Symptomenbild entstehen kann, welches in dem 
Temperaturexcess selbst seinen Grund hat und sich vornehmlich in 
den Circulations- , Respirations- , Secretions-, Ernährungsverhält- 
nissen , sowie in den Functionen des Nervensystems kundgibt. Hier- 
bei ist aber nicht zu übersehen , dass keineswegs ein reiner Paralle- 
lismus zwischen den Graden der Temperatursteigerung oder dem 
Excesse der krankhaften Wärmeeiniedrigung und andererseits den 
sonstigen Erscheinungen besteht , sondern dass erfahrungsmässig die 
heftigsten Kundgebungen namentlich im Nervensystem mehr mit 
rapiden V^endungen in dem Temperaturverhalten, als mit dem stetigen 
Gange oder gleichmässigen Stande desselben zusammenfallen. 

d. Unzählige Umstände und Einflüsse können endhch veran- 
lassen, dass einzeliie oder mehrere Erscheinungen des kranken Kör- 
pers mit dem Verhalten der Eigenwärme in Disharmonie kommen. 

Im Einzelfalle ist zuerst sorgfältig abzuwägen, wie weit die 
. gefundene Temperatur mit den übrigen Erscheinungen übereinstimmt. 
Steht die Eigenwärme mit dem ganzen übrigen Zustande des Kran- 
ken, mit allen Einzelerscheinungen, mit der daraus entnommenen 
Diagnose der Art, des Grades und des Characters der Krankheit in 



204 Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

Harmonie, so ist sie einfach für diese Diagnose eine weitere und 
zwar eine sehr werthvolle und entscheidende Bestätigung. 

8. Bemerkt man dagegen einen Contrast der Temperatur- 
höhe mit den übrigen Erscheinungen, so ist in den Fällen, in welchen 
die Temperaturabweichung im Vergleich zu den übrigen Erscheinun- 
gen beträchtlicher ist, jedenfalls auf jene das Hauptgewicht zu legen. 

Ist sie dagegen geringer, als die übrigen Erscheinungen erwar- 
ten lassen sollten , so hat man zunächst das Messungsresultat selbst 
zu verificiren, sodann mögliche zufällige, therapeutische und sonstige 
Einwirkungen und Ereignisse , welche die Temperatur niederdrücken 
oder andere Erscheinungen steigern könnten, zu beachten. 

Ferner ist bei dem Contrast zwischen geringer Temperatur- 
abweichung und schweren sonstigen Erscheinungen in Erwägung zu 
ziehen , ob nicht eine solche Form oder Periode der Krankheit vor- 
liege, welche sich gerade durch dieses Verhalten auszeichnet. 

Ist keine derartige Erklärung möglich, so kann häufig der Con- 
trast der Temperatur mit den sonstigen Erscheinungen den Beweis 
liefern, dass eine vielleicht ausserdem vermuthete Krankheitsform 
keinesfalls vorhanden ist, oder bereits ein vorgerückteres Stadium 
besteht, oder dass besondere Verwicklungen vorliegen, oder es kann 
durch die Niedrigkeit der Temperatur angezeigt werden , dass der 
Kranke in einen Collaps einzutreten im Begriff ist. 

9. Wenn die Temperatur mit dem Allgemeinbefinden 
contrastirt und zwar, wenn das letztere mehr oder weniger schlecht 
ist , die Wärme aber nicht oder unmerklich von der Norm abweicht, 
so kann zwar eine Störung im Körper bestehen , aber sie ist meist 
keine erhebliche acute, und zumal , wenn die Erkrankung erst kurze 
Zeit dauern soll , so hat man bei vielen Klagen und normaler Tem- 
peratur ziemliches Recht, an Simulation oder Uebertreibung zu 
denken. 

Ist dagegen das subjective Befinden gut und die Temperatur 
zeigt eine beträchtliche Abweichung , so darf man gerade aus diesem 
Contraste schliessen , dass die Krankheit wahrscheinlich schwer und 
bedenklich sei. Vorzüglich kommt bei Typhösen und andern schwe- 
ren Infectionskranken ein bedeutender Contrast zwischen subjectivem 
Wohlbefinden und hoher Temperatur nicht selten vor. 

In den Momenten günstiger Entscheidung bei schweren fieber- 
haften Erkrankungen findet sich zuweilen eine höchst unbehagliche 
Empfindung neben normal gewordener oder selbst subnormaler Tem- 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 205 

peratiir, vornehmlich dann, wenn die Defervescenz in Collaps aus- 
artet. Man darf in diesen Fällen durch das schlechte Befinden sich 
nicht irre leiten lassen und kann sicher sein, dass der Kranke in den 
Genesungsprocess eingetreten ist. 

10. Sehr häufig zeigt sich ein Contrast zwischen der Tempera- 
tur und der Pulsfrequenz. 

Man kann annehmen , dass bei den fieberhaften Zuständen der 
Erwachsenen die schwach febrile Temperatur einer Pulsfrequenz von 
80 bis 90, die massig febrile einer von 90 bis 108 entspreche, die 
beträchtlich febrile mit 108 bis 120 parallel gehe und bei dem hoch- 
gradigen Fieber die Pulsfrequenz die Zahl von 120 übersteige. Doch 
haben diese Zahlen nur approximative Geltung. 

Bei Kindern , schwächlichen und nervösen Individuen ist dieses 
Verhältniss wesentlich anders und die Pulsfrequenz im Allgemeinen 
viel beträchtlicher. 

Auch sonst zeigen sich äusserst häufig Disproportionen zwischen 
Temperatur und Puls, und der letztere folgt sehr oft den Besserungen 
der Temperatur nach, während bei Verschlimmerungen die Steigerung 
der Pulsfrequenz nicht selten vorangeht. 

Eine im Verhältniss zur Temperatur etwas geringere Puls- 
frequenz kann als ein günstiges Zeichen angesehen werden, sie weist 
auf ein ruhiges Nervensystem hin; eine unverhältnissmässig niedere 
Pulsfrequenz bei hoher Temperatur lässt dagegen das Vorhandensein 
besonderer Verhältnisse vermuthen, deren Erforschung auf anderem 
Wege nöthig ist, z. B. Hirndruck, Gallenbestandtheile im Blute, puls- 
verlangsamende Medicamente und dergleichen. 

Eine der Temperatur nicht proportionale zu hohe Pulsfrequenz 
weist auf locale Störungen am Herzen oder auf Benachtheiligungen 
desselben durch die Respirationsorgane, den Thorax oder den Unter- 
leib oder auf Beeinflussung des Herzens durch das Nervensystem hin ; 
doch ist nicht zu übersehen , dass bei vielen Kranken jede auch noch 
so massige Bewegung die Pulsfrequenz ansehnlich erhöhen kann. 
Die Pulsfrequenz allein ist nach allem diesem ein schlechter Maass- 
stab für den Fiebergrad. 

Im Allgemeinen ist fast immer dasjenige Moment das maass- 
gebendere, welches die schlimmeren Verhältnisse darbietet ; bei hoher 
Pulsfrequenz und massiger Temperatur die erstere, bei geringer Puls- 
frequenz und hoher Temperatur die letztere , und zwar ist das Ver- 
halten um so bedenklicher, je grösser der Contrast sich zeigt. 



206 I^Jö Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

Eine nicht zu grosse Steigerung der Pulsfrequenz bei unter- 
normaler Temperatur verschlimmert dagegen die Prognose nicht. 

11. Die Athemfrequenz geht noch viel weniger parallel 
mit der Temperatur, als die Pulsfrequenz. Bei Collapstemperaturen 
ist die Respirationsfrequenz gemeiniglich vermehrt, ohne dass sich 
darüber eine Regel aufstellen Hesse. 

Bei hyperpyretischen Temperaturen ist ebenfalls gar keine Regel 
zu geben , und es finden sich neben Fällen von beschleunigter Respi- 
ration nicht selten auch solche, bei welchen die Athmungsfrequenz 
unter die Norm herabgeht. 

Bei annähernd normaler Temperatur, so wie bei massigem Fie- 
ber ist die Respiration an sich kaum beeinträchtigt ; nur bei Kindern 
zeigt sich schon bei massigem Fieber zuweilen eine vermehrte Fre- 
quenz. Wo daher bei massigem Fieber eine Beschleunigung der 
Athemzüge sich findet, hat man locale Ursachen derselben zu ver- 
muthen. 

Bei mittlerem Fieber bemerkt man gewöhnlich eine massige 
Beschleunigung der Athemfrequenz bis zu 20 Zügen und etwas mehr; 
bei Kindern nicht selten schon bis zu 40 und 50. Bei beträcht- 
lichem und hochgradigem Fieber steigt ohne jede Betheiligung der 
Respiratiousorgane selbst die Athemfrequenz gewöhnlich auf 30 und 
darüber, bei Kindern oft über 60. Auch die Athemfrequenz Fiebern- 
der wird durch jede Körperbewegung beträchtlich gesteigert. 

1 2 . Zwischen den Gehirnsymptomen und der Temperatur 
ist bald ein gewisser Parallelisraus, bald aber ein contrastirendes Ver- 
halten zu bemerken. Individuelle Dispositionen bedingen überdiess 
hinsichtlich der Hirnerscheinungen die allergrössten Difibrenzen. 

Bei leichtem oder massigem Fieber pflegt bei Erwachsenen die 
Betheiliguug des Gehirns noch wenig auffällig zu sein ; nur bei Kin- 
dern und Greisen tritt sie in stärkeren Symptoncien hervor. Selbst 
bei einem beträchtlichen Fieber sind bei Erwachsenen die Hirn- 
functionen gewöhnlich noch nicht so erheblich gestört, dass die Vor- 
stellungen sich confundiren und unwillkürliche Aeusserungen zu Tage 
kommen ; erst bei einem sehr hochgradigen Fieber wird durch dieses 
allein schon Delirium oder eine sonstige Alteration der Gehirnfunc- 
tionen oft hervorgerufen. 

Zeigen sich daher bei einer Temperatur , welche die Höhe eines 
hochgradigen Fiebers nicht erreicht, erhebliche Symptome von Seiten 
des Gehirns, so darf eine topische und selbstständige Erkrankung 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 207 

dieses Organs angenommen werden , falls der Kranke nicht ein Kind 
oder ein Greis ist. Dieser Schluss ist um so mehr berechtigt, je wei- 
ter die Temperatur von der hochfebrilen entfernt ist und je weniger 
Eigenthümlichkeiten des Individuums eine stärkere Betheiligung des 
Organs erklären. 

Bei dem rapiden Rückgang der Temperatur jedoch , wie er bei 
Collapsen und in manchen Fällen der Defervescenz vorkommt, treten 
zuweilen gerade während dieser Veränderung alarmirende Hirn- 
symptome, namentlich heftige Delirien und raaniakalische Ausbrüche 
ein, welche unter solchen Verhältnissen eine weit geringere Bedeu- 
tung haben, als der mit der Sache nicht Vertraute ihnen zuschreiben 
möchte. Freilich treten ähnliche Hirnerscheinungen auch beim Agonie- 
collaps ein , und es bleibt der Bestimmung aus andern Motiven über- 
lassen, hier die Unterscheidung zu machen. 

13. Bedeutung des Resultats einer einmaligen 
Messung bei einem für gesund gehaltenen Individuum. 
Die Abweichungen , welche bei solchen gefunden w^erden , sind meist 
nur geringe ; doch giebt es auch Fälle , bei welchen man sehr bedeu- 
tend excedirende Temperaturen findet. Während der Menstruation, 
im Wochenbett , in der Säugperiode , in der Zeit des Zahnens , auf- 
fallend schnellen Wachsthums, beim Zustand tiefer Ermüdung, der 
psychischen Niederdrückung und dergleichen mehr ist nicht selten 
die Temperatur gesteigert ; in solchen Verhältnissen ist daher allemal 
die Erhaltung einer normalen Temperatur eine vorzügliche Garantie 
für das Widerstandsvermögen des Organismus und dafür, dass kein 
pathologischer Process begonnen hat. 

Wo si^h dagegen üeberschreitungen der normalen Breite fin- 
den , kommt es zunächst auf den Grad der Abweichung an , sodann 
auf die Art der Individualität. 

Jedenfalls muss jede Abweichung eine Aufforderung zu weiterer 
sorgfältiger Beobachtung sein. 

Eine subnormale Temperatur bei gesund scheinenden Individuen 
ist in der Regel ohne erhebliche Bedeutung, obwohl sie immerhin den 
Verdacht erregen kann, dass entweder den Gesunden irgend eine un- 
günstige Einwirkung getroffen habe, oder dass der scheinbar gesunde 
Organismus doch eine Störung enthalte. 

Die häufigste Abweichung der Eigenwärme , welche man bei 
scheinbar Gesunden und auch nicht in ungewöhnlichen Verhältnissen 
sich Befindenden zu finden pflegt, ist die subfebrile Temperatur. Sie 
zeigt an , dass bei dem Individuen nicht Alles in Ordnung ist , dass 



208 ^-^'® Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtiieilung. 

mindestens eine krankhafte Empfindlichkeit besteht. Bei Kindern, 
um so mehr je jünger sie sind , können allerdings solche Terapera- 
tm-en durch geringe äussere Einflüsse, durch Bewegungen etc. bedingt 
werden. Bei Erwachsenen aber, um so mehr je kräftiger diese 
organisirt erscheinen , geben subfebrile Temperaturen eine ziemliche 
Wahrscheinlichkeit, dass irgend eine latente Störung vorhanden sei. 
Ein solcher Befund muss daher zur weiteren Exploration, namentlich 
der Lungen , des Herzens , des Darmes , der Nierensecretion, so wie 
zur fortgesetzten Beaufsichtigung und namentlich zu wiederholter 
Wärmemessung veranlassen. 

Auch febrile Temperaturen findet man nicht selten bei Men- 
schen , welche gesund scheinen , allerdings meist nur Temperaturen 
massigen Fiebers. Sie sind ein sicheres Zeichen bestehender Störung, 
entweder einer durch eine äussere Einwirkung herbeigeführten Ano- 
malie, oder des Beginns einer bis jetzt noch durch keine andere 
Erscheinung sich verrathenden acuten Erkrankung, oder endlich einer 
vorhandenen latenten chronischen Affection. Es ist selbstverständlich, 
dass sich die aufmerksamste Weiterbeobachtung anschliessen muss. 

14. Bedeutung der Einzelmessung bei scheinbar unbedeu- 
tenden Indispositionen. 

Indispositionen , welche noch keine Diagnose zulassen , zeigen 
ganz vorzugsweise den Werth der Thermometrie zu einer raschen 
Orientirung. 

Normale Temperatur bekräftigt die Bedeutungslosigkeit des 
Unwohlseins; doch thut man gut, in Fällen, in welchen man bei 
Indisposition die Temperatur normal gefunden hat, nach einiger Zeit 
nochmals zu messen, namentlich in Stunden, in welche die Exacerba- 
tionen zu fallen pflegen. 

Auch eine subnormale oder subfebrile Temperatur lässt , zumal 
wenn die Unpässlichkeit nicht eben erst begonnen hat, eine unerheb- 
liche Störung vermuthen. 

Sobald aber die Temperatur fieberhafte Höhe zeigt , so ist eine 
vermehrte Aufmerksamkeit nothwendig. Zwar ist eine solche febrile 
Steigerung noch keineswegs ein Beweis für den Beginn einer schwe- 
ren Erkrankung, und namentlich zeigen Kinder, Frauen, empfindliche 
Subjecte, chronische Kranke , Phthisische häufig schon bei blossen 
Indispositionen vorübergehend eine febrile Temperatur. 

Allein man muss bei dem Vorhandensein einer erheblich gestei- 
gerten Temperatur wenigstens darauf gefasst sein , dass eine ernste 
Störung sich entwickelt. Es darf daher unter diesen Umständen der 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 209 

Kranke das Bett niclit verlassen , und es ist mindestens Vorsicht und 
Aufmerksamkeit nöthig. 

1 5. Beim ersten Beginn einer acuten fieberhaften 
Krankheit ist selten schon eine Diagnose möglich. 

Findet man dabei die Temperatur normal oder die Fieberhöhe 
nur massig , so kann man mit ziemlicher Sicherheit croupöse lobäre 
Pneumonie, Variolen und Scharlach ausschliessen. Ist sie in einer 
Abendstunde normal oder nur leicht fieberhaft, so ist die Erkrankung 
kein Tj^phus. 

Wenn dagegen mit dem Auftreten der ersten sonstigen Erschei- 
luingen die Temperatur sogleich beträchtliches Fieber anzeigt , so ist 
der Kreis der möglichen Aflfectionen ein ziemlich grosser: Exan- 
theme, Mandelentzündung, Pneumonie, Pleuritis, Wechselfieber, 
Ephemera , Pyämie , Convexitätsmeningitis , exanthem. Typhus etc. ; 
aber mindestens kann man mit grosser Sicherheit annehmen, dass 
kein Abdominaltyphus vorliege; auch eine Grippe ist nicht wahr- 
scheinlich, ebensowenig ein Intestinalkatarrh , falls nicht bedeutende 
nachtheilige Einflüsse den Darm getroffen haben» Desgleichen ist 
ein acuter Gelenkrheumatismus in hohem Grade unwahrscheinlich. 

16. In vielen Fällen ist die Diagnose in der ersten Hälfte 
der ersten Woche einer acuten Krankheit noch sehr zweifelhaft. 
Die Thermometrie ist nicht immer , aber doch in manchen Fällen im 
Stande, schon durch eine einzige Messung Anhaltspunkte zu geben. 

Subnormale und Collapstemperaturen kommen nur bei Diarrhoe, 
Cholera, Blutungen, Innern Perforationen, zuweilen auch bei toxischer 
Gastritis, selbst bei Peritonitis vor. 

Findet man trotz einer auf Fiebersymptome hinweisenden 
Anamnese an irgend einem der ersten Tage, zumal in einer Abend- 
stunde, eine normale Temperatur , so ist der Verdacht auf ein Wech- 
selfieber nicht ungerechtfertigt; mindestens schliesst ein solches Ver- 
halten den abdominellen und exantheraatischen Typhus, die acuten 
Exantheme vor der Eruption (ausser Masern, Röthelu und Varicellen) 
aus. Auch die Entwicklung schwerer Entzündungen ist unter solchen 
Umständen unwahrscheinlich, und überhaupt lässt sich aus einer nor- 
malen Abendtemperatur in den ersten Tagen der Krankheit auf einen 
wenig belangreichen Process schhessen. Ist die Temperatur Morgens 
normal gefunden worden, so hat man ziemlich dieselben Krankheiten 
auszuschliessen, falls nicht irgend ein Umstand die Temperatur herab- 
gedrückt haben kann. Dagegen ist bei solchem Befunde eine 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 14 



210 ^^® Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

katarrhalische Affection , sind Masern , Pleuritis , acute Tuberculose, 
granulirte Meningitis und Rheumatismus acutus sehr wohl möglich. 

Subfebrile Temperaturen und die Temperaturen leichter Fieber- 
bewegung haben ungefähr dieselbe Bedeutung , nur dass sie , am 
ersten, auch wohl am zweiten Morgen gefunden, einen Abdominal- 
typhus noch nicht ausschliessen. Bei acuten Exanthemen kann es, 
wenn sie sehr rudimentär sind , zumal bei Masern vorkommen, dass 
solche massig febrile Temperaturen auch vor der Eruption gefunden 
werden. Bei katarrhalischen und rheumatischen Affectionen sind sie 
in den ersten Tagen sogar die Regel ; dagegen finden sie sich nicht 
beim Wechselfieber , es sei denn , dass man zufällig in dem ersten 
Anfange oder am Schluss eines Paroxysmus misst. 

Beträchtliche und hochfebrile Temperatur, wenn sie schon am 
ersten oder zweiten Tage beobachtet wird , macht einen Abdominal- 
typhus unwahrscheinlich , oder beweist , dass er früher , als die son- 
stigen Symptome vermuthen Hessen , begonnen hatte. Um so mehr 
ist ein solcher Schluss gerechtfertigt , wenn die hohe Temperatur in 
den Morgenstunden gefunden wird. Im Üebrigen giebt eine hoch- 
gradiges Fieber anzeigende Einzelmessung in den ersten Tagen kaum 
Aufschluss über die Art des Processes ; nur lässt sie, wenn die Mög- 
lichkeit eines Wechselfiebers ausgeschlossen werden kann, mit grosser 
Wahrscheinlichkeit eine schwere Erkrankung erwarten. 

Steht die Diagnose in den ersten Tagen der Erkrankung nach 
andern Momenten bereits fest, so giebt der Grad einer einmal gefun- 
denen Temperatur wenigstens über die Intensität des Falles insofern 
Aufschluss , als extreme Temperaturhöhen einen schweren Fall an- 
zeigen, eine Temperatur unter der Mitteltemperatur der betreffenden 
Krankheit in der gegebenen Tagesstunde dagegen eine Wahrschein- 
lichkeit für einen gelinden Verlauf giebt. 

17. Bei einem in die zweite Hälfte der ersten Krank- 
heitswoche vorgeschrittenen fieberhaften Verlauf kann die Dia- 
gnose noch immer zweifelhaft sein. Es können in Frage kommen 
protrahirtes Prodromalfieber eines Exanthems, abdominaler und exan- 
thematischer Typhus, Febris recurrens, langsam sich entwickelnde 
Pneumonie, intensive Grippe und Capillarbronchitis , acute miliare 
Tuberculose, Wechselfieber, tuberculöse Meningitis, epidemische 
Cerebrospinalmeningitis , Hepatitis , interne Eiterung , Osteomyelitis, 
acute Lues. 

Eine einmalige Temperaturmessung kann zur Entscheidung der 
Diagnose in solchen Fällen nur spärliche Beiträge geben. 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 211 

Findet man die Temperatur zumal Abends normal, subfebril 
oder massig febril , und hat nicht ein besonderer temperaturherab- 
drückender Einfluss stattgefunden , so ist mit Bestimmtheit anzuneh- 
men , dass weder ein exanthematisches Prodromalfieber noch ein 
Typhus vorliege. 

Findet man die Temperatur beträchtlich oder hochgradig febril, 
so kann man eine tuberculöse Meningitis mit grosser Wahrscheinlich- 
keit ausschiiessen. 

Findet man eine hyperpyretische Temperatur, so kann ein 
Wechselfieber oder eine bösartige Infectionskrankheit vorliegen , und 
es ist eine sorgfältige Weiterbeobachtung und Wiederholung der Mes- 
sung dringlich geboten. 

Die Temperatur ist in allen diesen Fällen ganz vorzugsweise 
leitend für die Diagnose ; aber eine Beschränkung auf eine einzige 
Messung kann nur sehr Unvollkommenes leisten , und vorschnelle 
Schlüsse aus einer solchen muss man vermeiden. 

18. Wenn sich bei einer bis dahin noch zweifelhaften Diagnose 
einer acuten fieberhaften Erkrankung ein Exanthem entwickelt, 
so hat natürlich die Gestaltung desselben und der übrigen begleiten- 
den Erscheinungen vornehmlich die Grundlage der Diagnose zu bil- 
den ; aber es kann doch zuweilen eine Zeitlang zweifelhaft bleiben, 
ob man die beginnende Eruption für Pocken , Masern , Scharlach, 
exanthematischen Typhus oder ein syphilitisches Exanthem halten 
soll. In diesem Falle kann die Wärmemessung wenigstens insofern 
Aufschlüsse geben , dass , wenn nach beträchtlichen Symptomen mit 
der Eruption die Temperatur sich nieder zeigt, Pocken anzunehmen 
sind, und zwar, wenn sie vollkommen normal wird, mit Wahrschein- 
lichkeit modificirte Pocken (Variolois). Auch bei einer syphilitischen 
Eruption fehlt häufig das Fieber, doch unterscheidet sie sich genü- 
gend dadurch, dass dann auch die vorangegangenen Fiebersymptome 
massige waren. 

Bei Masern, Scharlach und exanthematischem Typhus dauert 
dagegen das Fieber beim Beginn der Eruption noch fort. 

19. Wird im weitern Verlauf bei einer acuten fieberhaften 
Krankheit die Diagnose gesichert , oder scheint sie festzustehen , so 
giebt die Temperatur fortwährend die wichtigsten Aufschlüsse gerade 
über die wissenswerthesten Verhältnisse ; allein die thermometrische 
Beobachtung muss dann fortlaufend und consequent angestellt 
werden. 

14* 



212 Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

Doch kann zuweilen auch ein einzelnes Messungsresultat von 
Wichtigkeit werden ; es kann zur Bestätigung der Diagnose beitra- 
gen, es kann aber auch Zweifel erheben oder sie widerlegen, es kann 
über den Grad der Krankheit entscheiden, es kann auf Modificationen 
derselben hinweisen, sowie auf Complicationen und Gefahren. 

Um in solcher Weise das einzelne Messungsresultat zu verwer- 
then, muss man mit dem Gange der Temperatur der einzelnen Krank- 
heiten wohl vertraut sein. 

Zunächst sind verhältnissmässig hohe Grade der gefundenen 
Temperatur stets Anzeichen der Intensität der Erkrankung, auch 
wenn sie nur einmal gefunden werden. Verhältnissmässig niedere 
Grade beweisen dagegen nichts für die Milde der Krankheit, weil 
auch in den schwersten Fällen einmal vorübergehend eine Er- 
mässigung sich ereignen kann, bald mit, bald ohne bekannten Grund. 

Eine einzelne aus dem Gange des Verlaufs herausgegriffene 
Temperatur giebt nur nach sorgfältiger Ueberlegung aller Verhält- 
nisse das Recht zu einem bestimmten Schlüsse. 

Ein Typhus ist überhaupt kaum anzunehmen , wenn zu irgend 
einer Zeit zwischen dem dritten und zehnten Tage die Temperatur' 
nicht wenigstens massig febril und in den Abendstunden nicht be- 
trächtlich febril ist (mindestens 39,^^), ausgenommen wenn zuvor 
eine starke fieberermässigende Einwirkung vorgekommen ist (reich- 
liche Blutung, Stuhlentleerung nach vorhergegangener Retention), 
oder wenn das Individuum betagt ist. Eine mit dem bisherigen Gang 
contrastirende niedere Temperatur kann sogar den Verdacht auf eine 
innere Blutung lenken, ehe das Blut nach Aussen gelangt ist. Auch 
später und bis zur Mitte der dritten Woche ist ein Abdominaltyphus 
zweifelhaft, wenn die Temperatur an einem Abende (die obigen Ein- 
flüsse ausgenommen) weniger als 39*^ zeigt. Hochfebrile Morgen- 
temperaturen (welche 40 ^ nahe kommen) oder auch Abendtempera- 
turen von 41^^ sind bei dieser Krankheit Zeichen eines schweren und 
gefahrdrohenden Zustandes. Ebenso wird die Gefahr sehr gross, 
wenn bei Erscheinungen von Collaps die Rumpftemperatur sehr hoch 
ist. Normaltemperaturen in den Morgenstunden sind in spätem 
Perioden noch keineswegs Zeichen des beendeten Fiebers. 

Bei Masern ist es ein Zeichen einer vorhandenen oder drohen- 
den Complication , wenn die Temperatur nach beginnendem Erblei- 
chen des Exanthems noch febril bleibt. Selbst eine subfebrile Tem- 
peratur ist verdächtig. 

Bei Scharlach gilt das Gleiche , aber erst für eine etwas spä- 
tere Zeit. 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 213 

Bei Pocken ist , sobald in der Zeit nach der Eruption die Tem- 
peratur noch als febril sich erweist , eine Variola vera (d. h. eine 
Erkrankung mit fieberhaftem Suppurationsstadium) oder eine Com- 
plication mit grosser Sicherheit anzunehmen. 

Bei primär croupöser und lobärer Pneumonie ist eine einmal 
gefundene normale oder subfebrile Temperatur noch keineswegs ein 
Beweis , dass der Process geschlossen ist. Jede hochfebrile Tem- 
peratur ist bei einer Pneumonie sehr bedenklich und lässt den Fall 
als einen sehr intensiven erscheinen. Diess ist immer um so mehr 
der Fall, wenn sie in einer spätem Zeit (nach dem 6. Tage) gefun- 
den wird. Nur ist dabei zu beachten , dass zuweilen der günstigen 
Entscheidung eine auffallende Steigerung der Temperatur vorausgeht. 
Bei alarmirenden Erscheinungen eines vorgerückten Verlaufs einer 
Pneumonie ist, wenn die Temperatur normal oder subfebril sich zeigt, 
gewöhnlich keine Gefahr, und man kann mit der grössten Beruhigung 
die Beendigung des Processes versichern. 

Bei Gesichtserysipel zeigt eine febrile Temperatur an , dass der 
Process noch nicht beendet ist und neue Ausbreitungen oder Com- 
pücationen bevorstehen. 

Bei Grippe und Bronchitis sind beträchtliche oder hochfebrile 
Temperaturen stets sehr verdächtig, um so mehr , wenn sie Morgens 
oder in später Krankheitszeit eintreten. Sie zeigen mit grosser 
Wahrscheinlichkeit das Fortschreiten in die kleinsten Bronchien oder 
das Hinzutreten einer Pneumonie an , kommen auch zuweilen in den 
Fällen vor, in welchen die Bronchitis eine acut tuberculöse Absetzung 
verdeckt. 

Beim Keuchhusten weist jede febrile Temperatur auf eine Com- 
plicatiotf hin, abgesehen von der Zeit der ersten Entwickelung der 
Krankheit. 

Beim acuten Gelenksrheumatismus trägt eine einmalige Tem- 
peraturmessung nicht zur Diagnose bei, nicht einmal zur Feststellung, 
ob innere Complicationen bestehen. Nur sehr hohe Temperaturen 
zeigen im Allgemeinen die Gefährlichkeit des Falles an. 

Bei meningitischen Erscheinungen weist eine beträchtlich fieber- 
hafte , besonders aber hochfebrile Temperatur auf Erkrankung der 
Convexität ; schwach febrile oder apyretische Temperaturen dagegen 
auf die granulirte Form der Basilaren tzündung hin. 

Bei der Cerebrospinalmeningitis kann jede Höhe der Tempera- 
tur vorkommen. 

Bei Pleuritis, Pericarditis , . Endocarditis , Peritonitis zeigt eine 
hochfebrile Temperatur jederzeit grosse Gefahr an, während ein mitt- 



214 Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

leres massiges Fieber oder selbst eine apyretische Temperatur noch 
keineswegs eine günstige Prognose sichert. 

Bei Vorhandensein eines gastrointestinaleu Catarrhs darf selbst 
eine einmalige Messmig , wenn sie eine hohe Temperatur zeigt und 
der Kranke zuvor in guter Pflege sich befand , auch keine besonders 
nachtheiligen Einflüsse auf ihn gewirkt haben , Verdacht erregen und 
an einen Abdominaltyphus oder eine latente Entzündung denken 
lassen. Doch wird unter diesen Umständen erst eine wiederholte 
Beobachtung hoher Temperaturgrade die Sicherheit des Vorhanden- 
seins einer schweren Erkrankung gewährleisten. 

Ein Wechselfieber ist zu bezweifeln, wenn am Schluss des 
Frostes oder im Anfang der Hitze die Temperatur nicht bis nahe auf 
41 ö oder darüber steigt. Ueberragt sie aber eine Höhe von 41,8 <^, 
so ist wiederum die Diagnose sehr unwahrscheinlich. Es ist ferner 
die Diagnose zweifelhaft, wenn die Temperatur in der Apyrexie nicht 
normal ist. Wenn die Anfälle aufgehört haben und kein sonstiges 
krankhaftes Symptom vorliegt, aber die Temperatur noch fieberhaft 
sich zeigt, so ist das Vv^echselfieber nicht geheilt. 

20. In der Periode der Entfieberung geben Einzelmes- 
sungen kein sicheres Resultat ; nur ist eine niedrige Temperatur eher 
ein Beweis der Abwickelung des Fiebers , wenn sie in die Abend- 
stunde fällt. Die Temperatur überschreitet bei dem Abfall des Fie- 
bers und in der nächstfolgenden Zeit , zumal nach schweren Erkran- 
kungen und bei schwächlichen , empfindlichen Individuen sehr häufig 
die Gränze der Norm und sinkt stundenlang , selbst tagelang bis zu 
einer Tiefe, die leicht Besorgnisse erregen kann. Diese Collapse 
sind bald mit andern , mehr oder weniger schweren Erscheinungen 
verbunden , bald nur an der Temperatur zu erkennen. Je näher ein 
solcher Collaps der Zeit des Fieberabfalls liegt , um so weniger zeigt 
er Gefahr an , um so sicherer kann er als DefervescenzcoUaps an- 
gesehen werden. 

21. Nach der Beendigung der Krankheit und in der 
Reconvalescenz ist die Temperatur im Allgemeinen normal, 
aber CoUapstemperaturen kommen nicht selten vorübergehend bei 
Reconvalescenten vor. Sie sind nicht ohne bedenkliche Bedeutung, 
zumal je entfernter von der Periode der Fieberentscheidung sie sich 
ereignen , und die Untersuchung hat sich in solchen Fällen darauf zu 
richten, ob nicht eine innere Blutung, eine Perforation des Darmes 
den Collaps bedinge. 



Die Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 215 

Auch einfache subnormale Temperaturen kommen oft bei Recon- 
valescenten vor , ohne dass sie an sich eine sicher ungünstige Bedeu- 
tung hätten ; doch zeigen sie an , dass die Reconvalescenz noch kei- 
neswegs consolidirt ist , und lassen vermuthen , dass die Ernährung 
den Verhältnissen nicht angemessen sei. 

Im Uebrigeu ist die Temperatur der Reconvalescenten sehr 
beweglich und wird durch geringfügige Einflüsse leicht gesteigert ; 
daher man nicht selten überrascht werden kann durch eine mehr 
oder weniger beträchtliche Temperaturhöhe in dieser Periode. Min- 
destens sind solche Steigerungen Zeichen , dass die Reconvalescenz 
nicht rein oder dass sie gestört ist. 

Findet man die Temperatur febril , so kann diess von unter- 
geordneten Einflüssen abhängen: 

von irgend einem relativen Diätfehler, namentlich dem verfrüh- 
ten Genuss von Fleisch oder Spirituosen , oder von einer zu starken 
Magenüberfüllung ; 

von einer die Kräfte übersteigenden Anstrengung, von zu frühem 
Aufstehen oder zu langem Ausser-Bett-sein , und bei vielen Recon- 
valescenten zeigt sich die Temperatur sofort erhöht, wenn sie das 
Bett verlassen ; 

von einer Stuhlretention ; 

von andern mehr oder weniger geringfügigen Einflüssen, welche 
den Reconvalescenten betroffen haben. 

Sie kann aber auch bedingt sein durch wichtige, vorläufig viel- 
leicht noch gar nicht diagnosticirbare und nur etwa durch die Tem- 
peratur sich verrathende Störungen (eine nicht völlige Abheilung des 
Krankheitsprocesses , partielles Weiterschreiten, latente chronische 
Aff'ectionen, neue Erkrankung), aber die einmalige Messung entschei- 
det für diese Verhältnisse nichts und kann nur als Warnungszeichen 
Werth haben , um weitere Messungen vorzunehmen und auf alle son- 
stigen Verhältnisse die grösste Aufmerksamkeit zu verwenden. 

22. Wenn eine acute fieberhafte Krankheit eine bedenk- 
liche Wendung zu nehmen scheint, so kann zuweilen schon eine 
einmalige Temperaturmessung entscheiden, ob der tödtliche Ausgang 
sich vorbereite. Solches ist mit grosser Wahrscheinlichkeit anzu- 
nehmen : wenn die Temperatur hyperpyretisch wird , oder wenn sie 
im Gegentheil massig fieberhaft sich zeigt, oder zur Norm oder unter 
dieselbe fällt , während die übrigen Erscheinungen grosse Intensität 
zeigen. 



216 ^^^ Einzelmessung, ihre Bedeutung und Beurtheilung. 

23. Bei an sich nicht fieberhaften Krankheiten ist eine 
vorgefundene Temperatursteigerung stets besonders bedenklich : 

bei AfFectionen des Nervensystems (Epilepsie, Chorea, Hysterie, 
Tetanus, Neuralgie, Apoplexie) , und sie kann in solchen Fällen ab- 
hängen von einer hinzugetretenen neuen fieberhaften Störung , oder 
sie kann der Anfang des tödtlichen Ausgangs sein ; 

bei Icterus, bei welchem jede febrile Temperatur in hohem 
Grade verdächtig ist ; 

bei Krankheiten mit Erbrechen , Diarrhöe , oder überhaupt mit 
Collaps , bei welchen eine fieberhafte Rumpftemperatur den Eintritt 
einer Reaction anzeigt. 

Im üebrigen kann bei zuvor nicht fieberhaften Krankheiten das 
Auftreten einer febrilen Temperatur eine Exacerbation oder Compli- 
cation anzeigen. 

Andererseits können aber auch Collapstemperaturen bei den an- 
gegebenen Affectionen, wenn sie zu weit herabgehen, höchst bedenk- 
lich werden. 

24. In chronischen, mit Fieber verlaufenden Fällen kann, 
natürlich aus einer einmaligen Temperaturmessung nichts für die 
Diagnose gewonnen werden; es muss hier eine fortgesetzte Beob- 
achtung eintreten, sobald die Einzelmessung mit den Schlüssen, welche 
man bis dahin aus dem Verlauf zu ziehen berechtigt war, nicht mehr 
übereinstimmt. 

Wird in chronischen Krankheiten eine Collapstemperatur gefun- 
den, so hat sie bedenkhchere Bedeutung, als in einem acuten Falle, 
es sei denn , dass solche unternormale Temperaturen der Art der 
Erkrankung entsprechen. 



IX. 
Die Tagesfliictuation der Temperatur bei Kranken. 

1. Die Eigenwärme zeigt bei Kranken eine mehr oder weniger 
beträchtliche Verschiedenheit der Höhe im Laufe eines Tages. Nie- 
mals verharrt sie während einer 24stiindigen Periode auf demselben 
Punkte , und Beobachtungen , welche ein tagelanges Verbleiben der 
Eigenwärme auf gleicher Höhe anzeigen, sind sicher falsch. 

Die Tagesschwankungen der Temperatur, die schon im Zu- 
stande der Gesundheit bemerkt werden , sind in Krankheiten meist 
noch weit umfänglicher. Es ist gewöhnlich , dass die Eigenwärme 
bei einem Kranken im Laufe eines Tages um 1 bis l^/^^ wechselt, 
und sie kann sich ganz wohl um 5 , selbst um 6 ^ und mehr ver- 
ändern. Sind die Tagesfluctuationen bei beträchtlicher oder gar 
hoher Temperatur sehr gering, ist der Verlauf also mehr oder weniger 
continuirlich , so zeigt diess ceteris paribus einen schwereren Krank- 
heitsgrad an. 

Die Tagesfluctuation kann bei Kranken verschiedener Art und 
bei verschiedenen Kranken derselben Art ein sehr- verschiedenes Bild 
darstellen ; aber doch zeigt sie übereinstimmende Punkte und ist an 
gewisse Regeln gebunden. 

Die Tagesfluctuationen stellen eine Welle dar mit Berg und 
Thal , sehr häufig auch eine Combination von Wellen. Die Tages- 
fluctuation ist eine Curve mit 1 , 2 oder selbst mehrfachen Er- 
hebungen. 

Um sie zu erkennen , ist natürlich eine mehrmalige Messung in 
einem Tage nöthig. Je nach den Zwecken , die man verfolgt , und 
je nach der Art des Falles kann zuweilen eine zweimalige bis vier- 
malige Messung genügen. Sie reicht hin, um den einzelnen Fall 
nach den gewonnenen allgemeinen Thatsachen zu beurtheilen ; ja es 



218 Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

ist sogar für Anfänger nicht selten eher störend , in einem vielfach 
combinirten Wellensystem und wenn sehr viele Messungen auf der 
Tagescurve angemerkt sind, sich zu orientiren, während er sich rasch 
zurecht findet bei nur zwei oder vier Messungen, die freilich, um eine 
Anschauung zu geben, zu richtiger Zeit, d. h. in der Nähe der Exa- 
cerbationsspitze und der Remissionstiefe gemacht sein müssen. Aber 
bei so spärlicher Zahl der Messungen muss man darauf verzichten, 
manche keineswegs unwichtige, sogar oft entscheidende Momente zu 
erkennen, und um die Gesetze, d. h. die allgemeinen Thatsachen der 
Tagesfluctuation in Krankheiten kennen zu lernen, ist eine vielmalige 
Messung im Laufe eines Tages unerlässlich , mindestens eine sechs- 
bis achtmalige, für manche Verhältnisse selbst eine permanente 
Temperaturbeobachtung. 

2. Der Durchschnittswerth aller Temperaturen eines 
Tages , oder auch , was ungenauer , aber praktischer ist , die Mitte 
zwischen dem Tagesmaximum und Tagesminimum ist die mittlere 
Tagestemp eratur. Sie muss zuerst in Betracht genommen 
werden , wenn aus den Tagesfluctuationen ein Schluss gezogen 
werden will. 

Die Tages diff er enz ist die Weite des Excurses zwischen 
dem Tagesmaximum und dem Tagesminimum. 

Alle im Laufe eines Tages eintretenden Erhebungen über die 
mittlere Tagestemperatur kann mau als Tagesexacerbationen 
bezeichnen , alle Niedergänge unter die mittlere Temperatur als 
Tages remissionen. 

Der Moment , in welchem in einer Exacerbation das Ansteigen 
in das Sinken sich wendet , also der Culminationspunkt des Wellen- 
berges, ist der Exacerbationsgipfel. Es kann geschehen, 
dass die Temperatur sofort nach Erreichung des Gipfels zum Sinken 
sich wendet : spitzige Exacerbation ; sie kann aber auch auf der 
Höhe eine Zeitlang sich erhalten : breitgip feiige Exacerbation» Nicht 
selten zeigt eine Exacerbation zwei oder mehrere durch geringe Sen- 
kungen unterbrochene Gipfel; hierdurch wird dieselbe eine zwei- 
oder mehrgipfelige. Der höchste Gipfel in solchen Fällen ist das 
Exacerbationsmaximum. Wenn an einem Tage mehrere 
Exacerbationen stattfinden , so kann es Exacerbationsmaxima geben, 
welche nicht mit dem Tagesmaximum zusammenfallen. 

Der Moment, in welchem die Temperatur in einer Remission am 
tiefsten sinkt, ist die Remissionstief e. Wenn im Laufe eines 
Tages mehrere Remissionen stattfinden , so können die Tiefenpunkte 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken, 219 

verschieden sein , und der tiefste unter ihnen entspricht dem Tages- 
minimum. 

Die Zeitdauer von dem Momente , in welchem die aufsteigende 
Temperatur die mittlere Tagestemperatur tiberschreitet , bis zu dem 
Momente , in welchem die wieder absteigende Temperatur denselben 
Punkt durchschneidet , ist die Breite der Exacerbation, und 
«benso ist die Zeitdauer von dem Momente , in welchem die abstei- 
gende Temperatur das Tagesmittel überschreitet, bis zum Punkte, 
wo sie beim Wiederaufsteigen aus der Remissionstiefe dieses wieder 
erreicht, die Breite der Remission. 

Die Temperatur bleibt bald kürzer, bald länger in der Nähe der 
Exacerbationshöhe : Breite der Spitzen nähe, und bald kürzer, 
bald länger in der Nähe des Remissionstiefenpunktes : B r e i t e d e r 
Tiefennähe. 

Das Ansteigen der Temperatur beginnt , sobald sich diese aus 
der Remissionstiefe zu erheben anfängt. Dieses Aufsteigen (die 
Tagesascendenz) ist eine bald gleichmässige , bald ungleich- 
massige und unterbrochene, bald eine langsamere, bald eine raschere. 

Die Tagesdescendenz beginnt , sobald der Exacerbations- 
gipfel überschritten ist. Ist eine Exacerbation zwei- oder mehrspitzig, 
so ist der Beginn der Descendenz von der letzten Spitze zu rechnen, 
auch wenn diese etwas niedriger ist, als die vorhergehende. Auch 
die Descendenz kann gleichmässig oder ungleichmässig und unter- 
brochen, bald langsam, bald rasch vor sich gehen. 

Bei im Laufe eines Tages doppelten oder mehrfach eintretenden 
Exacerbationen können Morgen-, Mittag- und Abenddescendenzen 
stattfinden. 

3. Die Gestaltung derTagesfluctuation ist abhängig 

A) von den Verhältnissen des Krankheitsprocesses, und zwar 

a) von der Art der Krankheit, 

b) von der Intensität derselben, 

c) von dem Stadium derselben, 

d) von der Regularität oder Irregularität oder sonstigen 

Eigenthümlichkeiten des Verlaufs. 

e) von den Besserungen oder Verschlimmerungen, 

f) von dem Eintritt von Complicationen oder besondern 

Ereignissen, 

g) von dem üebergang in Abheilung, 
h) von der tödtlichen Wendung ; 

B) sie kann aber auch abhängig sein 



220 ^i^ Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

a) von der Individualität des Kranken, 

b) von zufälligen äussern Einwirkungen, 

c) von therapeutischen Vornahmen. 

Hiernach erscheinen die Beziehungen der Tagesfluctuationen als 
sehr verwickelte, nichts desto weniger aber können sie die ergiebigste 
Auskunft gewähren. Je mehr der Fall nach vielen Hinsichten klar 
ist , um so mehr kann die Tagesfluctuation nach weitern Richtungen 
sehr bestimmte Anhaltspunkte geben , während in an sich unklaren 
Fällen die Tagesfluctuation weniger zu benutzen ist. 

Nur unter bestimmten Umständen ist eine einzige Tagesfluctua- 
tion von 24 Stunden genügend zu entscheidenden Folgerungen; meist 
bedarf es deren mehrerer sowohl zu ürtheilen über die Diagnose wie 
über die Prognose , und die Vergleichung der verschiedenen auf ein- 
ander folgenden Fluctuationen, ihre gleichmässige Wiederholung oder 
ihre Veränderung giebt die wesentlichsten Aufklärungen. 

Die Art der Krankheit ist aus einer einmaligen Tagescurve nie- 
mals positiv zu erkennen , wohl aber kann aus einer solchen zuweilen 
eine bestimmte , sonst vielleicht vermuthete Afifection als nicht vor- 
handen erkannt werden. 

Zur Entscheidung über die Intensität einer auf anderem Wege 
ermittelten Krankheitsform kann oft eine einzige Tagesfluctuation 
genügen. 

Ebenso kann zur Erkennung des Stadiums der Krankheit, 
wenigstens bei einzelnen Formen, schon eine einzige Tagesfluctuation 
ein ziemlich ausreichendes Material geben. 

Desgleichen können zuweilen Irregularitäten des Verlaufs schon 
aus einer einzigen Tagescurve erkannt werden, während die Annahme 
eines regulären Verlaufs eine mehrtägige Verfolgung voraussetzt. 

Zur Entscheidung über Besserung und Verschlimmerung eines 
Falles bedarf man stets mehrerer Tagescurven , und ist die Ver- 
gleichung unter ihnen durchaus nothwendig. 

Das Eintreten von Complicationen der Krankheit lässt sich 
meist nur aus mehrern Tagescurven erkennen. 

Der üebergang in die Abheilung kann zuweilen an einer ein- 
zigen Tagescurve erkannt werden. 

Desgleichen ist eine tödtliche Wendung in ausgezeichneten 
Fällen durch eine einzige Tagescurve zu diagnosticiren , zumal wenn 
man noch einige andere Erscheinungen hinzunimmt. 

üeber die individuellen Verhältnisse eines Kranken lässt sich 
aus einer einzigen Tagescurve noch nichts mit Bestimmtheit 
erkennen. 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 221 

Auch die Wirkung zufälliger äusserer Einwirkungen wird erst 
ersichtlich , wenn man die Tagescurve mit den frühern vergleichen 
kann. 

Ebenso ist die Wirkung therapeutischer Vornahmen nur bei Ver- 
gleichung der Tagescurve mit dem frühern Gange zu constatiren. 

Die Tagesfluctuation ist übrigens als wesentliches Element des 
Gesammtverlaufs einer Krankheit für alle- Verhältnisse derselben eine 
äusserst wichtige Unterlage. 

4. Schlüsse aus der Durchschnittstemperatur des 
Tages. 

Es ist ein wesentlicher Unterschied , ob die Fluctuationen auf 
einem hohen, mittlem oder niedrigen Durchschnittsniveau sich 
bewegen. 

Während das Durchschnittsniveau der Tagesfluctuation (das 
Tagesmittel) bei Gesunden 37 ^ beträgt, ist es in Krankheiten selten 
so niedrig, sondern mehr oder weniger erhöht; nur bei einzelnen 
Krankheitsformen, die überhaupt durch niedrige Temperatur sich 
auszeichnen , ferner in vorgerückten Stadien mit zeitweisem Sinken 
der Temperatur unter die Norm, sowie bei einzelnen CoUaps herbei- 
führenden Zufällen kann das Tagesmittel bei Kranken selbst nie- 
driger sein, als das der Gesunden. 

Das Tagesmittel begründet zunächst den sichersten Schluss über 
den Grad des Fiebers. 

Bei massigem Fieber darf das Mittel der Tagestemperatur sich 
nicht über 39 ^ erheben; bei einer Tagesdurchschnittstemperatur 
zwischen 39 und 40 o ist das Fieber als beträchtlich zu bezeichnen, 
und zwar in remittirenden Krankheitsformen schon bei einem Mittel 
von 39 bis 39,5 <^, hei continuirlichen Fiebern zwischen 39,5 und 
40 0. Uebersteigt die Durchschnittstemperatur des Tages die Höhe 
von 40 <^, so besteht ein sehr hochgradiges Fieber. 

Hiermit hängen viele Schlüsse über die Diagnose und Prognose 
zusammen. 

Die hochfebrilen Tagesmittel über 40 o finden sich bei perni- 
ciösen Krankheiten, bei Scharlach, schwerem exanthematischen und 
Abdominaltyphus im Fastigium , bei Recurrens , bei schweren Pneu- 
monien. Bei diesen Krankheiten kann dessenungeachtet noch mög- 
licherweise eine günstige Wendung eintreten, trotz der angegebenen 
Höhe des Tagesmittels. Wenn dagegen bei andern Krankheitsformen 
eine derartige Durchschnittstemperatur des Tages erreicht wird, so 
kann man annehmen, dass die Erkrankung der Agonie sich nähert. 



222 Diß Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

Ein beträchtlich febriles Tagesmittel (^9 — 40^) zeigen über- 
haupt alle stark entwickelten Pyrexien und manche entzündliche 
Krankheiten während des Fastigiums , und es ist häufig aus dem- 
selben noch kein anderer Schluss zu ziehen , als dass überhaupt eine 
sehr ernste fieberhafte Affection bestehe; doch giebt es einzelne 
Krankheitsformen , in welchen diese Höhe schon höchst bedenklich 
erscheint. Hierher gehören alle katarrhalischen Formen , der acute 
polyarticulare Rheumatismus , die Cerebrospinalmeningitis , die Neu- 
rosen , das postcholerische Stadium der Cholera , die Trichinose , die 
Diphtherie , Dysenterie , Pleuritis , Pericarditis , Peritonitis , die der 
Tuberculose verdächtigen und phthisischen Affection en. 

Die massig febrilen Tagesmittel können sehr verschiedene Be- 
deutung haben. Sie kommen vor bei continuirlich und remittirend 
pyretischen Krankheiten , wenn diese rudimentär entwickelt sind ; 
ferner in deren Initialperiode , oder im Gegentheil , wenn sie sich zur 
Abheilung gewendet haben; überhaupt in Fällen, bei welchen die 
Temperatur im Laufe des Tages von einer beträchtlichen Höhe bis 
nahe zur Norm oder noch tiefer herabsinkt , so bei manchen sowohl 
günstigen als ungünstigen Irregularitäten dieser Krankheiten , nach 
einseitigem Abfall in Folge starker Einwirkungen, bei febrilem Col- 
laps u. s. w. ; ferner bei den meisten Schleimhautentzündungen, 
Rheumatismen und Entzündungen seröser Häute ; nicht selten aber 
auch in der Agonie, besonders wenn dieselbe durch Hirndruck, Suffo- 
cation , Anämie und Inanition vermittelt wird oder unter Collapsan- 
fällen verläuft. 

Wenn das Tagesmittel in Folge der durch einzelne Ereignisse, 
starke therapeutische Vornahmen herbeigeführten momentanen Tem- 
peraturänderung alterirt ist, so dürfen die Schlüsse aus demselben 
nur mit grösster Vorsicht gemacht werden. 

5. Die Tages diff er enz oder die Weite des Excurses 
zwischen Tagesmaximum und Tagesminimum kann sehr verschieden 
gross sein , aber auch bei gleicher Grösse verschiedene Bedeutung 
haben, je nachdem das Tagesmittel zugleich hoch oder niedrig ist. 

Bei einem Tagesmittel von 37 <^ sind Tagesexcurse von 1 ^ be- 
deutungslos ; sie zeigen mindestens eine nur wenig gestörte Gesund- 
heit an ; ja sie können sich selbst mit völlig Gesunden vertragen. 
Haben sie eine Ausdehnung von 1^/2^, so sind sie wenigstens ver- 
dächtig. 

Bei einem Tagesmittel von 37,g zeigen Tagesexcurse von 1 ^ 
bereits mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Störung an ; solche, 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 223 

welche 1 ^j^ ^ betragen, mit Gewissheit, wenn gleich noch nicht immer 
eine entschieden fieberhafte. 

Erhebt sich das Tagesmittel auf 38, g oder darüber, so erhält 
die Tagesdifferenz sehr erhöhte Bedeutung. Ein continuirliches 
Fieber ist in diesem Fall anzunehmen, wenn die Tagesdifferenz 
weniger als ^^2^? eine Subcontinua, wenn sie weniger als 1^ 
beträgt. 

Remittirend heisst das Fieber, wenn die Differenz beträcht- 
licher ist, zugleich aber das Tagesminimum nicht über 39,5 ^ zeigt. 

Hält sich das Tagesminimum auf einer beträchtlichen Fieber- 
höhe und wird es bei der Exacerbation noch um einen Grad und 
mehr überragt, so hat ein solches Verhalten nicht mehr die Bedeu- 
tung eines wirklich remittirenden Fiebers ; es ist vielmehr Zeichen 
eines sehr hochgradigen Fiebers , bei welchem noch keine Spur einer 
Wendung zur Abheilung oder Ermässigung eingetreten ist , und es 
ist passender, ein solches Verhalten als exacerbirende Tages- 
fluctuation zu bezeichnen. 

Fällt das Minimum des Tages bis auf die Normaltemperatur, so 
ist in Wahrheit eine Intermission in der Tagesfiebercurve eingetreten ; 
doch pflegt man solche Fälle nicht immer zu den intermittirenden 
Fieberformen zu rechnen und zählt sie häufig noch zu den remittiren- 
den, namentlich dann, wenn diese Tagesminima erst eintreten, nach- 
dem die Krankheit ihre Höhe überschritten und in der Abheilung 
Fortschritte gemacht hat. 

Ebenfalls nimmt man nicht einen intermittirenden Typus an, 
wenn bei mehr oder weniger erheblicher Exacerbationshöhe die Tiefe 
unter die Normalwärme herabgeht , wobei die Tagesdifferenzen 6 ^ 
und mehr betragen können. Ein solches Verhalten zeigt einen Col- 
]aps an , der zwar ein Excess einer Remission oder einer wahren 
Intermission sein kann , doch auch intercurrent bei continuirlichem 
Fiebertypus vorkommen kann. 

Wirkliche Intermissionen sind nur da anzunehmen , wo 
alle Erscheinungen des Fiebers pausiren und der Wiedereintritt des 
Fiebers anfallsweise erfolgt : sie sind nur in dem Gesammtgang einer 
Krankheit und nicht in der einzelnen Tagesfluctuation begründet. 
(S. nächsten Abschnitt.) 

Die geringen Tagesdifferenzen sind bei mehr als massigem 
Fieber im Allgemeinen Zeichen , dass die Krankheit sich noch in 
einer frühen Periode befindet, oder dass Erschwerungen oder Compli- 
cationen bestehen. 



224 Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

Das Eintreten von Remissionen auf der Höhe einer Krankheit 
zeigt fast immer eine Besserung oder gar den Uebergang in die Ab- 
heilungsperiode an. Das Fortdauern der Remissionen , namentlich 
das Grösserwerden der Tagesdifferenz beweist das Fortschreiten der 
Abheilung, während das Wiederaufhören der Remissionen bei Fort- 
dauer eines febrilen Tagesmittels einen Rückfall oder eine Complica- 
tion anzeigt. 

Wird die Differenz dadurch grösser, dass die Tagesminima 
mehr und mehr fallen (zunehmende Differenz bei abnehmendem 
Mittel), so ist diess in acuten Krankheiten ein Zeichen, dass man auf 
gutem Wege der Abheilung ist. 

Wird die Differenz dadurch grösser, dass die Gipfel steigen (zu- 
nehmende Differenz mit steigendem Mittel) , so ist diess im Gegen- 
theil ein Zeichen der Verschlimmerung. 

Wird die Differenz dadurch grösser, dass in der Zeit der Remis- 
sion die Temperatur unternormal wird, so kann diess günstig, gleich- 
gültig oder gefährlich sein. 

Erhalten sich die Remissionen im Verhältniss zur gewöhnlichen 
Dauer der Krankheit zu lange , so beweist diess den Uebergang der 
letztern in lentescirende Zustände und in Nachkrankheiten. Vor- 
nehmlich in der Zeit , in welcher der Kranke nach den übrigen Er- 
scheinungen in die Reconvalescenz eingetreten zu sein scheint, ist 
das Fortbestehen einer remittirenden Temperatur Zeichen langsam 
weiter greifender Processe, somit eines Ausbleibens wahrer Her- 
stellung. 

Eine Verkleinerung der Tagesdifferenz ist ein günstiges Zeichen, 
wenn die Exacerbationen dabei geringer werden (abnehmende Diffe- 
renz mit abnehmendem Tagesraittel) ; sie ist ein ungünstiges Zeichen, 
wenn die Remissionen weniger ausgiebig werden (abnehmende Diffe- 
renz mit zunehmendem Mittel) ; sie hat eine zweifelhafte Bedeutung, 
wenn sowohl die Exacerbation als die Remission weniger ausschreitet 
(abnehmende Differenz bei gleichbleibendem Mittel). 

Die Differenzen können gleich bleiben, trotzdem dass die 
Krankheit fortschreitet oder abnimmt ; im ersten Falle , indem die 
Exacerbationen ebensoviel mehr sich erheben , als die Remissionen 
weniger tief w^erden (gleichbleibende Differenz bei zunehmendem 
Mittel) , im zweiten Falle , indem die Exacerbationen um ebensoviel 
abnehmen , als sich die Remissionen mehr vertiefen (gleichbleibende 
Differenz bei abnehmendem Mittel). 

Die Tagesdifferenz ist in der Regel gering, mit andern Worten, 
es besteht ein continuirlicher oder subcontinuirlicher Typus : bei sehr 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 225 

schwerem Abdominaltyphus, beim exanthematischen Typhus, im 
Prodromalstadium der Pocken , auf der Höhe des Scharlachs , in den 
meisten Fällen primärcroupöser und lobärer Pneumonie, im letzten 
Stadium der acuten Verfettung, bei Gesichtserysipel, bei Convexitäts- 
meningitis, im letzten Stadium tödtlich endender Neurosen. 

Die Tagesdiflferenzen sind dagegen in der Regel gross bei Ab- 
dominaltyphus massigen oder mittlem Grades, aber auch bei schweren 
Fällen in den ersten Tagen und wenn sich dieselben zur Abheilung 
anschicken, zuweilen bei der Abheilung des exanthematischen Typhus, 
im Suppurationsstadium der Pocken, bei den Masern, bei allen catar- 
rhalischen Aflfectionen, bei dem acuten polyarticularen Rheumatismus, 
bei der Basilarmeningitis und acuten Tuberculose, bei Pleuritis, Peri- 
carditis , bei acuten und chronischen Vereiterungen , bei Pyämie , bei 
phthisischen Formen und bei der Trichinose. 

Tagesdiflferenzen mit einem Wechsel zwischen normaler oder 
subnormaler und beträchtlich oder hochfebriler Temperatur zeigen 
sich in der Zeit des vorschreitenden Abheilungsstadium des Abdomi- 
naltyphus , zuweilen im Suppurationsstadium der Pocken , zuweilen 
in der spätem Zeit der lobären Pneumonie , bei allen Malariakrank- 
heiten , bei der Pyämie und Septicohämie , zuweilen in der acuten 
Tuberculose und in chronischen Fieberformen. Auch in Folge ein- 
zelner Eingriffe und Ereignisse kann sich ein solcher Wechsel im 
Laufe einer Tagesfluctuation einstellen (nach Blutungen u. dergl.). 

Tagesdiflferenzen zwischen massiger Temperaturhöhe und nor- 
maler oder subnormaler Temperatur sind äusserst häufig bei ver- 
schiedenen massigen , namentlich der Abheilung zuschreitenden oder 
lentescirenden Fiebern. 

6. In der Mehrzahl der Fälle findet in einem Tage, d. h. 
in 24 Stunden , nur eine Exacerbation mit 1 , 2 oder auch 3 Spitzen 
und eine Remission mit einer Minimaltiefe statt. Dieses einfachste 
Verhalten stellt sich in allen Arten von Krankheiten überwiegend 
häufig dar. Nur beim Wechselfieber hat in uncomplicirten Fällen 
die Fluctuation (d. h. der Fieberanfall mit der Apyrexie) in der 
Regel eine 48stündige Dauer. 

Gewöhnlich ferner beginnt die Remission in der Zeit zwischen 
spätem Abend und frühem Morgen und währt bis in die spätem 
Morgenstunden (Morgenremission). Die Exacerbation beginnt in den 
spätem Morgenstunden oder auch den ersten Nachmittagsstunden 
und dauert bis in die tiefen Abendstunden, bis Mitternacht oder über 
dieselbe hinaus (Abendexacerbation). 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 15 



226 ^^^ Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

Die Remissionstiefe fällt am häufigsten ungefähr in die 6. bis 
9, Morgenstunde , das Tagesmaximum gewöhnlich in eine Nachmit- 
tags- oder frühe Abendstunde (3 bis 6 Uhr), zuweilen schon Mittags, 
auch hin und wieder in die Nähe der Mitternacht. 

Dieses Verhalten ist die Regel bei allen Arten von Krankheiten 
durch ihren ganzen Verlauf, mit Ausnahme der Malariafieber, welche 
tiberwiegend häufig ihre Exacerbationen zu andern oder zu wechseln- 
den Tagesstunden machen, ferner der Pyämie, deren Paroxysmen 
sich an keine Tageszeit binden, und zuweilen des Fiebers der Tuber- 
culosen und Phthisischen , welches ebenfalls nicht selten Morgenexa- 
cerbationen zeigt. 

Doch kommt in einzelnen Fällen anderer Krankheitsformen hin 
und wieder eine andere Ordnung, d. h. dieGipfelung der Temperatur 
in den frühen Morgenstunden oder nach Mitternacht und die Remis- 
sion in der Nachmittagszeit vor. Geschieht diess nur an einzelnen 
Tagen, so kann man es stets als eine Irregularität ansehen, die nicht 
selten das Eintreten einer Verschlimmerung , einer Complication an- 
zeigt, doch auch zuweilen gerade in der Vorbereitung und im 
Momente der Besserung eintritt. 

Doch kommen auch Fälle vor , bei denen ohne sonstige Bedeu- 
tung während eines grossen Zeitraums , selbst während des ganzen 
Verlaufs eines remittirenden Fiebers (eines Abdominaltyphus , einer 
Grippe) fortwährend die Temperaturfluctuationen zeitlich verschoben 
sind, die Exacerbation auf den Morgen, die Remission auf den Abend 
fällt : individuelle Irregularitäten, die wenigstens zuweilen bedingt zu 
sein scheinen durch Gewohnheiten und Lebensweise der Erkrankten^ 
wenn dieselben schon in gesunden Tagen bei Tage geschlafen und 
bei Nacht gearbeitet hatten (z. B. bei Bäckern). 

Auch in Fällen von Collapsen kann es geschehen , dass in die 
Abendstunden ein extravagantes Minimum fällt. 

7. Die Zeit, in welcher das Tagesmaximum und 
das Tagesminimum eintritt, kann , wenn mehrere auf ein- 
ander folgende Fluctuationen verglichen werden können, für die 
Beurtheilung des Falles nützlich sein. 

Ein sehr frühes Eintreten des Tagesmaximums (um Mittag) ist 
im Allgemeinen als ein Zeichen einer noch auf der Höhe sich befin- 
denden und zugleich einer schweren Erkrankung anzusehen, während 
ein spätes Eintreten als ein Zeichen der bereits ermässigten oder 
überhaupt geringfügigen Affection gelten kann. 

Ebenso kann ein frühzeitigeres Eintreten des Tagesminimums 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 227 

als ein Zeichen der Besserung gelten, ist aber nicht selten auch durch 
abendliche und vormitternächtliche Collapse bedingt , und darf über- 
haupt nicht als entscheidendes Moment angesehen werden. 

Fast noch wichtiger, als der Zeitpunkt, in welchem das Maxi- 
mum und Minimum erreicht wird, ist bei den Tagesfluctuationen , zu- 
mal wenn sie einigermaassen ergiebig sind, der Eintritt des täg- 
lichen Ansteigens (Ascendenz) einerseits und des Wieder- 
sinkens der Temperatur andrerseits (Tagesdescendenz). Je zei- 
tiger bei sonst nicht verschobenem Rhythmus der Fluctuation die 
Ascendenz im Laufe des Tages erfolgt, um so intensiver, um so ent- 
fernter von der Abheilung ist die Krankheit. Es ist daher immer 
ungünstig, wenn schon in den frühen Morgenstunden (vor 9 Uhr) 
die Temperatur wieder erheblich zu steigen beginnt; bemerkt man 
bei Vergleichung mehrerer Tagesfluctuationen , dass mit jedem Tage 
der Moment des Ansteigens anteponirt, so ist eine Steigerung der 
Krankheit mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen. 

Dagegen ist ein Zurückgeschobenwerden der Ascendenz ent- 
schieden günstig. Sie verkürzt die Exacerbationsdauer , namentlich 
wenn in den Abendstunden bereits wieder eine Ermässigung eintritt, 
alsdann darf man daraus mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Besse- 
rung entnehmen , auch wenn die Maximaltemperatur des Tages noch 
keineswegs abzunehmen angefangen hat. Je später dagegen die 
Exacerbation sich zur Abnahme wendet, z. B. erst um Mitternacht 
oder noch später, desto schwerer und roher ist gemeinlich die 
Krankheit. 

8. Die Raschheit, mit welcher das tägliche Ansteigen und 
Abfallen vo!" sich geht , kann auch zuweilen Material für die Beur- 
theilung geben, vorzüglich wenn grössere Tagesdifferenzen vorliegen» 

Gewöhnlich geschieht das erste Steigen langsam , so dass es 
zuweilen Stunden bedarf, bis die Temperatur um einige Zehntel 
gestiegen ist; dann folgt eine rapidere Steigerung, und an der 
Schlusszeit der Ascendenz vollendet sich das Ansteigen wieder 
langsam. 

Ein ungewöhnlich beschleunigtes Ansteigen findet statt in den 
frühen Perioden acuter Krankheiten , sowie bei schweren Affectionen 
überhaupt ; allerdings aber auch in den Fällen , in welchen von 
Apyrexie unterbrochene intensive Fieberparoxysmen statthaben, ohne 
dass im letztern Falle daraus eine ungünstige Prognose entnommen 
werden könnte. Wenn dagegen ein. beschleunigtes Ansteigen in den 
Mittelperioden einer remittirenden Krankheit sich zeigt , so ist diess, 



228 ^^® Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

wenn nicht zugleich die Remissionen tiefer werden , von ungünstiger 
Bedeutung und zeigt entweder auf die grosse Intensität der Erkran- 
kung oder auf irgend welche teraperatursteigernde accidentelle In- 
fluenzen , Rückfälle , Complicationen und dergleichen hin , muss also 
zu einer sorgfältigen Weiterbeobachtung auffordern. 

Vor der günstigen Entscheidung bemerkt man nicht selten ein 
ungewöhnlich sich verzögerndes Ansteigen , welches alsdann häufig 
die letzte Erhebung ist und der Entfieberung unmittelbar vorausgeht. 
In solchen Fällen ist zuweilen auch das Ansteigen unterbrochen von 
einem kurzen Niedergange. 

Eine beschleunigte Descendenz kommt einerseits den abheilen- 
den Fällen zu, findet sich aber andrerseits auch bei Collapsen. 

Ein verzögertes Niedergehen der Temperatur lässt befürchten, 
dass die Remissionen in den folgenden Tagen geringer werden oder 
ganz ausbleiben. Nur wenn die Verzögerung in der Weise statt- 
findet, dass die morgendliche Abnahme Nachmittags von einem kurz 
dauernden Gleichbleiben oder einer geringen Erhöhung der Tem- 
peratur unterbrochen ist, aber schon Abends wieder aufs neue sich 
fortsetzt, zeigt diess mit grosser Wahrscheinlichkeit die Entfiebe- 
rung an. 

In der Nähe der äussersten Tiefe hält sich die Temperatur bei 
einigermaassen erheblichen Fiebern in der Regel kürzer , als in der 
Nähe des Gipfelpunktes , und es kann als ein günstiges Zeichen an- 
gesehen werden , wenn der Gipfel sehr rasch erreicht und sehr rasch 
wieder verlassen wird. 

9. Die Dauer der Temperaturbewegung über dem Tagesdurch- 
schnitt , die Latitude der Exacerbation, ist bei leichten und 
mittelschweren Fällen von geringerer Ausdehnung , als die Dauer der 
Bewegung unterhalb des Tagesdurchschnittes (die Latitude der 
Remission). Dauert die erstere länger, als die zweite, so kann 
der Fall ohne weiteres als ein schwerer angesehen werden. Solches 
kommt vornehmlich in den frühern Perioden schwerer Krankheiten 
vor. Je mehr sich dann die Krankheit der Abheilung nähert, um so 
mehr stellt sich ein Gleichgewicht her ; daher ist es auch sehr be- 
denklich, wenn trotz vorgeschrittener Zeit der Erkrankung die Exa- 
cerbationslatitude noch überwiegend bleibt. Bei fortschreitender Ab- 
heilung verbreitert sich die Remission immer mehr und spitzt sich die 
Exacerbation zu (steile Curven). 

Exacerbationen von grosser Breite zeigen häufig eine doppelte 
oder mehrfache Gipfelung ; die Spitzen fallen dann vornehmlich auf 



Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 229 

den Mittag , die frühesten Nachmittagsstunden , die späten Abend- 
stunden und nach Mitternacht. Sind zwei Spitzen vorhanden, so 
fallen sie bald auf Mittag und Abend, bald auf Abend und nach 
Mitternacht. Bei der zweispitzigen Exacerbation ist die Abendspitze 
in der Regel die höchste , bei der dreispitzigen liegt das Maximum 
bald auf der ersten, bald auf der zweiten Spitze, selten auf der dritten. 
Diese mehrspitzigen Tagesfluctuationen haben im Allgemeinen 
die Bedeutung einer breiten Exacerbation und sind daher nicht 
günstig. Ist jedoch in den vorhergehenden Tagen bei gleicher Breite 
die Exacerbation ununterbrochen gewesen, so kann das Eintreten 
einer mehrfachen Gipfelung ein Anzeichen der Ermässigung sein. 

10. An die mehrgipfeligen Exacerbationen schliessen sich die 
Fälle an , bei welchen im Laufe von 24 Stunden zwei und mehr 
Exacerbationen erfolgen, duplicirte, triplicirte Tages- 
exacerbationen. 

Besonders zeigt sich bei vielen Krankheitsformen neben der 
Nachmittagsexacerbation eine solche um Mitternacht. Häufig fängt 
dann die Remission Abends schon zeitiger an und kann diess irr- 
thümlich als günstiges Zeichen gedeutet werden, während die Nacht- 
messung eine neue Exacerbation aufweist. 

Im Allgemeinen ist eine mehrwellige Tagesfluctuation immer ein 
Zeichen eines mehr oder weniger complicirten oder influenzirten oder 
in einer Wendung begriffenen Krankheitsverlaufs. 

Sie zeigt sich überhaupt vornehmlich in schweren Fällen , und 
bei diesen pflegen die Verhältnisse niemals einfach zu sein. 

Sie tritt ein bei Verschlimmerung; doch kann sie sich auch 
zeigen , wenn der üebergang in Genesung sich vorbereitet ; freilich 
in beiden Fällen mit verschiedenem Bilde. 

Sie wird oft bedingt durch einzelne stärker hervortretende 
Symptome der Krankheit selbst, oder durch die Vorbereitung zu 
solchen : Verstopfung und reichliche Stühle , Erbrechen , Blutungen, 
nervöse Aufregungen und Schlaflosigkeit. 

Sie kann der Effect einer nachtheiligen Einwirkung, einer mehr 
oder weniger unangemessenen Diät , einer Erkältung oder relativen 
üeberanstrengung sein. Sie kann aber auch hervorgebracht werden 
durch eine therapeutische Einwirkung. 

Im Speciellen ist die Art der mehrwelligen Tagesfluctuation nur 
unter gleichzeitiger Inbetrachtziehung der übrigen Verhältnisse der 
Temperatur zu beurtheilen. Sie hat eine verschiedene Bedeutung 

je nach dem Grade der Tagesdifferenz ; 



230 Die Tagesfluctuation der Temperatur bei Kranken. 

je nachdem das Fieber wesentlich continuiriich , exacerbirend 
oder remittirend ist ; 

je nachdem das Tagesmittel ein hochgradiges, beträchtliches, 
massiges Fieber oder einen subfebrilen Zustand anzeigt ; 

je nachdem im Allgemeinen die Tendenz zum Steigen der Tem- 
peratur oder zum Sinken besteht , oder gar die Krankheit 
bereits in die Periode der Defervescenz eingetreten ist. 

Bei continuirlichen hochgradigen Fiebern sind die Tagesfluctua- 
tionen überhaupt nicht von grosser Bedeutung, daher auch die Mehr- 
welligkeit derselben wenig zur Beurtheilung beiträgt ; nur wenn von 
den einzelnen Erhebungen eine besonders excellirt, oder wenn im 
Gegentheil eine ungewöhnlich stärkere Vertiefung eintritt, so kann 
man aus jenem ungünstige , aus diesem günstige Erwartungen ab- 
leiten. 

Bei exacerbirend hochgradigem Fieber, bei welchem die nieder- 
sten Temperaturen noch beträchtlich, die zwischeulaufenden Er- 
hebungen enorm sind, ist eine mehrmalige Wiederholung einer solchen 
Erhebung in einer 2 4stündigen Periode immer noch weit ungünstiger, 
als eine einmalige. 

Bei remittirendem hochgradigem Fieber, bei welchem die Remis- 
sionen bis zu massig febrilen, selbst subfebrilen Temperaturen herab- 
gehen können , während die Exacerbationen sich noch äusserst be- 
trächtlich erheben , ist das Eintreten duplicirter Tagesexacerbationen 
nach vorausgegangener einfacher Fluctuation ungünstig. 

Zeigen sich dagegen von Anfang an Duplicationen der Exacer- 
bation , so ist meistens der Typus unrein und eben deshalb die Ver- 
muthung complicirter Verhältnisse nahe gelegt. 

Bei massigem Fieber ist eine mehrwellige Tagesfluctuation 
immer ein verdächtiges Zeichen , lässt Complicationen und Störungen 
befürchten oder zeigt mindestens eine grosse Empfindlichkeit des 
Individuums an. 

In einer Zeit, wo man die Richtung zur Abheilung hoffen 
möchte, macht das Eintreten mehrwelliger Tagesfluctuationen diese 
izweifelhaft. 

In dem proagonischen Stadium sind mehrwellige Tagesfluctua- 
tionen sehr gewöhnlich , und man muss sich hüten , sich nicht zu 
trügerischen Hoffnungen durch dieselben verleiten zu lassen. 



X. 

Der Gang der Temperatur in fieberhaften 
Krankheiten. 

1. Die fieberhaften Krankheiten zeigen in dem Gange der 
Eigenwärme eine grosse Mannigfaltigkeit, aber durch alle Differenzen 
hindurch lassen sich gewisse Regeln im Verhalten erkennen, und 
andererseits geben gerade die Differenzen die wichtigsten Anhalte- 
punkte für die Unterscheidung der einzelnen Krankheitsformen und 
ihrer Varietäten. 

Die Temperatur hält sich bei fieberhaften Krankheiten wenig- 
stens bis zur üeberschreitung des Maximums der Entwicklung ent- 
weder fortwährend über der Norm, sinkt mindestens nur unter beson- 
dreren accidentellen Umständen unter dieselbe, in welchem Fall sie 
dann alsbald wieder auf abnorme Höhen zurückkehrt; anhaltende 
Fieber. 

Oder die Erhöhungen der Eigenwärme sind durch apyretische 
Temperaturen ein- oder mehrmals unterbrochen: intermittirende 
und relabirende Fieber. In diesen Fällen kann jeder einzelne 
von der Apyrexie abgegränzte Zeitraum als besonderer Fieberverlauf 
angesehen werden und die Verhältnisse des anhaltenden Fiebers kön- 
nen auf diese Fieberabschnitte übertragen werden , denn wenn auch 
mit dem einzelnen Fieberaccess die Krankheit selbst keineswegs 
beendigt ist , so verhält sich doch der einzelne Anfall wie ein mehr 
oder weniger kurz dauerndes anhaltendes Fieber und kann alle Be- 
sonderheiten wahrnehmen lassen, welche einem solchen zukommen. 

Das Fieber ist der Erkrankung bald wesentlich , wenigstens in 
«inem Theile ihres Verlaufs , in der Weise , dass es bei der bestimm- 
ten Krankheitsform nur unter ganz besondern individuellen Umstän- 
den ausbleibt ; 

bald tritt die Temperaturerhöhung als eine mehr zufällige auf, 
hängt von der Heftigkeit der Erkrankung, von den Dispositionen des 
Erkrankten und von manchen Nebenverhältnissen ab. 



232 ^^^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

Diese Differenzen haben auf den Verlauf des Fiebers bedeuten- 
den Einfluss , indem derselbe im ersteren Fall vorzugsweise von der 
Krankheitsform , im zweiten vorzugsweise von accidentellen Verhält- 
nissen bestimmt wird. 

In die Reihe der Krankheiten mit wesentlichem Fieber gehören 
die meisten entschieden typischen Formen, ausserdem eine Anzahl 
solcher, welche nur annähernd typisch sind. Viele von den letztern 
zeigen jedoch nur zufällige Temperaturerhöhung. Dasselbe gilt von 
den zeitweise typischen und von den atypischen Krankheiten. 

2. Der Gang der Eigenwärme kann in fieberhaften Krankheiten 
bestimmt wierden: 

Erstens durch die Art der Krankheit: je typischer eine 
fieberhafte Krankheit sich gestaltet, umsomehr ist dieses Motiv für 
den Gang der Temperatur das überwiegende. Dieses Motiv ist auch 
bei den typischen Krankheitsformen nicht das einzige , aber es hat 
um so mehr Gewalt , je reiner , uncomplicirter , so zu sagen normaler 
die Krankheit sich gestaltet, d.h. je mehr die specifische Krankheits- 
ursache ohne Einmischung anderer Schädlichkeiten ein zuvor gesun- 
des, aber zu der besonderen Krankheit disponirtes Individuum befällt 
und je weniger im weiteren Verlauf störende Einflüsse zur Wirkuug^ 
kommen. Siehe Fundamentalsätze §.12 und 13. 

Zweitens wird der Gang der Eigenwärme bestimmt durch die 
Intensität der Krankheit. Sie modificirt schon bei typischen 
Krankheitsformen den Verlauf einigermaassen und kann zuweilen der 
Grund zu einer besondern Gestaltung des Typus werden. Noch viel 
mehr aber ist sie entscheidend bei den nur annähernd typischen 
Krankheiten ; bei den atypischen dagegen ist sie nur theilweise von 
Wirkung. 

Drittens kann der Gang der Eigenwärme bestimmt werden 
durch individuelle Verhältnisse. Sie sind nur unter gewis- 
sen umständen von maassgebendem Einfluss, indem z. B. bei kleinen 
Kindern der Gang der Eigenwärme häufig abweicht, bei betagten 
Individuen die Veränderungen der Temperatur träger sind und die 
Höhe der Eigenwärme unter sonst gleichen Verhältnissen geringer 
bleibt ; indem ferner eine zuvor schon bestehende Krankheit auf den 
Gang der Temperatur einer neu acquirirten fieberhaften Affection 
grossen Einfluss hat, und indem endlich auch gewisse Modificationen 
des constitutionellen Verhaltens , wie z. B. die hysterische Constitu- 
tion, häufig den Gang der Temperatur modificirt. 

Viertens kann der Gang der Temperatur abhängen von zufäl- 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 233 

ligen Einflüssen, zu welchen auch manche therapeutische Vor- 
nahmen zu rechnen sind. Das Maass der Einwirkung hängt hier 
einerseits von der Mächtigkeit des Einflusses selbst ab , andererseits 
von der Influenzirbarkeit des Individuums oder der bei ihm bestehen- 
den Krankheitsform. In letzterer Beziehung sind typische Krank- 
heitsformen in weit beschränkterem Maasse influenzirbar. Nicht nur 
wirken zufällige Einflüsse bei typischen Krankheitsformen häufig gar 
nicht oder sehr unbedeutend auf den Temperaturgang ; sondern wo 
eine Wirkung eintritt , erfolgt sie theils in der Weise , dass die durch 
den accidentellen Einfluss herbeigeftihrte Aenderung vorübergehender 
ist, theils so, dass die Modification des Ganges selbst wiederum einen 
bestimmten typischen Charakter annimmt. 

Fünftens endlich wird der Gang der Temperatur besonders häu- 
fig modificirt durch eingetretene Complicationen der Krank- 
heit, welche zuweilen zum völligen Auslöschen des ursprünglichen 
oder selbst jeglichen Typus den Temperaturgang alteriren können, 
bald einen neuen, ihnen eigenthümlichen Typus zuwege bringen, bald 
gemischte Verhältnisse herbeiführen, oder endlich auch nur vorüber- 
gehend wirken. Es ist Sache der Kenntniss des speciellsten DetailSy 
den Wirkungswerth der Complicationen an sich und in ihrer Be- 
ziehung zu den speciellen Krankheiten zu beurtheilen und ausein- 
ander zu halten, was in einem complicirten Krankheitsverlauf der 
ursprünglichen und wesentlichen Aö'ection und was den hinzugetrete- 
nen sonstigen Störungen angehört. 

3. Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten zer- 
fällt in eine Anzahl von Perioden, welche ihrer Bedeutung nach 
sehr verschieden sind, einen verschiedenen Ausdruck zeigen und 
gerade an der Gestaltung des Temperaturganges sehr deutlich erkenn- 
bar werden können. Siehe Fundamentalsätze §. 20. 

Diese Perioden zeigen bei manchen Krankheiten und in vielen 
Einzelfällen eine strenge Scheidung, in andern sind ihre Grenzen ver- 
wischter. 

4. Das pyrogenetische Stadium oder die Initialperiode^ 
die erste Entwicklung des Fiebers bei einem Kranken gestaltet sich 
verschieden, je nachdem das Fieber der Ausbildung der Local- 
affectionen vorangeht oder zunächst oder überhaupt ohne solche ver- 
läuft, oder aber je nachdem dasselbe sich an eine Localerkran- 
kung anschliesst. 

Im ersten Fall ist der Beginn des Fiebers mehr oder weniger 



234 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



scharf und das Fieber erreicht sehr gewöhnlich schon vor dem Auf- 
treten der örtlichen Störungen sehr erhebliche Grade. In diesen 
Fällen schliesst sich die Initialperiode entweder mit der Erreichung 
der niedrigsten für die Krankheitsform noch charakteristischen 
Tagesdurchschnittstemperatur oder mit der Ausbildung der Local- 
-affectionen. 

Im zweiten Fall hat das pyrogenetische Stadium einen meist 
verwaschenen Anfang und ebenso ist die Abgränzung gegen das 
Fastigium mehr oder weniger willkürlich, zumal in wenig typischen 
Krankheitsformen. 

Es ist begreiflich , dass in diesem Stadium das Beobachtungs- 
material verhältnissmässig spärlicher ist, da die meisten Kranken 
erst in vorgerückterem Zustand die Hülfe des Arztes in Anspruch 
nehmen. 

Die Erkrankungsfälle zeigen sich hinsichtlich der Gestaltung 
des Initialstadiums verschieden. 

a) Krankheitsformen mit kurzem pyrogenetischem Sta- 
dium. Die Temperatur steigt rasch und in einem Zuge, höchstens 
in einem kurz unterbrochenem Zuge, und erreicht in wenigen Stunden 
oder doch in einem bis anderthalb Tagen die charakteristische Höhe 
(siehe Fig. 3 und 4). In diesen Fällen geschieht gewöhnlich die 



Fig. 3. 



40,5 

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39,5 

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37,5 



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Fig. 


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38,5 


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37,5 







Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



235 



Steigerung der Temperatur am Rumpfe rascher, als an den Extremi- 
täten und namentlich an den Vorderarmen , Händen , Unterschenkeln 
und Füssen und auch im Antlitz. Diese Theile erscheinen noch kalt, 
während der Rumpf bereits eine hohe Temperatur zeigt. In solchen 
Fällen ist daher häufig eine starke Frostempfindung mit Schüttel- 
bewegungen, Zähneklappern und dergleichen zu bemerken, welche 
aufhört, wenn auch an den Extremitäten die Temperatur sich der 
gesteigerten Rumpftemperatur genähert hat. 

Erkrankungen, welche mit kurzem pyrogenetischem Stadium 
beginnen , haben meistens nur eine kurze Dauer des Fieberanfalls, 
von wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen (mit akmeartiger Höhe 
oder mit einem nicht über eine Woche dauernden continuirlichem 
Verlauf), mag der Tod oder der Abfall der Temperatur erfolgen. Der 
Letztere geschieht , wenn nicht störende Einflüsse zwischen treten, 
bei solchen Erkrankungen rapid (kritisch). Dagegen zeigen sie 
nicht selten die Geneigtheit zu wiederholten Fieberaccessen oder 
kommen diese überhaupt der Art der Krankheitsform zu. 

Die einzelnen Krankheitsformen zeigen bald häufiger , bald sel- 
tener diese Art des Initialstadiums ; bei manchen Krankheitsformen 
kommt dieselbe geradezu niemals vor. 

Sie ist die Regel bei den Pocken, bei Scharlach, bei der primär 
croupösen und lobären Pneumonie , bei Malariafieberanfällen , bei der 
Pyämie , bei Febris recurrens. 

Sie ist überwiegend häufig beim exanthematischen Typhus , bei 



40,5 

40 

39,5 

39 

38,5 

38 

37,5 



Fig. 5. 



Fig. 6. 



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^36 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



Febricula, bei Gesichtserysipel , bei Tonsillarangine, bei Convexitäts- 
meningitis. 

Sie kommt niemals vor beim Abdominaltyphus, bei der Basilar- 
meningitis, bei catarrhalischen Erkrankungen, bei polyarticularem 
Rheumatismus. 

b) Krankheitsformen mit mehrtägigem pyrogeneti- 
schem Stadium. Das Aufsteigen der Temperatur erfolgt ge- 
meiniglich in der Weise, dass sie Abends anfängt, in die Höhe zu 
gehen , dann in den Morgenstunden sich wieder ermässigt , um ant 
folgenden Abend wieder und beträchtlich höher zu steigen (Fig. 5). 
Es kann dabei auch geschehen , dass in den ersten Tagen Morgens 
die Normaltemperatur wieder erreicht wird (Fig. 6), ja selbst dass da& 

Initialstadium durch eine längere 



40,5 



40 



39,5 



39 



38,5 



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37 



Fig. 7. 









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unterbrochen wird 



Apyrexie 
(Fig. 7). 

Bei dieser Form dauert das In i- 
tialstadium drei oder mehr Tage,, 
doch selten über eine Woche, 
Wird dabei die Temperatur nicht 
hoch , so kann die Erkrankung 
eine leichte bleiben und rasch 
vorübergehen. Steigt die Eigen- 
wärme dagegen auf bedeutende- 
Höhen, so ist eine nicht zu rasche- 
Beendigung der Krankheit zu er- 
warten. 

Diese Form kommt am regel- 
massigsten vor beim Abdominal- 
typhus, sogar in der Weise 
dass die Diagnose aus dem Initialstadium allein gesichert werde» 
kann* 

Auch bei andern Krankheiten kommt diese Form des Initial- 
stadiums häufig genug vor : bei Masern , bei intensiven Bronchial- 
catarrhen , bei catarrhalischer Pneumonie , bei Basilarmeningitis un^ 
Cerebrospinalmeningitis, bei acuter Tuberculose, beim polyarticulare» 
Rheumatismus , sodann bei den meisten Fällen , in welchen sich das 
Fieber einer bereits vorgeschrittenen Localaffection erst anschliesst, 
wenn sich bei ihnen nicht die folgende Form des Fieberbeginns zeigt. 



c) In vielen Fällen zeigt sich die Entwicklung des Fiebers 
noch allmäliger. Solche Erkrankungen sind im AUgemeineD 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



237 



unregelmässig und haben höchstens einen annähernd typischen Ver- 
lauf (Fig. 8). Es findet sich dieses Verhalten häufig beim acuten 
polyarticularen Rheumatismus, bei Pleuritis, Pericarditis, Peritonitis, 







Fig 


8. 






40 
39,5 








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38,5 




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Lues, den chronischen Vereiterungen und den phthisischen Krankhei- 
ten , sowie bei zahlreichen atypischen Erkrankungen , zumal wenn 
das Fieber nur von dem allmäligen Intensivwerden der localen Stö- 
rungen abhängt. 

5. Das Fastigium ist die Periode, in welcher das Fieber in 
seiner vollsten Entwicklung besteht. 

In diesem Stadium zeigt die Temperatur der Kranken vorzugs- 
weise grosse Verschiedenheiten, welche von allen Influenzen abhängen 
können, welche überhaupt auf den Fieberverlauf einzuwirken ver- 
mögen. 

A. Die Verschiedenheiten der Temperaturhöhe im Fastigium 
können sich beziehen auf die Höhe der Maximaltemperatur 
(des äussersten Punktes, welchen die Temperatur in dem Krankheits- 
falle erreicht) , welche theils durch die Krankheitsform , theils durch 
den Intensitätsgrad der Erkrankung bestimmt wird ; doch ist dieses 
Verhältniss, auf welches man früher das Hauptgewicht zu legen ge- 
neigt war , von untergeordnetem Werthe , da durch Nebenumstände 
ein ungewöhnliches einmaliges Steigen der Temperatur ganz wohl 
herbeigeführt werden kann. Allerdings wenn die Höhe überhaupt 
nicht mit dem Leben verträglich ist, oder doch eine äusserst grosse 



238 ^^^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

Gefahr anzeigt, wie z. B. eine Temperatur von 42<> und darüber, so 
ist sie von Einfluss auf die Beurtheilung des Falles. 

Es kann ferner bei einzelnen Krankheitsformen von Werth sein, 
die Maximaihöhe zahlreicher Einzelfälle zu bestimmen , um die Grän- 
zen kennen zu lernen , zwischen welchen in den individuellen Fällen 
die Maximalhöhe variiren kann und um daraus für die Diagnose die 
Folgerung zu entnehmen , dass ein Uebersteigen jener Gränzen nach 
aufwärts eine bestimmte Krankheitsform ausschliesst. Weniger zu- 
verlässig und nur unter besondern Umständen brauchbar ist die 
untere Gränze der Maximalhöhen einer speciellen Krankheitsform, weil 
man ja in dem individuellen Fall keineswegs sicher ist, ob man das 
Maximum bei der Beobachtung getroffen hat. Doch kann z. B. bei 
einem kurzandauernden Fieberanfalle, der sorgfältig verfolgt wurde, 
daraus dass die untere Gränze der Maximalhöhe des Wechselfiebers 
nicht erreicht wurde , gefolgert werden , dass der Anfall keine wahre 
Intermittens ist. Ebenso kann bei einem sorgfältig verfolgten Falle, 
wenn niemals eine Maximalhöhe von 39,5^ erreicht wird, geschlossen 
werden, dass es kein Typhus ist. 

B. Wichtiger sind die Verschiedenheiten der Tagesdurch- 
schnittshöhen im Fastigium. Sie hängen gleichfalls ab von Art 
und Grad der Krankheit, aber auch von den mannichfachen andern 
Einwirkungen , welche den Verlauf der Krankheit modificiren. Aus 
der Summe der Tagesdurchschnitte setzt sich die Gesammtdurch- 
schnittshöhe des Fastigiums zusammen, die noch bezeichnender ist, 
als das Mittel der einzelnen Tage. 

Die Gesammtdurchschnittshöhe der Temperatur im Fastigium 
gestaltet sich je nach der Art der Krankheit ungefähr folgender- 
maassen : 

beim Abdominaltyphus fällt sie je nach der Intensität der Fälle 
zwischen 39 o und 40,2^; 

beim exanthematischen Typhus zwischen 39,2^ und 40,5 O; 

bei dem Eruptionsfieber der Pocken zwischen 39 ^ und 40 O; 

bei dem der Masern ebenso , doch häufig auch der grössern 
Morgenremissionen wegen tiefer ; 

bei dem normal ausgebildeten Scharlach ungefähr auf 40 ö; 

bei der primären croupösen Pneumonie auf 39,2 bis 40 o ; 

bei der Convexitätsmeningitis auf 40 o oder darüber; 

bei Gelenksrheumatismus ohne Complication gewöhnlich auf 
38,5 bis 39,50; 

bei intensiver Grippe auf 38,5 bis 39,2 ^; 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 239 

bei Gesichtserysipel auf 39,g bis 40 O; 

bei parenchymatöser Amygdalitis ungefähr auf 39,50. 

Indessen kann die Gesammtdurchschnittshöhe leicht dadurch 
eine Modification erleiden, dass zumal bei kurz dauerndem Fastigium 
schon eine einmalige zufällige beträchtlichere Remission sie wesent- 
lich herabdrücken , ebenso eine einmalige zufällige Uebersteigerung 
sie bedeutend erhöhen kann. Es ist daher bei der Feststellung der 
Gesammtdurchschnittshöhe von solchen zwischenfallenden offenbaren 
Ausschreitungen des Temperaturganges besser ganz abzusehen. 

Innerhalb jener Gränzen entscheidet der Grad der Durchschnitts- 
höhe vorzugsweise über die Intensität der Erkrankung. 

Die angegebenen Gränzen sind jedoch nur für solche Fälle zu- 
treffend , welche eine gewisse Vollkommenheit der Entwicklung zei- 
gen. Ungewöhnlich leichte Fälle und andrerseits sehr bösartige kön- 
nen mit der Durchschnittstemperatur ihres Fastigiums sehr wohl 
jenseits der obigen Gränzbestimmungen fallen. 

C. Die werthvollsten Momente für die Beurtheilung eines Falls 
werden aber in dem Fastigium durch den Gesammtgang der 
Temperatur gewonnen. 

Der Gang der Temperatur während des Fastigiums ist 

entweder akmeartig und besteht nur in der raschen Errei- 
chung einer Spitze, von welcher sofort entweder ein rapider 
Abfall eintritt , oder woran sich die Agonie anschliesst ; 

oder er ist ein c n t i n u i r 1 i c h e s Verharren auf einer gewis- 
sen Höhe, wobei massige, 1/2 ^ nicht oder wenig überschrei- 
tende Schwankungen nicht ausgeschlossen sind ; 

oder der Gang ist discontinuirlich, indem sich beträcht- 
liche Fluctuationen innerhalb eines Tages, häufig auch Dif- 
ferenzen des Ganges an verschiedenen Tagen kund geben. 

a) Der akmeartige Gang der Temperatur während des 
Fastigiums findet sich bei allen Fiebern von nur eintägiger und bei 
vielen von wenigtägiger Dauer des ganzen Verlaufes, sowie bei allen 
intermittirend eintretenden Fieberanfäilen von kurzer Dauer : also 
bei der Ephemera , bei dem Malariafieber , bei der Pyämie , zuweilen 
bei dem Erysipelas ambulans, selten bei der Pneumonie, ferner bei 
Herpeseruptionen und Varicellen , sodann bei manchen Tagesanfällen 
des Fiebers bei acuter Tuberculose und chronischem Fieber und end- 
lich bei allen Terminalfiebern. 

Das Fastigium kann dabei nur einen einmaligen spitzigen 



240 Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



Gipfel zeigen (Fig. 9) , oder es bildet ein breitgipfeliges Maximum 
(Fig. 10), oder es besteht in einer mehrspitzigen Höhe (Fig. 11). 

Fig. 9. Fig. 10. Fig. 11. 




40,5 




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39 

38,5 



Die Zeitdauer des akmeartigen Fastigiums beträgt oft nur wenige 
Stunden , selbst nicht einmal eine einzige Stunde , doch auch nicht 
selten mehr als einen Tag. 



42 



41,5 



40,5 



40 



39,5 



39 



Fig. 12. 





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Es schliesst sich dem akmeartigen Fastigium 
entweder der Tod an , so bei den Terminalfie- 
bern (Fig. 12); 

oder es erfolgt bald nach der Erreichung 
der Akme der Abfall der Temperatur, der unter 
solchen Umständen fast immer rapid verläuft. 

In letzteren Fällen ist sehr gewöhnlich ein 
zweiter oder sind mehrere weitere Anfälle von 
Fieber zu erwarten. Theils sind solche Wieder- 
holungen des Fiebers der besondern Krankheits- 
form mehr oder weniger wesentlich : Malariafie- 
ber, Pyämie, intermittirende Pneumonie ; theils 
kommen sie wenigstens gewöhnlich vor : Erysi- 
pels ambulaus, acute Tuberculose, chronische 
Fieber; theils ist überhaupt nach einem so 
rasch abgeschlossenen Fieber nicht selten ein 
Rückfall zu erwarten. 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



241 



b. Der continiiirliche Gang der Temperatur während des 
Fastigiums besteht selten in einem reinen und völlig gleichmässigen 
Verharren der Temperatur auf einer und derselben Höhe, vielmehr 



Fis:. 13. 



40,5 



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39,5 



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1 













sind fast immer wenigstens kleine Schwankungen zu bemerken , und 
sie können ganz wohl bis zu ^/a ^ oder selbst etwas darüber geben 
(Fig. 13). 

Der continuirliche Gang kommt im Fastigium vor 

bei jeder höchst schweren Krankheit; 

in den meisten Fällen, wo zu irgend einer Erkrankung eine 
intensive Complication hinzutritt ; 

aber auch bei sehr leichten Fällen fast aller Art. 
Ausserdem kommt diese Form des Fastigiums bei einigen 
Krankheiten mit Vorliebe theils vollständig, theils wenigstens an- 
nähernd vor, immer um so eher, wenn sie intensiv sind, während bei 
ungewöhnhcher Milde derselben Krankheitsform sich meistens das 
Fastigium discontinuirlich gestaltet. Solche Krankheitsformen mit 
überwiegend continuirlichem Verlauf sind : der exanthematische Ty- 
phus, das Prodromalstadium der Pocken , der Scharlach, die primäre 
croupöse Pneumonie und intensive, raschverlaufende secundäre Pneu- 
monien, das Gesichtserysipel , ehe es zu wandern -anfängt , die par- 
enchymatöse Tonsillarangine, die Convexitätsmeningitis, die schweren 
fieberhaften Affectiönen ohne Localisatiou , bei welchen man jedoch 
zuweilen mikroskopisch parenchymatösen Zerfall findet, meistens 
Krankheiten mit kurzem häufig durch einen Schüttelfrost angezeigtem 
Initialstadium. 

Als ungünstig ist es immer anzusehen, wenn Krankheitsformen, 
welche in der Regel einen discontinuirlichen Temperaturgang zeigen, 
continuirlich verlaufen. 

Von grosser Bedeutung ist bei dem continuirlichen Verlauf die 
Höhe der Durchschnittstemperatur , . welche über die Intensität und 
Gefahr der Erkrankung ganz wesentlich entscheidet. 



Wuudeiiich, Eigea-wärme in Krankheiten. 



16 



242 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



40 



39,5 



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^/^ 








V' 




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Der continuirliche Gang ist entweder ebenmässig, oder er ist 
in günstigen Fällen absteigend (Fig. 14) oder zumal im Anfang und 
in ungünstigen Fällen ansteigend (Fig. 15). Oft zerfällt er in zwei 
Abschnitte, von denen gemeiniglich der erste intensiver, der zweite 
milder verläuft. Sie sind häufig durch eine tiefe Senkung (Pseudo- 
krise) getrennt. 

pj 14 Der continuirliche Gang 

erhält sich gewöhnlich nur 
kurze Zeit, selten über eine 
Woche. 

Entweder geht er in 
die Agonie über ; 

oder es beginnen Re- 
missionen , welche , wenn 
die Exacerbationen nicht 
über die frühere Höhe be- 
trächtlich sich erheben , meist ein Zeichen der Besserung sind , frei- 
lich auch zuweilen das proagonische Stadium ankündigen können; 
oder es geht der Verlauf in die Defervescenz über, welche meist 

rapid, zuweilen doch auch 
protrahirt erfolgt und ent- 
weder ohne weiteres sich 
an das continuirliche Fasti- 
gium anschliesst, oder bald 
durch eine Perturbatio cri- 
tica , bald durch eine prä- 
paratorische Abnahme von 
demselben getrennt ist. 

Der continuirliche Gang 
des Fastigiums ist zuweilen 
ein doppelter und dann 
durch eine mehr oder weni- 
ger langdauernde und tiefe Ermässigung , zuweilen auch durch einen 
remittirenden Verlauf unterbrochen. 



41,5 



41 



40,5 



40 







Fig. 


15. 














K 








e. 


A 


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N 








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V 






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J 











c. In der grossen Mehrzahl der Erkrankungen , bei manchen 
Krankheitsformen in der Regel , wie bei dem Abdominaltyphus , den 
catarrhalischen Aflfectionen, der catarrhalischen und der jauchigen 
Pneumonie, den Masern, dem polyarticularen Rheumatismus, der 
Osteomyelitis , der Meningitis ohne starke Afiection der Convexität, 
der Pyämie , den Eiterungsfiebern , dem zweiten Fieber der Pocken, 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



243 



der Trichinose, der Lues, den chronischen Fiebern, bei andern wenig- 
stens mehr oder weniger häufig ist der Temperaturgang während 
des Fastigiums discontinuirlich. 

Es bestehen mehr oder weniger grosse Schwankungen zwischen 
meist abendlichen Exacerbationen und morgendlichen Remissionen. 

Fig. 16. 



40,5 
40 
39,5 
39 



bleiben gewöhnlich 
morgendlichen 



Dabei zeigt sich die absolute Höhe der Tagesmasima höchst 
verschieden. 

In massigen Fällen sinken die morgendlichen Ermässigungen 
mehr oder weniger tief unter die Durchschnittshöhe des Fastigiums 
der betreffenden Krankheitsform: remittirender Typus (Fig. 16). 
In schweren Fällen 
die 
Ermässi- 
gungen über dem Durch- 
schnittsniveau der Krank- 
heitsform oder vielmehr 
ihrer Fastigiumperiode, 
während dagegen die 
abendlichen Exacerbatio- 
nen von diesem Durch- 
schnittsniveau melir oder 
weniger beträchtlich sich entfernen und es überragen : exacerbirender 
Typus (Fig. 17). 

Der Excurs der Schwankungen zwischen Abend und 
Morgen kann sehr verschieden sein, von ^/^^ bis zu 3 und 4^ sich 
ausdehnen (Fig. 18 auf Seite 244). 

16* 



40,5 



40 




244 1^6^' Gtang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



Fig. 18. 



41 



40,5 



40 



39,5 



39 



38,5 




Der Wechsel zwischen Exacerbation und Remission ist bald ein 
mehr oder weniger regelmässiger; und zwar kann mit einer 

ganz Constanten Regularität 
täglich die gleiche Höhe der 
Exacerbation und die gleiche 
Tiefe der Remission nicht nur 
bei acuten Krankheiten eine 
Woche lang und darüber 
sich wiederholen ; sondern es 
kann sich dieses regelmässige 
Wechseln bei chronischen Fie- 
bern Monate lang in völliger 
oder fast völliger Gleichartig- 
keit darstellen. Diess schliesst 
nicht aus, dass auch beim 
discontinuirlichen Fastigium 
häufig zwei Abschnitte zu 
unterscheiden sind : ein erster 
mit geringeren und ein zwei- 
ter mit grösseren Excursen. 
Bald aber, wie namentlich in complicirten oder aus andern 
Gründen von der Norm abweichenden Fällen, sowie bei gewissen 
Krankheitsformen (namentlich Pyämie) zeigt der discontinuirliche 
Temperaturgang mehr öder weniger bedeutende Unregelmässig- 
keiten. Zuweilen verbleibt er nur wenige Tage gleichmässig , um 
alsdann Abweichungen zu zeigen. Solches Unregelmässigwerden kann 
von zufälligen Einwirkungen, individuellen Verhältnissen und mannig- 
fachen andern Einflüssen bedingt sein. Die Irregularitäten des Ver- 
laufs bestehen 

in ungleichmässigem Eintritt der Remission und Exacerbation, 
welche an einem Tage früher, am andern später beginnen , an einem 
Tage kürzer, am andern länger dauern ; 

in ungleichem Verhalten der Tiefe der Remissionen und der Höhe 
der Exacerbationen ; 

in intercurrentem starkem Rückgang der Temperatur, bald nur 
in isolirten Vertiefungen oder einem mehr oder weniger andauernden, 
aber noch keineswegs definitiven Temperaturabnehmen, ein Verhal- 
ten, das besonders häufig durch günstig wirkende Einflüsse, Zufälle 
und Ereignisse herbeigeführt wnrd , bei gewissen Krankheitsformen 
dagegen spontan und ohne alle günstige Bedeutung sich zeigt ; 

in intercurrenten Erhöhunsren, welche in vereinzelten oder mehr 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 245 

oder weniger anhaltenden Zwischenerhebungen der Temperatur be- 
stehen und meist durch ungünstige Einflüsse oder Entwickelung von 
Complicationen herbeigeführt werden; 

zuweilen, jedoch keineswegs häufig in diesem Stadium, in inter- 
currenten Collapsen. 

Häufig ist die Unregelmässigkeit eine combinirte, und wenn ein- 
mal beträchtlichere Unregelmässigkeiten in einem Verlaufe begonnen 
haben , so ist gewöhnlich zu bemerken , dass der hierdurch gestörte 
Typus sich niemals mehr vollständig herstellt. 

Zuweilen zeigt sich ein völlig regelloses Hin- und Herschwanken 
der Temperatur mit einzelnen steilen Erhebungen und eben solchen 
tiefen Niedergängen, mit zeitweisem Wechsel von continuirlichem und 
discontinuirlichem Gange (am häufigsten bei der Pyämie). 

Die Verschiedenheiten des discontinuir liehen 
Ganges im Fastigium werden zum grossen Theil durch die Art 
der Krankheitsform und durch ihre Intensität bedingt. Aber auch die 
Reinheit oder Complicirtheit des Falles, einzeln hervortretende Ereig- 
nisse , zufällige , auch therapeutische Einwirkungen und endlich die 
Individualität des Kranken selbst können zu der Gestaltung des dis- 
continuirlicheu Fastigiums beitragen. 

Von allen die discontinuirliche Form des Fastigiums zeigenden 
Afi'ectionen hat der Abdominaltyphus vorzugsweise eine strenge 
Exacerbationsminimalgränze (39,5), eine ziemlich strenge Breiten- 
gränze des täglichen Excurses (nicht leicht über 1^/2^), die grösste 
Regelmässigkeit in dem Verlauf (wenigstens bei normalen, uncompli- 
cirten Fällen) und eine ziemlich genau begränzte Dauer der Fasti- 
giumperiode (nicht unter 8 , nicht über 17 Tage). Auch der Abdo- 
minaltyphus - kann durch individuelle Verhältnisse influirt werden, 
aber er wird nicht leicht aus einer bestimmten Breite der Differenzen 
herausgedrückt, wenigstens nur selten auf die Dauer. 

Bei allen übrigen Krankheitsformen mit discontinuirlichem 
Typus des Fastigiums ist die Mannigfaltigkeit grösser und der Ein- 
fluss von Nebenverhältnissen bedeutender. 

Die absolute Höhe der Exacerbationsmaxima 
pflegt beträchtlich zu sein bei dem discontinuirlichen Theil des Recur- 
rensverlaufes , dem Suppurationsfieber der Pocken , den Masern , der 
catarrhalischen Pneumonie, der Pyämie, der Osteomyelitis, dem Ge- 
sichtserysipel, der acuten Tuberculose. 

Dagegen hängt es bei folgenden Krankheiten mehr von der 
Intensität der Erkrankung ab oder von schweren Complicationen, 
wenn die Exacerbationshöhen beträchtlich sind : bei Grippe , polyar- 



246 ^^^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

ticularem Rheumatismus , Pleuritis , Cerebrospinalmeningitis , Trichi- 
nose, Lues, acuter Vereiterung. 

Die Exacerbationsmaxima können niedrig bleiben trotz höchst 
schwerer Erkrankung bei acuter Verfettung, bei Basilarmeningitis, 
Diphtherie, Dysenterie, Pericarditis, Peritonitis. 

Die Grösse des Excurses der Schwankungen oder die Tages- 
differenz hängt von Form und Intensität der Krankheit ab : bald nähert 
sich der Typus durch die Grösse derExcurse mehr dem Verlaufe inter- 
mittirender Fieber (Ps endo intermittens), bald durch die Kleinheit 
der Excurse dem continuirlichen Gange. Fälle letzterer Art sind 
meist als schwere anzusehen. Erstere sind , wenn zugleich die Exa- 
cerbationstemperatur sehr hoch geht , mindestens tückisch ; sie be- 
gründen den Verdacht einer latenten pyämischen oder septischen In- 
fection oder successiver Embolien und sind häufig mit secundären Ab- 
setzungen verbunden, so namentlich beim Suppurationsfieber der 
Pocken, bei Parotitis, acutem Rheumatismus, Endocarditis und Myo- 
carditis, Pleuritis, entzündlichen Milz- und Leberaffectionen , Ver- 
eiterungen an jeder Stelle und aus jeder Ursache, immer um so mehr, 
je höher dabei die Exacerbationstemperatur geht. Aber auch in an- 
dern Krankheitsformen können solche versteckte Selbstinfectionen 
vorkommen. Da nun manche dieser Vorgänge wenigstens zeitweise 
der Diagnose unzugänglich sind, so ist die Ausbildung von fast bis 
zum Intermittiren gehenden Remissionen und darauf folgenden hohen 
Exacerbationen ein wichtiges Moment , das jederzeit Gefahr fürchten 
lässt, besonders aber dann, wenn dieses Verhalten über mehrere 
Tage fortdauert, ohne dass die Exacerbationen sich ermässigen. Es 
ist nicht ausgeschlossen , dass in manchen Fällen , ohne dass sich 
jener Verdacht nachträglich bestätigt, Genesung eintreten kann, doch 
wird man dann häufig den Grund des Verhaltens nicht aufzudecken 
vermögen. Am ehesten kommen die hochgehenden Exacerbationen 
mit fast oder völlig apyretischer Remission ohne besondere Gefahr 
während des Fastigiums vor : im Prodromalfieber der Masern , bei 
schwerer Grippe und bei dem ambulanten Erysipelas, sowie bei Lues. 

Nähert sich dagegen die Temperatur während der Remissionen 
der Norm, während sie in der Exacerbationszeit die Grenze massiger 
Fiebergrade nicht oder nur wenig überschreitet, so kann man im All- 
gemeinen den Fall als mild bezeichnen , wenn es nicht von der Art 
der Krankheitsform abhängt, dass, auch abgesehen von allen Fieber- 
verhältnissen, grosse oder gar unabwendbare Gefahren bestehen. So 
geben massige Exacerbationen mit fast völliger morgendlicher Fieber- 
losigkeit in folgenden Erkrankungen keineswegs die Berechtigung 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 247 

zur Hoffnung auf einen günstigen Verlauf: in der acuten Verfettung, 
acuten Bronchiolitis, Basilar- und Cerebrospinalmeningitis, bei acuter 
Tuberculose, Diphtherie, bei schwerer Dysenterie, Peritonitis, acuter 
parenchymatöser Nephritis. 

Eine vollständige Regelmässigkeit des Wechsels zwischen 
Exacerbationen und Remissionen nach Zeit und Höhe darf man bei 
keiner der hier in Betracht kommenden Krankheitsformen (den abdo- 
minalen Typhus ausgenommen) erwarten , oder mit andern Worten, 
bei keiner dieser Krankheitsformen ist einige Unregelmässigkeit in 
dem Wechsel an sich schon ein bedenkliches Zeichen, wie es ein 
solches ganz entschieden beim Abdominaltyphus ist. Am meisten 
und häufigsten zeigen eine kürzere oder längere Regelmässigkeit die 
Grippe, die catarrhalische Pneumonie, welche beide dadurch während 
des Fastigiums eine grosse Aehnlichkeit mit dem Abdominaltyphus 
annehmen können, der polyarticulare Rheumatismus, bei welchem die 
Exacerbationstemperaturen gewöhnlich nicht so hoch gehen, wie 
beim Abdominaltyphus, die Pleuritis, die Cerebrospinalmeningitis, 
die Trichinose , die Vereiterungen , die Lues , die Phthisis und das 
chronische Fieber. Auch die subacute Tuberculose zeigt zuweilen 
eine Zeit lang eine grosse Regelmässigkeit , aber ebenso häufig die 
beträchtlichsten Irregularitäten. 

Bei der grossen Neigung des discontinuirlichen Fieberganges zu 
Unregelmässigkeiten bedarf es keiner sehr auffälligen Gründe, den 
Verlauf irregulär zu machen. Ganz vorzugsweise geschieht diess 
jedoch durch Complicationen , durch einzelne Ereignisse im Verlaufe, 
ferner durch Einwirkungen sowohl günstiger als schädlicher Art. 

Die Complicationen wirken bei einem discontinuirlichen Verlauf 
vornehmlich auch in der Weise , dass der Gang der Temperatur vor- 
übergehend oder dauernd continuirlich wird, oder sich dem continuir- 
lichen nähert ; zuweilen auch in der Art , dass der remittirende Ver- 
lauf sich in einen exacerbirenden umwandelt. 

Die einzelnen Ereignisse bringen vorzugsweise plötzliche Sprünge, 
bald Steigerungen , bald und sehr häufig auch Senkungen und selbst 
Collapse hervor , welche letztere namentlich durch Blutungen , Er- 
brechen, starke Diarrhöen, übermässige Schweisse oder durch Perfo- 
rationen seröser Höhlen herbeigeführt zu werden pflegen. 

Die Einwirkungen günstiger oder schädlicher Art haben bald 
mehr einen vorübergehenden, bald mehr einen dauernden Effect. Bei 
mehrern therapeutischen Einwirkungen, über welche man eine reich- 
liche Erfahrung hat, ist es möglich, einen bestimmten Typus zu 
erkennen , den der Verlauf nach der betreffenden Einwirkung an- 



248 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



nimmt , wenigstens bei einzelnen Krankheitsformen ; so giebt es ge- 
wissermaassen typische, dm^ch Kaltwasserbehandlung, Digitalis und 
Calomel bei Typhus, durch Blutentziehuugen bei Pneumonie be- 
stimmte Modificationen des Verlaufs. 

Die Richtung des discontinuirlichen Ganges des 
Fastigiums kann ebenfalls verschieden sein : das Fastigium verharrt 
entweder in einem gleich massigen Charakter , bald nimmt es 
eine ansteigende, bald eine absteigende Richtung : Modi des 
Verhaltens , welche in den meisten Fällen ziemlich genau der Inten- 
sität und Gefährlichkeit der Erkrankung entsprechen. 

Die ansteigende Rich- 
tung kann darin bestehen, 
dass die tägliche Durch- 
schnittshöhe der Tempera- 
tur wächst (Fig. 19), 

oder darin , dass der 
remittirende Typus sich 
einem continuirlichen oder 

exacerbirenden nähert 
(Fig. 20). 

Die absteigende Rich- 
tung ist durch die entgegen- 
gesetzten Verhältnisse ge- 
kennzeichnet. 

Eine Umwandlung der 

Richtung des Fastigiums 

geschieht bald allmälig 

und ist häufig durch kurz 



40,5 



40 



39,5 



39 



38,5 



38 




und leise, bald plötzlich und schroff, 
dauernde Irregularitäten eingeleitet. 

Fig. 20. 
40, 



39, 



38, 



5 


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Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 249 

Bei schroffer Umwandlung zerfällt das Fastigium in zwei oder 
mehröre scharf getrennte Abschnitte oder Phasen , welche nicht sel- 
ten ganzen oder halben Wochen entsprechen. Bei einer längern 
Dauer des Fastigiums sind die verschieden charakterisirten Phasen 
an der Curve deutlich zu erkennen , und wenn nach der ansteigenden 
Richtung der gleichmässige Fortgang und nach diesem die abstei- 
gende Richtung sich bemerklich macht , so kann man eine günstige 
Prognose stellen ; wenn dagegen ein gleichmässiger Fortgang durch 
eine ansteigende Richtung abgelöst wird , so ist der Fall schlimm, 
wenn auch darum noch nicht verloren. 

Die Dauer des Fastigiums bei discontinuirlichera Typus ist 
durchschnittlich länger, als beim continuirlichen, und hängt sehr viel- 
fach von der Krankheitsform , andrerseits ganz besonders von der 
Intensität ab. Selbstredend zeigt in den meisten (d. h. den nicht 
rasch tödtlichen) Fällen eine kurze Dauer des Fastigiums eine ge- 
ringe Intensität an. Eine beträchtliche Verlängerung des Fastigiums 
ist stets bedenklich. 

Von besonders kurzer Dauer pflegt in günstigen Fällen das 
Fastigium im Prodromalstadium der Masern zu sein. 

Auch bei Grippe, Bronchitis, Tonsillarangine, Parotitis, catarrha- 
lischer Pneumonie , bei dem ambulanten Erysipel, dem Suppurations- 
fieber der Pocken , der Peritonitis , bei dem postcholerischen Fieber- 
stadium darf das Fastigium nicht über 5 bis 6 Tage dauern , wenn 
der Fall nicht gefährlich werden soll. 

Beim Abdominaltyphus dauert das Fastigium 1 — 2^/2 Wochen. 

Verhältnissmässig lange dauert auch in günstigen Fällen ge- 
wöhnHch das Fastigium bei dem polyarticularen Rheumatismus , bei 
der Pleuritis^, bei Trichinose , bei Vereiterungen , bei Cerebrospinal- 
meningitis, bei Lues. 

Bei der Basilarmeningitis ist die Wahrscheinlichkeit eines tödt- 
lichen Ausgangs gleich gross, mag das Fastigium kurz oder lange 
dauern. 

Bei Septicämie und Pyämie wird man eher bei einer Ver- 
längerung des Fastigiums Hoffnung schöpfen dürfen , desgleichen bei 
acuter Tuberculose. 

In der Phthisis und bei anderen chronischen fieberhaften Krank- 
heiten kann das Fieber bei remittirendem Gange sehr lange, Monate, 
sogar Jahre lang in gleichmässigem Verhalten fortdauern und wenn 
es zuweilen spontan oder nach Einwirkungen auf einige Wochen unter- 
brochen wird, so kehren die frühern Schwankungen mit gleicher täg- 
licher Höhe nicht selten in ganz regelmässiger Weise zurück. 



250 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



D. Bei den meisten Krankheitsformen ist das Fastigium ein- 
fach; dagegen kann es doppelt oder mehrfach sein bei folgenden 
Affectionen: beim Abdominaltyphus mit successiven Ablagerungen, 
bei der Febris recurrens , bei Variola vera , bei irregulären Exan- 
themen , bei manchen Pneumonien (relabirende Form) , bei Pyämie 
und Septicämie (mit scheinbar zwischenfallender Besserung), bei Ge- 
sichtserysipel (in Folge der scheinbaren Recidive), bei polyarticu- 
larem Rheumatismus (im Falle nachträglich eintretender Complica- 
tionen), bei Basilarmeningitis , Cerebrospinalmeningitis , Pleuritis, 
Phthisis. 

Bei mehrmaligem Fastigium hat häufig das erste einen andern 
Charakter, als das zweite und die folgenden. Es können access- 
artige, continuirliche und remittirende Typen mit einander abwech- 
seln. Im Allgemeinen ist es um so ungünstiger, je mehr die spätem 
Fastigien continuirliche Höhe und andauernde Temperatursteige- 
rungen zeigen. 



E. Das Ende des Fastigiums ist bald ein deutlich begränztes, 
bald undeutlich und an andere Stadien sich anschliessend. 

Zuweilen findet am Schlüsse 
des Fastigiums noch eine kurz 
dauernde Steigerung statt. 
Diess ist das Verhalten , wel- 
ches von früheren Aerzten sehr 
richtig hervorgehoben und als 
Perturbatio critica bezeichnet 
wurde (Fig. 21). In andern 
Fällen tritt eine bemerkliche 
Richtung zur Abnahme ein: 
präparatorische Abnahme. 

Das Fastigium endet bei 

dem Prodromalstadium der 

Pocken mit der Erhebung der 

Eruption zu Knötchen, 

bei Masern mit der Erreichung des Maximums der Eruption, 

bei Scharlach mit der beginnenden Abbieichung des Exanthems, 

bei Pneumonie mit der vollendeten Hepatisation, selten vor dem 

dritten , selten nach dem neunten Tage, 
bei dem exanthematischen Typhus gegen das Ende der zweiten 
Woche, zuweilen in der Mitte der dritten. 



40 5 




Fig 


. 21. 

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40 


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, 1 






39,5 








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39 










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38,5 










\_ 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 251 

beim Abdominaltyphus in leichtern Fällen in der Mitte oder am 
Ende der zweiten Woche, in schweren in der Mitte oder am 
Ende der dritten, zuweilen erst in der vierten, 

bei der Grippe gewöhnlich nach wenigtägiger Dauer, 

bei der parenchymatösen Tonsillarangine nach drei- bis sieben- 
tägiger Dauer, 

bei den übrigen Formen ist die Beendigung mehr oder weniger 
unbestimmt. 

6. Mit dem Fastigium kann die Periode der Entwickelung und 
Ausbildung der Krankheit ihren Schluss erreichen, d. h. es geht ent- 
weder unmittelbar in die Agonie über , oder schliessen sich unmittel- 
bar die Heilungsprocesse an. Häufig ist es aber noch gefolgt von 
einem Stadium der Unentschiedenheit. 

Diese Periode der Unentschiedenheit (amphiboles Stadium) 
tritt um so deutlicher in die Anschauung, je regulärer der Verlauf 
im Fastigium war; 

bei unregelmässigem Gange der Temperatur im Fastigium ist 
die Gränze zwischen diesem und dem amphibolen Stadium häufig 
nicht sicher festzustellen. 

Das amphibole Stadium fehlt selten in den Fällen, die, ohne 
rapid tödtlich zu enden , einen schweren Verlauf nehmen. Am auf- 
fälligsten , schwersten und längsten zeigt es sich in schweren Fällen 
von Abdominaltyphus. Es tritt ferner ein in schweren und sich 
hinausziehenden Fällen von Pneumonie, bei schweren complicirten 
Exanthemen, bei eben solchem Verhalten des exanthematischen 
Typhus , bei schwerem polyarticularen Rheumatismus , bei der epide- 
mischen Cerebrospinalmeningitis. 

Die amphibole Periode zeigt eine mehr oder weniger grosse 
PiCgellosigkeit. Es kommen vor: vereinzelte Abweichungen, oder 
solche , die mehrere Tage hindurch dauern ; Exacerbationen und 
Remissionen von väriirender Grösse; die Remissionen treten zwar 
gewöhnlich Morgens , doch häufig auch zu anderer Zeit ein , und die 
Exacerbationen sind an keine Tagesstunden gebunden. Intercurrente 
Collapse sind nicht selten. Es zeigen sich motivirte und unmotivirte 
Steigerungen und eben solche Besserungen. Die einen wie die an- 
dern halten zuweilen nur wenige Stunden an, oft sind sie mehrtägig, 
hin und wieder zeigt sich andertägiges Alterniren, meist grosse Un- 
regelmässigkeit. Zuweilen bemerkt man bei längerer Dauer des 
amphibolen Stadiums, dass auf gewisse Krankheitstage, auf den 
Schluss oder die Mitte einer Krankheitswoche vorzugsweise Verän- 



252 Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

derungen fallen , die aber nur nicht genug anhalten , um den ganzen 
Charakter des Verlaufs zu modificiren. 

Bei allem dem erhält sich aber die Temperatur in der amphi- 
bolen Periode in solchen Gränzen , dass eine Ausgleichung durchaus 
möglich ist, und selten erreichen einzelne Temperaturen die Maximal- 
höhe des Fastigiums. 

Die Dauer des amphibolen Stadiums kann wenige Tage bis 
eine , selbst mehrere Wochen betragen. Besonders ist es anhaltend 
in manchen schweren Fällen des Abdominaltyphus. 

7. Auf der Höhe der Krankheit und im amphibolen Stadium 
kann das Fieber mehr oder weniger leicht influencirt werden 
durch Vorgänge in dem Organismus selbst oder durch Einwirkungen 
auf denselben , und zwar bald zum Nachtheil bald zum Vortheil des 
Kranken. Im Allgemeinen sind diejenigen Vorgänge und Einflüsse 
nachtheilig, welche eine Steigerung der bereits hohen Temperatur 
bewirken, jene dagegen (wenn auch nicht immer) vortheilhaft, welche 
eine Ermässigung der Temperatur herbeiführen. Die Therapie muss 
daher trachten, die Letzteren zu benutzen und zu vervielfältigen, vor 
allem aber ihre Wirksamkeit und deren Sicherheit möglichst festzu- 
stellen. 

Eine Erhöhung der Temperatur kann bei Fiebernden herbeige- 
führt werden durch geistige Aufregung, durch Körperbewegung^ 
durch zu warmes Verhalten, durch Diätfehler, durch andauernde Ver- 
stopfung, durch Eintritt von Complicationen. 

Eine Verminderung der erhöhten Temperatur kann im Fasti- 
gium und amphibolen Stadium bewirkt werden : 

durch spontane Blutungen, durch reichlichen Stuhl, durch Er- 
brechen, durch starke Schweisse, 

sodann durch Insufficientwerden der Respiration, durch Er- 
lahmung des Herzens, durch Druck auf das Gehirn, durch Inanition \ 

zuweilen, aber keineswegs immer durch ruhigen Schlaf; 

ferner durch die genügende Anwendung der Kälte auf den 
Körper des Kranken ; 

durch künstliche Blutentziehungen ; 

endlich durch Incorporatiou einer Anzahl von Medicamenteu, 
von denen bis jetzt als antipyretische bekannt sind: das Queck- 
silber (Calomel), Antimon (Brechweinstein), Blei, die Digitalis, das 
Veratrin , das Chinin , die Säuren und sogenannten kühlenden Salze, 
die Laxantien und Emetica. 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 253 

Die Sicherheit und der Grad des Eifectes ist aber keineswegs 
bei allen Fällen mit gleichen Temperaturverhältnissen die gleiche. 
Vielmehr ist die Influencirbarkeit der Einzelfälle eine sehr ver- 
schiedene. Bei den Einen zeigt sich selbst im Fieber eine grosse 
Zugänglichkeit für Einflüsse und daher auch eine rasche Wirksamkeit 
der Medicamente und richtig gewählter therapeutischer Proceduren. 
In andern Fällen ist das Fieber von grosser Resistenz und alle Ein- 
wirkungen bleiben durchaus oder doch eine Zeit lang ohne jeglichen 
Erfolg. 

Influencirbare Temperaturen finden sich auf der Höhe des 
Fiebers und im amphibolen Stadium vorzugsweise bei Kindern , bei 
schwächlichen Individuen , bei massigeren Erkrankungen, nach spon- 
tan eingetretener Ermässigung, bei discontinuirlichem Temperatur- 
gang und in der natürlichen Tagesremission. 

Mehr oder weniger grosse Resistenz zeigen im Allgemeinen 
kräftige Erwachsene , intensive und noch in der Zunahme begriffene 
oder complicirte Erkrankungen , der continuirliche Fiebertypus , die 
Stunden der regulären Tagesexacerbation. 

8. Der Gang der Temperatur während der Heilungspro- 
cesse kann mehr oder weniger eigenthümlich sein. 

Die Krankheitsformen unterscheiden sich sehr beträchtlich in 
der Art, wie sie in Genesung zu enden pflegen, und die Diff'erenz ist 
um so charakteristischer , je ungestörter , so zu sagen normaler der 
Verlauf war. 

Bei den einen erscheint der krankhafte Vorgang fast plötzlich 
erschöpft, beendigt, und was sich noch anschliesst, sind Ausglei- 
chungen ohne Schwierigkeit, es erfolgt der Uebergang zur alten Ord- 
nung rasch und ungehindert. Ein solches Verhalten beobachtet man 
beim exanthematischen Typhus, bei den Varioloiden, Varicellen, 
Masern , bei der primären croupösen , lobären und uncomplicirten 
Pneumonie, bei der Febricula, bei F. recurrens, beim Gesichtserysipel, 
bei der parenchymatösen Tousillarangine , bei dem postcholerischen 
Reactionsfieber ohne parenchymatöse Nierendegeneration. 

Bei den andern Krankheitsformen sind durch den Krankheits- 
process selbst solche Aenderungen in der Textur der Theile, so viele 
neue in organischen Beziehungen stehende Producte , so viele Zer- 
störungen von Gewebstheilen gesetzt worden, dass es eines langsamen 
und mühevollen , leicht neue Störungen zulassenden Reparationspro- 
cesses bedarf, um die Verhältnisse wieder in eine mehr oder weniger 
vollständige Ordnung zu bringen. Hierher gehören der abdominale 



254 ^^^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

Typhus, meist auch das Scharlach, die vollen Pocken, der acute poly- 
articulare Rheumatismus, alle Meningiten, die Trichinose, die Pleuri- 
tis, Perikarditis und Peritonitis, die Dysenterie etc. 

Was bei den letztern Krankheitsformen durch die Natur des 
wesentlichen Processes bewerkstelligt wird, kann auch bei den ersten 
normaler Weise rasch und unschwer abheilenden Formen durch be- 
stehende oder eintretende Complicationen und ungünstige Verhältnisse 
bewirkt werden. 

Natürlich giebt es Fälle genug , welche zwischen den Extremen 
der ganz schwierigkeitlosen raschen Abheilung und der umständlichen 
langsamen Reparation in der Mitte stehen. 

Diesem verschiedenen Verhalten des Heilungsprocesses ent- 
spricht der Gang der Temperatur , und der letztere lässt daher auf 
die Form der Heilungsprocesse schliessen. 

In den Fällen erschwerter Abheilung können gerade während 
des Heilungsprocesses noch sehr beträchtliche Temperatursteigerungen 
vorkommen. Damit stimmt überein , dass bei gewissen Krankheits- 
formen der Kranke just in der Abheilungsperiode den grössten und 
häufigsten Gefahren, ausgesetzt ist. 

In den Fällen dagegen, in welchen der Abheilungsprocess keine 
localen Schwierigkeiten zu überwinden hat, schliesst mit dem üeber- 
gang der Krankheit in denselben auch das Fieber ab. 

Der Gang der Temperatur während des Heilungsprocesses 
zerfällt 

in die Periode der entschiedenen, aber ungenügenden Abnahme: 
Stadium decrementi ; 

in die Periode der Entfieberung , für welche ich den jetzt allge- 
mein recipirten Ausdruck Defervescenz eingeführt habe ; 

in die Periode nach der Entfieberung : epikritische Periode und 
Reconvalescenz. 

9. Das erste Stadium des Heilungsprocesses, die Periode 
der entschiedenen, aber ungenügenden Abnahme, ist 
weit nicht in allen Fällen zu beobachten. Es schliesst sich , wo es 
vorhanden ist, entweder an den Verlauf des Fastigiums oder der 
amphibolen Periode unmittelbar an , oder nach einer präcursorischen 
Steigerung folgt zunächst einen oder zwei Tage lang eine geringe 
Abnahme, worauf erst die wirkliche Defervescenz eintritt (Fig. 22 
auf Seite 255). 

Die der Entfieberung stundenlang oder einen ganzen oder selbst 
mehrere Tage lang vorangehende Ermässigung kann so allmälig in 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten, 



255 



das beschleunigtere Fallen übergehen, dass man den Beginn der 
eigentlichen Defervescenz gar nicht sicher begränzen kann. 

Die präparatorische Abnahme kann einen halben , selbst einen 
ganzen Grad betragen , bei sehr hochgradigem Fieber und Pseudo- 
krisen mehr, bei Letzteren sogar 3 und mehr Grade. 

Sie besteht bisweilen nur in einem geringen Eintreten oder gänz- 
lichen Ausbleiben der gewöhnlichen Abend exacerbation , in der Art 

Fig. 22. 



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39 

38,5 
38 



dass am Tage der Abnahme die Tagesfluctuation fehlt und die 
morgendliche Temperaturhöhe continuirlich fortdauert ; 

oder sie besteht in einer grössern Morgenremission, während 
am Abend die Temperatur die frühere Höhe erreicht ; 

oder sie besteht darin , dass die Morgenremission beträchtlicher 
wird und die Abendexacerbation unbedeutender ausfällt , sodass , ob- 
wohl die Tagesdiflferenz sich gleichbleiben kann, die Durchschnitts- 
temperatur des Tages niedriger erscheint ; 

oder sie besteht in einer Pseudokrise mit nachfolgender ge- 
ringerer Erhebung. 

Es ist nicht selten, dass in solcher Weise mehrere Tage, selbst 
eine Woche hindurch der tägliche Tagesdurchschnitt wesentlich nie- 
driger ist, als in der vorhergehenden Zeit des Fastigiums oder der 
amphibolen Periode, und dass somit ein ermässigter Zustand des 
Fiebers , der aber mehrere Tage sich gleich bleibt , oder auch sich 
langsam noch weiter ermässigt, der eigentlichen Entfieberung vor- 
angeht. 



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256 ^6^^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

Ein solches Verbalten unterscheidet sich sehr wohl von dem 
araphibolen Stadium ; denn es kommen bei jenem keine Verschlim- 
merungen mehr vor , und die Erhöhungen in den Abendstunden sind 
nichts Anderes , als der Ausdruck der Tagesfluctuation ; sie haben 
keine ungünstige Bedeutung , wenn nur in den Morgenstunden die 
Ermässigung jedesmal wieder eintritt. 

Es giebt keine Krankheitsform, bei welcher sich nicht ein solches 
Stadium decrementi einstellen könnte, mag weiterhin die Entfieberung 
rapid oder langsam erfolgen. Häufig sind therapeutische Einflüsse 
von offenbarer Wirkung auf seinen Eintritt. 

Dagegen ist die Dauer dieses Stadiums von verschiedener Länge, 
je nach den verschiedenen Krankheiten. Es kann das Stadium de- 
crementi mehrere Tage bis zu einer Woche und darüber beim Abdo- 
minaltyphus und im Suppurationsstadium der Variolen dauern. 
Kürzer ist dasselbe beim exanthematischen Typhus , beim Scharlach ; 
noch kürzer bei Masern und bei der lobären Pneumonie. 

Bei den nur annähernd typischen Krankheit^sformen kann die- 
ses Stadium sehr verschieden lange Dauer haben , und gewährt auch 
weniger Bürgschaft, dass es von der Entfieberung unmittelbar gefolgt 
sei. Auch ohne Eintreten einer zufälligen Complication kann bei 
ihnen die Temperatur aufs neue sich erheben und der Verlauf aber- 
mals den Charakter wie im Fastigium annehmen. Es hat in diesen 
Fällen ein Zustand minderen Fiebers sich zwischen zwei Fastigiums- 
abschnitte eingeschoben und den trügerischen Schein einer Besserung 
hervorgerufen. 

Ganz ebensolche täuschende und fälschliche Ermässigungen fin- 
den sich bei der Pyämie und im amphibolen Stadium verschiedener 
Krankheiten. 

10. In der Periode der Defervescenz zeigen sich die schärf- 
sten Unterschiede nach der Art der Krankheit und zugleich bieten 
die Abweichungen von dem der besondern Krankheitsform zukom- 
menden Typus sehr sichere Hinweisungen auf Anomalien und ünvoll- 
ständigkeit der Abheilung. 

a. Die Defervescenz erfolgt entweder in einem raschen Zuge: 
rapide Defervescenz, Krisis, und zwar so, dass sie sich in 4, 12, 
24 oder doch höchstens 36 Stunden vollendet; die Temperatur fällt 
in dieser Zeit um 2 bis 5«, selbst zuweilen mehr, und gelangt auf 
oder unter die Norm (Fig. 23 und 24 auf S. 257). 

In dieser Weise kann sich das Fieber vom Morgen zum Abend 
oder im Laufe einer Nacht abschliessen und schon am Morgen völlig 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



257 



normale Temperatur erreicht sein ; doch ist der Abschluss des Fie- 
bers nur erst dann verbürgt, wenn auch in den folgenden Nachmit- 
tags- und Abendstunden keine neue Steigerung eintritt. Häufig folgt 
eine solche , die aber nicht zu der Höhe des vorhergehenden Tages 
sich erhebt und in der folgenden Nacht definitiv in den fieberlosen 
Zustand übergeht. 

Sehr häufig zieht sich die rapide Defervescenz über 24 Stunden 
hin, die Temperatur fällt am ersten Morgen mehr oder weniger stark, 
im Laufe des Nachmittags geht das Fallen weiter, aber in lang- 
samerem Zuge , oder bleibt sich die Temperatur gleich , oder steigt 



Fig. 23. 



Fig. 24. 



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sie selbst aufs neue, und erst am folgenden Morgen wird die Normal- 
temperatur erreicht. Es kann auch geschehen , dass am zweiten 
Abende noch einmal eine kleine Steigerung nachfolgt , welche jedoch 
fast immer sehr unbeträchtlich zu sein pflegt (Fig. 25 auf S. 258). 

Zuweilen geschieht es, dass in den Morgenstunden noch gar 
keine Neigung zur Entfieberung zu bemerken ist , höchstens eine ge- 
ringe Ermässigung , manchmal selbst eine ungewöhnliche Höhe der 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 17 



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258 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



Temperatur, und dass die Defervescenz in den Nachmittagsstunde» 
beginnt. Selten ist in solchen Fällen die Abnahme in diesen bedeu- 
tend ; häufig ist der Anfang der Entfieberung nur daran zu erken- 
nen , dass die Abendexacerbation ausbleibt , oder statt derselben ein 
geringes Fallen um ^/^o bis ^I^q Grad eintritt, worauf alsdann in der 
folgenden Nacht die Entfieberung stattfinden kann , oder auch in der 
schon beschriebenen Weise noch einmal 24 Stunden sich verschleppt 
(Fig. 26). 

Bei der rapiden Defervescenz kommt es sehr häufig vor, beson- 
ders wenn temperaturdeprimirende therapeutische Eingriffe statt- 
gefunden haben , dass die Eigenwärme unter die Norm herabgeht, 
bis nahezu auf 36 ^ oder selbst darunter sinkt. Eine solche über- 
mässige Abnahme giebt noch keine Garantie , dass die Temperatur 



Fig. 25, 



Fig. 26. 



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nicht wieder steigen könnte , und nur erst wenn am darauf folgen- 
den Abend die Erhöhung nicht über die Norm sich erhebt , ist die 
Defervescenz gesichert. 

In den Fällen , in welchen von einer sehr hochgradigen Tem- 
peraturhöhe das Sinken in rapider Weise erfolgt , ist es sehr häufig 
mit Collapserscheinungen verbunden, bei welchen oft eine so schwere 
Störung des Allgemeinbefindens sich zeigt, dass der Kranke und 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 259 

seine Umgebung den Zustand für weit bedenklicher erachten , als er 
selbst zur Zeit des hohen Fiebers und der wirklichen Gefahr gewesen 
war. Das Thermometer ist im Stande", bei dieser vermeintlichen Ver- 
schlimmerung den üebergang in die Genesung zu erkennen. Meist 
dauert ein solcher Zustand schweren üebelbefindens, zu dem sich auch 
Delirien gesellen können, nur einige Stunden, doch kann er sich auch 
über mehrere Tage verschleppen, und wenn dabei nur die Tem- 
peratur auf der Norm oder unter derselben sich erhält, ist lediglich 
nichts zu befürchten , es sei denn , dass die Temperaturerniedrigung 
nicht durch die Beendigung der Krankheit, sondern durch das Hinzu- 
treten irgend eines schweren und leicht erkennbaren Ereignisses, wie 
einer starken Blutung, einer Darmperforation, einer Lungenperforation, 
herbeigeführt worden wäre. 

Rapid defervesciren im Allgemeinen diejenigen Krankheits- 
formen und Krankheitsfälle, welche in der Initialperiode ein sehr 
rasches Ansteigen der Temperatur zeigten und welche dabei im Ver- 
laufe uncomplicirt blieben. 

Im Speciellen ist die rapide Defervescenz am auffallendsten, constan- 
testeu und macht den grössten Excurs (5 bis 6 Grad und darüber in 
wenigen Stunden) bei der Febris recurrens , sowohl bei deren erstem, 
als beim zweiten Anfalle. Sie ist die Regel bei dem ungestörten Ver- 
lauf der primären, uncomplicirten und nicht über eine Woche dauern- 
den croupösen Pneumonie , bei den Varioloiden und den regulären 
Masern. Sie findet statt bei der Ephemera , bei allen akmeartigen 
Fiebern und Fieberanfällen , soweit sie überhaupt von Apyrexie ge- 
folgt sind. Sie ist ferner die Regel bei der parenchymatösen Ton- 
sillarangine und tritt auch im Gesichtserysipel ein, ist bei diesem aber 
keine Garaniie , dass nicht ein neues Fieber mit Ausbreitung der 
Hautentzündung beginnen werde. Sie kommt ferner häufig beim 
exanthematischen Typhus , seltener bei Scharlach und bei catarrhali- 
schen Fiebern vor. 

b. Die Defervescenz erfolgt dagegen in einem gedehnten 
Zuge: Lysis, und zwar 

entweder in einem c o n t i n u i r 1 i c h e n , aber langsamen Nie- 
dergange, wobei die Temperatur meist vom Morgen zum Abend etwas 
weniger fällt, als vom Abend zum Morgen, selbst stehen bleiben oder 
um eine Kleinigkeit steigen kann. In dieser Weise dauert die Ab- 
nahme 2 bis 4 Tage, selbst zuweilen eine ganze Woche (Fig. 27 
auf S. 260) und zeigt sich namentlich bei der Scarlatina, bei dem 
exanthematischen Typhus und zuweilen bei der Pneumonie, wenn 

17* 



260 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



diese nicht ganz normal verläuft oder über eine Woche gedauert 
hat. Nur ausnahmsweise kommt diese Form der Defervescenz 
beim Abdominaltyphus, zuweilen bei catarrhali sehen Krankheitsfor- 
men vor. 

Oder die Lysis verläuft remittirend, indem Morgenremts- 
sionen mit beträchtlichen Abendexacerbationen abwechseln , im Gan- 



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Fig. 27, 










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zen aber das Tagesmaximum oder der Tagesdurchschnitt täglich ge- 
ringer wird. 

Es kann dabei geschehen , dass die Abendexacerbationen eine 
Zeitlang noch fortwährend die frühere Höhe erreichen , während die 
Morgenremissionen immer tiefer werden , bis dann später auch die 
Exacerbationen abnehmen (Fig. 28 auf S. 261), 

oder es werden bei sich erhaltender TagesdifFerenz sowohl die 
Morgen- wie die Abendtemperaturen geringer (Fig. 29 auf S. 262). 

oder die Abendexacerbationen werden geringer und nähern sich 
allmälig der Morgenremission (Fig. 30 auf S. 263). 

Diese verschiedenen Arten können sich an einander schliessen, 
und zwar kann der üebergang von einer zu der andern Form ein 
stoss- und schubweiser sein. 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten, 



261 



Die remittirende Defervescenz kann eine halbe bis eine ganze 
Woche und darüber dauern. Unterbrechungen der Regelmässigkeit 
ihres Verlaufs sind übrigens äussert häufig. 

Sie ist charakteristisch für den Abdominaltyphus, sie ist ge- 
wöhnlich im Suppurationsfieber der Variolen und findet sich häufig 
bei den schweren catarrhalischen Krankheitsformen. Auch beim 
acuten polyarticularen Rheumatismus zeigt sie sich gewöhnlich, eben- 
so bei der Trichinose, bei der Pericarditis und Peritonitis. 



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Fig. 28. 





Auch bei der remittirenden Defervescenz sind , wenigstens bei 
schwereren Erkrankungen , Collapse nicht selten , und zwar in der 
Weise , dass die tiefsinkenden Morgentemperaturen bis unter die 
Norm gehen und die übrigen Collapserscheinungen sich dabei ein- 
stellen. Ein solches Verhalten kann sich mehrere Tage hindurch 
zeichen. 



10. In der epikritischen Periode und zumal in der Reco n- 
valescenz, wenn diese sich vollkommen eingestellt hat und un- 
gestört bleibt, ist die Temperatur normal sowohl Morgens als Abends, 
und es zeigen sich nur die normalen Tagesfluctuationen wie bei Gesun- 



262 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



den. Dieses Verhalten ist die sicherste Garantie für eine vollständige 
Abheilung der Processe. 

Solange sich noch in den Abendstunden auch nur subfebrile 
Temperaturen zeigen, ist die Reconvalescenz nicht rein. Noch 
weniger kann eine wirkliche Reconvalescenz angenommen werden, 
wenn auch in den Morgenstunden die Temperatur noch höher als 
normal ist. 

Doch zeigt sich in manchen Krankheiten und Einzelfällen , dass 
die Tagesfluctuationen bis tief in die Reconvalescenz hinein sich auf 

Fig. 29. 



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«inem etwas erhöhten Durchschnittsniveau bewegen , ohne dass diess 
der Sicherheit der Herstellung Eintrag thut : so z. B. sehr gewöhn- 
lich nach acutem Gelenksrheumatismus. 

Aber fast immer ist die Temperatur in der Reconvalescenz 
beweglicher , leichter influenzirbar , als bei Gesunden. Die Tages- 
fluctuationen haben meist eine etwas grössere Breite als bei Gesun- 
den. Durch äussere Einwirkungen, kleine körperliche Störungen, 
belanglose Diätfehler , geringe Kopfanstrengungen , durch das erste 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



263 



Aufstehen der Kranken , selbst zuweilen ohne nachweisbare Ursache 
kommen Erhebungen von ziemlichem Umfange vor. Ganz gewöhnlich 
treten z. B. solche ein , wenn der Reconvalescent zum ersten Mal 
Fleischdiät erhält, vorzüglich wenn diess verfrüht geschieht (Fig. 31 
Äuf S. 264). 

Diese Erhebungen dauern jedoch, wenn sie belanglos sind, nur 
kurze Zeit ; sie verlieren sich, wenn alles üebrige in Ordnung ist, 
schon nach 1, 2 oder wenigen Tagen. 

Fiff. 30. 



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Schon beim Herumgehen kommen ferner momentane Steigerun- 
gen bis zu ^/2 Grad und darüber vor, welche sich beim Niederlegen 
in kürzester Zeit wieder ausgleichen. 

Wo irgend eine anhaltende, wenn auch unbeträchtliche Er- 
hebung der Temperatur fortbesteht, oder wenn häufig stärkere 
Erhebungen eintreten , kann man mit Bestimmtheit annehmen, dass 
die Heilung nur unvollkommen ist, oder dass eine neue Erkran- 
kung, eine Nachkrankheit, eine Hypostrophe sich entwickelt. 

Und zwar zeigt sich die unvollständige Herstellung entweder 
in fortdauernden Abendexacerbationen , oder auch in der selbst Mor- 
gens nicht normal werdenden Temperatur , oder in zeitweisen , stär- 



264 1^6^ Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



ker auftretenden oder über mehrere Tage sich erstreckenden Fieber- 
rtickfällen , welche zuweilen allein durch die Temperatursteigerung 
sich kund geben ; der Beginn einer acuten Erkrankung (sei es einer 
Recidive, sei es einer anderen Störung) während der Reconvalescenz 
manifestirt sich meist in einer schroff sich abhebenden Temperatur- 
erhöhung nach dem Typus der neuen Aflfection. 

12. Wenn eine Erkrankung, statt abzuheilen und ohne eine 
direct tödtliche Wendung zu nehmen, in Nachkrankheiten tiber- 

geht, so kann der eben beschrie- 
bene Gang der Temperatur, wel- 
cher dem Abheilungsprocess an- 
gehört, bis zur Reconvalescenz 
sich herstellen und erst nach 
kürzerer oder längerer Dauer der 
Letztern tritt die Nachkrankheit 
mit oder ohne neue Fiebersteige- 
rung hervor. 

Doch ist in diesen Fällen 
meistens der Abheilungsgang un- 
vollständiger, verzögerter, unter- 
brochener und lässt manche Ab- 
weichungen erkennen : 

bei Krankheitsformen, welche 
mit rapider Defervescenz abzu- 
heilen pflegen , tritt die lytische 
Form der Entfieberung ein ; 

bei solchen , die an sich ly- 
tisch enden, ist der Entfieberungs- 
process gedehnter , neue Steigerungen kommen dazwischen , Pausen 
im Fortgang der Abheilung treten ein ; 

in der scheinbaren Reconvalescenz gelangt die Temperatur 
nicht zur Norm des Gesunden oder erhebt sich bald wieder ohne- 
bekannte Motive. 

Ausserdem kann sich aber der üebergang in Nachkrankheiten 
an das amphibole Stadium, an das Stadium decrementi und an jeden 
Punkt der Defervescenz anschliessen. 

Meist geschieht diess, indem zunächst trügerische, geringere 
oder beträchtliche, jedenfalls aber dem Normalgang der Krankheit 
nicht adäquate und auch nicht durch besondere Einflüsse erklärbare 
Ermässigungen sich einstellen, die jedoch nur kurze Zeit ein günstiges. 



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Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 265 

Verhalten vortäuschen, worauf bald aber , sei es durch Wiedersteige- 
rungen, sei es durch das Nichteintreten weiteren Fortschritts in der 
Besserung der Anschluss einer lentescirenden Affection sich verräth. 
Der weitere Verlauf bei dieser ist bedingt durch ihre Art; die 
vorausgegangene Krankheit zeigt so gut wie keinen Einfluss auf den 
Gang des etwaigen Fiebers bei der Nachkrankheit. 

13. Einer t ö d 1 1 i c h e n Wendung gehen nicht selten kürzer 
oder länger dauernde Erscheinungen voraus, welche meist von un- 
bedingt ungünstiger Art, in andern Fällen leicht als scheinbare 
Ermässigungen gedeutet werden können. Nur sehr selten gelingt es, 
nach Eintritt derartiger Erscheinungen durch mächtige Eingriffe den 
tödtlichen Ausgang abzuwehren. 

Dieses proagonisch e Stadium stellt einen Complex, einen 
Habitus dar, der sich bald mehr, bald weniger sowohl von dem 
fi ühern Verhalten des Krankheitsverlaufes , als auch von der eigent- 
lichen Agonie unterscheidet und bald mehr, bald weniger lange 
Dauer hat. Das therraometrische Verhalten giebt die meisten Anhalt- 
punkte , um dieses Stadium richtig zu beurtheilen , namentlich wenn 
man den Gang der Eigenwärme nicht isolirt auffasst, sondern die 
sonstigen Erscheinungen des Falles mit derselben zusammenhält. 

Der Gang der Temperatur und der sonstigen Erscheinungen in 
der proagonischen Periode hängt zum Theil ab von der wesentlichen 
Erkrankung und ihrer Entwickelung ; zum andern Theile aber auch 
von den mannigfachen Complicationen und Finalstörungen, w^elche, 
wenn auch in mehr oder weniger losem Zusammenhange mit der ur- 
sprünglichen Affection , doch bei schweren oder tödtlichen Erkran- 
kungen gewöhnlich sich entwickeln. 

Nimmt man den Gang der Temperatur zum Leitfaden , so stellt 
sich die proagonische Periode in mehrern verschiedenen Formen dar. 

a) Die Temperatur steigt, wenn auch mit morgendlichen 
Remissionen, fortwährend bis zum Eintritt der Agonie, ja selbst bis 
zum Tode: ascendirende Form des proagonischen Stadiums; in 
solchen Fällen kann der Beginn der proagonischen Periode mehr 
oder weniger verwaschen sein , wenn der vorausgehende Verlauf 
selbst einen zunehmenden Charakter gezeigt hat , oder auch nur ein 
amphiboles Stadium dem proagonischen vorangegangen ist. Die 
Anfangsgrenzen des letztern sind dagegen scharf, wenn die Krank- 
heit bereits in die Abheilungsperiode übergetreten , oder mehr oder 
weniger darin vorgeschritten war, oder wenn künstliche Temperatur- 
ermässigungen durch therapeutische Einwirkungen stattgefunden 



266 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankiieiten. 



Fijr. 32. 









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hatten. Auch dann sind sie scharf, wenn der Temperaturgaug zuvor 
ein stetig continuirlicher war. Am schärfsten aber ist der Anfang, 
wenn eine proagonische Periode mit höchst rapidem Ansteigen der 
Temperatur in einem zuvor fieberiosen oder geringes Fieber zeigen- 
den Verlaufe beginnt. 

Bei der ascendirenden Form des proagonischen Stadiums be- 
merkt man häufig ein fortwährendes Höhergehen der Eigenwärme, 
jedoch selten so , dass diess ohne alle Unterbrechung geschehe , viel- 
mehr gewöhnlich zickzackartig, in der Weise, dass in den Morgen- 
stunden ein kleiner Rückgang statt- 
findet, der aber in der nächsten 
Abendexacerbation von einer um 
so höhern Steigerung gefolgt ist, 
41 I — = — \ —- — — i ,^^| somit also die tägliche Durchschnitts- 
höhe der Temperatur wächst, aber 
zugleich die Tagesmaxima sich stei- 
gern (Fig. 32). 

Es kann dabei geschehen, dass 
^^ ^-^ ' ' ' die zuvor schon bestehende anhal- 
tende Steigerung des Fiebers sich in mehr oder weniger gleicher 
Weise in die proagonische Periode fortsetzt ; ein Verhalten , das 
übrigens verhältnissmässig selten ist; 

oder das Ansteigen beginnt erst mit dem Eintritt in die proago- 
nische Periode ; auch diese Fälle sind nicht häufig ; 

oder das proagonische entschiedene Ansteigen folgt auf einen 
imregelmässigen Verlauf und auf die Schwankungen des amphibolen 
Stadiums ; 

oder die proagonischen Steigerungen treten ein, nachdem zuvor 
ein massig oder gar nicht febriler Zustand bestanden hatte, oder in 
dem Gange der Krankheit mehr oder weniger bessere Verhältnisse sich 
hergestellt hatten , ja selbst die Abheilung beträchthche Fortschritte 
gemacht hatte ; 

oder endlich die proagonische Steigerung tritt ein, nachdem zu- 
vor ein der Norm sich nähernder oder sogar sie überschreitender 
Niedergang der Temperatur, eine täuschende Remission oder ein 
Collaps eine kurze Zeit lang bestanden hatte. 

Im Gegensatz zu dem gleichmässigen Ansteigen der Temperatur 
finden sich in ziemlich häufigen Fällen rapide und höchst bedeutende 
Erhebungen in der proagonischen Periode, sei es, dass die Tempera- 
tur zuvor schon hoch gestiegen war oder dass sie sich ermässigt hatte 
oder überhaupt nieder, selbst fieberlos gewesen war. 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



267 



Im ersten Falle , der sich nicht selten zeigt , erreicht die Tem- 
peratur vor dem Beginn der proagonischen Periode Höhen von 40 
bis 4:1^ oder darüber, auf einmal tritt noch eine weitere Steigerung 
um 1 — 2 ein: die proagonische Periode ist kurz und verliert sich 
unmerklich in die Agonie (Fig. 33). 

Im zweiten Fall kann es zweifelhaft sein , ob man den Nieder- 
gang der Temperatur, welcher der finalen Steigerung vorangeht, mit 





Fig. 33. 




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Fig. 34. 



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zur proagonischen Periode rechnen soll. Das letzte Ansteigen ist 
zwar im Verhältniss zum vorausgehenden Sinken oft beträchtlich, 
doch die absiolute Höhe nicht immer sehr bedeutend ; auch in diesen 
Fällen verliert sich die proagonische Periode unmittelbar in die 
Agonie (Fig. 34). , 

Bei der dritten Kategorie endlich, zu welcher die Terminalfieber 
und die hyperpyretischen Temperatursteigerungen in tödtlichen Neu- 
rosen und fieberlosen Gehirnkrankheiten gehören, kann die ganze 
Temperaturerhebung als proagonische Periode angesehen werden. 
Das Ansteigen ist meist anfangs massig, bald aber wird es rapid und 
gelangt in der Agonie zu den enormsten Höhen (Fig. 35 auf S. 268). 

b) Viel häufiger als die ascendirende Form des proagonischen 
Stadiums ist die mit Abnahme der Temperatur (descen dir ende 
Form) und die Beachtung dieser Form ist um so wichtiger , als man 
bei einseitiger und oberflächlicher Rücksichtnahme auf die Tempera- 
tur deren Abnahme als Zeichen der Besserung der Krankheit deuten 



268 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



könnte. Besonders schützt vor dieser groben Täuschung das Ver- 
halten des Pulses, welcher neben dem Sinken der Temperatur in der 
auffälligsten Weise an Frequenz zunimmt. 

Zuweilen ist in solchen Fällen die proagonische Periode sehr 
kurz , das Sinken der Temperatur hält nur 1/2 bis 2 Tage an und 
beträgt in der Regel ungefähr 1 ^ ; doch bisweilen auch erstreckt sich 

Fig. 35. Fig. 36. 



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die Abnahme selbst bis zur Erreichung der Normaltemperatur. Oft 
geschieht es dann , dass gerade nach einer solchen proagonischen 
Ermässigung in der Agonie selbst die Temperatur sehr rasch und 
höchst bedeutend steigt und die höchsten Agonietemperaturen er- 
reicht werden. 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



269 



Daran schliessen sich die Fälle , wo in Folge eines der Krank- 
heit selbst nicht wesentlichen Ereignisses , z.B. einer beträchtlichen 
Lungen- oder Darmblutung, einer Peritonealperforation, eine beträcht- 
liche Erniedrigung der Temperatur herbeigeführt wird , in der der 
Kranke entweder sterben oder zuvor noch eine rapide Agoniesteige- 
rung zeigen kann (Fig. 36 auf S. 268). 

In andern Fällen finden die Ermässigungen zeitiger statt und 
wiederholen sich mehrmals, indem sie von Wiedersteigerungen unter- 
brochen sind. Eine gewisse Unregelmässigkeit ist dabei bemerkbar. 
Es ist nicht das ruhige , wenn auch zickzackförmige Herabgehen der 
lytischen Defervescenz , Sprünge zeigen sich abwärts und aufwärts ; 
einmal fällt die Abnahme aus, ein anderes Mal ist sie wieder stärker. 
Diese Form kommt in allen Arten von Krankheiten , namentlich bei 
frühzeitig eintretenden Complicationen oder beim ungewöhnlich star- 
ken Hervortreten nervöser Symptome vor, ferner bei schlechter 
Pflege, oder auch nach starken therapeutischen Eingriffen. 

Zuweilen zeigt sich die Combination von Sinken und Steigen 
der Temperatur in der proagonischen Periode mit einer gewissen 
Regelmässigkeit. Das Stadium beginnt mit einer ganz entschiedenen 
Abnahme, welche IV2 bis 2^2 Tage dauern kann; dann aber steigt 
die Temperatur wieder nahe bis zur frühern Höhe , kann sie sogar 
überschreiten. Der Üebergang in die Agonie selbst kann in diesen 
Fällen durch eine noch höhere Steigerung oder durch einen aber- 
maligen Niedergang angezeigt sein. 

Zuweilen aber, und es sind diess gerade die am schwierigsten 
zu beurtheilenden Fälle , verfolgt die Temperatur mehrere Tage hin- 
durch die absteigende Richtung, 
während alle übrigen schweren 
Symptome fortdauern. Der Kranke 
stirbt unter diesem allmäligen Nie- 
dergange ; oder plötzlich sinkt die 
Temperatur noch tiefer; oder sie 
wendet sich auf einmal zu einer 
mehr oder weniger beträchtlichen 
Agoniestörung, während welcher der 
Todeskampf nicht mehr zu verken- 
nen ist (Fig. 37). Ein solches 
Verhalten findet sich fast nur bei 
länger protrahirten Krankheitsverläufen : bei der Basilarmeningitis, 
beim abdominalen und exanthematischen Typhus , bei acuten Exan- 
themen mit Complicationen, besonders bei Scharlach, selten bei Pneu- 







Fig. 


37. 








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270 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 



monien , und zwar sind es Fälle , welche gleich bei ihrem Beginn 
durch ihre Heftigkeit sich auszeichneten oder an sich fast absolut 
tödtliche Krankheitsformen betreffen , oder Fälle , bei welchen der 
Tod im Anfang der Wirkung einer temperaturdeprimirenden Medica- 
tion erfolgt. 

c) In nicht häufigen Fällen ändert sich in der proagonischen 
Periode gar nichts hinsichtlich des Ganges der Temperatur und man 
kann die ungünstige Wendung nur aus anderen Momenten , nament- 
lich dem successiven Steigen des Pulses , dem die Temperatur nicht 
folgt , erkennen. Es sind diess vorzüglich Fälle , in welchen am 
Schlüsse der Krankheit durch Insufficienz des Athmens Cyanose ein- 
tritt , wiewohl in solchem Falle fast noch häufiger die descendirende 
Form des proagonischen Temperaturganges beobachtet wird. 

d) Endlich charakterisirt sich die proagonische Periode zuwei- 
len durch ganz ausserordentliche im 
Laufe von 24 Stunden mehrmals sich 
wiederholende Schwankungen der Tem- 
peratur, wobei tiefe Abnahmen und 
enorme Steigerungen rasch mit ein- 
ander wechseln und die Agonie bald 
während des Sinkens, bald während 
der Erhebung beginnt. Besonders 
sind es pyämieartige AfFectionen und 
solcheErkrankungen, in welchen wegen 
grosser Intensität und fast völliger 
Hoffnungslosigkeit zu sehr energischen 
therapeutischen Vornahmen geschrit- 
ten wurde, welche dieses Verhalten 
zeigen (Fig. 38). 

S. das Nähere über den Gang 
der Temperatur während der proago- 
nischen Periode in meiner Abhand- 
lung: das proagonische Stadium in 
fieberhaften Krankheiten (1868 Arch. 
d. Heilkunde IX. 1). 



41 






Fig.: 


i8. 


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14. In der Agonie zeigt die Temperatur ein sehr verschie- 
denes Verhalten. 

In nicht wenigen Fällen ist der Gang der Eigenwärme während 
des Todeskampfes überhaupt nicht eigenthümlich und lässt sogar 
noch sehr deutlich den Einfluss der Tagesfluctuation erkennen. Die 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 271 

Kranken sterben gemeiniglich unter etwas ansteigender Temperatur, 
wenn der Todeskampf in die Zeit der Tagesexacerbation fällt, da- 
gegen eher mit massiger Höhe, wenn die Agonie in der Zeit der 
Tagesremissiouen stattfindet. 

Bei den meisten zuvor schon fiebernden Kranken ist in der Zeit 
der Agonie eine Erhöhung der Temperatur um 1/2 — 1 Grad und 
mehr zu bemerken. Ist die agonische Erhöhung nur massig, so zeigt 
sich sehr häufig in der letzten Stunde ein geringer Rückgang um 
wenige Zehntel. 

Hiervon giebt es jedoch zwei bemerkeuswerthe und keineswegs 
seltene Ausnahmen. 

In nicht seltenen Fällen tritt , mag die Temperatur früher febril 
oder normal oder unternormal gewesen sein, in der Agonie ein Sinken 
der Temperatur ein , das bei vorangegangener übernormaler Tempe- 
ratur rapid und sehr beträchtlich sein kann : der Kranke stirbt im 
Collaps. Diess geschieht in vielen Fällen consumtiver Krankheiten, 
beim Inanitioustode, sodann nach starken Hämorrhagien , sehr reich- 
lichen Darmentleerungen (Choleraanfall} , ferner wenn auf Darmper- 
forationen der Tod rasch folgt, doch auch zuweilen unter anderen 
Umständen. 

In andern Fällen dagegen tritt in der Agonie eine rapide Stei- 
gerung der Temperatur bis zu ausserordentlichen Graden ein und 
zwar sowohl bei Erkrankten, welche schon zuvor hochfebrile Wärme- 
grade zeigten, als auch bei solchen, welche während ihrer Krankheit 
keineswegs auffallende , ja zuweilen gar keine erhöhte Temperatur 
bemerken Hessen. 

Es sind diess einerseits Kranke mit bösartigen fieberhaften 
Affectionen,-bei welchen die Annahme einer infectiösen Natur sehr 
wahrscheinlich ist: besonders Abdominaltyphus, exanthematischer 
Typhus, Scarlatina, Variolen, Pyämie , Septicohämie ; ferner die In- 
solation ; sodann etwas seltener Masern , Pneumonie , Endocarditis, 
verbreitete acute Verfettung , bösartige Peritonitis , Gesichtserysipel, 
bösartiger Rheumatismus acutus (selbst ohne alle Complication), 
Osteomyelitis , acute Miliartuberculose : in allen diesen Fällen sind 
zwar schwere Gehirnstörungen oft vorhanden , aber keineswegs noth- 
■ wendig, um den Temperaturexcess in der Agonie zu bedingen und es 
scheint dieser vielmehr durch verbreitete chemische Vorgänge (zymo- 
tische Processe) bedingt zu sein. 

Andererseits aber sind es Erkrankungen, bei welchen die Affec- 
tion der Nervencentra die wesentliche oder doch eine der wesentlich- 
sten Störungen darstellt : theils grobe anatomische Vorgänge : Con- 



272 ^6r Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 

vexitätsmeningitis , Gehirnerweichung; theils Erkrankungen ohne 
bestimmte Gewebsveränderung : Tetanus , Epilepsie , Hysterie und 
andere sogenannte centrale Neurosen , Erkrankungen , bei welchen 
überhaupt erst in den letzten Lebenstagen die Temperatur zu steigen 
beginnt und in der kürzesten Zeit enorme Höhen erreichen kann. 

Es lässt sich fragen , ist diese agonische Temperatursteigerung 
Zeichen und Wirkung der Agonie (und der dabei stattfindenden Vor- 
gänge) oder ist sie (und der ihr zu Grund liegende Vorgang) Ursache 
der Agonie d. h. des tödtlichen Ausgangs? Senator (Virchows 
Archiv XL V. 412) meint Letzteres und sagt, es liege nahe anzu- 
nehmen, dass die Agonie und der Tod eintrete, weil aus irgend einem 
Grunde die Temperatur bis zu einer mit dem Leben nicht verträg- 
lichen Höhe steige. Das Verhältniss scheint aber doch nicht so 
einfach zu sein. Die Hochtemperaturen der Agonie dürften ver- 
schieden zu beurtheilen sein, je nachdem sie sich im unmittelbaren 
Anschluss an einen bereits hochfebrilen Process herstellen oder je 
nachdem nach vorausgegangnen massigen Temperaturhöhen auf ein- 
mal und fast plötzlich enorme Steigerungen eintreten. Hierbei ist 
anzunehmen , dass etwas Neues hinzugetreten ist , ein Finalprocess, 
der eben oft durch Nichts so früh und so unzweifelhaft sich verräth, 
als durch die enorme Temperaturhöhe. 

1.5. Der Moment des Todes ist durch keine besondere 
Veränderung der Temperatur angezeigt. 

Bei mässiggradiger oder niedriger Agonietemperatur sinkt die 
Eigenwärme meist in den letzten Minuten vor dem Tode. 

Bei hochgradiger Agonietemperatur erreicht die Eigenwärme 
gewöhnlich im Momente des Todes eine Höhe, welche sie zuvor nie- 
mals gezeigt hatte ; doch kommt es auch bei diesen Fällen zuweilen 
vor, dass im Momente des Todes die Temperatur um eine Kleinigkeit 
tiefer ist, als kurz zuvor. 

16. Nach dem Tode fängt die Temperatur in der Mehrzahl 
der Fälle an zu sinken und die Abnahme erfolgt erst langsam, dann 
mehr oder weniger beschleunigt, im Allgemeinen viel rascher, wenn 
der Kranke bei niederer, als wenn er bei hoher Temperatur gestorben 
war, und die Beschleunigung wächst mit dem Fortschreiten der 
Abkühlung. 

In nicht seltenen Fällen jedoch bemerkt man ein massiges 
Steigen der Temperatur nach dem Tode um ein oder einige Zehntel, 
selten um mehr , das sich einige Minuten bis eine Stunde lang fort- 



Der Gang der Temperatur in fieberhaften Krankheiten. 273 

setzt , worauf eine kurzdauernde Ruhe eintritt , auf welche dann ein 
erst sehr langsames Sinken folgt, das später mit immer grösser wer- 
dender Raschheit sich fortsetzt. 

Diese postmortale Steigerung kommt zuweilen bei der Cholera 
vor , besonders aber bei Erkrankungsfällen , welche mit hyperpyre- 
tischen Temperaturen endigten, am sichersten bei solchen, bei welchen 
sich das Ansteigen der Temperatur bis zum Todesmoment fortsetzte, 
doch auch in Fällen, bei welchen eine geringe und kurzdauernde prä- 
mortale Abnahme die hyperpyretische Agonietemperatur um eine 
Kleinigkeit ermässigt hatte. S. Thomas (1868 im Arch. d. Heilk. 
IX. 31). 

Das sonderbare Phänomen der postmortalen Steigerung der 
Körperwärme hat zwei Gründe ; 

Einmal hört mit dem Eintritt des Todes die Abkühlung durch 
Luftzufuhr und durch Schweisssecretion auf, während die wärmeer- 
zeugenden Processe nicht sofort beendigt sind. Sodann treten mit 
der Veränderung in der Muskelsubstanz nach dem Tode und mit den 
postmortalen Zersetzungen, neue Wärmequellen auf, welche dem 
lebenden Körper fremd sind und welche genügen , auch noch in der 
Leiche der Wärmeabgabe eine kurze Zeit lang das Gleichgewicht zu 
halten, ja selbst sie zu überbieten. 

Vgl. über die postmortale Temperatur: Scume (de calore 
corporis humani in morte observato Leipziger Dissert. 1856), Wun- 
derlich (Bemerkungen bei einem Fall von spontanem Tetanus 1861 
im Archiv der Heilk. IL 547), Hupper t (über die Ursache der 
postmortalen Temperatursteigerung 1867, ibid. VIII. 321), Tho- 
mas (klinische Bemerkungen zur Thermometrologie 1868, ibid. 
IX. 17), Flck und Dybkowsky (Centralblatt 1868. 197), 
Schiffer (Reichert's Archiv 1868. 442), Ad. Valentin (1869, 
deutsches Archiv VI. 200), welcher nachweist, dass postmortale 
Wärmebildung ein allen Leichen gemeinschaftlicher Vorgang ist und 
dann , wenn sie bedeutender ist als die gleichzeitigen Wärmeverluste, 
als postmortale Temperatursteigerung in die Erscheinung tritt. 



Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 18 



XI. 

Das Verhalten der Eigenwärme in den einzelnen 
Krankheitsformen. 

1. Eine volle Einsicht in das Verhalten der Eigenwärme bei 
Kranken lässt sich nur erlangen durch Vergleichungen von Tausen- 
den von Einzelcurven. Hierdurch allein kann der Sinn geweckt 
werden für das Verständniss des Üebereinstimmenden ; hierduvch 
allein wird die Fähigkeit erworben, sich in den mannigfaltigen Modi- 
ficationen und Abweichungen der Eigenwärme bei Kranken zurecht 
zu finden. 

Es ist ein ungenügender Ersatz, aber immerhin ein Ersatz 
eigener, umfassender Erfahrung, wenn man die Regeln studirt, 
welche aus der Vergleichung der Einzelfälle sich abstrahiren lassen. 
Diese Regeln , so vorsichtig sie auch einer grossen Zahl von Einzel- 
beobachtungen entnommen sein mögen , sind niemals der volle er- 
schöpfende und exacte Ausdruck der Thatsachen. Sie haben alle 
Mängel empirischer Abstractionen : es fehlt ihnen der Stempel der 
Nothwendigkeit und neue andersartige Erfahrungen können sie modi- 
ficiren, können sie möglicherweise umstossen. 

Gerade dass die Abstractionen aus einem Material zu ziehen sind, 
das aus ganz bestimmten quantitativen Werthen besteht, ist nicht ein 
Vortheil, sondern eine ganz eigenthümliche Schwierigkeit. Man könnte 
wähnen , dass die grösste Exactheit zu erreichen sei , wenn man auf 
statistischem Wege die arithmetischen Mittel der im Verlaufe einer 
Krankheitsform einander correspondirenden Zahlengrössen der Ein- 
zelfälle berechne und sie als den Ausdruck des durchschnittlichen 
Verhaltens aufstelle. Ein solches Verfahren ist ganz unausführbar 
und wenn es unternommen würde, so würde es nur ganz schiefe und 
täuschende Resultate geben. Nicht in der absoluten Höhe der 



Das Verhalten der Eigenwärme etc. 275 

Temperatur an einem bestimmten Tage liegt das Characteristische, 
sondern in der Aufeinanderfolge der Temperaturen, in dem Gesammt- 
gange während der Krankheit oder während eines bestimmten Ab- 
schnitts derselben , in dem Steigen der Temperatur auf eine gewisse 
Höhe in einer ungefähren Zeit , und in dem Fallen auf eine gewisse 
Tiefe in einem ebenfalls zeitlich nur ungefähren Momente. Eine 
statistische Verwerthung der Curven im Ganzen und Groben müsste 
alle Eigenthümlichkeiten des Verlaufs verwischen , und nur für ein- 
zelne ganz bestimmte Fragen kann eine numerische Behandlung der 
Zahlen der Einzelfälle zulässig sein. 

Um aus den einzelnen Beobachtungen die allgemeinen That- 
sachen zu erheben , darf man sich weniger an die Zahlen , als an die 
Formen halten , d. h. an die verschiedenen Gestaltungen des Wellen- 
systems, welches jede einzelne Curve darstellt. Nur auf diesem Wege 
wird man zu einer Art von Modellcurven gelangen, welche die Eigen- 
thümlichkeiten der Einzelfälle annähernd ausdrücken. Man wird 
aber durch dieselben und durch die allgemeinen Regeln , deren Bild 
sie sind, die concrete Wirklichkeit niemals erreichen oder ersetzen. 

Ich bin mir, wenn ich versuche, solche Regeln aufzustellen, der 
Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit derselben vollkommen bewusst 
und nur das umfangreiche Material, das mir zur Verfügung steht, und 
die immer aufs Neue erprobte Richtigkeit meiner Sätze lassen mich 
hoffen, dass sie nicht naturwidrig abstrahirt seien. 

Wenn ich mir auch nicht anmaasse , sie für Gesetze des patho- 
logischen Geschehens zu erklären , so glaube ich doch , dass sie ein 
nützlicher Leitfaden für die sich mit der Thermometrie bei Kranken 
Beschäftigenden sein können. 

Um jedoch einigermaassen dem eigenen Urtheil des Lesers eine 
Unterlage zu gewähren , sind in den Tabellen concrete Einzelfälle in 
grösserer Anzahl vorgelegt, welche freilich als spärliche Auswahl 
aus Tausenden von Beobachtungen immer nur eine stückweise An- 
schauung des wirklichen Geschehens zu geben vermögen. 

Die Mannigfaltigkeit des thermometrischen , wie jeglichen Ver- 
haltens in Krankheit wächst in dem Maasse, als man dasselbe bis in 
das einzelnste Detail verfolgt. Es ist kein Zweifel , dass die epikri- 
tische Erörterung individueller Fälle von vorzugsweiser Nützlichkeit 
ist. Aber diess ist Aufgabe der klinischen Demonstration. Die 
literarische Darstellung kann sich nicht mit Einzelfällen befassen, 
wenn solche zu vielen Tausenden vorliegen , von denen jeder sein 
Besonderes hat. 

Das letzte Detail , bis zu welchem man bei einer Darstellung 

18* 



276 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

eines solchen Sachverhalts vordringen kann, sind die einzelnen Krauk- 
heitsformeu und ihre hauptsächlichsten Varietäten. Ich verkenne 
keineswegs das Missliche dieses Haltpunktes und dieses Missliche 
liegt vor allem darin, dass die sogenannten speciellen Krankheits- 
formen zum grossen Theil selbst schwach gerechtfertigte Abstrac- 
tionen sind , welche nur zu oft Differentes unter einem Namen zu- 
sammenfassen und ohne Zweifel Zusammengehöriges aus einander 
reissen. 

Aber es sind wenigstens geläufige Categorien , an welche man 
ohne zu grosse Gefahr des Missverständnisses anknüpfen kann. 

2. Unter den einzelnen Krankheitsformen giebt es eine Anzahl 
solcher, bei welchen im Verlaufe, in der Erkrankung bestimmter 
Körperstellen , in der Artung der Störungen an diesen und in den 
symptomatischen Manifestationen jeder einzelne Fall mit den übrigen 
derselben Krankheitsform eine mehr oder weniger grosse Ueberein- 
stimmung zeigt. Diesem Factum kann sich kein Unbefangener ver- 
schliessen und es hat nichts Widersinniges und Unlogisches, diese 
Krankheitsformen als typische zu bezeichnen, wenn auch der 
Grund der Uebereinstimmung der einzelnen Fälle ganz undurchsichtig 
ist, und wenn auch die Uebereinstimmung selbst bald eine mehr, bald 
eine weniger ausgedehnte ist. Zum grossen Theil sind diese Krank- 
heitsformen causal begründete Einheiten , d. h. abhängig von ganz 
specifischen Ursachen, so dass also bei ihnen die Lebensvorgänge 
dadurch modificirt und dirigirt werden , dass sie unter eine ganz be- 
stimmte, einheitliche Bedingung gebracht sind, oder darf man wenig- 
stens mit einiger Wahrscheinlichkeit das Vorhandensein solcher Ur- 
sachen und Bedingungen bei ihnen voraussetzen. 

Bei diesen Krankheitsformen zeigt sich auch bezüglich des Ver- 
haltens der Eigenwärme eine älmliche Uebereinstimmung unter den 
Einzelfällen, eine Uebereinstimmung, die bald geringer ist als die der 
übrigen Verhältnisse, bald aber auch grösser ist. Es muss daher 
gestattet sein , auch auf das Verhalten der Eigenwärme den Begriff 
des Typischen auszudehnen. Wir kennen den Grund dieser Ueber- 
einstimmung in dem Gange und Verhalten der Eigenwärme allerdings 
nicht ; wir kennen ihn aber nicht mehr und nicht weniger , als den 
Grund , aus welchem das Pockencontagium Pusteln , das Maserncon- 
tagium Flecken auf der Haut hervorruft , oder den Grund , wesshalb 
bei dem Letzteren die Respirationsschleimhaut, beim Scharlachcou- 
tagium der Pharynx vorzugsweise befallen zu werden pflegt, oder 
den Grund , wesshalb das spontane Erysipel vornehmlich das Antlitz 



in den einzelnen Krankheitsformen. 277 

ergreift und die Ursache des Abdominaltyphus die Drüsen des Darmes 
krank macht. 

Die Annahme des typischen Verhaltens der Eigenwärme in 
manchen Krankheitsformen ist keine Speculation, sondern eine Aner- 
kennung unleugbarer Thatsachen. Zweifelhaft und vielleicht will- 
kürlich ist nur, welche Ausdehnung in der Reihe der Krankheiten 
man diesem Verhalten zuerkennen mag. 

Sobald man ein typisches Verhalten der Eigenwärme in gewissen 
Krankheiten einräumt, so ergiebt sich von selbst der Begriff der 
Krankheitsnormen. Es sind solche Gestaltungen des Verlaufs, 
welche am vollkommensten dem aus reinen Fällen der betreffenden 
Krankheitsform abstrahirten Typus entsprechen. 

Meines Wissens ist die Unterscheidung von normalen und ab- 
normen Fällen typischer Krankheitsformen in der neueren Pathologie 
zuerst in Rilliet und Barthez' klassischem und unübertroffenem Werke 
über Kinderkrankheiten mit voller Einsicht in die praktische Bedeu- 
tung dieser Differenzirung durchgeführt worden. Sie wurde von den 
eben genannten Autoren mit grossem Scharfsinn nach den verschie- 
denen, damals der Beobachtung zugänglichen Erscheinungen bei den 
einzelnen Krankheitsformen festgestellt und so logisch richtig die 
Aufstellung von normalen Krankheitsverläufen , d. h. von solchen, 
welche als die ungestörten Einwirkungen einer specifischen Ursache 
auf ein zuvor gesundes Individuum sich darstellen , jedem Nach- 
denkenden erscheinen muss, so wurde durch R. und B. namenthch 
der eminente praktische Werth der Scheidung von normalen und 
anomalen Fällen anschaulich gemacht. Mehr als irgend ein anderes 
Phänomen aber vermag die Eigenwärme in ihrem Gange das Charac- 
teristische und Normale in den Krankheitsverläufen aufzuzeigen und 
dadurch die Differenzirung in normale und abnorme Fälle zu bestä- 
tigen, zu befestigen und zu ergänzen. 

Dass es viele Fälle giebt, welche von dem typischen Verhalten 
Abweichungen zeigen, welche sich nicht mit demselben in Ueberein- 
stimmung bringen lassen und dass selbst, wenn man die Normalform 
einer Krankheitsform eng begränzt, die abnormen Fälle die normalen 
an Zahl weit tiberwiegen , wird kein Denkender als einen Einwurf 
gegen die Annahme eines Typus und gegen die Aufstellung von 
Krankheitsnormen betrachten. Es ist zu leicht, solche Einwände 
durch Analogien aus jedem andern nicht mathematisch begründeten 
Wissensgebiete zu entkräften, als dass man damit den Raum ver- 
schwenden dürfte. 

Aber nothwendig ist es zu erinnern , dass bei den einzelnen 



278 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

Krankheitsformen die Normen bald strammer, bald schlaffer sind, 
bald bis zur Auflösung verschwimmen und dass man bei aller Aner- 
kennung des Principes keineswegs alle Krankheitsformen unter das- 
selbe einzwängen darf. 



I. Abdominaltyphus. 

1. Das abdominaltyphöse Fieber hat einen Verlauf von unver- 
kennbar typischer Regelmässigkeit. Es ist fast unmöglich, sich 
dieser Einsicht zu verschliessen, sobald man eine Anzahl von Tempe- 
raturcurven dieser Krankheitsform verglichen hat, und der Abdominal- 
typhus ist nächst der Febris recurrens und der Intermittens diejenige 
Krankheitsform , an welcher sich am besten die Berechtigung, 
Typen aufzustellen, beweisen lässt. 

Trotz der Anerkennung des typischen Characters des Abdomi- 
naltyphus muss man aber zugeben , dass der Verlauf der einzelnen 
Fälle sich sehr unähnlich sein kann; doch ist es nicht schwer, durch 
diese Differenzen hindurch die bewundernswürdige Ordnung und Ge- 
setzmässigkeit des Verhaltens zu erblicken. 

Ja noch mehr : es lässt sich selbst bei dieser so vollkommenen 
typischen Krankheitsform auch nicht eine einzige Regel aufstellen, 
von der nicht auch einmal, wenn gleich vielleicht äusserst selten, eine 
Ausnahme stattfinden kann. Aber auch hierbei wird man bemerken, 
dass , wenn ein Fall gegen eine sehr sicher fundirte Regel auf einem 
einzelnen Punkte abweicht, dafür auf allen andern oder doch auf 
vielen wieder Uebereinstimmung mit dem typischen Verhalten sich 
zeigt. Der Typus ist ja, was nicht deutlich genug hervorgehoben 
werden kann , nicht so zu verstehen , dass er ein Muster für das Ver- 
halten aller Fälle und in jedem Momente darstellen dürfte : vielmehr 
können auf jedem Segmente Abweichungen eintreten ; aber sie sind 
nicht so zahlreich und so extravagant in dem Einzelfall , dass nicht 
mindestens in einer grösseren Strecke des Verlaufs immer noch die 
typische Eigenthümlichkeit sich wiederspiegelt , sobald nur die Beob- 
achtung genau genug ist und sich über einen beträchtlichen Zeitraum 
des wesentlichen Krankheitsverlaufs ausdehnt. 

Es kommen auch bei der sorgfältigsten Beobachtung Fälle von 
Abdominaltyphus vor, in welchen derselbe so zu sagen latent bleibt, 
und wo erst in der Leiche die Natur der tödtlichen Krankheit erkannt 
wird. Es sind diess Fälle von unbestimmtem Anfang, meist secun- 
däre Fälle, überdem irreguläre oder schwer complicirte. 



beim Abdominaltyphus. 279 

Desgleichen giebt es Fälle, in denen auch bei Vermuthung eines 
Abdominaltyphus die Diagnose zweifelhaft bleibt und bis zur Gene- 
sung oder selbst bis zum Tode nicht entschieden werden kann. 
Namentlich Fälle von acuter Tuberculose, manche Fälle von Basilar- 
meningitis und epidemischer Cerebrospinalmeningitis, von exanthema- 
tischem Typhus, zuweilen von puerperaler und sonstiger Pyämie, 
Fälle von protrahirter catarrhalischer Pneumonie und schwerer 
Grippe , Fälle von Trichinose , ferner Fälle von zwar entschiedener 
Localerkrankung , die aber nicht während des Lebens nachzuweisen 
ist oder deren Vorhandensein nicht den ganzen Symptomencomplex 
zu erklären vermag, (z. B. Fälle von Myocarditis, Endocarditis mit 
Verschwärung der Klappen , Leberabscesse , acute Nierenaffectionen 
etc.) sind es, welche sich dem Verhalten eines Abdominaltyphus, vor- 
nehmlich eines mehr oder weniger irregulären, so nähern können, dass 
die Entscheidung nicht selten unmöglich wird. Noch schwieriger 
kann die Entscheidung der Frage sein , ob neben einer schweren 
sonstigen Erkrankung zugleich noch ein Abdominaltyphus bestehe. 
Auch die Thermometrie ist nicht im Stande, in allen solchen Fällen 
die diagnostischen Zweifel zu lösen ; aber sie kann viele, die ohne sie 
nicht gelöst würden, entscheiden; sie kann Fragen stellen, an die man 
ohne Thermometrie kaum gedacht haben würde; sie kann oft zuerst 
den Verdacht begründen, dass der vermeintliche Abdominaltyphus 
eine andere Krankheitsform sein möchte, oder dass neben einer an- 
deren schweren Krankheit ein Abdominaltyphus vorhanden sei ; sie 
kann namentlich die Gränzen der Beantwortungsmöglichkeit und das 
Maass der wahrscheinlichen Richtigkeit der Antworten feststellen. 

2. Uni den praktischen Nutzen der Thermometrie im 
Abdominaltyphus richtig zu erfassen, ist auf folgende Punkte zu 
achten. 

Niemals beweist eine einzige thermometrische Beobachtung für 
sich allein das Vorhandensein eines Abdominaltyphus. 

Eine einzige Beobachtung , zu gewissen Zeiten gemacht , kann 
jedoch das Vorhandensein dieser Krankheit widerlegen oder doch in 
hohem Grade unwahrscheinlich machen. So lässt sich mit grosser 
Wahrscheinlichkeit annehmen, 

dass kein Abdominaltyphus vorhanden ist, wenn schon am 
1. Tage oder am zweiten Morgen der Krankheit die Temperatur auf 
40 steigt; 

dass kein Abdominaltyphus vorhanden ist , wenn zwischen dem 
4. und 6. Tage die Abendtemperatur bei einem Kinde oder 



280 D^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

Erwachsenen bis zum mittleren Alter niemals oder wiederholt nicht 
die Höhe von 39,5 ^ erreicht; 

dass es kein Abdominaltyphus ist , wenn schon in der zweiten 
Hälfte der ersten Woche beträchtliche oder fortschreitende Wieder- 
abnahmen der Abendtemperaturen sich zeigen. 

Nicht selten ist es die Thermometerbeobachtung allein , welche 
den Verdacht erregt oder aufrecht erhält, dass ein Abdominaltyphus 
vorliege : 

so in Fällen von geringen subjectiven Beschwerden; 

in Fällen , wo eine ungewöhnliche Localisirung die ganze Auf- 
merksamkeit in Anspruch nimmt , der Gang der Temperatur aber zu 
verrathen vermag, dass das Fieber nicht mit der angenommenen 
Localerkrankung übereinstimmt ; 

in der ersten Woche oder selbst Halbwoche der abdominal- 
typhösen Erkrankung ; 

in Fällen , wo ein Abdominaltyphus bei einem zuvor Kranken 
oder einem Reconvalescenten sich entwickelt. 

Für das Voriiandensein eines Abdominaltyphus kann nur eine 
mehrtägige Morgen- und Abendbeobachtung entscheiden , im Anfang 
der Krankheit einestägige, im Fastigium eine mindestens 4 — 6tägige, 
in der Abheilungsperiode eine ungefähr ebenso lange. 

üeber die Intensität des Falles entscheidet die Temperatur in 
den meisten Fällen erst von der zweiten Woche und gewöhnlich erst 
von deren Mitte an , nur ausnahmsweise schon in der ersten Woche. 
Eine einmalige Beobachtung lässt auch über die Intensität noch 
keinen sichern Ausspruch zu, aber schon eine Itägige, noch mehr 
eine 2 oder Stägige giebt oft sehr zuverlässige Anhaltspunkte. 

Irregularitäten des Verlaufs werden am besten und frühesten 
durch die Thermometrie erkannt. 

Comphcationen können durch die Thermometrie nachgewiese» 
werden zu einer Zeit , wo sie durch kein anderes Beobachtungsmittei 
sich kund geben. 

Recrudescenzen der Erkrankung , nachdem sie bereits in die 
Abheilungsperiode eingetreten war, geben sich zuerst durch die Tem- 
peratur kund. 

Die Thermometrie kann die Wendung zum tödtlichen Verlauf 
anzeigen. 

Die Thermometrie giebt die Controle für die Wirksamkeit 
therapeutischer Einwirkungen. 

Die Thermometrie zeigt den Uebergang in die Abheilungs- 
periode mit grosser Bestimmtheit an. 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 281 

Die Thermometrie zeigt Störungen in der Abheilung an. 

Die Thermometrie liefert allein sichere Zeichen , aus welchen 
der Eintritt in die Reconvalescenz erkannt wird. 

Störungen in der Reconvalescenz, Recidive und neue Erkran- 
kungen werden am frühesten und sichersten durch die Thermometrie 
erkannt. 

Nicht gering zu achten , vielmehr in erste Linie zu stellen ist 
endlich der praktische Gewinn , dass eine grosse thermometrische 
Erfahrung beim Abdominaltyphus erst eine volle Einsicht in den Ver- 
lauf dieser Krankheit verschafft und eine Sicherheit in der Beurthei- 
lung solcher Kranken (selbst bei Unterlassung der Messung im ein- 
zelnen Falle) ermöglicht, welche ohne Thermometrie mit unseren bis- 
herigen Beobachtungsmitteln von Niemand zu erlangen war. 

3. Der Abdominaltyphus ist characterisirt durch ein 
Fieber, welches — Ausuahmsfälle abgerechnet — bei nicht 
tödtlichem Ausgang mindestens 3 Wochen anhält und bei 
der rapidesten letalen Beendigung selten weniger als eine Woche 
dauert. 

Die Maximal temp er atur des einzelnen Falls beträgt — 
abermals mit seltenen Ausnahmen — nicht unter 39,6^, gewöhnlich 
zwischen 40 und 41 o, kann sich aber bis zu hyperpyretischen Höhen 
erheben, schwerlich jedoch über 43,5 o, in nicht tödtlichen Fällen 
selten über 41,30. 

Der T a g e s V e r 1 a u f ist je nach der Intensität und der Periode 
der Krankheit sehr verschieden. Er zeigt sich : 

continuirlich , aber mit hochfebrilen Tagessteigerungen auf der 
Höhe der Krankheit in sehr schweren Fällen ; 

subcontinuirlich und continuirlich ohne erhebliche Zwischen- 
steigerungen auf der Höhe oder einem Theile der Höhe der Krank- 
heit in schweren Fällen ; 

massig remittirend im Anfang der Krankheit in allen Fällen, 
auf der Höhe der Krankheit in leichten und mittelschweren, strecken- 
weise zuweilen auch auf der Höhe schwerer Fälle , endlich in der 
Zeit der Abheilung in jeder Art von Fällen ; 

stark remittirend (mit steilen Curven) in der Abheilungsperiode 
sowohl in schweren als in leichten Fällen ; 

unregelmässig zuweilen wiederholt in manchen schweren Fällen, 
ferner auf Wendepunkten , sodann nach einzelnen einflussreichen Er- 
eignissen oder Einwirkungen. 



282 ^^^ Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

Hiernach ist der Tagesdurchschnitt, auf welchem die Fluctuation 
sich bewegt, verschieden : 

bei der exacerbirenden Continua 40,5 ^ und darüber, 

bei der Subcontinua und Continua um 40 o, wenige Zehntel 
darüber oder darunter, 

bei der massigen Remittens selten über S9,^^, bei leichten 
Fällen bis herab auf 39,2^, im Anfang und in der Abheilung noch 
tiefer, 

bei den steilen Curven zwischen 38 und 38,g0, 

bei unregelmässiger Fluctuation unbestimmt und nicht maass- 
gebend. 

Die Tagesmaxima fallen in der grossen Mehrzahl der Fälle 
zwischen Mittag und Abends 11 Uhr, am häufigsten zwischen 4 — 7 
Nachmittags, sodann zwischen 2 und 9. 

Die Exacerbationsbreite ist in schweren Fällen und auf der 
Höhe der Krankheit sehr ausgedehnt und die Ascendenz beginnt 
schon Morgens zwischen 8 und 9 Uhr. Die Exacerbation ist auf der 
Höhe der Krankheit am häufigsten eingipflig, mit breitem Gipfel, 
doch zuweilen auch zwei-, selbst drei- und viergipflig, von der dritten 
Woche an überwiegen in schweren Fällen die zwei- und mehrgipfli- 
gen, in vorgeschrittener Abheilungsperiode wiederum die eingipf- 
ligen , aber jetzt mit scharfer Zuspitzung , womit sich zugleich die 
Exacerbationsbreite ganz beträchtlich verringert. Bei multipler 
<jipflung fällt der erste Gipfel zwischen 9 Uhr Morgens und 4 Nach- 
mittags , der zweite zwischen 2 und 8 , am häufigsten auf 6 Nach- 
mittags, der Nachtgipfel zwischen 1 und 5 Morgens. Zuweilen 
findet ein doppelter Nachtgipfel um 11 Uhr Abends und zwischen 1 
und 5 Uhr Morgens statt. Bei zweigipfliger Exacerbation ist bald 
der erste , bald der zweite Gipfel der höhere (letzteres mehr in der 
Periode der Zunahme) ; bei mehrgipfliger Exacerbation überwiegt 
gewöhnlich der erste und dritte. 

Die Remissionstiefe fällt zwischen Mitternacht und Morgens 
10 Uhr, am häufigsten zwischen 6 und 8, nicht selten zwischen 3 
bis 6 und 8 bis 9 Uhr Morgens. Sie ist schmal und selbst zuge- 
spitzt (nur wenige Minuten dauernd) in schweren und noch frischen 
Fällen, wird dagegen mit dem Fortschreiten zur Besserung breiter. 

Die Ascendenz erfolgt bald allmälig , bald rasch , zuweilen ist 
«in Segment der Ascendenz langsam, das andere rapid. 

Die Tagesdescendenz erfolgt in der Regel langsam , staffei- 
förmig , nur bei steilen Curven oder bei Unregelmässigkeiten rapid. 

Vgl. über die Verhältnisse der Tagescurve bei Abdominaltyphus; 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 283 

Thomas (Archiv der Heilkunde V. 456 und VIII. 49), Jürgen- 
sen (1866, klinische Studien p. 56), Ziemssen und Immer- 
mann (1870, Kaltwasserbehandlung des Typhus abdominalis p. 33), 
Immermann (zurTheorie: Deutsches Archiv für klin. Med. VI. 561). 

4. Der Abdominaltyphus hat zwei Haupttypen, die an ihrem 
Anfang und Ende übereinstimmen, aber sich dadurch unterscheiden, 
dass bei dem einen Typus ein kurzer und stetiger , gemeiniglich mit 
3 Wochen abgeschlossener Gang stattfindet, bei dem andern dagegen 
zwischen Aufsteigen und Abnahme eine längere Zeit der grossen 
Fieberintensität und des Schwankens eingeschoben ist, wodurch sich 
der Verlauf auf 4, 4^2 Wochen, häufig auf 5 — 6 ausdehnt, ja selbst 
zuweilen 8 und 10 Wochen dauert. Diese zwei HauptdifFerenzen 
in dem Verlauf der Krankheit entsprechen wohl ziemlich genau dem 
anatomischen Verhalten , indem die kürzere Form sich in denjenigen 
Fällen zeigt, in welchen nur schlaffe Infiltrationen der Drüsenplexus 
des Darmes sich ausbilden (plaques moUes), die andere Form dagegen 
in jenen Fällen sich herstellt, in welchen derbe und umfangreiche 
Ablagerungen im Darm sich ausgebildet haben, häufig wohl auch 
successive Ablagerungen geschehen. In jenem ist die Rückbildung 
eine einfache und erfolgt ohne Schwierigkeit durch die rückgängige 
Metamorphose ; in den letztern dagegen bedarf es complicirter Elimi- 
nationsprocesse, um das Abgelagerte auszustossen ; Geschwüre folgen 
dieser Ausstossung , und deren Heilung kann sich mehr oder weniger 
lange verzögern. Ist in letzteren Fällen schon die Periode der Ent- 
wicklung der Krankheit naturgemäss intensiver, so bietet der Abhei- 
lungsprocess zahlreiche Veranlassungen zu Ausschreitungen, Zwischen- 
fällen, ungünstigen Ereignissen, Störungen und Gefahren. 

Diese beiden Haupttypen zeigen in characteristischen Fällen 
eine höchst prägnante Ditferenz (s. Tab. 2) ; allein die Erkrankungen 
sind nicht spärlich , welche zwischen beiden in der Mitte stehen und 
bald dem einen, bald dem andern mehr sich nähern, wie denn auch 
die anatomischen Veränderungen im Darme an verschiedenen Stellen 
einen verschiedenen Character zeigen können , oft theilweise leicht 
abheilbar sind , an andern Stellen dagegen solche Entwickelung an- 
nehmen, dass sie nur durch einen langsamen und umständlichen 
Reparationsprocess zu heilen vermögen. In den Fällen, in welchen 
im Darme successive Ablagerungen erfolgen , können auch hierdurch 
Mittelformen des Verlaufstypus sich herstellen. 

Die beiden Hauptformen des Abdominaltyphus zeigen schon bei 
4er ersten Entwicklung der Krankheit zuweilen einige Difi*erenzen. 



234 D^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

Aber vornehmlich treten diese hervor in der Periode der Höhe der 
Ausbildung, sowie der Rückbildung und Abheilung der kranken 
Darmstellen. Während letzterer Process bei der leichten und kurzen 
Form in einer Woche beendet sein kann, ist er bei der schweren und 
langen sehr protrahirt und vielen ungünstigen und gefährlichen Even- 
tualitäten ausgesetzt und gerade in dieser Periode ist das Leben des 
Kranken von den mannigfachsten Seiten bedroht. 

Das Verhältniss der Häufigkeit der beiden Haupttypen mag an 
verschiedenen Orten verschieden sein , variirt aber sicherlich zu 
gewissen Zeiten an demselben Orte. Die Mortalität hängt vorzüglich 
davon ab , in welchem Zahlenübergewicht die eine oder die andere 
Form ist, und die Schlüsse aus den Erfolgen eines therapeutischen 
Verfahrens bedürfen daher sehr der Controle dieses Maassstabs. 

5. Abgesehen von jenen beiden Hauptdifferenzen, können Com- 
plicationen und individuelle Verhältnisse manche Abweichungen 
und Unregelmässigkeiten des Verlaufs bedingen , welche bei 
der kurzen Form des Abdominaltyphus jedoch weit seltener eintreten 
und geringfügiger bleiben, als bei der langwierigen. 

Es ist bemerkenswerth, dass der vollkommenste typische Ver- 
lauf des kurzen Abdominaltyphus sich bei Individuen zeigt , welche 
am Schluss eines typhösen Fiebers nach bereits eingetretener oder 
doch naher Reconvalescenz von einem neuen Abdominaltyphus befal- 
len werden. Das abdorainaltyphöse Recidiv, wenn sein Beginn in 
die bereits fieberlos gewordene Periode der ersten Erkrankung fällt, 
zeigt das charakteristische Bild eines normalen Abdominaltyphus. 

Auch Individuen im Alter von 18 bis 28 Jahren mit zuvor un- 
gestörter Gesundheit und mit sonst normalen Verhältnissen , die von 
einem nicht zu schweren Abdominaltyphus befallen werden und auf 
welche keine anderen Schädlichkeiten eingewirkt haben, zeigen meist 
einen regelrechten Verlauf. 

Dagegen sind bei Kindern, um so mehr, je jünger sie sind, bei 
Individuen mit vorgerücktem Alter , welches hinsichtlich der abdomi- 
naltyphösen Erkrankung schon im 35. oder 40. Jahre beginnt, bei 
zuvor Kranken, namentlich an Phthisis und Hysterie Leidenden , bei 
Wöchnerinnen, bei Scarlatinösen, bei solchen mit gleichzeitigen sehr 
ausgesprochenen Localstörungen irgend einer Art, namentlich mit 
Endo- und Pericarditis , Pleuritis , Peritonitis , parenchymatöser Ne- 
phritis, die Charactere des typischen Fieberverlaufs beim Abdominal- 
typhus mehr oder weniger verwischt. 

Auch in einzelnen Epidemien und zu gewissen Zeiten treten 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 285 

Irregularitäten des Fieberverlaufs häufiger als sonst hervor, wie man 
jaAehnliches auch hinsichtlich der übrigen Symptome des Abdominai- 
typhus bemerkt. 

Ferner sind die allerleichtesten Fälle sowie ganz extrem schwere 
und höchst rapid verlaufende Fälle meist irregulär. 

Sodann kann durch sehr einflussreiche Schädlichkeiten , die den 
Kranken vor oder beim Beginn seiner Krankheit betroffen haben, 
durch Mangel an Pflege während derselben , durch grobe Verfehlun- 
gen , durch fortgesetzte Anstrengungen, durch einzelne einflussreiche 
Ereignisse (sehr starke Hämorrhagieu , Darmperforationen) , oder 
durch überwiegend werdende Complicationen der Character des 
Fieberverlaufs mehr oder weniger verändert und abgelenkt werden. 

Einige therapeutische Vornahmen sind gleichfalls im Stande 
den Typus und zwar in einer dem Kranken vortheilhäften Weise zu 
modificiren. 

In der Nähe der Agonie hört die Eigenthümlichkeit des Ver- 
haltens ebenfalls nicht selten auf. 

Die Abweichungen zeigen nicht eine unbegrenzte Extravaganz ; 
auch in ihnen ist stets noch eine mehr oder weniger entschiedene 
Andeutung der Gesetzmässigkeit zu erkennen und überall die Ge- 
neigtheit zu bemerken , wieder , falls nicht das tödtliche Ende in der 
Vorbereitung ist, in den typischen Verlauf einzulenken oder aber 
nach einer den besondern Verhältnissen entsprechenden bestimmten 
Modification des Typus zu verlaufen. 

6. Bei regulären und bei irregulären Fällen , bei jenen jedoch 
im Allgemeinen constanter, als bei den letzteren, zeigt sich, dass der 
Verlauf der Krankheit in verschiedene mehr oder weniger scharf sich 
trennende Perioden zerfällt. 

Vor Allem sind in, dem Verlauf des typhösen Fiebers zwei 
scharf abgesonderte Perioden zu unterscheiden und lassen 
sich durch die thermometrische Beobachtung mit grosser Bestimmt- 
heit erkennen : die erste entspricht der Absetzung der Infiltrate und 
Exsndationen , die zweite ihrer Rückbildung , Ausstossung, der Rei- 
nigung und Abheilung der kranken Stellen. 

Aber auch in jeder dieser beiden Hauptperioden zeigen sich 
mehrfache Punkte, auf welchen eine Aenderung des Gesammtverlaufs 
eintritt, und für welche sich in den anatomischen Verhältnissen keine 
entsprechenden Wandlungen nachweisen lassen. Auch diese Punkte 
sind durch kein Beobachtungsmittel .so deutlich zu erkennen, als 
durch die Thermometrie. 



286 ^^^ Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

Dabei ist bemerkenswerth , dass in einer sehr grossen Anzahl 
von Fällen , namentlich solchen , welche sehr vollständig regulär ver- 
laufen , die zeitliche Dauer der einzelnen Perioden und Stadien des 
Verlaufs mit ziemlicher Schärfe die Gränzen von Wochen und Halb- 
wochen einhält, dass Aenderungen in den Verlaufsverhältnissen, 
üebergänge von einem Stadium in das andere ganz vorzugsweise 
häufig auf Schluss und Anfang einer Krankheitswoche, oder auch auf 
die Mitte derselben fallen. Dieser Wochentypus zeigt sich am schärf- 
sten bei der leichten und kurzen Typhusform ; bei der schweren und 
langen ist er häufig verwischt oder erhält sich nur bis in die dritte 
und vierte Woche. Ebenso löschen Complicationen und andere 
Irregularitäten den Wochentypus vollständig aus oder verschieben 
wenigstens denselben für eine Zeit lang. 

7. Die als Initialstadium erscheinende Periode des Abdominal- 
typhus bildet wohl nicht immer den ersten Anfang der krankhaften 
Manifestationen. Bald kürzere , bald längere Zeit (ohne Zweifel der 
Incubation nach der wirkenden Ursache entsprechend) geben ihr in 
nicht wenigen Fällen leichte und meist unterbrochene Erscheinungen, 
die sich auf Störungen des Darms, Kopfs, der Respirationsschleim- 
haut , des ganzen Organismus beziehen , voran und auch leichte Fie- 
berbewegung , zeitweises Frösteln kann sich in diesem Vorspiele des 
eigentlichen Verlaufs ab und zu zeigen. Aber alle diese Erschei- 
nungen sind zu geringfügig , zu flüchtig , als dass sie Gelegenheit zu 
genauer ärztlicher Beobachtung geben und es ist daher die Betrach- 
tung mit dem Punkte zu beginnen , von welchem an eine nicht wie- 
der unterbrochene Reihenfolge von pathologischen Phänomenen ihren 
Anfang nimmt. 

Dieses demnach nicht immer mit Recht so zu nennende 
Initialstadium des Abdominaltyphus verläuft mit grosser Regel- 
mässigkeit. Es zeigt ganz den gleichen Verlauf, wie auch die spätere 
Gestaltung der Krankheit ausfallen mag. 

Die Temperatur geht während der Initialperiode im aufsteigen- 
den Zickzack in die Höhe, in der Weise, dass sie in den 3 bis 
4 Tagen , welche die Initialperiode umfasst , von jedem Morgen zum 
Abend um 1 — 'l^/^ Grad sich erhebt, von jedem Abend zum folgen- 
den Morgen wieder um 1/2 — ^/^ Grad fällt , bis sie am dritten oder 
vierten Abend die Höhe von etwa 40<^ erreicht oder überschreitet. 

Die Formel für dieses Ansteigen ist ungefähr folgende : 
Erster Tag: Morgens 37 », Abends 38,50. 
Zweiter Tag: „ 37,9 », „ 39,2 ^ 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 287 

Dritter Tag: Morgens 88,70, Abeuds 39,« o. 
Vierter Tag: „ 39,30, „ 40,30. 

Es ist selten, dass ein Abdominaltyphus, wenn er sich bei einem 
gesunden oder wenigstens nicht fiebernden Menschen entwickelt^ 
während seines Initialstadium nicht einen dieser Formel sich wenig- 
stens nähernden Verlauf zeige. 

Es ist noch seltener , dass eine andere Krankheitsform , als der 
Abdominaltyphus eine solche pyrogenetische Periode zeigt. 

Dieser Gang in der ersten Hälfte der ersten Woche ist also für 
sich allein schon ziemlich entscheidend für die Diagnose. 

Mit andern Worten : 

Ist die Temperatur in den Abendstunden des zweiten , dritten 
oder vierten Tages auch nur annähernd normal , so liegt kein Abdo- 
minaltyphus vor ; 

ist die Temperatur an den drei ersten Abenden , oder nur an 
zweien derselben gleich hoch , so ist die Krankheit kein Abdominal- 
typhus ; 

bleibt sich die Temperatur an zwei der drei ersten Morgen 
gleich, so hat man fast sicher keinen Abdominaltyphus vor sich ; 

steigt die Temperatur an den zwei ersten Tagen auf 40 oder 
darüber, so ist wahrscheinlich kein Abdominaltyphus vorhanden ; 

zeigt die Temperatur an den auf einander folgenden Morgen 
der ersten Wochenhälfte , oder ebenso an den auf einander folgenden 
Abenden auch nur einmal einen Rückgang, so ist ein Abdominal- 
.typhus auszuschliessen. 

Die positive Diagnose ist um so gesicherter, je mehr sich der 
Gang der Temperatur in den ersten 4 Tagen der obigen Formel an- 
schliesst. 

Indessen ist nicht zu übersehen, dass doch auch hin und wieder 
Abweichungen von diesem Typus der Initialperiode vorkommen : 

Das Austeigen kann sich ausnahmsweise schon in zwei Tagen 
vollenden oder im Gegensatz fünf Tage in Anspruch nehmen : in 
beiden Fällen sind schwere Verläufe zu erwarten , im Letzteren die 
Wendung nicht vor der Mitte der dritten Woche ; 

am zweiten Morgen kann die Temperatur wieder zur Norm 
zurückkehren, worauf aber ein stärkeres Abendansteigen, als am 
ersten Abend folgt ; 

das Steigen am ersten und zweiten Tag ist zuweilen gering- 
fügiger, am dritten und vierten alsdann um so stärker ; 

die Höhe der am dritten oder vierten Tag erreichten Temperatur 
ist nicht immer 40 0, sondern kann einige Zehntel weniger betragen:: 



288 ^^^ Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

meist dagegen ist diese Höhe um mehrere Zehntel , selbst um einen 
ganzen Grad überschritten ; 

in Fällen von secundärem Typhus bei zuvor schon kranken und 
mehr oder weniger fiebernden Individuen wird die Initialperiode nicht 
selten verwischt und unkenntlich. — 

Für den weitern Gang der Krankheit, für ihre Milde und Hef- 
tigkeit entscheidet der Verlauf der Initialperiode nichts , denn er ist 
derselbe bei schweren wie bei leichten Fällen. 

Die Initialperiode fällt jedoch nur in der Minderzahl der Er- 
krankungen in die ärztliche Beobachtung ; meist dauert die Krank- 
heit schon einige Tage, ehe ärztlicher Rath gesucht würd. 

Fällt die Initialperiode ausserhalb der Beobachtung , so ist man 
eines mächtigen Beweismittels für die Diagnose beraubt , und es be- 
darf dann einer längeren Strecke der Erkrankung, um mit derselben 
Sicherheit aus der Thermometrie die positive Diagnose des Abdomi- 
naltyphus zu machen. 

Noch ist übrigens zu erinnern, dass man sich vor Täuschungen 
hinsichtlich des Anfangstags der Krankheit zu hüten hat, da bei einer 
oberflächlichen Anamnese die Angaben des Kranken über den Beginn 
der Störungen nicht selten irre führen. 

8. In der zweiten Hälfte der ersten Woche und in 
der ersten Hälfteder zweiten Woche ist der Verlauf der 
Temperatur in der Mehrzahl der Fälle noch ziemlich übereinstim- 
mend ; namentlich lässt sich aus ihrem Gang und aus den Höhen,, 
welche sie erreicht, in den meisten Fällen nichts Sicheres für die 
Intensität des späteren Verlaufes entnehmen. 

Sehr häufig erreichen die Fälle in dieser Zeit und zwar schon 
in der zweiten Hälfte der ersten Woche die Maximalhöhe ihrer Tem- 
peratur, die am häufigsten auf den vierten und fünften, seltener in 
unbehandelten Fällen auf den sechsten, noch seltener auf den siebenten 
oder auf den achten Tag fällt, und gewöhnlich zwischen 40 und 41,50 
liegt, meistens aber zwischen 40,2 ^^^ 4Ö?8 beträgt. Sie wird meist 
nur an einem Tage (gewöhnlich zwischen Mittag und Abend), zu- 
weilen auch an zwei Tagen , selten an drei erreicht , in welch' letz- 
terem Falle das zweite und dritte Maximum gemeiniglich auf den 
siebenten oder einen späteren Tag fällt. Doch bleiben gewöhnlich 
in der ganzen zweiten Hälfte der ersten Woche die Tagesexacerba- 
tionsmaxima dem Gesammtmaximum nahe. 

Die Morgentemperaturen sind in dieser Zeit in der Regel V2 ^^^ 
1^2 Grrad tiefer, selten weniger, aber auch selten kommen grössere 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 289 

Differenzen vor, ausser dass zuweilen an einem einzelnen Tag eine 
transitorische tiefere Remission sich zeigt. 

In der ersten Hälfte der zweiten Woche sind , obwohl im Gan- 
zen der Verlauf noch mit dem der vorhergehenden Halbwoche über- 
einstimmt, doch gewöhnlich , wenigstens in günstig verlaufenden Fäl- 
len, die täglichen ExacerbationshÖhen um etwas geringer als in dieser, 
und auch die Remissionen zeigen meist eine Andeutung von Tiefer- 
werden, so dass in solchen Fällen das Fastigium in zwei Abschnitte 
sich theilt, einen ersten mit höheren Exacerbationswerthen und 
durchschnittlich unbeträchtlicheren Remissionen und einen zweiten 
mit etwas massigem Exacerbationen und etwas wenig tieferen Remis- 
sionen. Das Ende der ersten Halbperiode des Fastigiums fällt am 
häufigsten auf den siebenten oder achten Tag, seltener schon auf den 
sechsten oder erst auf den neunten und zehnten. 

Während dieses Verlaufs des Fastigiums treten häufig transito- 
rische Minderungen der Temperatur, meist an einzelnen Morgen , hin 
und wieder auch an Abenden ein. Sie kommen zuweilen schon in 
der ersten Woche vor, meist erst am 10. Tag, sind gewöhnlicher bei 
mildem Verlauf, verbürgen aber einen solchen noch keineswegs, 
üeberhaupt ist für die Art des Fortgangs der Krankheit das Ver- 
halten in dieser Zeit noch nicht entscheidend und es kann von der 
Mitte der ersten bis zur Mitte der zweiten Woche der Verlauf schwer 
und doch von einer baldigen Abheilung gefolgt sein , oder leicht sein 
und doch später zu einem schweren und protrahirten Gang führen. 

Doch finden sich zuweilen in dieser Periode Fälle von etwas 
abweichender Gestaltung , bald leichtere, bald schwerere Formen und 
hieraus lässt sich allerdings schon mit einiger Wahrscheinlichkeit die 
fernere Entwicklung des Falls vermuthen. 

9. Zunächst kommen zuweilen Fälle von ungewöhnlich 
leichtem Verla.ufe zwischen dem 4. und 11. Tage vor: 

die Abendhöhen bleiben im Allgemeinen gering (39,6 — g^)» 
oder es zeigen sich selbst einzelne stärkere zwischenfallende Abend- 
ermässigungen ; 

oder die Morgenremissionen sind beträchtlicher (l^/g — 2^); 

oder der Verlauf erscheint abgekürzt und es bildet sich früh- 
zeitig ein rückschreitender Typus aus, der selbst im Anfang der zwei- 
ten Woche bis zur Fieberlosigkeit gelangen kann. 

In nicht wenigen Fällen geschieht es nach einem therapeu- 
tischen Eingriff im Anfang der Krankheit, dass dieselbe in der an- 

Wunderlich , Eigenwärme in Krankheiten. 19 



290 I^^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

gegebenen Weise sich frühzeitig wendet , zumal nach einem Laxans. 
War die Erkrankung zuvor wohl charakterisirt , so wird dadurch die 
Diagnose nicht umgestürzt. 

Aber auch spontan kommen dergleichen milde Gestaltungen und 
frühzeitige Wendungen zur Abheilung, wiewohl viel seltener vor. 

Zuweilen ist bei solcher milden Gestaltung eine Ermässigung 
der Erscheinungen zu bemerken, während der Verlauf doch das 
Minimum der Dauer normaler Fälle (3 Wochen) einhält oder nur 
wenig verkürzt wird. 

In andern Fällen tritt später eine nachträgliche Wiederzunahme 
des Fiebers ein , und man kann dann annehmen , dass die typhösen 
Veränderungen successiv erfolgten, wobei die ersten Absetzungen 
sehr geringfügig und die späteren intensiver sind. 

Wo dagegen die Genesung sich wirklich frühzeitig anschliesst, 
kann die Frage, ob Abdominaltyphus vorhanden war, zweifelhaft 
bleiben. Die Verbürgung der Diagnose durch die Section fällt weg, 
die übrigen Symptome sind nicht entscheidend genug , fehlen auch in 
so leichten Fällen häufig zum grossen Theile. Soll man unter die- 
sen Umständen einen abortiven oder exceptionell leichten Abdominal- 
typhus oder soll man eine andere Störung, etwa einen fieberhaften 
Intestinalcatarrh und dergleichen annehmen? 

Diese Frage ist nicht nur im concreten Falle , sondern auch 
principiell schwierig genug zu entscheiden. 

Niemand kann versichern , dass der Abdominaltyphus eine ge- 
wisse Dauer des Verlaufes haben müsse und ohne eine gewisse 
Summe der als charakteristisch geltenden Erscheinungen nicht ver- 
laufen könne. Man kann nur sagen , dass es in unseren Gegenden 
und zu unseren Zeiten verhältnissmässig sehr selten ist, dass bei 
einem gut charakterisirten Fall von Abdominal typhus ohne kräftige 
therapeutische Einwirkung eine Abkürzung des Fieberverlaufs auf 
weniger als 21/2 Wochen stattfinde, dass vielmehr in der überaus 
grossen Mehrzahl der Fälle auch ein milder Verlauf nicht vor dem 
2 1 . Tage mit definitiver Fieberlosigkeit ende. 

Indessen ist es auch nicht unmöglich, dass unter dem Namen 
Abdominaltyphus zwei zwar in vielen Symptomen und selbst in dem 
anatomischen Verhalten sehr ähnliche, aber doch wesentlich verschie- 
dene Erkrankungen zusammengefasst werden, erstens eine durch 
Infection entstandene allgemeine , wenn auch im Drüsenapparate des 
Darmes sich localisirende Erkrankung, und zweitens eine locale 
Enteritis, bei der nur aus individuellen Gründen der Follicularapparat 
des Darmes in ähnlicher Weise wie beim Abdominaltyphus befallen 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphua. 291 

wird und damit auch eine Reihe der übrigen Symptome der ersten 
Form nach sich zieht. Für eine solche Differenz spricht das Ge- 
schehen bei Scarlatina , bei welcher nicht nur zuweilen dem Abdomi- 
naltyphus ähnliche Veränderungen in den FoUikeln des Darmes sich 
finden, sondern auch in der Abheilungsperiode ein Symptomen- 
complex und ein Temperaturgang sich herstellen kann , welcher dem 
Abdominaltyphus mehr oder weniger ähnlich ist, während doch ohne 
Zweifel diese letztere Krankheitsform nicht vorhanden ist. Für eine 
solche Annahme spricht weiter die Analogie mit manchen andern 
Krankheiten , z. B. mit der Cholera, bei welcher topisch entstandene 
Erkrankungsformen unter Umständen der durch Infection hervor- 
gebrachten epidemischen Krankheit ebenfalls vollkommen ähnlich 
sein können. 

Nun ist es sehr wohl denkbar , dass bei dieser zweiten Form 
die weitere typhusartige Entwickelung der anatomischen Veränderun- 
gen und des Gesammtverlaufs auf jedem Punkte einhalten und sistirt 
werden kann und dass dadurch Affectionen mit abdominaltyphus- 
ähnlichem Beginn, aber frühzeitigerer Beendigung sich herstellen 
können. Solche Fälle müssen sich dem blossen Intestinalcatarrhe 
ohne scharfe Gränzen anschliessen. 

Aber auch bei der durch Infection entstandenen Krankheit ist 
kein Grund vorhanden, dass nicht bei sehr unvollkommen wirkender 
Ursache oder bei geringer Disposition rudimentäre Formen der Er- 
krankung sich ausbilden können, wie solches auch bei andern infec- 
tiösen Krankheiten ganz gewöhnlich sich beobachten lässt. 

Durch alles diess wird übrigens die diagnostische Frage nur 
complicirterj sie ist nicht durch die Thermometrie allein mehr zu 
lösen ; doch kann dieselbe beträchtliche Beihülfe zur Lösung leisten. 
Die Aetiologie , das individuelle Verhalten , die übrigen Symptome 
müssen herangezogen werden. Die Thermometrie selbst kann bei 
ungewöhnlich leichten Fällen folgende Beiträge zur Lösung geben : 

Erreichen die Temperaturen ohne jeden sonstigen Grund wenig- 
stens mehrmals die abendliche Höhe des Abdominaltyphus, so spricht 
diess für diese Krankheitsform, um so mehr, wenn diess bei guter 
Pflege geschieht ; 

bleiben sie auch unter der charakteristischen Höhe, aber nähern 
sie sich ihr wenigstens , und bleibt der Gang dem Abdominaltyphus 
ähnlich, so spricht diess für diese Krankheit, um so mehr, wenn 
es Individuen von mehr als 30 Jahren oder Kinder oder Anämische 
sind; 

19* 



292 ^^^ Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

dauert eine Woche lang ein solcher Typus fort ohne sonstige 
genügende Gründe , so ist diess ein mächtiger Beweis für das Vor- 
handensein eines Abdominaltyphus. 

10. Ist aber auch die Periode des Fastigiums noch so charak- 
teristisch , so können , wenn man die Initialperiode nicht beobachtet 
hat, immer noch diagnostische Irrthümer vorkommen, noch mehr, 
wenn man über den Anfang der Krankheit gar keine Nachrichten 
hat, also die Länge der Dauer der Erkrankung nicht bekannt ist. 

Diese Irrthümer können um so zahlreicher sein , je kürzer die 
Strecke der Zeit ist, während der man das Fastigium beobachtet. 

Es sind namentlich in dieser Zeit folgende Verwechslungen häu- 
fig genug : 

Mit Pneumonie, namentlich mit solchen Fällen , bei welchen die 
Hepatisation sich verzögert , und es ist die Unterscheidung solcher 
Fälle von Abdominaltyphus oft 2 bis 3 Tage lang wenigstens durch 
die Temperatur allein unmöglich. Auch in den Fällen von Pneu- 
monie , bei welchen die Untersuchung der Brust die Veränderung in 
der Lunge festgestellt hat, kann der Zweifel übrig bleiben , ob neben 
der Lungenerkrankung nicht noch ein Abdominaltyphus bestehe. In 
solchen Fällen ist nur allein durch eine mehrtägige Beobachtung zu 
einer Entscheidung zu gelangen. 

Mit acuten Exanthemen , welche jedoch selten länger als bis 
zum 5. Tage in hoher Fiebertemperatur verharren, ohne dass ent- 
weder das Exanthem oder eine Localisation in Innern Organen sich 
zeigt. 

Mit exanthematischem Typhus , der in der Periode des Fasti- 
giums durch die Temperatur zuweilen nicht vom abdominalen Typhus 
unterschieden werden kann , doch im Allgemeinen eine bedeutendere 
Steigerung der Eigenwärme überhaupt und namentlich geringere mor- 
gendliche Remissionen als der Abdominaltyphus zeigt. 

Mit Cerebrospinalmeningitis , bei welcher eine wenigtägige 
Beobachtung zuweilen nichts zu entscheiden vermag. 

Mit acuter Osteomyelitis , welche einen sehr ähnlichen Fieber- 
verlauf zeigen kann , aber durch intensive Localerscheinungen in den 
Knochen sich unterscheidet. 

Mit acuter Tuberculose , welche ebenfalls einige Tage lang die 
gleichen Temperaturverhältnisse wie der Abdominaltyphus hervor- 
zurufen vermag. 

Mit Trichinose, die gleichfalls dasselbe Verhalten der Eigen- 
wärme zeigen kann. 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 293 

Mit Leberabscess und Pyämie , eine kurze Strecke hindurch oft 
nicht zu diagnosticiren von dem Fastigium des Abdominaltyphus. 

Mit Darmcatarrh, welcher jedoch bei einigermaassen guter 
Pflege bald geringere Steigerungen zeigt, als dem Abdominaltyphus 
zukommen. 

Mit Grippe , welche , wenn sich nicht catarrhalische Pneumonie 
hinzugesellt , ebenfalls in guter Pflege nicht lange auf der Höhe der 
Abdominaltyphustemperatur sich zu erhalten pflegt. 

Kann schon in diesen Fällen die Thermometrie zwar nicht 
immer, aber doch oft genug die Schwierigkeit der Diagnose überwin- 
den , so vermag sie für sich ganz allein die Entscheidung zu vermit- 
teln und einen Typhus auszuschhessen : 

Bei jüngeren Erwachsenen, wenn während des Fastigiums, zu- 
mal bei sonst intensiven Symptomen , die Abendtemperatur unter 
39,6 bleibt; 

in allen Fällen , in welchen während der schweren Symptome 
zu irgend einer Tageszeit ohne starke Veranlassungen (reichliche 
Blutungen, Perforationen etc.) die Temperatur auf die Norm gelangt, 
was bei den dem Abdominaityphus oft sehr ähnlichen schwer oder 
gar perniciös verlaufenden Wechselfiebern sicher, bei der Pyämie 
wenigstens häufig , bei der Pneumonie und der acuten Tuberculose 
zuweilen geschieht. 

Am sichersten darf man positiv einenAbdominal- 
typhus bei Erkrankungen von mittlerer Intensität während des 
Fastigiums annehmen: 

Wenn nach einer bereits ungefähr 5 Tage bis 
anderthalb Wochen dauernden Erkrankung eines 
zuvor gesunden Individuums vonjugendlichemoder 
mittlerem Alter Abendtemperaturen von 39,7 — 40,5 
oder wenig darüber und Morgentemperaturen, welche 
3/4 — 1^/2 Grad tiefer sind, mit einander wechseln, 
ohne dass irgend eine andere Störung sich auffin- 
den lässt, welche diese Höhe des Fiebers erklärt 
und ohne dass eine schwere Vernachlässigung un- 
mittelbar vorangegangen ist. 

Bei Kindern, Verwahrlosten, bei Greisen, bei nachweisbaren 
erheblichen LocalstÖrungen muss selbst bei zutrefiendem Gange der 
Eigenwärme der Verlauf der zweiten Woche abgewartet werden, 
wenn die Diagnose nicht auf anderem als thermometrischem Wege 
gesichert werden kann. 



294 ^*^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominal typhus. 

11. Zeigt die Periode des Fastigiums extravagante Tem- 
peraturen, und zwar entweder sehr hohe Temperaturen überhaupt 
(410 Q^QY darüber), oder bleiben die Morgenremissionen aus, so kann 
diess von der Intensität des Falles überhaupt, oder von dem Mangel 
an Pflege, von mannichfachen Verfehlungen, seltener in dieser Periode 
von dem Auftreten von Complicationen abhängen. 

In solchen Fällen sind die gleichen Verwechslungen und Zwei- 
fel möglich, wie bei den Fällen mittlerer Intensität, und die Diagnose 
ist gerade bei diesen extrem schweren Fällen schwieriger, als bei 
denen mittleren Grades. Doch spricht eine sehr beträchtliche Extra- 
vaganz der Temperatur eher gegen , als für den Abdominaltyphus. 
Die positive Annahme eines Abdominaltyphus auf Grund der thermo- 
metrischen Beobachtung kann unter solchen Umständen zuweilen nur 
bei weiterer Verfolgung des Verlaufes gewagt werden. 

12. In der Mitte derzweitenWoche, zwischen dem 9. 
und 12. Tage, scheiden sich schwere und leichte Fälle bestimmter. 

In leichten Fällen von Abdominaltyphus neigt sich das Fasti- 
gium dem Ende zu. Zuweilen geht der Wendung eine kurze Pertur- 
bation, eine ungewöhnliche Erhebung der Abendtemperatur, ein Aus- 
bleiben der Morgenremission voran; doch häufiger zeigt sich ein 
unmittelbarer Anschluss der Abnahme an das Fastigium. Die Wen- 
dung zum Bessern fällt meist auf den 10. bis 12. Krankheitstag, hin 
und wieder jedoch schon früher, besonders nach nützlichen Einwir- 
kungen. Auf jene Tage, wohl am häufigsten auf den 12., pflegt 
in günstigen Fällen die erste tiefere Morgenremission zu fallen, 
welche gegen die vorangegangenen meist genugsam contrastirt. Am 
folgenden Tag kann die Remission zwar wieder etwas unbeträcht- 
licher erscheinen ; bald aber nehmen die Remissionen stetig an Tiefe 
zu, werden die Exacerbationsbreiten zugleich geringer, die Tages- 
ascendenz beginnt später , das Wiedersinken früher ; auch die Höhe 
der Exacerbation vermindert sich gewöhnlich um ein Geringes , eine 
entschieden descendirende Richtung macht sich geltend, und schon 
am Schluss der 2. oder am Anfang der 3. Woche zeigt die Abnahme 
der Abendexacerbation, dass die Abheilung in vollem Gange ist. 

Die Umwandlung der kurzen Tagescurven des Fastigiums in 
die steilen Tagescurven der Abheilungsperiode kann, wenn sie in der 
zweiten Woche erfolgt, als ein selten täuschendes Zeichen eines mil- 
den Falles angesehen werden. Zwar giebt sie keine absolute Bürg- 
schaft für den Ausgang ; denn auch beim leichtesten Verlauf dieser 
Krankheit drohen Gefahren , die un voraussehbar sind : Perforationen, 



Pas Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 295 

Blutungen, auf Individualität beruhende Irritationen des Gehirns, 
Complicationen von den Respirationsorganen u. s. w. Aber wenn der 
wesentliche Process sich günstig gestaltet — und hierfür nur garan- 
tirt die Thermometrie — so ist die Wahrscheinlichkeit solcher De- 
generationen und accessorischer Störungen eine ungleich geringere 
und zu einem guten Theile kann man durch umsichtige Pflege den 
Kranken vor denselben bewahren. 

Weniger günstig und zuverlässig als der üebertritt des Tem- 
peraturganges in die steilen Curven ist ein temporäres beträchtliches 
Sinken der Temperatur, eine verfrühte beträchtliche Abnahme der 
Abendexacerbationen , so dass sie den gleichbleibenden Morgentem- 
peraturen nahe kommen, oder ein scheinbar rapider üebergang in die 
Defervescenz ; in allen diesen Fällen wird der Verlauf häufig irregulär 
und neue Steigerungen stehen bevor. 

Die gewöhnlichste Art des Ganges der Besserung und Abhei- 
lung ist der durch wachsende Remissionen in den Morgenstunden, 
denen geringere Exacerbationen nachfolgen, so dass zickzackartig im 
Laufe von 6 bis 10 Tagen die Temperatur der Norm sich nähert. 
Die Difi'erenz zwischen Morgen und Abend kann dabei zuweilen noch 
mehrere Tage , selbst eine Woche hindurch gleichbleiben , oder sie 
wird durch das raschere Fortschreiten der Remissionsermässigung 
grösser. Normale Morgentemperaturen sind gewöhnlich schon vor 
der Mitte der dritten Woche zu bemerken. Durch fortwährendes 
Geringerwerden der Abendexacerbationen werden nun die Tages- 
differenzen kleiner, und gewöhnlich wird mit dem Schluss der dritten 
Woche auch in den Abendstunden die Normaltemperatur und damit 
die Reconvalesceuz erreicht. 

Findet dieser Gang in der beschriebenen Weise statt, so kann 
über die Diagnose kaum ein Zweifel sein. Zwar können catar- 
rhalische Pneumonie , intensive Grippe in ähnlicher Weise abheilen ; 
aber sie thun es viel rascher, und das Fieber dauert nicht bis zum 
Schluss der dritten Woche. Andererseits ist bei abheilender Cerebro- 
spinalmeningitis und Trichinose , wenn bei diesen Krankheiten hohe 
Temperaturen erreicht worden waren, die Abheilung zwar auch 
remittirend , aber protrahirter und zeigt häufiger Unterbrechungen. 
Andere in remittirendem Typus abheilende Afifectionen unterscheiden 
sich dadurch , dass sie während des Fastigiums nicht die Höhe der 
Temperatur des Abdominaltyphus erreichten. 

Abweichungen von der angegebenen Form der Defervescenz 
kommen allerdings zuweilen vor und können die Diagnose zweifel- 
haft machen. Hierher gehört namentlich die beschleunigtere Rück- 



296 I^a^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

kehr zur Fieberlosigkeit , die sich hin und wieder in der Weise ein- 
stellt, dass schon in der Mitte oder selbst im Anfang der dritten 
Woche normale Abendtemperaturen erreicht werden. Solches Ver- 
halten findet sich vorzüglich nach angemessenen therapeutischen 
Einwirkungen , ohne solche mindestens selten. Es muss in solchen 
Fällen sowohl durch die Temperaturverhältnisse, als durch die wesent- 
lichen Erscheinungen der Krankheit die Diagnose vollkommen ge- 
wesen sein, wenn man das Recht haben soll an ihr festzuhalten. 

Noch seltener sind andere Abweichungen der Defervescenz, 
wenn die Abheilung im Laufe der dritten Woche zu Stande kommt. 
Zuweilen sind sie nur scheinbar. Man ist irregeleitet durch falsche 
Angaben des Kranken über die Dauer seiner Affection. Sind alle 
übrigen Verhältnisse regelmässig, so lässt sich gerade aus dem Tem- 
peraturgange oft feststeilen, dass der Kranke über den Beginn seiner 
Krankheit sich getäuscht hat, und man wird oft durch eine eingehen- 
dere Anamnese noch nachträglich diese Hinweisung der Therm ometrie 
bestätigt finden. 

Störungen durch Complicationen sind bei einem derartigen 
Gange in der Abheilungsperiode selten , wenn nicht etwa die Indivir 
duen vor der Krankheit schon in einem unvollkommenen Gesundheits- 
zustande sich befanden , oder wenn nicht besondere Schädlichkeiten 
sie trafen , oder wenn nicht eine temporäre Geneigtheit der epidemi- 
schen Verhältnisse zu Complicationen herrscht. Tritt eine Compli- 
cation ein, so erfolgt auf irgend einem Punkte der abnehmenden 
Temperatur ein Einhalten der weitern Abnahme oder eine Wieder- 
steigerung. Zuweilen geht dieser Wendung ein ungewöhnlich rasches 
und tiefes Sinken der Temperatur voraus, das immer verdächtig ist. 

Dagegen kommen nicht selten in solchen Fällen, und zwar 
besonders in den sehr leicht verlaufenden Erkrankungen Recrudes- 
cenzen und Recidive des Processes vor. Es ist dabei ein wesentlicher 
Unterschied in dem Gange und in der Gefahr, ob die Erneuerung des 
Processes an bis dahin intact gebliebenen Stellen beginnt, so lange 
die früheren Ablagerungen noch gar nicht zur Abheilung sich an- 
schicken oder in derselben nur wenig vorgeschritten sind (Recrudes- 
cenz , typhöser Nachschub) , oder ob die Abheilung bereits beträcht- 
liche Fortschritte gemacht hat, die Fieberlosigkeit bereits erreicht ist. 
Im erstem Fall bezeichnet eine Erhebung der Temperatur entweder 
über die bisherigen massigen Höhen den Anfang der Recrudescenz, 
oder findet nach bereits descendirend gewordenem Gange auf einmal 
eine Aenderung des Typus statt, die Tagesremissionen treten unvoll- 
ständiger ein, die Tagesexacerbationen beginnen frühzeitiger, werden 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 297 

etwas höher und dauern länger und ein meist schwerer gewöhnlich 
irregulärer Verlauf schliesst sich an, der viele Gefahren dem Kranken 
bringt. Ganz anders verhält es sich mit den eigentlichen Recidiven, 
die nach erreichter Fieberlosigkeit beginnen , bald erst in der Recon- 
valescenz ihren Anfang nehmen. Sie haben, wie schon früher gesagt, 
in der Regel und namentlich wenn sie nach einer leichten Primär- 
erkrankung auftreten, einen sehr normalen und meist günstigen Ver- 
lauf, der meist mit dem 2 1 . Tage (vom Beginn des Recidives an) 
abschliesst. 

13. Ein schwerer Verlauf ist stets mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit zu erwarten, sobald in der zweiten Woche die Morgen- 
temperaturen über 39,5 dauernd sich erhalten, die Abendtemperaturen 
40,5 erreichen oder übersteigen , die Exacerbationen täglich sehr 
zeitig eintreten oder bis über die Mitternacht sich verlängern, die 
Tagesdifferenzen gering sind und daher der Verlauf der einer Sub- 
continua ist , oder wenn zwar Differenzen bestehen , aber das Tages- 
minimum die niederste Typhusexacerbationsgränze (39,6^) überragt, 
endlich aber wenn die Ermässigung um die Mitte der zweiten 
Woche bis spätestens zum 12. Tage ausbleibt. 

Verdächtig sind alle Irregularitäten in der zweiten Woche , alle 
unegalen Steigerungen, aber auch unmotivirte und vorübergehende 
Ermässigungen ; meist nimmt dann auch der fernere Verlauf einen 
irregulären Gang, und wenn auch eine ziemlich rasche Abheilung 
dabei möglich ist, so sind doch Rückfälle , Wiedersteigerungen, Com- 
plicationen, Hypostrophen sehr gewöhnlich. 

Ungünstig ist namentlich die Irregularität, wenn sich keine An- 
deutung von tieferen Remissionen in der zweiten Woche zeigt, mag 
auch die Abendtemperatur dabei verhältnissmässig gering bleiben, 
oder wenn die Temperatüren des Morgens die des Abends über- 
steigen. 

Fast sicheres Zeichen eines sehr schweren Verlaufs ist es, wenn 
die Morgentemperaturen 40^ erreichen und die des Abends über 41^ 
hinausgehen , und namentlich wenn gegen das Ende der zweiten 
Woche zunehmende Steigerungen sich einstellen. 

Am allerungünstigsten aber ist es, wenn neben diesem Verhal- 
ten unmotivirte Schwankungen eintreten , selbst wenn sie in einer 
dem Abdominaltyphus nicht entsprechenden und plötzlichen Er- 
mässigung bestehen. 



298 ^^^ Verhalten der Eigenwärme beim Abdominal typhus. 

14. In schweren Fällen ist überhaupt der Gang mannig- 
faltiger. 

Die am wenigsten gefahrdrohende Form ist diejenige, bei 
welcher, ohne oder nach sehr geringfügiger Ermässigung am Anfang 
der zweiten Hälfte der zweiten Woche, die Abendexacerbationen eine 
beträchtliche Höhe (über 40 o) behalten, an einzelnen Abenden sogar 
über 41<^ sich erheben, dagegen Morgenremissionen um einen oder 
anderthalb Grade und selbst noch ergiebigere sich einstellen und in 
dieser Weise bis in die dritte Woche hinein, ja selbst bis zum Schlüsse 
derselben der Verlauf in kaum verminderter Heftigkeit fortdauert. 
Gewöhnlich werden jedoch in solchen Fällen, wenn nicht Complica- 
tionen eintreten , von der Mitte der dritten Woche an die Exacerba- 
tionen etwas geringer und findet ab und zu eine erkleklichere Remis- 
sion statt, wodurch der üebergang in die entschiedene Abnahme 
vorbereitet wird. 

Zuweilen ist zwar eine Ermässigung bemerklich in der Weise, 
dass die Höhe der Temperatur der zweiten Woche nicht mehr er- 
reicht wird, vielmehr die Eigenwärme sich circa 1/2^ tiefer hält, als 
in der zweiten Woche , dass aber doch ein Fieber hohen Grades und 
mit geringen Remissionen fortdauert. In verhältnissmässig günstigen 
Fällen geschieht es jedoch nicht selten , dass alsdann die grossen 
Remissionen sich in der vierten Woche einstellen. 

Oder aber die Temperatur bleibt so hoch , wie in der zweiten 
Woche , steigt sogar noch darüber , und dauert in dieser Weise fort 
bis mindestens zur Mitte der dritten Woche , meist bis zur Mitte , oft 
bis zum Ende der vierten. Es. können in solchen Fällen die Abend- 
temperaturen so hoch oder fast so hoch sich zeigen, als in der 
frühern Periode , die Remissionen sind geringer , und die Tagesdiffe- 
renz beträgt häufig nicht über 1/2^ , ausser wenn in der Exacerbation 
ein exorbitantes Steigen stattfindet. Im Speciellen betragen die 
Morgentemperaturen meistens zwischen 39, g und 40 0, auch wohl 
zwischen 40 und40,gö, selten gehen sie noch höher, während in der 
Exacerbationszeit die Temperatur zuweilen über 41 steigt, ja selbst 
42 erreichen und darüber hinausgehen kann. Das Tagesmittel be- 
trägt meist über 40 0, Dabei sind die Exacerbationen breiter, und 
schon Morgens um 9 oder gar 8 Uhr beginnt die Tagessteigerung, 
und es erhält sich die hohe Temperatur bis nahe zur Mitternacht oder 
länger, häufig mit zwei oder mehrern Gipfeln; die Morgenremission 
ist von entsprechend kurzer Dauer, hält kaum einige Stunden an. 

Oder es stellen sich Unregelmässigkeiten im Verlaufe ein, welche 
einmal eingetreten gewöhnlich neue Unregelmässigkeiten zur Folge 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 299 

haben. Die Unregelmässigkeiten sind nicht selten allein die Folge 
des schweren Falles überhaupt oder ungünstiger Verhältnisse, unter 
denen sich der Kranke befindet , individueller Dispositionen oder des 
jeweiligen Charakters der Epidemie. Sehr häufig aber sind Compli- 
^jationen der Grund der Unregelmässigkeit. 

Treten Complicationen mit localen Entzündungen, intensiven 
Bronchiten, Pneumonien, Parotiten u. s. w. ein, so steigt entweder 
die Temperatur überhaupt , oder es werden wenigstens die zuvor be- 
merklich gewesenen morgendlichen Rückgänge geringer. 

Eigenthümlich ist das Verhalten , wenn ein Abdominaltyphöser 
von der asiatischen Cholera befallen wird. Hierüber sind von Fried - 
länder (1867 im Archiv der Heilk. VIII. 439) Beobachtungen aus 
meiner Klinik veröffentlicht worden. Er hat gezeigt, dass die Cho- 
lera nicht nur einen die Temperatur deprimirenden Einfluss übt, son- 
dern dass die erste deutliche Ermässigung bei Typhuskrauken schon 
30 — 36 Stunden vor dem Choleracollaps und sogar 12 — 24 Stunden 
vor dem Eintritt der reichlichen Diarrhoe eintreten und daher als 
erstes Zeichen der Cholerainfectiou dienen kann. 

Treten im Verlauf des Abdominaltyphus starke Blutungen, vor- 
nehmlich Darmblutungen ein , so kann ein beträchtliches Sinken der 
Temperatur stattfinden , sogar bis unter die Norm ; allein sie erhebt 
sich gewöhnlich bald darauf wieder auf die frühere Höhe, selbst 
darüber. 

Die augenblickliche Steigerung in jenen, das momentane Sinken 
in letzteren Fällen bleibt keineswegs die einzige Wirkung des Ein- 
tritts der Complication : vielmehr löscht diese mehr oder weniger den 
Charakter der Regelmässigkeit des Verlaufs aus, und die mannigfal- 
tigsten Irregularitäten können sich noch nachträglich einstellen, selbst 
wenn die Complication bereits wieder glücklich überwunden ist. 

In einzelnen , nach mancherlei Beziehungen - ausserordentlich 
schweren Fällen treten im Momente der höchsten Gefahr , ohne 
eigentlichen Collaps und ohne bemerklichen Grund nicht unbeträcht- 
liche Temperaturnachlässe ein , welche aber keineswegs als günstig 
anzusehen , vielmehr mit einer Zunahme der sonstigen bedrohlichen 
Erscheinungen , der Schwäche der Herzcontractionen und der Herz- 
töne, der enormen Pulsfrequenz, der schweren Delirien und des auto- 
matischen Muskelspiels , des Coma und der tiefsten Prostration ver- 
bunden sind und die grösste Aehnlichkeit mit den nachher zu be- 
sprechenden proagonischen Temperaturnachlässen darbieten. Sie 
stellen sicherlich keinen günstigen Wendepunkt der Krankheit dar ; 
doch kommt es zuweilen vor , dass das unmittelbar drohende Ende 



300 I^^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

doch noch durch eine energische Therapie abgewendet wird , worauf 
die Temperatur zu der früheren Höhe zurückkehrt, also mit der 
Besserung steigt. Man kann diese Vorgänge als proagoniforme 
Temperaturabfälle bezeichnen. 

Doch auch in schweren, irregulär gewordenen Fällen stellt sich, 
sobald die Verhältnisse sich günstiger gestalten , der Typus des Ver- 
laufs wieder her. Allerdings geschieht diess häufig nicht mehr auf 
der Höhe der Krankheit und im Fastigium , sondern erst mit der be- 
ginnenden Abheilung. 

Alle schweren Fälle haben , wenn der Tod nicht erfolgt , das 
Gemeinschaftliche , dass der Verlauf des Fastigiums und der ganzen 
Krankheit verlängert wird. Dabei zeigt sich in sehr vielen Fällen 
an ziemlich bestimmten Tagen der Krankheit eine transitorische Er- 
mässigung, an anderen ein vorzugsweises Ansteigen der Temperatur. 
Die Ermässigungen fallen mit Vorliebe auf die Wochen schlusstage 
und auf die Wochenmitten, die Steigerungen unmittelbar vor diese 
Tage , ferner auf den Anfang einer neuen Woche ; am allergewöhn- 
lichsten aber bemerkt man in denjenigen Fällen, welche solange an- 
halten, eine auffällige Steigerung am 2 Osten Tag, zuweilen auch 
einen Tag früher oder später. Die Steigerung an diesen Tagen wird 
selbst dann noch sehr häufig bemerkt , wenn um diese Zeit der Ver- 
lauf in einer sichtlichen Ermässigung, selbst schon in der Abnahme 
vorgeschritten ist, und dieselbe wird äusserst häufig an dem be- 
treffenden Tag durch Temperaturerhebungen unterbrochen , welche 
die Höhen der vorangegangenen Tage um V2 G^^^ und mehr zu 
tiberragen pflegen. 

In dieser Periode ist selten die Diagnose im Zweifel : nur aus- 
nahmsweise wird man noch an eine acute Tuberculose oder an eine 
Cerebrospinalmeningitis denken können, und letzteres namentlich 
beim Herrschen solcher Epidemien , in welchen Zeiten sich überdem 
mehr oder weniger auffällige Cerebrospinalsymptome dem Abdominal- 
typhus selbst in grösserer Menge beizumischen pflegen und dadurch 
die Aehnlichkeit erhöhen. 

Dagegen ist es in dieser Periode vornehmlich die Prognose, 
welche praktisches Interesse hat. Die Thermometrie kann nicht 
immer sichere Anhaltspunkte für dieselbe , wohl aber sehr wichtige 
Winke geben. 

Im Allgemeinen ist jeder Fall ein gefährlicher, bei welchem 
diese Form der Krankheit sich ausgebildet hat. 

Sehr bedeutend ist die Gefahr, sobald die Temperatur die Höhe 
von 41,2^ erreicht: im besten Falle ist eine sehr langsame Erholung 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 301 

ZU erwarten. Bei 41,4 <> sind bereits die Todesfälle ungefähr dop- 
pelt so häufig als die Genesungen, bei 41,5^ und darüber ist Her- 
stellung eine Seltenheit. Fiedler (D. Arch. für khn. Med. I. 534) 
giebt als Maximaltemperatur, welche bei noch Genesenden erreicht 
werden kann, 41,75 <^ an; in zwei solchen Fällen trat Herstellung 
ein : alle übrigen mit ebenso hoher oder noch höherer Temperatur 
starben. Jedoch wurde in einem meiner Fälle nach Erreichung einer 
Temperatur von 42^/^ = 33,^0 r, (^^[q übrigens während eines 
Schüttelfrostes im Verlauf des Abdominaltyphus eintrat) Genesung 
beobachtet. 

Eine mehrmalige Erhebung der Temperatur auf sehr bedeutende 
Höhen (41 o) steigert die Gefahr beträchtlich. Jedoch erträgt der 
Kranke selbst solche beträchtliche Temperaturexcesse weit eher, 
wenn zwischendurch und in den Morgenstunden die Eigenwärme er- 
heblich niedriger ist. Sehr hohe Temperaturen mit zwischenfallen- 
den Remissionen sind weniger gefährlich , als etwas minder hohe, 
welche Morgens und Abends fast ohne Unterbrechung fortdauern. 
Wird in den Morgenstunden die Höhe von 41 <^ überschritten, so ist 
der Tod fast sicher. 

Als sehr bedenklich kann es angesehen werden, wenn die Tem- 
peratur in der dritten Woche höher ist als in der zweiten, oder wenn 
sich in der dritten Woche die ascendirende Richtung einstellt. 

Eine schlechte Prognose geben alle groben Unregelmässig- 
keiten: mindestens hat man sich bei ihnen auf weitere Verwick- 
lungen gefasst zu halten. 

15. Nur ausnahmsweise wendet sich in schweren Fällen der 
Gang unmittelbar zur Abheilung ; vielmehr zeigt sich gewöhnhch vor 
derselben eine Periode wechselnder Verhältnisse, eine Periode der 
ünentschiedenheit : das amphibole Stadium. 

Dieses Stadium schiebt sich auch oft in Fällen ein , welche an- 
fangs geringe Intensität zu zeigen schienen , dem Kundigen aber 
jedenfalls Verdacht erregen mussten : so namentlich bei Fällen von 
Abdominaltyphus älterer Personen , bei Fällen , bei welchen zuvor 
Kranke befallen wurden, bei Typhusrecidiven, die vor entschiedenem 
Vorschreiten der Abheilungsperiode der ersten Affection beginnen, bei 
Fällen , welche frühzeitig grobe Irregularitäten zeigten , wenn diese 
nicht eine abnorme Milde des Verlaufs bedingen , bei Kranken, 
welche sich fortwährend Schädlichkeiten aussetzen oder grössere 
Anstrengungen im ersten Verlauf der .Krankheit sich zu Schulden 
kommen Hessen und dergl. mehr. 



302 I^^s Verbalten der Eigenwärme beim Abdominal typhus. 

Das amphibole Stadium beginnt meist in der Mitte, selten schon 
im* Anfang der dritten Woche, zuweilen im Anfang der vierten, wird 
in manchen Fällen durch eine ungewöhnlich tiefe Remission , selbst 
durch einen Collaps eingeleitet und giebt sich durch mehr oder 
weniger grosse Unregelmässigkeiten, unmotivirte Besserungen und 
eben solche Verschlimmerungen kund. 

Die Abendtemperaturen sind in demselben im Allgemeinen noch 
sehr hoch , doch durchschnittlich nicht in dem Grade wie im Fasti- 
gium. Wenn auch an einzelnen Tagen das Maximum des Fasti- 
giums erreicht oder sogar überschritten werden kann , so bleibt doch 
in der Mehrzahl der Abende die Temperatur geringer. Beträchtliche 
Remissionen, die sich auch aufden Abend ausdehnen können, kommen 
zwischendurch vor, aber sie zeigen keine Beständigkeit; während 
oft einige Tage lang die Erscheinungen auflfallend günstig sich ge- 
stalten , treten auf einmal wieder Verschlimmerungen ein. Ziemhch 
selten schreiten die intercurrenten Temperaturermässigungen in die- 
sem Stadium ohne tiefere und gefährliche Ursachen bis zu Collaps- 
temperaturen fort, und wenn solche eintreten , sind sie fast immer 
gefährlich oder mindestens von einem erneuerten bedeutenden Steigen 
gefolgt. 

Zuweilen wechseln eine mehr oder weniger lange Zeit hindurch 
Exacerbationen von gleichbleibender Höhe, und tiefe, selbst zu nor- 
maler und subnormaler Temperatur gehende Remissionen ab, in 
welch' letzteren alsdann nicht selten Andeutungen von Collaps sich 
zeigen. Kann auch in solchen Fällen ohne weitere Störung nach 
wochenlanger Daner dieses Wechsels die Defervescenz durch allmä- 
lige Minderung der Exacerbationen sich einstellen, so kommt es doch 
häufig vor, dass nach einiger Zeit die Remissionen weniger tief gehen 
und selbst den Exacerbationen sich nähern. 

In einzelnen Fällen kommen tiefe Niedergänge der Temperatur 
und selbst Collapstemperaturen während der Exacerbationszeit vor. 

Nicht ganz selten ist eine Verschiebung der Exacerbations- und 
der Remissionszeit , so dass Erstere auf die Morgenstunden , Letztere 
auf Nachmittag und Abend fällt , was für die Prognose ziemlich be- 
deutungslos zu sein scheint. 

Mannigfache Complicationen pflegen in diesem Stadium aufzu- 
treten ; meist steigern sie nicht nur die Temperatur überhaupt auf's 
Neue, sondern sie verwischen zugleich die Remissionen. 

Nur bei starken Blutungen und Perforationen bemerkt man 
rasche und beträchtliche Niedergänge der Temperatur. 

Nicht selten finden Recrudescenzen des Verlaufes statt mit er- 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 303 

neuerten Fastigiumserscheinungen, und wahrscheinlich bedingt durch 
Nachschübe der anatomischen Störungen. In solchen Fällen sind 
vorzugsweise gefährliche und tödtliche Blutungen, auch Perforationen 
zu befürchten. 

Auch Schüttelfröste kommen zuweilen mit starken Erhebungen 
der Temperatur vor: sie gehören gewöhnlich neu hinzutretenden 
Störungen (pyämischen, septicohämischen Processen) an. 

Die amphibole Periode dauert zuweilen nur eine halbe Woche^ 
meist 1 — 1^/2 Wochen, zuweilen länger. 

16. Wendet sich die Krankheit zum Tode, so tritt die proago- 
nische Periode meist mit trügerischen Temperaturerniedrigungen ein, 
die jedoch nicht nur mit den sonstigen Erscheinungen contrastiren, 
sondern gewöhnlich auch eine gewisse Unregelmässigkeit zeigen. 

In andern Fällen zeigt sich im Gegentheil eine ungewöhnliche 
und namentUch auch Morgens fortdauernde Steigerung der Tempera- 
tur, die über 4 1 ^ geht ; 

oder es erfolgt eine plötzliche Zunahme der Temperatur selbst 
bis 42,5^ und darüber (selten auf 43 <^ und mehr); 

oder es tritt auch ein plötzliches tiefes Sinken der Eigenwärme 
ein und mit Erscheinungen eines intensiven Collapses. 
• : Nicht immer ist die Agonie von einem erkennbaren proagoni- 
schen Stadium vorbereitet. Vielmehr tritt sie zuweilen sehr uner- 
wartet und plötzlich in diesem Stadium ein. 

In der Agonie selbst und beim Tode können , je nach den be- 
sondern Umständen, niedrige, hochfebrile oder hyperpyretische Tem- 
peraturen sich zeigen , was wahrscheinlich von der Art des den Tod 
zunächst herbeiführenden Verhältnisses abhängt. 

Steigt die Temperatur in der Agonie , so geschieht diess ge- 
meiniglich mit herannahendem Tod immer rascher , zuweilen in einer 
Stunde um einen Grad und mehr. Meist erfolgt dann der Tod 
zwischen 42 und 43 ^. 

Postmortale Steigerungen kommen vor, doch sind sie gewöhn- 
lich unbeträchtlich und dauern nur wenige Minuten. 

17. Wendet sich in schweren Fällen die Krankheit zur 
Besserung, so geschieht diess sehr häufig nach einer perturbatio 
critica, welche entweder nur wenige Stunden lang bemerkt wird, 
oder sich länger ausdehnt , selbst über mehrere Tage sich er- 

[ streckt. 

! Häufig jedoch geht eine präparatorische Ermässigung voran, in 



304 D^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

welchem Falle der Beginn der eigentlichen Abheilung sich nicht so 
scharf abzeichnet. 

Die präparatorische Ermässigung zeigt sich entweder in einer 
vereinzelten etwas tieferen Remission oder geringeren Exacerbation, 
oder in einer über mehrere Tage sich ausbreitenden schwachen descen- 
direnden Richtung, wobei in schweren Fällen der Typus immer noch 
ein subcontinuirlicher bleiben und das Tagesmittel sich auf 40^ er- 
halten kann. Solche sachte Descendenzen dauern eine halbe , zu- 
weilen sogar eine ganze Woche fort, ehe es zur entscheidenden 
Besserung kommt. 

Diese kündigt sich sehr häufig zunächst durch einen stärkeren 
Temperaturabfall an , der gewöhnlich in die Remissionszeit fällt und 
meist etwas tiefer ist, als die Remissionen der folgenden Tage. 

Der Beginn der entschiedenen Besserung fällt in massigeren 
Fällen oft auf die Mitte der dritten Woche, in sehr schweren seltener 
auf den Schluss der dritten Woche , meist auf die Mitte der vierten 
(unmittelbar nach der Steigerung am 25. Tag) zuweilen noch später. 

Die Defervescenz erfolgt in der remittirenden Weise, wie bei 
frühzeitig abheilenden Fällen. 

Aber ihre Dauer ist im Allgemeinen , doch keineswegs immer, 
länger. 

Die Remissionen excediren nicht selten wiederholt zu Collapsen. 

Die Defervescenz macht oft Stillstände, oder zeigt selbst kleine 
Rückgänge. 

Zuweilen wird ihr Gang durch einzelne massige oder colossale 
Schwankungen, bald nur durch eine einzige beträchtliche Abend- 
erhebung , bald durch mehrere , zwischen welchen jedesmal Morgens 
die Temperatur bis zur Norm remittirt , bald durch eine mehrtägige 
subcontinuirliche Steigerung unterbrochen. 

Aber auch wirkliche Rückfälle werden während derselben oft 
genug beobachtet. 

18. Statt der unmittelbaren Wendung zum tödtlichen Ausgange 
und statt des Uebergangs in Genesung schliesst sich zuweilen an das 
amphibole Stadium ein lentescirenderProcessan, der wohl 
am häufigsten von fortdauernden Darmulcerationen , zuweilen von 
suppurirender Bronchitis und andern langsam sich ausgleichenden 
Localafi'ectionen , hin und wieder auch nur von vorgeschrittenem 
Marasmus abhängt. 

Der Gang des Fiebers ist in diesen Fällen ein chronischer, mit 
täglichen mehr oder weniger hohen Abendexacerbationen und mit 



--aaJ 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 305 

morgendlichen Rückgängen bis zur Norm, und die Dauer dieses Sta- 
diums ist eine unbeschränkte. 

19. Der Eintritt der vollen Reconvalescenz bei Abdomi- 
naltyphus ist nur dann anzunehmen , wenn auch Abends die Eigen- 
wärme die völlige Fieberlosigkeit anzeigt. Es ist daher der Beginn 
der Reconvalescenz nur vermittelst der Thermometrie festzustellen, 
und man kann sie nur dann als gesichert annehmen, wenn min- 
destens zwei Tage hintereinander die niedern Temperaturen sich 
erhalten. 

Häufig ist dabei die Temperatur sogar etwas tiefer, als im 
normalen Zustande, zeigt Morgens 36 bis Bß,^^ , Abends unter 37 o, 
wodurch mehr die Sicherheit der Reconvalescenz, als irgend ein 
ungünstiges Verhalten angezeigt wird. 

Aber oft ist die Reconvalescenzperiode gestört. 

Die unbedeutendste Störung besteht in einer kurz dauernden, 
allerdings oft sehr beträchtlichen Steigerung der Temperatur, welche 
nach dem ersten Genuss von Fleisch oder andern nahrhaften Sub- 
stanzen, nach einem Freundesbesuche sehr häufig bei Abdominal- 
typhusreconvalescenten eintritt. 

In vielen Fällen von Abdominaltyphus , allerdings in schweren 
häufiger, als in leichten, treten während der Reconvalescenz ohne 
bekannte Motive 1 bis 3 Tage lang dauernde erneuerte Fieberbewe- 
gungen, Fieberrelapse ein. Sie sind zwar an sich ungefährlich, ver- 
zögern jedoch die Reconvalescenz und können, wenn das Verhalten 
des Kranken nicht entsprechend geordnet wird, wahrscheinlich wei- 
tere Nachtheile haben ; die Temperatur ist gewöhnlich das einzige 
Zeichen , durch welches sie erkannt werden . und bezeichnet ebenso 
aufs schärfste ihre Beendigung. Es zeigt sich zuweilen, dass zu 
einer gewissen Zeit, während der Dauer einer Epidemie fast jeder 
Fall in der Reconvalescenz durch solche Fieberrelapse unterbrochen 
ist, die bei einem und demselben Individuum zwei- und dreimal sich 
wiederholen können. 

Zu manchen Zeiten häufiger, zu andern seltener treten während 
der Reconvalescenz wahre Recidive des typhösen Processes ein, 
welche in den ersten Tagen gemeinighch nur durch die Temperatur 
erkannt werden , da gewöhnlich keinerlei andersartige Erscheinungen 
auf den Rückfall aufmerksam machen. Sie sind eher zu befürchten, 
wenn in der Reconvalescenz sich noch übernormale Abendsteige- 
rungen zeigen und können 8 Tage ,. vielleicht selbst noch etwas 
später nach dem Eintritt der Reconvalescenz sich entwickeln. Sie 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 20 



306 D^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltvphus. 

sind im Allgemeinen ungefährlich, wenn bei Zeiten eine richtige 
Pflege eintritt, und sie stellen, wie schon erwähnt, gerade die voll- 
kommensten Beispiele eines einfachen, günstig und rasch abheilenden 
Typhusprocesses dar. 

Auch verschiedene Hypostrophen können in der Reconvalescenz 
vom Abdominaltyphus eintreten , und auch sie geben sich meistens 
durch erneuertes Steigen der Temperatur zuerst zu erkennen ; die Art 
der neuen Störung kann gewöhnlich erst in den nächsten Tagen be- 
stimmt werden. 

Hiernach ist die fortwährende Messung der Abdominaltyphus- 
reconvalescenten , wenigstens einmal an jedem Abende, von der 
grössten praktischen Wichtigkeit, und bei der ünthunlichkeit, einen 
solchen täglich umständlich zu untersuchen , wird der Nutzen einer 
Prüfungsmethode um so anschaulicher , welche ohne alle Belästigung 
ausgeführt mit der grössten Sicherheit den Moment anzeigt, in 
welchem eine genauere Exploration des Reconvalescenten aufs neue 
einzutreten hat. 

20. Im Kindesalter, um so mehr je jünger das Kind, 
zeigt der Temperaturgang beim Abdominaltyphus gewöhnlich Irre- 
gularitäten. 

Häufig kommen ungewöhnlich milde Verlaufsarten vor. 

Doch steigt die Temperatur in den ersten Tagen rascher und 
erreicht in der ersten Woche durchschnittlich sehr beträchtliche 
Grade. 

Der Uebergang in die remittirende Periode ist frühzeitiger und 
der Ablauf der Defervescenz im Allgemeinen rascher. 

Aber Störungen durch Complicationen treten gerne ein und wo 
sie sich zeigen , kann noch nachträglich die Höhe der Temperatur 
sehr erheblich werden. 

Die Diagnose des Abdominaltyphus kann durch die Unregel- 
mässigkeiten des Temperaturganges sehr erschwert werden. 

21. Bei Menschen über vierzig Jahren, welche vom 
Typhus befallen werden, ist die Temperatur häufig niedriger, als 
bei jüngeren Erwachsenen. Sie gelangt meist während des Fasti- 
giums nur auf Exacerbationshöhen von 39 bis 39,5 o, ^^^^ ausnahms- 
weise bis 40 Q^er darüber und sinkt in den Morgenstunden 
unter 39 0. 

Sie zeigt mehr Irregularitäten in dem Gange , als bei jüngeren 
Individuen. 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 307 

Das Fastiginm erstreckt sich selten über die zweite Woche 
hinaus ; aber ein amphiboles Stadium schliesst sich gern an und 
mindestens ist die Abheilungsperiode eine protrahirte und zu Störungen 
geneigte. Collapse treten häufig ein und die Temperatur gelangt 
während der Abheilung und in der Reconvalescenz häufiger unter die 
Norm, als bei jüngeren Individuen. 

Auch in tödtlichen Fällen zeigt sich nicht selten im Anfang eine 
trügerische Milde des Fiebers, doch können später die Temperaturen 
beträchtliche Höhen erreichen. Der Tod tritt zuweilen mit hober, 
noch häufiger mit massiger oder niedriger Temperatur ein. 

Während dieses Verhalten der Temperatur bei 40- und mehr- 
jährigen Individuen sehr gewöhnlich ist d. h. ungefähr in der Hälfte 
der vom Abdominaltyphus dieses Alters Befallenen eintritt, und meist 
nur bei Solchen fehlt, die trotz ihres Alters besonders wohl conservirt 
sind, kommt es bei Menschen zwischen 36 und 40 Jahren bereits 
weit seltener (ungefähr in einem Siebentel der Fälle) , bei Menschen 
zwischen 31 und 35 Jahren noch seltener (etwa in einem Zehntel 
der Fälle) vor. 

Vgl. ühle (1859 im Archiv für physiol. Heilk. XVIII. 95). 

22. Anämische Individuen , vornehmlich wenn die Anämie 
nicht zu hohen Grades ist, zeigen in der Regel den ermässigten Ver- 
lauf des Abdominaltyphus und die Abheilung kommt verhältniss- 
mässig früh zu Stande. Diess schliesst nicht aus, dass Anämische 
durch Complicationen sehr gefährdet werden können und dass bei 
solchen Ereignissen auch der Temperaturgang ungünstig sich formirt. 
Es sind vornehmlich : Blutungen, auch an sich nur massigen Grades, 
Lungenatfectionen, schwere Hirnerscheinungen , Parotiten, Decubitus, 
welche bei Anämischen eine gefahrlichere Bedeutung und einen noch 
grösseren Einfluss haben, als bei Andern. 

23. Zuvor bestehende Erkrankungen irgend erheb- 
licher Art, die in den Abdominaltyphusverlauf hinein fortdauern, 
machen diesen fast ohne Ausnahme irregulär, und die Unregelmässig- 
keit kann so gross werden , dass man geraume Zeit hindurch , selbst 
bis zum Tod zweifelhaft über die Diagnose bleiben mag. In den 
meisten solcher Fälle ist der Verlauf nicht nur unregelmässig, son- 
dern zugleich schwer. Die hohen Abendtemperaturen fallen nur 
selten aus ; auch Remissionen und sogar sehr tiefe zeigen sich ; aber 
die Aufeinanderfolge in dem Gange ist unordentlich und. verwischt, 

20* 



308 D^s Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 

und der Verlauf zeigt fast von Anfang die Schwankungen des amphi- 
bolen Stadiums. 

Die Krankheiten, welche vorzugsweise diesen Einfluss haben, 
sind : die Lungenphthisis, hochgradige Emphyseme, Herzkrankheiten, 
Magencatarrhe , Darmulcerationen , beträchtliche chronische Nephri- 
ten, die hämorrhagische Diathese und der chronische Alkoholismus, 
die chronische Bleiintoxication , hochgradige Hysterie; ferner von 
acuten Krankheiten , in deren Verlauf der Typhus beginnt : die Peri- 
tonitis, die Scarlatina, die Cholera. 

Aehnlich wirkt auch die Schwangerschaft und das Puerperium, 
jedoch keineswegs in allen Fällen. 

24. Die energische Anwendung der Kälte in Form von 
wiederholten mehr oder weniger kalten Bädern , sehr kalten üeber- 
giessungen, fortgesetzten eiskalten üeberschlägen über den Rumpf 
oder rasch sich folgenden Einwicklungen des Körpers in nasskalte 
Tücher (sogenannte Kaltwasserbehandlung) ist unstreitig das mäch- 
tigste bis jetzt bekannte Verfahren , die Temperatur der Abdominal- 
typhösen zu influenziren. 

Abgesehen von zahlreichen weiteren Wirkungen auf andere Er- 
scheinungen der Krankheit haben die genannten Applicationen, falls sie 
in genügender Energie und Consequenz ausgeführt werden, zur Folge: 

a) eine mehr oder weniger beträchtliche , mehr oder weniger 
andauernde Herabsetzung der Temperatur nach der einzelnen Appli- 
cation. Der Temperaturerniedrigung geht zuweilen im ersten Mo- 
mente eine geringe Steigerung voran. Jene selbst ist auch keines- 
wegs immer sicher; denn zuweilen fällt sogar nach einer starken An- 
wendung, z. B. nach einem über eine Viertelstunde fortgesetzten^ 
kalten Vollbade, nach stundenlang übergeschlagenen Eiscompressen 
etc. , die im After gemessene Temperatur nur sehr unbedeutend (um 
wenige Zehntel) oder gar nicht , oder zeigt sie sich sogar erhöht ; 
meist jedoch findet man sie eine Viertel oder halbe Stunde nach der 
Anwendung der Kälte um 1 — 3 Grade, zuweilen noch beträchtlicher 
gefallen ; erst dann beginnt sie wieder zu steigen und gelangt erst 
nach 2 — 6 Stunden oder noch später wieder auf intensiv febrile 
Höhen. Manchesmal unter besonders günstigen Umständen erreicht 
sie die frühere Höhe gar nicht mehr. Diese Verschiedenheiten hängen 
zum Theil von der Art und Intensität der Application ab, zum andern 
Theil aber von den Umständen des Falls, der Form und dem Stadium 
der Krankheit. Die Wirkung ist im Allgemeinen grösser und dauer- 
hafter bei .kalten Vollbädern und rasch wiederholten nasskalten Ein- 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. 309 

Wicklungen , sodann bei Kindern , bei mildem remittirendem Verlauf, 
bei Abwesenheit von Complicationen , in später Periode der Krank- 
heit und bei der Anwendung zur Zeit der natürlichen Remission. Die 
Wirkung ist geringer oder bleibt oft auch ganz aus bei den milderen 
Applicationen , ferner bei Erwachsenen , in früher Periode und bei 
schwererem Grade der Krankheit, bei subcontinuirlichem Verlauf, bei 
Complicationen und während der vorgeschrittenen Tagesascendenz 
oder auf der Höhe der Tagesexacerbation. 

b) Es wird durch die energische und genügend wiederholte 
Application der Kälte der Verlaufstypus mehr oder weniger beträcht- 
lich alterirt. Es werden zunächst die natürlichen Tagesremissionen 
oft verwis'cht , die Exacerbationen häufig dislocirt. Nur ausnahms- 
weise scheint eine wirkliche Abkürzung des Verlaufs , eher vielleicht 
eine Verlängerung desselben, gewöhnlich dagegen eine allgemeine 
Milderung herbeigeführt zu werden. Zumal bei hochfebrilen Exacer- 
bationen werden diese gebrochen , und wird das Weitersteigen der 
Temperatur verhindert ; freilich bei zu frühzeitiger Suspension der 
Applicationen stellt sich Letzteres in der Regel sofort wieder ein. 
Auch scheint es, dass bei subcontinuirlichem Verlauf durch conse- 
quente Fortsetzung der kalten Applicationen eine üeberführung in 
den remittirenden Typus , wenn auch zunächst mit anomaler Form, 
bewirkt und bei eingetretenen Remissionen ihr Fortgang gesichert 
und beschleunigt werden könne. 

Schon hiernach wird ersichtlich , dass durch die Kaltwasserbe- 
handlung schwere Zufälle und Folgen des Abdominaltyphus verhütet 
und ermässigt, grosse Gefahren erfolgreich bekämpft werden können, 
somit manches Leben bei dieser Krankheit durch ein solches Ver- 
fahren zu fetten ist. Die übrigen Wirkungen dieser Curmethode 
gehören nicht hierher und es mag nur hinzugefügt werden, dass 
durch dieselbe nach dem übereinstimmenden Zeugniss aller Beobachter 
und auch nach meiner eigenen Prüfung der Methode die Mortalität 
der Krankheit sehr beträchtlich verringert wird und dass in einzelnen 
desperaten Fällen kaum mehr zu erwartende günstige Wendungen 
erlangt werden. 

Vgl. darüber H a 1 1 m a n n (I.e.), Brand (die Hydrotherapie 
des Typhus 1861 und die Heilung des Typhus 1868), Liebe r - 
meist er und Hagenbach (Beobacht. und Versuche über die An- 
wendung des kalten Wassers bei fieberhaften Krankheiten 1868), 
Jürgensen (klinische Studien über die Behandlung des Abdomi- 
naltyphus mit kaltem Wasser 1866), Ziemssen und Im m er- 
mann (die Kaltwasserbehandlung des Typhus abdominalis 1870). 



310 I^as Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus 

25. Eine frühzeitige, d. h. in der ersten Woche vorgenommene 
innerliche Anwendung des Calomels in nicht zu kleinen Dosen 
(SOCentigramme), weniger sicher die Anwendung anderer Laxanzen, 
influeuzirt meistens den Verlauf, bedingt zunächst unmittelbar eine 
stärkere Remission, als sie sonst in dieser Zeit spontan vorzukommen 
pflegt. Nach diesem Niedergang steigt jedoch die Temperatur wie- 
der , aber gemeiniglich nicht zur alten Höhe , und in einer ziemlichen 
Zahl von Fällen geschieht es, dass nach darauf folgendem wenig- 
tägigem massigem Verlauf die Defervescenz in der gewöhnlichen 
remittirenden Weise, zuweilen auch in beschleunigtem Gange sich 
anschliesst und die Reconvalescenz früher erreicht wird , als diess 
durchschnittlich bei sich selbst überlassener , wenn auch milder 
Krankheit geschieht. 

Wird das Calomel sehr frühzeitig, d.h. in der Mitte der I.Woche 
gegeben , so tritt die starke Remission ebenfalls ein, aber die nach- 
folgende Steigerung ist zuweilen (wenn auch nicht in der Mehrzaiil 
der Fälle) beträchtlicher und kann die Temperatur vor der Anwen- 
dung überragen. Es scheint, dass durch die Anwendung des Calo- 
mels zu so früher Zeit die Erreichung der Maximalhöhe der Tempe- 
ratur zuweilen verzögert wird : wenigstens kommen in solchen Fällen 
noch Maxima am 7. und 8. Tag, selbst noch später vor, und es ist 
die Wirksamkeit des Mittels im allgemeinen ziemlich zweifelhaft, 
wenn nach seiner Anwendung noch Temperaturen von mehr als 
40,5^ sich zeigen. 

Wird das Calomel erst in der zweiten Woche und später ge- 
reicht , so kommen wohl noch unmittelbare starke Remissionen nach 
seiner Anwendung ; aber eine Wirkung auf den Gesammtgang zeigt 
sich nur ausnahmsweise und um so weniger und seltener, je vor- 
geschrittener der Verlauf der Krankheit zur Zeit der Reichung des 
Mittels war. 

Vergl. meine Abhandlung : Prüfung der Calomelwirkung beim 
enterischen Typhus (1857 im Arch. für physiol. Heilk. XVI. 367). 

26. Die Digitalis, in der Menge von 2 — 4 Gramm und 
darüber (auf 3 — 5 Tage vertheilt) während eines hochgradigen ab- 
dominaltyphösen Fiebers in der zweiten und dritten Woche ange- 
wandt , bedingt in zahlreichen Fällen zunächst eine geringe Ermässi- 
gung der Eigenwärme , sodann einen starken Niedergang der Tem- 
peratur, welcher während der Exacerbationszeit 2 Grad und mehr 
betragen kann. Dieses Sinken pflegt aber die Anwendung des 
Mittels nur ungefähr einen Tag zu überdauern. Darauf steigt 



Das Verhalten der Eigenwärme beim Abdominaltyphus. ^1\ 

die Temperatur wieder, erreicht aber in günstig influenzirten Fällen 
die frühere Höhe nicht und bleibt bei gleichzeitig sehr stark herab- 
gedrticktem Pulse in massigen Höhen, defervescirt auch wie gewöhn- 
lich, während der Puls erst ungefähr 14 Tage nach der Digitalisan- 
wendung und zur Zeit der indessen vorgeschrittenen Abheilung aus 
seiner künstlichen Erlaugsamung sich wieder erhebt. 

Vgl. meine Abhandlung: üeber den Nutzen der DigitaHsan- 
wendung beim enterischen Typhus (1862 im Archiv d. Heilk. HI. 
97), Ferber (1864 inVirchow's Archiv XXX. 290) und Thomas 
(1865, Archiv d. Heilk. VI. 329). 

27. Das Chinin, in grösseren Quantitäten (1,2 — 1,8 Gr. für 
wenige Stunden in 3 Dosen vertheilt) hat eine mächtige temperatur- 
deprimirende Wirkung beim typhösen Fieber. Die ersten Beobach- 
tungen darüber sind von Wachsmuth, welcher 3mal dreistündlicli je 
0,6 Gramm anwandte und dabei ein rapides Sinken der Eigenwärme 
von 40,25^ bis auf 36,73 beobachtete. Die Temperatur stieg nach 
2 Tagen wieder Abends auf 40,2^, aber Remissionen bis zur Norm er- 
hielten sich und die Defervesceuz begann und vollendete sich rasch. 
In einem meiner Fälle wurde durch 1,2 Gramm Chinin, welches bei 
einer Temperatur von 41 ^ Abends zwischen 5 und 12 ühr gereicht 
wurde , in der Nacht unter Eintritt rauschartiger Symptome ein 
rasches Sinken der Temperatur bewirkt, welche am folgenden 
Morgen nur noch 37,^0 uh(J am Mittag sogar 36,23^ zeigte. Abends 
stieg sie wieder auf 40,^ ^. Eine abermalige Darreichung von 
1 Gramm über 48 Stunden vertheilt, drückte die Temperatur aber- 
mals auf 36,9, worauf sie wiederum stieg, die Krankheit aber von da 
an einen milden Verlauf nahm. Eine Sicherheit der günstigen Wir- 
kung dürfte jedoch dem Gebrauch des Chinins in grossen Dosen nicht 
zukommen. Auch ist bemerkenswerth , dass nach der Mittheilung 
von Quincke (Berliner klinische Wochenschrift 1869. Nro. 29) 
ein an mehren Abenden mit Dosen von je 1,0 Gramm Chinin eines 
an sich nicht sehr schweren Abdominaltyphus wegen behan- 
deltes Mädchen plötzlich unter einer höchst excessiven Temperatur- 
steigerung (43,4 0) ^^ <^^i' dritten Krankheitswoche starb. Massigere 
Dosen von Chinin (0,6 — 0,8 Gramm in 24 Stunden) können, jedoch 
nur in unzuverlässiger Weise , ein Sinken der Temperatur im Abdo- 
minaltyphus bewirken. 

Vgl. Wachsmuth (1863 Archiv der Heilk. IV. 74), Tho- 
mas (1864 ibid. V. 536), Lieber meiste r (1867 deutsches 
Archiv ni. 26). 



312 I^^s Verhalten der Eigenwärme 

28. Ueber keine Krankheitsform liegen hinsichtlich der Tem- 
peraturverhältnisse so zahlreiche Untersuchungen und Thatsachen 
vor , als über den Abdominaltyphus. Es ist hier zuerst zu erinnern 
an die bereits citirten, das Verhalten der Temperatur in dieser Krank- 
heit mehr oder weniger berührenden oder auch eingehend behan- 
delnden Arbeiten von Gierse, Hallmann, Roger, Zimmer- 
mann, besonders aber von B ä r e n s p r u n g und Traube. So- 
dann sind die thermometrischen Verhältnisse meist mit abgehandelt 
in einigen neueren monographischen Darstellungen des Abdominal- 
typhus, sowie in den verschiedenen neueren Handbüchern, unter 
denen , ausser meinem Handbuch der Pathologie und Therapie, 
2. Aufl. 1856, vornehmlich G r i e s i n g e r ' s Darstellung in seinen 
Infectionskrankheiten , 2. Aufl. 1864, aufzahlreiche selbständige 
thermometrische Erfahrungen basirt ist. Sodann sind zu erwähnen : 
Die Artikel von Thi er f eider (nach den Beobachtungen aus 
meiner Klinik 1855 im Archiv für physiol. Heilk. XIV. 173), 
Wunderlich (1857 ibid. XVI. 367 und 1858 XVII. 19), ühle 
(1859 ibid. XVnL76), Wunderlich (1861 Archiv der Heilk. 
II. 433 und 1862 III. 97), Fiedler (ibid. III. 265), Wachs- 
muth (1863 ibid. IV. 55), Thomas (1864 ibid. V. 431 und 527; 
und 1867 ibid. VIII. 49), Lade (de la temp. du corps dans les ma- 
ladies et en particulier dans la fievre typhoide 1866), Bäumler, 
(1867 deutsch. Archiv für klin. Med. III. 365), Seidel (1868 
Jena'sche Zeitschr. IV. 480). Ausserdem finden sich zahlreiche 
Notizen über einzelne Punkte oder Bestätigungen des schon von 
Andern Vorgebrachten in sehr vielen Abhandlungen zerstreut. 

Siehe Tafel I, H und III. 



II. Exanthematischer Typhus (Fleckfieber). 

1. Das Fieber beim exanthematischen Typhus hat, so weit 
wenn auch nicht gerade sehr zahlreiche aber um so genauere Beob- 
achtungen beweisen , einen sehr bestimmt tj^pischen Character , der 
sich am vollkommensten in massigen und mittelschweren Fällen zu 
erkennen giebt. 

Das Fieber des exanthematischen Typhus unterscheidet sich 
von dem Fieber aller andern Krankheiten , namentlich auch von dem 
abdominaltyphösen Fieber, mit welchem es jedoch auf einzelnen 
Punkten üebereinstimmung zeigt. 

Es ist das Fieber des exanthematischen Typhus von kürzerer 



bei dem exanthematischen Typhus. 313 

Dauer als die kürzesten noch normalen Fieberverläufe beim abdomi- 
nalen. Es ist dagegen von längerer Dauer, als das Fieber bei allen 
übrigen acut und typisch verlaufenden Krankheiten. 

Cltarakteristisch ist bei dem exanthematischtyphösen Fieber : 

die Initialperiode ; 

das Fastigium, an dem sich häufig zwei Abschnitte unter- 
scheiden lassen ; 

die Defervescenzperiode. 

Die Verfolgung der Temperatur durch nur eine dieser Perioden 
kann den Verdacht eines exanthematischen Typhus zuweilen mit 
grosser Wahrscheinlichkeit begründen. Die Verfolgung der Tem- 
peratur durch zwei jener Perioden sichert fast immer vollkommen die 
Diagnose. 

Der Gang der Temperatur lässt mittelschwere und schwere, 
gefährliche Fälle mit ziemlicher Sicherheit unterscheiden. 

In sehr schweren Erkrankungen aber verwischt sich häufig der 
Typus und wird , zumal wenn nur eine kurze Strecke des Verlaufs 
vorliegt, die Diagnose und die Unterscheidung von andern schweren 
Krankheiten weit schwieriger, ja zuweilen unmöglich. 

Irregularitäten des Verlaufs mit oder ohne Complicationen kom- 
men auch beim exanthematischen Typhus vor ; es ist aber bei der 
Spärlichkeit einschlagender genauer Beobachtungen bis jetzt noch 
nicht möglich, ihren Charakter zu präcisiren. 

2. Im Anfang der Erkrankung steigt die Temperatur gemei- 
niglich rascher, als beim Abdominaltyphus, zumal in Fällen, welche 
mit einem Schüttelfrost beginnen. 

Schon -am ersten Abend pflegt die Temperatur die Höhe von 
40 — 40,5^ zu erreichen. Sie geht dann am folgenden Morgen 
wieder etwas zurück , zuweilen kommt sie selbst der Normaltempera- 
tur wieder ziemlich nahe, meist bleibt sie jedoch zwischen 39,5 und 
40 ö. Am zweiten ■ Abend steigt sie aufs Neue und kann bereits 
40,3 überschreiten, am dritten Abend erhebt sie sich noch beträcht- 
licher selbst bis 41,3. 

Die Zunahme dauert mindestens bis zum vierten Abende fort, 
an welchem die Temperatur selten unter 40,5 <^, nieist auf 41^ und 
darüber zu sein pflegt und zwar ebensowohl in tödtlichen als in 
genesenden Fällen. 

In dieser Periode der Krankheit vermag weder die thermome- 
trische Beobachtung noch die Berücksichtigung irgend welcher son- 
stigen Symptome eine Diagnose zu sichern ; namentlich ist es unmög- 



314 ^^s Verhalten der Eigenwärme 

lieh die Kranklieit von exanthematischen Fiebern und von Febris 
recurrens zu untersclieiden. Von dem Abdominaltypbus dagegen 
unterscheidet sie sich sehr bestimmt durch das ungleich raschere An- 
steigen der Temperatur. Die positive Diagnose des exanthematischen 
Typhus ist in dieser Zeit nur durch die Herbeiziehung der Aetiologie 
(Nachweis der Ansteckung) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit 
zu stellen. 

3. In massigen und günstig verlaufenden Fällen kann schon 
mit dem vierten Tage die Temperatur auf ihrem Gipfel angelangt 
sein und es tritt im Laufe der zweiten Hälfte der ersten Woche , am 
4., 5. oder 6. Tage bereits ein Wendepunkt ein, der sich durch ein 
freilich nur sehr massiges Abnehmen der Eigenwärme kundgiebt. 
Eine etwas stärkere Remission folgt in günstigen Fällen am 7. oder 

8. Tag. Sofort steigt zwar die Temperatur in der zweiten Woche 
wieder , aber nur wenige Tage , erreicht in solchen günstigen Fällen 
auch in der Regel nicht mehr die Höhe des Maximums der ersten 
Woche. 

Diese Steigerung beginnt ziemlich gleich häufig am 8. und 

9. Tag, selten später und kann nur ein Paar Zehntel bis 2 Grade 
betragen. In günstigen Fällen hält sie nur sehr kurz an, selbst nur 
1 Tag oder 2 bis 3 Tage , und die Temperatur wendet sich wieder 
sachte nach abwärts. 

Auf den. 12. Tag fällt in günstigen Fällen gemeiniglich eine 
stärkere sozusagen präparatorische Remission , die bald einen gan- 
zen , bald nur einen halben Tag , bald zw^ei Morgen hindurch sich 
erhält. 

Hierauf kann eine dritte , meist sehr kurz dauernde Steigerung 
folgen , die den Charakter der Perturbatio critica hat und sofort iu 
die definitive Defervescenz umschlägt. 

Oder die Defervescenz schliesst sich unmittelbar und ohne vor- 
ausgehende Steigerung an die erst nur geringfügige, in der Mitte der 
zweiten Woche eintretende Abnahme an. 

In diesen leichteren Fällen bleibt während des Fastigiums die 
Diagnose meist zweifelhaft , wenn sie nicht durch die Aetiologie ge- 
sichert ist. Die Thermometrie kann nur eine gewisse Wahrschein- 
lichkeit für den exanthematischen Typhus und gegen den abdomina- 
len begründen und diese Wahrscheinlichkeit beruht auf dem Vorhan- 
densein überaus hoher Temperaturen während der zweiten Hälfte der 
ersten Woche und nicht viel geringerer in den ersten Tagen der zwei- 
ten. Die Wahrscheinlichkeit wird noch wesentlich gesteigert, wenn 



bei dem exanthematisehen Typhus. 315 

neben diesen excessiven Temperaturen die Hirnsymptome beträclit- 
lich, die übrigen Erscheinungen aber relativ massig sind. Die Letz- 
teren für sich allein geben zwar eine Reihe von Anhaltspunkten, aber 
gleichfalls keine Sicherheit. 

Hat man jedoch den Krankheitsfall vom Beginn an bis in die 
erste Hälfte der zweiten Woche beobachtet, so kann man aus dem 
thermometrischen Verhalten die Diagnose meistens mit grösster 
Sicherheit machen. Es giebt ausser dem exanthematisehen Typhus 
eine Krankheitsfbrm , die in ähnlicher Weise beginnt und zugleich 
denselben Verlauf während des Fastigiums zeigen, die namentlich 
nach hohem continuirlichem Fieber in der zweiten Woche anlangen 
kann, ohne dass sich irgend eine schwere Localisation ausgebildet hätte. 
Diese mit dem exanthematisehen Typhus allerdings leicht zu ver- 
wechselnde Krankheit ist die Febris recurrens in einzelnen jedoch 
immerhin seltenen Fällen ; denn in der grossen Mehrzahl erreicht bei 
der Febris recurrens das Fieber nicht die zweite Woche. 

4. In schweren, wohl auch in vernachlässigten Fällen setzt sich 
die Steigerung der Exacerbationshöhen beim exanthematisehen Ty- 
phus durch die ganze erste Woche fort und erreicht sehr beträcht- 
liche Grade (41,2 — 41,6 ^ und darüber). Die Remission am 7. Tage 
bleibt aus und die Fieberhitze erhält sich durch die ganze zweite 
Woche oder doch über den grössten Theil derselben in sehr bedeu- 
tender Höhe und in dem exacerbirenden Typus, so dass Morgens 
Temperaturen von 40<> oder nahezu bestehen, Abends die Wärme 
noch einen Grad und mehr steigen kann. 

In solchen schweren Fällen bleibt auch die Ermässigung am 
zwölften Tage aus oder ist nur in einer geringen Andeutung vorhan- 
den, und wenn auch in schweren genesenden Fällen die Temperatur 
um ein geringes gegen das Ende der 2. Woche sich mindert, so blei- 
ben doch sehr hohe Morgen- und Abendwerthe bis in den Anfang der 
dritten Woche. 

Die Diagnose ist bei schweren Fällen im Fastigium fast noch 
schwieriger, als bei leichten, namentlich die Unterscheidung von 
Abdominaltyphus: denn schwere Fälle von exanthematischem und 
von abdominalem Typhus sind sich nach allen Beziehungen während 
des Fastigiums weit ähnlicher als leichte. Die täglichen Temperatur- 
maxima sind allerdings bei exanthematischem Typhus in der Regel 
höher als selbst bei schwerem abdominalen ; Neigung zu beträcht- 
lichen Remissionen zeigt sich bei jenem weit weniger ; aber es sind 
diess Quantitätsdifferenzen, die häufig genug nicht entscheidend sind. 



316 Das Verhalten der Eigenwärme 

Nimmt man dazu , dass gerade in schweren Fällen beider Krankhei- 
ten die übrigen Symptome gleichfalls sehr übereinstimmend sein kön- 
nen, die Roseolae z. B. auch im Abdominaltyphus zuweilen reichlich, 
bei der exanthematischen Form spärlich, die Hirnsymptome beim 
abdominalen so schwer, als beim exanthematischen sein können und 
beim Letzten auch dünne Stühle und Auftreibung des Leibes nicht 
immer fehlen , so wird man die Nothwendigkeit vorsichtiger Dia- 
gnosenstellung in diesem StadiHm begreifen. 

5. Das Stadium der Entfieberung ist beim exanthemati- 
schen Typhus meistens sehr charakteristisch. 

In der grossen Mehrzahl der Fälle geht der Defervescenz eine 
meist nur kurz (1 — 2 Abende) dauernde Perturbatio critica voran, 
die in einer Temperaturerhöhung von wenigen Zehnteln bis 2 ^ und 
mehr über die Höhe des vorhergehenden Abends besteht und noch 
mehr mit der oft schon ermässigten vorangehenden Morgentemperatur 
contrastirt. 

Auf sie kann entweder die Defervescenz sofort und in präcipi- 
tirter Weise folgen, oder in selteneren Fällen tritt zunächst nach. der 
Perturbationssteigeruug ein kurz dauerndes massiges Sinken und als- 
dann der rapide Niedergang ein. 

In den Fällen, in welchen die Perturbatio critica ausbleibt, ist 
die Temperatur meist schon in der zweiten Hälfte des Fastigiums zu 
einer mittleren Intensität ermässigt. 

Die Defervescenz erfolgt am häufigsten zwischen dem 13. und 
17. Tage, viel seltener zwischen dem 12. und 13. und noch weit 
seltener noch früher. Auch spätere Beendigungen sind selten und 
zweifelhaft ; es sei denn , dass durch eine Complication das Fallen 
des Fiebers verzögert würde. 

Der Gang der Defervescenz ist in der Mehrzahl der Fälle ein 
rapider. In nicht wenigen Fällen sinkt sogar im Laufe einer Nacht 
die Temperatur von einer Höhe von nahezu 40 ^ oder selbst von 
mehr als 40^ bis zur Norm, also um 2 — 3 Grade und erhebt sich 
überhaupt von da an nicht mehr zu febriler Höhe. 

Noch etwas häufiger , besonders in schweren Fällen , geschieht 
es, dass an dem Morgen nach dem ersten nächtlichen Abfall die Tem- 
peratur nicht ganz bis zur Norm gelangt, auf etwa 38 — 38,30, am 
folgenden Abend sodann wieder steigt auf 38,8 — 39,2 ^ und erst am 
nächsten Morgen die Norm erreicht. 

Seltener geht die Defervescenz durch den Abend wenn auch in 
etwas langsamerem Zuge durch , oder geht sie stafFelförmig abwärts 



bei dem exanthematischen Typhus. 317 

und erreicht nach 2mal 24 Stunden die Norm, oder dauert ein etwas 
massigeres, aber fast continuirliches Sinken über mehrere Tage fort, 
so dass in 3 — 5 Tagen die Norm erreicht wird. 

Nur ausnahmsweise nähert sich übrigens die Defervescenz der- 
jenigen des Abdominaltyphus , indem sie mit Remissionen verläuft. 
Aber auch in diesen Fällen wird die Normaltemperatur ganz wesent- 
lich rascher erreicht, als bei letzterer Krankheit. 

Diese Artungen der Defervescenz scheiden den exanthemati- 
schen Typhus in der charakteristischsten Weise vom abdominalen, 
und wenn auch andere Krankheiten wie jener defervesciren können 
(Pneumonien, Variolen, Masern, Scharlach u. s. w.) , so ist dafür bei 
diesen der Fastigiumsverlauf und seine Dauer wesentlich verschieden. 
Von dem Typhus recurrens dagegen unterscheidet sich die Krank- 
heit schon allein in der Defervescenz dadurch , dass der Abfall bei 
Letzterer niemals so colossal ist. wie bei jenem. 

Die Defervescenz kann daher, zusammengehalten mit dem vor- 
hergehenden Verlauf, dazu dienen, den exanthematischen Typhus von 
jeder andern Krankheitsform mit grösster Bestimmtheit zu unter- 
scheiden , und die Fälle sind durchaus exceptionell , in welchen Stö- 
rungen während der Defervescenzperiode die Beweiskraft derselben 
schwächen. 

6. Die tödtlichen Fälle des exanthematischen Typhus zeich- 
nen sich gewöhnlich schon von Anfang an durch die enorme Tem- 
peraturhöhe aus (41,2 ö '^"^ darüber). Am Ende der ersten Woche 
bleibt die transitorische Remission aus. 

In der zweiten Woche kann der Tod eintreten bei fortwährend 
sehr hohen Temperaturen. 

Gelangt der Fall bis in die dritte Woche , so kann sich am 
14. Tag eine Ermässigung zeigen, die aber an sich noch keine gün- 
stige Bedeutung hat und meist bald wieder ausgeglichen wird. 

Doch sind auch in tödtlichen Fällen die Temperaturen in der 
dritten Woche nicht so hoch als früher, wenigstens bis zur Agonie. 
Die täglichen Maxima gehen nicht über 40,8^, sind meist sogar 
massig. Nicht in der Höhe des Fiebers , sondern in seiner Fort- 
dauer liegt während dieser Woche das Anzeichen der Lebens- 
gefahr. 

Vor dem Tode und in der Agonie steigt die Temperatur beim 
exanthematischen Typhus constant. In allen meinen Fällen , welche 
gemessen werden konnten, war eine Agoniesteigerung von mindestens 
1,25^, in einem Fall selbst von 3,6^, durchschnittlich um 1,8^ zu 



318 Das Verhalten der Eigenwärme 

bemerken. Die Temperatur stieg in der Agonie nur selten blos auf 
40 0, gewöhnlich auf 41 — 42 o, einmal auf 43 ^. 

7. Das Verhalten des Fiebers beim exanthematischen Typhus 
ist zuerst von mir nachgewiesen worden in meiner Abhandlung: 
Beobachtungen über den exanthematischen Typhus (1857 im Arch. 
f. physiol. Heilkunde N. F. Bd. I. 177). Meine Resultate fanden in 
allen wesentlichen Punkten volle Bestätigung durch Griesinger's 
Beobachtungen (1861 Archiv der Heilk. II. 557), durch Moers 
(1866 im Deutschen Archiv für klinische Medicin II. 36), durch 
Murchison (1866 in Lancet vom 8. Dec). Selbst die Messungen 
von Grimshaw (1867 Dublin Journal), so ungenügend sie sind 
(er misst nur täglich einmal und notirt bedenklich viel ganze Grade) 
und obwohl er sie als eine Widerlegung meiner von Aitken abge- 
druckten Resultate aufführt, lassen, sobald man die Curven auszieht, 
auf den ersten Blick erkennen , dass sie bei aller Dürftigkeit nichts 
als eine Bestätigung meiner Angaben darstellen. S. Temperatur- 
eurven Tafel IV. 



III. Typhus recurrens. 

1 . Der Typhus recurrens stellt sich in zwei Formen dar : als 
einfache Febris recurrens (relapsing fever der Engländer) oder als 
das von Griesinger zuerst in die Pathologie eingeführte biliöse Typhoid. 

Der Fieberverlauf bei der einfachen Recurrens ist im höchsten 
Grade typisch und dadurch ganz eigenthtimlich , dass zwei , zuweilen 
drei, selten vier Fieberanfälle von mehrtägigem continuirlichem Ver- 
lauf und äusserst beträchtlicher Temperaturhöhe durch eine gleich- 
falls mehrtägige Apyrexie unterbrochen sind , so dass diese Krank- 
heit vor allen andern als Muster eines relabirenden Fiebertypus 
erscheint. 

Bei der übrigens weit selteneren und nach ihrem Fieberverlauf 
weniger genau studirten Form des biliösen Typhoids kann sich ein 
damit übereinstimmender Verlaufstypus zeigen. Doch fällt sowohl 
in tödtlichen als in genesenden Fällen der zweite Fieberparoxysmus 
oft weg ; damit fehlt die eigenthümliche apyretische Unterbrechung 
und geht der besondere Character des Typus verloren. 

2. Die Krankheit beginnt gemeiniglich unter den Erschei- 
nungen eines Schüttelfrostes mit rapider Steigerung der Temperatur, 



bei dem Typhus recurrens. 3]^9 

wobei diese am 2. Tage gewöhnlich die Höhe von 40 ^ und selbst 
von 41 ^ übersteigt. Der weitere Verlauf der ersten Fieberperiode ist 
zunächst wesentlich continuirlich, jedoch mit einzelnen Exacerbatious- 
spitzen, welche zwischen 41 und 42^ reichen und auf jede Tages- 
stunde fallen können. Auch zweimalige Erhebungen an einem Tage 
sind nicht selten. Wirkliche Remissionen, d. h. ein Herabgehen der 
Temperatur auf nur 39,8^ zeigen sich während des Haupttheils die- 
ses in der Regel 5 — 7 , seltener 3 — 4 oder 8 — 13 Tage dauernden 
Fieberanfalls nicht. Nur erst am letzten oder an den 2, bei längerer 
Dauer des Fieberverlaufs auch 3 und 4 letzten Tagen vor der Ent- 
scheidung stellt sich eine entschieden descendirende Richtung ein, 
welche bald in einem nicht unerheblichen stetigen Sinken der Tem- 
peratur, bald aber in starken Remissionen, denen geringere Exacer- 
bationen folgen , sich kundgiebt. Besonders am Tage vor der Ent- 
scheidung tritt zuweilen eine sehr starke Remission bis nahezu auf 
38 ö ein, worauf sich aber die Temperatur mehr oder weniger, meist 
nicht auf den Exacerbationsgipfel des vorhergehenden Tages, zuwei- 
len aber auch über ihn erhebt. 

Die Temperaturhöhe unmittelbar vor der Entscheidung beträgt 
gemeiniglich zwischen 39,8 und 40,5 o, ist also wesentlich geringer 
als die Maximalhöhen, nur ausnahmsweise steigt unmittelbar vor der 
Defervescenz die Wärme in Form einer Perturbatio critica bis in die 
Höhe des früheren Maximums. 

Der Abfall erfolgt nun in rapidester Weise mit oder ohne Mit- 
wirkung eines Schweisses, so dass in einem Zuge binnen weniger als 
12 Stunden die Eigenwärme um 4 — 6^ (selten um weniger als 3) 
fällt und dabei in der Regel auf unternormalen Graden anlangt. 

Bei der biHösen Form ist das Fieber nach Zorn nicht so hoch, 
als bei der einfachen, obwohl sie bedeutend schwerer ist. Das 
Quecksilber steigt selten über 41 ö, schwankt meistens zwischen 
b9 — 40,5 und die peripherischen Theile fühlen sich häufig sogar 
kühl an, was gerade eine vorzugsweise Gefährlichkeit anzeigt. Auch 
kommen in dem ersten Anfall bei der biliösen Form bereits sehr 
viel Todesfälle vor. Auch bei dem biliösen Typhoid scheint ein 
ähnliches rapides Sinken , zuweilen nach einem neuen Froste und 
unter starken Schweissen das Fieber beendigen zu können. Doch 
geschieht diess nicht so regelmässig. Theils kann der Verlauf ohne 
Weiteres eine tödtliche Wendung nehmen, theils kommen laugsamere 
Entfieberungen vor. Herrmann bemerkt, dass in den Fällen, in 
welchen der Schweiss nicht entscheide , und statt der Krisis eine von 



320 ^^s Verhalten der Eigenwärme 

neuen Exacerbationen unterbrochene Lysis eintrete , tiefere Localisa- 
tionen oder zufällige Complicationen zu befürchten seien. 

3. Auf die Defervescenz folgt die apyre tische Periode, 
welche am häufigsten 1/2 — 1^/2 Wochen, selten nur 1 — 3 Tage, 
zuweilen 2 — 21/2 Wochen anhält. Diese Periode zeigt jedoch nur 
ausnahmsweise eine gleichmässige Fortdauer von normaler Tem- 
peratur mit den Tagesfluctuationen der Gesunden oder Reconvales- 
centen. Vielmehr bemerkt man in der Regel eine oder mehrere 
Unterbrechungen des Temperaturganges durch mehr oder weniger 
erhebliche Steigerung. 

Sehr bald nachdem die Wärme am Schlüsse der Defervescenz 
den tiefsten Punkt erreicht , steigt dieselbe in vielen Fällen wieder 
mehr oder weniger rapid und gelangt nicht nur von unternormalen 
Graden auf normale , sondern sehr gewöhnlich bis auf das Niveau 
der Fieberbewegung oder selbst des massigen Fiebers (08,3 <^). 
Diese Wiedersteigerung ist gewöhnlich ephemer, die Temperatur 
kehrt schon nach v/enigen Stunden , einem halben , ganzen Tag zur 
Norm zurück. Zuweilen folgt am nächsten Tage ein zweites , aber 
schwächeres Ansteigen , und es kann selbst 3 — 5 Tage lang unter 
diesen Schwankungen fortgehen, während in andern Fällen diese 
Erhebungen ganz fehlen , oder doch nur innerhalb der Gränzen der 
Normalwärme sich bewegen, oder selbst noch mehre Tage lang die 
Temperatur unternormal bleibt. 

Mag das Verhalten in den ersten Tagen des intervallären , sog. 
apyretischen Stadiums sein wie es will , so kommt fast immer un- 
gefähr in der Mitte dieses Stadiums eine kurzdauernde akmeartige 
Temperaturerhebung, zuweilen nur etwa einen Grad betragend, zuwei- 
len aber auf 2 , 3 Grade sich erstreckend. Sehr schnell kehrt die 
Apyrexie zurück und oft wird sie nach dieser episodären Steigerung 
erst vollständig ; anderemal jedoch zeigte die Temperatur vor dieser 
Steigerung eine vollständigere Normalität als nach derselben, üeber- 
haupt scheidet die kurze Steigerung die Apyrexie in zwei annähernd 
gleich lange Hälften , von denen meist jede einen etwas differenten 
Charakter hat. 

Die Periode der Apyrexie soll übrigens nicht ganz ohne Gefahr 
sein , und schon bei der einfachen Recurrens hin und wieder, beim 
biliösen Typhoid sogar ziemlich häufig der Tod während derselben 
eintreten. 

4. Der z w e i t e A n f a 1 1 der Krankheit tritt bei der einfachen 
Form häufiger ein, als bei der biliösen, bei jener in genesenden Fäl- 



bei dem Typhus recurrens. 321 

len fast immer, bei der biliösen Form nach Zorn nur ungefähr in der 
Hälfte der Fälle. 

Der Beginn des zweiten Anfalls geschieht mehr oder weniger 
rapid. Eine geringe Steigerung geht zuweilen voran. Dann folgt 
in einem raschen Zuge das Ansteigen und die Temperatur gelangt 
bald schon in wenigen, bald erst in 24 Stunden auf einen ersten 
Gipfel. Dieser beträgt in der Regel bereits 40 — 41 <^, ist aber doch 
fast immer erheblich unter dem Maximum der zweiten Fieberperiode. 

Die Dauer dieser zweiten Fieberperiode beträgt in der Regel 
drei bis vier Tage. Der Verlauf der Temperatur in derselben ist am 
häufigsten eine ascendirende Richtung mit mehr oder weniger tiefen 
Remissionen , zuweilen eine Continua ascendens, seltner eine wirk- 
liche Intermittens mit tertianem oder anderem Typus und 2 — 4 An- 
fällen, selten auch eine einzige kurzdauernde akraeartige Erhebung. 

Die Gipfel , deren meist nur einer im Tage, zuweilen auch zwei 
erreicht werden , pflegen immer höher zu werden , und gewöhnlich 
stellt der letzte die Maximalhöhe der zweiten Fieberperiode dar, welche 
gemeiniglich noch etwas -beträchtlicher ist , als die der ersten , selten 
unter 4 1^ beträgt, meist zwischen 41,4 <^ und 42 o, zuweilen noch 
höher steigt (in zweien meiner Fälle bis 42,2*^), somit überhaupt die 
höchste Temperatur zeigen kann, welche bei Genesungsfällen in irgend 
einer Krankheit vorkommt. 

Die zwischenfallenden Ermässigungen sind zuweilen nur ganz 
unbedeutend ; in der Mehrzahl der Fälle ist aber eine oder sind meh- 
rere (am häufigsten die erste oder die letzte) beträchtlich, so dass die 
Temperatur um 2 , 3 Grade und mehr für wenige Stunden fallen 
kann. Sofort wendet sie sich aber zum Steigen und überragt in 
kürzester Zeit die Höhe , von der sie herabgesunken war. Nur bei 
der iutermittirenden Form erhalten sich die zwischenfallenden niederen 
Temperaturen länger, während die Paroxysmen höher gehen , als bei 
gewöhnlicher Malariaintermittens. Die letzte Gipfelung, die zugleich 
meist die Maximalhöhe ist , wird nicht selten in den frühen Morgen- 
stunden erreicht. Sofort beginnt die Entfieberung mit oder ohne 
Seh weiss in einem jähen und ununterbrochenen Sturze der Eigen- 
wärme , d. h. im Laufe eines halben Tages um 4 — 7 Grade, selten 
um weniger als 31/2, meist bis zu unternormalen Graden, welche 
ohne Zeichen von Collaps erreicht werden. Am Ende des Sinkens 
treten zuweilen noch einzelne kleine Schwankungen ein. 

Mit dieser zweiten Defervescenz , welche einen Abfall der Tem- 
peratur zeigt , wie er bei keiner andern Krankheit vorkommt , ist ge- 
W'öhnlich die Krankheit geschlossen. Hin und wieder stellen sich 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 2 1 



322 Das Verhalten der Eigenwärme bei den Pocken, 

noch geringfügige Schwankungen bis zu übernormaler Höhe ein, meist 
ist aber die Reconvalescenz definitiv erreicht. Zuweilen soll nach 
dem Abfall des Fiebers noch der tödtliche Ausgang eingetreten sein. 
Hin und wieder folgt nach einem abermaligen kurzen apyretischen 
Intervall (gemeiniglich von 1 — 4 Tagen) ein dritter Anfall, dem 
selbst noch ein vierter folgen kann. Doch bleiben diese weiteren 
Anfälle häufiger aus , sie sind schon selten bei der einfachen Recur- 
rens, noch seltener bei der bihösen Form. Wenn sie eintreten, haben 
sie denselben Charakter , wie die beiden ersten , doch sind sie meist 
nicht so heftig wie diese , zeigen weniger hohe Temperatur , sollen 
aber nichts desto weniger tödtlich enden können. Im Genesungs- 
falle dauert der dritte Anfall zwischen 2 — 4 Tage, selten länger ; 
die Defervescenz ist rapid, aber wegen der minder beträchtlichen 
Fieberhöhe die Abfallsdistanz geringer: nur 1,6 ^ bis etwa 3^. 

5. Hinsichtlich des tödtlichen Ausgangs, der unter sehr ver- 
schiedenen Modificationen , bald im heftigsten Fieberanfall , bald im 
tiefsten Collapse, bald unter manchen andern Umständen eintreten 
kann, fehlt es an thermometrischen Angaben. In dem einzigen tödt- 
lichen Falle, welchen ich beobachtete, schloss sich dem zweiten 
Anfall ein amphiboles eine Woche lang dauerndes Schwanken an mit 
finaler Steigerung bis 41,4 o. 

S. über das Fieber bei Typhus recurrens vorzugsweise Herr- 
mann (Petersb. Zeitschr. VIII. 14), Zorn (ibid. IX. 16), meine 
Abhandlung (Archiv f. Heilk. 1869. X. 314), Wyss und Bock 
(Studien über Febris recurrens 1869) u. A. m. S. Curve der Recur- 
rens : Taf. IV. 

IV. Pocken. 

1. Das Fieber bei Pocken zeigt z w ei verschiede ne Ty- 
pen, die jedoch im Anfang der Krankheit übereinstimmen. 

Die beiden Typen entsprechen den zwei Hauptmodificationen 
der Pocken : eine kurzdauernde continuirliche Form , welche der 
ermässigten Erkrankung, der Variolois angehört, wie sie, wenn auch 
nicht ausschliesslich , aber vorzugsweise bei Geimpften vorkommt, 
und ein relabirender Typus , welcher die volle mit einem Suppura- 
tionsfieber verlaufende Form charakterisirt, die Variola vera , welche 
sich hauptsächlich, wenn auch nicht immer und nicht allein bei Nicht- 
geimpften zeigt. 

Der Gang des Fiebers unterscheidet die Pocken zwar nicht von 



Das Verhalten der Eigenwärme bei den Pocken. 323 

allen andern Krankheiten ; namentlich im Initialstadium und bei dem 
Fieber der Variolois zeigt sich ein Verlauf, der auch bei sonstigen 
Krankheiten, namentlich bei der Pneumonie vorkommen kann. 

Dagegen ist zur Zeit der Eruption das Fieberverhalten so eigen- 
thümlich, dass dasselbe in Verbindung mit dem auftretenden Exan- 
them, auch so lange letzteres noch keine charakteristische Gestaltung 
erlangt hat, die Diagnose vollständig zu sichern vermag. 

Der Gang des Fiebers ist ferner nicht im Stande , während der 
Initialperiode Variolois und Variola vera zu unterscheiden. Aber 
sobald das Exanthem sich entwickelt, ist das Verhalten der Tem- 
peratur nicht nur das sicherste, sondern das einzig sichere Criterium, 
um Variolois und Variola zu trennen. Nicht nur ist das Auftreten 
eines mehr oder weniger entwickelten zweiten Fiebers (Suppurations- 
fiebers) das zuverlässigste ünterscheidungsmittel für beide Formen ; 
sondern auch die Art der Defervescenz des Eruptionsfiebers giebt 
ein fast unfehlbares Anzeichen , welchen weiteren Verlauf man zu 
erwarten habe. 

lieber die Heftigkeit der Erkrankung entscheidet die Temperatur 
in der Initialperiode gar nichts, wohl aber das Verhalten nach der 
Eruption. 

Complicationen werden, wenn sie nach begonnener Eruption 
eintreten, an dem Temperaturgange meist erkannt. 

2. Die Initialperiode ist beiden Typen gemeinschaftlich. 

Die Temperatur gelangt am ersten oder zweiten Krankheitstage 
bereits zu einer beträchtlichen Höhe (40 o, wenig darunter, zuweilen 
mehr), seines, dass sie dieselbe in einem Zuge und höchst rapid 
(dann meist unter Schüttelfrost) erreicht , sei es , dass sie langsamer 
und unter einem morgendlichen Rückgang bei der zweiten Abend- 
steigerung ansteigt. 

Bei zuvor Kranken (z. B. Phthisischen) kann das Ansteigen 
protrahirter und geringfügiger sein. 

Die Temperatur kann am zweiten Tag bereits die Maximalhöhe 
erreicht haben, oder noch am 3. und selbst am 4. Tage ein massiges 
Weitersteigen zeigen , wobei in den Morgenstunden nur sehr geringe 
Rückgänge stattfinden. 

Die Maximalhöhe des Initialstadiums (Prodromalfiebers) ist nur 
ausnahmsweise unter 40 ^ beträgt meist etwas darüber, zuweilen 
selbst 41^, sogar einige Zehntel mehr. 

Nach der Erreichung der Maximalhöhe tritt zunächst eine ge- 
ringe Senkung ein , welche gewöhnlich nur einen Tag dauert. In 

21 * 



324 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei den Pocken. 

dieser Zeit bemerkt man gemeiniglich die ersten fleckenartigen Spu- 
ren von Eruption. 

Diese Periode dauert zwei bis fünf Tage ; die Unterscheidung 
von einem exanthematischen Typhus , einer Febris recurrens oder 
von einem noch keine Localsymptome darbietenden pneumoni- 
schen Fieber ist während derselben aus dem Temperaturgange nicht 
möglich , auch aus den übrigen Symptomen wohl selten mit völliger 
Gewissheit auszusprechen. Doch wird einerseits mit jedem Tage, 
an welchem das heftige Fieber länger fortdauert, ohne dass Lungen- 
symptome eintreten , die Annahme einer Pneumonie unwahrschein- 
licher; andrerseits wird, wenn der 5. Krankheitstag ohne Eruption 
überschritten ist, das Vorhandensein von Pockenkrankheit sehr zwei- 
felhaft. 

3. Bald nachdem die ersten Pockenknötchen sich entwickeln, 
fällt die Temperatur in mehr oder weniger rapider 
Weise. Diese Defervescenz beginnt in seltenen Fällen schon am 2. 
oder 3. Krankheitstag, meist am 4, bis 6. Der Abfall dauert ent- 
weder nur 24 Stunden oder darunter und ist in diesen Fällen con- 
tinuirlich , oder 2 Tage und selbst 3 Tage und ist dann häufig dis- 
continuirlich , d. h. durch eine massige Abenderhebung unterbrochen. 

In Fällen von uncomplicirter Variolois erreicht die Temperatur 
bei dieser Defervescenz rasch die Norm oder überschreitet sie sogar 
um ein Geringes und bleibt von da an normal oder wenigstens an- 
üähernd normal, wenn nicht eine eintretende Complication eine 
Wiedersteigerung bedingt, was überdem ziemlich selten ist. 

Nur bei sehr reichlichen Varioloidenpocken kommt zuweilen zur 
Zeit der Desiccation der Pusteln eine massige , kaum febrile , sel- 
tener eine entschieden febrile, jedenfalls aber nur kurzdauernde 
Erhebung. 

Diese Art des Abfalls charakterisirt die Variolois aufs schärfste, 
namentlich wenn man dabei berücksichtigt, dass die Defervescenz 
nicht erst mit der vollen Entwickelung der Eruption , sondern kurze 
Zeit nach ihrem Beginn , wenn eben die Flecken über die Haut sich 
zu erheben anfangen, stattfindet. Sobald diess in solcher Weise 
erfolgt und die Temperatur mit der Entwicklung der Eruption zu 
sinken beginnt, kann man bei etwa noch zweifelhafter Frage, ob 
Pocken oder Masern , Pocken oder exanthematischer Typhus be- 
stehen, mit grösster Bestimmtheit antworten und sich für Pocken 
entscheiden. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei den Pocken. 325 

Ebenso kann man völlig sicher sein , dass , wenn bei dieser 
Defervescenz in kürzester Zeit die Normaltemperatur erreicht wird, 
ermässigte Pocken , Variolois , und nicht volle Pocken , sogenannte 
Variola vera, vorliegen. 

4. Bei der Variola vera gelangt die Temperatur bei dem 
Sinken nach der Prodromalperiode entweder gar nicht bis zur Norm, 
erhält sich zuweilen zunächst noch auf einem subfebrilen , häufig auf 
einem entschieden febrilen Grade und dauert in dieser Weise mit oder 
ohne stärkere Tagesfluctuationen mehrere Tage hindurch fort , oder 
die Normaltemperatur wird wenigstens nur langsam und nach lyti- 
scher Defervescenz erreicht. 

Mit dem Beginn der erneuerten Hautcongestion, welche die Ver- 
eiterung einleitet, fängt die Temperatur wieder an zu steigen. 

Dieses zweite Fieber, Suppurationsfieber, ist von unbestimmter, 
je nach der Intensität der Krankheit von verschiedener Dauer und 
zugleich je nach dem Grade und der Gefährlichkeit der Krankheit 
von verschiedener Höhe und verschiedenem Verlauf. 

Bei massigen Variolen steigt die Temperatur häufig kaum auf 
390, selten auf 40 ^ und darüber, macht morgendliche Remissionen 
und ist meist von wenigtägiger Dauer. 

Bei schweren Variolen ist die Temperatur überhaupt höher, der 
Verlauf bald remittirend mit sehr beträchtlichen Exacerbationen, bald 
continuirlich mit gelegentlichen Einzelsteigerungen. Auch zeigt der 
Gang häufig unregelmässige Schwankungen. Es beweist grosse Ge- 
fahr, wenn im Suppurationsfieber die Temperatur mehrmals über 
40 steigt. Die Dauer des Suppurationsfiebers ist in nichttödtlichen 
schweren Fällen selten unter einer Woche. 

Das Fieber geht in günstigen Fällen in allmäliger lytischer 
Weise in den fieberlosen Zustand über und zuweilen tritt nachträg- 
lich zur Zeit der Eintrocknung eine abermalige kurze Steigerung ein, 
oder setzt sich auch das Fieber bis zur Desiccation und selbst dar- 
über hinaus fort. 

In tödtlichen Fällen können sich die Temperaturen aus ihrer 
massigen Höhe ziemlich rasch zu einer sehr beträchtlichen erheben 
und der Tod bei 42^ und darüber eintreten, obwohl er zuweilen auch 
während der Suppuration bei nur geringerer Temperatursteigerung 
erfolgt. Simon (Chariteannalen XIII. Bd. 5) hat Fälle veröfient- 
licht , bei welchen die Temperatur (freilich nach dem Tode gemes- 
sen) 43,75 und 44,3^ zeigte. 



326 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei den Masern. 

5. Complicationen ernsterer Art können Zwischenfälle 
und Unregelmässigkeiten bedingen, die jedoch nichts Charakteristi- 
sches haben, was sich auf die Pockenkrankheit selbst bezöge. 

Vgl. meine Abhandlung (1858 im Archiv für physiol. Heilk. 
N. F. II. 18), ferner einen Bericht von Leo über eine Pockenepidemie 
aus meiner Klinik (1864 im Archiv der Heilk. V. 481), Fröhlich 
(1867 ibid. VIII. 420). Körber (Petersb. Zeitschr. XIII. 303). 

Pockenfiebercurven s. Taf. IV. 



V. Masern. 

1. Die Masern zeigen ein dem Exanthem vorausgehendes und 
dasselbe bis zu seiner vollkommensten Entvvickelung begleitendes 
Fieber von ziemlich streng typischem Charakter. 

Da jedoch die Masernkrankheit ausserordentlich vielfachen 
Irregularitäten unterworfen ist, die vornehmlich in einzelnen Epide- 
mien sich zu cumuliren pflegen , so lässt sich nicht anders erwarten, 
als dass auch der Teraperaturgang viele Abweichungen von dem 
regelmässigen Verhalten zeigen muss. 

Da ferner die Masern eine Krankheit sind , die vorzugsweise in 
dem kindlichen Alter abläuft, und da in diesem Alter die Eigenwärme 
durch accidentelle Einflüsse mehr, als in jedem andern alterirbar ist, 
so begreift es sich vollständig , dass man häufig auf Fälle stösst, 
welche eine mehr oder weniger grosse Abweichung von dem Typus 
des Temperatnrgangs zeigen , welcher zu Stande kommt nach einer 
ungestörten Einwirkung des Maserncontagiums auf zuvor gesunde, 
disponirte und nicht zu reizbare und empfindliche Individuen. 

Der Anfang des Masernfiebers hat schon viel Charakteristisches, 
ebenso die Maximalhöhe, welche die Temperatur in demselben er- 
reicht. Aber die Art und die Zeit des Abfalls des Fiebers ist bei 
den Masern vornehmlich eigenthümlich und unterscheidet sie sehr 
bestimmt von andern acut exanthematischen Krankheitsformen. 

Auch in abweichenden Formen kann man meist noch diesen 
Typus der Defervescenz in mehr oder weniger deutlichen Zügen 
erkennen und andererseits ist die unvollkommene üebereinstimmung 
des Temperaturabfalls mit dem Typus , die Irregularität der Defer- 
vescenz im einzelnen Falle ein Moment von prognostischer Bedeutung 
und Zeichen eines abnormen Falles. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei den Masern. 327 

2. Vor der eigentlichen Fieberperiode bei den Masern, während 
des Inciibationsstadiums, also zu einer Zeit, in welcher, trotz- 
dem dass die Infection schon erfolgt ist, die Manifestationen derselben 
für die gewöhnlichen Beobachtiuigsmittel noch nicht hervortreten, 
kommt nach Thomas in nicht wenigen Fällen ein kurzer Fieber- 
verlauf in der Form einer Ephemera oder Ephemera protracta 
vor, bei welchem die Maximalhöhe der Temperatur auf SS,^^ bis 
39,8 <^ gß^it ""^ aufweichen eine mehrtägige völlig fieberfreie Pause 
folgt. 

Geringere Temperatursteigerungen (bis höchstens 88,3 O) kom- 
men an irgend einem Tage des Incubationsstadiums noch häufiger 
vor und können sich selbst mehrmals an aufeinanderfolgenden Tagen 
wiederholen. Zwischen diesen kurzdauernden und geringen Steige- 
rungen ist die Temperatur normal oder selbst subnormal. 

8. Die entschiedeneren und zusammenhängenden Erscheinungen 
der Krankheit beginnen mit einer rapiden mehr oder weniger be- 
trächtlichen Temperatursteigerung (Initialfieber) , die nach 1 2 bis 
24 Stunden sich vollzieht und bei welcher in der grossen Mehrzahl 
der Fälle Abends eine Höhe von 39, j — 40^, wesentlich seltener 
eine solche von 38, j — 39 erreicht wird (Thomas). Doch gelangt 
bei dieser ersten Steigerung nur ausnahmsweise die Temperatur bis 
zum Maximum des ganzen Masernfiebers. Dagegen lässt die erlangte 
Höhe dieser initialen Steigerung mit grosser Wahrscheinlichkeit auch 
die Höhe der später eintretenden Maximaltemperatur voraussehen, 
indem diese durchschnittlich um 0,8 — 1 die Höhe der initialen 
Steigerung noch zu überragen pflegt und nur bei sehr beträchtlicher 
Höhe der Letzteren ein geringeres Excediren zeigt. 

Die initiale Temperaturerhöhung ist fast stets von einem sofor- 
tigen Rückgang in der nächsten Nacht gefolgt, so dass am Morgen 
normale oder eine nur um wenige Zelmtel erhöhte Temperatur gefun- 
den wird, nur selten über 38 und diess fast nur in schwereren oder 
anomalen Fällen. Diese Temperaturerniedrigung erhält sich bald 
nur wenige Stunden , bald einen ganzen Tag (durch den Abend und 
folgenden Morgen). 

Das Initialfieber zeigt eine so rapide Steigerung und Abnahme, 
dass man es für einen Intermittensaufall halten könnte , wenn nicht 
für einen solchen die Temperatur etwas zu niedrig bliebe. Dagegen 
ist die Verwechslung mit einer Ephemera sehr nahe gelegt und 
wenn die nachfolgende Normaltemperatur sich etwas länger er- 
hält, so kann sehr leicht die Meinung entstehen, dass die Erkrau- 



328 ^^® Verhalten der Eigemvärme bei den Masern. 

kung damit bereits geschlossen sei. Doch lässt das Fortbestehen 
sonstiger Symptome (namentlich von den Augen und den Respirations- 
organen) in den meisten Fällen die sich entwickelnde Krankheit 
erkennen. 

4. Mit einer erneuerten Steigerung beginnt das eigentliche 
Eruptionsfieber, welches von nun an bis zur vollen Entwicke- 
lung des Exanthems entweder überhaupt keine Rückgänge zur Nor- 
maltemperatur oder nur sehr kurz dauernde Remissionen zeigt. 

In den meisten Fällen zerfällt dieses Eruptionsfieber in zwei 
Abschnitte : ein massig febriles Stadium und in das Fastigium. 

Das massig febrile Stadium dauert gewöhnlich 36 bis 
48 Stunden, nur selten weniger und besteht aus einer oder zwei 
Exacerbationen massigen Grades (38 — 39^), bei welchen die Höhe 
des Initialfiebers nicht erreicht zu werden pflegt. Bei zwei Exacerba- 
tionen ist die zweite bedeutender als die erste und die Morgen- 
remission zwischen ihnen geht gemeiniglich weniger tief als der Rück- 
gang nach dem Initialfieber ; doch kann auch jetzt noch einmal die 
Normaltemperatur erreicht werden. 

Die Fastigiumsperiode ist durch eine beträchtliche und 
anhaltende Temperatiirsteigerung charakterisirt, womit die vorherige 
normale oder massige Temperatur dauernd verlassen wird (Thomas). 
Der Eintritt in dieselbe beginnt bald früh , bald Abends. Im ersten 
Fall steigt die Temperatur Abends noch weiter, worauf eine geringe 
oder auch gar keine Remission am nächsten Morgen und die Maximal- 
höhe am zweiten Abend folgt. Beginnt die Fastigiumssteigerung 
Abends, so ist ebenfalls am nächsten Morgen nur eine unbedeutende 
oder gar keine Remission zu bemerken. Doch kommen auch in sel- 
teneren Fällen im Fastigium erhebliche Remissionen vor. 

Die Maximaltemperatur des Fastigiums und daher ge- 
wöhnlich auch der Krankheit überhaupt fällt in normalen Fällen auf 
den Zeitpunkt , in welchem das Exanthem sein Maximum der Ent- 
wicklung und Ausbreitung erlangt. Doch giebt es davon ziemlich 
viele Ausnahmen in der Weise, dass schon kurz nach dem ersten 
Ausbruch des Exanthems, also zwischen seinem Beginn und seiner 
höchsten Entwicklung die Temperatur ihr Maximum erreicht und zur 
Zeit der höchsten Entwickelung des Exanthems bereits wieder etwas 
gesunken ist. Fast immer aber ist das Temperaturmaximum dem 
Exanthemmaximum näher gelegen , als dem Beginn der Eruption. 
Auch ist , wenn die Maximaltemperatur überschritten wird , während 
das Exanthem noch zunimmt, die Abnahme der Wärme bis zum 



Das Verhalten der Eigenwärme bei den Masern. 329 

Punkte der vollsten Entwicklung des Exanthems stets eine sehr ge- 
ringe. Ueberdem liegt die Wahrscheinlichkeit nicht fern, dass Com- 
plicationen dazu beitragen können , die Äkme der Temperatur 
beschleunigter herbeizuführen. 

Die Maximaltemperatur fällt gewöhnlich in die Abendstunden ; 
fällt sie in die Morgenstunden , so tritt Abends nur ein massiges Sin- 
ken ein und es kann willkührlich scheinen , ob man dasselbe bereits 
zur Defervescenz rechnen soll. 

Das ganze Fastigium hat eine Dauer von l'/a bis 2^/2 Tagen 
und das gesamrate Eruptionsfieber demnach von 3 bis 41/2 Tagen. 
Complicationen jedoch können diese Dauer verlängern. 

5. Die entschiedene Defervescenz beginnt in der Regel bei 
Nacht und verläuft meist und in regulären Fällen in rapider Weise. 
Entweder kommt schon am nächsten Morgen die Temperatur auf die 
Norm , sogar unter dieselbe. Oder sie sinkt in der Nacht unvoll- 
ständiger, setzt dann im Laufe des Tages das Sinken schwächer fort 
oder steigt auch Abends wieder und gelangt erst am folgenden Mor- 
gen zur Norm. In normalen und uncomplicirten Fällen ist min- 
destens am zweiten Morgen die normale Temperatur erreicht und 
bleibt von da erhalten. Höchstens tritt noch ein- oder zweimal eine 
geringe Abendsteigerung auf subfebrile Höhen ein. 

Durch intensivere Bronchitis oder durch Complicationen kann 
der Verlauf der Defervescenz protrahirt werden. Ebenso kann 
in Masernfällen , welche vom Anfang an irregulär verliefen , der Ver- 
lauf der Defervescenz ein abnormer sein. Auch ist nicht zu über- 
sehen, dass bei kleinen Kindern geringfügige Störungen ein Ansteigen 
der Temperatur bedingen können. 

Zuweilen wird eine Recrudescenz des Fiebers durch einen Nach- 
schub des Exanthems bedingt. Die Temperatursteigerung kann 
dabei der früheren Maximalhöhe nahekommen oder sie erreichen ; ist 
aber keine weitere Complication vorhanden, so ist die Steigerung nur 
eine sehr kurzdauernde. 

6. Complicationen der Masern können Aenderungen in 
dem Verhalten der Temperatur bedingen, welches aber in solchen 
Fällen durch die Art der complicirenden Afifection und nicht mehr 
durch die Masern selbst bestimmt wird. Nur wenn die Complication 
der Entwickelung des Exanthems vorangeht , so pflegt sich bei und 
unmittelbar nach der Eruption eine Weitere , ohne Zweifel durch das 
Exanthem bedingte Steigerung der Eigenwärme zu zeigen. 



330 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei Scarlatina. 

Da in tödtlichen Fällen von Masern der letale Ausgang ohne 
Zweifel stets von Complicationen abhängt , so ist auch die Tempera- 
tur unter solchen Umständen von der Art der Complication abhängig. 

Vgl. über den Typus des Fiebers bei Masern meine Abhand- 
lung : über den Normalverlauf einiger typischen Krankheitsformen 
(1858 im Archiv für physiol. Heilk. B. II. 14); Siegel: Beob- 
achtungen über Masern (1861 : ausfülirliche Bearbeitung der in 
meiner Klinik vorgekommenen Fälle im Archiv der Heilkunde II. 
521); Ziemssen u. Kr ab 1er (1863 Greifswalder Beiträge I.) : 
meine Bemerkungen hierzu (1863 im Archiv d. Heilk. IV. 331); 
Pfeilsticker (Beitr. zur Pathol. der Masern 1863); Monti 
(Jahrb. für Kinderheilk. VII. 21), vorzüglich aber Thomas (1867 
Archiv der Heilk. VIII. 385). — Masernfiebercurven s. Taf. V. 

VI. Scarlatina. 

1. Der Scharlach ist eine Krankheit von ungleich schlafferem 
Typus, als die bis jetzt betrachteten Aifectionen. Doch zeigt gerade 
das Temperaturverhalten auch in sonst auseinandergehenden Fällen 
viel Uebereinstimmendes und die Abweichungen scheinen nach dieser 
Hinsicht die Minderzahl zu bilden. 

2. Fälle von abnorm leichtem Verlauf sind ziemlich häufig und 
die Erkrankungen zeigen zuweilen, namentlich Anfangs, eine solche 
Geringfügigkeit, dass sie gar nicht Object ärztlicher Beobachtung 
werden , obwohl sich in solchen Fällen die Sorglosigkeit oft genug 
durch spätere schwere und selbst tödtliche Folgen straft. Ob unter 
diesen abnorm leichten Fällen auch derartige vorkommen, in welchen 
die Temperatur gar nicht oder äusserst wenig alterirt wird, kann ich 
aus eigener Erfahrung nicht sagen , weil ich in ganz leichten Fällen 
niemals den Anfang der Erkrankung beobachten konnte. Thomas 
dagegen theilt neuerdings (1870 Archiv d. Heilk. Heft II) mit, Fälle 
gesehen zu haben , welche in früher Periode , d. h. vor oder bei 
dem Beginn der Eruption nicht fieberhafte Temperatur gezeigt haben. 
Auch ich kenne übrigens Fälle bei welchen von den Angehörigen 
aufs Bestimmteste versichert wurde, dass die sehr massige und kaum 
beachtete Röthung, die später von Desquamation, ja selbst von schwerer 
Nierenerkrankung gefolgt war , ohne alle Befindensanomalien aufge- 
treten sei. Oft ist das Verhalten des Fiebers auch dann characte- 
ristisch, wenn die Scharlachinfection nur eine rudimentäre Erkrankung, 
ja selbst nur eine Agina ohne Exanthem zur Folge hat. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Scarlatina. 331 

3. In allen irgend erheblichen Fällen von Scharlach zeigt sich 
als erste Erscheinung, oder gleichzeitig mit einigen anderen Symp- 
tomen, oder zuweilen, nachdem diese etliche Stunden vorangegangen 
waren , eine rapide continuirliche Erhebung der Temperatur , wobei 
diese im Laufe von wenigen Stunden bis auf eine beträchtliche Höhe 
(39,5 — 40,5 0), häufig unter den Erscheinungen eines mehr oder 
weniger intensiven Frostanfalls, gelangt. 

Zuweilen zeigt sich sofort nach dieser ersten Steigerung oder 
noch häufiger am nächsten Morgen der Anfang des Exanthems. Wo 
dieses länger zögert, steigt nach der ersten, starken Erhebung ge- 
wöhnlich ohne eigentliche Remissionen , höchstens mit ganz geringen 
morgendlichen Rückgängen die Temperatur langsam noch weiter. 
Sie pflegt überhaupt sich hoch zu erhalten oder fort zu steigen , bis 
das Exanthem sein Maximum erreicht und den ganzen Körper über- 
zogen hat , selbst wenn es bereits auf den zuerst befallenen Stellen 
wieder zu erbleichen anfängt. 

Der Zeitraum dieses Steigens kann sehr verschieden sein , nur 
einen halben Tag bis vier Tage sich fortsetzen. 

Die Höhe , welche die Temperatur dabei schliesslich erreicht, 
ist fast immer über 40 o, häufig über 40,5^, selten in günstig ab- 
laufenden Fällen über 41 o. 

Im Allgemeinen steht die Höhe der Temperatur in einem ziem- 
lichen Parallelismus mit der Intensität des Exanthems. Doch giebt 
es auch Fälle mit schwachem und selbst fehlendem Exanthem und 
sehr gesteigerter Temperaturhöhe , selten aber Fälle mit reichlichem 
Exanthem und massigem Fieber. 

Der continuirliche Gang der Steigerung oder bei längerer Dauer 
des Eruptionsstadiums das Verweilen der Temperatur auf nahezu 
gleicher Höhe wird , abgesehen von den geringfügigen und oft genug 
fehlenden morgendlichen Senkungen, nur ausnahmsweise durch einen 
vereinzelten Niedergang unterbrochen ; am ehesten geschieht diess, 
wenn die Eruption in successiven Stössen geschieht. 

Ehe das Exanthem mindestens den grössten Theil seiner Aus- 
dehnung erreicht , pflegt eine definitive Ermässigung der Temperatur 
nicht sich zu zeigen. 

Die rapide Steigerung der Temperatur im Beginne der Krank- 
heit einerseits und das continuirliche Hochbleiben derselben ohne 
eigentliche Remissionen andererseits theilt zwar Scarlatina auch mit 
manchen andern Krankheiten und es lässt sich daher aus diesem Ver- 
halten der Temperatur allein nicht die Diagnose machen. Wohl aber 



332 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei Searlatina. 

lässt sich der Scharlach durch das Verhalten der Temperatur gerade 
von denjenigen Affectionen , mit denen er aus andern Gründen am 
leichtesten verwechselt werden kann , gut unterscheiden. Es sind 
diess vornehmlich die Masern und die Rubeolae und, falls das Exan- 
them nicht bemerkt werden kann , der Abdorainaltyphus , die Diph- 
therie, die einfache Angina und die acute parenchymatöse Nephritis. 

4. Nachdem das Maximum der Eruption überschritten ist, be- 
ginnt die D e f e r V e s c e n z. 

Sie verläuft nicht in gleichmässiger Weise. 

In Fällen mit massig gesteigerter Temperatur kann es, wie- 
wohl nur ausnahmsweise, geschehen, dass die Temperatur rapid fällt 
und in einem halben Tage die Norm erreicht. 

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle erfolgt die Deferves- 
cenz in protrahirter Weise und bedarf 3 — 8 Tage zu ihrer Vollen- 
dung. In der Regel verläuft sie so , dass von Tag zu Tag die Tem- 
peratur niedriger wird mid zwar stafFelweise oder annähernd staffel- 
weise oder mit seichten Remissionen herabgeht, namentlich in der 
Nacht sinkt, vom Morgen zum Abend gleich bleibt oder weiter sinkt^ 
bis die Norm erreicht ist. Zuweilen unterbrechen Abends geringe 
Steigerungen von wenigen Zehnteln die Abnahme , in welchen Fällen 
das nächtliche Sinken etwas beträchtlicher ausfällt. Aber sehr selten 
stellt sich eine reraittirende Defervescenz auch nur in entfernter 
Aehnlichkeit mit derjenigen ein, welche dem Abdominaltyphus eigen- 
thümlich ist. 

Der Abfall ist bei beträchtlich protrahirter Defervescenz am 
ersten und oft auch noch am zweiten und dritten Tage ziemHch 
geringfügig und geht erst dann in ein etwas rascheres Sinken über. 

Complicationen können die Entfieberung noch weiter aufhalten 
oder selbst Wiedersteigerungen der Temperatur herbeiführen. 

Vor der definitiven Herstellung der Normaltemperatur wird die 
Eigenwärme ziemlich häufig subnormal, womit sich zuweilen auch 
weitere Collapserscheinungen verbinden. Die subnormale Tempera- 
tur vertieft sich jedoch selten unter 36 o, erhält sich aber oft meh- 
rere Tage. 

Diese Form der Defervescenz , wenn sie auch nicht in allen 
Fällen eintritt, charakterisirt die Searlatina ziemlich scharf. Sie 
kommt mindestens bei keiner Krankheit so gewöhnhch vor, als bei 
dieser. Annähernd zeigt sie sich zuweilen beim exanthematischen 
Typhus und bei catarrhalischen Pneumonien. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Scarlatina. 333 

5. Ein anomales Verhalten des Teraperaturganges ist bei der 
Scarlatina nicht selten. 

Zuweilen bleibt die Temperatur überhaupt ziemlich niedrig. 
Diess schliesst die Gefahr nicht aus und verbürgt keineswegs einen 
günstigen Ausgang , der vielmehr oft durch Störungen , welche die 
Eigenwärme wenig beeinflussen und von ihr nicht voraus verkündigt 
werden (Diphtherie , Croup , Nephritis , Gehirnii-ritation , Parotitis) 
vereitelt wird. 

Hin und wieder treten in dem abfallenden Gang der Temperatur 
erneuerte Steigerungen von verschiedenem Belang und verschiedener 
Dauer auf. Sie sind zuweilen auf Complicationeu zurückzuführen, 
zuweilen auch nicht. Immerhin verzögern sie die Herstellung. 

Eigenthümlich ist ferner das Verhalten bei typhoidem Verlauf 
der Krankheit, bei welchem nicht etwa nur kurzdauernde, sondern 
anhaltende Gehirnstörungen , Diarrhöen , Meteorismus , stärkere 
Schwellung der Milz sich zeigen und die Dauer der Krankheit zwei 
und mehr Wochen über das Erbleichen des Exanthems hinaus sich 
erstrecken kann. Das Fieber ist dabei mehr oder weniger hoch, 
subcontinuirlich oder remittirend , doch im Allgemeinen mit abstei- 
gender Richtung. 

6 . In der Reconvalescenz bleibt die Temperatur normal, 
so lange jene nicht durch Complicationeu oder neue Erkrankungen, 
auch wohl durch eine zweite Eruption gestört wird. Es ist daher 
die Fortdauer der Normaltemperatur eine ziemliche Bürgschaft für 
die Abwesenheit anderer Störungen ; das Eintreten von erneuerten 
Erhebungen dagegen kann als Warnungszeichen und als Aufiforde- 
i-ung zur genauen Exploration und sorgfältigen Ueberw^achung ange- 
sehen wei'den. Wird eine Temperatursteigerung durch ii-gend eine 
incidirende Störung während der Reconvalescenz veranlasst , so hat 
auf die Gestaltung des Ganges der Eigenwärme die zuvor durchge- 
machte scarlatinöse- Krankheit keinen Einfluss mehr. 

7. In tödtlichen Fällen ist das Verhalten der Temperatur sehr 
verschieden und richtet sich nach der Zeit , auf welche die tödtliche 
Wendung fällt mid nach der den tödtlichen Ausgang vermittelnden 
Störung. 

Erfolgt der Tod während des Eruptionsstadiums , so kann die 
Temperatur höchst beträchtliche Grade erreichen, sie kann aber auch 
in der Agonie sinken. 

Tritt die tödtliche Wendung ein-, nachdem bereits das Maximum 
des Exanthems überschritten ist und die Temperatur abzunehmen an- 



334 r^^s Verhalten der Eigenwärme bei Varicellen. 

gefangen hat , so ist der letale Ausgang meist durch frühere Unregel- 
mässigkeiten angekündigt. Es hängt vielfach von der Art des den 
tödtlichen Ausgang vermittelnden Processes ab, ob und bis zu welchem 
Grade Wiedersteigerungen der Temperatur dem Tode vorausgehen 
oder im Gegentheil ein Sinken sich bemerkhch macht. Auch Fälle, 
in welchen plötzlich und ohne deutliche Motive die Eigenwärme zu 
enormen Höhen vor dem Tode sich steigert (in einem meiner Fälle 
bis auf 43,5) kommen vor. 

Vgl. über die Temperaturverhältnisse bei Scarlatina meine 
mehrfach citirte Abhandlung: über den Normalverlauf einiger typi- 
schen Krankheitsformen; sodann Hüb 1er: Beobachtungen über 
Scharlach (Leipziger Dissertation 1861}. 

S. Scarlatinacurven Taf. V. 



VII. Rubeolae und Varicellen. 

1. Die Rubeolae, von deren Eigenthümlichkeit man sich 
nur zu überzeugen vermag , wenn man sie in einer grösseren Epide- 
mie zu beobachten Gelegenheit hat, bedingen entweder gar kein 
Fieber, oder nur vor und während der Eruption kurzdauernde, 
schwache , meist subfebrile , höchstens massig febrile Temperaturer- 
hebungen. Sofern in einzelnen Fällen beträchtlichere Temperatur- 
steigerungen sich zeigen , dürften sie abhängig sein entweder von 
Complicationen , oder von der den kleinen Kindern eigenthümlichen 
Beweglichkeit der Eigenwärme. 

Vgl. auch Thomas (Jahrb. der Kinderheilk. N. F. IL 240). 

2. Bei den Varicellen fand Thomas (Archiv der Heilkunde 
VIIL 376 und Archiv für Dermatologie und Syphilis I. 309) zu- 
weilen schon in dem Incubationsstadium unbedeutende Steigerungen 
der Eigenwärme , auch zur Zeit des Exanthems in manchen Fällen 
die Erhebung der Temperatur ganz geringfügig. In der Mehrzahl 
der Fälle fand er jedoch bald im Anfang der exanthematischen 
Periode, bald nachdem bereits eine reichliche Eruption stattgehabt 
hatte, eine relativ beträchtliche und rasche Steigerung, zuweilen 
allerdings nur wenige Zehntel über 38 0, bei etwas intensiveren 
Fällen 88,5 ^ bis 40^, nur selten darüber. Das Höhestadium dauerte 
2 — 5 Tage und das Fieber war remittirend, correspondirte auch hin- 
sichtlich der Höhe der Temperatur ungefähr mit der Reichlichkeit 
des Exanthems. Das Temperaturmaximum fiel bald in die erste öfter 
in die zweite Hälfte des Fastigiums und die Morgenremissionen nach 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Erysipelas. 335 

dem Maximum waren zuweilen etwas beträchtlicher, als die vor 
demselben. Die Defervescenz war eine rapide und häufig in einem 
halben Tage vollendet. 



VIII. Erysipelas. 

1. Das Erysipelas faciei ist eine vorzugsweise polytypische 
und in vielen Fällen atypische Krankheitsform. 

Es mag diess damit zusammenhängen , dass ohne Zweifel die- 
selben anatomischen Veränderungen durch sehr verschiedene Be- 
dingungen hervorgebracht sein und dadurch auch eine sehr verschie- 
dene Bedeutung haben können. 

Die rein topisch durch Reizung verletzter Stellen entstehenden 
Erysipele, das durch locale Disposition bedingte Erysipel, das 
Erysipel, welches mit Magen- und Darmstörungen zusammenhängt, 
das lentescirend ambulante Erysipel, das den acuten Exanthemen 
analoge , vorzugsweise primäre und spontane und das von pyämie- 
artiger Infection bedingte Erysipel , das Rotzerysipel , das terminale 
Erysipel, welches bei Schwerkranken und Marastischen sich ent- 
wickelt und dem Tode nur einen oder wenige Tage vorausgeht , sind 
unzweifelhaft zum grossen Theil von Grund aus verschiedene Krank- 
heiten , die wenig mehr als die beschränkte Dermatitis und den 
Krankheitsnamen mit einander gemein haben. Es ist begreiflich, 
dass die Betheiligung des Gesammtorganismus , also auch der Gang 
der Temperatur bei ihnen sehr verschieden ausfallen muss. 

Doch ist es bis jetzt nicht möglich , die Formen des Fieberver- 
laufes mit Schärfe und Sicherheit an bestimmte Artungen und Causal- 
verhältnisse des Erysipels zu knüpfen. 

Auch die Erysipele anderer Körperstellen bieten ähnliche Ver- 
schiedenheiten dar, doch bilden bei ihnen ganz atypische Verläufe 
eher die Regel als die Ausnahme. 

2. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle beginnt die Er- 
krankung (abgesehen von den fieberlosen Fällen und denen nicht- 
typischen Verlaufes) mit einer intensiven und rapid sich entwickeln- 
den Temperatursteigerung, häufig unter starken Frosterapfindungen. 
So weit nach den verhältnissmässig spärlichen Fällen , bei welchen 
sich in dieser Zeit schon die Gelegenheit zur Beobachtung darbietet, 
geschlossen werden kann , steigt die. Temperatur in wenigen Stunden 
auf nahezu 40*^ oder selbst darüber. Meist am folgenden Morgen 



336 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Erysipelas. 

ist bereits die Entzündung der Haut des Antlitzes zu bemerken, wenn 
sie auch oft nocli nicht sehr deutlich ausgebildet ist und manchmal 
mit blosser Fieberröthe verwechselt werden kann. 

Wesentlich seltener findet eine mehr allmälige Steigerung statt, 
bei der erst am 2. oder 3. Tag die Höhe beträchtlicher Fiebergrade 
erreicht wird. 

3. ImFastigium zeigen sich die meisten Verschiedenheiten. 
In ziemlich seltenen Fällen besteht es nur in einer Akmespitze 

von kürzester Dauer. 

Meist erhält sich die hohe Temperatur in continuirlicher oder 
subcontinuirlicher Weise , sogar noch steigend und nur mit geringen 
morgendlichen Senkungen solange, als die Entzündung gleichmässig 
sich fort entwickelt und ausbreitet. Gemeiniglich ist die Temperatur 
dabei in den Abendstunden über 40 o, kann aber auch Höhen von 
41^ — 41,5^, selbst (jedoch selten) 42 <^ zeigen, während die 
Morgenremissionen wenig unter 40^, selten bis auf 39 ^ herabgehen. 

Doch finden sich hin und wieder auch Fälle , welche auf dem 
Fastigium einen mehr remittirenden , selbst intermittirenden Verlauf 
zeigen, meist dabei mit sehr hohen Exacerbationen. 

Das Maximum wird gewöhnlich nicht am Schluss dieser Fieber- 
liöhe, sondern schon 1 — 2 Tage vorher erreicht; es erfolgt dann — 
entsprechend einer etwas ruhigeren Weiterentwicklung der Entzün- 
dung — eine geringe Ermässigung , die jedoch vor der Defervescenz 
zuweilen nochmals durch eine Perturbatio critica abgelöst wird. Zu- 
weilen tritt am nahen Schlüsse des Verlaufs eine Pseudocrise ein bis 
zur Norm oder nahe bis zu derselben ; dann folgt noch eine letzte 
kurzdauernde Steigerung zur Höhe von 40 ^ oder selbst darüber. 

4. Hierauf folgt eine Defervescenz, welche häufig so 
rapid fortschreitet, dass im Laufe von 12 Stunden oder im Laufe 
einer Nacht die Eigenwärme bis zur Norm oder nahe bis zu dieser 
herabsinkt. Anderemale, namentlich bei zuvor sehr hoher Tempera- 
tur, gelingt die Erreichung der Normalwärme nicht in den ersten 
12 Stunden der Defervescenz , die Temperatur steigt wohl Abends 
noch einmal , um erst in der folgenden Nacht zur Normalhöhe zu 
gelangen. 

Nicht ganz selten ist die Defervescenz nicht so rapid , erfolgt 
vielmehr in einer annähernd remittirendeit Form , doch immer noch 
schneller, als beim Abdomiualtyphus. Es sind diess meist Fälle, bei 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Erysipelas. 337 

welchen sich schon während des Fastigiums grössere Tagesfliictua- 
tionen gezeigt hatten und bei welchen auch während der Deferves- 
cenz noch ein massiges Fortschreiten der Hautaffection stattfindet. 
Das remittirende Sinken endet dann zuweilen noch mit einem letzten 
rapideren Abfall, womit die Entfieberung vollendet ist. 

In den Fällen , in welchen die Hauteruption damit geschlossen 
ist , erhält sich der fieberlose Zustand und schliesst sich ohne weitere 
Störung die Reconvalescenz an. 

5. Die Fälle, in welchen das erste starke Sinken der Tempera- 
tur zur definitiven Entfieberung führt, oder überhaupt der eingetre- 
tene fieberlose Zustand sich erhält , sind zwar im Allgemeinen ziem- 
lich häufig. Doch geschieht es nicht selten, dass nach kurzer (1 bis 
6tägiger) Unterbrechung, mag die Normaltemperatur zuvor völlig er- 
reicht sein oder nicht, eine neue bedeutende Steigerung der 
Eigenwärme eintritt. Diese begleitet eine neue Ausbreitung der 
Hautentzündung oder kündigt sie an. Es kann geschehen, dass der- 
artige Relapse des Fiebers, welche jedoch meist nicht von der Dauer 
des ersten Fastigiums sind, vielmehr oft nur 1 — 2 Tage anhalten, 
wiederholt eintreten ; und je mehr das Erysipel die ambulirende Form 
annimmt, um so mehr können sich diese Repetitionen vervielfältigen. 
Das Fieber hört erst auf, wenn das Erysipel sistirt wird, und dieses 
bleibt meist nur sistirt, wenn keine neue Temperatursteigerung mehr 
eintritt. Doch bemerkt man, dass bei längerer Fortdauer der Atfec- 
tion und ihres Wanderns die Temperatursteigerungen allmälig ge- 
ringer werden , zuweilen auch nur als tägliche massige Abendsteige- 
rungen sich gestalten. 

6. Im Falle tödtlichen Ausgangs scheint der Tod meistens 
bei sehr hoher Temperatur zu erfolgen ; wenigstens verhielt es sich 
so in den von mir beobachteten Fällen. Postmortale Steigerung 
wurde zuweilen beobachtet (auch von Eulenburg). 

Vergl. meine Abhandlung über den Normalverlauf typischer 
Krankheiten p. 15, Blass (Beobachtungen der Erysipelas, Leipziger 
Dissertation 1863), Eulenburg (über prämortale und postmortale 
Steigerungen der Eigenwärme bei Erysipelas. Orig.-Mitth. im Cen- 
tralblatt 18G6, p. 65), Ponfick (Deutsche Klinik 1867. 20—26). 

S. Curven des Fieberverlaufs bei Erysipel : Taf. V. 



Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 22 



338 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei remittirenden Fiebern etc. 



IX. Remittirende Fieber mit Phlyctenideneruption. 

1. Unter dieser Bezeichnung habe ich 1864 ira Archiv der 
Heilkunde V. 57 und 1867 ibid. VIII. 174 eine Krankheitsform be- 
schrieben, die mir ebenso eigenthümlich , als bis jetzt unbeachtet 
schien, und ich habe daselbst 7 eigene Fälle und einen mir von Lade 
in Genf zur Verfügung gestellten mitgetheilt. 

Die Krankheit zeichnet sich durch ein in Bezug auf Form, 
Stellung und Verlauf eigenthümliches Exanthem , durch eine Anzahl 
typhusartiger Erscheinungen (besonders hinsichtlich der nervösen 
Symptome und der Milz , weniger des Darms) , durch beträchtliche 
Störungen der Respiratiousorgane und endlich durch den Verlauf des 
Fiebers aus. 

2. Das Fieber, dessen Verlauf in keinem Falle vor Ende der 
ersten Woche beobachtet werden konnte, war von grosser Intensität, 
glich aber keinem der Fiebertypen anderer Exantheme. Es fiel 
weder ab mit dem Auftreten des Exanthems, wie bei den Varioloiden ; 
noch zeigte es eine nachträgliche intensive Wiedersteigerung, wie bei 
den Variolen ; noch trat eine rapide Defervesceuz ein mit dem Maxi- 
mum des Exanthems , wie bei den Masern ; noch zeigte sich der 
protrahirte Rückgang wie bei der Scarlatina, oder die Unregelmässig- 
keiten , wie bei der Miliaria , noch der von dem Exanthem unab- 
hängige rapide odersubrapide Abfall des Fleckfiebers, noch die steilen 
Niedergänge mit Neigungen zu Recrudescenzen wie bei Erysipelas. 

Eine hochgradige Continua remittens meist mit Abendexacer- 
bationen über 40^, selbst über 41 ^ und mit Morgenremissionen von 
1 — 2^ zeigte sich in den ersten 2 — 11 Tagen des Aufenthalts im 
Hospital; dann einmal schon am 8. Tag, sonst gegen den Schluss 
der zw^eiten oder in der dritten Woche begann eine Abnahme in 
grossen Tagesfluctuationen, analog der Abheilungsperiode des Abdo- 
minaltyphus ; 8 — 14 Tage lang verlief sie ziemlich genau in der 
Weise, dass täglich etwas tiefere Morgenremissionen und meist auch 
um ein kleines geringere Abeudexacerbationen sich einstellten, bis 
zuerst Morgens, weiterhin auch Abends die Normalwärme völlig oder 
nahezu erreicht war. Geringe und kurzdauernde Fieberrelapse unter- 
brachen in 4 Fällen die Reconvalescenz. Der Verlauf zog sich in 
diesen Fällen beträchtlich in die Länge und in allen dauerte über 
den grössten Theil des Fiebers auch das Exanthem fort. Das Nähere 
darüber s. loc. cit. — Curve: Taf. V. 



I 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Febricula. 339 

X. Febricula. 

1. Zweierlei Arten des Verhaltens kann man zur Febricula 
rechnen : 

Erstens Fieberbewegungen , welche kürzere oder längere Zeit 
dauern , bei denen sich aber die Temperatur auch in den Abendexa- 
cerbationsstunden nicht viel über die subfebrilen Grade erhebt, oder 
doch nur vereinzelte grössere Steigerungen macht. 

Zweitens sind dahin zu rechnen kurz dauernde , meist einen, 
zwei oder wenige Tage anhaltende und mit Genesung endende Fieber: 
Ephemera. Bei dieser Form tritt gleich mit dem Anfang des 
ersten Uebelbefindens eine rasche Steigerung der Temperatur ein, 
welche im Verlauf weniger Stunden um 2 — 3^ und höher sich er- 
heben kann und dabei von einem Froste begleitet sein kann oder 
nicht. Zuweilen wird die höchste Temperatur nicht in einem Zuge 
und in wenigen Stunden , sondern im Laufe von 1 oder 1 ^j^ Tagen 
mit einer kurzen Unterbrechung durch ein massiges Sinken an dem 
dem Beginn der Erkrankung folgenden Morgen erreicht (Ephemera 
protracta). Das Fastigium dauert nur einige Stunden bis höchstens 
einen Tag , wobei die Höhe der Temperatur bald mehr oder weniger 
beträchtlich ist, zuweilen selbst 40 ^ und darüber erreicht. Sofort 
beginnt eine rapide Abnahme der Temperatur, die in 12, 24 bis 36 
Stunden bereits wieder zur Norm zurückgekehrt ist. Bei diesem 
Verlauf der Defervescenz ist es nicht ungewöhnlich , dass dieselbe in 
den Abendstunden durch eine kleine Erhebung unterbrochen ist. 
Auch kann es geschehen, dass die völlige Herstellung des fieberlosen 
Zustandes'sich etwas verzögert, und dass es 2 — 3 Tage bedarf, bis 
die Temperatur zur sichern Norm gelangt ist. 

2. Beide Arten des Verhaltens kommen unter mehrfach ver- 
schiedenen Umständen vor: 

Der Zustand nach einer Verwundung (Operation etc.) be- 
dingt häufig eine Febricula, deren Verhalten vornehmlich Billroth 
(Archiv für klinische Chirurgie, IL) kennen gelehrt hat. 

Zwar tritt nach einer grossen Anzahl von Verletzungen, selbst 
nach keineswegs unbedeutenden gar keine Fieberbewegung ein. 

Aber in sehr vielen Fällen , zumal in der Mehrzahl der Fälle 
von beträchtlicher Verletzung, ist eine Steigerung der Temperatur in 
den nächstfolgenden Tagen zu bemerken (Wundfieber). 

Das in kürzester Zeit, d. h. gewöhnlich schon in den ersten 

22* 



340 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Febricula. 

24 Stunden der Verletzung nachfolgende Fieber zeigt meist eine 
rasche Ascendenz der Temperatur , sodass das Temperaturmaximum 
in der Mehrzahl der Fälle schon am 1. oder 2. Tage erreicht wird, 
in der Mehrzahl zwischen dem 3. und 6. 

Die Ascendenz erfolgt gewöhnlich continuirlich ; nur wenn das 
Temperaturmaximum langsam erreicht wird , ist sie durch Morgen- 
remissionen unterbrochen. 

Die Akme wird gewöhnlich an einem Abend erreicht, nur aus- 
nahmsweise in den Morgenstunden, und die Tageszeit der Verletzung 
hat hierauf keinen Einfluss. 

Die erreichte Maximalhöhe bleibt in der grossen Mehrzahl der 
Fälle unter 40*^, ziemlich häufig unter 39 O; nur ausnahmsweise 
steigt die Temperatur bis auf 40,3^ oder darüber. 

Es ist günstiger, wenn ein beträchtliches Maximum gleich in den 
ersten zwei Tagen erreicht wird , als wenn anfangs die Temperatur 
nur massig febril bleibt und später auf einmal in die Höhe geht , in 
welch letzterem Falle der Verdacht accidenteller Entzündung oder der 
Pyämie vorliegt. 

Die Höhe , welche die Temperatur erreicht , steht in keiner Be- 
ziehung zur Dauer der ganzen Steigerung. 

Die Spitzennähe des Maximums dauert in der grossen Mehrzahl 
der Fälle nur wenige Stunden eines Tages. Zuweilen werden an 
zwei Abenden annähernd gleich hohe Exacerbationsspitzen gebildet, 
zwischen welchen eine Morgenremission liegt. 

Jede längere Dauer einer beträchtlichen Temperaturhöhe oder 
eine häufigere Wiederholung starker Exacerbationen lässt eine innere 
Entzündung , eine Complication oder den Eintritt der Pyämie ver- 
muthen. 

Die Defervescenz beginnt häufig schon am 1 . Tage des Fiebers, 
häufiger am 2., noch ziemlich häufig am 3. und 4., selten erst am 
5. bis 7. 

Die Defervescenz ist bald rapid , bald protrahirt , im letzteren 
Falle mit abendlichen Erhöhungen. Beide Verhältnisse scheinen 
ziemlich gleich häufig vorzukommen. Niemals sinkt die Temperatur 
in der Defervescenz unter die Norm. 

Alter , Constitution etc. scheinen keinen Einfluss auf das Ein- 
treten der Höhe und den Gang des Wuudfiebers zu haben. 

Wenn dagegen bei der Verletzung eine starke Blutung erfolgt 
war, so tritt häufig zunächst ein nur unbedeutendes, bald ein be- 
trächtliches Sinken der Eigenwärme ein. Diese Temperaturernie- 
drigung ist nur eine vorübergehende , das Wundfieber wird dadurch 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Febricula. 341 

nicht abgehalten , schliesst sich vielmehr schon in wenigen Stunden 
an und kann so intensiv werden , wie bei Fällen ohne erheblichen 
Blutverlust. 

Wenn ferner schon vor der Verletzung ein chronisches Fieber 
bestand, so wird meist das Wundfieber heftig, übersteigt die gewöhn- 
liche Höhe , dauert länger , und es schliessen sich gern weitere 
Störungen an. 

Auch fieberlose chronische Kranke , fieberlose Schwindsüchtige, 
mit Brightscher Krankheit oder amyloider Entartung Behaftete zeigen 
dasselbe Verhalten. 

Alle übermässigen Temperatursteigerungen veranlassen bei Ver- 
letzten gern das Eintreten weiterer Complicationen , erhöhen die Ge- 
fahr der Verwundung ganz beträchtlich und vereiteln häufig den Er- 
folg von Operationen. 

3. Ziemlich häufig, wenn auch nicht in der Mehrzahl der Fälle, 
werden die Verletzten nach dem 4. Tage abermals vom Fieber be- 
fallen: Nachfieber. 

Das Wundfieber, seine Intensität, seine Dauer hat keinen Ein- 
fluss auf Entstehung des Nachfiebers. Letzteres kann sich sogar 
entwickeln , wenn das Wundfieber ausgeblieben war. Andererseits 
ist aber ein protrahirtes Wundfieber nicht immer von dem Nachfieber 
unterschieden. 

Es lässt sich zuweilen keine besondere Ursache für das Nach- 
fieber auffinden ; dann ist dasselbe gewöhnlich gering und von kurzer 
Dauer. 

In der Mehrzahl der Fälle hat aber das Nachfieber bestimmte 
Ursachen' und kann seinerseits dazu dienen, die Aufmerksamkeit wach 
zu rufen und nach Störungen des Heilungsprocesses forschen zu 
lassen. Verhaltung des Wundsecrets, Fortschreiten der Entzündung 
im subcutanen oder intermuskulären Zellstoff, ferner Stuhlverstopfung 
und Harnretention oder Entwickelung neuer Krankheitsprocesse, Ent- 
zündung innerer Organe sind die vorzüglichsten Ursachen des Fiebers 
der spätem Zeit. 

Dasselbe kann an jedem Tage von der zweiten Hälfte der ersten 
Woche bis in die folgenden Wochen , selbst bis zum Schluss der 
Sechsten auftreten. 

Die leichteren Anfälle entstehen fast unmerklich, namentlich 
ohne Frost , ihre Dauer ist kurz , 1 bis 2 Tage , bis höchstens eine 
Woche. 

Die heftigeren Nachfieber beginnen häufig mit einem Frost. 



34:2 D^s Verhalten der Eigenwärme bei Febricula, 

Das Verhalten der Temperatur bei dem Nachfieber ist sehr ver- 
schieden, da es durch die mannichfaltigsten Umstände bedingt wird, 
und da diese Fieber eigentlich nicht viel mehr Gemeinschaftliches 
unter einander haben , als dass sie in einer gewissen Zeit nach der 
Verletzung eintreten. Sie sind der constitutionelle Ausdruck für die 
vielfältigsten leichten und schweren Störungen, welchen ein Verletzter 
in den ersten 6 Wochen nach seiner Verletzung ausgesetzt ist. Sie 
können daher unmöglich einem bestimmten Typus folgen , ihre prak- 
tische Bedeutung liegt nur darin , dass sie eines der ersten Merkmale 
sind , welche darauf hinweisen , dass bei der erhöhten Morbilitätsdis- 
position, die durch die Verletzung gesetzt ist, irgend eine Schädlich- 
keit zu einer Störung des ruhigen Fortganges des Heilungsprocesses 
geführt hat. 

4. Bei abnormer Geburtsthätigkeit ist, wie Win ekel 
gezeigt hat, die Thermometrie im Stande, die wichtige Unterschei- 
dung zwischen Wehenschwäche und sogenannten Krampfwehen fest- 
zustellen. 

Bei Wehenschwäche tritt die der normalen Geburt eigenthüm- 
liche Temperaturerhöhung nicht ein, die Eigenwärme ist in der Regel 
niedriger und folgt der Tagesfluctuation Gesunder. 

Bei allen Krampfwehen , wodurch sie auch bedingt sein mögen, 
steigt die Temperatur entsprechend der Dauer der Wehenanomalie. 
Die Temperatursteigerung ist zwar keineswegs sehr beträchtlich, 
übersteigt nicht leicht 1 ^ , setzt sich aber unbeeinfiusst von den nor- 
malen Tagesschwankungen fort. 

Auch unmittelbar nach der Geburt bleibt die Temperatur nach 
Krampfweheu noch erhöht, fällt aber, wenn indessen nicht eine Ent- 
zündung eingetreten ist, in den nächsten 12 Stunden. 

5. Im W c h e n b e 1 1 ist eine Temperatur über 38 •^ zwar noch 
kein sicheres Zeichen eines pathologischen Vorganges, aber min- 
destens verdächtig ; doch sichert eine normale Temperatur bei der 
Wöchnerin keineswegs den ungestörten Fortgang des Wochen- 
bettes. 

Sehr viele Wöchnerinnen zeigen in den ersten 24 Stunden nach 
der Geburt eine massige Erhöhung, eine Art schwachen Wundfiebers 
ohne nachweisbaren krankhaften Localprocess. Die Temperatur 
dieser leichten Fieberbewegung geht nicht über 88,3 ^. Sie dauert 
gemeiniglich nur einen Tag. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Febrieula. 843 

Einzelne Wöchnerinnen zeigen ein stärkeres , zuweilen durch 
Frost eingeleitetes Fieber. Meist beginnt diese intensivere Form am 
2. und 3., zuweilen am 4., 5. oder 6. Tage und fällt daher mit der 
stärkern Anschwellung der Brüste zusammen. 

Dieses Fieber kann schon nach wenigen Stunden oder erst nach 
2 — 5tägiger Dauer seinen Culminationspunkt erreichen, der nicht 
selten bis 40 <^ geht, dann wendet es sich, wenn ungünstige 
Localisationen nicht vorliegen , rasch zur Defervescenz , so dass in 
kürzester Zeit nach Beginn des Abfalls die Normaltemperatur wieder 
erreicht ist. 

Entweder bleibt von da an die Temperatur normal , oder es 
stellt sich nach 12 — 24stündiger, selbst nach etwas längerer Dauer 
völliger Apyrexie ein Nachfieber ein , bei welchem gleichfalls Er- 
höhungen bis 42^ vorkommen können, das aber wiederum nach 1 bis 
2tägiger Dauer abnimmt und ohne weitere Störung in den Normal- 
zustand übergeht. 

Alle davon abweichenden, entweder höhergradigen oder länger 
dauernden Temperatursteigerungen sind Zeichen einer bedeutenden 
Erkrankung, sei es einer localen Entzündung, sei es einer wesentlich 
konstitutionellen Affection. 

6. Sehr zahlreiche sonstige Verhältnisse können ephemere 
Fieberanfälle bedingen : 

Sie kommen vor bei schwächlichen , kranken Individuen , Kin- 
dern, Frauen, oft ohne alle nachweisbaren Gründe. 

Sie stellen sich zuweilen ein bei stärkerem Wachsthum , Zahn- 
-eutwicklung, Erschöpfung, bei der Menstruation. 

Sie -zeigen zuweilen den Anfang oder die Steigerung irgend 
«ines mehr oder weniger verborgenen lentescirenden Processes an. 

Sie leiten kurz dauernde Gewebsstörungen, ein , so geht z. B. 
nicht selten eine sehr intensive Ephemera der Eruption eines isolirten 
Herpes labialis voran. 

Sie zeigen sich nicht selten vereinzelt in der Incubationsperiode 
infectiöser Krankheiten. 

Sie treten zuweilen ein im Momente einer im Körper selbst vor- 
sichgehenden, aber ohne weitere Folgen bleibenden Verbreitung eines 
Krankheitsgiftes (durch das Lymphsystem) oder einer embolischen 
Verschleppung. 

Sie stellen bisweilen bei ungenügenden Infectionen oder bei 
wenig disponirten Individuen den ganzen Effect der Einwirkung einer 
specifischen Krankheitsursache dar. 



344 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei Pyämie. 

Sie können auch nach andern starken Krankheitsursachen 
(starken Erkältungen, Durchnässungen, Gemüthsbewegungen) ein- 
treten, ohne nothwendig weitere Folgen zu haben. 



XI. Pyämie. 

1. Das pyämische Fieber d. h. das Fieber, welches acute mul- 
tiple Entzündungen begleitet, selten primär und spontan entsteht, 
meist anderen Processen , vornehmlich Verletzungen , folgt oder im 
Wochenbett auftritt und ohne Zweifel eine infectiöse Genese hat, 
entwickelt sich entweder aus einem völlig fieberlosen Zustand oder es 
geht ihm ein mehr oder weniger erhebliches, von den einleitenden 
Processen bedingtes Fieber voran. In beiden Fällen ist der Anfang 
der Pyämie in der Regel ein scharf begränzter ; in letzterem Falle 
bemerkt man jedoch zuweilen unmittelbar vor dem Beginn der pyä- 
mischen Erscheinungen ein bald nur geringes , bald aber auch be- 
trächtliches Sinken, in andern Fällen eine präparatorische geringe 
Steigerung der Temperatur und es kann möglich, selbst nicht unwahr- 
scheinlich sein, dass diese Aenderungen der Eigenwärme bereits der 
pyämischen Erkrankung angehören und die erste Wirkung der In- 
fection seien. 

Die erste Erhebung der Temperatur, mit welcher die deutlichen 
Manifestationen der Erkrankung beginnen , und welche gewöhnlich 
von einem starken Froste begleitet wird , ist eine meist rapide , zu- 
weilen schon in wenigen Stunden bis ^/g Tag, meist im Laufeines 
Tages sich vollendende, seltener über l^/g Tag und mehr sich ver- 
schleppende und beträgt 21/2 — 3^2 Grad und mehr, nur ausnahms- 
weise weniger. Die Temperatur überschreitet bei dieser Erhebung 
fast immer den 40. Grad, steigt meist über den 41., und kommt dem 
42. häufig nahe. 

Im Speciellen erfolgt das Ansteigen am gewöhnlichsten in der 
Weise, dass in den ersten 12 — 15 Stunden, z. B. von Morgen bis 
gegen Mitternacht die Temperatur um 1 — l^/^ Grad steigt, was bei 
vorangehendem sonstigem Fieber der von diesem bedingten Tages- 
fluctuation ähnlich erscheinen kann, aber doch nach irgend einer 
W^eise davon abweicht. Hierauf folgt in der Nachmitternacht ein 
rascheres Steigen und am Morgen zeigt sich die Temperatur beträcht- 
lich erhöht, bei vorausgegangenem andersartigem Fieber II/2 — 2^/^ 
Grad höher als während der Tagesmaxima der früheren Tage. Zu- 
weilen dauert ein weiteres, jedoch massigeres Ansteigen auch an dem 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pyämie. 345 

der Fiebernacht folgenden Tage fort. Der Frost kann auf jedem 
Punkt dieses Ansteigens eintreten , auch zweimal während desselben 
erfolgen. 

In einer Minderzahl der Fälle ist das Ansteigen während des 
ersten Anfalls wesentlich rapider, besonders wenn schon zuvor Fieber 
bestand, so dass schon in wenigen Stunden der Gipfel des ersten 
Accesses erreicht ist. 

2. Der erste Fieberanfall ist akmeartig. Nachdem die Tem 
peratur die Maximalspitze erreicht hat , fängt sie sofort an , ebenso 
rapid oder noch rapider zu fallen und zwar sinkt sie in wenigen 
Stunden um 2 — 4 Grade , so dass in der Regel nach dem ersten 
Fieberanfall die Eigenwärme niedriger ist als vor demselben , zumal 
wenn schon vor dem Beginne der Pyämie Fieber bestand. Doch ge- 
langt die Eigenwärme nach dem ersten Anfall gewöhnlich nicht bis 
zur Normaltemperatur , kommt ihr zwar zuweilen nahe, erreicht aber 
meist nur eine Tiefe von 38 — 38,g^. 

Die niedrige Temperatur, welche auf den ersten Fieberaccess 
folgt, erhält sich in der Regel nicht lange, kaum einen halben Tag; 
in den meisten Fällen wendet sich die Temperatur, sobald sie die 
Minimaltiefe erreicht, sofort wieder zum Ansteigen und dieses Steigen 
ist, gleichviel ob mit Frost verbunden oder nicht, gewöhnlich unge- 
fähr ebenso rapid wie das erste, erreicht jedoch meist nicht ganz die 
Höhe des ersten. 

Der erste pyämische Fieberaccess hat viele Aehnlichkeiten mit 
dem Beginn anderer acuter Krankheiten , welche sich durch eine 
kurze pyrogenetische Periode auszeichnen. Allein einerseits ist die 
Höhe der Temperatur, welche in kurzer Zeit bei der Pyämie gewöhn- 
lich erreicht wird, weit beträchtlicher, als bei jenen andern Krank- 
heiten und andererseits unterscheidet sich der erste pyämische Access 
durch die baldige Wendung zum rapiden Fallen der Temperatur 
wenigstens von continuirlichen Fieberformen. 

Schwieriger ist die Unterscheidung von einem Intermittens- 
anfall. Jedoch zeigt sich bei dem ersten Pyämieanfall ein wesentlich 
protrahirteres Ansteigen , als bei einem Intermittensanfall. Sodann 
erreicht nach dem Accesse der Pyämie der Rückgang der Temperatur 
nur selten die Norm, wendet sich vielmehr, ehe 37,5 <^ überschritten 
ist, oft schon viel früher zu erneuertem Steigen. 

3. Im weiteren Gange des Vei'laufs lassen sich folgende Ver- 
hältnisse bemerken : 



346 ^'^^ Verhalten der Eigenwärme bei Pyämie. 

Brüskes Ansteigen der Temperatur zu mehr oder weniger be- 
trächtlichen Höhen, bald mehr, bald weniger dem Gipfel des ersten 
Anfalls nahe kommend, zuweilen selbst ihn um mehrere Zehntel über- 
ragend : es fehlt fast niemals, stellt sich in der grossen Mehrzahl der 
Fälle in mehr oder weniger zahlreichen, unrhythmischen Wieder- 
holungen, zuweilen selbst in einem Tage 2 mal, sogar 3 mal ein ; 

rasche Wendung der Temperatur nach Erreichung des Maximal- 
gipfels zum Sinken : nur ausnahmsweise verweilt die Eigenwärme 
einen halben Tag oder darüber in der Nähe des Maximums, meist 
geht sie unmittelbar nach der Gipflung rapid abwärts ; 

rapide Niedergänge der Temperatur nach Art einer rapiden 
Defervescenz , oft noch schneller erfolgend , in den spätem Anfällen 
nicht selten bis zur Norm und darunter sich erstreckend , doch oft 
auch bei 39^ und selbst darüber sich sistirend ; 

nur selten Pausen von apyretischer oder annähernd normaler 
Temperatur von der Länge eines halben oder ganzen Tages ; 

gewöhnlich intercurrent und eingeschoben zwischen die Fieber- 
anfälle , auch wohl gegen den tödtlichen Schluss der Krankheit ein- 
und mehrtägige Strecken eines continuirlichen oder remittirenden 
Verlaufs mit ascendirender oder descendirender Richtung oder auch 
unregelmässigem Fortgang; 

die bekannten Schüttelfröste , welche mehr oder weniger häufig 
sich wiederholen , meist mit dem rapiden Ansteigen der Temperatur 
zusammenfallen, doch auch oft unabhängig davon sind, auch hin und 
wieder ganz ausbleiben. 

Durch dieses Verhalten ist der Verlauf des pyämischen Fiebers 
sehr vollständig charakterisirt und unterscheidet sich von jeder an- 
dern Krankheit. Es fördert die Orientirung bei den mannichfachen 
individuellen Differenzen, wenn Heubner folgende Hauptformen 
des Ganges der Krankheit aufstellt : 

a) Fälle mit rascher Aufeinanderfolge der steilen Steigerungen 
und Niedergänge ; 

b) Fälle mit auseinauderliegenden Fieberanfällen und apyre- 
tischen oder kaum febrilen Intervallen ; 

c) Fälle mit fortdauerndem Fieber und intercurrenten starken 
Erhebungen der Temperatur. 

Die Dauer des pyämischen Fiebers erstreckt sich in der Regel 
auf ungefähr eine Woche , selten auf weniger als eine halbe , selten 
auf mehr als anderthalb Wochen. 

Dem Tod geht gemeiniglich kein thermometrisch ausgezeich- 
netes proagonisches Stadium voran "und er erfolgt bald bei verhält- 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pyämie. 347 

nissmässig niedriger, selbst normaler Temperatur, bald bei mittel- 
hoher, zuweilen bei hocbfebriler , oder wie namentlich bei dem rapid 
tödtenden Puerperalfieber unter hyperpyretischer Temperatur. 

4. Allein es ist nicht zu übersehen, dass auch einzelne Ab- 
weichungen von diesem Verhalten vorkommen: 

Bei zuvor Schwerkranken kann der Tod schon im Anfang der 
Pyämie eintreten und dadurch das Charakteristische des Verlaufs in 
Wegfall kommen ; 

in seltenen Fällen verläuft die Pyämie als eine wenigtägige 
Continua ohne Fröste oder nur mit einem Initialfrost: dieses Verhal- 
ten findet sich zuweilen bei der traumatischen Pyämie , noch viel 
häufiger aber bei dem Puerperalfieber, namentlich der schnell tödten- 
den und nicht zu Abscessbildung vorschreitenden Form ; 

ebenfalls in seltenen Fällen zeigt sich beim Beginn der Pyämie 
ein zickzackartiges oder staffelartiges über mehrere Tage sich fort- 
setzendes Ansteigen oder wenn vor der Pyämie ein stärker remit- 
tirendes Fieber bestand , ein Kleinerwerden der Remissionen , worauf 
dann erst später eine fast plötzliche stärkere Erhebung folgt ; 

manche Fälle zeigen wenigstens eine Zeit laug einen gewissen 
Rhythmus in der Wiederkehr der Accesse ; 

zuweilen zieht sich die Krankheit in die Länge, die Anfälle 
werden selbst eine Zeit lang spärlicher und schwächer : aber schliess- 
lich tritt doch noch eine tödtliche Wendung ein ; 

endlich kommen Fälle mit sehr protrahirtem Verlaufe vor, bei 
welchen eine geraume Zeit hindurch nur gelegentliche intensive Fie- 
beranfälle einen apyretischen oder schwachfebrilen Verlauf unter- 
brechen, zuweilen 1 — 2 Wochen und mehr zwischen sich haben und 
dadurch eine entsprechend lange Dauer bedingen. Die Fieber- 
anfälle können schliesslich aufhören und die Genesung sich herstel- 
len, oder der Tod erfolgt unter grösserer Cumulirung der Anfälle 
oder dem Anschluss eines kurzen continuirlichen Fiebers. 

Vgl. über den Fieberverlauf der Pyämie Heubner, dessen 
Arbeit (1868, Archiv der Heilk. IX. p. 289) sich auf das Material 
meiner und der hiesigen chirurgischen Klinik stützt. 

Pyämiecurven s. Taf. VI. 



348 ^^s Verhalten der Eigenwärme 



XII. Die catarrhalischen AfFectionen der Schleimhäute. 

1. Die Schleimhautcatarrhe zeigen hinsichtlich des Temperatur- 
verhaltens im allgemeinen kein typisches Verhalten. 

In vielen Fällen fehlt jede Temperaturabweichung oder zeigen 
sich wenigstens nur etwas grössere Tagesfluctuationen als im gesunden 
Zustand, so dass sich Abends die Temperatur zu übernormalen, sub- 
febrilen oder massig febrilen Höhen erhebt. 

Zuweilen ist im Anfang der Erkrankung oder gelegentlich wäh- 
rend ihres Verlaufs eine ephemere Steigerung zu bemerken , welche 
zu keinen weiteren Consequenzen führt. 

Hin und wieder kommen auch regellose Temperatursteigerungeu 
vor, welche meist mit neuen Schädlichkeiten oder mit zufälligen 
Steigerungen der catarrhalischen Affection zusammenhängen. 

Namentlich finden sich solche bei sehr empfindlichen Individuen,, 
bei solchen , welche vor der catarrhalischen Erkrankung schon an 
irgend welchen chronischen Störungen litten. 

Bei kleineren Kindern können ebenfalls catarrhalische Affectio- 
nen etwas gesteigerte Temperaturen hervorrufen. 

Bei chronischem Verlauf des Catarrhs tritt manchmal ein Fieber 
in hectischer Form auf, zumal wenn der chronische Catarrh eine Zeit 
lang exacerbirt. 

In manchen catarrhalischen Afi'ectionen ist das Eintreten von 
Temperatursteigerungen ziemlich sicheres Zeichen beginnender Com- 
plicationen: so namentlich im Keuchhusten, bei welchem eben darum 
eine fortwährende tägliche Wärmemessung von grossem praktischem 
Werthe ist. 

So verhält sich die Temperatur bei dem Catarrhe des Pharynx, 
des Larynx , der unteren Respirationsorgane , des Darmkanals, der 
ürinwerkzeuge und der weiblichen Genitalien. In allen diesen Fäl- 
len ist Fieber das Zeichen intensiverer Reizung der Schleimhaut, 
steht und fällt mit dieser, oder hängt sie ab von Nebenumständen, 
individuellen Dispositionen, schädlichen Einflüssen, Complicationen. 

Einen mehr zusammenhängenden und nahezu typischen Verlauf 
kann die Temperatursteigerung zeigen : 

bei intensiveren , namentlich epidemisch auftretenden Catarrhen 
der Respirationsschleimhaut, welche dann häufig mit Intestinalcatarrh 



bei catarrhalischen AfFectionen der Schleimhäute. 349 

und mehr oder weniger auffälligeu Nervensymptomen verbunden sind 
(Grippe) ; 

bei intensiven Catarrhen der Magen- und Darmschleimhaut , zu- 
mal wiederum epidemischen Ursprungs oder in Fällen , wo dieselben 
in hohem Grade vernachlässigt wurden. 

2. Bei der Grippe ist nur in schweren Fällen eine erhebliche 
Temperaturabweichung zu bemerken. 

Der Anfang der Temperatursteigerung ist dabei selten ein 
rapider. Vielmehr geht die Eigenwärme ähnlich dem Verhalten in 
der Initialperiode des Abdominaltyphus in die Höhe , doch nicht mit 
derselben Regelmässigkeit , nicht in so constanter Zeitdauer , sondern 
bald rascher, bald langsamer und meist nicht ganz bis zur selben 
Höhe, wie bei Abdominaltyphus. 

Auf dem Fastigium ist das Verhalten ein ähnliches, wie beim 
Abdominaltj^phus , wenigstens zeigen sich ganz eben solche Tages- 
remissionen und Exacerbationen. Die letzteren können dieselbe Höhe 
haben, wie beim Ileotyphus, erreichen sie jedoch meistens nicht ganz. 

Ausserdem ist das Fastigium fast immer von wesentlich kürze- 
rer Dauer als beim Abdominaltyphus und es wendet sich, wenigstens 
bei guter Pflege und wenn sich keine weiteren Affectionen anschlies- 
sen, die Temperatur schon nach wenigen Tagen zum Sinken. 

Auch die Defervescenz zeigt im Allgemeinen denselben remit- 
tirend lytischen Typus, wie beim Abdominaltyphus ; doch ist sie 
gewöhnlich in der Abnahme rascher und ihre Beendigung tritt zeitiger 
ein als bei diesem. Dagegen kommt es nicht selten bei der Grippe 
vor, dass die Temperatur, nachdem sie der Norm nahe gekommen ist, 
eine Zeit lang auf etwas übernormalem Niveau verweilt oder wenig- 
stens grössere Abenderhebungen zeigt, als bei vollständiger Recon- 
valescenz. 

Die hauptsächlichst wichtige diagnostische Frage, die sich an 
dieses Verhalten knüpft, ist die , ob in einem vorliegenden Falle eine 
schwere Grippe oder ein Abdominaltyphus anzunehmen sei , eine 
Frage , die um so schwieriger zu entscheiden ist , da häufig auch in 
zahlreichen anderen Beziehungen (Prostration , cerebrale und nervöse 
Symptome, Darmerscheinungen) Ileotyphus und schwere Grippe eine 
sehr weitgehende üebereinstimmung zeigen und da bei vorgefundener 
Milzvergrösserung es oft zweifelhaft bleibt, ob diese nicht schon vor 
der Krankheit bestand , Abwesenheit von Roseolen aber nicht ent- 
scheidend gegen den Typhus ist. 

Bleibt die Temperatur entschieden unterhalb der Typhusgränze, 



350 I^äs Verhalten der Eigenwärme 

SO ist bei jugendlichen Erwachsenen die Antwort auf diese Frage 
leicht und ein Typhus nicht anzunehmen. 

Wird aber die Typhusgränze erreicht oder überschritten, was 
zumal in starken Grippeepidemien gar nicht selten vorkommt, so 
lässt sich oft genug einige Tage lang die Differentialdiagnose nicht 
stellen. Aber bei einigermaassen guter Pflege und wenn nicht eine 
catarrhalische Pneumonie eintritt, darf man sicher sein, dass die 
Temperatursteigerung bei einer noch so intensiven Grippe zeitiger 
zu sinken anfange, als beim Ileotyphus. In günstigen Fällen wird 
die Defervescenz auch rascher vollendet , als bei diesem. Auch in 
ungünstigen Fällen, beim Eintreten sehr intensiver Bronchiten, Bron- 
chioliten und Peribronchiten und bei tödtlichem Ausgang pflegt die 
Temperatur auf ein Niveau zurückzugehen, das den Typhus ausschliesst, 
während zugleich andere schwere Symptome fortdauern und mit der 
Ermässigung der Eigenwärme contrastiren. 

üeber das Verhalten bei hinzutretender Lungeninfiltration s. 
Pneumonie. 

3. Ziemlich ebenso verhält sich die Eigenwärme bei fieberhaf- 
ten Gastrointestinalcatarrhen, die vorzugsweise bei Vernachlässigung, 
Mangel an Pflege oder empfindlicher Individualität zu gesteigerter 
Temperatur führen. Man bemerkt bei ihnen denselben Typus des 
Ansteigens , dasselbe remittirende Fastigium und dieselbe im Zick- 
zack verlaufende Defervescenz ; und es wird bei ihnen die gleiche 
Frage praktisch, ob nicht vielleicht ein Ileotyphus vorhanden sei. 

Dieselben Criterien, wie bei der Grippe, entscheiden auch hier. 
Und zwar pflegt bei dem fieberhaften Intestinalcatarrh nach Eintritt 
einer zweckmässigen Pflege fast noch schneller als bei der Grippe 
das Sinken der Temperatur zu beginnen. 



XIII. Die croupösen und diphtheritischen Entzündungen der 
Schleimhäute. 

Bei keiner acuten schweren Affection dürfte die Temperatur so 
bedeutungslos sein, als bei den croupösen und diphtheritischen Affec- 
tionen : derPharyngeaidiphtheritis, dem Larynxcroup, dem Intestinal- 
croup, der Dysenterie und der diphtheritischen und croupösen puer- 
peralen Endometritis. 

Zwar darf man auch bei diesen Affectionen eine hochgesteigerte 
Eigenwärme als einen weiteren Zuwachs der Gefährlichkeit ansehen. 



bei croupÖsen und diphtheritischen Entzündungen etc. 351 

Aber massige, selbst normale Temperaturen geben auch nicht die 
geringste Bürgschaft für einen günstigen Ablauf. Die erhöhte Tem- 
peratur kann zurückgehen, während die Störung unaufhaltsam zum 
Untergang fortschreitet. 

Vgl. über die Temperatur bei Diphtheritis auch Richardson (the 
Medical record. 1867. IL 219). 



XIV. Pneumonie. 

1. Die Krankheitsforraen, welche man mit dem Ausdruck Pneu- 
monie bezeichnet, zeigen ein sehr verschiedenes thermoraetrisches 
Verhalten. Bei einzelnen Fällen und zwar auch acuten Verlaufs 
wird die Temperatur gar nicht alterirt, bei andern werden nur ge- 
ringe Fieberbewegungen hervorgebracht; in den meisten ist zwar 
ein mehr oder weniger scharf abgegränzter Fieberverlauf zu bemer- 
ken : aber dieser zeigt wenigstens für die oberflächliche Beobachtung 
die gröbsten Differenzen: continuirliche, remittirende , relabirende 
und intermittirende Formen. 

Und doch kann man Gruppen von Fällen zusammenstellen, bei 
welchen der Verlauf der Temperatur auf das vollkommenste überein- 
stimmt und welchen daher so gut, wie irgend einer anderen Krank- 
heit, ein typischer Character zukommt. 

Die Verschiedenheiten des Typus beruhen offenbar nicht darauf, 
dass wie beim Abdominaltyphus und den Variolen sich eine ein- 
fachere und eine complicirtere Form unterscheiden Hesse. 

Das mannigfaltige Verhalten des Temperaturgangs, das nach 
dem Gesagten keineswegs als regellose Zufälligkeit erscheinen 
kann , dürfte vielmehr darauf hinweisen , dass mit dem Ausdruck 
Pneumonie Affectionen von sehr erheblicher Differenz bezeichnet wer- 
den. Auch schon die anatomische Forschung hat diess längst zu 
erkennen angefangen : die croupösen , hämorrhagischen , serösen, 
embolischen , eitrigen, jauchigen Pneumonien , die Lobularpneumonie 
etc. stellen Verschiedenheiten dar von so grosser Bedeutung, dass sie 
mit Nothwendigkeit als differente Krankheitsprocesse angesehen wer- 
den müssen. 

Aber es möchte nicht wohl in Abrede gestellt werden können, 
dass auch Formen , wenn sie vorläufig noch anatomisch für identisch 
erachtet werden , doch in sehr wesentlichen Punkten divergiren kön- 
nen und dass ausser der verschiedenen anatomischen Gestaltung der 
Resultate des Processes auch die ätiologischen Verhältnisse Differen- 



352 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

zen bedingen können , welche manche unter demselben Ausdruck zu- 
sammengefasste Erkrankungen wesentlich von einander trennen. 

Die Aufstellung einer Krankheitsform Pneumonie ist kaum eine 
weniger oberflächliche Zusammenfassung, als wenn man alle mit ent- 
zündlichen Vorgängen verlaufende Hautkrankheiten unter dem Aus- 
druck Dermatitis zusammenwerfen würde. Aber jene Aufstellung ist 
nöthig , weil es vielfach nicht gelingt , während des Lebens die 
Diagnose schärfer zu treffen und die einzelnen differenten Vorgänge 
auseinanderzuhalten, ja sogar, weil diese selbst in ihren wesentlichen 
Unterschieden zum Theil nicht zu fixireü sind. 

Die Symptomatik hat zwar bereits eine Anzahl von Momenten 
aufgedeckt, welche auf verschiedene Vorgänge in den Lungen bei 
den als Pneumonie bezeichneten Erkrankungen hinweisen. Aber man 
wird einräumen müssen , dass die bisherigen Hilfsmittel der Sympto- 
matik für die differentielle Diagnose noch sehr dürftig sind. 

Die Thermometrie ist im Stande , diese Hilfsmittel nicht unbe- 
trächtlich zu erweitern ; doch muss man bekennen , dass auch sie 
noch viele Lücken gelassen hat, und man darf sich der Einsicht nicht 
verschliessen, dass auch mitsammt den Leistungen der Thermometrie 
unsere Kenntnisse und unsere Beurtheilung pneumonisch Kranker 
noch vielfach fragmentarisch sind. 

2. Die Thermometrie giebt für sich allein niemals eine Ent- 
scheidung für das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer 
Pneumonie überhaupt. 

Dagegen vermag die thermometrische Beobachtung bei bereits 
diagnosticirten pneumonischen Erkrankungen Differenzen aufzuzeigen, 
welche auf keinem anderen Wege zu erkennen sind , und die Dia- 
gnose dieser besonderen Formen zu vermitteln ; 

den Grad und die Gefährlichkeit der Affection zu bestimmen ; 

einen feinen Maasstab für Besserungen und Verschlimmerungen, 
damit für die Wirkung therapeutischer Vornahmen zu liefern ; 

auf das Eintreten und Bestehen von Complicationen hinzu- 
weisen ; 

den Abschluss des Processes zu erkennen; 

die Vollständigkeit der Reconvalescenz und der Herstellung zu 
verbürgen ; 

oder aber die Fortdauer noch ungelöster Störungen und den 
Anschluss von Nachkrankheiten zu verrathen. 

Auch kann die Thermometrie bei andern Krankheitsformen, bei 
welchen der Hinzutritt einer Pneumonie vorzugfsweise zu befürchten 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 353 

steht, zuerst die wirkliche Eiitwiclvhuig dieser Complication mit 
Wahrscheinlichkeit anzeigen (bei Masern , Catarrh der Bronchien, 
Keuchhusten, Lungenschwindsucht, Pleuritis). 

Es darf aber nicht übersehen werden, dass die Thermometrie 
bei den pneumonischen Affectionen (im Gegensatz zu ihrer Bedeu- 
tung bei Abdominaltyphus etc.) nur den Werth eines auxihäreu dia- 
gnostischen Mittels hat. Zuvörderst müssen die entscheidenderen oder 
wenn man will gröberen üntersuchungsmethoden so viel, als sie ver- 
mögen, geleistet und die Diagnose so zu sagen im Rohen festgestellt 
haben ; dann erst wird man gewahr werden , wie auf dieser gewon- 
nenen Grundlage gerade die praktisch wichtigsten Fragen , welche 
von jenen unbeantwortet gelassen wurden, von der Thermometrie 
gelöst werden können. 

3. Abgesehen von den immerhin seltenen Fällen mit ganz fie- 
berlosem Verlauf der Pneumonie finden sich , wiewohl ebenfalls nicht 
häufig, pneumonische Erkrankungen mit fast momentaner, d. h. wenige 
Stunden andauernder sehr massiger Temperaturerhebuug , Fälle bei 
welchen kaum die untere Gränze massigen Fiebers (38,gO) meist 
am ersten oder zweiten Tag der Erkrankung erreicht wird und der 
Kranke sofort wieder fieberlos wird. 

Hieran schliessen sich et*vas stärkere Entwicklungen der pneu- 
monischen Febricula in zwei Weisen: Bei der einen Form tritt 
meist unter Schüttelfrost in schroffer Weise eine mehr oder weniger 
beträchtliche Temperatursteigerung (selbst bis über 41 o) ein, wor- 
auf aber sofort eine rapide Defervescenz erfolgt, so dass schon am 
zweiten oder dritten Tag die Normalwärme wieder hergestellt ist 
(akmeaftige Ephemera). In einer zweiten Reihe von Fällen 
erfolgt die Steigerung langsamer, etwas remittirend. Die Spitze 
(niedriger als bei der ersten Form, kaum 40 o) wird erst am dritten 
Tage der Erkrankung erreicht. Sofort wendet sich die Temperatur 
wieder zum Sinken und geht ungefähr eben so herab , wie sie ge- 
stiegen war (Ephemeraprotracta). 

Alle diese Fälle von Febricula gehören geringfügigen Localpro- 
cessen an und w^erden nur durch Nebenumstände zuweilen gefährlich : 
Sie entsprechen den massigen, mehr oedematösen oder den sehr be- 
schränkt bleibenden Infiltrationen ; die Form der akmeartigen Ephe- 
mera kommt überdem bei embolischer Pneumonie, die der Ephemera 
protracta bei Erkrankungen vor, bei welchen im Lauf eines Bronchial- 
catarrhs kleine pneumonische Heerdesich ausbilden. Die Febricula pneu- 
monica zeigt sich ferner nicht ganz selten bei Secundärpneumonien, 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 23 



354 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

sodann bei massigen Lungenentzündungen kleiner Kinder, betagter 
oder marastischer, phthisischer und heruntergekommener Individuen, 
in welchen Fällen sie freilich ungünstige Folgen haben kann. 

Die beiden Formen der entwickelteren Febricula stellen zu- 
gleich die Rudimentärtypen der zwei Hauptgestaltungen des Fiebers 
Pneumonischer dar. Denkt man sieh die Akme der akmeartigen 
Ephemera verbreitert, so entsteht der continuirliche Typus mit sei- 
nem jähen Anfang und rapiden Ende ; denkt man sich die Ephemera 
protracta auseinander gezogen , so erhält man den remittirenden 
Typus mit seinem allmäligen Anfang und seiner lytischen Lösung. 

4. Das Fieber der Pneumonischen zeigt aber, sobald es zu 
einiger stärkeren Entwicklung gelangt, noch eine Eigenthümlichkeit, 
welche zwar auch bei andern Krankheitsformen vorkommt, aber un- 
gleich häufiger und gewöhnhcher bei der Pneumonie , als bei irgend 
einer andern Krankheit. Es sind diess die vereinzelten brüsken 
Erhebungen und die intercurrenten Temperaturabfälle. 

Die brüsken Erhebungen, gewissermaassen eine ein- 
geschobene akmeartisre Ephemera, wie sie z. B. beim Abdominai- 
typhus zuweilen die vorgeschrittene Reconvalescenz momentan unter- 
bricht, kommt sehr häufig in der Pneumonie vor und zwar nicht nur 
nach entschiedener Herstellung der Reconvalescenz, sondern noch 
häufiger unmittelbar nach der Defervesceuz, oder selbst während der- 
selben und diese gewissermaassen unterbrechend , endlich aber auch 
im Verlaufe des Fiebers , in welchem Fall sie eine höchst beträcht- 
liche aber kurz dauernde Exacerbation bis auf Höhen von 41,5 <^ und 
darüber darstellt. Die während und nach der Defervescenz eintre- 
tenden ephemeren Steigerungen erheben sich ganz gewöhnhch über 
390. oft über 40 0, doch nur selten bis nahe auf 41^ und gar 
darüber. 

5. Den Gegensatz zu den brüsken Erhebungen bilden die 
intercurrenten Temperatur ab fälle. Fast bei allen Ver- 
laufsformen der Pneumonie kann es vorkommen, dass der regel- 
mässige Gang der Temperatur eine plötzliche Unterbrechung erleidet 
durch einen tiefen und mit dem vorausgehenden und nachfolgenden 
Verhalten scharf contrastirenden Niedergang der Eigenwärme. 

Dieses intercurrente Sinken kommt in der Mehrzahl der Pneu- 
moniefälle vor, sowohl in leichten, als schweren und selbst tödtlichen. 

Der Abfall erfolgt äusserst rapid und beträgt 1 1/2 bis 4, sogar 
5 Grade und es kommt die Temperatur der Normalwärme mehr oder 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 355 

weniger nahe, erreicht sie sehr häufig, tiberschreitet sie auch 
zuweilen. Ist der Niedergang nur ein verhältnissmässig geringer 
(IV2 — 2 Grad), so wird er nur dann auffälHg, wenn er in einen 
wesentlich continuirlichen Verlauf eingeschoben ist, wie überhaupt 
bei diesem Verlauf der intercurrente Temperaturabfall am schroffsten 
sich ausnimmt. Der niedrige Temperaturgrad bleibt in der Regel nur 
kurze Zeit erhalten , sofort erhebt sich meistens die Temperatur wie- 
der zur alten Höhe, oft auf eine etwas geringere Spitze , nicht selten . 
jedoch auch auf eine höhere. Die ganze Unterbrechung nimmt gemei- 
niglich nur einen halben Tag und noch weniger in Anspruch. Doch 
dehnt sich der Temperaturabfall zuweilen auch zu einer längeren 
eingeschobenen Apyrexie aus. 

Der intercurrente Temperaturabfall kann zu jeder Zeit des Ver- 
laufs vom zweiten Krankheitstag ab bis zum letzten Defervescenztag 
oder bis zur Agonie eintreten. Er zeigt sich meist nur einmal in 
einem Verlaufe, doch zuweilen auch zwei und dreimal. 

Nach diesen Verschiedenheiten können die intercurrenten Nieder- 
gänge eine verschiedene Bedeutung haben, vornehmlich aber den 
Charakter des Verlaufs modificiren und zu falschen Schlüssen Ver- 
anlassung geben. 

Begreiflich erregt das intercurrente Sinken die Hofiiiung, dass 
die Defervescenz beginne. Erfolgt dasselbe schon sehr zeitig, so 
giebt es den Anschein , als ob die Pneumonie schon in der ersten 
Entwicklung sich beendige. Aber die Temperatur erhebt sich wie- 
der , selbst zu ihrer früheren Höhe und so erweist sich der Nieder- 
gang als trügerische Pseudokrise , welche nur den Verlauf momentan 
unterbrochen hat, der nachher seinen gewöhnlichen weiteren Gang 
verfolgt. Doch kann es auch geschehen, dass bei dem Wiedersteigen 
die Temperatur nicht mehr die alte Höhe erreicht und sich eine des- 
cendirende Richtung anschliesst. Dann trennt - der intercurrente 
Abfall das Fastigium in zwei Theile von ungleichem Character 
und kann selbst als der Anfang der Milderung des Verlaufs 
erscheinen. 

Bei Pneumonien von langer, d. h. mehr als einwöchentlicher 
Dauer fällt nicht selten auf den siebenten Tag die Pseudokrise und 
es kann nach derselben der Verlauf entweder in grosser Heftigkeit 
fortdauern und tödtlich enden oder aber es schliesst sich dem inter- 
currenten Abfall eine etwas günstigere Gestaltung der Verhält- 
nisse an. 

Noch sicherer kann das intercurrente Sinken als erstes An- 
zeichen der Ermässigung betrachtet werden , wenn es , was häufig 

23* 



356 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

geschieht, aber nicht vorauszusetzen ist, am Tage vor der definiti- 
ven Defervescenz eintritt. Es kann alsdann zweifelhaft bleiben , ob 
man den ersten Temperaturabfall bereits zum Entfieberungsprocesse 
rechnen und die darauf folgende Wiedersteigerung nur als Unter- 
brechung der Defervescenz gelten lassen soll oder ob jener noch zum 
Fastigium gehöre. 

Wiederholen sich die Temperaturabfälle mehrfalls, so stellt sich 
,der üebergang zum remittirenden Typus her. 

Kehrt ein schroffes Sinken mit grosser zeitlicher Regelmässig- 
keit mehrmals wieder, so wird die Pneumonie zu einer wahrhaft 
intermittirenden. 

Sind die Aufeinanderfolgen wiederholter Niedergänge weniger 
regelmässig , so schliesst sich der Verlauf den schroffen Schwankun- 
gen des pyämischen Typus au. 

Erhält sich die tiefe Temperatur länger und tritt erst nach zwei 
oder drei Tagen oder noch später das Wiedersteigen ein, so hat man 
die relabirende Form und wenn die Normaltemperatur nicht ganz 
erreicht war, die Form mit recrudescirendem Fastigium. 

Das Sinken vor der Agonie hat die Bedeutung eines proagoni- 
schen Stadiums. 

Die Gründe für diese intercurrenten Temperaturniedergänge 
sind keineswegs immer durchsichtig. In vielen Fällen scheint das 
Sinken offenbar durch einen stärkeren therapeutischen Eingriff 
bedingt zu ^ein, der aber doch nicht mächtig genug war , die Krank- 
heit zu brechen. In andern gewiss auch zahlreichen Fällen mag es 
davon abhängen , dass der Localprocess , der bereits an der zuerst 
befallenen Stelle sich sistirt hatte, an einer andern benachbarten 
oder entfernten neu beginnt oder für sich fortschreitet, wobei es sehr 
wohl geschehen kann , dass der zweite Stoss der Pneumonie nur zu 
weniger vollkommener Entwicklung kommt. 

Aber nicht alle Fälle lassen sich auf die eine oder die andere 
Art erklären, und bei der ungemeinen Häufigkeit dieses Tempera- 
turverhaltens in der Pneumonie liegt die Vermuthung nahe, dass 
dasselbe überhaupt dieser Krankheit eigenthümlich sei und es lässt 
sich hiernach begreifen, dass therapeutische Vornahmen auch von 
sonst nicht sehr eingreifender Art gerade bei der Pneumonie , welche 
an sich schon zu diesen Unterbrechungen disponirt, so leicht das 
intercurrente Sinken zur Erscheinung bringen. 

Es muss von grösster praktischer Wichtigkeit sein, den pseudo- 
kritischen Niedergang von der definitiven Defervescenz und von der 
präparatorischen Ermässigung zu unterscheiden. Diese gelingt kei- 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 357 

neswegs immer. Je früher jener eintritt, um so eher wird man auf Wie- 
dersteigerung der Temperatur gefasst sein müssen , obwohl es Fälle 
genug giebt, in welchen schon am dritten selbst zweiten Tag die 
Pneumonie sich wirklich und definitiv entscheidet. Je unvorberei- 
teter ferner der Niedergang erfolgt, je weniger er mit dem übrigen 
Verhalten des Kranken übereinstimmt, je unmittelbarer er sich an 
eine therapeutische Einwirkung anschhesst, je rapider der Abfall 
geschieht, um so eher hat man eine Pseudokrise zu vermuthen. 
üebrigens ist der präparatorische rapide Niedergang, der der Defer- 
vescenz nur einen Tag lang vorangeht , von der wirklichen Deferves- 
cenz in sehr vielen Fällen mit auch nur annähernder Sicherheit nicht 
zu unterscheiden, und man muss daher bei jedem rapiden Abfall auf 
eine Wiedersteigerung am folgenden Tage gefasst sein. 

6. Der continuirliche oder subcontinuirliche Ver- 
laufstypus kommt vorzugsweise der primären croupösen und lobären 
Pneumonie zu, jedoch auch oft bei secundären Aflfectionen vor. Der 
Anfang der Krankheit ist durch eine schroffe Temperatursteigerung 
(meist unter Schüttelfrost) bezeichnet. Die Temperatur erhebt sich 
in wenigen Stunden über 39 ^ und fährt auch nachher noch fort zu 
steigen, bis sie auf einer Höhe von nahezu 40 o, in schweren Fällen 
selbst 41 ö und darüber anlangt. 

Während dieser ersten Fiebererscheinungen ist sehr oft noch 
kein Symptom vorhanden, welches auf eine Erkrankung der Lungen 
direct hinweist. Nur zuweilen zeigt sich Husten, Brustschmerz und 
Dyspnoe. Acustische Zeichen sind noch sehr selten schon am Tho- 
rax zu bemerken. Viel häufiger bestehen Kopfschmerz , auch wohl 
Delirien , "zuweilen Erbrechen , meist Appetitlosigkeit und grosses 
Krankheitsgefühl. Auch an dem folgenden und dritten Tage treten 
zuweilen die Brustsymptome und namentlich die acustischen Zeichen 
noch nicht ein, ja sie können selbst am vierten noch fehlen, während 
das Fieber in grosser Heftigkeit fortdauert. Solche Fälle nähern 
sich dadurch dem Verhalten bei Exanthemen , und will man einen 
Unterschied gelten lassen zwischen Erkrankungen an „pneumoni- 
schem Fieber" und solchen an „fieberhafter Pneumonie", so gehören 
die Fälle mit continuirlichem Temperaturgang der überwiegenden 
Mehrzahl nach in die erste Categorie. 

Die Temperatur erhält sich in den ersten Tagen auf einer 
beträchtlichen Höhe, d. h. meist 2 — 3^/2 Grad über der Norm, in 
leichten Fällen auf 39,2 — 39,6, in schweren über 40 0, zeigt dabei 
allerdings kleine Fluctuationen von ^/^ — 1 Grad, bald morgendlich 



358 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

eintretende kurz dauernde Ermässigungen mit rasch wiederkehrenden 
Exacerbationen , zuweilen auch noch mit einer zweiten um Mitter- 
nacht eintretenden Steigerung, bald überhaupt mehrfache Tagesexa- 
cerbationen oder ganz regellose Schwankungen von geringer Zu- und 
Abnahme der Temperatur. 

Dieser Gang dauert im Wesentlichen fort , so lange der Process 
in der Lunge Fortschritte macht, selten unter 3 Tagen, selten länger 
als 7. Intercurrente Temperaturabfälle können an jedem Tage den 
Gang unterbrechen. Im üebrigen bleiben zuweilen , jedoch nur in 
seltenen Fällen durch diese ganze Periode dieTagesmaxima ziemlich 
gleich hoch und erreichen auch die Tagesminima die gleiche Tiefe. 

Häufiger bemerkt man ein tägliches Höhergeheu der Tages- 
durchschnittstemperatur , schwächer werdende Remissionsexcurse, 
steigende Exacerbationen und somit die Maximaltemperatur der 
Krankheit erst in den späteren Tagen. 

In der grossen Mehrzahl der Fälle verhält es sich aber um- 
gekehrt. Die Maximaltemperatur fällt auf den 2. oder 3. Tag (meist 
auf eine Nachmittagsstunde) , oder auf den Tag , an welchem der 
Kranke in Beobachtung tritt , und von da an mindert sich die Höhe 
der Eigenwärme, wenn auch täglich nur um einige Zehntelgrade, 
Selbst in tödtlichen Fällen ist diese Ermässigung oft mehre Tage 
hindurch zu verfolgen. Es ist übrigens denkbar, dass dieses so 
gewöhnliche, zwar langsame aber stetige Herabgehen der Temperatur 
von der beträchtlichen beim Beginn der Beobachtung bemerkten Höhe 
das Resultat der eingeleiteten Therapie oder doch der angeordneten 
besseren Pflege ist. 

Auch in tödtlich ablaufenden Fällen ist die Richtung zum Ab- 
steigen häufig genug im Fastigium zu beobachten. Doch zeigen 
sich gewöhnhch dabei mehr oder weniger auffällige Irregularitäten. 
Bald fällt eine Morgenremission aus , bald eine ungewöhnlich tiefe 
dazwischen, oder tritt die Remission zu ungewöhnlichen Stunden ein ; 
die Exacerbationen sind dabei wenigstens in den ersten Tagen sehr 
hoch und massigen sich auch weiterhin nur ungenügend. Vor der 
Wendung zum tödtlichen Ende tritt zuweilen noch eine besonders 
tiefe Senkung ein. Der Tod kann bei niedriger Wärme erfolgen ; 
meist aber beginnt die Temperatur wieder sich zu erheben, anfangs 
langsam , gegen das Ende hin rasch. Erfolgt der Tod unter Suffo- 
cationserscheinungen , so ist die schliesslich erreichte Höhe noch 
verhältnissmässig unbeträchtlich: meist unter 40 o. Gehen dem 
Tod aber schwere Nervensymptome voran, dann tritt eine rapide 
Terminalsteigerung auf 41 <^ und darüber, selbst bis auf 43 ^ ein. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 359 

In günstigen Fällen bereitet sich die Besserung oft sichtlich 
vor. Es findet die descendirende Richtung nach dem früher erreich- 
ten Maximum oder nach einem intercurrenten Niedergange sehr deut- 
lich statt, indem bald die Remissionen sich vergrössern, bald die 
Exacerbationen geringer werden. Sehr oft stellt sich am Tage vor 
der definitiven Entfieberung eine Pseudokrise ein, in welcher die 
Normaltemperatur erreicht wird, worauf eine kurzdauernde, wenn 
auch sehr starke letzte Erhebung folgt. Auch zeigt sich nicht selten 
am letzten, zuweilen schon am vorletzten Tage des Fastigiums eine 
gegenüber der früheren langsamere Abendzunahme oder, im Falle 
diese gar nicht eingetreten war , im Gegensatz zu der continuirlichen 
Höhe des Fastigiums ein bemerkliches Sinken (um 1/2 — 2/4 Grad, 
bei zuvor sehr hoher Temperatur um 1 Grad und selbst mehr). Alle 
diese Arten des Verhaltens können als präparatorische Ermässigung 
vor der Defervescenz angesehen werden. 

Andererseits aber geschieht es ebenfalls häufig, dass unmittel- 
bar dem Processe der Entfieberung voraus , mögen zuvor Ermässi- 
gungen stattgefunden haben oder nicht, eine erhebliche Steigerung 
der Temperatur sich einstellt (Perturbatio critica). Sie hält gewöhn- 
lich nur einen Abend, oder auch (etwas seltener) einen Morgen lang, 
zuweilen 24 Stunden lang an. Doch erreicht oder tiberschreitet dabei 
die Temperatur nur ausnahmsweise die Höhe des früheren Maximums. 

Die Entfieberung beginnt in der Mehrzahl der Fälle in den spä- 
ten Abendstunden , zuweilen schon Nachmittags oder in der Nacht, 
verhältnissmässig selten in den Morgen - und Mittagsstunden , und 
zwar meist zwischen dem fünften bis siebenten Tage, ziemlich häufig 
am 3. und 4., sowie am 8. Tag, seltener am 9. oder 10. oder noch 
später, iTnd es ist ein entschiedener Irrthum , wenn Traube und nach 
ihm einige Andere ein üeberwiegen der ungeraden Tage für die 
Krise behaupten. Vergl. Thomas (1865 über die Lehre von den 
kritischen Tagen in der croupösen Pneumonie im Archiv der Heilk. 
VI. 118). 

Die Defervescenz erfolgt im Allgemeinen in rapider Weise , so 
dass bei zuvor nicht zu hoher Temperatur nicht selten schon in einer 
Nacht die Normalwärme erreicht wird ; in den meisten Fällen ge- 
schieht diess jedoch innerhalb 24 — 36 Stunden, wobei an dem 
zwischenfallenden Abend das Sinken entweder langsamer sich fort- 
setzt oder durch eine meist massige, zuweilen auch durch eine erheb- 
liche Wiedersteigerung unterbrochen wird. 

Nicht selten , zumal bei zuvor hohem Fieber bedarf die Defer- 
vescenz 2 mal 24 Stunden zu ihrer V^ollendung. 



360 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

Ziemlich häufig geschieht es , dass bei dem Sinken die Norm 
überschritten und Collapstemperaturen erreicht werden , sowie dass 
in der Periode der Defervescenz schwere sonstige Collapssymptome 
eintreten, welche dem Unkundigen als höchst gefährlich erscheinen, 
jedoch mit grosser Sicherheit den üebergang zur Reconvalescenz 
vermitteln. 

In den meisten Fällen beginnt erst während der Defervescenz 
oder nach ihrer Vollendung ein Stillstand der Ausbreitung und ein 
Nachlass der localen Symptome der Pneumonie. Die nervösen Er- 
scheinungen , wenn sie vorhanden waren , dauern dagegen häufig 
während der Defervescenzperiode in grosser und ungeschwächter 
Heftigkeit fort oder treten, wo sie zuvor fehlten , nicht selten gerade 
jetzt erst auf. 

Der Verlauf der Defervescenz kann gestört werden durch das 
gleichzeitige Bestehen einer intensiveren Bronchitis oder einer stär- 
keren Pleuritis neben der Pneumonie, sowie in den Fällen, in welchen 
die Pneumonie ein zuvor schon krankes Individuum befällt. 

Gewöhnlich ist mit der Erreichung der Normaltemperatur der 
Gang der Abweichungen der Eigenwärme geschlossen und die Recon- 
valescenz nimmt ihren regelmässigen Verlauf. Doch kommen zu- 
weilen noch unerhebliche Nachsteigerungen am nächsten oder selbst 
an den folgenden Abenden vor , welche , wenn sie sich wiederholen, 
die Vermuthung einer bestehenden Complication oder einer unvoll- 
ständigen Abheilung der Lungenstörung rechtfertigen. Aber auch 
beträchtliche, jedoch ephemere Erhebungen ohne ungünstige Bedeu- 
tung treten nicht selten in den ersten Tagen der Reconvalescenz ein. 
Auch Recidive sind nicht selten: doch sind solche Fälle nicht zu 
unterscheiden von der relabirenden Pneumonie. 

Wurde bei der Defervescenz subnormale Temperatur erreicht 
und haben sich dabei Collapserscheinungen eingestellt, so kann die 
unternormale Wärme und ein selbst äusserst hochgradiger Collaps 
nooh mehre Tage unter Schwankungen fortdauern, bis er endlich 

dem normalen Verhalten weicht. 

I 

7. Die continuirliche Form des Fieberverlaufes zeigt sich in 
vielen Fällen etwas unvollkommener, indem zwar der Haupt- 
sache nach der Gang der Temperatur ein gleichmässiger ist, aber 
bald im Anfang, bald am Ende, bald auch inmitten des Verlaufes 
grössere oder kleinere Abweichungen vorkommen. 

So ist zuweilen der Beginn weniger rapid und weniger schroff; 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie, 361 

es dauert zwei Tage und mehr, bis die Eigenwärme auf ein hohes 
Niveau gelangt. 

Oder im Verlaufe erhält sich die Temperatur auf niedrigeren 
Graden , als bei einer wohl ausgebildeten Pneumonie , oder nähert 
sich durch grössere Fluctuationen dem remittirenden, oder durch tiefe 
Senkungen dem intermittirenden oder relabirenden Typus. 

Oder im Gegentheil : der Verlauf des Fastigiums ist nicht nur 
ungewöhnlich schwer, sondern auch ungewöhnlich prolongirt, was 
bei doppelten Pneumonien und bei acuten Pneumonien des oberen 
Lappens oder bei Entzündungen einer ganzen Lunge vorkommt. In 
solchen Fällen verzögert sich das Fastigium häufig bis in die zweite 
Woche hinein, selbst bis an das Ende derselben. Jedoch ist es als- 
dann keineswegs gleichmässig ; sondern gegen das Ende der ersten 
Woche, zuweilen schon früher, beginnt gemeiniglich ein schwanken- 
der Zustand, ein amphiboles Stadium , mit Wechsel von Besserungen 
und VerschHmmerungen. Eine sehr rapide Defervescenz ist in sol- 
chen Fällen nicht zu erwarten. 

Ueberhaupt kann die Defervescenz protrahirter , unreiner sein, 
weniger rapid erfolgen und es können sich auch nachher noch leichte 
Temperatursteigerungen erhalten. 

Solche abweichende Gestaltungen des continuirlichen Verlaufs 
kommen unter sehr mannigfachen Verhältnissen vor : 

bei Kindern einerseits , bei Greisen andererseits oder überhaupt 
bei Kranken , deren Individualität zu Irregularitäten des Fieberver- 
laufs disponirt. 

Bei der secundären croupösen Pneumonie , die zwar zuweilen 
allen Regeln der primären folgt , finden sich in andern Fällen mehr 
oder wenigef grosse Abweichungen davon. 

Zeitweise zeigen sich solche Abweichungen bei allen vorkom- 
menden Pneumonieerkrankungen , gerade wie auch bei anderen sonst 
typischen Affectionen in einzelnen Epidemien iiTeguiäre Fälle das 
üebergewicht zeigen können. 

Zufällige Complicationen der Krankheit bald mit wirklichen 
aparten Affectionen, bald nur mit einzelnen mehr hervortretenden 
Störungen anderer Organe (starken Delirien , hartnäckiger Ver- 
stopfung, Ürinretention u. s. w.) können ganz wohl geringere oder 
beträchtlichere Abweichungen in dem Gange der Temperatur herbei- 
führen , besonders aber geschieht diess bei bestehendem Lungen- 
emphysem , begleitender stärkerer Pleuritis , Auftreten von biliösen 
Symptomen, von Albuminurie während. des Verlaufs, starken Diarrhöen 
oder Erbrechen. 



362 Däs Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

Auch in den Fällen, in welchen das Fieber sich erst zu der sich 
entwickehiden Entzündung der Lunge hinzugesellt, wie solches am 
Charakteristischsten bei traumatischen Pneumonien sich zeigt , sind 
stets Abweichungen von dem rein continuirlichen Typus zu be- 
merken. 

Oftmals werden Abweichungen von dem regelmässigen Gang 
der Pneumonie durch die Eingriffe einer energischen Therapie oder 
auch durch günstige Ereignisse bedingt und können in solchen Fäl- 
len zum Vortheil des Kranken sein. Am Entschiedensten influirt auf 
den Gang des Fiebers eine erkleckliche Blutentziehung oder eine reich- 
liche spontane Blutung (Nasenbluten , Menses). Die unmittelbare 
Folge von stärkerem Blutverlust ist fast constant eine bedeutende 
Temperaturermässigung ; aber es hängt von den Umständen ab , ob 
dieselbe als definitive Defervescenz sich gestaltet, oder von einer 
neuen Steigerung gefolgt ist , in welch letzterem Fall eine mehr oder 
weniger vollständige Annäherung des Verlaufs an den relabirenden 
Typus stattfinden kann. Dem Blutverluste ähnlich wirkt das Eme- 
ticum, etwas langsamer Digitalis und Veratrin, während der Einfluss 
anderer Medicamente (Aconit, Salpeter etc.) auf den Typus- des 
Temperaturgangs bei der Pneumonie theils weniger auffällig ist, 
theils noch keineswegs feststeht. 

Andererseits können verkehrte therapeutische Maassregeln wie 
andere zufällige Schädlichkeiten nachtheihge Abweichungen des Ty- 
pus zur Folge haben. 

In nicht wenigen Fällen endlich, in denen der Fieberverlauf bei 
Pneumonien etwas abweichend sich zeigt, kann der Grund dafür 
entweder nur vermuthet (z. B. Annäherung des Infiltrats an die 
hämorrhagische Form, oder an das Oedem) oder überhaupt gar nicht 
aufgefunden werden. 

8. Der remittirende Verlauf des Fiebers kommt solchen 
Pneumonien zu , welche nach einem kürzeren oder längeren Verlauf 
eines Bronchialcatarrhes sich entwickeln : den catarrhalischen Pneu- 
monien, den Grippepneumonien. 

Aber auch dann zeigt sich meist der remittirende Typus , wenn 
die Pneumonie von einer stärkeren Bronchitis erst im Verlaufe com- 
plicirt wird. 

Desgleichen sind die Pneumonien bei Masernkranken , Keuch- 
hustenkranken wenigstens nicht selten durch reraittirendes Fieber 
ausgezeichnet. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 363 

Es kommen aber auch zuweilen Fälle mit remittirendem Typus 
vor, bei welchen man weder zuvor, noch während des Pneumonie- 
verlaufs eine aufifäiligere Bronchialaffection nachzuweisen vermag. 

Bei Kindern und Greisen sind remittirende Formen des Fiebers 
bei Pneumonie besonders häufig. 

Zu manchen Zeiten zeigen die Pneumonien überhaupt mehr den 
remittirenden Verlauf. 

Der Beginn der Temperatursteigerung bei remittirendem Typus 
ist, auch wenn sich die Pneumonie aus einem fieberlosen Zustande 
entwickelt, weniger rapid als bei dem continuirlichen Typus, selbst 
zuweilen zickzackartig, ähnlich dem Beginn bei Abdominaltyphus 
und bei Grippe , doch meist etwas rascher und unregelmässiger als 
wenigstens beim Erstem. 

Entwickelt sich die Erkrankung der Lunge während eines schon 
zuvor fieberhaften , wenn auch nur massig febrilen Verlaufs , z. B. 
während eines leicht fieberhaften Bronchialcatarrhs , so ist der Be- 
ginn der der Pneumonie angehörenden Temperatursteigerung meist 
noch weniger scharf markirt. 

Während des Fastigiums zeigt der Gang der Temperatur mehr 
oder weniger starke Fluctuationen, ähnlich den morgendlichen Remis- 
sionen und abendlichen Exacerbationen bei Ileotyphus. In massigen 
Fällen erreichen die letzteren häufig nicht die Höhe der abdominal- 
typhösen Tagesmaxima und ebenso nicht die Höhe der Maxima bei 
continuirlichem Verlauf der Pneumonie. In irgend schweren Fällen 
erreichen und übersteigen sie dieselben und es sind noch nicht einmal 
besonders intensive Fälle, wenn in den Nachmittagsstunden die Höhe 
von 40 ^ uni ein Weniges überschritten wird. 

Dabei zeigt der Gang nur selten die Regelmässigkeit des Ver- 
haltens wie beim Abdorainaltyphus ; vielmehr wechseln geringere und 
beträchtlichere Exacerbationen und verschieden grosse Tagessenkun- 
gen häufig ab. 

Die Dauer der remittirenden Pneumonie überragt durchschnitt- 
lich die der continuirlichen , ohne jedoch die Länge der Dauer des 
Abdominaltyphus zu erreichen. 

Der Abschluss des Fiebers geschieht nur ausnahmsweise in 
ganz rapider Defervescenz , meist in protrahirter Weise durch all- 
mälige Zunahme der Morgenremissionen und Geringerwerden der 
Abendexacerbationen , doch immerhin rascher als beim Ileotyphus. 
Auch ist es ziemlich gewöhnlich , dass zum Schlüsse noch , nachdem 
bereits die Tagesexcurse gross geworden sind , ein rasches letztes 



364 D^s Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

Herabgehen von einer noch sehr erheblichen Abendexacerbation das 
Fieber beendet. 

Unvollkommene Reconvalescenzen schliessen sich dem remit- 
tirenden Verlauf häufiger an als dem continuirlichen. 

üebergangsformen zwischen dem continuirlichen und remit- 
tirenden Verlauf sind keineswegs selten , wie ohne Zweifel auch die 
catarrhalische und die croupöse Pneumonie ihre Anknüpfungen unter 
einander haben. 

Die ganz charakteristische remittirende und catarrhale Pneu- 
monie findet sich überhaupt nur ausnahmsweise sporadisch, vorzugs- 
weise dagegen während des Herrschens intensiver Grippeepidemien. 

Die diagnostische Frage , ob bei dem remittirenden Verlauf nur 
eine Bronchitis oder aber eine Pneumonie besteht, kann die Thermo- 
metrie allein nicht , meist aber im Verein mit der acustischen Explo- 
ration entscheiden. Doch wird die Wahrscheinlichkeit einer Pneu- 
monie gross, wenn die Exacerbationshöhen über 40 ^ gehen. 

Die Unterscheidung von einem Abdominaltyphus kann nicht 
geringe Schwierigkeiten machen, um so mehr, als auch bei letzterem 
Infiltrationen der Lunge sich herstellen können, und andererseits beider 
catarrhalischen Pneumonie die Gehirn- und Darmerscheinungen denen 
bei Typhus oft sehr ähnlich sind, und selbst einige Milzvergrösserung 
entstehen kann. Hat man nur einen kurzen Abschnitt des Verlaufs 
zur Verfügung, so ist zuweilen die Diagnose gar nicht sicher zu 
stellen. Bei einer Beobachtungsdauer von 4 und mehr Tagen gelingt 
dagegen , wenigstens bei günstig verlaufenden Pneumonien meistens 
die Unterscheidung. Sind es die ersten 4 Tage der Krankheit , so 
zeigt das Ansteigen der Temperatur bei der Pneumonie nicht die 
Regelmässigkeit, wie beim Abdominaltyphus. Sind es spätere Tage, 
so bemerkt man gewöhnlich in günstig verlaufenden Fällen der Pneu- 
monie bereits eine Verminderung der hohen Abendwerthe, und ist die 
Krankheit schon in die entschiedene Abnahme eingetreten , so nimmt 
man wahr, dass diese raschere Fortschritte macht, als beim Ileo- 
typhus. 

9. Als Modification sowohl des continuirlichen wie des remit- 
tirenden Typus kommt nicht selten ein Verlauf mit recrudescirendem 
Fastigium vor und wird in den Fällen bemerkt , wo nach der Hepa- 
tisation eines Theils der Lunge ein zweiter Lappen oder auch die 
andere Lunge befallen wird (saccadirt fortschreitende Pneumonien). 

Nach einem zuvor entweder überhaupt massigen oder bereits 
in der Ermässigung begriffenen Gang der Temperatur tritt auf ein- 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 365 

mal eine Steigerung ein , an die sich weiterhin bald ein continuir- 
lieber, bald ein discontinuirücher Verlauf anschliesst. 

Tritt der Tod nicht ein , so ist die Abheilung im Allgemeinen 
wie in den andern Fällen , doch zeigt sie häufig Unregelmässigkeiten 
und ist wenigstens meist protrahirter als bei einem einfach continuir- 
lichen Verlaufe. 

10. Das Fieber der Pneumonischen zeigt zuweilenden rela- 
biren den Verlauf. Es kann diess vorkommen nach Anwendung 
von allgemeinen oder starken örtlichen Blutentziehungen , doch auch 
zuweilen ohne äussere Einwirkungen. 

Meistens ungewöhnlich früh , schon am zweiten , dritten Tag, 
doch auch zuweilen später tritt eine rapide Defervescenz, wei bei Ab- 
heilung der croupösen Pneumonie ein. 

Die Temperatur bleibt 18, 24, zuweilen 36 Stunden oder mehre 
Tage lang völlig normal oder doch subfebril und es hat den An- 
schein, als ob die Genesung erfolgt sei ; doch bemerkt man meist 
keinen rechten Rückgang in den localen Veränderungen. 

Auf einmal steigt die Temperatur wieder rapid , gelangt jedoch 
gewöhnlich dabei nicht mehr ganz auf die frühere Höhe , erhält sich 
auch meist nur wenige Tage auf dem Fastigium und wendet sich als- 
dann zur definitiven Defervescenz , oder es folgt die Erneuerung des 
Fiebers noch ein zweites, selbst drittes Mal. 

In unmerklichen üebergängen schliessen sich jedoch diese Fälle 
mit relabirendem Verlauf an jene oben erwähnten an, bei welchen 
tiefe Remissionen oder Pseudokrisen mit gedehnter Apyrexie eintreten. 

Bei den Repetitionen des Fiebers erhalten sich entweder die 
localen Veränderungen im Gleichen oder sie vervollständigen sich an 
Ort und Stelle (die Dämpfung wird intensiver, das Bronchialathmen 
vollkommener), oder sie breiten sich aus. 

Das Verhalten des relabirenden Fiebers zeigen auch zuweilen, 
doch nicht jedesmal-, die erratischen Pneumonien , d. h. jene eigen- 
thümlichen Formen der Erkrankung, bei welchen , ähnlich dem erra- 
tischen Erysipel oder manchen Fällen von polyarticularem Rheuma- 
tismus , die Erkrankung der Lunge sprungweise die Stelle wechselt, 
die zuerst befallenen Theile wieder abheilen, während neue er- 
kranken und dabei Infiltration wie Abheilung ausserordentlich schnell 
erfolgen, wie durch die acustischen Zeichen nachgewiesen wer- 
den kann. 

11. Der intermittirende Verlauf schliesst sich an den 
relabirenden an und charakterisirt sich nur dadurch , dass Apyrexie 



366 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 

und Anfall in einem ziemlich regelmässigen Rhythmus wechseln und 
noch schärfer von einander getrennt sind , als bei der relabirenden 
Form. Die Fieberanfälle selbst nähern sich der akmeartigen pneu- 
monischen Ephemera. Auch die topischen anatomischen Zeichen 
können sich während der Apyrexie mindern. Diese Form wird in 
ihrer vollständigen Ausbildung nur zur Zeit von Wechselfieberepide- 
mien beobachtet. Ein intermittirender Typus kann sich auch bei 
sich wiederholenden embolischen Pneumonien herstellen. 

Die intermittirende Pneumonie kann vorzugsweise nach zwei 
Beziehungen Irrthum veranlassen. Einmal täuscht die eintretende 
Defervescenz und läest wähnen, dass die Krankheit zu Ende sei, und 
allenfalls dass eine angewandte Medication sie coupirt habe. Sodann 
kann nach wiederholten Anfällen und Rückgängen zur Apyrexie die 
Meinung entstehen , es handle sich nur um ein Wechselfieber. In- 
dessen werden bei der intermittirenden Pneumonie — wenigstens so 
viel ich gesehen habe — nach 2 — 3 Paroxysmen die Anfälle spon- 
tan schwächer, was beim Wechselfieber ohne entsprechende Behand- 
lung selten zu geschehen pflegt. 

Die intermittirende Pneumonie endet entweder dadurch, dass 
nach einer Defervescenz keine neue Steigerung eintritt und dieRecon- 
valescenz sich herstellt, oder dass nach mehreren Wiederholungen 
der intermittirende Charakter sich verwischt und weiterhin die Pneu- 
monie mit massig hohen Temperaturen wie eine remittirende Form 
lytisch sich der Heilung zuwendet. Einen tödtlichen Ausgang habe 
ich niemals beobachtet. 

12. Der Verlauf mit schrofi'en, dabei meist unvollkommenen 
Senkungen und unregelmässigen Wiedersteigerungen zeigt die grösste 
Aehnhchkeit mit der P y ä m i e und ist ohne Zweifel nichts anderes 
als eine Pyämie mit überwiegender Lungenaflfection. Theils sind es 
wiederholte embohsche Vorgänge in der Lunge mit multiplen Heer- 
den , theils jauchige Processe , welche diesen Verlauf zeigen , der in 
der Regel mit dem Tode endet. Sind die Individuen marastisch , so 
können die Steigerungen mit mehr oder weniger tiefen Collapsen 
wechseln. 

13. Die protrahirten Verläufe der Pneumonie zeigen im 
Anfang gewöhnlich nichts Besonderes. Sie halten in den ersten 
Tagen bald einen continuirlichen , bald einen discontinuirlichen Gang 
ein. Im weiteren Verlauf mindestens stellen sich Remissionen ein. 
Aber statt sich der Abheilung zuzuwenden , bleiben die Fluctuationen 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Pneumonie. 367 

gross. Es können hohe Abendtemperaturen mit starken Collapsen 
wechseln. Häufig fällt das Tagesmaximum in die Nähe des Mittags ; 
Abends folgt dann eine Remission, welche gern in Collaps ausartet 
und darauf eine zweite, wenn auch geringere Exacerbation um Mitter- 
nacht. Es kann dabei geschehen , dass , während die Remissionen 
immer tiefer gehen , die Exacerbationen wachsen und also die Tages- 
differenz zunimmt. Doch erhält sich ein einigermaassen regelmässiger 
Verlauf gewöhnlich nur wenige Tage ; dann kommen zwischenfailende 
andere Gestaltungen, die wieder den grossen Tagesexcursen Platz 
machen können. Geht d^er Kranke nicht zu Grunde, so dauert es 
lange, bis die Exacerbationen herabgehen , und nicht selten ist ein 
bereits bis nahe zur Fieberlosigkeit fortgeschrittener Verlauf noch- 
mals durch erneuerte eintägige und mehrtägige beträchtliche Wieder- 
steigerungen unterbrochen. 

Jn den Fällen , in welchen nur massige Abendexacerbationen 
längere Zeit sich fortsetzen, was theils von der unvollkommenen Ab- 
heilung der Pneumonie selbst, theils von fortbestehenden Complica- 
tionen (Pleuritis , eitrigen Bronchiectasien etc.) abhängen kann , ist 
der üebergang in den fieberlosen Zustand, wenn er erfolgt, stets all- 
mälig und fast unmerklich. 

14. Die terminalen Pneumonien bedingen nicht immer eine 
Temperatursteigerung. Auch wo diese zuvor erhöht war, wird sie 
keineswegs nothwendig durch das Eintreten einer Lungeninfiltration 
alterirt. 

Doch ist es andererseits auch nicht selten , dass in Fällen , in 
welchen bei zuvor Schwerkranken , mag die ursprüngliche Störung 
eine acute oder chronische sein , eine hinzutretende Pneumonie den 
tödtlichen Ausgang vermittelt^ diess durch eine Erhöhung der Eigen- 
wärme angezeigt wird. Diese steigt zuerst nur massig , kann sich 
aber am letzten Tage oder auch noch früher zu beträchtlicheren 
Graden erheben. Doch wird ohne Zweifel durch eine solche Final- 
pneumonie nur sehr ausnahmsweise eine hochfebrile Temperatur be- 
wirkt, und wo sich diese findet, da ist sie sicher durch andere Um- 
stände und nicht durch die Pneumonie bediogt. 

15. üeber das eigenthümliche Verhalten der Temperatur bei 
der Pneumonie hat Traube in seinen Abhandlungen über die Wir- 
kung der Digitalis (1850 Chariteannalen I. 622) und über Krisen 
und kritische Tage (1851 und 52 Deutsche Klinik) wichtige That- 
sachen bekannt gemacht. Ferner sind zu vergleichen: meine auf 



368 Das Verhalten der Eigenwärme bei Amygdalitis. 

die Pneumonie bezüglichen Veröffentlichungen (im Arch. f. phys. Heilk 
1856, p. 17 und 1858, p. 27 und im Archiv d. Heilkunde 1862 
p. 13); Ziemssen (Pleuritis und Pneumonie im Kindesalter 1862) 
Thomas (im Archiv der Heilk. 1864, p. 30 und 1865, p. 118) 
Kocher (Behandlung d. croupösen Pneumonie mit Veratrum 1866) 
Schrötter (Sitz.-Ber. d. kais. Acad. d. Wissensch. Juli 1868) 
Kiemann (Prager Vjschr. 1868 III. 72); Grimshaw (Dubl 
quart. Journ. Mai 1869); Warnatz (Leipz. Dissert. 1869). 
Curven über Fieberverläufe bei Pneumonischen s. Taf. VI. 

XV. Amygdalitis. 

1. Die Tonsillarangine zeigt in manchen Beziehungen Analo- 
gien mit der Pneumonie und ihren verschiedenen Modificationen, aber 
freilich (wenn man absieht von den diphtheritischen Affectionen des 
Pharynx) niemals ihre Gefahren und daher auch allenthalben mildere 
Verlaufsformen. 

Wie bei der Pneumonie , so kommen auch bei der Amygdalitis 
zwei verschiedene Arten des zeitlichen Verhältnisses des Fiebers zu 
den örtlichen Veränderungen vor. Während in einer Anzahl von 
Fällen das Fieber und die örtlichen Störungen gleichzeitig sich ent- 
wickeln, oder jenes nur an die letzteren sich anschliesst, so kommen 
auch nicht wenige Fälle vor , bei welchen (wie oft bei der croupösen 
Pneumonie) nach Art des Prodromalfiebers der Exantheme ein inten- 
sives Fieber 24 — 36 Stunden, selbst 2 und 3 Tage der Entwicklung 
der Tonsillarentzündung vorangeht. 

Letzteres Verhalten zeigt sich sowohl bei der catarrhalischen, 
als bei der parenchymatösen Amygdalitis , ist relativ bei der ersteren 
häufiger, absolut dagegen seltener, da überhaupt die fieberhaften 
catarrhalischen Anginen hinter den parenchymatösen ziemlich an 
Häufigkeit zurückstehen. 

üeberhaupt lässt sich ein scharfer Unterschied des Fiebertypus 
bei catarrhalischer und parenchymatöser Amygdalitis nicht aufstellen. 
Es sind nur gewisse Verhältnisse bei der einen Form häufiger, bei 
der andern seltener realisirt. 

2. Wenn sich beim Anfang der Erkrankung sofort Fieber 
einstellt , mögen daneben schon örtliche Erscheinungen an den Man- 
deln zu bemerken sein oder nicht, so zeigt sich fast immer eine 
rapide Entwickelung der Fiebersymptome häufig unter Schüttelfrost, 
noch häufiger unter starkem Frösteln, doch nicht selten auch mit un- 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Amygdalitis, 3ß9 

mittelbarem Beginn der Hitze. Es ist in dieser Hinsicht kein wesent- 
licher Unterschied zwischen catarrhalischer und parenchymatöser 
Form. Die Form der initialen Temperatursteigerung lässt sich genau 
nicht angeben , da die Fälle , welche in dieser Zeit zur Beobachtung 
gelangen, zu selten sind. 

Gewöhnlich erreicht die Temperatur schon in den ersten Tagen 
der Erkrankung das Maximum der Höhe , am häufigsten wohl aiu 
dritten Krankheitstage, sehr häufig auch am zweiten und vierten. 

Die Maxi mal höhen sind bei der catarrhalischen Form durch- 
schnittlich geringer , als bei der parenchymatösen , übersteigen bei 
jener nur selten den 40. Grad, während sie bei der parenchymatösen 
Form zwar nicht gerade häufig, aber immerhin in nicht ganz 
wenigen Fällen Höhen von 40 — 40,^5 <^ erreichen. In der grossen 
Mehrzahl der Fälle bleibt die Maximaltemperatur bei der parenchy- 
matösen Form zwischen 39 — 40 o, bei der catarrhalischen noch 
unter 390. 

Nach der Erreichung des Maximums zeigt sich , wenn nicht die 
Krise sofort eintritt, gewöhnlich bei beiden Formen eine descen- 
dirende Richtung. 

Der Verlauf der Temperatur während des Fastigiums ist 
in der Regel bei beiden Formen discontinuirlich ; doch sind bei der 
catarrhalischen , wenn höhere Tagesmaxima erreicht werden , die 
Fluctuationen grösser und die Remissionen gehen zuweilen fast bis 
zur Norm zurück , während bei der parenchymatösen gerade in 
Fällen von hochgesteigerter Temperatur der Verlauf sich mehr dem 
continuirlichen Typus zu nähern pflegt , wenigstens in den ersten 
Tagen , oder aber in einer einzigen Spitze gipfelt. Mit der Ermässi- 
gung nach "Erreichung des Maximums zeigen sich dagegen meistens 
auch bei der parenchymatösen Form stärkere Remissionen. 

Der Entscheidung geht in einzelnen, doch nicht häufigen Fällen 
eine Perturbatio critica voran. 

3. Die Defervescenz erfolgt bei beiden Formen überwie- 
gend häufig in rapider Weise, doch bei der catarrhalischen Form nur 
ungefähr in zwei Dritteln der Fälle , bei der parenchymatösen unge- 
fähr in fünf Sechsteln. 

Die Krise beginnt in der grossen Mehrzahl der Fälle zwischen 
dem dritten und fünften Tag, seltener am zweiten, sechsten und 
siebenten , weit seltener noch später. Bei catarrhalischen Amygda- 
liten kommt eine Verschiebung der Krise auf di^^ zwei letzten Tage 
der Woche verhältnissraässig häufiger vor. 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 24 



370 D^s Verhalten der Eigenwärme bei Parotitis. 

Die Defervesceiiz beendigt sich dagegen bei der catarrhalischen 
Form , wenn sie einmal rapid erfolgt (ohne Zweifel wegen der ge- 
ringeren Temperaturhöhe) , rascher , als bei der parenchymatösen, 
gewöhnlich in einer Nacht , während sie bei der letzteren zwar oft 
auch in einer Nacht vollendet ist, aber ebenso oft auch 24 — 36 
Stunden in Anspruch nimmt. 

Nach der Defervescenz kommen bei der catarrhalischen Form 
niemals, bei der parenchymatösen zuweilen subnormale Tempera- 
turen vor. 

Verläuft dagegen die Defervescenz lytisch, was vornehmlich bei 
Fällen mit massiger Temperatursteigerung vorkommt, so erhalten 
sich noch mehrere Tage geringe Temperaturerhöhungen und ver- 
zögert sich die Herstellung. 

Ygl Thomas (1864 im Archiv der Heilkunde V. 170) und 
Treibmann (über Angina tonsill. Diss. 1865), beide nach Beob- 
achtunsren aus meiner Klinik. 



XVI. Parotitis. 

Die Parotitis bietet die allermannigfaltigsten Temperaturver- 
hältnisse dar, was nicht anders erwartet werden kann, wenn man 
bedenkt , unter welch' verschiedenen Verhältnissen die entzündlichen 
Affectionen der Speicheldrüsen und ihres Lagers auftreten : als epi- 
demische primäre Affection (meist mit sehr geringem Fieber) , als 
catarrhalische Form, als aus der Nachbarschaft fortgeleitete Entzün- 
dung , als Complication der verschiedensten infectiösen Constitutions- 
krankheiten, als metastatische Form bei Pyämie, als Terminal- 
störung bei schweren fieberhaften , wie bei marastischen Erkran- 
kungen etc. etc. 

Viele dieser Formen und gerade solche, bei welchen Fieber sich 
zeigt, kommen nicht so häufig vor, dass es möglich wäre, allgemeine 
Regeln für das Temperaturverhalten bei jeder einzelnen aufzustellen, 
zumal da solche Fälle fast immer complicirte sind und daher eine 
um so grössere Anzahl von Erfahrungen als Grundlage verlangt wer- 
den muss, wenn man den Einfluss der Parotitis selbst auf den 
Temperaturgang von dem der ursprünglichen Erkrankung abson- 
dern soll. 

Es lässt sich daher vorläufig nur im Allgemeinen anführen, dass 
bei den verschiedenen Formen von Parotitis folgende Temperaturver- 
hältnisse sich zeigen können : 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Meningitis. 37 ^ 

gar keine Alteration der zuvor normalen oder febrilen Tempera- 
tur (ziemlich häufig) : 

massige Temperaturerhöhungen ; 

ephemeraartige Steigerungen mit raschem oder protrahirtem 
Rückgang ; 

mehrtägiges continuirliches Fieber; 

remittirendes Fieber ; 

pyämieartige Form des Temperaturgangs ; 

terminale hochgradige Steigerungen ; 

Collapse. 



XVII. Meningitis. 

1. Es kommen viele Erkrankungen von Meningitis vor, welche 
entweder ohne alles Fieber verlaufen oder nur uncharakteristische 
und unregelmässige Temperatursteigerungen zeigen : es sind diess 
die chronischen und die partiellen Entzündungen der Hirnhäute. 

Auch die acuten und ausgebreiteteren Entzündungen der Hini- 
häute zeigen kein übereinstimmendes Verhalten der Eigenwärme; 
doch lassen sich bei denselben bestimmte Regeln aufstellen , die zwar 
keineswegs scharf und ausnahmslos sind , aber doch auf die grosse 
Mehrzahl der Fälle passen. 

Dabei unterscheiden sich hinsichtlich des Temperaturgangs vor- 
nehmlich drei Modificationen der Meningitis: 

a) die acute sporadische Entzündung der Pia der Convexität ; 

b) die granulirte (tuberculöse) Form, welche vornehmlich in 
der Basis , den Sylvischen Gruben und am Kleinhirn ihren 
Sitz hat; 

c) die epidemische, meist Convexität und "Basis gleichzeitig 
befallende und auch über das Rückenmark sich ausdehnende 
Meningitis (epidemische Cerebrospinalraeningitis). 

Wie diese verschiedenen Formen nach Ursachen und nach son- 
stigen Symptomen differiren , so zeigen sie auch ein verschiedenes 
Verhalten der Temperatur. 



2. Das Fieber bei a c u t e r M e n i n g i t i s d e r C n v e x i t ä t 
beginnt, je nachdem die Veranlassung zu der Erkrankung war, bald 
sehr rapid, bald mehr oder weniger langsam. 

So weit ich nach nicht sehr zahlreichen Fällen urtheilen kann, 
wird die Temperatursteigerung in Kurzem eine sehr beträchtliche, 

24* 



372 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Meningitis. 

erhält sich auf bedeutender Höhe (über 40 «) in continuirlicher Weise 
und steigt in der Agonie noch mehr, so dass der Tod bei hyperpyre- 
tischer Temperatur zu erfolgen pflegt. Der ganze Verlauf dauert 
nur wenige Tage. 

3. Bei der granulirten Basilarmeningitis entzieht 
sich der Beginn der Temperatursteigerung gewöhnlich der Beob- 
achtung , entweder weil in den ersten Tagen des schleichenden An- 
fangs der Krankheit keine Beobachtung gemacht wird , oder weil die 
früheren Störungen (Tuberculose der Drüsen , Lungen etc.) bereits 
eine Temperaturerhöhung bedingten. 

Die Temperatur erhält sich während des Verlaufs bald nur 
wenig über der Norm , bald auf massiger Fieberhöhe mit gewöhnlich 
remittirendem Typus , erreicht jedoch auch nicht selten die Höhen 
eines abdominaltyphösen Fiebers , zeigt dabei einzelne stärkere Nie- 
dergänge und andere Unregelmässigkeiten, zuweilen mehrtägige 
Pausen. 

Wenn nach kürzerem oder längerem Verlaufe das tödtliche Ende 
herannaht , so steigt die Temperatur nur ausnahmsweise , meist sinkt 
sie vielmehr , wenn sie febril war , wenn auch nicht bis zur Norm, 
aber doch unter die früheren Grade, während gleichzeitig der Puls steigt. 

In der Agonie dauert dieses Sinken entweder fort oder tritt 
noch vor dem Tode eine letzte mehr oder weniger beträchtliche 
Steigerung ein ; der Puls dagegen nimmt rapid an Frequenz zu bis 
fast zu dem Momente, in welchem die Herzcontractionen erlöschen. 

4. Die epidemische Cerebrospinaimeningitis ist 
bekanntlich eine Krankheitsform, welche trotz der wesentlichen Iden- 
tität unter einem sehr verschiedenen Symptomenbilde sich darstellen 
kann. 

Dem entsprechend zeigen sich auch die Verhältnisse der Eigen- 
wärme verschieden. Da jedoch nur erst bei den letzten deutschen 
Epidemien an einigen Orten die Beobachtung sich auf die Tempera- 
tur ausgedehnt hat , so sind die Erfahrungen noch zu spärlich , um 
alle Mannigfaltigkeiten des Fieberverhaltens bei dieser Krankheit er- 
schöpfend darstellen zu können. 

Nach etlichen und dreissig Fällen , welche ich selbst von dieser 
Krankheitsform beobachtet habe , scheint es mir , dass vornehmlich 
drei Hauptvarietäten des Fieberverlaufs zu unterscheiden seien : 

a) in einigen sehr schweren und rapid tödtlich verlaufenden 
Fällen zeigte die Temperatur ein ähnliches Verhalten , wie bei der 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Meningitis. 373 

ConvexitätsmeDingitis. Wenn auch nicht immer beim Beginn der 
Krankheit sehr hoch, erreicht sie doch in kürzester Zeit höchst bedeu- 
tende Grade, auf welchen sie continuirlich mehrere Tage verharrt 
und gegen den Tod hin und im Momente des Todes zu ganz un- 
gewöhnlichen Höhen (42^ und darüber, in einem Fall beim Tode 
43,75 ^) sich erheben und postmortal noch um einige Zehntel weiter 
steigen kann (in dem ebenerwähnten Falle 3/4 Stunden nach dem 
Tode bis 44, ^e). — Unter den tödtlichen Fällen finden sich auch 
solche, bei welchen die Temperatur eine Zeitlang sehr massig erhöht 
war und auf einmal gegen den Schluss der Krankheit beträchtlich 
sich erhob. 

b) Andererseits zeigen verhältnissmässig leichte Fälle nur 
ein kurzdauerndes Fieber , wenn auch zuweilen mit erheblichen Tem- 
peratursteigerungen (mit welchen die Ruhe des Pulses contrastirt) 
und mit meist discontinuirlichem Gange. Die Abheilung ist nicht 
entschieden critisch , sondern erfolgt mehr mit remittirender Defer- 
vescenz , und der Puls fängt gerade dann an sich zu beschleunigen, 
wenn die Temperatur nahezu oder völlig normal geworden ist. Hin 
und wieder geschieht es, dass nach der Defervescenz und bei schein- 
bar naher Genesung auf einmal eine Recidive mit rascher Steigerung 
und einem Verlauf, wie in den Fällen a) erfolgt. 

c) Im Gegensatz zu diesen kurzdauernden Fieberverläufen mit 
höchst schwerem oder mit leichtem Charakter finden sich Fälle von 
mehr oder weniger protrahirtem Decurse und entsprechendem 
Gange des Fiebers. Die Höhe der Temperatur kann dabei sehr ver- 
schieden sein und in demselben Falle selbst mannigfach wechseln^ 
was wohl vorzüglich von den verschiedenen sich succedirenden Com- 
plicationen Seitens der Bronchien , Lungen , des Darms, der serösen 
Häute etc. abhängt. 

Zuweilen hat das Fieber die Dauer, und haben die Temperatur- 
exacerbationen die Höhe eines abdominaltyphösen Fiebers und 
streckenweise kann die Curve eine sehr grosse Aehnlichkeit mit 
denen des letztern haben : aber sie zeigt nicht die Regelmässigkeit 
wie beim Abdominaltyphus und höchstens nur ein Verhalten wie in 
dessen amphiboler Periode, oder wie bei sehr unregelmässiger Ge- 
staltung desselben. Schwankungen von beträchtlicher Weite, schein- 
bare Besserungen , plötzliche Wiedersteigerungen treten ein. Zuwei- 
len gleicht das Verhalten dem eines fiebernden Phthisischen. 

Die Defervescenz kann rapid erfolgen, ist jedoch meist lentes- 
cirend. Bei tödtlichem Ausgang können je nach Gestaltung des 



3-74 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

Falles und der Verschiedenheit der directen Todesursache Steige- 
rungen oder Ermässigungen der Temperatur eintreten. 

Einen ausgezeichneten Fall , in welchem sowohl nach dem Ver- 
halten der Temperatur als nach den übrigen Erscheinungen längere 
Zeit die Diagnose zwischen Abdominaltyphus und Cerebrospinal- 
meningitis schwanken musste, habe ich (Archiv der Heilk. VI. 271) 
ausführlich mitgetheilt. 

Vgl. meine beiden Abhandlungen (1864 im Archiv der Heilk. 
V. 417 und 1865 ibid. VI. 268), sodann Ziemssen und Hess 
(1865 im Deutschen Archiv für klinische Medicin I. 72 und 346), 
Mannkopf (über Meningitis cerebrosp. epid. 1866). S. Tafel VI. 



XVIII. Pleuritis, Endocarditis , Pericarditis und Peritonitis. 

Die Entzündungen der serösen Häute der Brust und des Unter- 
leibs zeigen hinsichtlich des Verhaltens der Temperatur in der 
grossen Mehrzahl der Fälle eine vollständige Typuslosigkeit. 

Sie können ohne jede Temperatursteigerung verlaufen oder, 
wenn sie auch zeitweise mit einer solchen sich zeigen , zu jeder an- 
dern Zeit fieberlos sein. 

Gesellen sie sich zu andern fieberhaften Krankheiten hinzu , so 
ändern sie oft gar nichts in dem Temperaturgang der letzteren oder 
machen ihn nur irregulär ohne jede charakteristische Gestaltung. 
Gewöhnlich verzögern sie die Defervescenz der Krankheit, zu welcher 
sie treten, machen sie langsamer , unvollständiger und haben Antheil 
an verspätet eintretenden Wiedersteigerungen. 

Sie können aber auch Teraperatursteigerungen und zwar für 
sich bald massige, bald beträchtliche hervorrufen. 

Sie können endlich Erniedrigungen bewirken bis zu subnorma- 
len und Collapstemperaturen. 

Trotz der grossen Anzahl solcher Afifectionen , über welche ich 
Temperaturcurven besitze, ist es mir bis jetzt nicht möglich gewesen, 
zu mehr als einigen wenigen allgemeinen Sätzen über die Bedeutung 
der Temperatur in diesen Krankheiten zu gelangen , die ich in Fol- 
gendem formulire : 

1) Es giebt keine Art des Temperaturverhaltens bei diesen 
Afi'ectionen, welche von sicher günstiger Bedeutung wäre: bei jeder 
Art des Verhaltens der Temperatur kann ein tödtlicher Ausgang ein- 
treten, keine Art des Verhaltens verbürgt die Beendigung der Krank- 
heit in vollkommene Genesung. 



bei Pleuritis, Endocarditis, Pericarditis und Peritonitis. 375 

2) Am vortheilhaftesten erscheint es , d. h. am wahrscheinlich- 
sten ist der günstige Ausgang: 

wenn die Temperatur durch die Erkrankung gar nicht alterirt 
wird ; 

wenn die Eigenwärme innerhalb der Gränzen subfebriler Tem- 
peratur oder leichter Fieberbewegung bleibt, auch nicht vorüber- 
gehend diese überschreitet, namentlich auch nicht auf subnormale 
Grade sinkt ; 

wenn ein massiges Fieber mit remittirendem Charakter nicht 
über zwei Wochen fortdauert und alsdann, ohne dass irgend ver- 
dächtige sonstige Symptome eintreten , unter allaiähger Ermässigung 
sich verliert. 

3) Subnormale Temperaturen treten vorzugsweise häufig bei 
Peritonitis ein und sind stets in hohem Grade verdächtig. Nicht sel- 
ten erfolgt der Tod bei unternormaler Temperatur, sei es, dass diese 
erst kurz vor dem Tode eingetreten war , sei es , dass sie schon län- 
gere Zeit zuvor bestand, oder auch mit normaler und erhöhter 
wechselte. 

4) Temperaturen von beträchtlich febriler Höhe, ansteigende 
Temperaturen überhaupt sind zwar an und für sich noch keine Be- 
weise für eine ungünstige Gestaltung, aber sie fügen wenigstens den 
gefährlichen Momenten ein weiteres bei. Ermässigen sich die hohen 
Temperaturen wieder, so ist zwar die Gefahr nicht beseitigt, aber es 
ist wenigstens vortheilhafter, als wenn sie sich erhalten. 

5) Ausser der Höhe der febrilen Temperatur ist es besonders 
das Gleichbleiben derselben , die Abwesenheit von Remissionen , was 
die Gefahr erhöht, noch mehr aber die Fortdauer hoher Temperatur- 
werthe über einen längeren Zeitraum, auch selbst dann, wenn die 
abendlichen hohen Exacerbationen mit beträchtlichen morgendlichen 
Remissionen wechseln. Im erstem Fäll ist überhaupt die Erkrankung 
eine schwere , im zweiten ist wenigstens die volle Herstellung frag- 
lich. Die Verzögerung der vollen Rückkehr erhöhter Temperatur 
zur Norm , wie sie bei diesen Affectionen , mögen sie für sich auf- 
getreten sein oder andere fieberhafte Erkrankungen nur begleitet 
haben, sehr häufig sich zeigt, schiebt zwar die vollständige Ge- 
nesung hinaus und bedingt Störungen der Reconvalescenz , verhin- 
dert aber nicht den endlichen Ausgleich. 

6) Sehr beträchtliche und unregelmässige Schwankungen zwi- 
schen hochgesteigerten Temperaturen und tiefen Niedergängen nach 
Art der Pyämie kommen vornehmlich bei Endocarditen, zuweilen 
auch bei den Entzündungen des Pericardiums, der Pleura und des 



376 Das Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 

Peritoneums vor : sie sind stets im äussersten Maasse gefährlich und 
ein tödtliches Ende sehr wahrscheinlich. 

7) Hyperpyretische Temperaturen finden sich vornehmlich in 
manchen Fällen von Peritonitis, zumal bei der puerperalen, und lassen 
vermuthen , dass neben der Entzündung der serösen Haut noch ein 
anderer (durch Infection bedingter) Process bestehe, während die 
ohne erhebliche Temperatursteigerung verlaufenden Peritoniten des 
Wochenbetts wahrscheinlicher nur als locale Affectionen aufzufassen 
sind. Jene sind ziemlich sichere Anzeichen eines baldigen tödtlichen 
Ausgangs, der in solchen Fällen bei mehr oder weniger hochgestei- 
gerter Temperatur eintritt. 

Zu erwähnen ist noch eine sehr interessante Bemerkung von 
Kussmaul (1868 im D. Archiv f. klin. Med. IV. 1), welcher bei 
jauchigen und eitrigen fieberhaften Pleuriten nach der Thoracentese 
eine rasche Rückkehr der Temperatur zur Norm beobachtete. Einen 
damit übereinstimmenden Fall habe ich selbst beobachtet, während 
bei einem serösfaserstoffigen Exsudate das massige Fieber nach der 
Function sich nicht wesentlich veränderte. 



XIX. Rheumatismus acutus. 

1. Das Fieber beim acuten polyarticularen Rheumatismus scheint, 
wenn man wenige zufällig verschiedene Einzelbeobachtungen roh 
vergleicht, weit auseinandergehende Differenzen zu zeigen. Völlige 
Fieberlosigkeit und intensives Fieber, kurze und lange Dauer des 
Fiebers , continuirlicher Verlauf und Remissionen , plötzliche Steige- 
rungen und intercurrente Senkungen finden sich bei der gleichen 
Nominaldiagnose. 

Hat man jedoch grosse Massen von Fällen dieser Krankheit zur 
Vergleichmig , so wird es augenscheinlich , dass gewisse Arten des 
Verhaltens des Temperaturgangs häufiger sich wiederholen , so dass 
man sie als theils schärfere, theils schlaffere Typen des polyarticu- 
laren Rheumatismus aufstellen kann , obwohl nicht allenthalben 
ersichtlich ist, wovon es abhängt, dass die Fälle dem einen oder 
andern Typus angehören , und obwohl man die Bedingungen nicht 
feststellen kann, unter welchen die Krankheit einen bestimmten Gang 
einhält, und weshalb eine Anzahl anderer Fälle anders verläuft. 

Man kann ferner bemerken, dass während bei wenigen Hunder- 
ten von Fällen noch die Mannigfaltigkeit des Verhaltens in sehr bun- 



Das Verhalten der Eigen-wärme bei Rheumatismus acutus. 377 

ter Mischung erscheint , bei einer beträchtlichen Vervielfältigung der 
Zahl der Fälle keineswegs die Varietäten des Verlaufs endlos sich 
mehren, vielmehr eine Klärung der Verhältnisse und die Möglichkeit, 
sie auf wenige Formen zurückzuführen, zu erlangen ist. 

2. Eine sehr beträchtliche Anzahl, ungefähr die Hälfte der 
Fälle von acutem Rheumatismus , namentlich Fälle mittleren oder 
leichten Grades, doch zum Theil auch schwere, zeigen ein im Ganzen 
massiges Fieber, bei welchem im Beginn die Temperatur all- 
mälig ansteigt und am Ende der ersten Woche oder im Anfang der 
zweiten die Maximalhöhe erreicht, auf dieser Höhe oder in deren 
Nähe mit geringen oder ohne Schwankungen nur wenige Tage (zu- 
weilen nur einen Abend lang) verweilt und von da an bei guter 
Pflege in langsamer Descension meist mit massigen morgendlichen 
Remissionen sinkt, dabei ziemlich empfindlich gegen äussere Einwir- 
kungen , aber auffallend wenig beeinflusst durch eintretende Entzün- 
dungen innerer Organe (so lange diese nicht sehr intensiv sind) 
erscheint. Dabei zeigt sich häufig ein« Disproportion zwischen Tem- 
peratur und Pulsfrequenz , auch bei Abwesenheit localer Herzstörun- 
gen. Der Verlauf lässt nichts vom Wochencyclus bemerken. Bei 
guter und zeitiger Pflege und sonst günstigen Verhältnissen wird 
schon im Laufe oder doch gegen das Ende der zweiten Woche, in 
schwereren Fällen in der dritten Woche der fieberlose Zustand voll- 
ständig oder nahezu erreicht. 

Diese allgemeine Charakteristik des Verhaltens bedarf jedoch 
einer näheren Detaillirung. 

Der Verlauf zerfällt in drei Abschnitte; es sind: 

das Ansteigen der Temperatur ( pyrogen eti sehe Periode); 

die Gipflung des Fiebers, welche bald nur in einer einzigen 
Acmespitze, bald in einem mehrtägigen Fastigium besteht, 

und die absteigende Periode, welche sich unmerklich in 
die Defervescenz verliert. 

a) Der Anfang des Fiebers ist beim polyarticularen Rheuma- 
tismus selten zu beobachten , da die Kranken fast immer erst nach 
mehrtägigem Verlauf in die Beobachtung treten. Allein ihre Mit- 
theilungen lassen mit Recht annehmen, dass das Fieber nicht in der 
jähen Weise, wie bei einer croupösen Pneumonie oder in den meisten 
Fällen von acutexanthematischen Afi'ectionen beginne, sondern eine 
allmäligere Entwickelnng nehme, die zuweilen selbst noch langsamer 
zu sein scheint, als beim Abdominaltyphus. 



378 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 

Es kommen allerdings Fälle vor, bei welchen Kranke am 2. bis 
4. Tag bereits eine Temperaturhöhe von nahezu 40 ö, selbst dar- 
über zeigen; doch sind diess Ausnahmsfälle. Andererseits ist es 
gar nicht selten, dass noch in der Mitte, sogar am Ende der ersten 
Krankheitsvvoche die Temperatur sehr massig ist und erst nachher 
steigt oder, wenn der Kranke gut gepflegt wird, massig bleibt. 

b) Auch der Abschnitt der Gipflung ist häufig in den Beob- 
achtungen nicht vollständig zu übersehen» Es zeigt sich nämlich 
beim acuten Gelenksrheumatismus das sehr bemerkenswerthe Verhal- 
ten , dass die Maximaltemperatur bei Hospitalkranken ganz überwie- 
gend häufig in die Nähe des Eintrittstags , sehr häufig just auf den 
Eintrittstag selbst, auf den ersten Abend nach dem Transport fällt, 
und dass entweder nun ein allmäliges und stetiges Absteigen von 
jener Höhe zur Beobachtung kommt oder dass wenigstens nach einem 
2 — 4tägigen gleichförmigen Fastigium die descendirende Richtung 
der Fälle ganz entschieden beginnt. Dieses äusserst gewöhnliche 
Verhalten scheint entweder darauf hinzuweisen , dass der Trausport 
für die Rheumatismuskranken eine bedeutende Schädlichkeit sei und 
ihre Temperatur erheblich zu steigern vermöge , oder dass eine gute, 
geordnete Pflege im Stande sei, rasch das Fieber zu mildern. Es 
ist nicht anzunehmen , dass nur zufällig die Kranken im Moment der 
natürlichen und spontanen Gipflung ihres Fiebers in die Behandlung 
treten. Denn jene Maximalhöhe beim Eintritt und der rasche An- 
schluss des Niederganges kommt ebenso häufig vor, mag der Kranke 
in einer früheren oder in schon vorgerückter Periode in das Hospital 
gebracht werden, ja es scheint mir, dass die Abnahme der Tempe- 
ratur um so schneller sich anschliesse, je zeitiger die Aufnahme ins 
Hospital erfolgt, je früher also der Steigerung der Krankheit eine 
entsprechende Pflege entgegentritt. 

Wenn die Maximalhöhe nicht ausschliesslich auf die erste Beob- 
achtung fällt, sondern bei dem Eintritt eine niedrigere Temperatur 
beobachtet wurde, so zeigt sich dessenungeachtet zuweilen das Maxi- 
mum in einer einzigen Spitze, welche nach vor- und rückwärts oft 
scharf gegen niedrigere Temperaturen absticht. Es kann in solchen 
Fällen gar nicht von einer wirklichen Fastigiumsperiode , sondern 
nur von einer momentanen Gipflung die Rede sein. Diese auf den 
Abend fallende Maximalspitze ist oft nicht unbeträchtlich , übersteigt 
ganz wohl 40*^ und kann um einen ganzen Grad und mehr die Höhe 
des vorausgehenden und nachfolgenden Abends und selbst um zwei 
Grad und mehr die des vorherigen und nächsten Morgens übersteigen. 
Diese Acmespitze pflegt zwischen den 5. und 9. Krankheitstag zu 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 379 

fallen, kann aber auch schon früher (selbst am 3.) oder später sich 
einstellen. 

Häufig jedoch dehnt sich die Gipflung zu einem wirklichen 
Fastigium aus. Aber dasselbe ist in der Mehrzahl der Fälle im Ver- 
hältniss zur Gesammtdauer der Krankheit sehr kurz , um so kürzer, 
wenn hohe Temperaturen erreicht werden trotzdem dass der Fall an 
sich kein intensiver ist. Häufig dauert es nur über zwei oder drei 
Tage. Es kommt nur sehr ausnahmsweise und bei besonders schwe- 
ren Erkrankungen vor, dass die Temperaturhöhe von AO^ an mehr 
als 3 aufeinanderfolgenden Tagen erreicht oder überschritten wird. 
In einer grossen Anzahl von Fällen von sehr vollständig entwickeltem 
Gelenksrheumatismus bleiben auch auf der Höhe der Krankheit die 
Tagesmaxima zwischen 38,6 ^ und 39,5 o. 

In solchen Fällen hält das Fastigium zuweilen etwas länger an, 
doch ist es fast immer , auch wenn es eine Woche dauert, kürzer als 
die nachfolgende Periode. 

Der Gang der Temperatur ist in dem Fastigium bald continuir- 
lich, bald exacerbirend, bald subremittirend , bald zeigt er Remissio- 
nen von nicht unbeträchtlicher Grösse. 

c) Die descendirende Periode zeigt in Bezug auf Rasch- 
heit und Form der Abnahme einen verschiedenen Typus. 

In den günstigsten Fällen, vornehmlich in solchen, welche zeitig 
in Behandlung gekommen sind , ist der Niedergang ein verhältniss- 
mässig rascher , erfolgt dabei meist zickzackartig in der Art eines 
rasch abheilenden Abdominaltyphus, auch wohl ohne Abenderhebungen, 
ähnlich wie in manchen Fällen von Scarlatina. Der Niedergang hat 
dann das Ansehen einer lytischen Defervescenz , welche sich in 5 bis 
6 Tagen vollenden kann. 

Nur ausnahmsweise erfolgt dieser Abfall noch rascher, selbst 
annähernd wie bei einer Krise. 

Häufiger dagegen ist die Abnahme langsamer oder zeitweise 
stockend. Nach einer ersten Abnahme kann längere Zeit hindurch 
ein massiges meist remittirendes Fieber von ziemlich gleichbleiben- 
dem Tagesdurchschnitt sich erhalten und nur im Ganzen bemerkt 
man die schwach descendirende Richtung. Oder die täglichen 
Abnahmen finden zwar statt, sind aber gering und es bedarf 10 bis 
20 Tage, bis die Norm erreicht ist, was sozusagen fast unmerklich 
geschieht. 

Nachdem der fieberlose Zustand erreicht und die Reconvales- 
cenz eingetreten ist, pflegt meist noch eine Zeitlang die Temperatur 



380 jD^s Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 

auf einem Niveau zu fluctuiren , das einige Zehntel höher ist, als bei 
einem Gesunden oder bei einem von einer acht typischen Krankheit 
Reconvalescirenden. Dabei können die Abendtemperaturen gelegent- 
lich noch selbst leichter Fieberhöhe sich nähern , auch ab und zu 
iiöhere ephemere Steigerungen sich einstellen. 

Nach allem diesem ist das Fieber bei diesen Fällen von Rheu- 
matismus acutus nur ein massiges, höchstens mittelschweres. 
Abgesehen von der kurzdauernden Acme erhält es sich auf Höhen, 
welche nur ausnahmsweise die Gränze des massigen Fiebers über- 
schreiten. 

3. Von dieser mittelgradigen, aber durchaus günstigen Art des 
Verlaufs giebt es jedoch zahlreiche und verschiedene Abweichun- 
gen, die indessen alle zusammengefasst , schwerlich die Zahl jener 
erreichen. 

Zunächst sind sehr häufig abnorm leichte Fälle oder 
vielmehr Fälle mit ungewöhnlich geringer, auch wohl mit gar keiner 
Temperaturbetheiligung ; doch nicht immer ist dabei auch der ört- 
liche Zustand entsprechend geringfügig. Es lässt sich in der Thal 
oft nicht sagen , weshalb bei ganz erheblichen Gelenksaffectionen das 
Fieber so ganz unbedeutend bleibt , ja selbst fehlt : auch Complica- 
tionen mit Herzentzündungen sind in solchen Fällen keineswegs aus- 
geschlossen. Die Fälle mit geringfügigem Fieber (nicht über 38, g^) 
oder mit nur subfebrilen Temperaturen betragen ungefähr ein Drittel 
aller Erkrankungen an acutem Gelenksrheumatismus. 

Alle übrigen abweichenden , aber mehr oder weniger schweren 
Formen zusammen dürften sich wenigstens in unserer Gegend nicht 
über ein Sechstel der Fälle erheben. 

4. Eine der häufigsten Gestaltungen unter diesen ist die len- 
tescirende Form. Es ist bei derselben die Dauer der Krankheit 
wesentlich verlängert. Das Fieber hält bis in die vierte und fünfte 
Woche an. Die TagesdifFerenzen sind gewöhnlich weit beträcht- 
licher, wobei in den Morgenstunden normale Temperatur erreicht 
werden kann , während Abends noch mehr oder weniger beträcht- 
liches Fieber, häufig selbst über 40^ besteht. Unregelmässigkeiten 
und Aenderungen des Typus treten vielfach ein und die Temperatur 
kehrt nur sehr allmälig zur Norm zurück. Am stärksten zeigen sich 
die grossen Tagesfluctuationen , wenn die Gelenks - und Knochen- 
affectionen sich fixiren und es können dabei Schwankungen von drei 
Graden und mehr in einem Tage vorkommen. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 381 

Nicht ganz selten kommen Kecrudescenzen des Fiebers 
oder unmotivirte Zwischensteigerungen vor: Mitten im Gange eines 
gerade oft sehr massigen Fiebers oder selbst nach Rückkehr zum 
subfebrilen oder fieberlosen Zustand tritt eine mehr oder weniger be- 
trächtliche Erhebung der Temperatur (selbst um 2 Grade und mehr) 
ein, die zuweilen ganz ephemer ist, zuweilen nach wenigen Tagen 
sich wieder ausgleicht, zuweilen auch länger sich erhält. Nicht 
immer hängt diese Steigerung mit erneuerter Zunahme der Gelenks- 
aflfection oder mit Eintritt von Complicationen zusammen. Besonders 
bei den eintägigen oder sehr kurzdauernden Zwischensteigerungen ist 
oft nichts zu entdecken, was den Zufall erklärt, und der kurze Fieber- 
paroxysmus, von dem der Kranke oft selbst nichts empfindet, ist auch 
durchaus ohne Einfluss auf die regelrechte Beendigung. Langsam 
sich entwickelnde und länger bestehende Temperaturerhebungen kön- 
nen mit einem Rückfall aller Symptome verbunden sein. 

Als scheinbare Recrudescenzen können sich die Fälle aus- 
nehmen, bei welchen auf der Höhe der Krankheit durch Medicamente 
(Digitalis, Aconit) die Temperatur künstlich herabgedrückt wurde 
und mit dem Aufhören des medicamentösen Einflusses wiederum 
steigt. 

5. Die Complicationen des Rheumatismus acutus, nament- 
lich die Pericarditen und Endocarditen ändern in vielen Fällen gar 
nichts in dem Gang des Fiebers. Sie treten zuweilen ein, ohne dass 
die Temperatur auch nur um ein Zehntel steigt oder ohne dass die 
descendirende Richtung irgend alterirt wird. In anderen Fällen zei- 
gen sich dagegen Abweichungen , welche sich folgendermaassen ge- 
stalten können. 

a) Der Gang der Temperatur während des Fastigiums und in 
der Abheilungsperiode wird zwar nicht alterirt ; aber in der Recon- 
valescenz bleibt die Temperatur noch auf einem etwas höheren 
Niveau, als welches sie überhaupt bei Rheumatismusreconvalescenten 
einzuhalten pflegt, steigt wohl auch im weiteren Verlauf der Reconva- 
lescenz zeitweise noch etwas mehr an : dies findet sich sowohl bei 
Pericarditen, als auch wenn eine Endocarditis zu Klappenveränderun- 
gen geführt hat. Es bedarf oft einer geraumen Zeit, bis sich das 
erhöhte Niveau der Eigenwärme senkt. 

b) Daran schliesst sich, dass nach wesentlicher Abheilung der 
acuten Krankheit ein lentescirender , subfebriler oder wirklich fieber- 
hafter Zustand , zuweilen mit temporären , mehrtägigen , stärkeren 



382 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 

Fieberanfällen sich einstellen kann. Zuweilen bestehen diese nament- 
lich von verschleppter Pericarditis abhängenden Nachfieber aus meh- 
reren einzelnen Fieberdecursen von wochenlanger Dauer und dar- 
über, welche durch ein kurzdauerndes Intervall von zuweilen nur 
unvollkommener Fieberlosigkeit getrennt sind. Auch bei frischer 
Ausbildung einer Aortenklappeninsufficienz durch Endocarditis kom- 
men bisher in später Zeit beträchtliche Temperatursteigerungen vor, 
während die Mitralinsufficienzen weit weniger auf die Eigenwärme 
zu influiren scheinen. 

c) Zuweilen jedoch werden auch schon während des frischen 
Verlaufs des Rheumatismus acutus durch Complicationen mehr oder 
weniger beträchtliche Temperatursteigerungen hervorgebracht. Am 
sichersten, wenn auch keineswegs constant, wirkt das Eintreten einer 
Pneumonie temperatursteigernd , ohne jedoch die charakteristische 
Form des Ganges eines Pneumoniefiebers hervorzubringen. Die 
übrigen Complicationen (Pericarditis, Endocarditis, Bronchitis, Peri- 
tonitis , Urticaria , Miliaria etc.) bewirken nur ausnahmsweise, wenn 
sie sehr intensiv sind, oder vielleicht je nach der Disposition des 
Individuums, vielleicht auch je nach der besonderen Gestaltung der 
complicirenden Entzündung Temperatursteigerungen. 

6. Durch Fixirungen der Erkrankung in Gelenken und Knochen, 
durch Recrudescenzen des Processes, durch succedirende Complicatio- 
nen kann der Gelenksrheumatismus ausserordentlich lang sich ver- 
schleppen. 

Solche obstinate Erkrankungen sind unter meinen Hospital- 
fällen ziemlich selten. Ich glaube mich aber nicht zu täuschen, 
wenn ich annehme, dass sie in der Privatpraxis weit häufiger vor- 
kommen. 

Die obstinaten Rheumatismen mit fixirten oder wechselnden und 
succedirenden Localisationen zeigen bald eine grosse Intensität , bald 
aber bedingen sie nur massige Erscheinungen , Differenzen, welche 
sich sehr vollständig an dem Temperaturgange abzeichnen können, 
obwohl andererseits hin und wieder schwere Zufälle auch ohne ent- 
sprechende Temperatursteigerungen eintreten. 

7. Unter den t öd t liehen Erkrankungen, welche mit mul- 
tiplen rheumatischen oder rheumatoiden Erscheinungen verlaufen, 
bemerkt man ein zweifaches, wesentlich verschiedenes Verhalten, 
dem auch ein verschiedener Temperaturgang entspricht 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Rheumatismus acutus. 385 

a) In den einen Fällen tritt der Tod durch eine fixirte Lo- 
calis a t i o n , zumeist durch eine Herzerkrankung oder ihre Folgen^ 
bald in nächstem Anschluss an den Gelenksrheumatismus , bald erst 
nach dessen Abheilung ein. Der Temperaturgang während des 
Rheumatismus selbst braucht dabei nicht besonders alterirt zu sein ; 
doch zeigt er Irregularitäten , und wenn der Tod frühzeitig erfolgt, 
bleibt das charakteristische Absteigen aus oder wird unterbrochen. 
Der Tod, der in diesen Fällen nicht durch die wesentliche Krank- 
heit , sondern durch eine unglückliche Gestaltung einer localen Theil- 
erscheinung oder Complication erfolgt , kann von einem starken Sin- 
ken der Temperatur eingeleitet sein. 

b) In andern Fällen , welche gewöhnlich gleichfalls dem Rheu- 
matismus acutus zugerechnet werden, zeigt sich, bald von Anfang an, 
bald im weiteren Verlauf, zuerst in leicht zu misskennenden Andeu- 
tungen , ein Charakter d e r B ö s a r t i g k e i t , der weiterhin mit 
Macht hervortritt. Die am gewöhnlichsten zu bemerkenden Zeichen 
der Perniciosität sind : Fröste, höchst intensives Fieber, verschiedene 
schwere Nervensymptome, Icterus , Blutungen , Diarrhöen und Milz- 
vergrösserung. Keine einzelne dieser Erscheinungen ist vollständig 
entscheidend ; erst ihre mehrfache Combination charakterisirt die 
Perniciosität. Die Schmerzen in den Gelenken sind mehr oder weni- 
ger heftig, verbreiten sich häufig auch über die Muskeln, über Kopf, 
Brust und Bauch. Der Tod erfolgt meist unter sehr beträchtlicher, 
zuweilen enormer Steigerung der Temperatur (bis 43 ^ und 
sogar 44 ^ und darüber : Fälle von Quincke , H. Weber in London 
und von mir selbst). 

Diese Fälle, welche vielleicht eher als rheumatoide Erkran- 
kungen, denn als ächte Gelenksrheumatismen zu bezeichnen sein 
dürften , zeigen, soviel ich bis jetzt gesehen , Differenzen nach 3 ver- 
schiedenen Seiten: eine pyämische, eine icterische und eine nervöse 
Form. Sie schliessen sich an die spontane Pyämie, an den primär 
perniciösen Icterus uiid an die rapid perniciösen Nervencatastrophen 
ohne anatomische Grundlage an und unterscheiden sich von diesen 
Formen nur dadurch , dass die stark hervortretenden Gelenksschmer- 
zen wenigstens eine Zeitlang durchaus für einen Rheumatismus acutus 
imponiren. Jene Differenzen sind dabei keineswegs streng geschie- 
dene und man möchte sagen, dass die nervöse Form die am unvoll- 
ständigsten entwickelte, die icterische die ausgebildetere und die pyä- 
mische die vollständigste sei. 

Bei der vollständigsten (pyämischen) Form zeigen sich schon 
frühzeitig Andeutungen der perniciösen Artung des Processes : das 



384 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei Osteomyelitis. 

Fieber ist ein sehr intensives, während Fröste, Icterus, Milzanschwel- 
lungen sich einstellen, und nur vorübergehende , aber täuschende und 
unvollkommene Ermässigungen kommen vor. Solche trügerische 
Ermässigung zeigt sich namentlich in der proagonischen Periode, 
während am Todestag selbst regelmässig die Temperatur beträcht- 
lich steigt. 

Ziemlich ebenso gestaltet sich das Temperaturverhalten , wenn 
es nicht zu multiplen Eiterheerden kommt , sondern ein dem Icterus 
gravis entsprechender Complex von Störungen besteht. 

In den tödtlichen Fällen ohne multiple Eiterheerde und ohne 
Icterus verläuft die Krankheit zuerst wie ein sehr intensiver Gelenks- 
rheumatismus. Sogar die descendirende Richtung der Temperatur 
kann sich einstellen, aber gleichzeitig zeigen sich verdächtige Sym- 
ptome vom Nervensysteme. Plötzlich steigern sich diese unter rascher 
Wiederzunahme der Temperatur, erreichen in kürzester Zeit die 
schwersten Grade und der Tod erfolgt unter hyperpyretischer Eigen- 
wärme, während in der Leiche keine anatomischen Störungen im 
Gehirn oder nur sehr massige Grade von Meningitis sich nachweisen 
lassen. Postmortale Steigerungen können eintreten. 

S. Curven auf Tafel VII. 



XX. Osteomyelitis. 

Bei der acuten Osteomyelitis, welche in manchen Hinsichten mit 
einem Typhus Aehnlichkeit hat und desshalb Knochentyphus genannt 
worden ist, stimmen die Temperaturverhältnisse nur sehr unvoll- 
kommen und wie es scheint ausnahmsweise mit denen typhöser 
Kranker überein. 

Unter 6 Fällen , die zu meiner Beobachtung kamen, zeigten 5 
einen kurzen und mehr continuirlichen Verlauf bis zum tödtlichen 
Ende, 3 einen achttägigen , 1 einen 14tägigen; bei einem fünften 
war der Anfang der Erkrankung nicht genau zu bestimmen, doch 
dauerte auch bei diesem der Verlauf nicht über 2 Wochen. Von diesen 
Fällen wurden 4 in den letzten 2 bis 5 Tagen, 1 nur am Todestage 
beobachtet. Der Letztere starb mit 40,^^ und nach dem Tode stieg die 
Temperatur bis 41, i o. Bei den übrigen wurden dieGränzen eines be- 
trächtlichen Fiebers (40,5 <^) nicht überschritten. Der Gang der Tem- 
peratur zeigte unregelmässige, im ganzen geringe Schwankungen, nur 
vereinzelte tiefere Senkungen (bis 88,4 und 38,6 <^). Bemerkenswerth 
war der Contrast zwischen der doch immer nicht übermässigen Tem- 



bei Osteomyelitis, parenchymatöser Entzündung der Nieren, etc. 335 

peraturhöhe und der enormen Pulsfrequenz (in einem Fall 1 2 Stunden 
vor dem Tode bis 188), welche nur in einem Falle fehlte. 

Im Gegensatz zu diesen nicht gerade sehr typhusähnlichen 
Temperaturverhältnissen zeigte 1 Fall, welcher am 7. Krankheitstag 
zur Beobachtung kam, und bei welchem ziemlich frühzeitig die Affec- 
tion sich auf den linken Femur beschränkte und später allmälig sich 
ermässigte, in der ganzen zweiten Woche den remittirenden Verlauf Ab- 
dominaltyphöser (bis zum 12. Tag 39,8 — 40^ Tagesmaximum, 38,6 
bis 392 Tagesminimum; vom 12. Tag an absteigende Richtung mit 
grossen Remissionen) und zwar in einer solchen Weise, dass, da 
auch die Symptome des Gehirns, des Darms und der Milz einem 
schweren Abdominaltyphus entsprachen, die Diagnose die ganze 
Woche hindurch schwankend blieb. Weiterhin trat mit Ermässigung 
des Fiebers allmälig mehr ein hectischer Typus des Verlaufs ein. 



XXI. Parenchymatöse Entzündungen der Nieren. 

Die acute Brightsche Nierenentzündung zeigt hinsichtlich der 
Temperatur ein sehr wenig regelmässiges Verhalten, was wahrschein- 
lich theils mit der verschiedenen Rapidität und Intensität der Erkran- 
kung , theils mit den Umständen ihrer Entwicklung zusammenhängt. 
Nicht selten ist die Temperatur nur febril oder massig febril ; in an- 
dern Fällen erreicht sie Höhen von 39,g — 40^ und darüber. In 
heilenden Fällen sinkt sie langsam in lytischer Defervescenz ; in 
tödtlichen kann der Ausgang unter Steigerung wie unter Abnahme 
der Temperatur eintreten. 

Die cJironische Brightsche Nierenentzündung influirt auf die 
Temperatur in der Regel nur wenig und auch in tödtlichen Fällen 
sind terminale Steigerungen exceptionell. 



XXII. Hepatitis. 

Die acute parenchymatöse Leberentzündung zeigt weit 
auseinandergehende Verschiedenheiten in Betreff des Temperaturver- 
haltens ; aber die Fälle sind zu selten , als dass sich bestimmte all- 
gemeine Sätze abstrahiren Messen. 

Bei der Form mit perniciösem Icterus (mit oder ohne Phosphor- 
intoxication) ist die Temperatur bis zum Tode zuweilen gar nicht 
alterirt, bald sehr massig erhöht oder steigt sie noch gegen das Ende, 

Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 25 



386 ^^^ Verhalten der Eigenwärme bei Hepatitis, Lues. 

bald finden sich beträchtlich febrile, selbst hyperpyretische Tem- 
peraturen. 

Das Verhalten der Temperatur beim Gelbfieber ist durcli 
Schmidtlein s interessante Mittheilungen (Deutsches Archiv für 
khn. Medicin IV. 50) bekannt geworden. Die Temperatur ist nach 
ihm bei dieser Krankheit in den ersten Tagen am höchsten und 
erreicht, nicht selten mit geringen abendlichen Exacerbationen, 40 
bis 41 0. Vom 4. bis 5. Tag fällt sie stetig und sinkt bis auf, ja 
selbst unter die Norm. In tödtlich verlaufenden Fällen steigt sie 
gegen das Ende wieder um 2 ^ und darüber. 

Bei der suppurativen Leberentzündung, dem Leberabscess kann 
die Temperatur das Verhalten wie bei Pyämie oder bei chronischen 
Vereiterungen zeigen. 

Fräntzel lässt (Berliner Wochenschrift 1869 p. 5) Traube 
sagen: „Wiederholte heftige Frostanfälle mit starker Temperatur- 
erhöhung werden nur bei zwei Lebererkrankungen wahrgenommen : 
bei Blennorrhoe der Gallengänge und beim Leberabscess." Ferner 
(p. 13): „Mit Ausnahme der durch Pyämie, Endocarditis und Pyle- 
phlebitis entstandenen Leberabscesse zeigen alle übrigen , sobald .sie 
zu einem intermittirenden Fieber Veranlassung geben und von Frost- 
anfälleu begleitet einhergehen, stets einen durchaus regelmässigen 
Fiebertypus, d. h. die von Frost eingeleiteten Fieberanfälle oder 
Fieberexacerbationen treten , gleichgiltig ob sie den Typus einer ein- 
fachen Quotidiana oder einer Quotidiana duplex oder den einer Ter- 
tiana einhalten , stets in ebenso oder annähernd so bestimmten Zeit- 
verhältnissen, wie bei der Malai'iainfection , auf, während umgekehrt 
die durch Pyämie, Endocarditis und Pylephlebitis hervorgerufenen 
und durch Frost eingeleiteten Fieberanfälle und Exacerbationen stets 
einen durchweg unregelmässigen Rhythmus darbieten und nach weit 
kürzeren Zeiträumen, bis zu 3 und 4mal in 24 Stunden auftreten." 



XXIII. Lues. 

1. unter Lues verstehe ich diejenigen mannigfaltigen Affectio- 
nen , welche man früher als secundäre und tertiäre Syphilis bezeich- 
net hat. Hierdurch wird einerseits der mehrdeutig gewordene Aus- 
druck: „Syphilis" vermieden; andererseits nichts über die zweifel- 
hafte Beziehung zum localen Schanker präjudicirt. 

Sicher können die luetischen Erscheinungen ohne alles Fieber 
auftreten und es dürfte keine Form der luetischen Manifestationen 



J 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Lues. 337 

geben, die nicht völlig fieberlos sich entwickeln und verlaufen 
könnte. 

Andererseits ist bei gewissen Symptomen der Lues Fieber häu- 
figer als man gemeinhin glaubt und dieses Fieber ist nicht ohne 
EigenthümHchkeit, ja zuweilen so characteristisch gestaltet, dass es 
nicht zu schwierig ist, aus dem Gang der Temperatur allein schon 
die luetische Natur der Erkrankung wenigstens zu vermuthen. 

2, Am häufigsten treten Temperaturerhöhungen bei Luetischen 
ein in der Zeit, in welcher sich die ersten verbreiteten hyperämi- 
schen, papulösen oder pustulösen Hauteruptionen entwickeln. 

Das Fieber, welches frühzeitige luetische Exantheme begleitet, 
kann sehr beträchtlich sein und die Maximaltemperaturen können 
41 ö nahe kommen. 

Der Gang der Temperatur ist ein ausgezeichnet remittirender 
(pseudointermittirender) mit täglichem Rückgang der Eigenwärme 
bis zur Norm oder doch bis nahe zu derselben. Der Wechsel dieser 
tiefen Morgenremissionen mit den höhern Abendexacerbationen ist 
ziemlich regelmässig; die abendliche Steigerung ist aber trotz der 
rapiden Erhebung nur ausnahmsweise von Frost begleitet. Ebenfalls 
gehört es zu den Ausnahmen , dass sich ein voller apyretischer Tag 
zwischen die Fiebertage einschiebt und das Fieber sonach den tertia- 
nen Typus einhält , oder auch dass höhere und massigere Exacer- 
bationen Tag um Tag abwechseln. Die Dauer des Fastigiums ist 
unbestimmt ; zuweilen kurz , wenige Tage betragend kann es aber 
auch über 2 Wochen sich erhalten. Der Nachlass des Fiebers 
erfolgt unter allmälig geringer werdenden Abendexacerbationen ziem- 
lich übereinstimmend mit dem Gang der Temperatur in der späteren 
Abheilungsperiode des Abdominaltyphus. 

3. Auch bei manchen acut auftretenden internen luetischen 
Afi'ectionen der Leber und des Gehirns, auch der Knochen findet sich 
zuweilen ein analoger, jedoch minder regelmässiger Temperaturgang, 
bei welchem im Allgemeinen tiefe Morgenreraissionen und mehr 
oder weniger beträchtliche Abendexacerbationen mit einander 
wechseln. 

Bei den Formen der mahgnen und unter rapiden Zufällen tödten- 
den Lues zeigen sich ebenfalls beträchtliche Temperatursteigerungen 
(40 und darüber), dazwischen kommen aber auch geringere vor 
und die Remissionen, wenn auch vorhanden, sind weniger regel- 
mässig, gehen theilweise weniger tief oder fallen zeitweise auch 

25* 



388 I^^^ Verhalten der Eigenwürme bei Rotzerkrankung, 

ganz aus. Das Fieber hält in seinem Gang keine Regel ein ; Tem- 
peraturermässigungen sind täuschend und keineswegs Zeichen gün- 
stiger Wendung. 

Ueber das Temperaturverhalten bei luetischem Marasmus siehe 
Marasmus. 

XXIV. Rotzerkrankung'. 

Von Temperaturbeobachtung bei Rotzerkrankung des Menschen 
liegt nur ein Fall vor (von Goldschmidt: Giessener Dissertation 
1866). Derselbe ist interessant genug: Erzeigt (die Beobachtung 
beginnt am 14. Krankheitstag) ein remittirendes Fieber, das anfangs 
von massiger Intensität, vom 19. Krankheitstag an allmälig zickzack- 
artig stieg und bis zu hochfebrilen Graden gelangte, vom 25. Tag an 
nicht mehr unter 40^ sank und in den letzten Tagen (fünfte Krank- 
heitswoche) in den gleichmässig continuirlichen Verlauf (4 1,3 — 41,6^) 
überging. Von den letzten 24 Stunden fehlen die Messungen. 

XXV. Acute Miliartubereulose. 

Die acute Miliartubereulose bringt in der Mehrzahl der Fälle 
eine beträchtliche Temperaturabweichung zu Stande und zwar dies 
im Allgemeinen um so eher, 

je reichlicher und verbreiteter die Knötchenablagerungen sind ; 

je freier von Störungen der Befallene vor der Bildung derMiliar- 
granulationen war. 

Bei spärlichen und beschränkten Miliartuberkeln und bei Kran- 
ken, welche an schweren Affectionen (vorgeschrittener Lungen- 
phthise, Pneumonie, Gehirnerkrankungen etc.) zuvor schon darnieder- 
lagen, fehlt zuweilen jeder Einfluss der Miliartubereulose auf die 
Temperatur oder ist er wenigstens gering. 

Der Gang der Temperatur bei der Miliartubereulose zeigt sich 
unter folgenden hauptsächlichen Typen : 

a) ähnlich anfangs einem catarrhalischeu , später einem inten- 
siven hectischen Fieber ; 

b) ähnlich dem Temperatur verhalten beim Abdominaltyphus; 

c) ähnlich dem Gange beim Wechselfieber. 

Diese drei verschiedenen Formen können sich in einem und 
demselben Falle succediren. 

Die erste Form findet sich bei subacut verlaufenden Fällen. 
Die Erkrankung ist — wenigstens hinsichtlich der Temperaturver- 



acuter Miliartuberculose und acuter Phthisis. 339 

hältnisse — im Anfang vollkommen ähnlich dem Verlauf einer inten- 
siven Grippe oder einer catarrhalischen Pneumonie. Verdacht erregt 
nur die hartnäckige Fortdauer des Fiebers. Allmälig stellen sich 
tiefe, bis zur Norm gehende Remissionen ein, welche mit beträchtlich 
febrilen Abendexacerbationen wechseln. Doch ist auch bei dieser 
Gestaltung die Unterscheidung der acuten Tuberculose von einer 
acuten nicht tuberculosen Phthisis unmöglich und bleibt es bis 
zum Tode , wenn nicht Meningealtuberkeln sich ausbilden und die 
charakteristischen Verhältnisse der basilaren Meningitis sich her- 
stellen. 

Bei der zweiten Form ist die Unterscheidung von einem typhö- 
sen Fieber eine Zeit lang, ja selbst bis zum Tode oft unmöglich. 
Doch ist der Verlauf bei der acuten Tuberculose unregelmässiger als 
gewöhnlich beim abdominalen Typhus , die Remissionen sind meist 
etwas tiefer als bei letzterer Krankheit , ja gehen nicht selten bis zur 
Normaltemperatur. Die Fälle von acuter Tuberculose mit typhus- 
artigem Fieberverlauf sind die gewöhnlich am schnellsten tödtlichen. 
Erhält sich das Leben ausnahmsweise länger, so nimmt das Fieber 
später einen andern Charakter an, sei es den hectischen, sei es den 
intermittirenden. 

Der Wechselfiebertypus kommt bei der acuten Tuberculose 
ohne Zweifel am seltensten vor. Der Temperaturgang des einzelnen 
Fieberabscesses kann vollkommen dem eines Wechselfiebers ähnlich 
sein und sich mit derselben Regelmässigkeit , wie dieses, zuweilen 
selbst in tertianem oder duplicirtem quotidiauem Rhythmus wieder- 
holen. Doch kann für das Vorhandensein einer acuten Tuberculose 
Verdacht erregen, dass die Anfälle vorzüglich Nachmittags eintreten, 
dass die erreichten Höhen der Temperatur etwas geringer sind oder 
im Verlaufe werden als beim Wechselfieber, dagegen in der Apyrexie 
die Wärme gemeiniglich tiefer unter die Norm fällt als bei diesem. 

Im weitern Verlauf der acuten Tuberculose löscht sich meistens 
der Wechselfiebercharakter aus und der Anschluss eines immer 
schwächer remittirenden Fiebers sichert die Diagnose, falls diese 
nicht bereits durch andere Momente festgestellt ist. 



XXVI. Acute Phthisis. 

1. Die acute Phthisis kann ihren Anfang aus einem fieberlosen 
Zustand nehmen, in welchem die Steigerungen der Temperatur zick- 
zackartig mit Remissionen und wachsenden Exacerbationshöhen sich 



390 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

eiüstellen, jedoch weniger regelmässig und meist langsamer, als diess 
beim Abdominaltyphus geschieht. 

Oder die acute Phthisis schliesst sich an das Fieber einer Bron- 
chitis, Pneumonie oder sonstigen acuten ICrkrankung an , in welchem 
Falle bei dem Eintritt der Phthisis gewöhnlich tiefere Tagesremis- 
sionen sich herstellen , die täglichen Exacerbationshöhen aber gleich 
bleiben, oder etwas abnehmen, oder aber auch wachsen. 

Aus diesen beiden Arten des Temperaturverhaltens im Anfange 
der acuten Phthisis ist zwar häufig der Verdacht auf dieselbe zu 
schöpfen , doch nicht leicht ohne Zuhilfenahme anderer Zeichen eine 
Gewissheit zu erlangen. 

2. Im weiteren Verlauf zeigte der Gang der Temperatur ge- 
wöhnlich andauernd oder tiberwiegend einen discontinuirlichen 
Typus. 

Die Tagesdiflferenzen sind in der Regel sehr beträchtlich, betra- 
gen häufig 3 Grade und mehr. 

Die Tagesmaxima fallen zwar meist auf Nachmittag oder Abend, 
doch auch nicht selten auf den Morgen und nähern sich oder tiber- 
steigen 40^. Selbst Höhen von 41 ^ und mehr werden beobachtet. 
Sie treten zuweilen täglich 2mal, nur ausnahmsweise alle 2 Tage 
ein. Sie sind bald eine Reihe von Tagen hindurch annähernd gleich 
hoch , bald zeigen sie von Tag zu Tag ein ziemlich geregeltes sach- 
tes Wachsen oder Abnehmen , bald zeigt sich ein fortwährender 
Wechsel zwischen hoher und massiger Exacerbation und zwar eben- 
sowohl bei einfachem als duplicirtem Quotidiantypus. Die täglichen 
Abfälle sind schroff und die Minima können bis zur Normaltempera- 
tur und darunter gehen. Selbst tiefe CoUapse sind nicht selten. 

Auch in der Tiefe der Remissionen zeigt sich , obwohl weniger 
häufig als bei den Exacerbationshöhen ein Tageswechsel. 

Eingeschoben in diesen Verlauf sind zuweilen Strecken, bei 
welchen sich die Remissionen beträchtlich vermindern und der Gang 
der Temperatur subcontinuirlich oder gleichmässig ascendirend wird, 
wobei bald die Höhe der frtiheren Exacerbationsspitzen erreicht 
wird, bald nicht. Complicationen (intercurrente Pneumonien z. B.) 
können diese Modification bewirken. Doch findet sie sich auch ohne 
solche. 

Oft ist das Fieber auch durch kurze , seltener durch längere 
Strecken massigen Fiebers, selbst subfebriler oder gar normaler 
Temperatur unterbrochen. 

Fortwährender subcontinuirlicher Verlauf mit beträchtlichem 



bei acuter Phthisis und Trichinose. 391 

oder massigem Fieber von Anfang bis zum letalen Ende ist dagegen 
ziemlich selten. 

3. Gegen den tödtlichen Ausgang fällt in der Mehrzahl der 
Fälle die Temperatur von ihren früheren Höhen und verwischen sich 
dabei die Remissionen. Die Tagesdifferenzen werden geringer, wäh- 
rend der Tagesdurchschnitt fallen oder steigen kann. Der Tod 
kann sehr wohl bei ziemlich niederer Temperatur eintreten. Oder 
es steigt in der Agonie die niedriger gewordene Temperatur aufs 
Neue und zuweilen zu hyperpyretischen Höhen. 

Dagegen geschieht es sehr selten , dass der Tod unter fortwäh- 
rendem Wachsen der Temperatur im unmittelbaren Anschluss an das 
frühere Fieber eintritt. 



XXVII. Trichinose. 

Die Trichinose kann keine typische Fieberform haben ; denn 
die Betheiligung des Gesammtorganismus wird im Wesentlichen 
bestimmt durch das numerische Verhältniss der mehr oder weniger 
zahlreichen kleinen Entzündungsherde, welche durch die Parasiten 
veranlasst werden. 

Das Verhalten der Temperatur ist aber bei dieser Krankheit 
von ganz besonderem Interesse, weil dieselbe das einzige sichere Bei- 
spiel dafür darstellt, dass durch rein locale, wenn auch unendlich viel- 
fältige Störungen (Entzündungen) eine erhebliche Steigerung der 
Eigenwärme hervorgebracht wird — wenigstens eine Zeit lang : 
denn bei einiger Dauer der Störungen dürften, wenn die Niederlage 
höhere Grade erreichte, wohl immer weitere Verwicklungen sich aus- 
bilden, was durch die Theilnahrae des Gehirns, der Lungen, der Nie- 
ren etc. bewiesen wird , also durch die Miterkrankung von Organen, 
in welche keine Trichinen gelangen. 

In solchen vorgeschrittenen Fällen lässt sich begreiflich nicht 
mehr ermitteln, wie viel von dem etwaigen Fieber auf Rechnung der 
topischen Muskelentzündungen , und wie viel auf die der Gehirnstö- 
rung, Pneumonie, Nephritis etc. zu bringen sei. 

Die Beobachtungen bei Trichinkranken zeigen : 

1) Trotz ziemlich erheblicher Muskelbeschwerden, also ohne 
Zweifel nicht unbeträchtlicher Einwanderung von Trichinen können 
völlige Fieberlosigkeit , ein subfebriler Zustand oder geringfügige 
Fieberbewegungen bestehen. 



392 Das Verhalten der Eigenwarme bei Malariakrankheiten. 

2) Beim Beginn der Muskelerkrankung fehlt ebenso das Fieber 
oder ist sehr unbedeutend. 

3) Wenn im weiteren Verlaufe die Erscheinungen immer 
schwerer werden, können nicht unerhebliche Temperatursteigerungen 
eintreten, ja selbst Höhen von 40 — 41^ erreicht werden ; allein sie 
sind unterbrochen durch mehr oder weniger tiefe, häufig bis zur 
Norm oder selbst unter diese herabgehende Remissionen , so dass 
also fast täglich eine Wiederausgleichung der Temperatursteigerung 
eintritt. 

4) Die hohen Steigerungen erhalten sich nicht lange. Selbst 
in tödtlichen Fällen sind sie unterbrochen durch mehrtägige unbe- 
trächtliche oder ganz normale Temperaturhöhen. 

5) Durch diese Verhältnisse erhält der Gang der Temperatur 
bei der Trichinose etwas Charakteristisches, wenigstens in den Fäl- 
len , in welchen die Eigenwärme höhere Grade erreicht. In solchen 
wird eine Verwechslung mit dem typhösen Fieber, auch mit dem Fie- 
ber des Gelenkrheumatismus wenig zu fürchten sein, eher mit dem 
Fieber bei acuter Taberculose oder bei rapiden internen Vereiterun- 
gen. Wo dagegen das Fieber unbeträchtlich bleibt , verwischt sieb 
alles Charakteristische. 

S. Curven : Tafel VII. 



XXVIII. Malariakrankheiten. 

Nur die intermittirende Form der Malariainfection ist hinsicht- 
lich des Temperaturverhaltens genauer bekannt, üeber die remit- 
tirenden Formen sind in unseren Gegenden keine Beobachtungen zu 
machen. 

Es ist bei dieser Krankheitsform der Gang der Eigenwärme in 
dem einzelnen Anfall und der Gang während der Gesammtkrankheit 
zu unterscheiden. 

1. Der einzelne Fiebe ranfall charakterisirt sich durch 
eine rasche Erhebung der Temperatur (meist unter Schüttelfrost) bis 
zu hochfebriler Höhe und ebenso rascher Rückkehr zur Norm oder 
wenig darunter. 

Die Temperatur fängt schon an zu steigen , ehe ein anderes 
Symptom den Beginn des Anfalls verräth. 

Das Ansteigen ist im Anfang noch verhältnissmässig langsam, 
d. h. es kann ein paar Stunden fortdauern, ohne höher als 38,g bis 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Malariakraukheiten. 393 

S9^ zu kommen. Mit dem Eintritt des Frostes, der bei verschieden 
hoher Temperatur beginnen kann , wird das Steigen rapider und 
gelangt im Laufe von ungefähr einer Stunde bis 41 — 41,5 o, ^ur 
ausnahmsweise um weniges darüber. Indessen kann die trockene 
Hitze eingetreten sein und während derselben das Steigen sich noci» 
fortsetzen. Dieses Ansteigen bis zum Gipfel der Temperatur des 
Anfalles ist meist ganz ununterbrochen und stetig; höchstens bleibt 
einmal oder einigemal die Eigenwärme einige Minuten lang auf 
gleicher Höhe oder tritt allenfalls in der Nähe des Gipfels ein unbe- 
deutendes Schwanken ein. 

Das Maximum der Temperatur wird während der trocknen Hitze, 
zuweilen auch nachdem sich schon partielle Schweisse zeigen, errdcht. 
Es hält nur wenige Minuten an. 

Mit dem Allgemeinerwerden des Schweisses fängt die Tempe- 
ratur an wieder zu sinken , in der ersten halben oder ganzen Stunde 
nur langsam und zuweilen mit Schwankungen, von da an etwas rapi- 
der und ohne Wiedererhebung und zwar so , dass meist eine Viertei- 
bis halbe Stunde lang die Temperatur sich gleichbleibt , dann um ein 
oder 2 Zehntel fällt, wieder in Ruhe kommt, wieder fällt und so 
weiter (terrassenförmig). Nachdem diess ungefähr 4 Stunden so 
fortgedauert hat und die Temperatur etwa auf 40 o herabgegangen 
ist, wird das Sinken etwas rapider, bedarf jedoch meist 10 — 12 
Stunden und darüber, bis die Norm erreicht ist. 

In der darauf folgenden Apyrexie ist die Temperatur zuweilen 
um ein Geringes unter der Norm , zeigt wohl auch bei einer Dauer 
der Apyrexie über mehr als einen Tag eine ganz massige , die nor- 
male Tagesfluctuation kaum überschreitende Abendexacerbation. 

Nicht' selten , zumal nach Anwendung fieberwidriger Mittel 
(Chinin etc.) kommen Anfälle vor ohne subjective Erscheinungen, 
Anfälle , welche sich nur durch die Temperatursteigerung kundgeben 
und ohne Frost und ohne oder mit ganz geringem Schweisse ver- 
laufen. Die Maximalhöhe kann in diesen Anfällen der der vollkom- 
menen Fieberaccesse gleich- oder nahe kommen. Steigen und Abfall 
ist aber mehr zusammengedrängt, als bei einem mit Frost einher- 
gehenden Paroxysmus. 

Schon dieses Verhalten der Temperatur während des einzelnen 
Fieberanfalls und der nachfolgenden Apyrexie ist so charakteristisch 
für das Wechselfieber, dass es die Diagnose ziemlich sicher stellt. 
Es giebt äusserst wenige Krankheitsformen , bei welchen ein so rapi- 
des Ansteigen der Eigenwärme aus dem normalen Niveau zu einer 
Höhe von 41—41,5^ und sofort eine so rasche Wendung zu ebenso 



394 I^^s Verhalten der Eigenwärme bei Malariakrankheiten. 

rapider Rückkehr zur Normaltemperatur stattfindet. Fast nur die 
Ephemera, einzelne Fieberrelapse in der Reconvalescenz des Abdo- 
minaltyphus, die Paroxysmen bei der acuten Tuberculose und Pyämie 
zeigen ein ähnliches Verhalten und es genügt zur Unterscheidung von 
diesen Krankheiten fast immer, einen zweiten Anfall abzuwarten und 
zugleich auf die Zeit seines Eintritts Rücksicht zu nehmen. 

Jedenfalls aber lässt schon der einzelne Anfall die Krankheit 
von denjenigen Affectionen unterscheiden, welche bei schweren Sym- 
ptomen der Intermittens am ehesten damit verwechselt werden kön- 
nen : wie Typhus, Meningitis und Cholera. Bei diesen, welche oft in 
allen übrigen Beziehungen zum Verwechseln ähnliche Erscheinungen, 
wie eine höchst intensive und perniciöse Intermittens zeigen können, 
ist ein so vollständig anderes Verhalten der Eigenwärme, dass die 
thermometrische Beobachtung die üntei Scheidung absolut sicher stellt. 

2. Hinsichtlich der Aufeinanderfolge der Paroxysmen des Wech- 
selfiebers ist es längst bekannt, dass dieselbe in verschiedenem Rhyth- 
mus geschehen kann. Das normalste Verhalten, d. h. dasjenige, 
welches durch keine individuellen Einflüsse (Complicationen etc.) ge- 
stört ist, scheint mir nach zahlreichen Beobachtungen ein solches zu 
sein, bei welchem die Paroxysmen nach ungefähr 44 — 46 Stunden 
sich wiederholen (Tertiana anteponens). 

Nicht selten ist die Thermometrie allein im Stande, aufzudecken, 
dass der scheinbar reine quotidiane, tertiane oder quartane Rhythmus 
ein duplicirter ist , dass entweder stärkere Anfälle mit schwächeren 
(beim scheinbar quotidianen Rhythmus) mit einander wechseln, oder 
dass zwischen den einzelnen Symptomenreichen Paroxysmen Fieber- 
accesse stattfinden , welche sich nur durch Temperatursteigerungeu 
kundgeben. 

Ebenso ist die vollständige Heilung des Wechselfiebers nur durch 
die Thermometrie gewährleistet. Die Beobachtung der Temperatur 
lehrt, dass die Krankheit häufig nicht mit einem Symptomenreichen 
Paroxysmus abschliesst, sondern dass weitere Anfälle folgen können, 
welche nur in Temperatursteigerungen (zuweilen höchst beträchtlichen) 
bestehen und sich durch nichts Anderes verrathen, welche aber bei 
zu früh beendigter Behandlung sehr wohl wieder in vollkommenere 
Anfälle sich umwandeln können. 

Vgl. ausser Zi mmer mann und Bärensprung vorzüglich 
Michael (Specialbeobachtungen der Körpertemperatur im inter- 
mittirenden Fieber 1856 im Archiv für physiol. Heilk. XV. 39). 

Curven s. auf Taf. VH. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Cholera. 395 



XXIX. Cholera. 

1. Die Messungen der Eigenwärme bei der Cholera bieten einige 
besondere Schwierigkeiten dar und namentlich sind die Resultate, 
welche an verschiedenen Körpertheilen gewonnen werden, verschie- 
den zu beurtheilen ; auch gehen sie einander nicht parallel. 

Die Messungen in der Achselhöhle sind, wenn sie nicht mit 
grosser Vorsicht vorgenommen werden, nicht zuverlässig. Das Queck- 
silber steigt sehr langsam und kommt zuweilen erst nach 1/2 Stunde 
zur Ruhe, vornehmlich im algiden Stadium. Aber auch noch so sorg- 
fältig ausgeführt geben diese Messungen im algiden Stadium keinen 
richtigen Maassstab für die Allgemeintemperatur (Bluttemperatur). 
Dagegen sind sie werthvoll , indem sie über den Zustand der Haut- 
wärme eine Vorstellung geben. Im Reactionsstadium ist die Achsel- 
höhlentemperatur wiederum maassgebender für die Gesammtwärme 
des Körpers. 

Noch vollständiger wird der Grad der Hautwärme oder viel- 
mehr der Grad der Abkühlung auf der Haut an den freiliegenden 
Körperstellen , namentlich aber an Händen und Füssen angezeigt. 
Aber eine irgend zuverlässige Messung an diesen Stellen ist fast un- 
möglich und die erhaltenen Resultate sind daher ziemlich werthlos. 

Die Messungen in der Mundhöhle geben in der algiden Periode 
gar keinen Aufschluss über die Gesammttemperatur ; wohl aber sind 
sie werthvoll, indem sie Andeutungen Hefern über die Temperatur 
der exspirirten Luft, freilich nur unreine und wenig zuverlässige. 

Als Maassstab für die Gesammttemperatur können nur Messun- 
gen im After und in der Vagina dienen. Die Ersteren sind aber 
gerade in dieser Krankheit schwierig und widrig und werden leicht 
durch die Dejectionen gestört. Die Messungen in der Vagina sind 
noch die besten , lassen sich aber nicht bei allen weiblichen Indivi- 
duen anwenden , mindestens nicht oft genug wiederholen und können 
durch die nicht selten eintretende croupöse Affection der Vagina 
alterirt werden. 

Nicht selten ist ein beträchtlicher Contrast zwischen den Resul- 
taten , welche an verschiedenen Stellen erhalten werden und gerade 
der Contrast kann zuweilen wichtige prognostische Winke geben. 
So ist eine grosse Differenz zwischen Achselhöhlen- und Vagina- oder 
Rectumtemperatur entschieden ungünstig, und beim üebergang in die 
Genesung bemerkt man die Mundhöhlentemperatur oft steigen , wäh- 
rend die Vaginaltemperatur fällt. 



396 ^^s Verhalten der Eigenwärme bei Cholera. 

Die Temperaturverhältnisse bei der nicht epidemischen Cholera, 
wenn sie höhere Grade erreicht, unterscheiden sich nicht wesentlich 
von denen bei der epidemischen Form. Nur sind die Abweichungen 
im Durchschnitt geringfügiger, wenn nicht der choleriforme Anfall 
eine sonstige Affection begleitet und eine beträchtliche Temperatur- 
alteration durch diese bedingt wird. 

2. Schon vor dem Beginn der übrigen Symptome zeigt sich 
bei zuvor fiebernden, von der Cholera Inficirten (wie Friedländer 
nach Beobachtungen aus meiner Klinik gezeigt hat) ein Sinken der 
Körperv/ärme, welches somit der im üebrigen noch latenten Infection 
angehört, zugleich aber ein Beweis ist , dass die Abnahme der Tem- 
peratur der Körperoberfläche keineswegs nur die Folge der Auslee- 
rungen ist. 

In der Periode der Ausleerungen ist bei leichten, nicht 
bis zur Asphyxie kommenden Fällen sowohl die Achselhöhlentem- 
peratur , als die der Vagina und des Rectums in der Regel normal 
oder (namentlich die Vaginaltemperatur) ganz wenig erhöht. 

Sobald sich eine Andeutung von Asphyxie zeigt, weichen die 
Temperaturen bereits mehr auseinander : die Vaginaltemperatur er- 
scheint etwas höher, die Achselhöhle gemeiniglich etwas niedriger, 
als die Norm. 

Bildet sich die algide Form aus, so ist auch in genesenden Fäl- 
len die Temperatur der Innern Theile in der Regel massig , zuw^eilen 
sogar beträchtlich (in einem Fall von Güterbock bis 39,g<^) erhöht, 
nur ausnahmsweise normal oder vermindert. 

In Fällen , bei welchen der Tod in dem asphyctischen Stadium 
eintritt , erreichen die Temperaturen in der Vagina und im Rectum 
zuweilen noch beträchtlichere Höhen (40*^ und darüber, in einem 
Fall von Güterbock selbst 42,4). 

Jedes beträchtliche Steigen , wie jedes beträchtliche Sinken 
zeigt hohe Gefahr an , und bei beiden Arten der Abw^eichung kann 
Beschleunigung der Respiration , Cyanose , Asphyxie und Urinunter- 
drückung vorhanden sein. 

Stürmische Ausleerungen sind gewöhnlich von einem Sinken der 
Temperatur, zuweilen nur von einem relativen begleitet oder zuvor 
angezeigt. 

Beim Steigen der Temperatur, auch wenn es nur relativ ist, 
hören die Ausleerungen auf und bei höherem Steigen tritt Sopor ein. 

Sowohl rapides starkes Fallen , als rapides starkes Steigen ist 
Anzeichen des nahenden Todes. 



Das Verhalten der Eigenwärme bei Cholera. 397 

Je geriDger im Gegentheil die Schwankungen sind , je weniger 
sie sich von der Normaltemperatur entfernen, um so wahrscheinlicher 
ist Genesung. 

Auf der äussern Haut , selbst in der Achselhöhe ist die Tempe- 
ratur während des Stadium algidum in der Regel vermindert, zuwei- 
len selbst sehr beträchtlich, doch nicht leicht unter 35 <^. Die Achsel- 
höhlentemperatur zeigt im Allgemeinen weniger autfällige Schwan- 
kungen, als die Wärme der Innern Theile. Besonders gefährlich ist 
es , wenn die äussere Körpertemperatur anhaltend tief bleibt , oder 
nach einer beträchtlichen Verminderung rapid steigt, oder nachdem 
sie gestiegen war , aufs Neue sinkt. Günstig ist es dagegen, wenn 
die niedrige Temperatur langsam, stetig, mit geringen Schwankungen 
sich erhebt und die Normaltemperatur dabei nicht oder wenig über- 
schritten wird. 

Noch viel beträchtlicher können die Temperaturabnahmen unter 
der Zunge werden. Es erreicht im Stadium asphycticum die Tem- 
peratur daselbst nicht leicht über 31 ^ und kann selbst in heilencfen 
Fällen bis gegen 2Q^ sinken. Wo sie noch tiefer herabgeht, scheint 
keine Herstellung mehr möglich zu sein. 

3. Im p s t c h 1 e r i s c h e n S t a d i u m ist die Temperatur in 
günstigen Fällen normal oder nahezu normal. Sie kehrt , wenn sie 
zuvor abnorm gewesen war, in diesem Stadium zur Norm zurück. 

Massige febrile Erhebungen sind zwar noch nicht Zeichen 
grosser Gefahr , aber immer verdächtig und zeigen irgend eine Com- 
plication an. 

Beträchtliche Steigerungen sind ein sehr sicheres Zeichen von 
Complicationen und vom Eintritt verschiedener Localaffectionen und 
geben wenig Aussicht auf Herstellung. 

Starke Erhöhungen der Temperatur werden namentlich durch 
Parotitis und Erysipel, zuweilen, doch weniger constant, durch Pneu- 
monie bewirkt ; Letztere hält nur ausnahmsweise einen typischen 
Verlauf ein. Fleckige Exantheme bringen nicht regelmässig Tem- 
peratursteigerung hervor. 

Eine normale oder annähernd normale Höhe der Temperatur 
ist aber im postcholerischen Stadium noch keineswegs ein die Ge- 
nesung verbürgendes Verhalten. 

Gerade bei typhoider Gestaltung der Reaction ist in vielen Fällen 
die Temperatur normal oder wenig erhöht: es sind diess zwar im All- 
gemeinen günstige Fälle mit ruhiger Bntwickelung und ohne erhebliche 
Localaffectionen ; doch ist dabei nicht jede Gefahr beseitigt. Freilich 



398 ^äs Verhalten der Eigenwärme 

kann die Temperatur auch bei der typhoiden Form sich erhöhen, 
selbst in beträchtlichem Grade und mit meist remittirendem Typus : 
diess sind Fälle von stürmischem Verlauf, schweren Localstörungen 
und wenn sie nicht rasch tödtlich werden , so lassen sie eine Len- 
tescenz der Störungen erwarten. Die parenchymatöse Nephritis 
kommt ebensogut in Fällen mit massiger als in solchen mit erhöhter 
Temperatur vor. 

Am ungünstigsten ist es, wenn im postcholerischen Stadium 
eine zuvor normale oder erhöhte Temperatur plötzlich unter die Norm 
sinkt. Selbst ein beträchtliches Sinken der peripherischen Wärme 
zeigt in dieser Periode die grösste Gefahr an. 

Nach dem Tode sinkt in vielen Fällen die Körperwärme 
mehr oder weniger rasch ; doch kommt es sowohl in Fällen mit zu- 
vor wenig erhöhter, als namentlich in solchen mit zuvor schon hoher 
Temperatur vor, dass sie nach dem Tode einige Minuten bis eine 
halbe Stunde lang steigt. 

4. Mit der Temperatur in der Cholera hat man sich schon lange 
beschäftigt und schon von dem ersten Auftreten der Epidemie , in 
Europa an sind thermometrische Beobachtungen veröffentlicht wor- 
den (Czerraak , Göppert, Lockstädt). Dieselben waren jedoch von 
geringem Werthe. Eine grössere Bedeutung hatten die Beobach- 
tungen, welche aus den Jahren 1848 — 1852 stammen (Ross, Mair, 
Reinhardt und Leubuscher, Roger, Doyere, Briquet und Mignot, Hüb- 
benet, Bärensprung). Die entscheidenden Thatsachen wurden erst in 
der 1866er Epidemie gefunden. Vgl. besonders Charcot (über 
die Temperatur des Rectums in der Cholera Gaz. med. 1866. 11), 
Monti (Jahrb. d. Kinderheilk. 1866, p. 109) und Güterbock 
(die Temperaturverhältnisse in der Cholera 1867 in Virchows Archiv 
XXXVIII. 30). 



XXX. Verletzungen des Cervicalmarks. 

B. Brodie machte zuerst (1837. Medicochirurgical trausac- 
tions XX. 146) anschliessend an Chossats Experimente die Bemer- 
kung, dass er bei mehreren Fällen von Verletzung des Rückenmarks 
eine beträchtliche Steigerung der Eigenwärme beobachtet habe und 
theilte dabei seinen berühmten Fall einer Zerreissung des unteren 
Cervicalmarkes mit, wobei der Tod nach 22 Stunden eintrat, nach- 
dem die Inspirationen auf 5 bis 6 in der Minute gesunken waren und 



bei Verletzungen des Cervicalmarks und Neurosen. 399 

das Thermometer zwischen Öcrotum und Schenkel applicirt 43,9 ^ g^" 
zeigt hatte. 

Seither sind mehrere Beobachtungen gemacht worden , welche 
den Einfluss der Verletzungen des Cervicalmarks auf enorme Steige- 
rung der Eigenwärme bestätigen: von Billroth (Langenbeck's 
Archiv 1862: Steigerung bis 42,0^), Quincke (Berliner klinische 
Wochenschrift 1869 Nro. 29: 2"Fälle mit Steigerungen bis 43,4 o 
und 43,6 <^), Weber in London (transact. on the clinical Society 
1868. 1.: zwei Fälle, einer mit 44^, der andere post mortem mit 
43,3 0), Fischer (Centralblatt 1869 p. 259 : Steigerung bis 42,90). 
Dagegen hat der Letztere zwei Fälle von Verletzung des Halstheils 
des Rückenmarks beobachtet mit Temperaturverminderung in einem 
Fall bis auf 34 (im Mastdarm), in dem andern bis 30,2 (in der 
Axilla). 



XXXI. Neurosen. 

üncomplicirte Neurosen, mögen sie sich in der psychischen, 
sensiblen oder motorischen Fuuctionirung kundgeben , sind in der 
Regel, sowohl bei frischer Entstehung, als nach längerem, selbst sehr 
langem Bestände, ohne jegMche Temperaturabweichung, oder zeigen 
wenigstens nur ganz unerhebliche Alterationen der Temperatur. 

Ausnahmen machen hiervon : 

zuweilen die unter dem Einfluss der Malaria entstandenen inter- 
mittirenden Neurosen , bei deren Anfällen auch Temperatursteige- 
rungen vorkommen können; 

die hj^sterischen Neurosen , bei welchen , wie alle möglichen 
sonstigen Symptome, auch Temperatursteigerungen bis zu excessiven 
Höhen in scheinbar ganz unmotivirter Weise vorkommen ; 

jene noch keineswegs erschöpfend bekannten Affectionen, welche 
man als vasomotorische Neurosen bezeichnen kann, bei welchen 
gleichfalls zuv/eilen eine Temperaturabweichung sich zeigt. 

Bei psychischen Neurosen ist zwar im Allgemeinen auch keine 
erhebliche Abweichung der Temperatur zu bemerken , sofern nicht 
intercurrente körperliche Erkrankungen eine solche bedingen. Doch 
bemerkt man bei manchen Geisteskranken permanent eine etwas unter- 
normale Temperatur, bei anderen zeitweise massige und scheinbar 
unraotivirte Erhebungen meist zu kaum febriler Höhe. — In Fällen von 
weitgehender Inanition mit starken äusseren Abkühlungen kann fer- 
ner die Eigenwärme bei Geisteskranken ganz ausserordentlich sinken. 



400 I^'^s Verhalten der Kigenwärme bei Neurosen. 

8. die p. 1 97 citirten bemeikcnswertlien Angaben von L ö w e n h a r d t. 
— Andererseits liat Westplial (Griesingers Arehiv für Psychiatrie 
I. 337) Beobachtungen mitgetheiit, nach welchen bei paralytischen 
Geisteskranken in intercurrenter Weise ganz beträchtliche Tempera- 
tursteigerungen vorkamen. Allerdings fielen sie in die Zeit epilepti- 
former und apoplectiforraer Anfälle: aber W. weist nach, dass sie 
in keiner Beziehung zu den Krämpfen und ihrem Grade stehen, auch 
bei sehr geringen Krampfbewegungen und ohne alle solche vor- 
kamen, wie denn auch epileptische Anfälle an sich die Temperatur in 
keiner Weise erheblich steigern. Ebensowenig glaubt W. an die Ab- 
hängigkeit der Temperatursteigerungen von den meist gleichzeitig 
bestehenden acuten Affectionen der Respirationsorgane, da die Letzte- 
ren bei den Anfällen mit Temperaturerhöhung keineswegs immer 
vorhanden gewesen seien. 

Als eine nur scheinbare Ausnahme ist es natürlich zu bezeich- 
nen , wenn bei Erkrankungen , in welchen vorläufig nur die Neurose 
zu erkennen ist , latente Processe bestehen , von denen eine Ab- 
weichung der Temperatur zu Wege gebracht wird , oder wenn im 
Lauf der neurotischen Erkrankung in der Stille Complicationen sich 
entwickeln , die noch nicht zu Tage treten , aber auf die Temperatur 
bereits influiren. 

Dagegen ist es eine höchst eigenthümliche Erscheinung, auf 
welche ich zuerst hingewiesen habe und welche seither von verschie- 
denen Beobachtern (Billroth, Leyden, Ebmeier, Ferber, Erb, Quincke, 
Monti) bestätigt worden ist, dass in dem letzten Stadium tödtlicher 
Neurosen , und zwar am meisten des Tetanus , aber auch mannig- 
facher anderer Störungen der Nervencentra (des Gehirns) die Tem- 
peratur sich zu erheben beginnt und in kürzester Zeit zu ausseror- 
dentlichen Höhen steigt, zu Höhen, wie sie nur ausnahmsweise in ur- 
sprünglich fieberhaften Krankheiten erreicht werden (zuweilen bis 
43, selbst bis über 44 ö, in einem Fall von Tetanus bis 44,73 o)^ wo- 
nach meist eine postmortale weitere Erhöhung um mehrere Zehntel 
zu folgen pflegt. 

Nach einer brieflichen Mittheilung des Herrn Hofrath ünt er- 
ber ger, Professor au der Veterinäranstalt in Dorpat, wurden auch 
bei dem Tetanus der Pferde am tödtlichen Schlüsse der Krankheit 
Temperaturen von mehr als 42 von ihm beobachtet. 

Diese Thatsachen, in Verbindung mit den gleichfalls ganz 
ausserordentlich hohen Temperaturen, welche man bei schweren acu- 
ten Gewebsstörungen im Gehirn und obersten Mark beobachtet, 
scheinen darauf hinzuweisen, dass, wie schon p. 147 und 189 ange- 



Das Verhalten der Eigenwärme bei chron. Störungen des Blutes etc. 401 

führt wurde, wahrscheinlich im Gehirn moderirende Apparate sich 
befinden, deren Paralyse eine krankhaft gesteigerte Action der 
wärmevermittelnden Processe zur Folge hat. 

Von praktischer Bedeutung ist aber diese Erfahrung, indem sie 
darauf hinweist , dass jede irgend erhebliche Steigerung der Eigen- 
wärme bei Neurosenkranken , wenn sich kein sonstiger Grund für 
sich entwickelndes Fieber auffinden lässt, von der ungünstigsten 
Prognose ist. 

Meine Abhandlungen über dieses Verhalten finden sich im 
Archiv der Heilkunde 1861. 11. 547, 1862. III. 175 und 1864. V. 
205; die von Erb im Deutschen Archiv für klinische Medicin 1866. 



XXXII. Chronische Störungen des Blutes , der Gewebe und der 

Secretionen. 

Die mannigfachen Abweichungen in der Blut- und Gewebsbil- 
dung , in den Umsatzverhältnissen und Secretionen von wesentlich 
langsamem Verlauf können auch das Verhalten der Eigenwärme be- 
einflussen. Aber die Beziehungen von jenen zu diesen sind keines- 
wegs überall einsichtlich. Bald zeigt sich die Temperatur durch den 
ganzen Verlauf der Krankheit normal, bald kommen zwischenlaufende 
Erhebungen von geringerem und beträchtlicherem Grade, die wohl 
häufig intercurrenten acuteren Processen angehören; bald ist ein 
chronisches Fieber von verschiedenem Charakter vorhanden oder im 
Gegentheil eine anhaltend subnormale Temperatur. Auch beim tödt- 
lichen Schlüsse dieser Krankheiten ist das Verhalten ein mannigfaltig 
verschiedenes. 

Jochmann hat (in seinen Beobachtungen über die Körper- 
wärme in chronischen fieberhaften Krankheiten 1853) vorzugsweise 
nach Messungen an Phthisischen eine Anzahl Thatsachen mitgetheilt 
und mehrere Typen des chronischen Fiebers fixirt. 

Es mag genügen, im Folgenden die wichtigsten empirischen 
Befunde hinsichtlich des Verhaltens der Eigenwärme bei chronischen 
Störungen der Blutbildung, Ernährung und der Secretionen hervorzu- 
heben. 

1 . Bei Inanitionszuständen kommt häufig eine abnorm niedere 
Temperatur vor und eine solche findet sich wenigstens vorübergehend 
oder während der letzten Lebenstage in mannigfachen chronischen 

"Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 26 



402 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

mit Marasmus verbundenen Zuständen , obwohl der Marasmus keines- 
wegs Temperatursteigerungen ausschliesst. 

Da dielnanition so häufig die Folge und der Begleiter der man- 
nigfachsten chronischen Krankheiten ist, kann sie auch das Verhalten 
der Eigenwärme bei diesen vielfach modificiren. Nicht nur drückt sie 
häufig die Temperatur fortwährend etwas herab, selbst ohne beson- 
dere bekannte Motive gelegentlich bis zu Collapstiefen , sondern es 
haben bei Inanitionszuständen äussere Abkühlungen, Nahrungsentzie- 
hung, Anstrengungen, Schweisse, Erbrechen und Darmausleerungen, 
Blutverluste im Allgemeinen einen ungleich beträchtlicheren tem- 
peraturdeprimirenden Einfluss , indem die verminderte Production der 
Wärme die Verluste nicht zu decken vermag. Vornehmlich zeigt 
sich diess gegen das tödtliche Ende hin. Sehr beträchtlich sind die 
Temperaturabnahmen bei marastischen Kindern vor dem Tode und 
am stärksten beim luetischen Marasmus der Säuglinge. In einem 
solchen Falle, der auf meiner Klinik unlängst vorkam , fing die Tem- 
peratur 6 Tage vor dem Tode an unternormal zu werden und ge- 
langte in allmäligem Sinken bis 25, o^ C. (Aftermessung), in einem 
andern Fall von gewöhnlicher Atrophia infantum auf 28,6^ C. 

2. Ganz ausserordentlich vermindert sich nach den Beob- 
achtungen von Roger die Eigenwärme (wenigstens in der Achsel- 
höhle) bei der Zellgewebsinduration der Neugebornen. Er giebt an, 
dass sie durchschnittlich nur 31^ betragen habe und bei 7 Kindern 
selbst auf 26^ gesunken sei. Bärensprung erinnert hinsichtlich 
dieses Verhaltens an die Erfahrungen von beträchtlicher Temperatur- 
verminderung bei künstlich verhinderter Hautsecretion. 

3. Man hat gemeint, dass die Thermometrie ein Hilfsmittel 
liefern könne , um die Unterscheidung der tuberculösen und nicht- 
tuberculösen Phthisis zu sichern , oder vielleicht besser gesagt , um 
das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Tuberkeln bei 
einem Phthisiker schon während des Lebens festzustellen. Diese 
Hoffnung ist wenigstens grösstentheils illusorisch. Bei der nicht 
immer gleichen Bedeutung, welche dem Worte Tuberkel gegenwärtig 
unterlegt wird , ist es nicht überflüssig , den Sachverhalt in mehreren 
Sätzen auszudrücken : 

a) das Vorhandensein käsiger Stellen ist weder überhaupt, nocli 
speciell bei Phthisischen durch eine thermometrische Eigenthümlich- 
keit zu erkennen. 

b) Für die Entwicklung der Phthisis aus verkästen Pneumonien 



bei chron. Störungen des Blutes, der Gewebe und der Secretionen. 403 

liefert die Thermometrie nur dann Anhaltspunkte , wenn die Beob- 
achtung während der frischen Pneumonie begann und über dieUeber- 
gangsperiode fortgesetzt wurde. Aus der Fortdauer erhöhter Tem- 
peratur, dem Anschluss eines remittirenden Typus an das Fastigium, 
dem Alterniren von beträchtlichen Erhebungen und niedern Tem- 
peraturen kann der Verdacht auf Verkäsung der pneumonischen 
Reste gerechtfertigt werden. 

c) Alle Erscheinungen des hectischen Fiebers, mögen sie sich 
darstellen in der Form massiger Fieberbewegungen , oder in remitti- 
rendem, subcontinuirlichem oder streckenweise continuirlichem Fieber, 
können allein schon hervorgerufen werden von chronischen suppuri- 
renden Bronchiten mit fortschreitender Dilatation, Peribronchiten, 
chronischen Pneumonien, wiederholten Lobular- und Vesicularpneumo- 
nien ohne jede Verkäsung , sowie ohne Bildung von Tuberkelgranu- 
lationen. Ebenso kann bei der nicht tuberculösen Phthisis der tödt- 
liche Ausgang sich unter Abnahme, wie- unter Steigerung der Tempe- 
ratur vorbereiten und die letztere zickzackartig, continuirlich oder 
akmeartig erfolgen. 

d) Das Vorhandensein von spärlichen oder selbst ziemlich zahl- 
reichen Tuberkelgranulationen in der Lunge, Pleura, Milz, Leber 
ändert lediglich gar nichts in dem Verhalten der Eigenwärme. 

e) Nur bei der rapiden Absetzung ausserordentlich zahlreicher 
und dichtstehender Miliartuberkeln entsteht bei Phthisischen zuweilen 
eine Modification im Gange der Eigenwärme, welcher alsdann dem- 
jenigen sich nähert, wie er bei relativ primärer Miliartuberculose sich 
zu zeigen pflegt. Dieselbe Modification kann aber auch durch anders- 
artige Complicationen (ausgedehnte Pneumonien z. B.) hervor- 
gebracht werden. 

f) Ausserdem können reichliche Miliartuberkeln im Peritoneum, 
besonders aber die Entwicklung einer granulirten Meningitis den 
Gang des Fiebers bei Phthisischen influenziren. 

4. Eigenthümlich ist es, dass bei CarcinomatÖsen Temperatur- 
steigerungen verhältnissmässig selten sind und dass die Eigenwärme 
meist auf einem normalen , selbst subnormalen Niveau sich erhält, 
was jedoch nicht ausschliesst , dass durch intercurrente Complica- 
tionen oder am Schluss der Krankheit hohe Temperaturen vorkommen 
können. Länger dauernde Fiebertemperaturen sind bei Krebs- 
kranken aber mindestens selten. 

5. Auch chronische Herzkranke pflegen nur bei intercurrenten 
schwereren AfFectionen erhebliche Temperatursteigerungen bemerken 

26* 



404 ^*ä Verhalten der Eigenwärme 

ZU lassen. Bei angeborenen, mit Cyanose verbundenen Herzfehlern 
(Pulmonalarteriensteuose) kommen nicht selten unternormale Tempe- 
raturen vor. 

6. Bei der Zuckerharuruhr erhebt sich die Eigenwärme nur 
ausnahmsweise über die Norm, zeigt sich nicht selten andauernd sub- 
normal und selbst Abscedirungeu , Pneumonien oder Lungenphthisis 
steigern die Temperatur der Diabeteskranken häufig nicht. 

7. Der Icterus verläuft ohne Temperatursteigeruug , es sei 
denn , dass er perniciös werde , und es ist daher die Erhöhung der 
Eigenwärme bei Gelbsüchtigen stets ominös. 

8. Hydropische haben häufig eine niedere Achseltemperatur, 
doch kommen auch Steigerungen oft genug bei ihnen vor. 

9. Wenn sich in chronischen Krankheiten Temperaturabwei- 
chungen einstellen, so zeigen sie in demselben Falle meistens im 
Laufe der Zeit ein sehr verschiedenes Verhalten. Doch kann es 
vorkommen , dass ein ziemlich gleicher Temperaturgang nicht nur 
Wochen , sondern Monate lang beharrt ; ja selbst chronische Fieber 
mit sehr eigenthtimlichem und während Jahresdauer sich fast völlig 
gleichbleibendem Gange habe ich beobachtet. 

1 0. Das häufigste Verhalten der Temperatur in chronischen Krank- 
heiten ist eine grössere Beweglichkeit auf äussere Einflüsse mit etwas 
umfänglicheren , auch wohl verschobenen Tagesfluctuationen , wobei 
die Exacerbationen nicht selten zu früher Tageszeit beginnen, oft 
dabei der Gränze der leichten Fieberbewegung nahe kommen oder diese 
erreichen, häufig auch , während die Tagesreraission der Temperatur 
nicht ganz normal (seltener zu tief, meist zu hoch, oft wechselnd) 
ist, die Eigenwärme im Allgemeinen auf einem etwas höheren Durch- 
schnittsniveau als im gesunden Zustand sich bewegt und überdem 
gelegentliche beträchtlichere Erhebungen (nicht selten von mehr als 
40 0) von kurzer wenigstündiger bis wenigtägiger Dauer vorkommen 
und ephemeraartig sich zwischenschieben. Dieses Verhalten kann 
sich unter den mannigfachsten Umständen zeigen und trägt so gut 
wie nichts zur genaueren Beurtheilung des Falls bei , bestätigt nur, 
dass der Zustand kein normaler ist. 

11. Während die Temperatur in den Morgenstunden normal 
oder der Norm nahe, auch wohl subnormal ist, kann sie in den 



bei chron. Störungen des Blutes, der Gewebe und der Secretionen. 4()5 

Abendstunden mehr oder weniger beträchtlich sich erheben, selbst 
um 4 — 6 Grad, in welchem Falle oft Collapstemperaturen mit hoch- 
febrilen Steigerungen abwechseln (intermittensartiger Verlauf). Es 
ist diess ein Verhalten, welches lange in ziemlich gleicher Weise fort- 
dauern kann, vorzugsweise, wenn die Tagesexcurse nicht gar zu 
gross sind und die Breite der Exacerbation nicht zu bedeutend ist. 
Zuweilen treten an einem Tage zwei von völlig oder nahezu normaler 
Temperatur geschiedene Exacerbationen ein, von denen die eine stär- 
ker, die andere schwächer sein kann (nach Art der Quotidiana du- 
plex). Zuweilen wechseln bei einmaligen Tagesexacerbationen stär- 
kere und schwächere sehr regelmässig mit einander ab ; seltner fällt 
je am zweiten Tage die Exacerbation aus (Tertianrhythmus) ; auch 
selbst noch grössere Intervalle (Quintan - , Sextanrhythmus) kommen 
vor. Bei letzterer mehr verzettelter Wiederkehr wird oft der Exa- 
cerbationstag nicht mehr ganz sicher eingehalten und es verliert sich 
dieses Verhalten unmerklich in die mit irregulär sich wiederholen- 
den ephemeraartigen Erhebungen. 

Ein solcher intermittensartiger Verlauf des chronischen Fiebers 
ist ziemlich häufig ; aber die Bedingungen seines Zustandekommens 
können nicht angegeben werden. Er kommt, aber allerdings nicht 
als der gewöhnliche Fiebertypus , bei chronischen Vereiterungen und 
phthisischen Zuständen vor, ferner aber auch bei Erkrankungen 
dunkler Art, bei denen zuweilen dieser Gang des Fiebers mit monate- 
langer Dauer neben einigen Intumescenzen innerer Organe das einzig 
nachweisbare Krankhafte ist und bei welchen entweder Genesung 
eintreten kann oder vor dem tödtlichen Ende solche weitere Ver- 
wickelungen unter Aenderung des Fiebertypus sich herstellen , dass 
die Beziehungen des intermittensartigen Temperaturgangs zu der Er- 
krankung unaufgeklärt bleiben. 

Bemerkenswerth ist noch, dass auf diesen Gang des chronischen 
Fiebers Chinin und noch mehr Arsen einen ganz unzweifelhaften 
Einfluss haben , die Anfälle ermässigen und selbst , wenigstens zeit- 
weise, ganz unterdrücken können. 

12. Ein sehr häufiges Verhalten des chronischen Fiebers ist 
der remittirende Typus , wobei in den Remissionen die Temperatur 
meist nur wenig über die Gräuze der leichten Fieberbewegung sich 
erhebt, in der Exacerbationszeit dagegen 39,^ — 40 ^ und darüber 
beträgt. Die Remissionen fallen meist auf die frühen Morgenstun- 
den , die Exacerbationen auf die Nachmittag- und Abendstunden. 
Doch kommt es auch häufig vor , dass Mittags die Temperatur am 



406 ^^^ Verhalten der Eigenwärme 

höchsten gesteigert ist, oder dass zwei Exacerbationen, eine mittäg- 
Hche und eine (meist schwächere) mitternächtliche, stattfinden. Die- 
ser Gang der Temperatur erhält sich selten lange in auch nur an- 
nähernder Gleichmässigkeit , er geht meist bald in andere Typen 
über, in gefähdichere oder in mildere. An sich schon scheint er 
ziemlich consumirend zu wirken. Er findet sich bei chronischen Ver- 
eiterungen , phthisischen Affectionen , grossem flüssigen Exsudaten 
und gehört besonders auch rapideren Fortschritten , Verschlimmerun- 
gen und Complicationen des wesentlichen Processes an. 

13. Auch dem continuirlichen Typus kann sich zeitweise das 
chronische Fieber nähern. Meist ist alsdann die Temperatur zugleich 
ziemlich oder sogar sehr hoch. Ein solches Fieber, zumal bei hoch- 
gesteigerter Temperatur, wirkt rasch consumirend und kann sich 
daher nicht lange erhalten. Es ermässigt sich entweder wieder und 
geht in andere Typen über, oder richtet es den Kranken zu Grunde. 
Es gehört intercurrenten Verschlimmerungen und Complicationen 
oder dem Schlüsse tödtlich endender chronischer Krankheiten an. 

14. Bei allen Formen des chronischen Fiebers können sich 
intercurrente Collapse ereignen und zeigt sich nicht selten ein wieder- 
holtes Eintreten derselben. Am häufigsten sind sie, wenn zuvor der 
Stand der Temperatur ein sehr hoher gewesen war. Nach dem Col- 
laps erhebt sich die Temperatur bald wieder rasch auf den früheren 
Punkt, bald geschieht diess nicht oder nur langsam. Zuweilen kom- 
men Collapse auch ohne vorangegangene beträchtliche Temperatur- 
erhebung vor und vornehmlich gegen das tödtliche Ende, wenn die 
Temperatur nicht erheblich gesteigert ist, treten gerne wiederholte 
Niedergänge unter die Norm ein. 

15. Manche Aehnlichkeit mit den Collapsen haben die krisen- 
ähnlichen Niedergänge, welche zuweilen nach remittirendem oder 
continuirlichem Gange des chronischen Fiebers sich ereignen, beson- 
ders wenn der Krise eine beträchtlichere Steigerung (Perturbatio cri- 
tica) unmittelbar vorausgegangen war. Aber der Abfall geschieht 
nicht so rapid, wie beim Collaps, und geht nicht so tief, wie bei die- 
sem , nur bis zur Norm oder kaum darunter. Diese Defervescenzen 
sind zuweilen wirklich günstig und dürften in diesem Falle die 
Beendigung irgend einer Complication anzeigen. In der Mehrzahl 
der Fälle sind sie trügerische Pseudokrisen und die Temperatur 



bei chron. Störungen des Blutes, der Gewebe und der Secretionen. 407 

«rhebt sich nach wenigtägigem Verharren auf der Norm allmälig oder 
rapid wieder. 

16. Sehr häufig sind während des Verlaufs chronischer Affec- 
tionen überhaupt sehr grosse Unregelmässigkeiten des Temperatur- 
gangs , grobe und scheinbar unmotivirte Fluctuationen , und wenn 
auch eine beträchtliche Erhebung der Eigenwärme stets ein bedenk- 
liches Zeichen ist , so darf man auf eintretende Ermässigungen doch 
noch keineswegs Hoflfnungen stützen. Theils sind sie häufig sehr 
vorübergehend , theils kann auch bei geringer Temperaturhöhe die 
Krankheit dem Tode entgegengehen. Je schrofi*er die Veränderun- 
gen, um so weniger darf man ihnen trauen. 

17. Gegen das tödtliche Ende der chronischen Krankheiten und 
in der Agonie kann sich das mannigfaltigste Verhalten der Tem- 
peratur zeigen, was nicht auffallen darf, da der Tod in chronischen 
Krankheiten auf so vielfach verschiedenem Wege und häufig nur in 
ziemlich lockerem Zusammenhang mit dem wesentlichen Processe ver- 
mittelt wird. 

Im Allgemeinen fällt bei chronischen Erkrankungen die Tem- 
peratur vor dem Tode häufiger, als dass sie steigt ; zuweilen fällt sie 
nur massig und nur im Vergleich zur früheren Höhe, in andern Fäl- 
len beträchtlich und zwar, wie beim Marasmus, namentlich dem Kin- 
dermarasmus, dem luetischen Marasmus und dem der Geisteskranken 
bereits erwähnt wurde, manchmal zu ganz ausserordentlich tiefen 
Graden. Doch sind in solchen Fällen Achselhöhlenmessungen nicht 
maassgebend , nur das tief in das Rectum eingeführte Thermometer 
giebt einige Zuverlässigkeit. 

18. Im Gegensatz dazu kommen auch finale Erhebungen vor. 
Die Temperatur , welche zuvor normal oder wenig erhöht war, fängt 
kurze Zeit vor dem Tode an zu steigen und diese Zunahme, anfangs 
massig und langsam, kann w^eiter beträchtlich und rapid werden : in 
12 — 36 Stunden kann eine Höhe von 40 — 41 <^ und mehr erreicht 
werden: Terminalfieber. Zuweilen lässt sich ein Grund für die- 
ses Steigen in den sonstigen Verhältnissen des Sterbenden nach- 
weisen: ein terminales Erysipelas, eine Parotitis, Meningitis oder 
eine Pneumonie ; in vielen andern Fällen bleibt die Ursache dieser 
Steigerungen verborgen. 



XII. 

Der Einfluss der Abweicliiiiigen der Eigenwärme auf 
den Organismus. 

1. Es kann nicht anders gedacht werden, als dass jede erheb- 
liche Abweichung der Eigenwärme auf den Organisuius und seine 
einzelnen Theile , auf deren Functionen , auf die Secretionen und auf 
die parenchymatöse Ernährung mehr oder weniger eine Wirkung 
ausüben müsse. Längst ist anerkannt , dass das Vorhandensein und 
der Grad des Fiebers das subjective Befinden, die Puls- und Respira- 
tionsfrequenz beeinflusse , Veränderungen des Schweisses und Harnes 
bedinge, sowie dass durch Fieber Consumtion bewirkt werde. 

Auf dem Wege des Experiments ist von physiologischer Seite 
nachgewiesen worden , dass Aenderungen der Wärme von bedeuten- 
den Folgen für die Reizbarkeit der Nerven und der Muskeln sind. 
(Vgl. Eckhard: Zeitschr. für rat.Medicin 1850. X. 165; Calli- 
burces (Comptes rend. XLV. 1095 u. XLVII. 638); J. Rosen- 
thal (Allg. med. Centralz. 1859. 761); Harless (Zeitschr. f. rat. 
Med. 1860. C. VIII. 122); Schelske: (Ueber die Veränderungen 
der Erregbarkeit durch die Wärme 1860); A f an asieff (Reichert's 
Archiv 1865. 691). 

Eine noch nähere Beziehung zu klinischen Erfahrungen hat E. 
Cyon's Arbeit: über den Einfluss der Temperaturveränderungen 
auf Zahl, Dauer und Stärke der Herzschläge (Berichte über die Ver- 
handlungen der k. sächs. Gesellsch. d. Wissenschaften 1866. XVIII. 
258 fi".), in welchen mittelst eines sinnreichen Apparats die Wirkun- 
gen verschieden temperirten Serums, welches in einem gläsernen 
Kreislauf durch ein ausgeschnittenes Froschherz circulirte, studirt 
wurden. Von besonderm Interesse sind die Resultate bei allmälig 
steigender Temperatur, wobei zuerst eine langsame Zunahme der 
Zahl der Herzcontractionen, bei weiterer Steigerung der Wärme aber 



Der Einfluss der Abweichungen der Eigenwärme auf den Organismus. 409 

eine rasche Abnahme der Frequenz mit eintretender Unregelmässig- 
keit der Contractionen , bis diese schliesslich erloschen , beobachtet 
wurde, wobei ferner der Umfang der Herzcontractionen gleichfalls 
anfangs sich vergrösserte , aber bereits wieder abnahm, während die 
Zahl der Schläge noch lange wuchs , und wobei sich herausstellte, 
dass nur bei einem gewissen Temperaturgrad das Herz dem Blut- 
strom die grössten Dienste zu leisten vermag. Die Erfahrungen bei 
plötzlichen Aenderungen der Temperatur, welche Cyon mittheilt, sind 
dagegen für pathologische Verhältnisse unverwendbar, da in solchen 
niemals so rapide Temperatursprünge vorkommen. 

Schon bei diesen Experimenten wurde jedoch bemerkt, dass 
keineswegs alle Herzen sich gleichmässig verhielten , dass vielmehr 
bei dem Einen schon bei einem niedrigen, bei dem Andern erst bei 
einem höheren Temperaturgrade die bestimmten Wirkungen sich 
wahrnehmen Hessen. 

Wieviel mehr müssen diese individuellen Differenzen in patho- 
logischen Fällen sich geltend machen. Ueberhaupt sind begreiflich 
die Verhältnisse bei kranken Menschen wesentlich complicirtere und 
verwickeitere, als beim Experimente, welches die Erscheinung gerade 
in ihrer vollen Reinheit und Einfachheit darzustellen trachtet. 

So müssen in krankhaften Verhältnissen die Wirkungsverschie- 
denheiten in ziemlich enger Breite differirender Temperaturgrade, 
ferner der verschiedene Einfluss langsamerer oder rascherer Aende- 
rung derselben , sowie kurzer oder langer Dauer der abnormen Tem- 
peratur wohl beachtet werden. Es muss ferner von grosser Bedeu- 
tung sein , ob die Temperaturabweichung im Einzelfalle von der Stö- 
rung der Production oder von veränderter Abgabe von Wärme, oder 
in welchem Verhältniss von Beiden abhängt. Es concurriren sodann 
bei dem Effecte die besonderen Dispositionen des Individuums und 
seiner Theile, die jedenfalls weiter auseinandergehen als die indivi- 
duellen Dispositionen des ausgeschnittenen Froschherzen. Ganz beson- 
ders aber müsste die Mitwirkung der pathologischen Veränderungen 
der Organe , der Secretionen , vorzugsweise aber bei vielen Krank- 
heitsformen die Mitwirkung der krankmachenden Ursache selbst und 
bei allen die Mitwirkung unberechenbarer Factoren , der verschieden- 
artigen Einwirkungen während der Krankheit berechnet und eliminirt 
werden können, wenn man den Einfluss der veränderten Eigenwärme 
auf das Verhalten des Organismus und seiner Theile in seiner Rein- 
heit feststellen wollte. Diese Aufgaben sind unerreichbar. Wenn 
man sich dabei noch die Unsicherheit darüber vergegenwärtigt, was 
im Einzelfalle wirkend und was bewirkt ist , so muss man an einer 



410 ^^^ Einfluss der Abweichungen der Eigenwärme 

auch nur approximativen Bestimmung des Einflusses einer abnormen 
Eigenwärme auf den Organismus und seine Theile im Einzelfalle 
verzweifeln. 

2. Nichtsdestoweniger ist der Versuch immerhin beachtens- 
werth , Avelchen Liebe rmeister (deutsches Archiv für klinische 
Medicin I. 298 ff.) gemacht, wenigstens die Wirkungen der febrilen 
Temperatursteigerung auszumitteln. Es ist nur zu billigen , dass er 
sich die Aufgabe noch weiter dadurch wesentlich vereinfacht, dass er 
vorzugsweise nur den Einfluss hochfebriler Temperaturgrade verfolgte, 
wobei er sich eine individuelle wechselnde Gränze der Temperatur- 
steigerung zu denken scheint, mit welcher der ungünstige Einfluss bei den 
verschiedenen Kranken beginnt. Er glaubt im Speciellen die Malignität 
mancher Krankheitsverläufe, gewisse verbreitete destructive Gewebs- 
processe , viele Störungen in den Functionen der Centralorgane des 
Nervensystems , das Auftreten multipler Haemorrhagien in schweren 
fieberhaften Krankheiten , manche Gestaltung der Localprocesse als 
Wirkungen hochfebriler Temperatur in Anspruch nehmen zu können 
und hat zur Unterstützung seiner Ansichten theils eine Anzahl eigener 
Beobachtungen, theils reichliche Citate benützt. 

Seine Annahmen haben, wenn ich mich nicht täusche , viel- 
fachen Anklang gefunden und die in neuester Zeit sich ausbreitende 
und gewiss berechtigte Vorliebe für die Kaltwasserbehandlung fieber- 
hafter Krankheiten fusste zum grossen Theil auf der Voraussetzung 
der Gefährlichkeit hoher Grade der Eigenwärme, wie andererseits 
die günstigen Erfolge jener therapeutischen Methode eine mächtige 
Unterstützung für die Annahme des schädlichen Einflusses des Fie- 
bers lieferten. 

3. Wenn man aber auch noch so geneigt sein mag, anzuerken- 
nen, dass Abweichungen der Eigenwärme einen beträchtlichen Einfluss 
auf den Organismus und seine Theile ausüben können, so darf 
man sich doch den Thatsachen nicht verschliessen, welche nicht etwa 
vereinzelt, sondern massenhaft vorliegen und lehren, dass jener Ein- 
fluss häufig sehr verwischt erscheint. Man wird zu der Ueber- 
zeugung gedrängt, dass in dem Organismus Einrichtungen vorhan- 
den sein müssen , welche den Einfluss einer abnormen Temperatur, 
so gut wie den Einfluss vieler anderer Störungen , bis zu einem ge- 
wissen Grade und zwar bald mehr bald weniger zu paralysiren und 
auszugleichen vermögen. Keine Krankheitsform ist in dieser, wie in 
so mancher andern Hinsicht lehrreicher, als die Febris recurrens, 



auf den Organismus. 41 X 

bei welcher nicht nur enorme und keineswegs flüchtige Temperatur- 
extreme, wie sie bei jedem andern Falle unfehlbar tödtlich würden, 
ohne viel Nachtheil und Beschwerde ertragen werden , bei welcher 
ferner nicht nur die immensesten und schroffsten Aenderungen der 
Eigenwärme fast spurlos vor sich gehen, sondern bei welcher zuwei- 
len dasselbe Individuum während der geringfügigen und kurzdauern- 
den intermediären Steigerung des apyretischen Stadiums starke Er- 
scheinungen vom Gehirn, vom allgemeinen Befinden etc. zeigt, 
dagegen in dem intensiven Anfalle mit schroffen Erhebungen um 4 
bis 6 Grade und jähem Sturze der Temperatur um 5 bis 7 Grade 
wesentlich weniger afficirt wird. 

4. Die Organe und Körperstellen, welche durch Abweichungen 
der Eigenwärme in ihren Functionen und Ernährungsverhältnissen 
beeinflusst werden können, sind ohne Zweifel sehr zahlreich ; oder 
vielmehr es ist wahrscheinlich keinTheil des Körpers, der davon nie- 
mals berührt wird. 

Am auffälligsten und häufigsten mögen die Wirkungen an fol- 
genden Theilen und Verhältnissen hervortreten : 

An dem gesammten Nervensystem: jedoch hat man 
dabei eingedenk zu sein, wie influenzirbar das Nervensystem von den 
mannigfaltigsten Vorgängen und Einwirkungen ist und wie different 
die Grösse seiner Impressionabilität bei den verschiedenen Individuen 
ist ; daher lässt sich gerade bei den Functionsstörungen des Gehirns 
und der Nerven fast am wenigsten der Temperatureinfluss im einzel- 
nen Falle bündig erweisen. So viel ist sicher, dass in allen Höhen 
der Eigenwärme , welche sich noch mit Fortsetzung des Lebens ver- 
tragen, die Gehirnfunctionen in voller Integrität sich erhalten können, 
wenigstens so lange ihnen nicht erhöhte Leistungen zugemuthet wer- 
den. Bei den hyperpyretischen Temperaturen , wie sie kurz vor und 
während der Agonie- vorkommen , fehlt zwar selten eine gewisse Be- 
nommenheit und Verwirrung , allein es lässt sich in solchen Fällen 
bei meist zahlreichen weitgediehenen Läsionen doch nicht allein in 
der Eigenwärme die Ursache der Störung des Gehirns suchen. Durch 
die Fieberhöhe mögen Unruhe, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, lebhafte 
Träume, selbst zuweilen Delirien hin und wieder bedingt werden 
können ; aber die Fälle sind selten , wo diese Erscheinungen nur 
aliein auf jenes Verhältniss zurückgeführt werden müssen. 

An den Herzcontractionen: zwar sind auch sie ganz 
abgesehen von localen Herzkrankheiten zahlreichen sonstigen Ein- 



412 Der Einfliiss der Abweichungen der Eigenwärme 

Aussen unterworfen und derOontrast ihrer Frequenz, wie ihrer Ergie- 
bigkeit mit den Graden der Eigenwärme ist so geraein, dass er fast in 
jedem Einzelfall wenigstens zu irgend einer Zeit des Verlaufs hervor- 
tritt. Nichtsdestoweniger kann man gewisse Beziehungen zwischen 
Pulsbeschaffenheit und Temperatur nicht verkennen. Namentlich ist es 
sicher, dass bei hochfebrilen Temperaturen ruhige und ergiebige Her^- 
contractionen nicht mehr vorkommen , dass sie vielmehr nicht nur 
meist frequent, sondern zugleich ungenügend und häufig unregelmässig 
werden. Indessen steht darum noch nicht fest, dass die Herzcontractio- 
nen durch die Temperaturalterationen bestimmt werden ; vielmehr ist 
sehr häufig zu bemerken , dass die Aenderungen des Pulses den 
Aenderungen der Temperatur eine kurze Zeit vorangehen und diese 
daher gewissermaassen ankündigen können. 

An der Füllung der C a p i 1 1 a r e n , wiewohl ihr Verhalten 
rückwärts auf die Wärmeabgabe und daher auf den Grad der Eigen- 
wärme von grossem Einfluss ist, die Beziehungen also mindestens 
verwickelte sind. 

An der R e s p i r a t i o n s f r e q u e n z , von welcher aber dasselbe 
gilt, was von den Herzcontractionen , wozu noch weiter hinzukommt, 
dass in allen irgend schweren Erkrankungen locale Störungen in den 
Respirationsorganen, welche von Einfluss auf die Athemfrequenz 
sind, ziemlich frühzeitig sich ausbilden. 

An der Zunge, wiewohl die stärksten Grade der Trockenheit 
nicht selten bei normalen Temperaturen, auch ohne Localaffection 
der Mundhöhle, beobachtet werden. 

An der Verdauungsfähigkeit, wiewohl bei der Gemein- 
heit des Hinzutretens von Magencatarrhen zu jeder Erkrankung der 
directe Einfluss der Temperatur auf jene stets unrein ist. 

An der Functionsbeeinträchtigung der Muskeln, die aber 
auch zahlreiche andere Gründe haben kann. 

An den Secretionen, vornehmlich der Harnsecretion, deren 
Beziehungen zu den Abweichungen der Eigenwärme aber noch weit 
entfernt sind, festgestellt zu sein." 

An der Beschaffenheit des Blutes, vornehmlich seiner Ver- 
armung an Blutkörperchen, die aber auch durch Exsudate, Nahrungs- 
entziehuug etc. entstehen kann. 

An der Neigung zu Extravasaten und Transsuda- 
ten, der Zusammensetzung der Absetzungen — alles Effecte 
der möglicherweise verschiedensten Factoren. 



auf den Organismus. 4]^3 

An den verbreiteten parenchymatösen Destructiv- 
processen (acuter Verfettung), obwohl dieselben auch ohne irgend 
erhebliche Temperaturabweichung vorkommen (Phosphorvergiftung). 

Au der Gesammternährung des Körpers, ihrem Stillstand 
und ihrer Abnahme : aber auch die Consumtion stellt sich niemals 
als rein febrile oder durch Collaps bedingte dar, und der Antheil der 
übrigen Krankheitsprocesse an der Ernährungsminderung lässt sich 
so wenig berechnen, wie der Einfluss der Temperaturabweichung auf 
dieselbe. 

5. Prüft man unbefangen grosse Reihen von Einzelbeobachtun- 
gen, so wird man sich folgenden Conclusionen nicht verschliessen 
können : 

Bei mässigenTemperatu rabweich ungen nach auf- 
und abwärts lässt sich Nichts an dem Organismus erkennen, was 
mit Nothwendigkeit als die Folge der abnormen Eigenwärme an- 
gesehen werden müsste und was nicht oft genug auch ohne diese 
vorkäme. Doch scheinen am ehesten in solchen Fällen das sub- 
jective Befinden , der allgemeine Turgor und das davon abhängige 
Aussehen, die Verdauungsfähigkeit, die freie und volle Verfügbarkeit 
über Gehirn- und Muskelfun ctionen, die Menge und Zusammensetzung 
des Harns, vielleicht auch anderer Secrete mit durch die Tem- 
peraturabweichung beeinflusst zu werden. Diese Wirkungen treten 
gemeiniglich weit stärker hervor, wenn dem Organismus zugleich 
irgend eine erhebliche Leistung zugemuthet wird. 

Bei schroffen Erhebungen der Temperatur aus der nor- 
malen oder normnahen Breite zu beträchtlichen Graden treten häufig 
sehr bedeutende nervöse und andere Functionsstörungen auf; aber in 
nicht seltenen Fällen wird davon nicht das Geringste bemerkt und 
hat der Kranke und seine Umgebung auch nicht eine Ahnung von 
dem Vorgange, den man dann eben nur durch die Messung zu erken- 
nen vermag. Auffällig ist , dass auch in den Fällen, wo die schroffe 
Temperaturerhebung von zahlreichen und intensiven Erscheinungen 
begleitet ist, darunter ganz ungemein selten sich Delirien befinden, 
während Kopfschmerz , Benommenheit des Geistes , Schwindel und 
selbst Schlafsucht keineswegs ungewöhnlich sind. 

Eine mit ansehnlichen Tagesremissionen wechselnde, 
wenn auch sehr beträchtliche Temperatur Steigerung kann 
eine geraume Zeit bestehen , ohne dass für den Augenblick Erschei- 
nungen sie begleiten , welche mit Wahrscheinlichkeit von der Tem- 
peraturanomalie selbst abhängig sind. Die Functionsstörungen, 



414 I^^r Einfluss der Abweichungen der Eigenwärme 

welche daneben sich zeigen , sind wenigstens äusserst häufig ohne 
allen Parallelismus mit der Höhe der Exacerbationen und mindestens 
dürfte in solchen Fällen die etwaige unmittelbare Wirkung der Tem- 
peratursteigerung weit überwogen werden durch den Einfluss der 
Krankheitsursache und der mannigfachen Veränderungen der Organe, 
welche durch die Krankheit selbst gesetzt werden. Dies schliesst 
jedoch nicht aus, dass auch die remittirend febrile Temperatur ihren 
Antheil an der Verarmung des Bluts , an den Veränderungen der 
Secretionen und der Verminderung der Ernährung haben können. 
Diese Wirkungen scheinen jedoch mehr von der Andauer, als von 
der Intensität des remittirend febrilen Verlaufs abzuhängen. 

Bei subcontinuirlichen und continuirlichen Tem- 
perat urSteigerungen erheblichen Grades sind entweder so 
schwere sonstige Verhältnisse vorhanden , dass eine Zurückführung 
einzelner functioneller Erscheinungen und consecutiver Gewebsstö- 
rungen auf die erhöhte Eigenwärme misslich ist , oder es sind über- 
haupt dunkle Fälle , welche als Grundlage für allgemeine Aufstellun- 
gen und als Beweismittel nicht wohl benutzt werden dürfen. Jeden- 
falls giebt es keine einzige krankhafte Erscheinung, bei welcher 
irgend ein annähernd regelmässiger Parallelismus mit den Tem- 
peraturgraden sich feststellen Hesse oder von welcher mit Recht 
gesagt werden könnte, dass sie bei einer gewissen Temperaturgränze 
unfehlbar eintreten müsste. Wiederum ist aber dadurch nicht aus- 
geschlossen , dass die Anomalie der Eigenwärme directe oder mittel- 
bare, namentlich später hervortretende Folgen haben könne. 

Nur allein zu dem Eintritte des Todes ist eine bestimmte 
Beziehung der Eigenwärme unleugbar, insofern mit einer gewissen 
Temperaturhöhe die Fortsetzung des Lebens sich offenbar nicht ver- 
trägt; aus welchem Grunde ist freilich unbekannt, schwerlich aus 
dem von Weikart (Archiv der Heilk. IV. 193) vermutheten , dass 
die Fibrinausscheidung bei einer gewissen Höhe der Eigenwärme 
beginne. Jedoch hat auch in dieser Hinsicht die Febris recurrens 
uns belehrt, dass die Gränze der ertragbaren Temperatur weiter 
hinauszurücken sei, als man früher anzunehmen berechtigt schien. 

Bei dem Sinken der Temperatur von hohen Graden zur Norm 
oder unter dieselbe treten häufig gewaltige Functionsanomalien auf 
unter Umständen , wo keinerlei ungünstige Einwirkungen auf den 
Kranken stattfinden und dieser im besten Zuge zur Herstellung sein 
kann. Bei dem exanthematischen Typhus überdauern die Delirien 
das Fieber oft um mehre Tage ; auch beim abdominalen fällt zuwei- 
len in die Zeit der entschieden descendirenden Richtung des Tem- 



auf den Organismus. 415 

peraturganges die stärkste Gehirnstörung. Bei Pneumonien treten 
die schweren Functionsstörungen des Gehirns, zumal die DeHrien 
ungleich häufiger nach Ueberschreitung des Temperaturmaximums, 
bei rasch abfallender oder gar bei bereits normal gewordener Tem- 
peratur ein , als auf der Höhe des Fiebers. Und ähnlich verhält 
es sich bei zahlreichen andern Krankheitsformen. Aber eben so 
oft kommen die jähesten Temperaturabfälle vor, von denen weder 
die Functionen des Gehirns noch eines andern Organs irgendwie 
berührt zu werden scheinen. 

Bei s üb normalen Temperaturen ist zwar meist ein Einfluss auf 
den Turgor der Körperoberfläche und daher auf das Aussehen nicht 
zu verkennen ; auch andere Theile des Körpers können sich in ihren 
Functionen gestört zeigen. Aber bei irgend beträchtlicher Abwei- 
chung nach unten sind die Verhältnisse stets so compHcirt und ver- 
wickelt, dass eine Zurückführung der Erscheinungen auf die Ab- 
nahme der Eigenwärme unmöghch erscheint. 



Nachtrag 

zu pag. 109 (Einfluss der Ruhe und Arbeit) und zu pag. 118 (Ein- 
fluss des atmosphärischen Drucks). 

Eine hochinteressante Beobachtung über die Verschiedenheit der 
Eigenwärme im Zustand der Ruhe und bei Bewegung in der Ebene 
und auf hohen Bergen hat L o r t e t gemacht und unlängst in den 
Comptes rendus (1869 p. 709 Seance vom 20. Sept.) mitgetheilt. 
Die Temperatur wurde unter der Zunge gemessen. 

In Lyon (200 Meter Höhe) war die Eigenwärme bei 22,7^ 
Lufttemperatur in der Ruhe 3Q,^^, bei körperlicher Bewegung 
36,2«. 

Dagegen fand Lortet bei einer zweimaligen Besteigung des 
Mont Blanc am 17. und 26. August 1869 : 







bei der er. 


äten 


bei der zweiten 






Besteigung Besteigung 


in 


bei Höhe 


Luft- 


in der 


beim 


Luft- 


in der 


beim 


in Metern 


temp. 


Ruhe 


Marsch 


temp. 


Ruhe 


Marsch 


Chamounix , . . 


1050 


+ 10,iO 


36,5« 


36,3« 


+ 12,4« 


37,0« 


35,3« 


Cascade-du-Durd . . 


1500 


+ 11,2 


36,4 


35,7 


+ 13,4 


36,3 


34,3 


Chalet-de-la-Para 


1605 


+ 11,8 


36,6 


34,8 


+ 13,6 


36,3 


34,2 


Pierre perdue . . . 


2049 


+ 13,2 


36,5 


33,3 


+ 14,1 


36,4 


33,4 


Grands Mulets . . 


3050 


- 0,3 


36,5 


33,1 


— 1,5 


36,3 


33,3 


Grand Plateau . . 


3932 


— 8,2 


36,3 


32,8 


— 6,4 


36,7 


32,5 


Bosses du Dromadaire 


4556 


— 10,3 


36,4 


32,2 


— 4,2 


35,7 


32,3 


Sommet du Montblanc 


4810 


— 9,1 


36,3 


32 


- 3,4 


36,6 


31,8 



Die bei der Verdünnung der Luft ohne Zweifel verminderten 
chemischen Vorgänge genügten bei körperlicher Ruhe , die Normal- 
temperatur zu erhalten. Sobald aber Anstrengungen eintraten , und 
die chemischen Kräfte in mechanischer Leistung sich auslösen muss- 
ten, reichten sie nicht mehr hin, so viel Wärme zu produciren , als 



Nachtrag. 4]^ 7 

für Erhaltung der Normaltemperatur nöthig ist. Die Eigenwärme 
sank rasch um mehrere Grade, selbst um 5 Grade. Sobald nur 
wenige Secunden Ruhe eintrat, so setzten sich die chemischen Kräfte 
wieder in Wärme um und fing alsbald die Temperatur an rasch zur 
Norm sich zu erheben. Auf dem Gipfel des Montblanc's bedurfte 
es jedoch einer halben Stunde Ruhe , bis die Normalwärme wieder 
erreicht war. 

Während der Digestion dagegen war diese Verschiedenheit zwischen 
Ruhe und Bewegung nicht bemerklich. Die Eigenwärme erhielt sich 
trotz der Anstrengungen zwischen 36 und 37<^ und erreichte sogar 
37,3 <^. Jedoch dauerte der ausgleichende Einfluss der Nahrung 
nicht lange. Schon eine Stunde nach dem Essen begann die Abküh- 
lung durch die Anstrengung aufs Neue. 



Wunderlich, Eigenwärme in Krankheiten. 27 



Eeductionstabelle 

der Temperaturgrade nach Celsius, Reaumur und Fahrenheit. 



c. 


R. 


F. 


C. 


R. 


F. 


o 


O 


32 


33,7 


26,96 


92,66 


9 


4 


41 


33,8 


27,04 


92,84 


lO 


8 


50 


33.9 


27,12 


93,02 


13 


12 


59 


34 


27,2 


93,2. 


n,5 


14 


63,5 


34,1 


27,.28 


93,38 


20 


16 


68 


34,2 


27,36 


93,56 


22,,, 


18 


72,5 


34,3 


27,54 


93,74 


23 


20 


77 


34.4 


27.52 


93,92 


27,5 


22 


81,5 


34,5 


27,6 


94„ 


30 


24 


86 


34,6 


27,68 


94,28 


30,5 


24,4 


86,9 


34,7 


27,76 


94,46 


31 


24„ 


87,8 


34,8 


27.84 


94.64 


31,5 


25„ 


88,7 


34,9 


27,92 


94,82 


32 


25„ 


89.6 


35 


28 


95 


32.5 


2« 


90,5 


35,1 


28,08 


95,18. 


32,e 


26,08 


90.68 


35,2 


28,16 


95,3^ 


32„ 


26„6 


90,86 


35,5 


28,24 


95,54 


32,8 


26,,4 


91,04 


35,4 


28,32 


95,7^ 


32„ 


26,32 


91,22 


35,5 


28,4 


95,9 


33 


■^6,4 


91,4 


35,6 


28,48 


96,08 


33,t 


26,48 


91,58 


35,7 


28,56 


96,26 


33,2 


26,56 


91,76 


35,8 


28,64 


96,44 


33,3 


26,64 


91,94 


35,9 


28,72 


96,62 


33,4 


26,72 


92,12 


36 


28,6 


96,8 


33,5 


26,8 


92,3 


36,1 


28,88 


96,98 


33,6 


26,88 


92,48 


36,2 


28,96 


97,ie 



I 







Reductionstabelle. 




c. 


R. 


F, 


c. 


R. 


36,23 


2» 


97,25 


39,4 


31,52 


36,3 


29,04 


97,34 


39,5 


31,6 


36,4 


29,1, 


97,52 


39,6 


31,68 


36,5 


29„ 


97„ 


39,7 


31,76 


36,6 


29,28 


97,88 


89,75 


31,8 


36,7 


29,3e 


98,06 


39,8 


31,84 


36,75 


29,4 


98,15 


39,9 


31,92 


36,8 


29,44 


98,24 


40 


32 


36,9 


29,52 


98,42 


40,1 


32,08 


37 


29,e 


98,6 


40,2 


32„6 


37,1 


29,68 


98,78 


40,25 


32,2 


37,0 


29,76 


98,96 


40,3 


82,24 


37,25 


29,8 


99,05 


40,4 


82,32 


3.7,3 


29,84 


99,14 


40,5 


32,4 


37,4 


29,92 


99,32 


40,6 


32,48 


37,5 


30 


99,5 


40,625 


32,5 


37,6 


30,08 


99,68 


40,7 


32,56 


37,7 


30,16 


99,86 


40,73 


32,6 


37,75 


30,2 


99,05 


40,8 


32,64 


37,8 


30,24 


100,04 


40,9 


32,72 


37,9 


30,32 


100,22 


41 


32,8 


88 


30,4 


100,4 


41,1 


32,88 


38,1 


30,48 


100,58 


41,125 


32,0 


38,25 


30,5 


100,625 


41,2 


32,06 


38,2 


30,56 


100,76 


41,25 


33 


3B,25 


30,6 


100,85 


41,3 


33,04 


38,3 


30,64 


100,04 


41,4 


33,12 


38„ 


30,72 


100,16 


41,5 


33,2 


38,5 


30,8 


101,3 


41,6 


33,28 


38,0 


30,88 


101,48 


41,623 


33,3 


38,j 


30,96 


101,66 


41,7 


33,36 


38„5 


31 


101,75 


41,75 


33,4 


38,s 


31,04 


102,84 


41,8 


33,44 


38,9 


31,12 


102,02 


41,873 


33,5 


39 


31,2 


102,2 


41,0 


33,52 


39„ 


31,28 


102,38 


42 


33,6 


39„, 


31,36 


102,56 


42,1 


33,68 


39,25 


31,4 


102,65 i 


42,125 


33,7 


39,3 


31.44 


102,74 


42,2 


38,76 


39,75 


31,5 


102,875 


42,25 


33,8 

27* 



419 
F. 

102,92 

103,1 

103,08 
103,46 

103,55 

103,64 
103,32 

10/1 

104,18 

104,36 
104,45 
104,54 
104,72 

104,9 

105,08 

10d,i25 
105,26 
105,37 
105,44 

105,6-, 
105,8 

105,98 
106,023 

106,16 

106,23 
106,34 
106,32 

106,7 

106,88 
106,925 

107,06 
107,15 

107,24 

107,375 

107,42 

107,6 

107,78 

107,825 

107,96 

108,05 



420 








Reductionstabelle. 






c. 


R. 


F. 


c. 


R. 


F. 


42,3 


33,84 


108,14 


43,5 


34,8 


110,3 


42,3,5 


33,9 


108,185 


43,6 


34,88 


110,48 


42,4 


33,92 


108,32 


43,625 


34,9 


110,525 


42„ 


34 


108,5 


43,7 


34,96 


110,66 


42,s 


34,08 


108,e8 


43,75 


35 


110,75 


42,625 


34,1 


108,725 


43,8 


35,04 


110,84 


42„ 


34,16 


108,86 


43,9 


35,12 


111,02 


42„5 


34,2 


108,95 


44 


35,2 


111,2 


42„ 


34,24 


109,04 


44,1 


35,28 


111,38 


42,875 


34,3 


109,175 


44,2 


35,36 


111,56 


42,9 


34,32 


109,22 


44,3 


35,44 


111,74 


43 


34,4 


109,4 


44,375 


35,5 


111,875 


43,1 


34,48 


109,58 


44,4 


35,52 


11 1^92 


43,125 


34,5 


109,625 


44,5 


35,6 


112,, 


43,2 


34,56 


109,76 


44,6 


35,68 


112,28 


43,25 


34,6 


109,85 


44,7 


35,76 


112,46 


43,3 


34,64 


109,94 


44,8 


35,84 


112,64 


43,375 


34,7 


110,075 


44,9 


35,92 


112,-82 


43,4 


24,72 


110,12 


m 


36 


113 



Zur Erklärung der Tafeln. 421 



Zur Erklärung der Tafeln. 

Die erste Tafel giebt ein Modell zur Verzeichnung von Temperatur, 
Puls- und Respirationsfrequenz. Die Verlagshandlung hält solche , zum 
unmittelbaren Gebrauch nach diesem Modell eingerichtete Curventafeln vor- 
räthig*. Die starke Perpendicularlinie zeigt auf dieser, wie auf den Curven 
der übrigen Tafeln die Mitternacht, die zartere Perpendicularlinie den Mit- 
tag an. Der Raum zwischen den Perpendicularlinien kann für die Messun- 
gen an verschiedenen Tages- und Nachtstunden benutzt werden. Zur 
schnelleren Orientirung sind Celsius'sche und Reaumur'sche Grade neben 
einander gestellt. 

Um die Benutzung der Tafeln zu veranschaulichen, sind die Beob- 
achtungen eines Falls eingezeichnet, der durch seine wechselnden Ereignisse 
an sich schon bemerkenswerth ist. Man wird unschwer erkennen, wie über- 
sichtlich der Verlauf einer Erkrankung durch solche Curven wird. Wenige 
hinzugefügte Bemerkungen über die besondern Vorkommnisse des Falls, 
sowie über die angewandten therapeutischen Mittel genügen , um alles Wis- 
senswerthe in dem Gang der Erkrankung mit einem Schlage anschaulich 
zu machen. Nach den Angaben über die persönlichen Verhältnisse, Anfang 
und allgemeine Diagnose der Krankheit, Thermometernummer, folgen die 
Monatstage in arabischen, die Krankheitstage in römischen Ziffern. Wei- 
ter sind zunächst die hauptsächlichen therapeutischen Eingriffe angemerkt, 
darauf folgt die Temperaturcurve mit durchschnittlich 6maligen Messungen, 
hierauf die Pulscurve nach Beobachtungen am Morgen und Abend, sodann 
die Curve der Respirationsfrequenz. Am unteren Theile derTafel sind einige 
Wägungsresjultate angegeben (in Kilogrammen) und endlich folgen noch 
einige Bemerkungen. Es ist leicht, eine solche Curventafel noch weiter zu 
vervollständigen, z. B. durch eine Curve der Milzgrösse, eines pleuritischen 
Exsudats und durch Hinzufügung der sonstigen hauptsächlichsten Symptome. 
Für Anfänger ist es -vielleicht nicht überflüssig, den Raum zwischen 37,5 
und 36,5 auf irgend eine Weise, z. B. durch rothe Farbe zu markiren , um 
die Breite der Normaltemperatur zu bezeichnen. 

Der Fall , welchen ich zur Veranschaulichung der Benutzung der 
Tabelle benutzt habe, war ein ausserordentlich schwerer, vielfach complicir- 
ter und in der Mitte der 4. Woche recrudescirender Abdominaltjphus , bei 
welchem verschiedene Medicationen angewandt wurden. Man erkennt zu- 



* Preis einzeln 2 Sgr., 30 Stück 1 Thlr 10 Sgr., 100 Stück 31/3 Thlr. 



422 ^"1" ErkläruDg der Tafeln. 

nächst die Wirkung des Calomels an einem raschen Abfall ; ein dauernder 
Erfolg des Mittels konnte nicht erwartet werden , da die Krankheit im 
Momente der Anwendung schon sehr vorgeschritten war. Bei eingetretener 
Wiedererhebung der Temperatur wurde trotz nicht unbedeutender Bronchitis 
am 12. Krankheitstag ein kaltes Bad (von 18 ^ C. = 14 V2*' ß-) 20 Minuten 
lang gegeben und daneben Uebergiessungen von Eiswasser gemacht und 
dasselbe im Laufe von 24 Stunden noch 3mal wiederholt. Die unmittel- 
baren Wirkungen der Bäder auf die Temperatur (im After gemessen) sind 
an den punktirten Linien zu erkennen. Nach dem ersten Bad fiel die Tem- 
peratur von 40 auf 39,, O; nach dem zweiten von 40,3 ^^^f 39,5 ^ und 
sank dann spontan (s. die zusammenhängende Linie) auf sg,!^^ nach dem 
dritten Bad von 39,9 auf 88,30; nach dem 4. Bad betrug die unmittelbare 
Wirkung nur 1 Zehentel Grad. Zwischen den Bädern wurde der Rumpf mit 
Eiscompressen bedeckt. Aber obwohl alle Symptome sich unter dieser 
Behandlung besserten , die trockene, fuliginöse Zunge sich völlig reinigte, 
der Appetit kam, der Meteorismus sich verminderte , die Milz sich verklei- 
nerte und besonders die Gehirnerscheinungen sich ganz wesentlich besser- 
ten, auch die Bronchitis etwas geringer wurde, jammerte die Kranke so über 
die Qual der kalten Bäder, dass die nächsten Bäder nur lau angewandt wur- 
den (25 — 32 C.). Der Erfolg war , wie die punktirten Linien zeigen , un- 
gleich geringer. Vom 15. Tag an weigerte sich die Kranke entschieden, 
die Bäder fortzusetzen. Alsbald nach ihrer Wcglassung stieg die Tem- 
peratur trotz fortdauernder kalter Compressen ; doch schien vom 17. Tag 
an eine W^endung zur Besserung einzutreten. Eine Steigerung des Fiebers 
am 19. Tag, welche die Kranke selbst sehr lästig empfand, bestimmte sie, 
zumal da sie die günstige Wirkung der Bäder bei einer Nachbarkranken 
bemerkte, wieder ein Bad zuzulassen, ebenso am folgenden Tag. Der Erfolg 
war günstig : die Remissionen wurden tiefer. Bei einer Exacerbation am 2 I.Tag 
verweigerte dagegen die Kranke das Bad ; man drang nicht weiter in sie, da 
die Verhältnisse im Uebrigen sich günstig zu gestalten schienen. Aber vom 
25. Tag an kamen wieder hohe Exacerbationen und wurden zugleich die 
Remissionen täglich geringer. Auch fing die Milz wieder an zu schwellen. 
Zuerst waren damit keine weiteren subjectiven Beschwerden verbunden und 
die Kranke fuhr fort, aufs Entschiedenste die Wiederaufnahme der Bäder zu 
verweigern und that dies auch , als allmälig alle Symptome eines erneuerten 
Fastigiums sich einstellten : mehr und mehr zunehmende Kopfsymptome 
bis zu anhaltenden Delirien, trockene, fuliginöse und zitternde Zunge, 
wachsender Meteorismus, zunehmende Milz , neue Roseolen , tiefe Prostra- 
tion. Hiezu kam noch eine intensive Bronchitis mit Infiltration beider 
unteren Lappen , eine grosse Schwäche und Frequenz der Herzactionen, 
Eiweissgehalt des Harns und eine schmerzhafte Thrombose an beiden untern 



Zur Erklärung der Tafeln. 423 

Extremitäten mit starker oedematöser Schwellung. Zwar wurde am 35. Tag 
durch die Anwendung des Digitalin die hochfebrile Temperatur herab- 
gedrückt, aber die Kranke collabirte, wurde bei scharf umschriebener Röthe 
der Wangen im üebrigen bleich und an Nase , Ohren , Händen und Füssen 
kalt, athmete unregelmässig und oberflächlich, war völlig bewusstlos , mur- 
melte nur unvollständig und zeigte fortwährende automatische Bewegungen 
in den Gesichtsmuskeln und an den Händen. Der zweite Herzton fing an 
zu schwinden , die Kranke schien in Agonie. Da wurde abermals zu den 
Bädern gegriffen (in der Wärme von 22,50 c.). Die Wirkung, welche man kaum 
mehr zu hoffen wagte, war überraschend. Schon nach wenigen Bädern 
schwanden die bedrohlichsten Symptome. Nicht nur der Einfluss auf die 
Temperatur war höchst beträchtlich, sondern die Zunge reinigte sich in kür- 
zester Zeit, der Meteorismus verminderte sich, Appetit und breiig weiche 
Stühle traten ein, die Milz fing an sich zu verkleinern, das Bewusstsein 
kehrte wieder. Schlaf trat ein, grosse Mengen von Harn ohneEiweiss wurden 
entleert, das Athmen wurde regelmässig und die Infiltration der Lunge, so 
wie die Bronchitis besserte sich, die Schwellung der Beine nahm ab und 
schon nach 6 Tagen war die Reconvalescenz eingeleitet und kein weiteres 
Bad nöthig. — 

Die übrigen Tafeln geben Beispiele für die wichtigeren Gestaltungen 
des Temperaturgangs in verschiedenen Krankheiten. Sie sind ebenfalls 
sämmtlich concreten Fällen entnommen. 

Die Köpfe der Curven zwischen Mitternacht und Mittag entsprechen 
gewöhnlich dem Tagesrainimum , wie es sich aus meist mehrmaligen Mes- 
sungen herausgestellt hatte ohne Rücksicht darauf, auf welche Vormittags- 
stunde es fiel. Die Köpfe zwischen Mittag und Mitternacht entsprechen 
ebenso dem Tagesmaximum. 

Mehrmals'erschien es geeignet, um Zwischensteigerungen oder den Zug 
des Steigens oder Fallens genauer aufzuweisen , mehrere Beobachtungs- 
punkte zwischen die beiden Perpendicularlinien einzuzeichnen. Sie können 
nicht missverstanden werden. 

Im üebrigen erklären sich die einzelnen Curven durch die üeberschrif- 
ten ohne Zweifel zur Genüge. , 



Druck von Otto Wigand in Leipzig. 



Xame mul Alter : JM/us .l»,ur /7 '-.J. Heiniath: Gri„„na. Zeit des Erankheits-Anfangs .- /8. Oct. /SbS Jlorqc,..- \ii&p\os.t: Sc/imcrcr /U„io,j,inaJ(j/phus mit rccrudes., Therapie Ak//f /y^V/^/. Yiimmer des ^ ^ 
BesfliäiHe'inig : ßif/i.-lniäiMic/i . • Letzter Aufenthalt : Vo/kiiiar.sdor/'Sc/iu/i/aße parlerrc. Zeit des Eintritts m die Beohaphtnng: ZG. Ocl. .V(ir/i/,i/U. circnde/'A/fcction in dei- Milk- ifi-r /Ffiic/ic. Tliei'jiionieler.s- (tOS:: 


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